Skip to main content

Full text of "Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet, nach den veroeffentilichten Handschriften Auswahl;"

See other formats


;C\< 


VNCI 


m 


m 


;«l 


m 


imàì 


lì 
I 


EINBAND  /TITEL/  UND  /  INITIALEN 
ZEICHNETE/EMIL  /RUDOLF/ WEISS 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2010  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/leonardodavincidOOIeon 


LEONARDO,  SELBSTBILDNIS 


K.  BIBL.,  TURIN 


K&O 


V,. 


{       V/ncL  c 


DAVINCI 

DER/DENKER/FOR 
SCHER/UND/POETo 

NACH/DEN/VEROEFFENTs 
LICHTEM/HÄNDSCHRIFTEH 
2ttJS>XAHL/UBERSETZUNG 
ß  EINLEITUNG/ VON//\A' 
RIE/HERZFELD/2.  VER» 
P\E^  RTE/AUFLAGE/JENA 1906 
EUGEN/DIEDERICHS/VERIÄG 


<\ 


*^o^ 


V 


o- 


9 


ALICE  BARBI 

BARONIN  VON  WOLFF 

STOMERSEE 

GEWIDMET 


EINLEITUNG 


EONARDO  da  Vinci  ist  durch  sein  geheimnisvoll 
bestimmtes  Schicksal  ebenso  scharf  von  seinen 
Zeitgenossen  geschieden  wie  durch  die  zauber- 
hafte Sonderart  seines  Wesens.  Wenn  den 
anderen  Künstlern  seines  Jahrhunderts  auch 
manches  unvollführt  blieb,  was  sie  geplant  hatten,  manches 
zerstört  ward,  was  sie  geschaffen,  —  der  größte  Teil  ihrer 
Malereien  glüht  doch  noch  an  den  Wänden,  leuchtet  über 
den  Altären;  ihre  Erz-  und  Marmorgebilde  schimmern  noch 
wie  vormals  auf  den  Plätzen,  in  den  Kirchen;  ihre  Bau- 
werke ragen  heute  noch  mit  den  stolzen  Fassaden,  den 
anmutigen  Bogenpfeilern,  den  goldigen  Kuppelkronen  sieg- 
reich in  die  blauen  Lüfte.  Von  Leonardos  Hand  blieb 
uns  fast  nichts  als  die  Mona  Lisa.  Was  auch  sonst 
sein  Allgenie  noch  schuf,  es  ist  verschollen,  verdorben,  zu- 
grunde gegangen,  —  bloß  als  Skizze  vorhanden,  von  der 
Kritik  in  Stücke  zerzweifelt,  auf  ein  paar  Pinselstriche, 
die  vielleicht  echt  sind,  reduziert. 

Während  aber  die  Zeit  und  die  gelehrten  Herren  uns 
Leonardo  den  Künstler  zu  entreißen  drohen,  bis  von  ihm 
kaum  mehr  übrig  ist  als  der  Name  und  die  Aureole,  er- 
leben wir  zugleich  an  ihm  ein  frohes  Osterwunder.  Die 
ungeheueren  Umrisse  seines  Wesens,  von  denen  Burck- 
hardt sprach,  füllen  sich  und  werden  lebendig;  Leonardo 
der  Forscher,  der  Denker,  der  Poet  feiert  in  unseren  Tagen 
seine  Auferstehung  aus  dem  Grab  der  Bibliotheken.  Seit 
dreißig  Jahren  bemüht  man  sich,  seine  Schriften  zu  ent- 
ziffern, zu  veröffentlichen.  Von  den  mehr  als  5000  Ma- 
nuskriptseiten, die  uns  noch  erhalten  sind,  liegen  nun 
mehr  als  drei  Viertel  in  musterhafter  Faksimilewiedergabe 

I        Herzfeld,  Leonardo 


vor;  vom  Rest  haben  wir  durch  stofflich  geordnete  Aus- 
züge einen  vorläufigen  Begriff.  Man  kann  sich  mit  diesen 
wunderbaren  Aufzeichnungen  durchaus  nicht  oberflächlich 
einlassen.  Leicht  erschließen  sie  sich  nicht;  begann  man 
aber  in  sie  einzudringen,  so  halten  sie  in  göttlichster 
Berauschung  einen  fest.  Man  findet  in  ihnen,  das  sei 
gleich  gesagt,  kein  einziges  abgeschlossenes  Werk;  doch 
aus  diesen  Teilabhandlungen,  —  Material  zu  Büchern,  — 
aus  den  tausendfältigen  Einfällen,  Beobachtungen,  Ent- 
würfen dieser  reich  illustrierten  Merk-  und  Eintraghefte 
quillt  eine  kaum  überschauliche  Fülle  von  Gedanken  und 
Poesie.  Hier  wird  uns  ein  Geist  offenbar,  dessen  Kraft 
und  Tiefe  dem  ungeheuersten  Drang  zu  wissen  und  zu 
verstehen,  den  die  Erde  jemals  hervorgebracht  hat,  ganz 
ebenbürtig  gewesen  ist.  Es  gibt  kaum  ein  Fach  der  realen 
Wissenschaften,  in  das  Leonardo  nicht  die  überraschendsten 
Einsichten  gewonnen.  Nicht  nur  lehrt  er  lange  vor  Lord 
Bacon  die  experimentelle  Methode,  sondern  er  übt  sie 
auch  als  Meister  aus.  Eine  ganze  Reihe  der  größten 
physikalischen  Entdeckungen  hat  er  Jahrhunderten  vor- 
weggenommen. Früher  als  Kopernikus  hat  er  die  Erde 
in  die  bescheidene  Rolle  eines  Sternes  unter  Sternen  ver- 
wiesen und  der  Sonne  die  Bewegung  abgesprochen.  Sein 
intuitives  Fassen  der  Entwicklungsgeschichte  unseres  Welt- 
balls, sein  Blick  für  dessen  Urzeit  und  dessen  Zukunft 
erfüllt  mit  Staunen  und  sein  Irren  ist  ebenso  genial  wie 
sein  Erraten.  Er  ist  nicht  bloß  praktisch,  sondern  auch 
theoretisch  einer  der  frühesten  Meister  des  Wasserbaus. 
Er  hat  die  moderne  bildliche  Anatomie  begründet,  hat  wohl 
als  erster  vergleichende  Anatomie  in  dem  Sinn  getrieben, 
daß  er  das  gemeinsame  Grundschema  im  Leibesbau  der 
Menschen  und  der  Tiere  erkannte,  in  mehrfachen  Varia- 
tionen studierte  und  darstellte.  Seine  Manuskriptblätter 
sind  bedeckt  mit  Entwürfen  und  Berechnungen  für  Ma- 
schinen aller  Art.  Nichts  betont  er  mit  solchem  Stolz, 
als  daß  er  ein  Erfinder  sei.     In  welchem  Maße  er  es  war, 

U 


stellt  die  Forschung  unserer  Tage  mit  wachsender  Be- 
wunderung fest.  Und  diese  Taten  seines  Genies  sind 
zum  größten  Teile  fruchtlos  geblieben.  Die  Zeitgenossen 
wie  die  Generation,  die  auf  ihn  folgt,  sie  sprechen  von 
den  Entdeckungen,  Erfindungen  Leonardos  mit  dem  leisen 
Grauen,  das  man  vor  dem  Übernatürlichen  hat,  in  un- 
bestimmten, von  beiläufigem  Tadel  verschleierten  "Worten, 
die  uns  nur  alle  dieser  Vasari,  Lomazzo  Unverständnis  auf- 
decken und  ihre  Ablehnung  solcher  Dinge  maskieren.  Was, 
abgerechnet  von  seinen  Schriften  über  Malerei,  sonst  noch 
von  seinen  staunenswerten  Forschungsergebnissen  in  den 
Kreislauf  lebendiger  Entwicklung  gelangte,  kam  nachweisbar 
erst  auf  Umwegen,  Schleichwegen  hinein;  die  Menschheit 
wurde  im  Siegeslauf  der  Erkenntnis  durch  dies  Mißgeschick 
ein  paar  Jahrhunderte  lang  aufgehalten  und  um  fast  er- 
reichte Ziele  betrogen. 

Heute  ist  der  Inhalt  der  ungeheuren  Lebensarbeit  Leo- 
nardos natürlich  großenteils  überholt,  erweitert,  korrigiert 
und  zu  bloßem  Material  für  die  Geschichte  des  mensch- 
lichen Geistes  geworden;  dennoch  ist  so  viel  Interessantes, 
Seltsames  in  diesen  Schriften,  so  viel  Überlegenes,  Welt- 
überspannendes, ein  so  bannender,  leuchtender  Per- 
sönlichkeitszauber, so  viel,  was  in  das  Wesen  des  Genies 
und  in  die  Wandlung  der  Zeiten  Einsicht  gibt,  daß  auch 
wir  Ungelehrten  Grund  und  Aufforderung  fühlen,  uns 
davon  einen  klaren  Begriff  zu  schaffen.  Die  großen  Ge- 
samtausgaben der  Handschriften  wenden  sich  an  die 
Fachwissenschaft;  sie  erfordern  ein  langsames,  aufmerk- 
sames Studium,  ehe  man  in  dieser  Welt  fragmenta- 
rischer und  durcheinander  gerüttelter  Aufzeichnungen  die 
Gedankenwege  Leonardos  teilweise  aufdeckt.  Dies  ließ 
den  Plan  entstehen,  das  Schönste,  Merkwürdigste,  Ver- 
ständlichste aus  diesen  Schriften  auszuwählen  und  so  zu 
ordnen,  daß  in  Umrissen  ein  Bildnis  Leonardos  entstünde. 
Der  Versuch  ist  mehreremal  gemacht  worden.  Ich  kenne 
nur  das  immer  noch  unentbehrliche  Werk  von  Jean  Paul 

III 


Richter,  das  italienisch-englisch  in  zwei  Prachtbänden  auf 
Subskription  erschienen  ist  und  in  etwa  300  Exemplaren 
über  die  zivilisierte  Welt  verbreitet  wurde,  und  ein  anderes 
in  Duodezformat  von  Dr.  Edmondo  Solmi.  Ich  wage  für 
Deutsche  ungefähr  das  gleiche  wie  dieser,  nur  mit  etwas 
anderer  Methode  in  der  Textbehandlung,  Auswahl  und 
Gruppierung.  Die  Lebensbeschreibung  Leonardos,  die  ich 
auf  Grund  der  Arbeiten  der  Herren  Dr.  Paul  Müller- 
Walde,  Eugene  Muntz,  Adolf  Rosenberg,  E.  Solmi,  Georg 
Gronau,  Edward  Mc  Curdy  und  vieler  anderer,  sowie 
jener  wichtigen  des  Vasari,  des  florentinischen  Anonymus 
vom  Codex  Magliabechiano  (Edition  Carl  Frey),  des  Lo- 
mazzo.  Amoretti,  Giuseppe  Bossi,  Calvi  usw.,  doch  mit 
strengster  Anlehnung  an  die  Dokumente  zusammenstelle, 
wird  in  Verbindung  mit  der  Charakteristik  seines  geistigen 
Wesens,  wie  sie  aus  der  Schilderung  seines  Denkens, 
seines  Schaffens  und  Wirkens  erfließt,  mir  helfen,  das 
Bruchstückartige  zu  ergänzen,  das  leider  in  der  Natur  der 
Texte  Leonardos  und  in  der  Natur  eines  Extraktes  in 
usum  delphini  liegt.  Wir  wissen  freilich  von  Leonardos 
Leben  nur  weniges  sicher;  will  ich  daher  auf  phantasie- 
volle Kombinationen  verzichten,  so  werde  ich  genötigt 
sein,  mancherlei  Bekanntes  zu  wiederholen  und  allerlei 
Anmutiges,  oft  Gedrucktes  und  auch  neu  Ausgesonnenes 
hier  wegzulassen;  doch  das  Wahre  hat  seine  eigene  Schön- 
heit und  Beredsamkeit;  einer  anderen  bedarf  Leonardo 
nicht. 


Leonardo  wurde  1452  nach  einer  heute  noch  lebendigen 
Tradition  zu  Anchiano  bei  Vinci,  einem  Bergnest  des 
Monte  Albano,  geboren.  Fünf  Generationen  hindurch  sind 
seine  Vorfahren  Notare  gewesen,  also  Mitglieder  einer  der 
höheren  florentinischen  Zünfte;  nur  Antonio,  Leonardos 
Großvater,  trieb,  scheint  es,  kein  Gewerbe  außer  etwa  Wein- 
und  Gartenbau.     Im  Hause  dieses  Großvaters  zu  Vinci,  in 

IV 


dem  1457  noch  die  ganze  Familie  beisammen  wohnte,  hat 
Leonardo  seine  ersten  Jahre  verbracht,  hier  seine  ersten 
geistigen  Erlebnisse  gehabt.  Dieses  ländliche  Anwesen 
seines  Großvaters  war  ihm  stets  die  Heimat  geblieben; 
auch  ging  es  von  Francesco,  dem  jüngeren  Bruder  seines 
Vaters,  durch  Erbschaft  später  auf  ihn  über.  „In  der 
frühesten  Erinnerung  aus  meiner  Kindheit",  sagt  er, 
„scheint  es  mir,  als  wäre  ein  Hühnergeier  zu  mir  herab- 
gekommen, habe  mit  seinem  Schwanz  mir  den  Mund  ge- 
öffnet und  mit  selbigem  Schwanz  vielemale  zwischen  den 
Lippen  hin  und  hergeschlagen";  er  meint  halb  scherz- 
haft, halb  ernst,  in  der  symbolischen  Art  des  ausgehenden 
Mittelalters,  deshalb  sei  es  wohl  seine  Bestimmung  ge- 
worden, mit  so  viel  Deutlichkeit  vom  Hühnergeier  zu 
schreiben.  Jedenfalls  hat  die  Natur  seines  heimatlichen 
Fleckens  ihn  früh  zum  Beobachter  aller  Vögel  und  ihres 
Fluges,  der  Gewässer  und  ihres  Laufes,  der  Felsen  und 
ihrer  Entstehung  gemacht  und  ihm  die  Landschaft  als 
Träger  tiefsten  Stimmungszaubers  enthüllt,  als  Versinn- 
bildung eines  etat  d'àme  malen  gelehrt. 

Leonardo  ist  der  natürliche  Sohn  des  Ser  Piero  da  Vinci 
und  eines  Bauernmädchens,  „guten  Blutes",  wie  der  Ano- 
nimo versichert  und  wie  wir  es,  angesichts  dieses  Sohnes, 
gern  zu  glauben  erbötig  sind.  Noch  1452  heiratet  Piero 
„standesgemäß"  und  ebenso  Caterina  bald  darauf:  damit 
verschwindet  die  Mutter  ganz  aus  der  Geschichte  des 
Sohnes.  Dieser  wuchs  in  der  Familie  seines  Vaters  auf; 
denn  außer  bei  Nachlaßteilungen  nahm  man  es  in  jenen 
Tagen  mit  der  Legitimität  nicht  zu  genau,  und  da  die 
erste  und  die  zweite  Ehe  Pieros  kinderlos  blieb,  so  konnte 
alle  Zärtlichkeit  der  Eltern  sich  auf  Leonardo  vereinigen. 
Als  1476  einer  dritten  Ehe  endlich  noch  ein  Sohn  entsprang, 
bedurfte  Leonardo  der  väterlichen  Obhut  nicht  mehr.  — 
Aus  einer  Katastereintragung  erfahren  wir,  daß  vor  1469 
Ser  Piero  nach  Florenz  übersiedelt  war.  Er  bewohnte 
ein  Haus,  das  auf  der  Stelle  des  nachherigen  Palazzo  Gondi 


auf  der  Piazza  S.  Firenze  stand.  Er  ernährte  „vier 
Münder",  seine  Frau,  seine  Mutter,  eine  Magd  und  Leo- 
nardo, „figlio  non  legiptimo".  Mit  den  Jahren  mehrte 
sich  sein  Hausstand  gewaltig  —  aus  der  dritten  und  einer 
vierten  Ehe  hatte  er  neun  Söhne  und  zwei  Töchter  — 
aber  sein  Wohlstand  blieb  dahinter  nicht  zurück.  Ge- 
schickt und  jovial,  wußte  er  sich  mit  Weltlichen  und  Geist- 
lichen gut  zu  stellen.  Wir  finden  ihn  bald  als  Prokurator 
des  Klosters  der  Santa  Annunziata,  später  als  Notar  der 
Signoria,  als  Notar  des  Hauses  Medici;  um  die  Jahrhundert- 
wende sind  die  wichtigsten  und  die  zahlreichsten  Kon- 
trakte in  Florenz  von  ihm  aufgesetzt  und  unterfertigt. 
Die  Dokumente  sprechen  jedenfalls  mehr  von  ihm  als 
von  seinem  Sohn.  Von  der  ersten  Entwicklung  Leonardos 
wissen  wir  nichts.  Wie  andere  Bürgerssöhne  ging  er 
wohl  zum  maestro  dell'  abbaco,  dem  Rechenmeister,  ehe 
er  in  die  Werkstatt  kam.  Jedenfalls  nennt  sich  Leonardo 
öfters  „senza  lettere",  ohne  Bildung,  d.  h.  ohne  die  Bildung 
der  Humanisten,  welche  man  zu  seiner  Zeit  begehrte. 
Was  er  von  dieser  je  besaß,  hat  er  sich  selbst  angeeignet. 
Seine  Mailänder  Aufschreibebücher  zeigen  reichliche 
Spuren  seiner  lateinischen  Sprachstudien;  er  dekliniert, 
er  konjugiert,  legt  Wörterverzeichnisse  an,  macht  gram- 
matische Analysen  und  bringt  es  so  weit,  daß  er  seinen 
Archimedes,  Aristoteles  auf  lateinisch  liest,  daß  er  latei- 
nisch zitiert,  lateinisch  selber  schreibt.  Seine  mathe- 
matischen Kenntnisse  dankt  er  wohl  auch  nicht  der  Schule 
in  Florenz.  In  seinen  Notizheften  von  1480 — 1500  lesen 
wir  z.  B.:  „laß  dir  vom  Rechenmeister  zeigen,  wie  man 
ein  Dreieck  in  ein  Quadrat  zurückverwandelt",  „lerne  bei 
Magister  Luca  die  Multiplikation  der  Wurzeln".  Nach 
Vasaris  Bericht  hätte  er  von  Kindheit  an  seinen  unbe- 
ständigen Geist  auf  zu  vielerlei  gerichtet  und,  kaum  be- 
gonnen, jegliches  Ding  im  Stich  gelassen.  „Nichtsdesto- 
weniger, obschon  er  sich  mit  verschiedenen  Dingen  abgab, 
ließ   er  niemals   das  Zeichnen   sein   und  das  Arbeiten  in 


VI 


Relief,  als  der  Dinge,  welche  mehr  denn  alle  anderen 
seiner  Phantasie  gemäß  waren.  Ser  Piero,  dies  sehend, 
und  in  Anbetracht  der  Höhe  jenes  Ingeniums,  nahm  eines 
Tages  etliche  Zeichnungen,  trug  sie  zu  Andrea  del  Ver- 
rocchio,  welcher  gar  sehr  sein  Freund  war,  und  bat  ihn 
dringend  (strettamente),  daß  er  ihm  doch  sagen  möge, 
ob  Leonardo,  wenn  er  sich  aufs  Zeichnen  verlegte,  irgend- 
welchen Gewinn  davon  hätte.  Es  staunte  Andrea,  als 
er  den  gewaltigen  Anfang  Leonardos  sah,  und  bestärkte 
Ser  Piero  darin,  ihn  dieser  Sache  obliegen  zu  lassen; 
darum  befahl  Ser  Piero  dem  Leonardo,  daß  er  in  die 
Werkstatt  des  Andrea  gehen  möge:  welches  Leonardo 
über  die  Maßen  gerne  tat."  Reizvoller  könnte  „dieser 
Anfang  Leonardos"  in  einer  Novelle  nicht  erzählt  sein; 
wir  suchen  aber  umsonst  nach  einer  Jahreszahl,  nach 
irgend  einer  Einzelheit,  die  der  Prüfung  standhielte.  Ver- 
rocchio  war  sicher  unter  allen  Meistern  in  Florenz  der- 
jenige, der  Leonardo  am  besten  taugte.  In  jeder  künst- 
lerischen Technik,  als  Goldschmied,  Mosaikarbeiter,  Maler, 
Erz-  und  Marmorbildner  war  er  gleich  erfahren,  ein  ewig 
grübelnder  Theoretiker  und  dabei  ein  Künstler,  dessen 
Weg  in  ungeheurem  Schwünge  von  dem  einfachen,  tüch- 
tigen Mediceersarkophag,  mit  dem  er  sich  zuerst  aus- 
zeichnete, zum  schönsten  Reiterdenkmal  der  Welt,  dem 
des  Colleoni,  emporführte.  Während  der  Lehrjahre  Leo- 
nardos entstand  nachweisbar  bei  Verrocchio  die  Palla  von 
Santa  Maria  del  Fiore,  jene  Kugel,  welche  das  Kreuz 
trägt,  ein  konstruktives  Meisterstück,  scheint  es,  in  acht 
Teilen  aus  Kupfer  gehämmert  und  im  Feuer  vergoldet. 
Leonardo  erwähnt  dieser  Arbeit:  „Erinnere  dich  des  Löt- 
mittels, mit  welchem  man  die  Palla  von  S.  Maria  del  Fiore 
lötete"  (Ms.  G.  Fol.  84  v.).  Es  entstand  der  entzückende 
David  aus  Bronze,  dessen  Kopf  Leonardo  in  einer  freien, 
unendlich  liebenswürdigen  Variation  gezeichnet  hat  (Mu- 
seum zu  Weimar).  Vor  allem  aber,  wenn  die  Tradition 
nicht  lügt,   entstand   die    „Taufe   Christi"  (Florenz,  Aka- 

VU 


demie),  das  Bild,  in  dem  Leonardo  zum  erstenmal  der 
Welt  „seine  Hand  wies".  Der  Meister  hatte,  heißt  es, 
mit  Mühe,  Fleiß  und  Treue  die  Hauptfiguren  gemalt  und 
alles  übrige,  glaubt  man,  dem  Schüler  überlassen.  Da- 
hinein „arbeitete  Leonardo  einen  Engel,  der  einige  Kleider 
trug,  und  obwohl  er  so  jugendlich  war,  führte  er  ihn  auf 
solche  Art  aus,  daß  viel  besser  als  die  Figuren  des 
Andrea  der  Engel  Leonardos  beschaffen  war:  was  der 
Grund  wurde",  erzählt  Vasari,  „daß  Andrea  niemals  mehr 
die  Farben  berühren  wollte,  weil  er  sich  darob  entrüstete, 
daß  ein  Kind  mehr  davon  verstehe  als  er  selbst".  Trotz 
der  gegenteiligen  Behauptung  Morellis  schreiben  heutzu- 
tage die  meisten  Kenner  den  kleiderhaltenden  Engel  dem 
Leonardo  zu,  ja,  mit  Bayersdorfer  wollen  viele  auch  in 
der  Landschaft  und  in  allen  übrigen  Partien  des  Bildes, 
die  mit  Ölfarben  die  Tempera  decken ,  den  Pinsel  des 
großen  Schülers  erkennen:  als  stünde  für  uns  überhaupt 
die  Weise  Verrocchio  des  Malers  heute  schon  fest!  Die 
einzigen,  sicheren  Daten  über  den  jungen  Leonardo  hat 
Gustavo  Uzielli  im  „Libro  Rosso",  dem  roten  Buch  der 
„Compagnia  de'  Pittori",  gefunden.  Zwei  Eintragungen 
darin  beweisen,  daß  1472  Leonardo  selbst  ein  Meister 
gewesen,  aber  wohl  kein  sehr  beschäftigter  oder  gut  be- 
zahlter, denn  er  war  seinen  Mitgliedsbeitrag  und  seinen 
Anteil  an  den  Opferkerzen  für  den  Tag  des  heil.  Lukas, 
des  Schutzpatrones  der  Zunft,  schuldig  geblieben;  ja,  er  hat 
wahrscheinlich  auch  fernerhin  in  der  Werkstatt  des  Ver- 
rocchio fortgearbeitet,  1476  hat  er  sogar  bei  ihm  gewohnt. 
In  diesem  Jahr  fanden  nämlich  die  „Ufficiali  di  Notte  e 
de'Monasteri",  eine  Art  von  florentinischer  Sittenpolizei,  in 
ihrem  „tamburo",  dem  Briefkasten  zur  Hinterlegung  ge- 
heimer Anzeigen  ,  eine  Anklage  gegen  vier  junge  Leute, 
unter  ihnen  Leonardo  da  Vinci,  „der  bei  Andrea  del  Ver* 
rocchio  wohnt",  dahin  lautend,  daß  sie  unerlaubte  Be- 
ziehungen zu  einem  nichtsnutzigen  jungen  Burschen 
unterhielten.     Sie    wurden    am    8.  April    vorgeladen   und 

VIII 


freigesprochen,  bedingungsweise,  wie  die  Form  gebot,  „cum 
conditione  ut  retamburantur".  Die  neue  Tamburation 
kam  am  7.  Juni  zum  Austrag,  mit  neuem  Freispruch  aller 
Angeklagten.  Damals,  in  der  Epoche  des  aufblühenden 
Kultus  alles  dessen,  was  für  antik,  also  für  trefflich  galt, 
war  der  Sodomitismus  das  eleganteste  aller  Laster,  und 
diese  Zeit,  in  der  man  sich  gewöhnt  hatte,  dem  Nächsten  das 
Ungeheuerlichste  ohne  Bedenken  nachzusagen,  war  gerade 
mit  dieser  Beschuldigung  immer  zu  allererst  bei  der 
Hand.  Wem  aber  jener  Freispruch  weniger  gilt  als  die 
Beschuldigung,  und  wer  heute  noch,  und  wäre  es  als 
Lob,  in  Leonardos  Schönheitskult  etwas  anderes  sieht 
als  das  rein  Künstlerische,  verrät  sich  als  geringer  Kenner 
der  Schriften  Leonardos  und  als  schlechter  Psycholog 
gegenüber  der  hoheitsvollen  Seele ,  der  jene  Schriften 
entflossen  sind.  Von  den  Arbeiten  dieser  Epoche ,  die 
Vasari  mit  anmutreicher  Kunst  uns  schildert,  ist  keine 
uns  erhalten,  weder  der  Karton  für  einen  gewebten  Tür- 
vorhang mit  Adam  und  Eva  im  Paradies,  den  er  zu  jener 
Zeit  „im  glücklichen  Hause"  des  Ottaviano  Medici  sah,  noch 
der  Rundschild  mit  dem  schreckeinflößenden  Fabelwesen, 
dessen  Entstehung  Vasari  so  hübsch  schildert ,  und  der 
an  den  „Herzog  von  Mailand"  kam,  noch  der  Medusen- 
kopf, dessen  Beschreibung  so  viele  falsche  Leonardos 
mit  dem  gleichen  Thema  in  die  Museen  Europas  gebracht 
hat.  Ebensowenig  existiert  die  Muttergottes  mit  der 
blumengefüllten  Wasserflasche,  zu  der  die  Münchener 
Madonna  mit  der  Nelke  vielleicht  in  einem  gewissen  Ab- 
stammungsverhältnis steht.  —  Die  früheste  beglaubigte 
Arbeit  Leonardos  ist  eine  in  den  florentinischen  Offizien 
aufbewahrte  Federzeichnung,  eine  Landschaft  mit  burg- 
gekrönten Felsen,  lieblichen  Hügeln,  Bäumen,  Ebene, 
Wasser,  alles  voll  zartem,  jugendlichem  Reiz.  Das  Blatt 
ist  von  Leonardos  Hand  datiert:  „dì  di  Sta  Maria  della 
Neve  —  ad  dì  5  d'agosto  1473"  —  Tag  der  h.  Maria 
im    Schnee  —  5.  Tag    des  August    1473  —  mit    phan- 

IX 


tastisch  dekorativen  Buchstaben  geschrieben,  von  rechts 
nach  links,  wie  es  auch  später  des  Meisters  Art  ge- 
blieben. —  Die  so  innig  empfundene  Verkündigung 
(Louvre)  gehört  wohl  ebenso  in  diese  Frühzeit.  Als 
„Leonardo"  beglaubigt  sie  eine  schöne  Studie  zum  Kopf 
der  heil.  Jungfrau,  die  geistig  sicher  ihm  angehört,  selbst 
wenn  das  Exemplar  der  Offizien  zufällig  eine  Schülerkopie 
wäre.  Und  nicht  minder  gehört  in  diese  Zeit  das  poe- 
tische Bildnis  der  Wiener  Liechtensteingalerie,  das,  nur 
etwas  jünger,  die  gleiche  Persönlichkeit  darstellt  wie  die 
in  der  Werkstatt  Verrocchios  entstandene  Frauenbüste 
(Bargello,  Florenz),  —  ich  meine  die  bekannte  mit  den 
Primeln  im  Gewände  und  den  seelenvollen,  von  d'An- 
nunzio bewunderten  Händen  —  welche  Hände  einen  der 
letzten  Biographen  Verrocchios,  Hans  Mackowsky,  veranlaßt 
haben,  auch  dieses  Werk  Leonardo  zuzuschreiben.  Vasari 
erzählt  von  Tonbüsten  lachender  Frauen,  die  noch  zu 
seinen  Tagen  nach  Vorbildern  Leonardos  in  Gips  ge- 
gossen wurden,  und  ebenso  von  Kinderköpfchen,  die  aus 
der  Hand  eines  Meisters  hervorgegangen  schienen;  der 
Mailänder  Maler  Giovanni  Paolo  Lomazzo  spricht  in  seinem 
Traktat  über  Malerei  von  einer  kleinen  Tonbüste  eines 
Christus  als  Kind,  die  er  besitze  —  derselben  vielleicht, 
auf  die  Leonardo  (CA.  Fol.  252  r.)  anspielt:  „da  ich 
unseren  Herrgott  als  Knaben  machte"  .  .  .  das  ist  aber 
alles  wie  vom  Erdboden  spurlos  verschwunden.  Dafür 
haben  wir  allerlei  interessante,  wenn  auch  dem  Frag- 
würdigen nicht  ganz  entrückte  Kombinationen ,  z.  B.  die 
Müller-Waldes,  der  das  Stuckrelief  „Die  Zwietracht"  (Lon- 
don ,  South-Kensington)  doch  wohl  zu  hoch  einschätzt, 
wenn  er  dafür  Leonardos  direkte  Urheberschaft  bean- 
sprucht, oder  die  besser  begründeten  Vermutungen 
Wilhelm  Bodes,  der  unter  anderen  in  dem  schönen 
Bronzerelief  „Die  Beweinung  Christi"  (S.  Maria  in 
Carmine,  Venedig),  das  man  bisher  Verrocchio  zu- 
schrieb, die  durchseelte  Hand   des  jugendlichen  Schülers 


(1474)  erkennen  will.     Das  Scipiorelief  des  Louvre   mag 
von  ihm  sein. 

Der  Anonimo  Fiorentino,  aus  dem  Vasari  für  seine  Lebens- 
beschreibungen der  Künstler  geschöpft  hat,  erzählt,  Lorenzo 
habe  als  Jüngling  beim  Magnifico  Lorenzo  de'  Medici  ge- 
wohnt, der  für  ihn  gesorgt  und  ihn  im  Garten  auf  der 
Piazza  von  S.  Marco  in  Florenz,  wo  seine  berühmten 
Antiken  standen,  habe  arbeiten  lassen.  Nirgends  anderswo 
wird  Leonardo  unter  den  Familiären  des  großen  Mediceers 
erwähnt,  wie  etwa  der  jüngere  Michelangelo  erwähnt  ist; 
auch  bezeugt  kein  persönlicher  Auftrag  die  Gunst  Lorenzos 
oder  einen  ausgesprochenen  Geschmack  für  sein  selbstherr- 
liches Genie.  Eine  Tatsache  erhellt  vielleicht  das  Rätsel. 
Als  1478  Giuliano  Medici  der  Verschwörung  der  Pazzi  zum 
Opfer  gefallen  war  und  man  Mörder  und  Verdächtige  und 
Schuldlose  mit  ihren  Sippen  und  Magen  in  scheinbar 
blinder  Wut  niederhaute,  hängte  —  mit  und  ohne  die 
Zeremonie  eines  Prozesses,  einfach,  wo  es  sich  eben  traf, 
an  die  Fensterstangen  der  Signoria  oder  des  Palazzo  des 
„Kapitäns  der  Gerechtigkeit"  knüpfte,  da  wurde  nach 
Brauch  und  Herkommen  befohlen,  die  „Gerichteten"  zum 
abschreckenden  Exempel  an  die  Wand  des  Bargello  zu 
malen;  die  Ausführung  wurde  wohl  einem  aus  der  Schule 
Verrocchios  zuteil,  aber,  wie  ein  Zahlungseintrag  von  1478 
in  den  Büchern  der  Acht  Prioren  beweist,  war  dieser  eine 
Sandro  Botticelli,  den  Lorenzo  liebte:  er  durfte  u.  a.  den  ge- 
flohenen Mörder  Giulianos,  Bernardo  Bandini  de'  Baroncelli, 
den  man  erst  1479  fing,  im  vorhinein  als  Gehängten  ab- 
bilden. Leonardo  scheint  sich  für  die  Aufgabe  interessiert 
zu  haben;  eine  Federzeichnung  (im  Besitz  von  L.  Bonnat 
in  Paris)  stellt  den  Mörder  in  der  tödlichen  Schlinge  dar; 
auf  dem  gleichen  Blatt  hat  er  die  genaue  Beschreibung 
der  Farben  seiner  Kleidung,  bis  auf  die  Strümpfe  herab, 
und  den  Kopf  hat  er  noch  einmal,  etwas  größer,  gezeich- 
net. Freilich  besitzt  die  Skizze  nichts  Krudes,  Grauen- 
einflößendes.   Wie  ein  armer  Krammetsvogel,  der  in  die 

XI 


Beeren  ging  und  in  die  Dohnen  geriet,  so  traurig  hängt 
Bandini  da.  Dergleichen  war  nicht  für  praktische  Zwecke 
brauchbar,  und  dieser  Maler  auch  nicht,  denke  ich  mir. 
Wohl  hatte  damals  Leonardo  eine  staatliche  Bestellung 
erhalten:  für  die  Kapelle  des  h.  Bernhard  im  Palazzo 
vecchio  sollte  er  ein  Altarbild  malen.  Am  16.  März  1478 
empfing  er  25  Goldgulden  als  Angeld  für  die  Arbeit, 
welche  eine  Woche  vorher  erst  die  Signoria  an  Piero  del 
Pollajuolo  vergeben  hatte.  Um  uns  annehmen  zu  lassen, 
daß  Lorenzo  die  Änderung  des  Beschlusses  herbeigeführt, 
müßte  seine  Gunst  für  Leonardo  besser  bewiesen  sein. 
Geliefert  hat  der  junge  Meister  das  bestellte  Gemälde 
nicht.  Ein  anonymer  Schriftsteller  aus  dem  Anfang  des 
Cinquecento  schreibt  von  ihm:  „non  colorì  molte  cose, 
perchè  mai,  in  niente  anchor  che  belle,  satisfecie  a  se 
medesimo:  et  perciò  ci  sono  poche  cose  di  suo,  che  il  suo 
tanto  conoscere  gli  errori  non  lo  lasciò  fare.*  „Er  malte 
nicht  viele  Sachen,  denn  nie,  in  nichts,  und  wenn  sie 
noch  so  schön  waren,  tat  er  sich  selbst  Genüge:  und 
daher  gibt  es  wenig  Dinge  von  ihm,  weil  sein  so  großes 
Kennen  der  Irrtümer  ihn  nicht  machen  ließ."  Wir  sind 
nicht  einmal  genau  unterrichtet,  was  die  Prioren  ihm 
darzustellen  aufgetragen.  Der  Anonimo  Fiorentino  (Aus- 
gabe Carl  Frey,  S.  116)  behauptet,  Leonardo  hab  eeine 
Madonna  mit  Figuren  zu  malen  begonnen,  welche  Filippino 
Lippi  nach  seiner  Zeichnung  dann  fertig  gemacht  habe. 
Das  Bild  des  Filippino,  eine  Muttergottes  mit  den  Heiligen 
Viktor,  Johannes  dem  Täufer,  Bernhard  und  Zenobius, 
das  1485  fertig  wurde  und  nun  in  den  Offizien  aufbewahrt 
ist,  weist  nicht  auf  eine  so  bedeutende  Vorlage  hin; 
man  darf  aber  vermuten,  daß  auch  Leonardo  für  eine 
Bernhardskapelle  einen  h.  Bernhard  mit  der  Muttergottes 
darzustellen  hatte  und  daß  ein  sehr  wertvolles  Skizzen- 
blatt der  Uffizien,  so  wie  es  Mr.  Edward  Mc  Curdy  an- 
nimmt, mit  diesem  geplanten  Bild  in  einem  gewissen 
Zusammenhang   steht.     Auf  diesem   Blatt    befinden   sich, 

XII 


nebst  den  Fragmenten  von  Maschinenteilen,  zwei  Köpfe 
in  Gegenüberstellung,  der  eines  sehr  würdevollen,  alten 
Mannes,  dessen  fast  karikaturales  Profil  durch  große, 
tiefe  Augen  zu  merkwürdiger  Hoheit  und  Harmonie  ge- 
adelt ist,  und  der  eines  schwärmerisch  aufblickenden 
Jünglings,  dessen  Haupt  von  oben  außen  stark  nach  unten 
innen  gebogen  und  ganz  von  der  Seite  gesehen  ist;  dieser 
Jüngling  konnte  ganz  gut  als  eine  Skizze  zu  dem  eksta- 
tischen h.  Bernhard  gedacht  sein:  es  ist  derselbe  Kopf, 
den  irgend  ein  Schüler  Verrocchios  zugleich  mit  anderen 
Studien  Leonardos  für  das  Bild  des  zum  Himmel  auf- 
fahrenden Erlösers  mit  den  Heiligen  Leonhard  und  Lucia 
benützte,  das  in  Berlin  nun  für  einen  da  Vinci  gilt. 
Unter  den  beiden  in  genialem  Zug  umrissenen  Köpfen 
der  Federzeichnung  steht  in  sehr  verzierter  Schrift  von 
rechts  nach  links  das  Fragment  einer  Notiz:  „.  .  .  bre  1478 
io  chominciai  le  2  vergine  Maria"  (.  .  .  ber  1478  begann 
ich  die  zwei  Jungfrauen  Maria).  Das  kann  sich  sehr  gut 
auf  einen  Karton  für  das  Bild  der  Bernhardskapelle  be- 
ziehen; auf  welches  zweite  Madonnenbild  Leonardo  sich 
bezieht,  bleibt  unserer  Frage  offen.  Wir  besitzen  in 
Windsor,  in  den  Offizien  variierte  Studien  aus  dieser  Früh- 
zeit, Maria  mit  dem  Kinde  darstellend,  das  mit  einer 
Katze  spielt.  Ob  das  Motiv  jemals  ausgeführt  wurde, 
wissen  wir  nicht.  Ein  anderes  Werk  stammt  im  Entwurf 
jedenfalls  noch  aus  der  florentinischen  Zeit:  ich  meine 
die  „Madonna  Litta"  der  Petersburger  Eremitage;  das 
dortige  Exemplar  ist  freilich  eine  spätere  Schulreplik  oder 
von  einem  Restaurator  mit  einer  wahren  Tortenglasur  ver- 
sehen; aber  auch  da  leuchtet  die  göttliche  Schönheit  des 
Originales  durch.  Die  herrlichen  Studien  zum  Kopf  der 
Muttergottes  (im  Louvre  und  in  Windsor),  das  eigen- 
tümlich gemusterte  Schleiertuch  auf  dem  Haar  der  h. 
Jungfrau,  der  leise  verrocchieske  Anklang  im  Typus  des 
Kindes,  dessen  Augen  so  weltenweit  auseinander  liegen, 
unterstützen  die  Meinung,  daß  diese  Madonna  noch  unter 

XIII 


dem  Einfluß  von  Florenz  entstand,  wenn  auch  die  große, 
freie  Ausführung  von  der  Reife  späterer  Jahre  spricht. 

Um  1480,  wird  erwähnt,  habe  Leonardo  „casa  sua"  ge- 
habt, d.  h.  wohl  Wohnung  und  Werkstatt  für  sich.  Im 
Juli  1481  schloß  er  mit  den  Mönchen  von  S.  Donato  in 
Scopeto  einen  Vertrag  ab,  in  dem  er  versprach,  ihnen 
im  Lauf  von  spätestens  30  Monaten  ein  Bild  für  den 
Hochaltar  ihrer  Kirche  zu  malen.  Ob  dieses  jemals  be- 
gonnen wurde,  wissen  wir  aus  Dokumenten  nicht;  jeden- 
falls gibt  es  in  den  Archiven  ein  paar  Vermerke  über 
Naturallieferungen  des  Klosters  an  den  Maler,  —  die 
letzten  vom  28.  September  1481:  „dem  Meister  Lionardo 
di  Ser  Piero  da  Vinci,  an  besagtem  Tag  einen  Eimer 
roten  Weines,  den  er  hier  in  Sancto  Donato  erhielt.* 
Weit  kam  Leonardo  jedenfalls  nicht  mit  seiner  Malerei. 
„Die  Zeit  verstrich,  und  uns  erwuchs  Nachteil  daraus", 
verzeichneten  die  Mönche.  1496  übernahm  dann  Filippino 
Lippi  den  Auftrag  und  machte  eine  Anbetung  der  h.  drei 
Könige,  die  sich  heute  in  den  Uffizien  befindet.  Dort 
befindet  sich  auch  das  Wunderwerk  der  Adorazione  des 
Leonardo,  das  trotz  seines  unvollendeten  Zustandes,  bloß 
untermalt,  im  Verein  mit  den  dazugehörigen  vorbereiten- 
den Studien  in  der  Entwicklung  der  modernen  Malerei 
einen  Markstein  bildet.  Daß  die  ersten  Skizzen  um  1481 
in  Florenz  entstanden  sind,  ist  unbestritten;  ebenso  nimmt 
man  jetzt  fast  allgemein  an,  daß  dieses  Gemälde  für 
S.  Donato  bestimmt  war:  die  nicht  ganz  gewöhnlichen 
Längen-  und  Breitenmaße  des  Bildes,  welche  sich  mit 
jenen  der  Anbetung  des  Filippino  so  ziemlich  decken, 
erregen  diese  Meinung.  Ein  günstiges  Geschick  hat  uns 
eine  große  Menge  von  Zeichnungen  zu  diesem  Tafelbild 
erhalten.  Wir  können  die  Wandlungen  vom  ersten  Ge- 
danken bis  zur  endgültig  festgestellten  Form  verfolgen. 
Und  wir  bekommen  einen  höchst  belehrenden  Einblick 
in  die  schier  unstillbare  Fülle  der,  man  möchte  sagen, 
novellistischen    Erfindung  Leonardos,    in    die    ganze  Art 

XIV 


seines  künstlerischen  Schaffens.  Drei  große  Etappen, 
scheint  es,  hat  die  Idee  durchgemacht.  Eine  Zeichnung 
im  Besitz  des  M.  Leon  Bonnat  und  eine  andere  in 
Windsor  beweisen,  daß  Leonardo  zuerst  an  eine  An- 
betung der  Hirten  gedacht  habe,  und  dieses  Thema  soll 
er,  nach  Vasari,  in  Mailand  einmal  ausgeführt  haben. 
In  der  Akademie  von  Venedig  gibt  es  dazu  zwei  ent- 
zückende Skizzenblätter  (No.  256  und  259).  Auf  dem  einen 
kniet  Maria,  die  sich  dem  Beschauer  voll  zuwendet,  vor 
dem  h.  Kind  auf  dem  Boden.  Der  Bambino,  der  behag- 
lich auf  dem  Bauche  liegt,  hat  sich  mit  dem  Oberkörper 
halb  auf  die  linke  Seite  gelegt,  um  die  rechte  Hand  nach 
rückwärts  dem  kleinen  Johannes  entgegenzustrecken,  der 
herbeigeeilt  ist  und  schnell  die  Hände  faltend  nieder- 
kniet. Die  Bewegung  der  Eile  liegt  noch  in  Rumpf- 
und Armhaltung.  Im  ersten  Plan  links  sitzt  vorgebeugt 
ein  älterer  Mann  mit  überschlagenem  Bein,  der  sich  nach 
rückwärts  zu  einem  gerade  hergetretenen  jungen  Mann 
wendet,  dem  er  die  Hand  zustreckt  und  offenbar  das 
Wunder  vor  ihm  erklärt.  Das  zweite  Blatt  enthält  Vari- 
anten zur  Haltung  des  Kindes  und  des  Johannesknaben. 
Wunderbar  ist  der  Reichtum  an  Bewegungsmotiven,  die 
mehrere  Momente  verbinden  und  der  Komposition  eine 
ungeheure  Fülle  von  Linien,  von  Ausdruck  und  gewisser- 
maßen Handlung  geben.  Noch  reicher  und  bewegter 
konnte  natürlich  das  Thema  der  Anbetung  gestaltet  wer- 
den, von  dem  wir  in  Florenz  das  untermalte  Bild  besitzen. 
Hier  fand  die  drängende  Phantasie  Leonardos  in  Ent- 
würfen großen  Spielraum.  Die  heiligste,  menschlichste 
aller  Idyllen,  drei  Könige  verschiedenen  Alters,  ein  großes 
Gefolge,  fromme  Hirten  und  gleichgültige  Krieger,  —  das 
reiche  Leben,  das  er  in  diesem  Gegenstand  fühlte,  lockte 
ihn  zum  Außerordentlichsten.  Er  umstellte  die  Szene 
mit  einer  weitläufigen  Palastruine,  die  mit  ihren  Portiken, 
Treppen,  Erkern  und  Brüstungen  Raum  und  Gelegenheit 
zu  mannigfachen  Gestaltungen   bot.     Die   tiefe  Ergriffen- 

XV 


heit  des  Gefühles  höher  gearteter  Menschen  konnte  mit 
allerlei  Stufungen  im  Alltagstreiben  der  breiten,  teilnahms- 
losen Massen  in  Gegensatz  und  langsam  zur  Ruhe  kommen. 
Zwei  Zeichnungen,  die  eine  im  Besitz  des  M.  Galichon 
in  Paris,  die  andere  in  Verwahrung  der  Offizien,  stellen 
zwei  grundverschiedene  Kompositionen  desselben  Ge- 
dankens dar.  Aber  zu  jeder  dieser  Kompositionen  gibt 
es  noch  eine  Menge  Detailstudien;  Leonardo  sieht  offenbar 
immer  neue  Gestalten  mit  ihren  Beziehungen  zur  Heils- 
botschaft, Szenen,  die  gänzlich  aus  dem  Rahmen  des  einen 
Gemäldes  herausfallen  müssen,  Leute,  die  einander  das 
Wunderbare  auf  der  Straße,  in  der  Schenke,  überall  er- 
zählen, wo  zwei  oder  mehrere  beisammen  sind,  bis  alle 
wissen,  alle  begreifen,  und  müßte  man  es  den  Tauben 
ins  Ohr  posaunen,  so  wie  es  in  der  Tat  einer  auf  der 
Federzeichnung  tut,  die  in  der  Malcolm -Sammlung  zu 
London  existiert.  Auf  einem  der  Blätter  des  Louvre  sind 
mehrere  solcher  Erzählszenen  skizziert,  —  zwei  Leute, 
die  auf  einer  Bank  zufällig  nebeneinander  zu  sitzen  kamen, 
eine  Reihe  anderer,  die  wie  nach  einer  Mahlzeit  um 
einen  Tisch  gruppiert  sind  und  einem,  der  etwas  Großes 
mitteilt,  aufs  gespannteste  lauschen.  So  kann  Leonardo 
sich  in  seinen  beschreibenden  Entwürfen  zu  Malereien 
ja  auch  nie  genugtun  in  Mitteilung  von  charakteristischem 
Detail,  das  er  noch,  und  noch  immer  weiter  sich  entwickeln 
sieht.  Dies  Blatt  erwähne  ich  aber  besonders  wegen  seiner 
Wichtigkeit  für  Leonardos  Biographie.  So  wie  eine  klingende 
Saite  die  verwandten  Saiten  zum  Tönen  bringt,  so  hat 
das  Thema  von  den  Jünglingen,  Männern,  Greisen,  die 
um  einen  Tisch  herum  bei  einer  Mahlzeit  sitzen  und 
etwas  Großes,  Erschütterndes  hören,  offenbar  ein  anderes 
innerlich  und  äußerlich  verwandtes  Thema  in  Leonardos 
Phantasie  zum  Klingen  gebracht  —  das  Thema  vom  letzten 
Abendmahl.  Auf  jenem  wunderbaren  Blatt,  weiter  links 
unten,  sitzt  vor  einem  Tisch  der  Herr,  und  deutlicher  als 
Worte  spricht  seine  Gebärde;  ober  ihm  ein  Jünger,  der 

XVI 


sich   das  Antlitz  in  Schmerz  verhüllt.     Das  Thema  wird 
auf  einem  offenbar  gleichzeitigen  Blatt  (Windsor)  in  flüch- 
tiger Federzeichnung   zwiefach    ausgesponnen:     Christus 
setzt  das  Abendmahl  ein,  auf  der  einen  Skizze;  auf  der 
anderen,  Christus  sagt:  „wahrlich,  einer  unter  euch  wird 
mich  verraten"  und  reicht  das  in  Salz  getauchte  Brot  dem 
Judas,   der   ihm   schräg  gegenüber  an   der  Tafel  aufsteht 
und  frech-verlegen  den  Arm  nach  dem  Bissen  hinstreckt. 
In  einem  außerordentlich  geistvollen  Aufsatz,  der  nur  dem 
Wesen    des   Genies    vielleicht  nicht  genügend  Rechnung 
trägt  (Jahrbuch  der  preußischen  Kunstsammlungen,  1895), 
hat  der  Grazer  Professor  Josef  Strzygowski   dieses  Zu- 
sammenblühen   der    Abendmahlideen    und    der   Entwürfe 
zur  Anbetung  als  mitstützendes   Argument  benützt,    um 
zu  beweisen,  daß  nur  ein  Teil  der  Skizzen  zur  Anbetung 
so   früh    in   Florenz    entstanden;   daß   andere   in  Mailand 
entworfen  wurden,  als  ihn  schon  das  Sforzadenkmal  be- 
schäftigte, mit  seinen   Pferd-   und  Reiterstudien   (die  ihr 
Echo  haben  in  den  Pferden,  Reitern,  Kämpfern  im  Hinter- 
grunde,   welche    schon   zu  den  späteren  Skizzen   für  die 
Anghiaraschlacht  überleiten)  und   als  die  Keime  zu  dem 
„Letzten  Abendmahl"  des  Klosters  S.  Maria  delle  Grazie 
ihre    ersten    grünen  Blätter    aufrollten.     Ja,   Strzygowski 
meint,   die  Komposition,   so   wie   sie   heute   ist,   mit  dem 
wundervollen  Reichtum  gegeneinander  spielender  Linien, 
mit    der    so    außerordentlich    genialen    Verwendung    des 
Lichtes   als  Ausdrucksmittel   des  Kompositionsgedankens, 
so  daß  die  Gruppen  nach  ihrer  Wichtigkeit  davon  umhüllt, 
da  und   dort  getroffen,  dort  und   da  von    ihm   verlassen 
erscheinen;  daß  die  Erfindung  der  zwei  Bäume,  welche  das 
Licht  verteilen  und  abhalten,  daß   der  goldige  Lichtnebel 
dieser  Luft,  dies  alles  eine  Höhe  und  Weisheit  des  Kunst- 
verstandes  verrate,   die    an    den    Erfahrungen    der   Cena 
mußten    herangereift    sein.     Strzygowski    meint,    daß   die 
„Anbetung"  erst  bei  irgend  einer  zufälligen  Anwesenheit 
Leonardos  in  Florenz  —   er  nennt  1494  —  so  weit  ge- 
li       Herzfeld,  Leonardo 

XVII 


bracht  worden  sei,  wie  sie  nun  existiert;  sonst  hätte  sie 
schon  früher  mit  ihrer  epochalen  Neuheit  die  Florentiner 
Kunst  umgestalten  müssen:  nun  würden  die  Spuren  des 
Einflusses  dieses  Wunderwerkes  jedoch  erst  gegen  1498 
sichtbar.  Jedenfalls  waren  die  Entwürfe  zu  diesem  Ge- 
mälde das  letzte,  was  Leonardo  in  Florenz  gemacht. 
Sein  Sinn  stand  nach  der  Ferne  hin.  Florenz  war  ihm 
zu  eng,  die  Atmosphäre  daheim  zu  trocken,  das  miß- 
trauische und  spöttische  Wesen  ringsum  dem  Genie  nicht 
förderlich.  In  Republiken  ist  kein  Platz  für  den,  der  unver- 
hüllt die  anderen  überragt.  Julius  Cäsar  hat  es  gebüßt; 
Lorenzo  Medici,  vom  Tod  seines  Bruders  belehrt,  erinnerte 
sich  der  Mahnung  seines  weisen  Großvaters  Cosimo;  wie 
ein  Bürger  unter  Bürgern  ging  er  ohne  Geleite,  im  un- 
scheinbaren kurzen  Mantel  in  den  Straßen  umher,  und 
die  Bittsteller  trafen  ihn,  den  Magnifico,  abends  im  Hofe 
seines  Hauses  sitzend.  In  Florenz  mußte  man  eben  wie 
der  Nachbar  handeln,  wie  jedermann  sein;  sonst  verfiel 
man  dem  Witz  oder  schlimmerer  Verfolgung.  Noch  70 
bis  80  Jahre  später  sagt  Vasari  irgendwo:  „Florenz  tut 
an  seinen  Künstlern,  wie  die  Zeit  an  ihren  Sachen  tut, 
die  sie,  kaum  gemacht,  wieder  zermacht  und  nach  und 
nach  verzehrt."  Einen  Leonardo  freilich  macht  kein  Staat; 
der  kommt  aus  anderen  Weiten  her  —  und  bedarf  anderer 
Weiten.  Daheim  fand  er  nicht  die  Aufgaben,  die  er  be- 
gehrte, nicht  das  Verständnis,  das  er  brauchte.  Er  war 
mehr  als  bloß  ein  Maler,  und  ein  Maler  war  in  seinen 
Augen  mehr  als  ein  simpler  Handwerksmann.  Sein  Jahr- 
hundert, dessen  Meinungen  von  den  Humanisten  gelenkt 
wurden,  dachte  anders.  Es  tat  die  Rhetorik  unter  die 
sieben  freien  Künste,  die  Malerei  mit  nichten.  Wenn  der 
junge  Michelangelo  als  Gleicher  unter  Gleichen  an  des 
Magnifico  Tafel  saß,  so  saß  er  als  Ritterbürtiger  da.  Er 
selbst  schreibt,  nur  der  Mann  von  guter  Herkunft  leiste 
Großes,  und  so  dachte  die  ganze  Zeit,  wenn  man  es  uns 
auch  anders  lehrt.    Noch  ein  Baldassare  Castiglione  glaubt 

XVIII 


es  entschuldigen  zu  müssen,  wenn  er  fordert,  daß  der 
vollkommene  Hofmann  malen  könne:  „Wundert  euch 
nicht,  wenn  ich  auch  diesen  Teil  verlange,  der  heute 
vielleicht  mechanisch  erscheint  und  wenig  schicklich  für 
einen  Edelmann."  —  „Ihr  habt  die  Malerei  unter  die 
mechanischen  Künste  gesetzt,"  grollt  Leonardo.  Dem 
entspricht  die  ganze  Stellung  des  Künstlers  am  Ende  des 
Quattrocento.  Wenn  man  ihn  auch  nicht  mehr  allgemein 
duzte;  wenn  die  Zeiten  auch  vorüber  waren,  wo  Brunel- 
lesco  und  Donatello  im  Schurzfell  und  in  Holzpantoffeln 
durch  die  Straßen  liefen  und  David  Ghirlandaio  sich 
empörte,  daß  man  ihm  und  seinem  Bruder  Domenico  im 
Kloster  zu  Passignano  die  Abfälle  der  Tafel  zu  essen 
gab,  —  noch  zahlt  man  seine  Arbeit  wie  im  Taglohn 
monatsweise,  oder  gar  nach  der  Elle,  so  wie  Borso  d'Este 
den  Francesco  Cossa,  der  die  Fresken  von  Schifanoja 
malte;  noch  war  es  zumeist  ein  armer,  halb  verhungerter 
Geselle,  derb,  naiv,  oft  herzlich  unwissend,  obschon  be- 
gabt, der  mit  jeder  Arbeit,  groß  und  gering,  vorlieb  nehmen 
und  jeder  gewachsen  sein  mußte,  alles  können  und  nichts 
bedeuten.  Leonardo  selber  hat,  wie  wir  wissen,  im 
Kloster  von  S.  Donato  den  Uhrturm  mit  Gold  und  Ultra- 
marin frisch  aufgeputzt.  Zu  solchen  Hantierungen  konnte 
er  sich  nicht  mehr  bequemen;  er  war  von  einer  anderen 
geistigen  Rasse  als  diese  prächtigen  Bursche,  die  Maler, 
Bildhauer,  Bau-  und  Zimmermeister  von  Florenz,  mit 
denen  er  vermengt,  verwechselt  wurde,  ohne  jedoch  so 
brauchbar  wie  sie  gefunden  zu  werden.  Nicht  er  bekam 
die  großen  Aufträge,  die  Vertrauen  fordern.  Man  über- 
ließ ihn  auch  bedingungslos  an  Mailand,  —  nicht  nur 
leihweise,  wie  später  der  Soderini  ihn  den  Franzosen  gab 
oder  wie  Lodovico  Moro  sich  einmal  den  Perugino  von 
den  Baglioni,  seinen  rechtmäßigen  Herren,  erbat.  Man 
hatte  in  Florenz  damals  keine  Ahnung,  was  man  mit 
Leonardo  verlor.  Er  wälzte  unermeßliche  Pläne  in  seinem 
Gehirn  herum,  und  andere  als  nur  künstlerische.  Er 
II* 

XIX 


hatte  schon  begonnen,  die  Natur  auf  seine  Art  zu  be- 
fragen, um  zu  erkennen  und  um  etwas  zu  leisten. 
Einige  Stellen  in  den  englischen  Manuskripten  Leonardos, 
welche,  wenn  der  Charakter  der  Handschrift  nicht  trügt, 
vor  1480  abgefaßt  sind,  beweisen,  daß  sich  da  Vinci 
schon  damals  mit  allerlei  Erdproblemen  beschäftigte.  Er 
durchforschte  die  Umgegend  von  Florenz,  er  hatte  seine 
eigenen  Ideen  über  die  Veränderungen,  welche  die  Jahr- 
tausende in  der  Physiognomie  dieses  Landes  hervorge- 
bracht und  über  die  Rolle  des  Wassers  bei  der  Gestal- 
tung und  Umgestaltung  des  Erdballes.  Er  beobachtet 
das  lebendige  Leben  auch  der  sogenannt  anorganischen 
Welt;  er  sieht  den  Kreislauf  der  Dinge  und  das  Ende 
von  ihnen:  die  Erde  wird  wasserlos  werden,  verdorren, 
zuletzt  in  Asche  aufgehen,  meint  er.  Seine  Forschungen 
waren  von  realen  Zwecken  ausgegangen.  Ihn  interessier- 
ten allerlei  Fragen  der  Mechanik.  Der  originale  und  tiefe 
Denker,  der  Erfinder  haben  sich  in  ihm  dabei  schon  früh 
geregt.  Von  zwei  Dingen,  die  sich  auf  Florenz  beziehen, 
berichtet  Vasari.  „Er  war  der  erste,**  sagt  er,  „der,  ganz 
jung  noch,  über  den  Fluß  Arno  sprach,  um  ihn  von  Pisa 
bis  Florenz  zu  kanalisieren**  .  .  .  „Unter  diesen  Modellen 
und  Zeichnungen  war  eine,  mittels  derer  er  mehrere  Male 
vielen  der  ingeniösen  Bürger,  so  damals  Florenz  regierten, 
zeigte,  die  Kirche  von  S.  Giovanni  heben  und  ihr  Stufen 
unterlegen  zu  wollen,  ohne  sie  zu  ruinieren;  und  mit  so 
starken  Gründen  überzeugte  er  davon,  daß  es  möglich 
schien,  obschon  jedermann,  sobald  er  sich  entfernt  hatte, 
bei  sich  die  Unmöglichkeit  einer  solchen  Unternehmung 
einsah.**  Schon  im  Jahre  1455  haben  Gaspare  Nardi 
und  Aristotile  Fioravanti  in  Bologna  den  Turm  della  Ma- 
gione von  einer  Stelle  zur  andern  transportiert;  an  genia- 
len Praktikern  hat  es  Italien  durchaus  nicht  gefehlt;  aber 
es  wird  hervorgehoben,  daß  Leonardo  in  seiner  Zeit  der 
erste  war,  der  versuchte,  seine  mechanischen  Erfindungen 
und  Einfälle  wissenschaftlich  zu  untermauern,  —  „immer 

XX 


muß  die  Praxis  auf  die  gute  Theorie  gebaut  sein",  sagt 
er,  und  den  „Theoretiker"  hat  man  mit  vieler  Achtung 
angehört  und  hat  ihm  nicht  geglaubt,  als  einem  Plan- 
macher, Phantasten,  Ideologen —  die  Namen  dafür  wechseln; 
die  Sache  bleibt  in  Ewigkeit  die  gleiche. 

Für  solche  Unternehmungen,  die  ihn  lockten,  brauchte 
Leonardo  einen  Fürsten,  nicht  bloß  der  Macht,  sondern 
auch  der  Gesinnung  nach;  er  brauchte  ein  Reich  mit 
jungfräulichem  Boden,  wo  für  den  Künstler,  für  den 
Erfinder  etwas  zu  leisten  war.  Das  Trugbild  eines 
solchen  Fürsten,  eines  solchen  Reiches  hat  ihn  sein  lebe- 
lang von  Ort  zu  Ort  gelockt,  bis  zu  jenem,  wo  sein  Grab 
geschaufelt  war.  Nun  sah  er  die  Erfüllung  seiner  Träume 
in  Mailand. 


Am  26.  Dezember  1476  war  Galeazzo  Maria  Sforza, 
■^^  Herzog  von  Mailand,  in  der  Kirche  von  ein  paar  Jüng- 
lingen erdolcht  worden,  denen  der  Plutarch  zu  Kopf  ge- 
stiegen war.  Seine  Witwe  Bona  von  Savoyen,  Vor- 
münderin  des  achtjährigen  Gian  Galeazzo,  entfernte  auf 
den  Rat  ihres  klugen  Kanzlers  Cicco  Simonetta  die  ehr- 
geizigen Brüder  ihres  Mannes.  Der  bedeutendste  unter 
ihnen  war  der  älteste,  Lodovico,  in  der  Taufe  auch  Maurus, 
Moro  genannt;  „der  Moro"  hieß  er  auch  weiter  in  der 
Familie  und  im  Volk,  obwohl  er  seit  seinem  sechsten 
Jahr,  nach  einer  Errettung  aus  schwerer  Krankheit,  in- 
folge eines  Gelöbnisses  seiner  Mutter  der  heil.  Jungfrau 
zu  Ehren  offiziell  den  Namen  Lodovico  Maria  führte. 
Dieser  Moro  wußte  1479  seine  Schwägerin  zu  bewegen, 
daß  sie  ihn  aus  Pisa,  wohin  er  verbannt  gewesen  war, 
zurückberief.  Es  bedurfte  nur  eines  halben  Jahres  und 
Simonetta  war  enthauptet.  Bona  so  kompromittiert,  daß 
sie  unmöglich  geworden,  der  junge  Herzog  in  den  für- 
sorglichen Händen  Lodovicos  und  dieser  selbst  „Vikar* 
und    Regent   von  Mailand;    Gian  Galeazzo    kam    niemals 

XXI 


zur  Herrschaft.  Kaum  war  der  Moro  so  weit,  so  zog  er 
anders  klingende  Saiten  auf.  „Ich  bin  nicht  mehr  der 
Lodovico  von  Pisa,"  schreibt  er;  „ich  bin  der  Sohn  des 
Francesco  Sforza  und  werde  es  beweisen."  Ein  feiner 
Kopf  mit  durchdringendem  Verstand ,  glaubt  er ,  mit 
Menschen  und  Dingen  jonglieren  zu  können.  Er  schätzt 
sich  nicht  gering  ein;  er  berühmt  sich,  den  Papst 
Alexander  VI.  zum  Kaplan,  den  Kaiser  Maximilian  zum 
Kondottiere,  den  König  von  Frankreich  zum  Kurier  zu 
haben.  Den  Venezianern  droht  er  einmal,  sie  ins  Meer 
zu  werfen;  doch  seine  eigentlichen  Mittel  waren  nicht 
die  der  Gewalt,  solang  er  es  vermeiden  konnte.  „Le 
dict  seigneur  Ludovic  estoit  homme  très  saige,"  schreibt 
Philippe  de  Comynes,  „mais  fort  craintif  et  bien  souple 
quant  il  avoit  paour  (j'en  parle  comme  de  celuy  que  j'ay 
cogneu  et  beaucoup  de  choses  traicté  avec  luy),  et  homme 
Sans  foy  s'il  veoit  son  prouffit  pour  la  rompre."  Sein 
politisches  Prinzip  ist,  Unruhe  zu  stiften,  damit  man  ihn 
in  Ruhe  lasse,  die  fremden  Wasser  zu  trüben,  damit  er 
darin  fischen  könne.  Nicht  ein  Ruchloser  im  modernen 
Sinn,  sondern  wie  Burckhardt  von  ihm  sagt:  „Der  Moro 
ist  die  vollendetste  fürstliche  Charakterfigur  dieser  Zeit 
und  erscheint  damit  wieder  wie  ein  Naturprodukt,  dem 
man  nicht  ganz  böse  sein  kann.  Bei  der  tiefsten  Im- 
moralität  seiner  Mittel  ist  er  in  deren  Anwendung  völlig 
naiv."  Ein  Mann  von  weitem  Geist,  hoher  Bildung, 
großer  Einsicht,  ohne  Grausamkeit  und  Härte,  blutscheu 
bis  zur  feigen  Schwäche ,  prachtliebend ,  genußsüchtig, 
will  er  sein  Land  zum  blühendsten ,  glanzvollsten  der 
ganzen  Welt  gestalten.  Er  findet  große  Schätze  ange- 
sammelt vor;  Mailand  ergibt  jährlich  mit  Leichtigkeit 
500000  Dukaten;  Lodovico  versteht  es,  seinen  Unter- 
tanen 650000  abzupressen:  die  Stadt  ist  nach  Venedig 
die  reichste  von  Italien,  reicher  als  ganz  Deutschland,  als 
Frankreich,  als  England;  nur  Spanien  kommt  ihr  noch 
zuvor.     Mit  solchen  Mitteln,  die  sich  in  der  Hand  eines 

XXII 


Fürsten  konzentrierten,  ließ  sich  Großes  leisten,  und  Lo- 
dovico Moro  war  der  Mann,  Großes  zu  unternehmen.  Es 
fehlte  in  Mailand  nicht  an  geistiger  Kultur.  Petrarca 
hatte  hier  gelebt  und  nach  ihm  eine  Schar  von  Huma- 
nisten, als  Hofpoeten,  Staatssekretäre,  Lehrer,  Geschichts- 
schreiber, oft  parasitäre  Existenzen,  die  zugleich  Leute  von 
blendenden  Gaben  oder  mindestens  von  geschicktem  Talent 
waren,  und  hie  und  da  auch  Männer  mit  wahrem  Ver- 
dienst, —  die  Decembrio,  Vater  und  Sohn,  Antonio  Loschi, 
der  Kanzler,  der  kühne  Antonio  da  Rhò,  die  beiden  Bar- 
zizza  und  vor  allem  Filelfo,  der  unverschämte  und  geniale 
Vorgänger  des  Aretin,  dessen  Lob  alle  suchten,  dessen 
lästernden  Spott  alle  fürchteten;  der  Papst  und  Sultan  nach 
seinem  Willen  bog;  der  die  Fürsten  brandschatzte,  um 
seine  Töchter  auszustatten,  und  meinte,  die  Unsterblich- 
keit großer  Taten  hänge  an  der  Spitze  seiner  Feder.  Hat 
Filelfo  auch  den  glänzendsten  Schliff  und  die  Anmut  des 
eigenen  Geistes  in  der  reichen,  üppigen  Gesellschaft  von 
Mailand  verbreitet,  so  hat  sich  doch  nach  seinem  Bei- 
spiel ein  Epigonentypus  des  Humanisten  ausgebildet,  der 
durchaus  keine  Sympathie  erweckt,  der  Typus,  gegen  den 
Leonardo  sich  so  oft  grollend  wandte  .  .  .  Auch  der  Uni- 
versität von  Pavia  fehlte  es  nicht  an  ausgezeichneten 
Professoren  aller  Disziplinen,  besonders  nicht  an  bedeu- 
tenden Vertretern  jener  Wissenschaften,  die  dem  Quattro- 
cento als  der  Inbegriff  menschlicher  Bildung  galten.  Chryso- 
loras  hatte  da  gewirkt,  Antonio  Beccadelli  und  der  größte 
von  allen,  Lorenzo  Valla,  der  aufrichtigste,  freieste  unter 
den  kritisch  schöpferischen  Geistern  der  jungen  Renais- 
sance. Nun  waren  die  Zeiten  Lodovico  Moros  heran- 
gekommen und  die  kulturellen  Bestrebungen  noch  inten- 
siver geworden.  Es  wimmelte  von  gelehrten  Männern 
in  Pavia  und  in  Mailand.  Giorgio  Merula,  Demetrios 
Chalkondylas  unterrichteten.  Bartolommeo  Calco,  ein 
vorzüglicher  Latinist  und  Beschützer  aller  redenden  Künste, 
hatte  das  Staatssekretariat  inne;  Giovanni  Simonetti,  der 

XXIII 


Bruder  des    enthaupteten  Kanzlers  Cicco,    Corio  waren 
die    eleganten  Historiographen   des  Sforza;    es  gab   eine 
förmliche  Milchstraße  von  Dichtern  und  Dichterlingen  bei 
Hof,  Bernardo  Bellincioni,  Lancinus  Curtius,  Taccone,  — 
Gaspare  Visconti,   il  Pistoja,    Serafino  d'Acquila,  —  von 
hochbegabten    Kavalieren    wie  Niccolò    da   Correggio    zu 
schweigen.      Jedermann    dichtete,   jedermann    sang    und 
spielte    die    Laute.      Poesie    und    Musik    dienten    freilich 
nicht  bloß   dem   Bedürfnis   nach   innerer  Weihe  und  Er- 
hebung;  doch   als  Schmuck  des   täglichen  Lebens  waren 
sie  unentbehrlich.     Die  besten  Virtuosen  kamen  von  weit 
und  breit  nach  Mailand  geströmt;  Atalante  Migliorotti,  der 
Lyraspieler,    Jacopo    di    Sansecondo,    der    vorzüglichste 
Geiger   der  Zeit,   Testagrossa,   der   treffliche  Komponist, 
Franchino    Gaffurio,    der    Leiter    einer    ganzen    Kapelle; 
Sänger    von    großem    Ruf,    darunter    Cristoforo   Romano, 
der  berühmte  Medailleur  und  Plastiker,  standen  im  Dienst 
Lodovico  Moros.     Hinsichtlich   der   bildenden  Künste  je= 
doch,    und    folglich    hinsichtlich    seiner  Schönheit  stand 
Mailand  nicht  auf  der  Höhe  seiner  sonstigen  ästhetischen 
Kultur.     Seit  den  Tagen  der  ersten  Visconti  beherrschten 
und  verbrauchten  zwei   riesenhafte  Unternehmungen  alle 
lebendige  Kunstkraft  des  lombardischen  Staates:   der  Bau 
des  Domes  von  Mailand  und  jener  der  Certosa  von  Pavia. 
Alle  Talente  beschäftigten  sie  und  zwangen  unmerklich,  aber 
unausweichlich,  jede  junge  Sonderart  in  den  Linienbann 
ihres  vorgezeichneten  Planes.  Kein  Entkommen  gegenüber 
der  Wucht  des  Baugedankens,  den  vergangene  Geschlechter 
den  Enkeln  im  Quattrocento  als  Erbschaft  auferlegt.    Die 
Monumentalität  der  Anlage   und   des   schon   zu  weit  Ge- 
diehenen beider  erdrückte  oder  verwischte  mindestens  das 
allzu  sehr  Persönliche  in  den  Künstlern.  Sie  mögen  schuld- 
tragen, daß  in  Mailand  länger  als  in  anderen  Städten  Ita- 
liens die  mittelalterliche,  korporative  Kunstübung  in  Schwang 
blieb.    Wie  im  Trecento  zu  Florenz,  vergab  man  hier  im 
Quattrocento  noch  die  Arbeit  stückweise.   Man  spricht  von 

XXIV 


ganzen  Künstlerfamilien  gleich  den  Campionesen.  Ein 
Familienzug  verbindet  auch  die  einzelnen,  oft  sehr  reichen 
Begabungen.  Große  Namen  wie  die  der  Brüder  Mante- 
gazza,  Omodeos,  Dolcebuonos  heften  sich  an  ein  wunder- 
bares Fenster,  an  ein  grandioses  Portal,  an  Details  einer 
Fassade,  und  das  Ganze  stimmt  doch  wie  in  einer  prästabi- 
lierten  Harmonie  zusammen.  All  diese  Kunst  war  näm- 
lich gebundene  Kunst,  Dekor  —  trotz  der  Statuen  zu 
Tausenden,  die  über  den  Dom,  über  die  Kartause  ver- 
streut waren,  trotz  der  geistreichen,  reizvollen  Masken 
und  Köpfe  von  gebranntem  Ton,  die  aus  Fruchtkränzen 
zum  Himmel  aufblickten,  Friese  durchbrachen,  die  Wände 
belebten  und  die  Räume  zu  erweitern  schienen.  In  einer 
übermächtigen,  oft  genialen  Zierkunst  erzogen,  begehrte 
der  mailändische  Geschmack  keiner  Donatellos,  und  als 
dem  Plastiker  vom  Moro  neue  andersartige  Aufgaben  ge- 
setzt wurden,  hatte  man  an  den  heimischen  Kräften,  nicht 
an  den  Mantegazza,  den  Dolcebuono,  Omodeo,  ja,  nicht 
einmal  an  selbständigeren  wie  an  Cristoforo  Solario,  ge- 
nannt il  Gobbo,  oder  an  Cristoforo  Poppa,  den  die  Welt 
als  den  berühmten  Medailleur  Caradosso  kennt,  kein  Ge- 
nügen mehr.  —  Noch  viel  weniger  entwickelt  war  die 
Malerei.  Die  kraftvollen,  tüchtigen  Meister  Zenale,  Vin- 
cenzo Poppa,  Butinone  geradeso  wie  der  zartere,  innig 
fühlende  Ambrogio  Borgognone,  alle  standen  in  tech- 
nischer Vollendung,  in  künstlerischem  Geschmack,  im 
Reichtum  der  persönlichen  Note  weit  hinter  ihren  Zeit- 
genossen zurück.  Sogar  zum  Bauen  —  soweit  es  sich 
um  das  Entwerfen  neuer  Pläne  handelte  —  hatte  man 
stets  des  Auslandes  bedurft;  man  mußte  Heinrich  von 
Gmünd,  Mignot,  Nexenperger,  —  man  mußte  später 
Michelozzo ,  Filarete  befragen.  Das  Außerordentliche 
wurde  aus  der  Fremde  geholt.  Seit  den  Siebzigerjahren 
des  Quattrocento  wirkte  Bramante,  der  Urbinate,  in 
Mailand.  Dorthin  berief  man  auch  Leonardo,  den  Floren- 
tiner. 


XXV 


Nach  dem  Anonimo  und  nach  Vasari  wäre  Leonardo 
eigentlich  als  Musiker  an  den  Hof  des  Sforza  gekommen. 
„Und  er  war  dreißig  Jahre  alt,"  sagte  jener,  „als  er  von 
genanntem  Magnifico  Lorenzo  zugleich  mit  Atalante  Mi- 
gliorotti  zum  Herzog  von  Mailand  geschickt  wurde,  um 
ihm  eine  Lyra  darzubieten,  weil  er  einzig  darin  war,  der- 
gleichen Instrument  zu  spielen."  —  „Es  geschah,"  sagt 
Vasari,  „als  Giovan  Galeazzo  Herzog  von  Mailand  ge- 
storben war  und  Lodovico  Sforza  1494  zum  selben  Grad 
erhoben  worden,  daß  Leonardo  mit  großem  Ruf  zum  Her- 
zog nach  Mailand  geführt  wurde,  der  sich  sehr  am  Klang 
der  Lyra  freute,  damit  er  dort  spiele;  und  Leonardo 
brachte  jenes  Instrument  mit,  das  er  mit  eigener  Hand, 
aus  Silber  großenteils,  in  Form  eines  Pferdeschädels  ge- 
macht hatte,  —  bizarre  und  neue  Sache,  —  damit  die 
Harmonie  von  größerer  Tuba  und  Schall  der  Stimme  sei; 
dadurch  übertraf  er  alle  Musiker,  die  hier  zum  Spielen 
versammelt  waren."  Um  1494  jedoch  befand  sich  Leo- 
nardo schon  längst  in  Mailand.  Wir  besitzen  Dokumente 
darüber,  daß  er  1487  mehrere  Teilzahlungen  für  das 
Modell  einer  Zentralkuppel  erhalten  hatte,  das  er  bei  einer 
Konkurrenz  für  den  Dom  von  Mailand  angefertigt,  aber 
1490  wieder  zurückzog,  mit  dem  Versprechen,  eine  andere 
Zeichnung  zu  machen,  was  er  dann  niemals  tat.  Schon 
1810  hat  Giuseppe  Bossi  in  seinem  Buch  über  das  „Abend- 
mahl" nachgewiesen,  daß  Leonardo  bereits  1482,  späte- 
stens 1483  am  Hof  Lodovicos  beschäftigt  war.  Fra  Sabba 
da  Castiglione,  der  ihn  noch  selbst  gekannt,  schreibt  als 
alter  Mann  in  seinen  „Ricordi"  nach  bewundernden  Worten 
für  das  Abendmahl,  es  seien  wenig  andere  Werke  seines 
Pinsels  erhalten;  denn  sobald  Leonardo  der  Malerei  hätte 
obliegen  sollen,  „gab  er  sich  ganz  der  Architektur,  der 
Geometrie,  der  Anatomie  hin;  und  überdies  beschäftigte 
er  sich  mit  der  Form  des  Pferdes  von  Mailand,  womit 
er  sechzehn  Jahre  hintereinander  verbrachte,  und  sicher 
ist,  die  Würdigkeit  des  Werkes  war  eine  solche,  daß  man 

XXVI 


nicht  sagen  konnte,  er  habe  die  Zeit  und  die  Mühe  dabei 
verloren".  „Aber",  fügt  er  hinzu,  und  ich  möchte  die 
wichtige  Stelle  gleich  hier  anführen,  „die  Unwissenheit 
und  Nachlässigkeit  einiger  (die,  weil  sie  die  Tugend  nicht 
kennen,  sie  für  nichts  erachten)  ließ  diese  Form  schmach- 
voll verfallen  (roinare),  und  ich  rufe  euch  zurück  (und 
nicht  ohne  Schmerz  und  Bedauern  sage  ich  es),  wie  eine 
so  edle  und  sinnreiche  Sache  zur  Zielscheibe  gasko- 
nischer Armbrustschützen  geworden  ist."  Da  jedoch  Leo- 
nardo 1499,  als  die  Stadt  den  Franzosen  in  die  Hände 
fiel,  Mailand  für  Jahre  verlassen  hatte,  müßte  er  nach 
Castiglione  mindestens  1483  schon  dort  gewesen  sein,  — 
es  war  aber  ziemlich  sicher  früher,  und  das  zu  konstatieren 
ist  von  Wichtigkeit;  denn  die  Jahre  zwischen  1481  und 
1484  soll  nach  J.  P.  Richter  Leonardo  im  Orient  verbracht 
haben,  in  Ägypten,  Syrien  usw.  Die  Beweise  sind  nur  für 
schon  Überzeugte  stichhaltig:  daß  er  nach  orientalischer 
Art  von  rechts  nach  links  geschrieben;  daß  er  Briefe  aus 
Armenien  verfaßt  usf.  (s.  S.  222  u.  fF.).  Der  platten  Wahr- 
heit nach  müssen  wir  aber  annehmen,  daß  Leonardo  um 
1482  etwa  nach  Mailand  berufen  worden,  um  für  Lodo- 
vico Moro  das  Reiterdenkmal  seines  Vaters  Francesco 
Sforza,  des  Gründers  der  Dynastie,  anzufertigen:  dies 
bezeugt  uns  die  Stelle  des  Codex  atlanticus  (S.  204),  in 
der  Leonardo  sich  selbst  als  jenen  bezeichnet,  den  „der 
Herr  (il  Signore,  nämlich  Lodovico,  Herr,  obgleich  noch 
nicht  Herzog  von  Mailand),  um  dieses  Werk  zu  machen, 
aus  Florenz  herbeigezogen  hat  (ha  tratto  di  Firenze)". 
Welches  Werk  jedoch  hier  gemeint  ist,  sagt  eine  Stelle 
vorher:  „das  Pferd  des  Herzogs  Francesco  aus  Bronze". 
Es  existiert  im  Cod.  atlanticus  Fol.  391  r.  der  Entwurf  zu 
dem  berühmten  Schriftstück,  in  welchem  Leonardo  sich 
dem  Lodovico  Moro  empfiehlt.  Er  sagt,  daß  er  nun  lang 
genug  die  Probestücke  jener  gesehen  und  betrachtet  habe, 
so  sich  für  Meister  und  Kompositoren  von  Kriegsgeräten 
halten,  und  da  er  gefunden  habe,  daß  diese  in  nichts  von 

XXVII 


jenen  abweichen,  die  im  allgemeinen  Gebrauche  sind,  so 
wolle  er,  ohne  jemand  anderen  herabzuziehen,  seine  Ge- 
heimnisse eröffnen  und  sie  Seiner  Exzellenz  zu  jedem 
Gefallen  anbieten.  Und  nun  zählt  er  in  neun  Paragraphen 
seine  Erfindungen  auf:  transportable  Brücken;  Belage- 
rungsmaschinen; gedeckte  Kriegswagen,  Minengänge;  Bom- 
barden,  Mörser  und  Passe volanten  usw.  für  Land-  und 
Seekampf.  In  dem  10.  Paragraphen  meint  er,  er  ver- 
möge wie  jeder  andere  in  der  Komposition  von  öffent- 
lichen und  privaten  Gebäuden,  sowie  im  Leiten  des 
Wassers  von  Ort  zu  Ort  zufriedenzustellen;  ebenso  in 
der  Skulptur,  sei  es  in  Marmor,  Erz  oder  Ton;  similiter 
in  der  Malerei,  in  Vergleich  mit  jedem,  sei  er,  wer  er 
auch  wolle.  Außerdem  könnte  er,  sagt  Leonardo,  neben- 
bei dem  Bronzepferd  Arbeit  schenken,  das  unsterblicher 
Ruhm  und  ewige  Ehre  sein  werde  dem  glücklichen  An- 
gedenken von  Lodovicos  Herrn  Vater  und  des  ganzen 
erlauchten  Hauses  Sforza  (Seite  198  u.  ff.).  Der  Entwurf 
ist  leider  undatiert,  doch  ist  es  klar,  daß  er  gemacht  ward, 
als  Skizzen  für  das  Denkmal  dem  Moro  schon  vorgelegen. 
Man  möchte  glauben,  Leonardo,  ohne  entscheidende  Ant- 
wort, habe  versucht,  sich  dem  Herrn  von  Mailand  ins 
Gedächtnis  zu  rufen,  indem  er  ihm,  der  gerade  mit 
Venedig  in  Fehde  lag,  vor  allem  seine  Dienste  als  Kriegs- 
ingenieur anbot,  die  nützlicher  und  daher  verführerischer 
scheinen  mochten  als  die  des  einfachen  Künstlers.  Wie 
dem  auch  sei,  jedenfalls  beweist  uns  das  Schriftstück, 
mit  wieviel  Dingen  Leonardo  sich  damals  schon  abgab 
und  was  er  sich  alles  zutrauen  durfte.  Dennoch  begann 
erst  jetzt  die  volle  Entfaltung  seines  Genies. 

Über  die  allernächsten  Jahre  in  Mailand  sind  wir  schlecht 
unterrichtet.  Wir  wissen  so  obenhin,  daß  Leonardo 
hier  mehrere  Porträts  gemalt  und  haben  Grund  anzu- 
nehmen, daß  es  um  diese  Zeit  geschah.  Wenn  das  Jüng- 
lingsbildnis im  IV.  Saal  der  Brera,  das  neben  der  so- 
genannten „mailändischen  Prinzessin"  hing   und   das  auf 

XXVIII 


Galeazzo  Sanseverino   getauft  war,    sich  wirklich  als  ein 
Leonardo  erwiese,  wie  es  nach  Abdeckung  des  Gemäldes 
neuerlich  behauptet  wird,  so  könnte  dies  Konterfei  —  es 
stellt    nicht  Galeazzo   dar,   sondern  einen  Musiker,    etwa 
Franchino  Gaffurio,  wie  Beltrami   vorschlägt  —   nur  an- 
fangs   der  Achtzigerjahre    gemalt   worden    sein.     Ebenso 
das  Bildnis  der  schönen  Cecilia  Gallerani,  Geliebten  des 
Lodovico  Moro,  die  man  unter  die  bedeutendsten  Frauen 
des  Quattrocento  zählt.    Von  adeligem  Geschlecht,  später 
an  einen  Grafen  Bergamino  verheiratet,  reich  und  liebens- 
würdig, vereinigte  sie  in  ihrem  Hause  die  Blüte  der  mai- 
ländischen   Gesellschaft  zu  jenen  geistigen  Festen,    von 
deren  Zauber  uns   die  Novellen,   die  Dialoge  jener  Zeit, 
die    Bilder    des    Giorgione    und    ein    paar    Porträts    ein 
sehnsuchtweckendes  Andenken   bewahren.     »Da    es    mir 
heute  widerfahren,"    schreibt  ihr  im  April   1498  Isabella 
Gonzaga,  „gewisse   schöne  Bildnisse  von   der  Hand   des 
Zoanne  Bellino  zu  sehen,  sind  wir  im  Gespräch  auf  die 
Werke  des  Leonardo  gekommen,  mit  dem  Wunsch,  sie  im 
Vergleich  mit  diesen  zu  sehen,  so  wir  haben;  und  in  Er- 
innerung,   daß    er  Euch    nach    der  Natur    konterfeit  hat, 
bitten  wir  Euch   durch   den  gegenwärtigen  Kavalier,   den 
wir  nur  um  dessenwillen  schicken,  daß  Ihr  uns  dies  Euer 
Bildnis  senden  wollet."  —  „Ich  habe  gesehen,  was  Eure 
Herrlichkeit,    ich  weiß    nicht,   ob   mit  größerer  Liebens- 
würdigkeit oder  Güte  geschrieben  hat,   daß  Sie  es  gern 
hätte,  mein  Porträt  zu   sehen,  welches  ich  Ihr  schicke, 
und   schickte   es  viel   lieber,  wenn   es  mir  gliche.     Und 
glaube    Eure    Herrlichkeit    nicht,    dies    gehe    aus    einem 
Fehler  des  Malers  hervor;  denn  in  Wahrheit,  ich  glaube, 
es  gibt  seinesgleichen   nicht;    ist  nur,  weil   dies  Bild   in 
so  unvollkommenem  Alter  gemacht  wurde,  daß  ich  jene 
Ähnlichkeit  völlig  gewechselt  habe,  so  daß,  selbiges  Bild 
und  mich  ganz  nebeneinander  zu  sehen,   es  keinen  gibt, 
der  urteilte,   es  sei  für  mich  gemacht."     Leider  ist  uns 
diese   Arbeit  nicht  erhalten    geblieben.     Dagegen    dürfte 

XXIX 


das  Porträt  der  Lucrezia  Crivelli  —  man  glaubt,  ohne 
rechten  Grund,  es  in  der  „Belle  Ferronnière"  des  Louvre 
zu  erkennen,  die  wohl  nicht  einmal  von  Leonardo  ist  — 
erst  viel  später  gemalt  worden  sein. 
In  dieses  Jahrzehnt  fallen  wahrscheinlich  die  meisten 
der  architektonischen  Skizzen,  die  im  Ms.  B.  des  „Institut" 
in  Paris,  im  Codex  Trivulzio  und  im  Codex  atlanticus, 
in  den  Mss.  des  British  Museum  zu  London  usw.  auf- 
bewahrt sind.  Man  hat  sich,  trotz  der  Arbeiten  des  Baron 
Henri  Geymüller,  noch  nicht  genug  damit  beschäftigt.  Wenn 
auch  ein  Teil  dieser  Zeichnungen  nur  dem  Selbstunter- 
richt gedient  haben  mochte,  z.  B.  um  alle  Kombinations- 
möglichkeiten eines  Kuppelbaues  auf  verschiedenem  Grund- 
riß herauszufinden;  wenn  auch  manches  nur  als  Unter- 
lage für  den  Traktat  über  Architektur  gedacht  sein  mochte, 
den  Leonardo  gleichwie  ach!  so  vieles  andere  plante:  — 
daß  sich  seine  praktische  Tätigkeit  als  Architekt  bloß  auf 
das  Modell  beschränkt  haben  soll,  das  er  für  die  Kuppel 
des  mailänder  Domes  eingereicht  und  zurückgezogen  hat, 
ist  doch  nicht  glaublich.  Die  Geschichte  der  Bauten,  die 
zwischen  1472 — 1499  in  Mailand  entstanden,  ist  weit  ent- 
fernt, ganz  erforscht  zu  sein.  Die  Arbeiten  Müller- Waldes 
über  Leonardo  harren  des  Abschlusses.  Wir  müssen 
uns  damit  begnügen,  Geymüller  anzuführen,  welcher  sagt 
(J.  P.  Richter,  Literary  works  of  Leonardo,  IL),  es  gebe 
in  der  Lombardei  hervorragende  Gebäude  aus  dieser 
Zeit,  deren  Urheber  unbekannt  geblieben  und  deren  künst- 
lerisches Verdienst  ein  so  hohes  ist,  daß  die  Vermutung 
gar  nicht  unwahrscheinlich  ist,  es  sei  Bramante  oder 
Leonardo  an  dem  Bau  beteiligt  gewesen.  Die  Erforschung 
der  Werke  Bramantes  ist  seither  von  dem  glücklichsten, 
überraschendsten  Erfolg  begleitet  gewesen;  Leonardo  der 
Architekt  ist  uns  noch  ein  dunkles  Rätsel.^  Wir  können 
uns  nur  an  Leonardo  den  Theoretiker  im  Baufach  halten, 
der  so  viel  Ansehen  genoß,  daß  man  sein  Gutachten 
einholte    —    in    Mailand,    in    Pavia    (1490),    später    in 

XXX 


Florenz;  den  Beginn  eines  solchen  Gutachtens  finden 
wir  im  Cod.  atlanticus  entworfen  (s.  S.  200).  Am  inter- 
essantesten aber  sind  uns  seine  Ideen  über  Städtebau. 
Ob  sie  je  in  genaue  Vorschläge  formuliert  werden  durf- 
ten? Sicher  hat  er  von  ihnen  gesprochen,  und  seine 
Aufzeichnungen  sind  nur  ein  Echo  der  Einwände,  die 
man  ihm  gemacht,  ein  Seufzer,  den  kein  Sterblicher 
vernommen.  „Gib  mir  Autorität  (alturità),"  sagt  er  (Ms. 
CA.  Fol.  65  V.),  „damit  ohne  Kosten  für  dich  gemacht 
werde,  daß  alle  Plätze  ihren  Häuptern  gehorchen,  welche 
Häupter  .  .  .  Der  vorherige  Ruhm  wird  ewig  werden, 
zugleich  mit  der  Einwohnerschaft  der  Städte,  so  er  er- 
baut und  vergrößert  hat  .  .  ."  Dann,  nach  einigen 
Süchtigen  Worten  über  die  Reinhaltung  der  Kanäle,  ein 
Versuch,  den  Fürsten  auf  andere  Art  für  seine  Pläne 
zu  kaptivieren:  „Alle  Völker  gehorchen  ihren  Häuptern 
und  werden  von  ihnen  geleitet,  und  selbige  Häupter 
sind  mit  den  Herren  (signori)  durch  zweierlei  verbunden 
und  bezwungen:  entweder  durch  die  Verwandtschaft 
des  Blutes  oder  durch  die  des  Gutes.  Durch  Blut, 
wenn  ihre  Söhne  gleichwie  Geiseln  Sicherheit  und  Pfand 
ihrer  bezweifelten  Treue  geben.  Durch  Gut,  wenn  du 
jedem  von  ihnen  ein  bis  zwei  Häuser  innerhalb  seiner 
Stadt  wirst  mauern  lassen,  von  welchen  er  einige  Steuer 
ziehe.  Und*  —  nun  zeigt  sich  Leonardo  in  seinen  Ideen 
als  ein  Bürger  unserer  eigenen  Zeit  —  „du  wirst  in  zehn 
Städten  fünftausend  Häuser  mit  dreißigtausend  Einwohnern 
erzielen  und  so  viel  Ansammlung  von  Volk  zerstreuen, 
die  im  Gleichnis  der  Ziegen  eines  auf  dem  Rücken  des 
anderen  stehen  und,  jedes  Tor  mit  Gestank  anfüllend, 
sich  zum  Samen  pestilenzialischen  Todes  machen  .  .  . 
Und  die  Stadt  macht  Schönheit  zur  Gesellin  ihres  Namens, 
und  dir  sich  nützlich  durch  ihre  Gaben  und  den  ewigen 
Ruhm  ihres  Wachstums"  .  .  .  Das  Ms.  B.  des  Institut 
de  France  enthält  Zeichnungen  und  Anweisungen  für  den 
Bau    dieser   idealen   Stadt.     Sie    soll    am  Meer  oder  an 

XXXI 


einem  „schönen"  Fluß  gelegen  sein,  der  Kanäle  gäbe, 
der  nicht  Geröll  führte,  wie  der  Tessin  und  die  Adda, 
der  weder  überschwemmte,  noch  austrocknete,  zu  welchem 
Zweck  man  bei  der  Stadt  Bassins  anlegen  müßte.  Der 
Fluß,  die  Kanäle  wären  da,  um  allen  Schmutz  des  Ortes 
wegzubringen.  „Die  Straßen  seien  so  breit,  wie  die  all- 
gemeine Höhe  der  Häuser  ist."  Die  Straßen  seien  dop- 
pelte, obere  und  untere.  Die  oberen  seien  gegen  die  Mitte 
zu  geneigt,  wo  dann  ein  fingerbreiter  Spalt  das  Regen- 
wasser wegführt;  die  unteren  werden  vom  Flußwasser 
gereinigt  und  „mit  Harken  aller  Schlamm,  der  sich  dort 
sammelt,  weggebracht".  —  „Und  wisse,  daß,  wer  durch  den 
ganzen  Ort  auf  den  hohen  Straßen  gehen  wollte,  sie  nach 
seinem  Dünken  benutzen  könnte,  und  wer  durch  die 
niedrigeren  gehen  wollte,  ebenfalls  das  gleiche.  Durch 
die  hohen  Straßen  sollen  nicht  die  Karren,  noch  andere 
derartige  Sachen  gehen;  im  Gegenteil  seien  sie  nur  für 
die  edeln  Leute  (gentili  uomini);  durch  die  niedrigeren 
sollen  die  Karren  und  die  übrigen  Lasten  gehen,  zu 
Gebrauch  und  Bequemlichkeit  des  Volkes."  Treppen 
verbinden  die  oberen  und  die  unteren  Straßen,  welch 
letztere  ihr  Licht  von  oben  erhalten.  Die  Häuser  „kehren 
einander  den  Rücken  zu  und  lassen  die  niedrige  Straße 
in  der  Mitte  zwischen  sich".  An  den  vorderen  Toren 
werden  die  Lebensmittel,  Holz  und  Wein  usw.  herbei- 
geschafft —  einzelne  Pläne  zeigen  Kanäle,  die  direkt  zu 
den  Kellern  führen  — ,  alle  menschlichen  und  tierischen 
Abfälle  werden  auf  unterirdischem  Weg  oder  zu  Wasser 
aus  den  Häusern  und  Ställen  geschafft.  Ein  Blatt  des 
Cod.  atl.,  das  ich  reproduziere,  ist  bedeckt  mit  Entwürfen 
zu  Hebewerken,  die  teils  mit  Luftdruck  arbeiten,  teils 
andere  Methoden  verwenden,  um  das  Wasser  bis  in  die 
höchsten  Stockwerke  der  Häuser  zu  leiten.  Leonardo  denkt 
an  alles  —  an  Licht  und  Luft,  an  die  Vorrichtungen  zum 
Heizen,  an  gute  Kamine,  —  an  Bratspieße,  die  von  der 
erwärmten  Luft  gedreht  werden,  —  an  selbstschließende 

XXXII 


00 
fO 

J 
O 

u-, 

J 

H 

d 
o 
u 


00 

p 

< 
< 

< 
X 
U 
D 
< 

u 

UJ 

X 
ca 

UÌ 
CO 
C/D 

<: 
a 

Od 

<; 
z 

o 

u 


0 


o 

Uh 
J 

< 

Q 
O 

U 


Oi 
lü 

CO 

< 

OQ 

a 

CA 

< 

2 

O 

w 


Türen,  —  an  Bequemlichkeiten  und  an  hygienische  Ein- 
richtungen, die  uns  das  19.  Jahrhundert  zum  Teil  ge- 
bracht hat,  —  zum  Teil  auch  nicht;  denn  die  schöne, 
gesunde,  mittelgroße  Stadt,  die  Leonardo  ausgedacht  und 
aufgezeichnet  hat,  ist  auch  für  uns  noch  ein  Traum  der 
Zukunft.  Dr.  Solmi  meint,  diese  Ideen  und  Pläne  seien 
in  Leonardo  nach  der  schrecklichen  Pest  entstanden,  die 
1484 — 1485  die  Städte  Mailands  verheert  und  halb  ent- 
völkert hätte.  Es  spricht  nichts  gegen  diese  Vermutung. 
Die  Manuskripte  erzählen  uns  aber  noch  von  anderen 
theoretischen  Studien,  die  Leonardo  im  ersten  Jahrzehnt 
seines  Aufenthalts  in  Mailand  getrieben,  —  von  Festungs- 
bauten, —  speziell  Plänen  zu  einem  Wachtturm,  wie  ver- 
mutet wird,  für  das  Kastell  von  Mailand,  wobei  auch  ein 
Versuch  gemacht  ist,  ob  Schönheit  sich  der  Nützlich- 
keit gesellen  könne;  denn  eine  Skizze  zeigt  solch  einen 
Turm,  dessen  Kuppel  vielleicht  weniger  praktisch,  dafür 
aber  in  Harmonie  mit  den  vielen  Kuppeln,  die  sich  unter 
dem  Einfluß  Bramantes  damals  über  Mailands  Kirchen 
zu  wölben  begannen.  Andere  Blätter  sind  mit  Entwürfen 
für  Waffen  bedeckt;  ich  gebe  ein  solches  wieder,  das 
eine  Bailiste  zeigt.  Ms.  B.  ist  ganz  angefüllt  mit  Zeich- 
nungen von  Angriffs-  und  Verteidigungsgerät.  Man  sieht 
darin  Altes  in  geistreichster  Kombination  neu  in  Betracht 
gezogen,  z.  B.  Kriegswagen,  mit  Doppeldeckel,  wie  eine 
Schildkröte^  geformt,  die  Zugtiere  innen,  Schießscharten 
im  Mantel;  man  sieht  die  uralten  Sichelwagen  in  einer 
Ausführung,  die  mit  der  Überleitung  der  rotierenden  Be- 
wegung gänzlich  an  moderne  amerikanische  Mähmaschinen 
erinnern,  —  interessant  und  unverwendbar,  wie  Leonardo 
bald  selbst  einsieht;  doch  verblüffend  sind  die  verschie- 
denen Entwürfe  zu  Geschützen  mit  Vorder-  und  mit 
Hinterladung  (Ms.  B.  Fol.  32,  31,  24),  zu  deren  Fabrikation 
Leonardo  eine  eigene  Maschine  (Ms.  CA.  Fol.  2  r.)  er- 
dacht hat.  Verblüffend  ist  nicht  so  sehr  der  Einfall.  Wir 
lernen    ja    allmählich    einsehen,   daß    wir  uns  irrtümlich 

III        Herzfeld,  Leonardo, 

XXXIII 


gewöhnt  haben,  das  Mittelalter  im  selben  Maße  zu  unter- 
schätzen, in  dem  wir  unsere  eigenen  Tage  überschätzen. 
Verblüffend  ist  die  ganz  moderne  Einfachheit  und  Ele- 
ganz der  Lösung,  welche  diese  wie  alle  Mechanismen 
Leonardos  charakterisiert.  Und  dabei  ist  Leonardo  kein 
Praktiker  im  gewöhnlichen  Sinne.  Zu  seinen  Erfindungen 
kommt  er  auf  theoretischem  Wege.  Sein  Sinnen  ist  auf 
die  Erforschung  der  Natur  und  ihrer  Gesetzmäßigkeit 
gerichtet.  Er  will  sie  begreifen,  ehe  er  sie  nutzbar  zu 
machen  versucht.  Auch  für  die  Kunst.  Denn  die  Kunst 
soll  nicht  mehr  bloß  eine  Handfertigkeit  gescholten 
werden.  Sie  soll  eine  feste  wissenschaftliche  Grundlage 
erhalten.  Schon  plant  Leonardo  seinen  großen  Traktat 
über  Malerei.  Er  beginnt  die  Vorarbeit,  indem  er  sich 
mit  Studien  über  Licht  und  Schatten,  vor  allem  jedoch 
mit  der  Ergründung  des  menschlichen  Baues  beschäftigt. 
Eines  jener  Hefte  der  Windsor-Sammlung,  das  der  Russe 
Theodor  Sabaschnikoff  unter  der  sachverständigen  Mit- 
hilfe von  Giovanni  Piumati  herausgegeben  hat  —  es  ist 
der  Band  mit  den  Fogli  B  —  enthält  auf  Fol.  42  r.  die 
Bemerkung:  „A  dì  2  d'aprile  1489  Libro  titolato  de  figura 
umana".  Am  zweiten  Tag  des  April  1489,  das  Buch 
betitelt:  „Von  der  menschlichen  Figur".  Aber  dies  Buch 
von  der  menschlichen  Figur  beschränkte  sich  nicht  auf 
das,  was  der  Maler  brauchte.  Das  gleiche  Heft  skizziert 
auf  Fol.  42  verso,  über  welche  Dinge  Leonardo  seine 
Untersuchungen  erstrecken  will:  „Welcher  Nerv  ist  der 
Grund,  durch  die  Bewegung  des  einen  Auges  zu  machen, 
daß  die  Bewegung  das  andere  ziehe?"  .  .  .  Vom  Schließen 
des  Lides,  vom  Offnen  des  Lides,  vom  Rümpfen  der  Nase, 
vom  Schmollen  der  Lippen  usw.,  vom  Lachen,  Weinen, 
Niesen,  Gähnen;  von  Epilepsie,  Paralyse,  Zittern  vor 
Kälte;  von  Schweiß,  Müdigkeit,  Hunger,  Schlaf  will  er 
Ursache  und  Vorgang  erforschen;  zurückgehen  will  er 
auf  die  Embryologie;  über  den  Mechanismus  der  Be- 
wegung verlangt  er  klar  zu  werden:  das  Programm  kenn- 

XXXIV 


zeichnet  das  weit  fassende  Genie  des  Mannes.  Auch 
minder  schwierige  Dinge  nahmen  seine  Zeit  gebieterisch 
in  Anspruch,  Dinge  freilich,  die  man  damals  für  ernst 
und  sehr  würdig  erachtete,  weil  im  Leben  nichts  so 
wichtig  war,  wie  das  Schöne  in  jeglicher  Form,  Man 
erinnere  sich  bloß  an  die  Rolle,  die  die  Kleidung  spielte, 
—  mit  welcher  Genauigkeit  Briefe,  Tagebücher,  Chro- 
niken, Gedichte  berichten,  was  die  und  der  (und  ihr 
Pferd  und  sein  Knecht)  an  dem  und  jenem  Tage  getragen 
hatten.  Man  feierte  1489 — 1490  im  Mailändischen  pracht- 
volle Feste.  Lodovico  verheiratete  seinen  Neffen,  den 
Herzog  Gian  Galeazzo,  dem  er  die  Regierung  vorzuent- 
halten fest  gewillt  war,  mit  Isabella  von  Aragonien,  Tochter 
des  Kronprinzen  Alfonso  von  Neapel,  also  Enkelin  des 
mächtigen  Königs  Ferrante.  Es  war  ein  1480  geschlos- 
senes Kinderverlöbnis ,  das  der  Moro ,  trotz  der  Ge- 
fahren, die  es  für  seine  Pläne  barg,  nicht  aufzuheben  ge- 
wagt: er  vertraute  seinem  auskunftsreichen  Geist  und  dem 
Zufall,  dem  er  nur  allzu  viele  Türen  in  sein  Haus  zu  öffnen 
stets  bemüht  gewesen.  Der  Tod  von  Lodovicos  Schwester 
Ippolita  Sforza,  welche  die  Mutter  der  jungen  Braut  war, 
unterbrach  die  Hochzeitsfeste;  erst  ein  Jahr  später  wurden 
sie  wieder  aufgenommen  und  gipfelten  in  einer  Vorstellung, 
die,  wie  Dr.  E.  Solmi  festgestellt  hat,  am  13.  Januar  1490 
stattfand.  Man  nannte  sie  „Paradies",  „weil  mit  großem 
Scharfsinn  und  mit  Kunst  Maestro  Leonardo  Vinci  der 
Florentiner  den  Himmel  gebaut  hat  mit  all  den  sieben 
Planeten,  der  sich  dreht,  und  die  Planeten  waren  von 
Menschen  dargestellt,  in  Form  und  Kleidung,  wie  die 
Poeten  sie  beschreiben;  welche  Planeten  alle  zum  Lob 
der  bemeldeten  Herzogin  Isabella  sprechen,  wie  du  sehen 
wirst,  wenn  du  es  liest"  (Einleitung  zu  den  Versen  des 
Bernardo  Bellincioni,  zitiert  von  Carlo  Amoretti,  Seite  35). 
Die  künstlerische  Tätigkeit  Leonardos  war  aber  während 
dieser  ganzen  Zeit  besonders  dem  Sforzadenkmal  ge- 
widmet. Bekanntlich  ist  uns  von  ihm  nichts  übrig  ge- 
ni» 

XXXV 


blieben.  Wir  haben  nicht  einmal  eine  Beschreibung,  die 
hülfe,  mit  Sicherheit  uns  zurechtzufinden.  Denn  es 
gilt  eben,  sich  zurechtzufinden.  Es  gibt  eine  ver- 
wirrende Menge  von  Studien  Leonardos,  die  einem 
Reiterdenkmal  gelten.  Aber  welchem  ?  Es  ist  noch 
ein  anderer  Anspruchswerber  da.  Wir  haben  nämlich 
auch  einen  ganz  ins  einzelnste  gehenden  Kostenvoran- 
schlag für  ein  Grabmal  mit  Reiterstatue,  das  nicht  den 
Sforza,  sondern  den  Feind  und  Besieger  der  Sforza, 
Gian  Giacomo  Trivulzio,  verewigen  sollte  (Ms.  CA.  Fol. 
179  V.).  Allein  dieser  zweite  Anspruchswerber  ist  uns 
eher  ein  Glücksfall.  Es  wird  behauptet,  die  Skizzen,  die 
ihm  zukommen,  hätten  sichere  Merkzeichen,  die  der 
sorgfältigen  Prüfung  die  Möglichkeit  gewähren,  die  Ent- 
würfe zu  ordnen,  zu  gruppieren  und  in  großen  Umrissen 
auch  zu  datieren.  Auf  dem  Weg  der  scharfsinnigen,  müh- 
samen, leider  nicht  beendigten  Untersuchungen  des  Dr. 
Paul  Müller-Walde  (Jahrbuch  der  preußischen  Kunst- 
sammlungen, Bd.  18,  19,  20),  dessen  Methode  Bewun- 
derung erheischt,  selbst  wenn  die  Phantasie  ihn  oft  beirrt, 
kommt  vielleicht  einmal  volles  Licht  in  die  Sache.  Vasari 
schreibt  in  seinem  Leben  des  Antonio  del  Pollajuolo: 
„Es  fand  sich  nach  seinem  Tode  die  Zeichnung  und  das 
Modell,  so  er  dem  Lodovico  Sforza  für  die  Statue  zu 
Pferd  des  Francesco  Sforza,  Herzogs  von  Mailand,  ge- 
macht hatte,  welche  Zeichnung  in  unserem  Buche  (Va- 
saris  Skizzensammlung)  ist,  in  zweierlei  Art:  in  der  einen 
hat  er  Verona  unter  sich  ;  in  der  zweiten  ganz  gewappnet 
und  auf  einer  Basis  voll  mit  Schlachten,  läßt  er  sein 
Roß  auf  einen  Bewaffneten  springen;  aber  den  Grund, 
weshalb  er  diese  Zeichnungen  nicht  ins  Werk  setzte, 
habe  ich  noch  nicht  erfahren  können."  Eine  dieser 
Zeichnungen  hat  der  italienische  Senator  und  berühmte 
Kunstkenner  Giovanni  Morelli  (Iwan  Lermolieff)  in  der 
Pinakothek  zu  München  entdeckt.  „Das  Profil  des  Reiters**, 
bemerkt    J.    P.   Richter    (Bd.  II,    S.  2    seines    Leonardo- 

XXXVI 


Werkes),  „ist  ein  Porträt  des  Francesco  Herzogs  von 
Mailand,  und  unter  dem  Pferd,  das  nach  links  galoppiert, 
sehen  wir  einen  Krieger  niedergeworfen  auf  dem  Boden 
liegen,  —  genau  dieselbe  Idee,  wie  wir  sie  auf  einigen 
von  Leonardos  Zeichnungen  für  das  Monument  finden, 
und  da  es  unmöglich  ist,  dieses  merkwürdige  Zusammen- 
treffen zu  erklären,  indem  man  annimmt,  einer  dieser 
Künstler  habe  vom  andern  entlehnt,  können  wir  nur 
schließen,  daß  in  den  Bedingungen  für  den  Bewerb  der 
Vorschlag  war,  den  Herzog  auf  einem  Pferd  in  vollem 
Galopp,  mit  einem  gefallenen  Feind  unter  den  Hufen,  dar- 
zustellen." Wenn  der  Schluß  richtig  ist,  so  wären  jene 
Skizzen  Leonardos,  in  denen  der  Reiter  über  den  gefallenen 
Feind  hinwegspringen  will,  vor  dem  das  Pferd  sich  bäumt, 
oder  auf  den  es  mit  scheuem  Mitleid  herabsieht,  während 
der  Kavalier,  bald  den  Arm  mit  dem  Kommandostab  nach 
rückwärts  geworfen,  um  den  Triumph  zu  künden,  bald  nur, 
eine  Waffe  schwingend,  wild  vorzustürmen  scheint  usf., 
geniale  Lösungen  eines  vorgeschriebenen  Themas,  dessen 
Unerhörtheit  ihn  verführen  mußte.  Welche  dieser  Skizzen 
Leonardo  zum  ersten  Modell  geformt  hat,  wissen  wir 
nicht.  Es  scheint  aber,  daß  der  Gedanke,  diese  Kühn- 
heiten in  so  kolossale  Massen  von  Bronze  auszugießen, 
ihn  schließlich  doch  mit  banger  Skepsis  erfüllt  habe. 
Ms.  Ash.  L,  das  aus  den  Jahren  1489 — 90  stammt,  ent- 
hält auf  Fol.  16  r.  eine  Bemerkung,  die  sich  wohl  darauf 
bezieht:  „Die  Figuren  in  erhabener  Arbeit"  (rilievo,  wor- 
unter Leonardo  immer  freistehende  Figuren  meint),  „die 
in  Bewegung  zu  sein  scheinen,  —  wenn  du  sie  auf  die 
Füße  stellen  willst,  fallen  sie  der  Vernunft  nach  (per 
ragione)  vornüber."  Ob  die  Weigerung  Leonardos,  auf 
dieser  Basis  eine  riesenhafte  Reiterstatue  auszuführen,  dran 
schuld  trug,  oder  anderes,  —  es  steht  fest,  daß  es  in  diesem 
Augenblick  zwischen  dem  Künstler  und  seinem  Auftrag- 
geber zu  Konflikten  kam.  In  seiner  so  tiefgehenden 
Arbeit    veröffentlicht  Müller-Walde    folgenden   Brief  des 

XXXVII 


florentìnischen  Geschäftsträgers  zu  Mailand,  Piero  Ale- 
manni an  Lorenzo  Medici  (Jahrbuch  der  preußischen 
Kunstsammlungen,  Bd.  XVIII):  „Der  Herr  Lodovico  ist 
gesonnen,  dem  Vater  eine  würdige  Grabstätte  zu  machen, 
und  bereits  hat  er  angeordnet,  daß  Leonardo  da  Vinci 
das  Modell  dazu  mache,  nämlich  ein  sehr  großes  Pferd 
aus  Bronze,  darauf  den  Herzog  Francesco  bewaffnet. 
Und  weil  er  eine  Sache  in  superlativem  Grade  machen 
will,  hat  er  mir  gesagt,  ich  solle  Euch  für  sein  Teil 
schreiben,  daß  er  wünsche,  Ihr  möchtet  ihm  einen  Meister 
oder  zwei  senden,  geeignet  zu  solchem  Werke.  Denn 
obwohl  er  die  Sache  Leonardo  da  Vinci  übertragen, 
scheint  es  mir  nicht,  er  sei  sehr  getrost,  daß  der  sie 
auszuführen  vermöchte."  Dieser  Brief  ist  vom  22,  Juli 
1489.  Lorenzo  Medici  hat  offenbar  keinen  anderen. 
Meister  nach  Mailand  geschickt  (Müller-Walde  meint  frei- 
lich, Pollajuolo  habe  damals  seinen  Entwurf  gemacht), 
und  Leonardo  hat  dem  Moro  neue  Skizzen  vorgelegt. 
Das  Ms.  C.  zeigt  auf  Fol.  15  v.  folgende  Notiz:  „Am 
23.  Tage  des  April  1490  begann  ich  dieses  Buch  und 
begann  ich  wieder  das  Pferd  (ricominciai  il  cavallo)". 
Das  heißt  wohl,  Leonardo  habe  an  diesem  Tage  dieses 
Jahres  ein  zweites,  ganz  andres  Modell  in  Angriff  ge- 
nommen. Wenn  man  nun  behauptet,  dieses  Modell  sei 
ein  im  Trott  unaufhaltsam  vorwärts  schreitendes  Pferd  ge- 
wesen, so  findet  diese  Behauptung  mehrere  gute  Stützen 
in  den  Manuskripten.  Der  Codex  atlanticus  zeigt  Fol. 
216  V.  diesen  prachtvollen,  lebensprühenden,  von  In- 
telligenz durchglühten  Trottgänger  fest  in  ein  Gerüst 
eingeschlossen.  Der  Zweck  dieser  Zeichnung  war  für 
Leonardo  sicher  der,  sich  zu  überzeugen,  wie  die  richtige 
Armatur  für  das  so  beschaffene  Modell  zu  sein  habe, 
und  eine  Bemerkung  wegen  aller  „Köpfe  der  großen 
Schraubennägel"  bestätigt  das.  Die  Zeichnung  ist  mit 
roter  Kreide  gemacht  —  ein  Material,  das  Leonardo  erst 
nach    1490    zu   verwenden   begann    — ,    etwa  gleichzeitig 

XXXVIII 


mit  den  Vorarbeiten  für  das  Abendmahl;  also  handelt  es 
sich  nicht  um  das  erste,  aufgegebene  Modell.  Man  hat 
in  diesem  so  skulptural  ersonnenen  Pferd  die  Einwirkung 
der  Antike  spüren  wollen  und  sich  an  die  Statue  des 
Marc  Aurei,  an  die  Bronze-Rosse  von  Venedig,  ja  sogar 
an  Donatello's  Gattamalata- Denkmal  zu  Padua  erinnert 
gefühlt.  Soviel  man  aber  bisher  weiß,  war  Leonardo  vor 
1499  weder  in  Padua,  noch  in  Venedig,  noch  in  Rom; 
wohl  hat  er  jedoch  1490  in  Dombauangelegenheiten  Pavia 
besucht,  wo  in  der  Tat,  wie  Müller-Walde  nachweist  (s. 
Jahrbuch  der  preußischen  Kunstsammlungen,  1897),  bis 
1796  eine  bewundernswerte  antike  Reiterstatue  aus  ver- 
goldeter Bronze  stand:  schon  Petrarca  hat  sie  1346  dem 
Boccaccio  angepriesen.  Angeblich  stellte  sie  den  Goten- 
könig Gisulf  dar  —  man  nannte  sie  im  Volksmund  Re- 
gisolo  — ,  sie  stammte  aus  Ravenna  und  wurde  1796  von 
den  republikanischen  Franzosen  als  Verherrlichung  eines 
Königs  zerstört.  Auf  das  Pferd  des  Regisolo  beziehen 
sich  offenbar  die  Worte  Leonardos  aus  dem  Cod.  atlan- 
ticus  Fol.  147r.:  „An  jenem  von  Pavia  ist  die  Bewe- 
gung lobenswerter  als  sonst  irgend  etwas.  Die  Nach- 
ahmung der  antiken  Sachen  ist  lobenswerter  als  die  der 
modernen.  Es  kann  nicht  Schönheit  und  Nützlichkeit 
vereinigt  sein,  wie  an  den  Festungen  sichtbar  wird  und 
an  den  Menschen.  Das  Ganze  ist  fast  von  der  Qualität 
eines  freien  Pferdes.  Wo  die  natürliche  Lebendigkeit 
fehlt,  muß  man  eine  künstliche  (accidentale)  machen." 
Man  glaubt  förmlich  zu  hören,  wie  Leonardo  sich  selbst 
zuredet.  Er  muß  um  des  Nützlichen,  Möglichen  willen 
auf  etwas  so  Schönes,  Kühnes,  noch  nicht  Dagewesenes, 
wie  den  Entwurf  des  galoppierenden,  sich  aufbäumenden 
Pferdes  mit  dem  zu  Boden  geworfenen  Krieger  unter 
sich,  verzichten  —  auf  die  „terribilità",  das  Gewaltige, 
das  der  Renaissance  so  tief  ins  Herz  hineingewachsen, 
ihr  Allerhöchstes  war.  Er,  dessen  Kunstprinzip  es  ist, 
nichts  zu  wiederholen,   auch  sich  selber  nicht,  fühlt  sich 

XXXIX 


von  der  gemeinen  „Nützlichkeit"  gezwungen,  auf  das  Alte, 
doch  Erprobte  zurückzugreifen,  und  tröstet  sich  damit, 
daß  die  Nachahmung  antiker  Sachen  minder  tadelnswert, 
besonders  wo  das  Nachzuahmende  fast  die  Qualität  eines 
lebendigen  Pferdes  in  Freiheit  hat.  Was  ihm  fehlt,  im 
Vergleich  zu  dem,  was  Leonardo  zuerst  gewollt,  und  was 
dem  Bewegungsmotiv  in  plastischer  Ausführung  fehlen 
mußte,  war  durch  etwas  Künstliches  zu  ersetzen,  —  man 
mußte  eben  alles,  Bewegung  und  Ausdruck,  eine  Spur 
über  das  Mögliche,  über  die  Natur  hinaus  steigern:  dann 
erhielt  man  Leben.  Unter  dem  Gesichtspunkt  dieser 
Anmerkung  studiere  m.an  einmal  die  Zeichnungen  Leo- 
nardos zu  diesem  Denkmal,  wie  sie  in  Courajods,  in 
J.  P.  Richters  Werk,  v/ie  sie  in  den  Bänden  18  und  20 
des  Jahrbuches  der  preußischen  Kunstsammlungen  ver- 
öffentlicht sind;  man  sehe,  wie  schwer  und  ungern  sich 
Leonardo  von  dem  kühneren  Entwürfe  trennt;  man  sehe, 
wie  er  das  antike  Vorbild  und  die  Naturstudien  inein- 
ander verarbeitete,  Naturstudien,  die  uns  bezeugt  sind 
durch  zahllose  Blätter,  durch  Notizen  wie:  „Der  große 
Berber  des  Messer  Galeazzo"  (gemeint  ist  Gal.  Sanse- 
verino,  der  seit  1490  mit  Madonna  Bianca,  einer  natür- 
lichen Tochter  Lodovicos,  vermählt  war,  derselben,  die 
man,  ohne  Grund,  muß  ich  sagen,  für  das  Urbild  der  so- 
genannten „Mailändischen  Prinzessin"  im  Saal  IV  der 
Brera  hält);  „Der  Sizilianer  des  Messer  Galeazzo"  (diese 
neapolitanische  Pferderasse  war  eine  schöne  Kreuzung  spa- 
nischer und  maurischer  Rosse);  „Maß  des  Sizilianers,  das 
Hinterbein,  von  der  Rückseite  gesehen,  erhoben  und  aus- 
gestreckt" ;  —  „Morel  der  Florentiner  des  Messer  Mariolo, 
ein  starkes  Pferd  mit  schönem  Hals  und  recht  sehr 
schönem  Kopf";  —  „Der  weiße  Hengst  des  Falkoniers 
hat  schöne  Hinterschenkel",  usf.  —  lauter  Notizen  aus 
den  Heften  der  Jahre  1490—1495,  aus  einer  Zeit,  wo 
also  offenbar  das  Modell  noch  unvollendet  war,  was  uns 
auch  Bandello  bestätigt,  der  von  der  Gleichzeitigkeit  der 

XL 


Arbeit  am  Sforza-Entwurf  und  am  Abendmahl  höchst  über- 
zeugend spricht.  Dies  alles  macht  aber  stets  unglaub- 
würdiger, was  über  hundert  Jahre  lang  geglaubt  worden 
ist:  daß  nämlich  1493  bei  der  Hochzeit  des  Kaisers 
Maximilian  mit  Bianca  Maria  Sforza  das  fertige  Modell 
unter  einem  Triumphbogen  paradiert  habe.  Welches? 
das  kleine  Wachsmodell  etwa,  von  dem  Vasari  spricht? 
Oder  doch  nicht  das  aus  Ton,  in  natürlicher  Größe,  7V2 
Meter  hoch,  ohne  den  Reiter?  Dieses  ist  wohl  nie  aus 
der  Corte  vecchia  herausgekommen,  wo  Leonardo  es 
formte  und  gießen  sollte,  und  die  Beschreibung  des  Pietro 
Lazzarone:  »An  der  vordersten  Front  stand,  den  der 
ganze  Erdkreis  gekannt  hat,  Franciscus  Sfortia,  Beherr- 
scher der  Ligurer  und  des  oberen  Insubriens,  vom  Pferd 
getragen"  ist  mißverständlich  auf  Leonardos  Werk  be- 
zogen worden.  Das  Reiterbild  unter  dem  Triumphbogen, 
das  beim  Einzug  prangte,  war  bloß  auf  schlichte  Lein- 
wand gemalt  —  vielleicht  das  gleiche,  das  man  1491 
zur  Dekoration  eines  Saales  bei  der  Hochzeit  Lodovicos 
benützt;  denn  dergleichen  war,  wie  Müller-Walde  nach- 
gewiesen hat  (Jahrbuch  der  preußischen  Kunstsamm- 
lungen, 1897),  im  Hause  Sforza  Brauch.  1497  war  das 
Modell  in  jedem  Fall  gußbereit.  In  diesem  Augenblick 
drangsalierte  Lodovico  Moro  nämlich  den  Künstler  und 
ließ  ihn  u.  a.  wegen  des  Abendmahls  vermahnen:  vom 
Denkmal  schweigt  er.  Leonardo  war  bereit;  die  Statue 
konnte  nur  nicht  gegossen  werden.  Der  Auftrag  fehlte. 
Das  Pferd  sollte  7V2  Meter  hoch  sein;  das  brauchte  80000 
Kilogramm  Bronze,  die  Leonardo  in  3 — 4  Öfen  schmelzen 
wollte,  um  den  Guß  aus  einer  einzigen  Form  d.  h.  in 
einem  Stück  tadellos  herauszubringen.  Was  er  für  den 
Sockel  geplant,  was  dieser  gefordert  hätte,  hören  wir 
nicht.  Keineswegs  konnte  das  Sforzadenkmal  einen  hohlen 
Unterbau  gebrauchen,  wie  Leonardo  ihn  für  das  Trivul- 
zio- Grabdenkmal  vorschlug;  wie  hätte  ein  solcher  Unter- 
bau das  Gewicht  des  Bronzekolosses  zu  tragen  vermocht! 

XLI 


Es  können  also  die  Skizzen  nicht  für  die  Reiterstatue 
Francesco  Sforzas  gedacht  sein,  deren  Sockel  sich  nach 
Art  einer  offenen  säulengetragenen  Kapelle  über  dem 
Sarkophag  mit  der  hingestreckten  Figur  des  Toten  wölbt, 
es  wäre  denn  für  eine  Ausführung  in  bescheideneren 
Dimensionen.  Da  aber  eine  große  Anzahl  von  Zeich- 
nungen mit  dem  Pferd,  das  sich  vor  einem  Gefallenen 
bäumt  oder  über  ihn  hinwegsprengt,  Zeichnungen,  die 
noch  das  Gepräge  einer  jugendlicheren  Akkuratesse 
tragen,  solch  eine  Grabstätte  in  ihrem  Sockel  geborgen 
zeigen,  so  kann  ich  nur  annehmen,  daß  zuerst  für  den 
Sforza  ein  Denkmal  in  kühner  Bewegung  und  reicher 
Ausführung,  doch  in  mäßiger  Größe  und  für  eine  Kirche 
bestimmt  geplant  war;  als  dann  ein  zweites  Modell  die 
ruhige  Gangart  des  Pferdes  vorschlug,  so  sollte  die 
terribilità,  das  Gewaltige,  in  den  unerhörten  Umfang  von 
Roß  und  Reiter  verlegt  werden.  Wenn  das  Denkmal,  bei 
allen  Konzessionen  an  die  Möglichkeit  und  an  den  Be- 
steller, nicht  ausgeführt  wurde,  liegt  der  Grund  hierfür 
sicher  nicht  in  Leonardos  Willen  und  Können.  Es  be- 
klagt sich  Leonardo  um  diese  Zeit,  er  müsse  seinen 
Lebensunterhalt  auf  andere  Art  verdienen;  zwei  Jahre 
sei  er  mit  seinen  Leuten  gänzlich  ohne  Gehalt  geblieben. 
Von  allen  Seiten  bedrängten  Feinde,  Kriege  den  Moro; 
es  drohte  ihm  der  Untergang;  da  war  kein  Geld  für 
große  künstlerische  Dinge  übrig.  Und  daran  scheiterte 
wohl  das  Sforzadenkmal.  Was  noch  folgt,  ist  nur  das 
Ende  ohne  Sang  und  Klang  —  die  Vernachlässigung, 
der  Verfall  des  Modells  in  der  Corte  vecchia;  die  Bogen- 
schützen, die  1500  aus  Mutwillen  danach  schössen;  aber 
dies  war  noch  nicht  das  allerletzte  Ende.  Am  19.  Sep- 
tember 1501  schrieb  Ercole  d'Este,  Herzog  von  Ferrara, 
an  seinen  mailändischen  Agenten:  „Wissend,  daß  in 
Mailand  das  Modell  eines  Pferdes  existiert,  von  einem 
gewissen  Messer  Leonardo,  einem  Meister,  sehr  geschickt 
in   solchen   Materien,  Modell,   das   der  Herzog   Lodovico 

XLII 


immer  die  Absicht  hatte,  gießen  zu  lassen,  denken  wir, 
daß,  wenn  man  uns  die  Nutznießung  dieses  Modells 
überließe,  es  eine  gute  und  wünschenswerte  Sache  wäre, 
es  in  Erz  machen  zu  lassen  .  .  .  Wir  würden  bereitwillig 
die  Kosten  des  Transportes  tragen,  wissend,  daß  erwähn- 
tes Modell,  wie  ihr  es  uns  gesagt  habt,  Tag  für  Tag  in 
Ruin  verfällt,  da  niemand  es  unter  Obsorge  nimmt  ..." 
Die  Antwort  des  Agenten  vom  24.  September  lautet: 
„Was  das  Modell  des  Pferdes  angeht,  welches  der  Herzog 
Lodovico  errichtet  hat,  —  soweit  es  ihn  betrifft,  willigt 
Seine  Hochwürdige  Herrlichkeit  (der  Kardinal  von  Ronen) 
gern  in  den  Transport;  jedoch  da  seine  Majestät  (Lud- 
wig XIL)  selbst  die  Statue  gesehen  hat,  wagt  Seine  Herr- 
lichkeit nicht,  das  Ersuchen  des  Herzogs  anzunehmen, 
ohne  früher  den  König  zu  unterrichten."  Dies  ist  das 
letzte,  was  wir  vom  Sforzadenkmal  hören. 


T^as  letzte  Jahrzehnt  des  Quattrocento  war  für  Leonardo 
*-^  eine  Epoche  des  ununterbrochenen  Aufflugs.  Nach 
allen  Seiten  hin  wuchs  seine  Natur.  Es  war  darin  die  Zeit 
seines  größten  Glücks,  weil  der  größten  Entwicklung  ein- 
beschlossen. Er  hatte  noch  Jugend  genug,  um  viel  zu 
erwarten  und  alles  zu  hoffen;  er  sah  den  Dingen  der 
Zukunft  wie  etwas  Neuem,  Unerlebtem  entgegen.  Er  hatte 
hier  den  Schutz,  den  Frieden,  den  er  brauchte;  er  hatte 
hin  und  wieder  die  Freiheit  des  Unbeachtet-,  ja  Vergessen- 
seins, die  er  gleichfalls  oft  brauchte.  Mit  seinen  Beob- 
achtungen und  Gedanken,  mit  seinen  wissenschaftlichen 
und  künstlerischen  Problemen  unausgesetzt  beschäftigt,  mit 
einem  Genie,  das  alle  vierundzwanzig  Stunden  des  Tages 
schöpferisch  glühte,  fand  er  in  jeder  Aufgabe,  die  man 
ihm  stellte,  noch  ein  Experiment  verborgen  und  damit 
eine  Förderung  seines  inneren  Wesens.  Die  Zeit  kam 
ihm  entgegen;  der  Aufgaben  waren  genug  vorhanden. 
Es  war    um    1490  Frieden  im   Land,   und  Lodovico    ent- 

XLIII 


faltete  eine  ungeheuere  Tätigkeit.  Das  feste  Kastell  der 
Porta  Giovia,  das  er  bewohnte,  ließ  er,  wie  der  Chronik- 
schreiber Cicognola  sagt,  „mit  wunderbaren  und  schönen 
Bauten  schmücken,  und  den  Platz  vor  genanntem  Kastell 
ließ  er  vergrößern,  und  in  den  Umgegenden  der  Stadt 
ließ  er  alle  Hindernisse  wegreißen,  und  die  Fassaden 
ließ  er  bemalen,  auszieren  und  verschönern".  Beson- 
ders aber  das  Innere  des  Kastells  ließ  er  künstlerisch 
schmücken:  er  stand  ja  im  Begriff,  Beatrice  von  Este, 
Tochter  des  Herzogs  von  Ferrara  und  Schwester  der 
Isabella  Gonzaga,  Markgräfin  von  Mantua,  heimzuführen. 
Daß  Leonardo  1490  hier  malte,  den  Plafond  im  Kabinett 
der  Liebesgötter  und  die  Wände  der  Sala  del  tesauro, 
wie  es  Müller- Walde  will,  wird  angesichts  dieser  Amo- 
rinen niemand  Unbefangener  glauben,  und  seitdem  man 
Bramantes  Fresken  aus  der  Casa  Prinetti  studiert  hat,  kann 
es  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  die  machtvolle  Figur  des 
Argus  in  der  Schatzkammer,  die  bloßgelegt  zu  haben 
eines  der  vielen  Verdienste  unseres  Müller-Walde  ist,  von 
dem  urbinatischen  Meister  gemacht  worden  ist,  dessen 
Künstlerruhm  in  Mailand  von  der  Malerei  ausging.  Die 
Dekoration  des  großen  Saales  della  palla  für  das  Hoch- 
zeitsfest wurde  minderen  Kräften  übergeben,  einem  ge- 
gewissen Agostino  da  Pavia,  dessen  sich  Leonardo  manch- 
mal als  Gehilfen  bediente.  Der  Schmuck  bestand,  wie 
Gian  Galeazzo  Sforza  einem  Oheim  berichtet,  „der  eine 
aus  der  Decke,  geziert  mit  goldenen  Sternen  in  blauem 
Feld,  in  Ähnlichkeit  mit  dem  Himmel,  der  andere  in  der 
Bedeckung  der  Wände  mit  Malerei,  die  auf  Leinwand  an- 
gebracht war,  auf  welche  wir  für  dieses  Fest  all  die  denk- 
würdigen Siege  und  Taten  unseres  erlauchten  Herrn  Vor- 
fahren haben  setzen  lassen,  mit  seinem  Bildnis  zu  Pferde 
unter  einem  Triumphbogen."  Es  ist  diese  Leinwand,  von 
der  Müller-Walde  meint,  sie  habe  ein  zweites  Mal  bei  der 
Hochzeit  Maximilians  an  der  Hauptmauer  des  Kastells  ge- 
prangt; von  diesem  „Francesco  Sfortia"  sei  die  Rede  im 

XLIV 


Gedicht  des  Lazzarone,  während  Baldassare  Taccone  nur 
vom  Modell  spricht,  wenn  er  sagt:  „Siehe,  wie  er  in  der 
Corte    (vecchia)   aus  Metall  zum   Gedächtnis   des  Vaters 
einen  großen   Koloß  machen   läßt  ..."     Am   21.  Januar 
1491  fand  die  Hochzeit  des  Moro  statt,  mit  großen  Festlich- 
keiten, einem  Lanzenstechen,   das  Galeazzo  Sanseverino 
gab,  und  Schaustellungen,  die  Leonardo  arrangierte.  Zeich- 
nungen,  Notizen   erinnern  daran  —  eine   längere   repro- 
duziere   ich    als    charakteristisch    für   die  Gemütsart  des 
Künstlers,    für    seine  häuslichen  Verhältnisse,    für  seine 
damalige    Stellung,    für    seine  Tätigkeit,    für    seine  Ver- 
bindungen und  seinen  Verkehr  (Ms.  C.  Fol.  15  v.):   „Am 
Tage  21    des   April    1490  begann   ich    dieses   Buch   und 
begann  wieder  das  Pferd.     Jacomo  kam  zu  mir  am  Mag- 
dalenentage  tausend  490,  im  Alter  von  10  Jahren.    (Rand- 
bemerkung:  diebisch,   lügnerisch,   eigensinnig,   gefräßig.) 
—  Am  zweiten  Tage  ließ  ich  ihm  zwei  Hemden  schneiden, 
ein  Paar  Hosen   und   einen  Wams,   und   als  ich  mir  das 
Geld  beiseite   legte,    um  genannte   Sachen  zu   bezahlen, 
stahl   er   mir  dieses  Geld   aus   der  Geldtasche,   und   nie 
war  es   mir  möglich,  ihn   das   beichten   zu  machen,   ob- 
wohl  ich   davon   eine   wahre   Sicherheit  hatte  (Randnote: 
4  Lire).    Am  folgenden  Tage  ging  ich  mit  Jacopo  Andrea 
nachtmahlen,  und   vorbezeichneter  Jacomo   aß  für  2  und 
tat  Böses   für  4,  indem  er  zwei  Flaschen  zerbrach,   den 
Wein   verschüttete    und    dann    zum    Nachtmahl   kam,   wo 
ich  (war).     Item,  am  7.  Tage  des  September  stahl  er  dem 
Marco,    der    mit  mir  war,    einen   Griffel   im   Werte  von 
22  Soldi,    welcher    aus   Silber    war,    und   nahm   ihn  aus 
seinem  Studio,   und   nachdem  genannter    Marco  lang  ge- 
nug gesucht   hatte,    fand   er   selbigen   in   der  Truhe   des 
bemeldeten  Jacomo  versteckt  (Randnote:  Lire  2  ein  s(oldo) 
di  l(ira).    Item,    am   26.  Tag  des  Januar   darauf,   als  ich 
im  Hause  des  Messer  Galeazzo  da  Sanseverino  war,  um 
das  Fest    des  Lanzenstechens    anzuordnen    und    gewisse 
Knappen  sich  auszogen,   um  etliche  Wämser  von  wilden 

XLV 


Männern  anzuprobieren,  die  bei  selbigem  Feste  vorkamen, 
näherte  sich  Jacomo  der  Geldkatze  des  einen  unter  ihnen, 
die  mit  anderen  Gewändern  auf  dem  Bette  lag,  und  nahm 
daraus  jene  Münze,  die  sich  darin  befand  (Randnote: 
Lire  2,  s.  di  1.  4).  —  Item,  als  in  genanntem  Hause 
Meister  Agostino  von  Pavia  mir  ein  türkisches  Leder  ge- 
schenkt hatte,  um  mir  daraus  ein  Paar  Stiefel  machen 
zu  lassen,  entwendete  es  mir  Jacomo  innerhalb  des 
Monats  und  verkaufte  es  einem  Flickschuster  um  20  Soldi, 
von  welchem  Gelde,  nach  dem,  was  er  mir  selber  ge- 
stand, er  sich  Aniskonfekt  kaufte  (Randnote:  Lire  2).  — 
Item,  auch  noch  am  2.  Tage  des  April,  da  Gianantonio 
einen  Silberstift  auf  einer  Zeichnung  hatte  liegen  lassen, 
stahl  ihn  selbiger  Jacomo,  welcher  (Stift)  24  Soldi  im 
Werte  hatte  (Randnote:  Lire  eine,  s.  di  1.  4).  —  Im  ersten 
Jahr,  ein  Mantel,  Lire  2;  6  Hemden,  Lire  4;  3  Wämser, 
Lire  6;  4  Paar  Strümpfe,  Lire  7,  s.  di  1.  8;  gefütterter 
Anzug,  Lire  5;  24(?)  Paar  Schuhe,  Lire  6  s.  di  1.  5;  ein 
Barett,  Lire  1;  Gürtel,  Nestel,  Lire  1."  Wie  nah  rückt 
diese  Aufzeichnung  uns  den  ganzen  Leonardo!  Wir  sehen 
die  große  überlegene  Güte,  die  wohl  Schwäche  scheinen 
könnte,  stünde  nicht  hart  dabei  die  große  Klugheit:  „wie- 
viel kostet  mich  der  Junge?"  Es  wird  uns  das  ganze 
Milieu  lebendig  —  der  eine  Freund  „so  gut  wie  Bruder" 
und  treue  Anhänger  des  Moro,  Jacopo  Andrea  di  Ferrara, 
Ingenieur  und  vorzüglicher  Kenner  des  Vitruv;  die  Lehr- 
jungen, Gehilfen,  Schüler  des  Meisters:  zwei  soll  er  ja 
schon  aus  Florenz  mitgebracht  haben  —  Atalante  Miglio- 
rotti,  den  er  in  Musik  unterwiesen  hatte,  und  Tomaso 
Masini ,  genannt  Zoroastro ,  Maler ,  Mosaikarbeiter  und 
Mechaniker;  nun  finden  wir  auch  Marco  d'Oggione  bei 
ihm  und  Giovan  Antonio  Boltraffio.  Man  konnte  sicher 
niemals  als  Maler  mehr  bei  ihm  lernen  als  in  diesen 
Jahren  heißen  Schaffens.  Damals  mag  „die  h.  Jungfrau 
von  der  Felsgrotte"  entstanden  sein.  Ein  Dokument, 
welches   E.  Motta    in    den  Mailänder  Archiven   fand,  be- 

XLVI 


lehrt  uns,  daß  die  Scholaren  der  h.  Empfängnis  in 
Mailand  für  ihre  Kapelle  in  der  Kirche  S.  Francesco  ein 
Altarwerk  bestellt  hatten,  das  „aus  einer  Tafel  in  Öl  mit 
Unserer  lieben  Frau"  von  Leonardo  bestehen  sollte  und 
aus  Seitengemälden,  zwei  Engeln,  in  einer  „Ancona  mit 
Figuren  in  Relief  mit  feinstem  Golde  belegt",  deren  Ver- 
fertigung Ambrogio  da  Predis  übernommen  hatte.  Da  die 
Bruderschaft  jedoch  sich  weigerte,  die  300  Dukaten  zu 
zahlen,  welche  die  beiden  Künstler  wegen  ihrer  Mühe 
und  hohen  Auslagen  forderten  und  das  Gemälde  mit  der 
Muttergottes  nicht  höher  schätzten  als  auf  25  Dukaten, 
obschon,  „wie  aus  einer  Liste  selbiger  Supplikanten  her- 
vorgeht", dessen  Wert  sich  auf  mindestens  hundert  Du- 
katen belief,  um  welches  Geld  sie  zu  kaufen  auch  meh- 
rere Personen  bereit  waren,  wendeten  sich  da  Predis  und 
Leonardo  mit  einem  Gesuch  an  die  Behörden  —  man 
nimmt  an,  zwischen  1491  und  1494  — ,  damit  „ohne 
weiteren  Aufschub  von  Zeit"  durch  zwei  Personen,  die 
„in  talibus  erfahren",  eine  Schätzung  des  Bildes  vorge- 
nommen werde,  und  daß  nach  dieser  Schätzung  die  Scho- 
laren von  der  h.  Empfängnis  gezwungen  würden ,  ihrer 
Pflicht  zu  genügen  oder  „genannten  Exponenten  genannte 
Unsere  liebe  Frau  in  Öl  zu  überlassen".  Diese  Unsere 
liebe  Frau  ist  die  berühmte  „Vierge  aux  Rochers".  Sie 
existiert  bekanntlich  in  mehreren  Exemplaren,  und  die 
Kenner  haben  lange  genug  darüber  gestritten,  welches  das 
Original  sei,  ob  das  Exemplar  des  Louvre  oder  das  der 
englischen  Nationalgalerie.  Das  Londoner  Bild  stammt 
aus  der  Kirche  S.  Francesco  in  Mailand  selbst;  es  ist 
dasselbe,  welches  Lomazzo  1584  beschrieb  und  das  1777 
direkt  aus  der  Kirche  für  30  Dukaten  in  den  Besitz  des 
englischen  Sammlers  Gavin  Hamilton  überging;  das  fran- 
zösische aber  soll  schon  Franz  L  besessen  haben  ;  jeden- 
falls erwähnen  Cassiano  del  Pozzo  (1625)  und  Pére  le 
Dan  (1642)  es  als  eines  der  Gemälde,  die  sie  in  der 
königlichen  Galerie  von  Fontainebleau  bewunderten.  Trotz 

XLVII 


dieser  verblüffenden  Tatsache  ist  es  aus  Stilgründen  heute 
nicht  mehr  zweifelhaft,  welches  von  beiden  Werken  Leo- 
nardo näher  steht.  Trotz  vielfacher  „Restaurierung", 
d.  h.  trotz  der  Übermalungen,  die  z.  B.  die  Haltung  des 
Engels  ganz  unverständlich  gemacht ,  hat  man  sich  un- 
bedingt für  die  Pariser  Madonna  ausgesprochen.  Nicht 
bloß  stimmen  die  Köpfe  des  Engels,  des  Johannesknaben 
in  Form  und  Wendung  genau  mit  den  prachtvollen  Studien 
überein ,  die  wir,  teils  mit  Durchpauselöchern  versehen, 
im  Louvre  und  in  der  königlichen  Bibliothek  von  Turin  be- 
sitzen; aber  was  mehr  beweist,  ist  die  Qualität  der  Ma- 
lerei. Es  geht  von  der  wunderbaren  Holdheit  dieser 
h.  Jungfrau,  von  dem  tiefinnigen  Ernst  der  beiden  Kinder, 
von  der  Schönheit  des  Engels  mit  den  paradiesestrunkenen 
Augen;  es  geht  von  der  göttlichen  Erfindung  dieser 
Szenerie,  der  dunklen  Felsgrotte,  durch  deren  Spalten  von 
oben  das  zarte  Himmelslicht  auf  die  heiligen  Gestalten 
silbern  niederrieselt  und  die  rückwärts  wie  in  Weltfernen 
das  Irdische  ahnen  lassen;  es  geht  von  der  etwas  altertüm- 
lichen Befangenheit  in  der  Erscheinung  dieser  süßreifen 
Muttergottes,  von  dem  Geheimnisvollen  in  der  Gebärden- 
sprache Marias  und  des  Engels;  es  geht  von  jedem  Stein  und 
jedem  blühenden  Kraut  und  dem  toten  Glanz  des  Wasser- 
tümpels, in  den  das  Christkind  hineinglitte,  hielte  es  der 
Arm  seines  Schutzgeistes  nicht;  es  geht  von  dem  Zusammen- 
spiel dieser  Elemente  in  einem  zauberischen  Wechsel 
von  Hell  und  Dunkel  eine  unerklärlich  zwingende  Poesie 
aus ,  gegen  die  das  Londoner  Bild  mit  seiner  größeren 
Deutlichkeit  und  Verständigkeit,  mit  seinem  „Hübscheren", 
mit  all  seinen  Geschicklichkeiten  in  Anordnung  der  Aufbau- 
linien, in  der  größeren  Fixigkeit  eines  Pinsels,  der  von 
keiner  Überlegung  weiß,  aber  auch  in  seiner  größeren 
Allgemeinheit,  in  der  seelenlosen  Leere  so  mancher  Partie 
gar  nicht  aufkommen  kann.  Gewisse  Eigentümlichkeiten 
der  Zeichnung  (z.  B.  die  Kinderhände),  die  trübe  Schwere 
des  Kolorits,  besonders  in  den  Fleischtönen,  die  mit  der 

XL  VIII 


Farbengebung  auf  den  zugehörigen  Seitenbildern  ganz 
übereinstimmt ,  lassen  uns  glauben ,  daß  die  ganze  An- 
cona, wenn  auch  unter  Mitwirkung  Leonardos,  von  Am- 
brogio da  Predis  gemalt  worden  sei.  Nach  den  Doku- 
menten ist  das  Altarwerk  für  S.  Francesco  zwischen  1491 
und  1494  entstanden.  Beim  Louvrebild  möchte  man  an- 
nehmen, es  sei  nicht  zu  lange  nach  der  Florentiner  „An- 
betung" gemalt.  Wer  Leonardos  zögernde  Art  zu  arbeiten 
kennt,  vermag  auch  ein  so  neuartiges,  grandioses  Werk 
mit  seiner  Lösung  so  vielfacher  malerischer  Probleme 
der  Lichtführung,  der  Komposition,  der  Formbehandlung 
gar  nicht  in  den  Raum  der  Zeitspanne  1490 — 99  hinein- 
zubringen, der  vom  Sforzadenkmal  und  dem  h.  Abend- 
mahl so  ganz  erfüllt  war.  Die  variierte  Wiederholung 
für  die  Kirche  S.  Francesco,  bei  der  sich  Leonardo  haupt- 
sächlich der  Hand  da  Predis  bediente,  mag  dann  immer- 
hin in  die  Neunzigerjahre  gefallen  und  eben  das  Lon- 
doner Exemplar  der  „Vierge  aux  rochers"  sein.  In  den 
letzten  Jahren  hat  man  in  S.  Ambrogio  zu  Affori  bei 
Mailand  ein  drittes,  kleineres  Exemplar  der  h.  Jungfrau 
von  der  Grotte  entdeckt,  das  nachweislich  im  Besitz  der 
adeligen  Familien  Corbella,  Litta,  d'Adda  gewesen  ist  und 
1844  durch  Erbschaft  an  jene  Dorfkirche  kam.  Natürlich 
hat  auch  dieses  Werk  seine  Propheten  gefunden,  die  es 
für  das  eigentliche  Urbild  erklärten;  es  ist  aber  ganz 
offenbar  eine  Wiederholung  von  Meisterhand,  der  des 
Sodoma,  sagen  die  einen,  der  des  Luini  die  anderen. 

In  der  „Vierge  aux  rochers"  bringt  sich  Leonardo  als 
Künstler  endlich  voll  zum  Ausdruck,  und  zwar  mit  einer 
Meisterschaft  auf  den  ersten  großen  Wurf,  die  nicht 
durch  das  unaufhörliche  Studium  der  Natur  in  ihren  Er- 
scheinungen und  Gesetzen  allein,  sondern  gerade  nur  durch 
etwas  Unerklärbares,  durch  sein  Genie,  erklärt  werden 
kann.  Nun  war  er  zur  Beherrschung  all  seiner  Mittel  und 
damit  zu  einer  Freiheit  des  Könnens  gelangt,  wie  sie  im 
„Abendmahl"   zu  überwältigendem  Ausdruck  kommen. 

IV        Herzfeld,  Leonardo 

XLIX 


Wann  Leonardo  den  eigentlichen  Auftrag  erhielt,  die 
Wand  des  Refektoriums  im  Kloster  St.  Maria  delle  Grazie 
auszuschmücken,  wissen  wir  nicht;  aber  aus  einer  ver- 
wischten Inschrift  im  Refektorium  schließt  Müller-Walde, 
Leonardo  habe  zwischen  1490 — 1494  zu  malen  begonnen, 
weil  Beatrice  in  dieser  Legende  erwähnt  und  Herzogin 
von  Bari  genannt  wird.  Am  21.  Oktober  1495  jedoch 
hörte  Lodovico  auf,  den  Titel  Herzog  von  Bari  zu  führen, 
—  in  jenem  verhängnisvollen  und  doch  für  ihn  glück- 
lichen Moment,  der  ihn  zum  Herzog  von  Mailand  machte. 
Seit  seiner  Vermählung  mit  der  energischen,  ehrgeizigen 
Prinzessin  von  Este  war  ein  antreibendes  Moment  in 
seine  Politik  gekommen.  Beatrice  fand  es  unleidlich, 
daß  sie  eine  zweite  Rolle  spielen  müsse,  daß  dem  un- 
fähigen, in  der  Unmündigkeit  festgehaltenen  Gian  Gale- 
azzo Herrscherehren  zukommen  sollten.  Sie  drängte 
ihren  Mann  zu  Rücksichtslosigkeit  und  Härte;  sie  kränkte 
unaufhörlich  Isabella,  die  Gemahlin  Gian  Galeazzos,  die 
sich  in  Neapel  aufs  bitterste  über  die  unwürdige  Behand- 
lung, so  ihr  zuteil  ward,  wie  über  die  Gewalt  beklagte, 
mit  der  man  ihren  Mann  von  den  Geschäften  immer 
noch  fernhielt.  König  Ferrante  erzürnte,  drohte.  Lodo- 
vico suchte  eine  Ablenkung  für  ihn.  Er  redete  dem 
König  von  Frankreich  zu,  nach  Italien  zu  kommen  und 
Neapel,  als  das  Erbe  der  Anjou,  für  sich  zu  erobern. 
Während  Karl  VIII.  noch  schwankte  und  Bündnisse  für 
und  gegen  ihn  sich  bildeten,  versuchte  Lodovico  als 
Gegengewicht  den  deutschen  Kaiser  an  sich  zu  knüpfen, 
indem  er  ihm  die  Schwester  Gian  Galeazzos  mit  einer 
wahrhaft  fürstlichen  Aussteuer  zur  Frau  und  sich  für  alle 
Fälle  ein  Dokument  von  ihm  verschaffte,  das  ihn  mit 
dem  Herzogtum  von  Mailand  belehnte ,  weil  er  der  in  Purpur 
geborene,  also  der  einzig  rechtmäßige  Thronwerber:  sein 
älterer  Bruder,  Vater  des  Gian  Galeazzo,  war  zur  Welt 
gekommen,  ehe  Francesco  Sforza  aus  dem  Kondottiere 
zum  Fürsten  geworden.    Dies  Dokument  behielt  Lodovico 


geheim  für  sich,  denn  Gian  Galeazzo  kränkelte,  wurde 
immer  kränker  —  nicht  ohne  Zutun  seines  Oheims,  hat 
die  Welt  behauptet,  obwohl  vielleicht  nicht  durch  Gift  — 
und  starb  im  Oktober  1494,  während  Karl  VIII.  fast  ohne 
Schwertstreich,  Sieger  durch  die  Angst,  die  sein  Heer 
einflößte,  nach  Neapel  zog.  Lodovico  wurde  mit  Hint- 
ansetzung aller  Rechte  der  Kinder  des  Verstorbenen  zum 
Herzog  von  Mailand  ausgerufen.  Diese  Tage,  die  seine 
Wünsche  krönten,  waren  ihm  der  schwersten  Sorgen 
voll.  Er  hatte  sich  das  Unternehmen  der  Franzosen  ganz 
anders,  italienisch  und  zeitgemäß,  höflicher,  mehr  diplo- 
matisch gedacht.  Im  Kondottierekrieg,  den  er  kannte, 
behielt  recht,  wer  am  besten  und  am  längsten  zahlen 
konnte,  und  das  wäre  stets  er  gewesen.  Doch  dieser 
Karl  kam  gegen  Vernunft  und  Rat  mit  leeren  Taschen 
und  großem  Heer  heran  und  hielt  in  ein  paar  Wochen 
ganz  Mittel-  und  Süditalien  wie  einen  gefangenen  Vogel 
in  der  Hand:  er  würde  mit  der  Lombardei  kein  langes 
Federlesen  machen.  Als  es  durch  die  angstvollen  Be- 
mühungen des  Herzogs,  trotz  des  kühlen  Zauderns  der 
Venetianer,  trotz  des  offenen  Widerstrebens  Kaiser 
Maximilians,  der  nun,  da  er  die  Braut  heimgeführt  hatte, 
vielleicht  auch  unter  ihrem  Einfluß,  in  Lodovico  einen 
Giftmischer  und  Thronräuber  sah,  als  endlich  gegen 
Karl  VIII.,  dessen  Glück  rasch  Bedenken  und  Neid  er- 
regte, sich  eine  mächtige  Liga  bildete,  trat  der  Moro  ihr 
bei  und  der  König  mußte  froh  sein,  mit  heiler  Haut  und 
Ehre  aus  jenem  Italien  herauszukommen,  das  ein  paar 
Monate  vorher  ihm  zu  Füßen  gelegen.  Aber  die  italischen 
Wirren  und  die  französische  Gefahr  hörten  nicht  mehr 
auf.  Und  als  1498  Karl  VIII.  starb,  nannte  sein  Nach- 
folger Ludwig  XII.,  ein  Enkel  der  Valentine  Visconti,  siqh 
drohend  König  beider  Sizilien  und  Herzog  von  Mailand. 
Seit  Lodovico  wirklich  den  Thron  von  Mailand  innehatte, 
war  etwas  Fieberhaftes  in  sein  Gebaren  gekommen.  Uns 
genügt,  die  Spuren  davon  in  den  Manuskripten  Leonardos, 

IV» 

LI 


in  den  Aufträgen  für  ihn,  in  den  Dokumenten  zu  suchen. 
Bald  ist  der  Meister  in  Vigevano,  wo  Lodovico  großen  Guts- 
besitz hatte,  mit  technischen  Arbeiten  beschäftigt,  bald  beim 
Kanal  der  Sforzesca,  bald  beim  Austrocknen  von  Sümpfen, 
bei  der  Anlage  von  Rieselwerken,  der  Verbesserung  von 
Mühlen;  dann  wieder  ist  er  in  Mailand;  er  studiert  die 
Gräben  rings  um  die  Stadt,  die  Gräben  des  Kastells;  er 
macht  das  Bad  der  Herzogin,  eine  Schwitzkammer,  eine 
selbstschließende  Tür;  dann  Pläne  für  Bilder  —  so  findet 
man  im  Manuskript  J.  Fol.  107  r.,  das  Noten  aus  dem 
Jahre  1497  enthält,  ein  Rechteck  gezeichnet,  in  der  Mitte 
gegen  den  Hintergrund  ein  kleineres  Rechteck,  das  einen 
Thron  oder  dergleichen  vorstellt,  darüber  geschrieben: 
„Nostra  Donna",  Unsere  liebe  Frau,  rechts  und  links  je 
eine  Kolonne  mit  Heiligen:  Johannes  der  Täufer,  S.  Peter, 
Elisabeth,  Bernhard,  Bonaventura,  h.  Franciscus,  Faustinus, 
Paulus,  h.  Clara,  Ludwig,  Antonius  von  Padua,  dann 
noch  einmal  mehrere  dieser  Heiligen  mit  ihren  Attributen 
aufgeführt.  Anderwärts  notiert:  „Das  Tafelbild  des  Her- 
zogs." Auf  einem  Blatt  des  Ms.  H.  II,  Fol.  125  r.  und 
Fol.  124  V.  der  Kostenvoranschlag  für  die  Malerei  eines 
Gemaches  (1494),  vielleicht  eines  der  Camerini  im  Kastell: 
es  sollten  die  Wölbungen  und  die  Wände  bemalt  werden, 
„24  römische  Historien,  à  Lire  14  eine",  und  „Philosophen", 
jeder  zu  10  Lire;  Pfeiler,  Gesimse,  eine  ganze  Architektur, 
in  die  Bogenzwickel  auch  „Historien",  scheint  es.  Da- 
zwischen, wenn  Vasari  nicht  irrt,  eine  Fahrt  nach  Florenz, 
um  hier  zugleich  mit  Michelangelo,  Giuliano  di  San  Gallo, 
Baccio  d'Agnolo  und  Simone  del  Pollajuolo,  genannt  il 
Cronaca,  sein  Gutachten  über  den  Ausbau  des  großen 
Ratsaales  abzugeben:  bei  dieser  Anwesenheit  in  Florenz, 
meint  Strzygowski,  habe  er  sein  Tafelbild  der  Anbetung 
so  weit  gefördert,  wie  wir  es  heute  sehen.  Sagen  wir 
vielmehr:  er  habe  es  damals  definitiv  im  Stich  gelassen, 
weil  dieses  Bild  in  Erfindung  und  Gruppierung  der  Reife 
nicht  entsprach,  die  Leonardos  Können  und  Einsicht  seit- 

LII 


her  erlangt.  Die  große  Arbeit  dieser  Jahre  war,  neben 
dem  Sforzakoloß,  das  Wandgemälde  im  Kloster  S.  Maria 
delle  Grazie.  Leider  haben  wir  auch  von  diesem  Werk 
nichts  behalten  als  einen  trüben,  gespenstischen  Schatten 
im  letzten  Stadium  des  Verderbens,  eine  Menge  Kopien, 
die  einander  nur  ganz  allgemein  gleichen,  und  einen  Stich, 
kalt,  korrekt  und  nicht  besonders  sym^pathisch,  in  Florenz 
nach  den  schwachen  Zeichnungen  eines  Dritten  angefertigt. 
So  aber,  wie  dieser  Morghensche  Stich  nun  einmal  ist, 
so  hat  die  Komposition  sich  dem  Bewußtsein  der  Menschen 
eingeprägt.  Wir  ergänzen  dann  in  der  Phantasie  die  Köpfe 
nach  den  Pastellskizzen  zum  Karton  —  dem  h.  Matthäus, 
dem  Judas,  dem  wundervollen  Kopf  des  h.  Philippus  in 
schwarzer  Kreide  (Windsor),  nach  der  leider  recht  ver- 
dorbenen Christusstudie  in  der  Brera  und  den  schönen 
Zeichnungen,  die  direkt  nach  dem  Bilde  angefertigt  sind 
und  die  vor  100  Jahren  Karl  August  von  Sachsen-Weimar 
in  Italien  erwarb.  Allein  wie  gäbe  uns  das  eine  wahre 
Vorstellung  von  der  verlorenen  Herrlichkeit  des  Originals! 
Die  Kompositionsentwürfe,  die  wir  haben,  stammen  aus 
den  Dämmerzeiten,  in  denen  der  erste  Gedanke  sich  all- 
mählich bildet;  ebenso  die  Niederschriften  in  den  Mss. 
des  South  Kensington  Museums  (s.  S.  186,  187).  Nichts, 
fast  nichts  anderes  ist  uns  davon  übrig  geblieben!  Jedoch 
der  überwältigende  Eindruck,  den  das  Werk  auf  die 
Phantasie  der  Zeit  gemacht,  spiegelt  sich  in  den  Anek- 
doten, die  sich  an  das  Gemälde  knüpfen,  in  den  No- 
vellen, die  von  ihm  ihren  Ausgang  nehmen,  und  diesen 
danken  wir  Züge,  die  uns  Leonardos  Wesen,  Genie,  Art 
zu  arbeiten  besser  versinnlichen  als  manche  gelehrte  Ab- 
handlung. Matteo  Bandello,  ein  Neffe  des  Priors  von 
St.  Maria  delle  Grazie,  der  im  letzten  Jahrzehnt  des 
Quattrocento  im  Kloster  Novize  war,  erzählt  in  der  be- 
rühmten Einleitung  zu  seiner  58.  Novelle:  „Es  waren  in 
Mailand  zur  Zeit  des  Lodovico  Sforza  Visconti,  Herzogs 
von  Mailand,  mehrere  Edelleute  im  Kloster  delle  Grazie 

LUI 


der  Brüder  des  h.  Domenico  und  standen  still  im  Refek- 
torium da,  um  das  wunderbare  und  höchst  berühmte 
Abendmahl  des  Christus  mit  seinen  Jüngern  zu  betrachten, 
welches  damals  der  ausgezeichnete  Maler  Leonardo  Vinci 
der  Florentiner  malte;  welcher  es  sehr  gern  hatte,  daß 
jeder,  der  seine  Gemälde  sah,  über  sie  ganz  frei  sein 
Bedünken  sagte.  Er  pflegte  auch  oft,  und  ich  habe  es 
mehr  als  einmal  gesehen  und  bemerkt,  des  Morgens  früh- 
zeitig herzugehen  und  auf  die  (fliegende)  Brücke  zu  steigen, 
weil  das  Abendmahl  ein  wenig  über  dem  Boden  erhöht 
ist:  er  pflegte,  sage  ich,  von  der  aufgehenden  Sonne  bis 
zum  verdämmerten  Abend  sich  nicht  den  Pinsel  aus  der 
Hand  zu  nehmen,  sondern,  des  Essens  und  des  Trinkens 
vergessend,  unaufhörlich  zu  malen.  Dann  waren  wohl 
auch  wieder  zwei,  drei  oder  vier  Tage  gewesen,  wo  er 
gar  nicht  Hand  angelegt,  und  dennoch  manchmal  ein  oder 
zwei  Stunden  im  Tage  dablieb  und  nur  schaute,  überlegte 
und  in  sich  selber  prüfend  seine  Figuren  beurteilte.  Ich 
sah  ihn  auch  (wenn  ihm  so  die  Laune  oder  Grille  kam) 
um  Mittag,  wenn  die  Sonne  im  Löwen  steht,  von  der 
Corte  Vecchia  fortgehen,  wo  er  jenes  stupende  Pferd  aus 
Lehm  komponierte,  und  direkt  zu  St.  Maria  delle  Grazie 
kommen  und,  auf  das  Gerüst  gestiegen,  den  Pinsel  er- 
greifen, einer  jener  Figuren  zwei,  drei  Pinselstriche  geben 
und  sofort  wieder  weg  und  anderswohin  gehen.  Es 
hatte  damals  gerade  der  Kardinal  von  Gurk  (Gurcense  il 
vecchio)  in  delle  Grazie  Wohnung  genommen,  und  ließ 
sich's  einfallen,  ins  Refektorium  zu  treten,  um  genanntes 
Abendmahl  zu  sehen,  während  obenerwähnte  Edelleute 
versammelt  waren.  Als  Leonardo  den  Kardinal  erblickte, 
kam  er  herab,  ihm  seine  Reverenz  zu  bezeigen,  und  wurde 
von  jenem  gnädig  empfangen  und  höchlich  gefeiert  .... 
Es  frug  der  Kardinal,  wieviel  Gehalt  er  vom  Herzog 
Lodovico  empfange.  Leonardo  antwortete,  daß  er  für 
gewöhnlich  eine  Pension  von  2000  Dukaten  habe,  ohne 
die  Gaben  und  Geschenke,  so  den  ganzen  Tag  der  Herzog 

LIV 


ihm  aufs  freigebigste  mache.  Schien  dieses  dem  Kardinal 
eine  große  Sache  und,  vom  Abendmahl  sich  trennend,  zog 
er  sich  in  seine  Gemächer  zurück.  Leonardo  hierauf, 
um  zu  zeigen,  daß  die  ausgezeichneten  Maler  stets  geehrt 
worden  seien,  erzählte  den  versammelten  Edelleuten  dar- 
über eine  hübsche  kleine  Geschichte.  Ich,  der  bei  seinem 
Gespräch  anwesend  war,  zeichnete  sie  in  meinem  Geiste 
auf,"  usw.,  und  dann  kommt  die  eigentliche  Novelle 
als  die  hübsche  kleine  Geschichte  Leonardos.  Raimund 
Peraudi,  Kardinal  von  Gurk  und  Gesandter  Maximilians, 
wohnte  wirklich  1497  im  Kloster  Santa  Maria  delle  Grazie; 
was  die  Pension  betrifft,  so  war  sie  wohl  eine  Erfindung 
Bandellos  oder  eine  Künstlerblague  Leonardos;  wenn 
nicht,  je  nun,  —  Leonardo  sagt  ja  dem  staunenden  Bar- 
baren selbst,  er  habe  sie  „für  gewöhnlich"  bekommen:  aber 
manchmal  blieb  sie  eben  ein  paar  Jahre  aus.  —  Weiter 
finden  wir  in  einem  Dialog  des  Giovambattista  Giraldi 
(1554)  folgendes  Interessante:  „Es  dient  auch  dem  Poeten, 
jenes  zu  tun,  was  Leonardo  Vinci,  ausgezeichnetster  Maler, 
tat.  Dieser,  sobald  er  irgendwelche  Figur  malen  wollte, 
überlegte  zuerst  deren  Qualität  und  deren  Natur,  nämlich, 
ob  sie  edel  sein  sollte  oder  plebejisch,  fröhlich  oder 
streng,  betrübt  oder  heiter,  alt  oder  jung,  zornmütig  oder 
ruhigen  Sinnes,  gut  oder  bösartig:  und  wenn  er  dann  ihr 
Wesen  erkannt,  begab  er  sich  dorthin,  wo  er  wußte,  daß 
sich  Leute  von  dieser  Qualität  versammelten,  und  be- 
obachtete fleißig  ihre  Gesichter,  ihre  Manieren,  die  Ge- 
wohnheiten und  die  Bewegungen  ihres  Körpers,  und  hatte 
er  etwas  gefunden,  das  ihm  geeignet  schien  für  jenes, 
das  er  machen  wollte,  so  hinterlegte  er  es  mit  dem  Stift 
in  dem  Büchlein,  das  er  allzeit  bei  sich  im  Gürtel  trug. 
Und  nachdem  er  dieses  viele  und  viele  Male  getan,  so- 
bald er  so  viel  gesammelt  hatte,  als  ihm  zu  genügen 
schien  für  das,  was  er  zu  malen  gedachte,  begann  er, 
es  zu  formen,  und  machte  es  wunderbar  gelingen.  Und 
gesetzt,  er  tat  dies  in  jedem  seiner  Werke,   so  tat  er  es 

LV 


schon  gar  mit  jeglichem  Fleiß  in  jener  Tafel,  die  er  in 
Mailand  im  Kloster  der  Predigermönche  malte,  in  welchem 
unser  Erlöser  mit  seinen  Jüngern  abgebildet  ist,  die  bei 
Tische  sitzen."  Diese  Erzählung  ist  gewiß  richtig.  Leo- 
nardo empfiehlt  dem  Maler  selbst,  immer  ein  Büchlein 
bei  sich  zu  haben  und  mit  ein  paar  Strichen  zu  notieren, 
was  ihm  irgendwie  merkwürdig  schien.  „Gefiel  ihm  so 
sehr,"  sagt  Vasari,  „wenn  er  gewisse  bizarre  Köpfe  sah, 
entweder  mit  Barten  oder  mit  Haaren  der  natürlichen 
Menschen,  daß  er  einem,  der  ihm  gefiel,  einen  ganzen 
Tag  hätte  folgen  können,  und  er  setzte  sich  ihn  so  in 
das  Gedächtnis,  daß  er  nachher,  zu  Hause  angelangt,  ihn 
zeichnete,  als  ob  er  ihn  vor  sich  gehabt."  Und  Notizen 
wie:  „Giovannina,  phantastisches  Gesicht  —  wohnt  in 
Sta  Caterina,  im  Spital"  —  „Cristofano  da  Castiglione 
wohnt  in  der  Pietà,  hat  einen  guten  Kopf"  bestätigen 
das  ebenso  wie  seine  Zeichnungen,  besonders  die  soge- 
nannten Karikaturen,  die  großenteils  nur  Studien  nach 
den  grotesken  Bildungen  sind,  welche  die  Natur  hervor- 
bringt und  die  Kunst  ignoriert.  Aber  wer  darum  annimmt, 
Leonardo  habe  jemals  die  Natur  verwendet,  so  wie  sie 
sich  ihm  darbot,  oder  er  habe,  wie  noch  Goethe  glauben 
durfte,  für  die  Idee,  die  ihm  vorschwebte,  „eine  an- 
nähernde Gestalt  gesucht",  um  sie  in  die  Stellung  hinein- 
zusetzen, welche  die  Komposition  erforderte,  gewisser- 
maßen um  ein  Porträt  in  das  kompositioneile  Schema 
hineinzuarbeiten,  der  hat  diesen  Künstler  nicht  erfaßt. 
Leonardo  studierte  unaufhörlich  die  Wirklichkeit,  nm 
seiner  Phantasie  einen  immer  neuen  Formenschatz  zu- 
zuführen; er  kopierte  aber,  um  daraus  zu  komponieren. 
Was  er  in  der  Natur  an  Brauchbarem  fand,  mußte  erst 
in  den  Schmelztiegel  seines  Geistes  und  kam  nicht  heraus, 
ehe  es  aussah,  als  wäre  es  ganz  Leonardo  und  frei  aus 
seiner  Idee  herausgeboren  —  ein  Werk,  „al  quale",  wie 
bei  Dante,  „han  posto  mano  e  cielo  e  terra",  an  das 
Himmel  und  Erde  Hand  angelegt,  bis  daraus  eine  Sache 

LVI 


wurde,  die  Großes  bedeutet,  „una  finzione  che  significa 
cosa  grande".  Wir  können  diesen  Prozeß  bis  ins  einzelnste 
bei  den  Skizzen  zum  Reiterdenkmal  verfolgen.  Wieso 
das  Abendmahl,  diese  Summe  von  höchster  Weisheit  und 
höchstem  Können,  zugrunde  gegangen  ist,  während  die 
Wandgemälde  des  ersten  besten  Dummkopfes  jener  Zeit 
leben,  wir  wissen  es:  die  Beschaffenheit  der  Mauer, 
welcher  Leonardo  vergebens  abzuhelfen  gesucht;  dazu 
noch  mancherlei  Unglück  und  die  Technik,  in  der  es  aus- 
geführt. Allein  erinnern  wir  uns:  wie  Lomazzo  uns  sagt, 
war  Leonardo  einer  der  Ersten  in  Italien,  welche  die 
Temperamalerei  mit  der  Ölmalerei  vertauscht  haben;  es 
fehlte  ihm  noch  manche  Erfahrung,  und  ihn  verlockte  es, 
zu  suchen,  was  kein  anderer  gemacht.  Vor  allem  jedoch: 
nicht  die  Linie,  nicht  die  Rundung,  nicht  die  Farbe,  nicht 
die  Gruppe,  nicht  das  Licht,  ja,  auch  nicht  der  Stoff  selbst, 
den  er  darstellt  —  lauter  Mittel  —  sind  das  Zentrale 
seiner  Kunst:  er  ist  Ausdrucksmaler;  er  will,  wie  die 
Natur,  das  Seelische  in  der  Erscheinung  enthüllen,  und 
jede  Regung  zwar  intensiv,  aber  dennoch  aufs  subtilste  vor- 
tragen, so  daß  es  die  Bescheidenheit  der  Natur  nicht  ver- 
letzt, die  mit  unscheinbaren  Mitteln  Großes  erreicht,  aber 
doch  oft  wie  mit  dem  höchsten  Reichtum  und  der  höchsten 
Schönheit  auslesender  Kunst  auf  uns  wirkt.  Das  ist  mit 
dem  abgekürzten  Verfahren  des  Fresko  nicht  zu  erzielen. 
Im  üppigsten  Quellen  der  Erfindung  äußerst  wählerisch, 
überzeugt,  daß  nur  eine  Form  die  vollkommene  sein  kann, 
sagte  er,  wie  Zeuxis  in  der  griechischen  Anekdote,  er 
verweile  lang  bei  jedem  seiner  Werke,  damit  es  lange 
lebe.  Ein  Mann  tiefster  Erwägungen,  mußte  es  ihm  mög- 
lich bleiben,  immer  noch  einen  Reuezug,  wie  Goethe  es 
nennt,  an  seinem  Bilde  anzubringen.  Er  fiel  seine  Arbeit 
nicht  an  wie  der  Löwe  seine  Beute:  so  muß  es  aber  der 
Freskomaler  tun.  Es  wird  uns  oft  und  oft  geschildert,  er 
habe  sich  nicht  anders  als  am  ganzen  Leibe  zitternd  einer 
großen  Aufgabe  zu  nähern  vermocht:  er  konnte  sich  keiner 

LVII 


anderen  Technik  bedienen  als  der  in  Öl ,  die  zu  Unter- 
brechungen zwingt  und  den  „feinsten  Überlegungen",  wie 
Leonardo  sagt,  allen  Spielraum  gibt.  So  mußte  der  größte 
Künstler,  Denker,  Erfinder  der  Renaissance  durch  die 
Natur  seines  Genies  an  Dingen  scheitern,  die  der  letzte 
seiner  Schüler  zu  umgehen  wußte,  und  so  sind  wir  um 
ein  Meisterwerk  ärmer,  das  in  jeder  Richtung  ohne- 
gleichen blieb. 

Strzygowski  setzt  das  nur  untermalte  Bild  des  heiligen 
Hieronymus  mit  dem  wundervoll  groß  und  dekorativ  im 
Vordergrund  liegenden  Löwen  (Vatikan)  gleichfalls  in  die 
neunziger  Jahre ,  im  Gegensatz  zu  Müller- Walde ,  der 
glaubt,  es  sei  in  Florenz  entstanden.  Für  ersteres  sprechen 
die  Meisterschaft  der  Helldunkelbehandlung ,  der  Licht- 
verteilung und  die  gründliche  Kenntnis  der  Anatomie. 
Besonders  die  Hals-  und  Schulternpartie  hat  große  Ver- 
wandtschaft mit  ein  paar  Zeichnungen,  die  Leonardo  für 
sein  Buch  von  der  menschlichen  Figur  gemacht  hat. 

Ferner  hat  sich  Leonardo  an  der  Ausschmückung  des 
Kastells  beteiligt  —  seine  Arbeit  in  der  Saletta  negra 
ist  zwar  leider  dem  Unverstand  zum  Opfer  gefallen,  doch 
dokumentarisch  festgestellt;  seine  Malerei  in  der  Sala 
della  Torre  oder  delle  Asse  ist  nicht  nur  mit  größter 
Sorgfalt  abgedeckt  und  freigelegt,  sondern  auch  in  voller 
Schönheit  und  Treue,  wie  Luca  Beltrami  versichert,  wieder- 
hergestellt worden:  eine  geistreiche  und  anmutige  Deko- 
ration in  Art  einer  Pergolata,  mächtige  Stämme,  deren 
dichtbelaubte  Äste  sich  durchflechten  und  die  mittels  ver- 
goldeter Schnüre  im  Spiel  der  wunderbarsten  Verschlin- 
gungen zusammengeknüpft  smd.  Studien  dazu  findet  man 
in  den  Blättern  des  Cod.  atl.  (Fol.  261  r.,  Fol.  273  v.)  und 
der  "Windsor-Sammlung  (s.  z.  B.  Ed.  Rouveyre's  Ausgabe, 
Notes  et  Croquis  sur  l'Anatomie  du  Cheval,  Bd.  IL,  Fol.  57  r.). 

Die  Arbeiten  Leonardos  in  den  Gemächern  des  Kastells, 
die  gesucht  und  gefunden  zu  haben  das  Verdienst  der 
leidenschaftlichen  Beharrlichkeit  Müller-Waldes  und  Luca 

LVIII 


Beltramis  ist,  sind  mit  einer  interessanten  Episode  ver- 
flochten, welche  ein  scharfes  Licht  wirft  auf  die  angeblich 
so  glänzende  Existenz  Leonardos  am  Hofe  des  Moro.  Im 
Herbst  1495  wurden  an  den  „Camerini",  die  nach  dem 
Burggarten  zu  neben  dem  Turm  des  Kastells  gelegen 
waren,  Türen  durchgebrochen  usw.,  und  dann  der  Mal- 
grund hergestellt;  der  Herzog  wünschte  diese  Räume 
schleunig  fertig  zu  sehen.  Nun  existiert  aber  das  Kon- 
zept zu  einem  Brief,  den  Lodovico  Moro  am  8.  Juni  1496 
an  den  Erzbischof  von  Mailand  nach  Venedig  schreiben 
ließ:  „Der  Maler,  welcher  unsere  Camerini  malte,  hat 
heute  einen  gewissen  Skandal  gemacht,  wegen  dessen  er 
sich  entfernte,  und  da  wir  nun  an  einen  anderen  Maler 
zu  denken  haben,  um  das  Werk  zu  liefern  und  jenem 
zu  genügen,  wofür  wir  uns  mit  der  Arbeit  dessen  be- 
dienten, so  sich  absentiert  hat,  und  da  wir  hören,  daß 
Meister  Petro  Perusino  sich  dort  (in  Venedig)  befinde, 
dünkt  uns  Euch  aufzutragen,  daß  Ihr  mit  dem  besagten 
Perusino  sprechet  und  von  ihm  höret,  ob  er  kommen 
wolle,  um  uns  zu  dienen,  indem  Ihr  ihm  saget,  wenn  er 
käme,  würden  wir  ihm  solche  Bedingungen  machen,  daß 
er  zufrieden  sein  könnte".  .  .  Jedoch  der  Perugino  hatte 
Venedig  schon  verlassen  und  man  wußte  dort  nicht,  wo 
er  nun  sei.  Der  Herzog  hält  hierauf  Umfrage  nach  anderen 
Malern;  es  ist  ein  Blatt  vorhanden,  interessant  durch  die 
Charakteristik  der  Vorgeschlagenen  —  Botticelli,  Filippino 
Lippi ,  Domenico  Ghirlandaio  und  wieder  Perugino, 
zwischen  denen  die  Palme  „è  quasi  ambigua",  —  so  ziemlich 
schvvanke.  Am  28.  März  1497  wendet  sich  Lodovico  — 
ebenso  vergebens  —  an  Guido  und  Rodolfo  di  Baglioni, 
Herren  von  Perugia,  um  sie  zu  bitten,  daß  sie  doch  den 
Perugino  bewegen  mögen ,  nach  Mailand  zu  kommen, 
„um  einigen  Sachen  genug  zu  tun",  die  er  vorhabe,  und 
dem  Meister  begreiflich  zu  machen,  daß  er,  „wenn  er 
herkäme,  von  uns  solches  Traktament  empfinge,  daß  er 
allzeit  zufrieden  gestellt  sein  würde,  gekommen  zu  sein". 

LIX 


—  Wer  war  aber  der  Maler,  der  nach  einem  gewissen 
Skandal  die  Arbeit  an  den  Camerini  im  Stich  gelassen, 
und  den  man  nur  durch  den  besten  Künstler  Toskanas 
meinte  ersetzen  zu  müssen?  Müller-Walde  entscheidet 
sich  für  Leonardo.  Am  29.  Juni  1497  gibt  der  Herzog 
dem  Marchesino  Stanga  den  Auftrag,  „Leonardo  Fioren- 
tino" zu  mahnen,  daß  er  die  begonnene  Arbeit  im  Re- 
fektorium delle  Grazie  fertig  mache ,  um  nachher  der 
anderen  Fassade  selbigen  Refektoriums  „obzuliegen"  (er 
hat  auf  sie  die  Bildnisse  des  Lodovico,  seiner  Frau,  seiner 
Söhne  gemalt).  Und  noch  ein  zweites  Mal,  am  29.  No- 
vember, schreibt  er  an  dieselben  Herren,  zu  bewirken, 
daß  er  den  Perugino  „habe",  entweder  um  dauernd  in 
seinen  Diensten  zu  bleiben  oder  nur  für  beschränkte  Zeit: 
der  Herzog  würde  ihn  nehmen,  ganz  wie  er  es  wünschte... 
Auch  das  blieb  ohne  Resultat.  —  War  es  aber  wirklich 
zwischen  dem  Moro  und  Leonardo  zum  Bruch  gekommen, 

—  wenn  der  Fürst  Grund  hatte  zu  klagen,  so  hatte  es 
der  Künstler  noch  viel  mehr.  Ein  paar  halbe  Worte, 
die  Müller-Walde  auf  den  Herzog  beziehen  zu  dürfen 
meint,  verraten  tiefgehertden  Verdruß:  „erst  die  Bene- 
fizien  und  nachher  die  Arbeiten  und  dann  die  Undankbar- 
keiten und  hierauf  die  unwürdigen  Klagereien".  .  .  .  Wir 
haben  zwei  Briefentwürfe  von  Leonardo  (S.  206  und  207), 
die ,  obwohl  nur  verstümmelt  erhalten,  doch  von  großer 
Wichtigkeit  sind,  und  einen  Einblick  geben  in  die  Drang- 
sale seiner  Existenz.  Es  scheint,  daß  man  ihm  statt 
Geldes  „Benefizien"  wie  Tormauten,  Wasserabgaben  usw. 
zugewiesen  hatte  —  dies  die  „Geschenke",  mit  denen 
„den  ganzen  Tag"  der  Herzog  ihn  überhäufte.  Seit  zwei 
Jahren  war  er  ohne  Gehalt  geblieben,  mußte  aber  sechs 
Personen  ernähren.  Auf  diesem  Untergrund  hatten  die 
Differenzen  sich  so  weit  entwickelt,  daß  Leonardo  seine 
Arbeiten  abbrach ,  und  Lodovico  einen  Ersatz  für  ihn 
suchte.  Nun  lenkt  Leonardo  dennoch  ein.  Er  schreibt 
dem  Herzog.     Der   eine  Brief   klingt  ganz ,    als  hätte  er 

LX 


seinem  Stolz  ihn  mühsam  abgerungen.  Es  tue  ihm  recht 
sehr  leid,  daß  die  Notwendigkeit,  seinen  Lebensunterhalt 
ZU'  suchen ,  ihn  zu  unterbrechen  gezwungen ,  das  Werk 
zu  verfolgen,  das  Seine  Herrlichkeit  ihm  aufgetragen; 
doch  hoffe  er,  in  kurzem  genug  verdient  zu  haben,  um 
mit  ausgeruhtem  Gemüt  Seiner  Exzellenz  Genüge  zu  tun; 
denn  wenn  der  Herzog  glaube ,  daß  er  Geld  habe ,  so 
täusche  er  sich  usw.  Der  zweite  —  es  ist  leider  ein 
Stück  des  Manuskriptblattes  weggerissen  —  ist  voll  zittern- 
der Erregung.  Die  Aufträge  werden  ihm  weggenommen; 
mit  Anweisungen  auf  Benefizien  kann  er  nichts  anfangen; 
er  will  seine  Kunst  wechseln.  Er  weiß  wohl,  daß  der 
Sinn  Seiner  Herrlichkeit  beschäftigt  ist  —  (am  2.  Januar 
1497  war  Beatrice  gestorben;  die  Franzosennot  drohte 
ganz  in  der  Nähe),  ...  er  hätte  auch  nicht  gewagt,  seine 
Bagatellen  ihm  ins  Gedächtnis  zu  rufen,  fürchtete  er  nicht, 
durch  Schweigen  ihn  sich  ungnädig  zu  machen.  Vom 
Pferd  wolle  er  nichts  sagen,  er  kenne  die  Zeiten;  er  sei 
aber  nun  zwei  Jahre  her  im  Guthaben  des  Gehaltes  ge- 
blieben. Er  hätte  gern  jenen ,  die  nach  ihm  kommen, 
durch  Werke  von  Ruf  gezeigt,  was  er  könne;  nun  wisse 
er  aber  nicht,  wo  er  seine  Werke  verausgaben  könne. 
Er  spricht  von  seiner  Lage,  erinnert  den  Herzog  an  den 
Auftrag  des  Malens  der  Camerini  ...  Es  vermittelten 
vielleicht  Freunde  mit  Erfolg;  kurz,  im  März  1498  be- 
richtet Messer  Gualtieri  dem  Herzog  wieder  von  Arbeiten 
in  den  kleinen  Kammern.  Am  21.  April  schreibt  er,  in 
der  Saletta  negra  werde  keine  Zeit  verloren.  In  der  Sala 
delle  assi  würden  die  Gerüste  abgetragen;  Meister  Leo- 
nardo verspreche,  bis  zum  September  alles  zu  vollenden, 
und  darüber  könne  man  froh  sein;  die  fliegenden  Brücken, 
die  er  mache,  ließen  unten  den  Raum  frei  usw.  Ehe 
das  Jahr  zu  Ende  geht,  hat  Leonardo  die  „Camerini* 
gemalt  und  das  Abendmahl  „mit  seiner  unvergleichlichen 
Hand"  fertig  „gepinselt  (pennellegiato)".  Fra  Luca  Pacioli, 
der    berühmte  Mathematiker    und  Verfasser    des  Werkes 


LXI 


„De  divina  proportione",  den  der  Moro  1496  nach  Mai- 
land gezogen  hatte  und  der  mit  Leonardo  rasch  befreun- 
det ward,  berichtet,  daß  am  8.  Februar  1499  „in  der  un- 
überwindlichen Burg  der  erlauchten  Stadt  Mailand"  in 
Gegenwart  des  Herzogs  ein  „lobenswertes  und  wissen- 
schaftliches Duell"  stattfand,  dem  er  in  Gesellschaft  „des 
scharfsinnigsten  Architekten  und  Ingenieurs  und  neuer 
Sachen  beflissenen  Erfinders  Leonardo  da  Vinci,  unseres 
florentinischen  Landsmannes,  beigewohnt".  Am  26.  April 
schenkt  der  Herzog  Leonardo  einen  Weingarten  vor  dem  Tor 
Vercelliana,  im  Umfang  von  16  Ruten,  mit  Worten  höchster 
Ehrung  und  mit  der  Anerkennung,  „ihm  gegenüber  so 
viel  Verpflichtung  zu  haben ,  daß ,  wenn  wir  ihm  nicht 
irgendein  Geschenk  machten ,  wir  glauben  würden ,  uns 
selbst  etwas  zu  vergeben".  .  .  .  Die  Gunst  und  Gnade 
konnte  nicht  mehr  höher  steigen;  allein  sie  vermochte 
eben  nichts  Wirksames  mehr  auszurichten.  Der  Papst 
Alexander  VL ,  Ludwig  XIL  und  Venedig  hatten  gegen 
Mailand  ein  Bündnis  geschlossen.  „Gut,  ihr  habt  euch 
mit  dem  König  in  meinen  Staat  geteilt,"  sagte  der  Moro 
zu  den  Gesandten  der  Serenissima;  „doch  bei  Gott!  ich 
werde  euch  zum  Fischfang  aufs  Meer  hinausschicken,  und 
ihr  sollt  auf  dem  Festlande  keine  Faustbreit  Erde  behalten" 
(per  Dio!  vi  farò  andare  a  pescare  a  la  marina,  e  non 
avrete  in  terra  ferma  un  palmo  di  terra).  Er  schloß  ein 
Gegenbündnis  mit  dem  Kaiser,  dem  Sultan,  dem  König 
von  Neapel;  doch  als  im  Juli  1499  Ludwig  XIL  die  Alpen 
überschritt,  als  eine  Feste  nach  der  anderen  „vor  dem 
Ungestüm  der  Schweizer  und  der  Kinder  Frankreichs" 
fiel,  hatte  Maximilian  natürlich  gerade  Kriegshändel  mit 
den  Kantonen,  und  Federigo  nahm  des  Momentes  wahr 
und  verblieb  untätig,  bis  es  zu  spät  war:  da  wich  Lodovico 
Moro  und  floh  mit  all  seinen  Schätzen  nach  Tirol,  während 
Mailand  seine  Tore  Gian  Giacomo  Trivulzio,  dem  fran- 
zösischen Feldherrn,  öffnete.  Am  6.  Oktober  zog  Lud- 
wig XII.  im  Triumph    ein  und  wurde  vom  Volke  jubelnd 

LXII 


begrüßt.  Allein  die  Franzosenherrschaft  war  noch  härter 
als  die  des  Sforza.  Deshalb,  als  Lodovico  mit  einem  Heer 
von  Schweizern  und  Deutschen  von  Como  her  nahte,  er- 
hob sich  Mailand ,  das  von  den  Anhängern  des  Moro, 
unter  anderen  von  Jacopo  Andrea  da  Ferrara  aufgewiegelt 
war,  und  am  5.  Februar  1500  kehrte  der  Herzog  in  seine 
Hauptstadt  zurück.  Aber  die  Franzosen  kamen  in  Eil- 
märschen aus  der  Romagna  herbei,  wo  sie  Cesare  Bor- 
gias  Plänen  Hilfe  geleistet  hatten;  aus  Frankreich  zogen 
neue  Truppen  heran.  Als  der  Moro  sich  am  10.  April 
bei  Novara  dem  Feind  entgegenstellte,  verweigerten  die 
Schweizer  den  Kampf  und  lieferten  den  Herzog  aus. 
Dieser  wurde  nach  Frankreich  gebracht  und  starb  1510 
im  Kerker  zu  Loches.  „Ein  Mann  von  singularer  Weis- 
heit," sagt  Paolo  Giovio,  „doch  von  einem  Ehrgeiz  ohne 
Grenzen,  —  geboren  zum  Verderben  Italiens."  Frank- 
reich verhängt  nun  ein  hartes  Strafgericht  über  die 
wankelmütige  Stadt;  die  Parteigänger  der  Sforza  werden 
ihrer  Güter  beraubt,  Jacopo  Andrea  wird  gefangen  ge- 
nommen, enthauptet  und  gevierteilt. 

Leonardo  da  Vinci  hatte  Mailand  verlassen ,  ehe  die 
Katastrophe  hereinbrach.  Ob  es  Voraussicht ,  Vorsicht 
oder  ein  Auftrag  war,  was  ihn  dazu  bewog,  läßt  sich  nicht 
entscheiden;  doch  Loyalität,  Patriotismus  und  dergleichen 
allgemeine  Bürgertugenden  hätten  ihn  nie  festgehalten 
und  gebunden.  Leonardo  gehört  wie  Faust  zu  den  Un- 
behausten;  er  ist  ohne  Verhältnis  zu  seiner  Mitwelt.  Er 
liebt  alle  Kreatur;  er  ist  voll  Güte  für  alle,  die  von  ihm 
abhängig  sind;  seine  Schüler  sind  seinem  Herzen  gleich- 
wie Söhne  nah;  dennoch  muß  es  betont  werden  und  es 
sollte  keinen  Wunder  nehmen,  daß  nichts  und  niemand 
Leonardo  binden  konnte,  außer  ein  Problem,  dem  er  nach- 
ging; daß  er  keinem  Fürsten,  keinem  Land,  keinem  Freund 
und  keiner  Frau  hätte  leben  können ,  sondern  daß  sein 
ganzes  Wesen  und  Dasein  im  Dienst  der  übermächtigen 
Leidenschaft  seines  Geistes  stand  und  ganz  von  den  Zielen 

LXIII 


besessen  war,  die  sein  Schaffens-  und  Erkenntnistrieb 
ihm  unaufhörlich  setzten.  Keinem  angehören  können  als 
sich  und  seinem  Werk,  dies  ist  das  angeborene  Gesetz 
des  Genies  und  damit  sein  Schicksal;  es  macht  den 
außerordentlichen  Menschen  im  faustischen  Sinn  zum 
Einsamen,  zum  Übermenschen,  zum  Unmenschen.  "Wäh- 
rend die  Franzosen  nahen,  arbeitet  Leonardo  unbeirrt  fort. 
„Am  1.  August  1499  schrieb  ich  hier  von  der  Bewegung 
und  dem  Gewicht,"  notiert  er  (Cod.  atl.  Fol.  104  r.)  und 
sieben  Zeichnungen:  „Vom  Bad  der  Herzogin  Isabella.  — 
A  ist  gesetzt,  damit  der  Zapfen  sich  nicht  zugleich  mit 
der  Schraube  drehe.  —  Feder"  —  eine  letzte  Erinnerung 
an  die  letzten  Aufträge  Lodovicos ,  der  in  allen  gleich- 
gültigen Wünschen  der  unglücklichen  Witwe  Gian  Galeaz- 
zos,  „Ysabella  de  Aragonia  Sforzia  unicha  in  desgracia", 
wie  sie  sich  unterschrieb,  gern  entgegenkam.  Eine  andere 
Aufzeichnung  (Cod.  atl.  Fol.  284  r.)  aber  zeigt,  daß  Leo- 
nardo den  Ereignissen  nicht  blind  entgegenging.  Er 
macht  ein  Inventar  seines  Geldbesitzes,  nach  den  Münz- 
sorten, die  er  in  den  verschiedensten  Verstecken  seiner 
Wohnung  aufbewahrte.  Am  29.  Dezember  deponierte  er 
dann  durch  ein  Mailändisches  Bankhaus  seine  über- 
flüssigen Barmittel  im  Hospital  zu  Santa  Maria  Nuova, 
der  florentinischen  Sparkasse  jener  Zeit:  600  Goldgulden 
im  ganzen  —  das  Resultat  einer  siebzehnjährigen  un- 
geheuren Tätigkeit.  Leonardo  selbst  hat  Mailand  wohl 
lange  vorher  verlassen.  Im  Cod.  atl.  Fol.  234  v.  steht 
folgendes  Brouillon,  das  von  den  Forschern  wohl  über- 
sehen wurde,  weil  es  durchgestrichen  ist  :  „Illustrissimi 
Signori  miei,  da  ich  gesehen  habe,  daß  die  Türken  nicht 
auf  irgend  einem  Teil  des  Festlandes  vorher  nach  Italien 
kommen  können,  ehe  sie  den  Fluß  Isonzo  passierten,  und 
obschon  ich  weiß,  daß  es  nicht  möglich  ist,  irgend  eine 
Schutzwehr  von  langer  Dauer  zu  machen,  kann  ich  nicht 
umhin,  daran  zu  erinnern,  daß  die  wenigen  Leute  mit 
dem  Beistand    selbigen  Flusses    nicht    für    viele    taugen, 

LXIV 


sintemalen,  wo  solche  Flüsse*  ...  Er  wiederholt,  daß 
eine  kleine  Truppe  nichts  helfe.  Er  hebt  hervor,  das 
Wildwasser  dieses  Flusses,  mit  dem  Flößholz,  das  es 
mitführt,  überschwemme  die  Ufer  so  hoch,  daß  ein  Wall, 
der  widerstände,  nicht  herzustellen  sei.  Er  erwähnt  „die 
Brücke  von  Görz".  Die  Ideen  sind  nur  angedeutet.  In 
wessen  Auftrag  Leonardo  eine  Besichtigung  der  Grenz- 
befestigungen und  eine  Flußregulierung  im  Friaulischen 
vorgenommen,  ist  aus  der  Ansprache  „Erhabene  Herren" 
nicht  ersichtlich;  doch  möchte  man  am  ehesten  an 
Venedig  denken,  gegen  das  der  Sultan,  vom  Moro 
aufgestachelt,  heimlich  rüstete.  Und  Leonardo  muß 
sein  Gutachten  jedenfalls  im  Spätsommer  1499  er- 
stattet haben;  denn  nach  Barbarenart,  ohne  weitere 
Kriegserklärung  wurden  alle  Venezianer  in  Konstanti- 
nopel eines  schönen  Tages  gefangen  genommen;  am 
26.  August  fiel  Lepanto  in  die  Hände  des  Sultans;  zu- 
gleich überzog  ein  Streifkorps  von  10000  Spahis  sengend 
und  raubend  die  venezianischen  Besitzungen  und  drang 
im  Oktober  bis  zum  Tagliamento,  ja  bis  gegen  Vicenza 
vor.  Die  Tatsachen  hatten  Leonardo  recht  gegeben.  Als 
Leonardo  Mailand  verließ,  war  er  vorübergehend  in  Man- 
tua,  —  nicht  zum  erstenmal.  Schon  im  Dezember  1498 
muß  er  dort  gewesen  sein,  denn  der  Markgraf  ordnet  an, 
daß  der  Schatzmeister  ihm  die  Lauten-  und  Violasaiten 
bezahle,  die  er  aus  Mailand  mitgebracht.  Ob  1498,  ob 
1499,  die  Markgräfin  Isabella  wünschte  von  ihm  gemalt 
zu  werden  und  saß  ihm  auch  zu  einer  Skizze.  Charles 
Yriarte  wollte  in  der  wunderbaren  Porträtstudie  des  Louvre 
das  Bildnis  dieser  seltenen  Frau  erkennen.  Der  ausge- 
zeichnete Direktor  des  k.  Archivs  in  Mantua,  Alessandro 
Luzio  hat  in  einer  wertvollen  Arbeit  „I  ritratti  d'Isabella 
d'Este"  (Zeitschrift  „Emporium",  Bergamo,  Mai-  und 
Juniheft  1900)  bewiesen,  wie  unstichhaltig  die  Gründe 
sind,  die  Yriarte  für  seine  Behauptung  anführt.  Dennoch 
aber,  und  trotz  Yriarte,  wird  man  annehmen  dürfen,  daß  der 

V        Herzfeld,  Leonardo 

LXV 


Karton  des  Louvre,  von  dem  eine  kleinere,  viel  weniger 
lebendige  Wiederholung  in  den  Offizien  existiert,  Isabella 
d'Este  Gonzaga  Markgräfin  von  Mantua  darstelle.  Kein 
anderes  ihrer  Bildnisse  malt  uns  besser  ihr  Wesen  als  diese 
wunderschöne  Skizze  mit  dem  leisen  Grüßen  der  lächelnden 
Augen  und  dem  bewegten  Spiel  der  geistreichen,  tempe- 
ramentvoll geschürzten  Lippen.  Die  gemeine  „Ähnlichkeit 
zum  Schreien"  hat  Leonardo  nie  gesucht;  doch  es  gleicht  die 
Studie  in  den  Zügen  und  mehr  noch  durch  die  Bewegung  der 
Züge  genügend  den  Porträts  im  Wiener  Hofmuseum,  denen 
in  bezug  auf  Ähnlichkeit  Wert  beizulegen  ist:  den  Medaillen 
Cristoforo  Romanos  und  dem  Miniaturbild  aus  Schloß 
Ambras,  einer  Kopie  jenes  Porträts,  das  in  der  Familie 
Gonzaga  als  das  ähnlichste  galt  .  .  .  Den  Ausgang  der  Ge- 
schicke von  Mailand  wartete  Leonardo  in  Gesellschaft  des 
Luca  Pacioli,  der  „wegen  gewisser  Vorfälle  in  jenen 
Gegenden"  (certi  successi  in  questa  parte)  auch  die  Lom- 
bardei verlassen  hatte,  in  Venedig  ab,  wo  der  berühmte 
Mathematiker  durch  seine  Werke  wohlbekannt  war.  Am 
13.  März  1500  schrieb  der  Musikinstrumentenmacher  Lo- 
renzo Gusnasco  an  Isabella  von  Mantua:  „Es  befindet 
sich  in  Venedig  Leonardo  Vinci,  welcher  mir  ein  Konter- 
fei Euerer  Herrlichkeit  gezeigt  hat,  welches  ganz  Natur 
ist,  so  gut  gemacht,  wie  es  kaum  möglich  ist"  (molto 
naturale  a  quella,  sta  tanto  bene  facto  non  è  possibile). 
Und  während  in  Mailand  der  Grund  zusammenbricht,  auf 
den  er  seine  Existenz  gebaut,  treibt  Leonardo  mathe- 
matische, geologische  Studien,  beobachtet  Ebbe  und  Flut, 
das  Leben  der  Flüsse;  „denn",  sagt  er,  „diese  gütige 
Natur  sieht  in  solcher  Art  vor,  daß  überall  in  der  Welt 
du  zu  lernen  findest".  Mailand  fällt  endgültig  in  die 
Hand  der  Franzosen;  seine  Hoffnungen  sind  zerstört,  seine 
größten  Werke  sind  bedroht.  In  seine  Notizen,  welche 
mehr  die  Memorabilien  seines  Geistes  als  seiner  Erleb- 
nisse bewahren,  schreibt  er  auf  eine  Seite,  die  ich  voll- 
inhaltlich hierher  setze:  „Paolo  di  Vannocco  in  Siena  (?) 

LXVI 


—  ...  co  di  Ronco  (?).  —  Domenico  der  Schlosser.  — 
Die  Saletta  von  oben,  für  die  Apostel.  —  Notwendige 
Gesellschaft  hält  die  Feder  mit  dem  Federmesser,  und 
ebenso  nützliche  Gesellschaft,  weil  das  eine  ohne  das 
andere  nicht  gar  viel  wert  ist.  —  Gebäude  des  Bramante. 

—  Der  Kastellan  gefangen  genommen.  —  Der  Visconti 
fortgeschleppt,  und  der  Sohn  nachher  getötet.  —  Gian 
della  Rosa  (Rosate,  Astrolog  des  Moro),  sein  Geld  ihm 
weggenommen.  Borgonzo  (Schatzmeister  des  Sforza)  fing 
an  und  wollte  nicht  (?),  und  darum  entfloh  ihm  auch  das 
Glück.  —  Der  Herzog  verlor  den  Staat  und  sein  Gut 
und  die  Freiheit,  und  keines  seiner  Werke  wurde  von 
ihm  beendigt.  (Auf  dem  Seitenrand:  Rhodus  hat  in  seinem 
Inneren  5000  Häuser.)"  Dieser  kurze  Nachruf,  den  Leo- 
nardo so  beiläufig  seinem  eigenen  Glücke  widmet,  steht 
im  Innendeckel  eines  Heftes,  dessen  Aufschreibungen  aus 
dem  Jahre  1502  herstammen.  Ich  möchte  annehmen, 
daß  auch  diese  Notiz  erst  1502  gemacht  wurde.  Die 
Wunde  war  tief;  Leonardo  rührte  nicht  an  seinen  Schmerz. 
Er  hatte  keine  Zeit  für  persönliche  Gefühle.  Es  lebte 
in  ihm  der  feste  Wille  zum  Gesundsein,  jener  starke 
Heiltrieb  der  Natur,  der  charakteristisch  ist  für  das  große 
Genie.  Seine  beständige  Mahnung  an  die  Künstler  ist, 
ihr  Gemüt  zu  halten  wie  einen  Spiegel,  so  still  und  treu 
und  rein.  War  er  darum  fühllos?  Auf  einem  merkwürdigen 
Blatt,  —  ein  riesiger  Tintenfleck  ist  über  ein  Gedicht  aus- 
gegossen, das  nicht  von  Leonardo  gemacht  noch  ge- 
schrieben ist  und  von  dem  wir  nichts  mehr  lesen  können 
als:  „Lionardo  (florentinische  Form  des  Namens)  mio, 
non  havete  .  .  .  Deh!  Lionardo,  per  che  tanto  penate! 
(Mein  Leonardo,  habt  Ihr  nicht  .  .  .  ach!  Leonardo,  was 
quält  Ihr  Euch  so  sehr!)"  —  auf  diesem  Blatt  steht  das 
Fragment  eines  Briefes  oder  dergleichen:  »Oh!  nicht 
schätze  mich  gering,  denn  ich  bin  nicht  arm;  arm  ist, 
wer  viele  Dinge  wünscht.  Wohin  ich  mich  wenden 
werde?     Wohin,    das    wirst    du    in    kurzer   Zeit   wissen. 

LXVII 


Bleibe  du  nur  ruhig.  In  kurzer  Zeit"  .  .  .  Und  auf 
der  gleichen  Seite  das  emphatische:  „O  Zeit,  Verzehrerin 
aller  Dinge!"  (S.  299.)  Wenn  jemals  in  Leonardos 
Leben  der  bittere  Augenblick  da  war,  für  den  diese  ver- 
haltenen Klagen  paßten,  so  war  es  sicher  der  Augen- 
blick, wo  Mailand  hinter  ihm  versank.  Was  hatten  die 
dort  verlebten  Jahre  nicht  alles  enthalten!  Seine  Tätig- 
keit ist  kaum  zu  übersehen.  Seine  Arbeiten  über  die 
Malerei,  die  Skulptur,  die  Architektur,  über  die  Anatomie 
des  Pferdes,  die  menschliche  Figur,  über  Licht,  Schall, 
Bewegung,  über  das  Wasser,  über  den  Vogelflug,  über 
Luftschiffahrt  sind  alle  in  dieser  Zeit  begonnen  worden 
und  zum  Teil  zur  Reife  gelangt,  wenn  wir  auch  nicht 
mehr  dem  Wortlaut  nach  glauben  dürfen,  was  Luca 
Pacioli  sagt:  „Als  die  Malerei  des  Cenacolo  vollendet  war, 
machte  er  sich  daran,  das  Werk  von  der  lokalen  Be- 
wegung, dem  Stoß  und  den  Gewichten  zu  komponieren, 
nachdem  er  bereits  mit  allem  Fleiß  das  würdige  Buch 
von  der  Malerei  und  den  menschlichen  Bewegungen  ab- 
geschlossen hatte."  1494  wurde  der  Bestiarius  nieder- 
geschrieben. Die  meisten  Allegorien,  einen  großen  Teil 
der  Maximen,  Fabeln,  Schwanke,  Prophezeiungen  hat 
Leonardo  in  Mailand  fixiert.  Von  seiner  Musik,  seinen 
dichterischen  Improvisationen  spricht  leider  nur  die  Über- 
lieferung. Der  zwingende  Zauber  seines  Wesens  muß 
unwiderstehlich  gewesen  sein,  und  er  wußte  sich  dessen 
wohl  zu  bedienen.  „Als  der  Herzog  die  so  wunderbaren 
Gespräche  (ragionamenti)  des  Leonardo  vernahm,  ver- 
liebte er  sich  so  in  dessen  Tugenden,  daß  es  eine  un- 
glaubliche Sache  war,"  sagt  Vasari  .  .  .  „Mit  dem  Glanz 
seines  Äußeren,  das  wunderschön  war,  machte  er  jedes 
traurige  Gemüt  wieder  froh  und  mit  den  Worten  bekehrte 
er  jede  verhärtete  Ansicht  zu  ja  und  zu  nein."  Dennoch 
war  es  seine  Lehre  für  den  Künstler,  die  Einsamkeit  zu 
suchen  oder  nur  Genossen  seiner  Studien.  Er  dachte 
wie    Goethe:    „Wer   für   die  Welt   etwas    tun  will,    darf 

LXVIII 


sich  mit  ihr  nicht  einlassen.*  —  „Wenn  du  allein  bist," 
sagt  er,  „bist  du  völlig  dein." 


Tm  April  1500  ist  Leonardo  da  Vinci  wieder  daheim  in 
*  Florenz.  Er  erhebt  in  Santa  Maria  Nuova  50  Goldgulden 
von  seinem  Depot.  Er  wohnt  mit  Luca  Pacioli,  dem  er 
in  der  Mathematik  viel  verdankt  und  der  ihm  wieder  viel 
verdankt:  neben  der  Fülle  geistiger  Anregung  auch  die 
perspektivischen  Zeichnungen  und  plastischen  Modelle 
regulärer  und  halbregulärer  Körper  für  sein  Werk  „Über 
die  göttliche  Proportion"  und  „Über  Architektur"  (gedruckt 
1509  in  Venedig),  —  „gefertigt  und  geformt  von  jener  in- 
effabile sinistra,  unbeschreiblichen,  allen  mathematischen 
Disziplinen  angepaßten  Linken  des  Fürsten  und  heutzu- 
tage unter  den  Sterblichen  an  erster  Stelle,  unseres  Leo- 
nardo da  Vinci  aus  Florenz,  in  jener  glückseligen  Zeit, 
als  wir  zusammen  in  denselben  Diensten  in  der  gar 
wundersamen  Stadt  Mailand  uns  befanden",  wie  der  gute 
Frate  es  in  seinem  bombastischen  Enthusiasmus  aus- 
drückt—  Arbeiten,  die  Leonardo  1508 — 1509  selbständig 
fortsetzt.  Er  treibt  im  Spital  von  Santa  Maria  Nuova 
unbehelligt  seine  geliebten  anatomischen  Studien.  Er 
nahm  seine  Untersuchungen  bezüglich  einer  Schiffbar- 
machung  des  Arno  und  eines  Kanalsystemes  wieder  auf, 
das  den  Wasserzufluß  regelte,  der  Berieselung  des  Landes 
und  einer  Trockenlegung  der  Sümpfe  diente.  Er  gibt  den 
Konsuln  der  Kaufmannszunft  ein  Gutachten  darüber  ab, 
aus  welchen  Gründen  die  Franziskanerkirche  S.  Salvadore 
(auf  dem  Hügel  von  S.  Miniato)  —  „la  bella  villanella," 
die  Dorfschöne,  nach  Michelangelos  Wort  —  einzustürzen 
drohe;  er  konstatiert  eine  Erdbewegung  und  sagt,  wie 
abzuhelfen.  —  Vasari  erzählt,  Filippino  Lippi,  als  der 
liebenswürdige  Mensch,  der  er  war,  habe  Leonardo  auf 
dessen  Wunsch  den  Auftrag  abgetreten,  den  ihm  die  Mönche 
de'  Servi  gegeben,  eine  Tafel  für  den  Hauptaltar  der  Nun- 

LXIX 


ziata  zu  malen,  und  die  Frati,  damit  Leonardo  jene  male, 
hätten  ihn  ins  Haus  genommen,  mit  seinen  Familiären  (es 
zählte  Andrea  Salai  oder  Salaino  zu  ihnen,  der  seit  1494 
halb  als  Schüler,  halb  als  Faktotum  ihn  nicht  mehr  ver- 
ließ) und  ihren  Unterhalt  bestritten:  „und  so  hielt  er 
sie  lange  Zeit  in  Atem  und  fing  niemals  etwas  an.  End- 
lich machte  er  einen  Karton,  worauf  eine  Nostra  Donna 
und  eine  h.  Anna  mit  einem  Christus,  welche  nicht  bloß 
alle  Künstler  staunen  machten,  sondern  als  sie  fertig  waren, 
dauerte  zwei  Tage  im  Zimmer  das  Kommen,  um  sie  zu 
sehen,  der  Männer  und  der  Frauen,  der  Jungen  und  der 
Alten,  wie  man  zu  feierlichen  Festen  geht,  um  die  Wunder 
des  Leonardo  anzuschauen,  welche  alle  diese  Leute  staunen 
machten.  Denn  man  nahm  im  Gesicht  dieser  Unserer 
lieben  Frau  all  jenes  Einfache  und  Schöne  wahr,  was  nur 
immer  an  Einfachheit  und  Schönheit  einer  Mutter  Christi 
Gnade  verleihen  kann;  denn  er  wollte  jene  Bescheiden- 
heit und  Demut  zeigen,  so  in  einer  h.  Jungfrau  wohnt, 
welche  höchst  zufrieden  ist  vor  Freude,  die  Schönheit 
ihres  Sohnes  zu  sehen,  den  sie  mit  Zärtlichkeit  auf  dem 
Schöße  hält,  während  sie  mit  ehrbarem  Blickesenken  den 
h.  Johannesknaben  wahrnimmt,  der  mit  einem  Lämmchen 
spielt  —  nicht  ohne  ein  Lächeln  der  h.  Anna,  die  über- 
voll von  Glückseligkeit  ihre  irdische  Nachkommenschaft 
schon  himmlisch  geworden  sieht:  Überlegungen,  wahrhaftig 
aus  dem  Verstand  und  Genie  des  Leonardo  heraus." 
Dieser  Karton  kam  nach  Frankreich,  sagt  Vasari;  die  Be- 
schreibung des  Bildes,  das  Vasari  nie  gesehen,  erinnert 
eher  an  jenen  Karton,  der  in  der  Royal  Academy  in 
London  aufbewahrt  wird,  der  aber  bei  seiner  skizzen- 
haften Natur  wohl  nicht  geeignet  war,  Prozessionen 
von  Bewunderern  anzulocken.  Am  27.  März  1501  schrieb 
Isabella  Gonzaga  an  Pietro  da  Nuvolaria,  Generalvikar 
der  Karmeliter,  der  in  Santa  Maria  del  Fiore  die  Fasten- 
predigten hielt,  und  bat  ihn,  wenn  Leonardo  in  Florenz 
wäre,  sich  zu  erkundigen,  wie  sein  Leben  eigentlich  sei, 

LXX 


nämlich  ob  er  irgend  ein  Werk  begonnen  habe,  wie  man 
ihr  berichtet,  und  ihn  zu  sondieren,  ob  er  es  übernehmen 
würde,  in  ihrem  Studio  ein  Gemälde  zu  machen  —  Zeit- 
punkt und  Erfindung  wären  ihm  ganz  überlassen.  „Doch 
fände  er  sich  widerstrebend,  trachtet  wenigstens  ihn  zu 
bewegen,  daß  er  uns  eine  kleine  Tafel  mit  der  Madonna 
mache,  fromm  und  hold  (devoto  e  dolce),  wie  es  in 
seiner  Natur  ist."  Ferner  bäte  sie  ihn  um  eine  andere 
Skizze  des  Porträts,  nachdem  der  erhabene  Herr,  ihr 
Gemahl,  jene  weggeschenkt  habe,  die  Leonardo  ihr  zu- 
rückgelassen. Der  geistliche  Herr  antwortete  am  3.  April. 
„Soviel  mir  vorkommt,  ist  das  Leben  Leonardos  stark 
ungleich  und  so  unbestimmt,  daß  er  von  einem  Tag 
auf  den  anderen  zu  leben  scheint.  Er  hat,  seitdem  er 
in  Florenz  ist,  bloß  die  Skizze  zu  einem  Karton  gemacht. 
Er  stellt  einen  Christus  als  Kind  dar,  etwa  ein  Jahr  alt, 
das,  den  Armen  der  Mutter  (mamma)  entgleitend,  ein 
Lamm  faßt  und,  scheint  es,  drückt.  Die  Mutter,  sich  vom 
Schoß  der  h.  Anna  fast  erhebend,  nimmt  den  Knaben, 
um  ihn  loszulösen  vom  Lämmlein  —  Opfertier,  das  die 
Passion  bedeutet.  Die  h.  Anna,  ein  wenig  vom  Sitz  auf- 
stehend, scheint  die  Tochter  zurückhalten  zu  wollen,  daß 
sie  nicht  das  Kind  vom  Lamm  wegziehe,  welche  viel- 
leicht die  Kirche  darstellen  soll,  so  nicht  möchte,  daß 
die  Passion  Christi  verhindert  werde.  Und  sind  diese 
Figuren  in  natürlicher  Größe,  aber  befinden  sich  in  kleinem 
Karton,  weil  sie  alle  entweder  sitzen  oder  gekrümmt  stehen, 
und  die  eine  ist  ein  bißchen  hinter  der  andern  gegen  die 
linke  Hand  zu.  Und  diese  Skizze  ist  noch  nicht  fertig. 
Anderes  hat  er  nicht  gemacht,  außer  daß  zwei  seiner 
Schüler  Bildnisse  malen  und  er  manches  Mal  an  irgend 
eines  Hand  anlegt.  Widmet  starke  Arbeit  der  Geometrie 
und  ist  äußerst  ungeduldig  gegen  den  Pinsel."  Dieser 
wertvolle  Brief  gibt  uns  die  Gewißheit,  daß  der  Karton 
zu  dem  Gemälde  der  h.  Anna  selbdritt  des  Louvre  ira 
Anfang  dieser  zweiten  Florentiner  Epoche   des   Meisters 

LXXI 


entworfen,  wenngleich  durchaus  nicht  vollendet  worden  ist. 
Und  schon  damals  knüpften  sich  die  ersten  zarten  Fäden 
zwischen  Leonardo  und  Frankreich  an,  diesem  Frankreich, 
in  dessen  feinsten  Köpfen  seit  den  italienischen  Feldzügen 
eine  heiße  Sehnsucht  nach  italienischer  Kunst  erwacht  war. 
Am  4.  April  1501  schreibt  Nuvolaria  aufs  neue  an  Isa- 
bella Gonzaga.  Er  hat  erst  über  die  „Meinungen"  Leo- 
nardos dessen  Schüler  Salai  und  andere,  denen  Leonardo 
geneigt  war  (suoi  affezionati),  ausgefragt.  „Im  ganzen 
haben  seine  mathematischen  Experimente  ihn  so  sehr  vom 
Malen  abgezogen,  daß  er  den  Pinsel  nicht  mehr  leiden 
kann."  Nun  habe  er  Leonardo  gesprochen,  und  dieser 
sei  sehr  geneigt,  dem  Wunsch  der  Markgräfin  nachzu- 
kommen, wenn  er  nur  imstande  sei,  sich  ohne  seine  Un- 
gnade vom  König  von  Frankreich  loszumachen,  wie  er 
es  höchstens  in  einem  Monat  zu  tun  hoffe.  Allein  auf 
jeden  Fall,  wenn  er  das  Täfelchen  geliefert  habe,  das  er 
für  einen  Robertet,  Günstling  Ludwigs  XII.  —  es  ist 
dessen  allmächtiger  Staatssekretär  —  anfertige,  werde 
er  sofort  das  Porträt  Isabellas  machen.  „Dieses  Täfel- 
chen, das  er  macht,  ist  eine  Madonna,  die  sitzt,  als  wolle 
sie  Spindel  aufwinden,  und  das  Christkind,  mit  den  Füßen 
im  Korb  voller  Spindel,  hat  den  Haspel  genommen  und 
betrachtet  aufmerksam  jene  vier  Strahlen,  welche  in  Form 
eines  Kreuzes  sind,  und  lächelt  wie  in  Sehnsucht  nach 
selbigem  Kreuz  und  hält  es  sicher  und  will  es  nicht 
der  Mutter  geben,  die  es  ihm  wegnehmen  zu  wollen 
scheint."  .  .  Was  aus  diesem  Bild  geworden,  wissen  wir 
nicht.  So  wenig  als  wir  wissen,  welche  Verpflichtung 
Leonardo  für  den  König  von  Frankreich  eingegangen.  — 
In  der  Bauhütte  von  S.  Maria  del  Fiore  stand  ein  un- 
geheuerer, schöner,  übel  verhauener  Marmorblock,  aus 
dem  die  Wollenzunft  einen  David  wollte  machen  lassen. 
Es  heißt,  Leonardo  habe  sich  um  den  Block  beworben, 
doch  habe  Michelangelo  Marmor  und  Auftrag  erhalten. 
Ich  glaube  nicht,  daß  der  Stein  und  die  Bestellung  Leo- 

LXXII 


nardo  um  diese  Zeit  noch  verlocken  konnten.  Er  hatte 
die  Überzeugung,  daß  eine  Kunst  um  so  niedriger  stehe, 
je  mehr  sie  mechanisch  sei.  Er  hatte  damals  schon 
niedergeschrieben,  daß  der  Bildhauer  „in  Ausführung 
seines  Werkes  durch  Kraft  des  Armes  und  des  Stoßes 
den  Marmor  oder  anderen  hervorragenden  Stein,  der  an 
Maß  die  Figur  übertrifft,  so  in  ihm  eingeschlossen  ist, 
durch  höchst  mechanische  Ausübung  (esercizio)  verzehre", 
und  er  schildert  den  Bildhauer  und  seine  Wohnung  von 
Schmutz  bedeckt;  im  Gegensatz  der  Maler,  „der  mit 
großer  Gemächlichkeit  und  wohlgekleidet  vor  seinem 
Werke  sitzt  und  den  federleichten  Pinsel  mit  den  lieb- 
lichen Farben  bewegt.  Er  ist  mit  Gewändern  geschmückt, 
wie  es  ihm  gefällt,  und  die  Wohnung  ist  voll  anmutiger 
Gemälde  und  reinlich,  und  oft  ist  er  begleitet  von  Musikern 
oder  von  Vorlesern  mannigfacher  und  schöner  Werke, 
welche  —  ohne  den  Lärm  von  Hämmern  oder  anderem 
gemischten  Geräusche  —  dann  mit  großem  Vergnügen 
gehört  werden."  An  der  Skulptur  lobt  er  nur  mehr  den  Guß 
in  Bronze,  der  eher  den  Geist  als  den  Arm  in  Bewegung 
setzt,  und  die  Art,  wie  er  sein  Leben  einzurichten  trachtet, 
ist  nicht  mehr  weit  von  seiner  Maxime,  daß  Anordnen 
Herrenwerk  sei.  Ausführen  aber  Knechtesarbeit.  Man 
darf  diese  Auffassung,  —  bei  Leonardo  der  Ausfluß  wach- 
sender Geistigkeit  und  einer  geradezu  morbiden  Empfind- 
lichkeit gegenüber  dem  Unschönen,  —  nicht  vermengen 
mit  der  Selbsteinschätzung  jüngerer  Künstler,  die  für  sich 
im  Cinquecento  eine  halb  fürstliche  Stellung  begehrten 
und  erlangten  —  eines  Raffael,  der  nie  ohne  Kortege 
ausging,  eines  Tizian,  dem  Karl  V.  den  Pinsel  aufhob, 
oder  eines  Michelangelo,  der  die  Bestellung  eines  Floren- 
tiner Bekannten  unwillig  zurückwies;  „Ich  halte  nicht  Bude 
für  die  Leute".  Leonardo  interessierte  sich  für  einen 
Auftrag  nur  so  weit,  als  ihm  darin  eine  neue  Aufgabe 
winkte.  Der  Rest  war  ihm  lästig.  Auch  als  Künstler  ist 
er  in  erster  Linie  Forscher,  Erfinder.     Wenn  eine  Kom- 

LXXIII 


Position  gemacht  ist  und  im  Technischen  kein  Problem 
verborgen  steckt,  so  ist  er  augenblicklich  fertig  mit  der 
Sache.  Das  hat  seine  Mitwelt  an  ihm  nicht  begreifen 
können.  Das  Mittelalter  war  noch  nicht  überwunden. 
Der  Erfinder  in  modernem  Sinn  wurde  als  Taschenspieler 
akzeptiert  oder,  trieb  er  es  in  großem  Stil,  als  Hexen- 
meister verbrannt.  Er  war  unheimlich.  Der  Forscher 
war  ein  Ideal,  das  noch  ganz  außerhalb  der  Zeit  lag. 
Und  dies  Außerzeitliche,  Fremdgeartete  Leonardos  trat 
immer  deutlicher  in  Erscheinung  und  immer  mehr  ins 
Bewußtsein  der  Leute;  nur  wußte  man  sich  sein  Ver- 
halten nicht  anders  zu  erklären  als  aus  den  Erfahrungen, 
die  man  an  den  anderen  „Genies"  und  Künstlern  ge- 
macht. Er  war  also  launenhaft ,  unverläßlich ,  begann 
alles,  machte  nie  etwas  fertig,  wie  es  selbst  noch  im 
Vasari  zu  lesen  steht.  In  ihm  regten  sich  eben  un- 
geheure Gedankenwelten,  von  denen  die  hervorragendsten 
Männer  seiner  Zeit  keine  Ahnung  hatten,  und  die  er  für 
sich  in  Klarheit  bringen  mußte  ;  es  arbeiteten  in  ihm  ge- 
waltige, außerordentlich  vielartige  Kräfte  und  Fähigkeiten, 
die  sich  betätigen  mußten,  wollten  sie  ihn  nicht  zugrunde 
richten.  Er  konnte  sich  nicht  mehr  zufrieden  geben, 
für  Robertet,  für  das  Servitenkloster,  für  Isabella  von 
Este  ein  „Täfelchen"  zu  „pinseln".  Er  brauchte  einen 
großen  Mäcen,  dessen  Dienst  ihn  gegen  die  kleinen 
Mäcene  sicherstellte,  der  Großes  und  Vielerlei  von  dem 
Großen  und  Vielfachen  fordern  würde.  Er  brauchte  un- 
gestörte Ruhe  für  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten  und 
im  rechten  Augenblick  den,  der  sie  verwerten  konnte; 
er  brauchte  einen  Fürsten  und  ein  Königreich.  Es  gab 
damals  in  Italien  nur  einen,  dessen  Dienst  Leonardo  zu 
verlocken  vermochte,  und  dies  war  Cesare  Borgia,  dieses 
prachtvollste  menschliche  Raubtier,  das  bis  in  unsere 
Tage  herüber  nicht  aufgehört  hat,  die  Menschen  in  Grauen 
anzuziehen  und  zu  bezaubern.  Cesare  ging  nach  der 
Wende    des  Quattrocento    gerade    wieder  daran,    die  Er- 

LXXIV 


oberung  der  Romagna  zu  vollenden  und  sich  in  Mittel- 
italien ein  Reich  aufzurichten.  Der  Schrecken  zog  vor 
ihm  her.  Von  unzähmbarem  Willen,  von  einer  kühnen 
Tatkraft  ohne  Grenzen,  auskunftsreich  und  unbedenklich, 
brach  er  mit  Gewalt  und  mit  Verrat  jeden  Widerstand. 
Sein  Wesen  unterstützte  ihn.  Von  vornehmster  Anmut, 
furchtbar  schön,  mit  der  schwarzen  Maske,  die  er  fast 
immer  trug;  in  guten  Stunden  liebenswürdig,  „heiter  und 
nichts  als  Festlichkeit",  als  Politiker  tief  und  schweigsam, 
eine  brütende  Wolke,  aus  deren  Dunkel  plötzlich  wie 
Blitzschläge  unvorhersehbare  Handlungen  niederfuhren,  — 
mit  seinem  „unerhörten  Glück  und  einem  Mut  und  einer 
Hoffnung,  die  mehr  als  menschlich",  wie  Machiavelli 
sagt,  machte  er  auf  die  Phantasie  seiner  Zeit  den  größten 
Eindruck.  Entsetzlich  als  Feind,  wußte  er  seine  Soldaten 
an  sich  zu  fesseln.  Er  hatte  ergebene  Diener.  Er  ver- 
waltete seine  Eroberungen  so  gut,  daß  in  einer  Epoche, 
wo  jede  Treue  ein  Kinderspott  geworden  —  um  1503,  in 
einem  Augenblick,  wo  er  gar  nicht  mehr  gefährlich 
schien,  denn  Papst  Alexander  war  tot  und  Julius  IL,  der 
Feind  der  Borgias,  bestieg  den  Thron  — ,  daß  die  Ro- 
magna doch  von  ihm  nicht  abfiel.  Dieser  Mann  war  es, 
der  Leonardo  an  sich  zu  ziehen  begehrte.  Er  war  1500 
mit  Ludwig  XIL,  der  ihn  zum  Herzog  von  Valentinois 
gemacht  und  ihm  eine  französische  Prinzessin  zur  Frau 
gegeben,  in  Mailand  eingezogen  und  hatte  dort  wohl 
sehen  können,  was  Leonardo  zu  leisten  vermochte. 
Dieser  scheint  Ende  März  1500  in  Rom  gewesen  zu  sein; 
eine  seiner  Notizen  lautet:  „In  Rom.  Im  alten  Tivoli, 
Haus  des  Hadrian.  Laus  Deo  1500,  am  Tage,  .  .  .  März"; 
der  Borgia  war  damals  in  Rom.  Vielleicht  traf  man  schon 
um  diese  Zeit  Verabredungen.  Im  September  1501  war 
Piombino  in  die  Hände  Cesares  gefallen.  Die  Verstär- 
kung, Umgestaltung  der  Feste  dürfte  die  erste  Arbeit 
gewesen  sein,  die  Leonardo  für  den  Herzog  „Valentino" 
ausführte.     Solmi   setzt  diese  Arbeit  in  den  März   1502; 

LXXV 


doch  schon  Ende  Februar  dieses  Jahres  hatte  Cesare 
Borgia  mit  dem  Papst  die  Bauten  besichtigt  (s.  Pastor, 
Gesch.  der  Päpste,  Bd.  III,  S.  486).  Sicher  festgestellt 
ist  nur  ein  längerer  Aufenthalt  Leonardos  in  Piombino. 
Hier  macht  er  Beobachtungen  über  die  Winde;  hier  sah 
er  eine  Wasserhose;  hier  interessiert  ihn  die  Art,  wie 
man  den  Sumpf  austrocknen  konnte;  er  notiert  zu  einer 
Zeichnung,  „gemacht  am  Meer  von  Piombino",  einiges 
über  die  Natur  der  Wellen.  —  Am  13.  Juni  1502  brach 
Cesare  Borgia  aus  Rom  auf,  um  die  Unterwerfung  der 
Romagna  mit  jener  von  Umbrien  und  der  Emilia  zu 
krönen.  Ein  ungeheurer  Schrecken  bemächtigte  sich  aller. 
Ohne  Kriegserklärung  überfiel  er  Urbino  und  bemächtigte 
sich  des  Herzogtums;  im  Juli  nahm  er  Camerino;  nun 
wollte  er  Bologna  brechen;  doch  Ludwig  XII.  schien  arg- 
wöhnisch zu  werden.  Verkleidet  eilte  er  insgeheim  zum 
König  nach  Asti  und  wußte  ihn  zu  beruhigen.  In  Pavia 
stellte  er  am  8.  August  Leonardo  ein  Patent  aus,  in  dem 
er  all  seinen  Stellvertretern,  Kastellanen,  Kapitänen,  Kon- 
dottieren,  Offizieren  und  Untertanen  aufträgt  und  befiehlt, 
daß  seinem  höchst  vortrefflichen  und  geliebten  Familiären, 
Architekten  und  Generalingenieur  Leonardo  Vinci,  Vor- 
zeiger dieses,  „welcher  in  unserem  Auftrag  die  Plätze 
und  Festungen  unserer  Staaten  zu  besichtigen  hat,  damit 
wir  nach  ihrem  Bedürfnis  und  seinem  Urteil  sie  versehen 
können",  daß  überall  ihm  und  den  von  ihm  freundschaft- 
lich Aufgenommenen  ohne  Abgabe  freier  Zutritt  gewährt 
und  ihm  gestattet  werde,  zu  sehen,  zu  messen  und  gut 
abzuschätzen;  er  befiehlt,  daß  man  ihm  Mittel  und  Leute 
zur  Verfügung  stelle  und  daß  wegen  der  Arbeiten  in 
seinem  Dominium  jeder  Ingenieur  sich  mit  Leonardo  be- 
rate und  sich  seiner  Meinung  anpasse.  Leonardo  ist  um 
diese  Zeit  schon  längst  in  voller  Tätigkeit.  Er  vergißt 
dabei  nie  seine  wissenschaftlichen  Interessen.  „Borges 
(Borgia?)  wird  dir  den  Archimedes  des  Bischofs  von 
Padua  verschaffen,  Vitellozzo  (Vitelli,  der  furchtbare  Kon- 

LXXVI 


dottiere,  damals  im  Gefolge  des  Borgia),  jenen  von  Borgo 
a  S.  Sepolcro".  In  Siena  besteigt  er  den  Glockenturm 
und  notiert  die  Art,  wie  die  Glocke  in  Bewegung  gesetzt 
wird,  und  wie  und  wo  der  Klöppel  befestigt  ist.  In  Urbino 
ist  er  bis  Ende  Juli,  skizziert  Pläne,  zeichnet,  macht  An- 
merkungen über  die  Zitadelle,  die  Festung,  die  Abzugs- 
gräben, das  Taubenhaus,  die  Treppenanlagen  des  pracht- 
vollen Palastes.  Am  1.  August  ist  er  in  Pesaro,  der 
vormaligen  Besitzung  der  Sforza.  Er  erwähnt  der  Biblio- 
thek, mißt  den  Graben  usw.  und  schreibt  auf  den  Seiten- 
rand des  Blattes  die  melancholische  Sentenz:  „Decipimur 
votis  et  tempore  fallimur  et  mos  deridet  curas;  anxia  (?) 
vita  nihil."  —  Wir  werden  betrogen  von  unseren  Wün- 
schen, getäuscht  von  der  Zeit,  und  die  Gewohnheit  ver- 
lacht die  Sorgen;  angstvolles  Leben  ist  nichts!  —  „Man 
bringt  durch  den  verschiedenartigen  Fall  von  Wasser 
Harmonien  hervor,  wie  du  an  den  Springbrunnen  von 
Rimini  sahst,  am  8.  August  1502  sahst",  bemerkt  er  in 
sein  Buch.  Am  10.  August  ist  er  in  Cesena,  wo  ihn 
ein  paar  Wochen  die  Restaurierungsarbeiten  des  Kastells 
beschäftigen,  das  einstens  Friedrich  II.  von  Hohenstaufen 
errichtet  hatte.  Die  Architektur  dieses  Kastells  inter- 
essierte ihn;  er  zeichnet  ein  Fenster.  Er  schreibt  ein- 
mal: „die  Zahl  der  Grabenarbeiter  ist  pyramidal";  er 
beschäftigt  sich  mit  allem,  sogar  mit  der  Form  der  Karren, 
die  man  in  der  Romagna,  „Hauptort  aller  Plumpheit  des 
Geistes",  verwendet;  er  sinnt  über  Erdaushebemaschinen 
nach  und  notiert  sich:  „um  meinen  Gehalt  zu  erleichtern, 
nicht  die  Arbeiten  im  ganzen  weggeben;  sondern  mache, 
daß  der  Höchstbelohnte  jener  sei,  der  vermittels  meiner 
Instrumente  alle  die  überflüssigen  und  plumpen  Erfin- 
dungen (Arbeitsmethoden),  die  jene  gebrauchen,  abkürzt". 
Und  zwischen  diesen  Notizen  bedecken  sich  die  Manu- 
skriptseiten mit  Studien  über  Vogelflug,  über  das  Wasser 
usf.  Ein  Dokument,  sagt  Solmi  (Leonardo  da  Vinci, 
S.   137),  erinnert  an  einen  herzoglichen  Architekten,  der 

LXXVII 


im  August  1502  einen  schiffbaren  Kanal  zwischen  Cesena 
und  Porto  Cesenatico  angelegt  habe,  und  die  Überliefe- 
rung, welche  dort  noch  immer  lebendig  ist,  bezeichne 
Leonardo  als  jenen  Architekten.  Am  6.  September  ist 
Leonardo  in  Cesenatico,  beschäftigt  sich  mit  den  Bastio- 
nen usw.  Im  Oktober  bildet  sich  eine  Verschwörung 
gegen  den  Valentino:  die  Baglioni  von  Perugia,  die  Pe- 
trucci  von  Siena,  die  Bentivogli  von  Bologna,  die  Orsini, 
Oliverotto  da  Fermo  und  Vitellozzo  Vitelli,  „um  nicht 
einer  nach  dem  anderen  vom  Drachen  verschlungen  zu 
werden"  —  eine  nicht  geringe  Macht;  viele  gegen  einen. 
Urbino  geht  verloren.  Camerino  geht  verloren;  die  Leute, 
welche  Cesare  Borgia  ihnen  entgegenschickt,  werden  ge- 
schlagen; ja,  die  Verbündeten  belagern  den  Herzog  sogar 
in  Imola.  Leonardo  scheint  mit  eingeschlossen  gewesen 
zu  sein.  Wir  haben  einen  sorgfältig  ausgeführten  Stadt- 
plan von  ihm  und  die  Abmessung  der  Straßen,  die  aus 
der  Festung  nach  allen  Seiten  der  Romagna  hinführen. 
Machiavelli,  der  sich  als  florentinischer  Legat  beim  Va- 
lentino befand,  hat  uns  fast  Tag  für  Tag  berichtet,  mit 
welcher  Eleganz  und  Überlegenheit  der  Herzog  über  seine 
Feinde  Meister  ward,  wie  er  seine  Opfer  faszinierte,  bis 
sie  wissend  sich  in  seine  Hände  gaben,  mit  welch  teuf- 
lischer Ruhe  und  Kaltblütigkeit  er  sie  vernichtete,  um 
dann  „mit  der  besten  Miene  von  der  Welt"  sich  mit  dem 
Gesandten  über  seinen  Erfolg  zu  freuen.  Nachdem  er 
in  Sinigaglia  sein  Netz  über  den  Köpfen  der  Verschwo- 
renen zusammengezogen  hatte  und  Oliverotto  da  Fermo 
sowie  der  Vitelli  stranguliert  worden  sind  —  was  Paolo 
Giovio  „eine  wunderschöne  Täuschung",  der  König  von 
Frankreich  „die  Handlung  eines  Römers"  nennt  — ,  zieht 
er  zur  Rache  aus  gegen  die  Baglioni  und  die  Petrucci. 
Perugia  und  Siena  fühlen  lange  nachher  noch  „das  Feuer 
der  Hydra",  und  der  Herzog  schwelgt  in  der  Freude, 
jene  „getäuscht  zu  haben,  welche  Meister  des  Verrates 
gewesen".     Aber  während  der  Valentino  durch  Blut  zur 

LXXVIII 


Vollkommenheit  seiner  Rache  watet,  erregen  in  Rom  eine 
Menge  Verhaftungen,  unbegreifliche  Todesfälle,  wie  der 
des  eingekerkerten  Kardinals  Orsini,  eine  wahre  Panik. 
Die  Orsini,  die  Colonna,  die  Savelli  vertragen  sich  für 
einmal,  und  der  Papst  gerät  in  Angst  und  Not.  Er  be- 
festigt sich  im  Vatikan,  die  Kardinäle  verrammeln  sich 
in  ihren  Palästen,  und  Alexander  beruft  „seinen"  Herzog 
schleunig  nach  Rom  (Ende  Februar  1503).  Nicht  ein 
Wort  in  den  Manuskripten  verrät,  daß  Leonardo  Zeuge 
so  furchtbarer  Dinge  gewesen.  Er  sieht  und  hört;  aber 
das  Leben  ist  einem  Künstler  Stoff,  —  oft  viel  schatten- 
hafter als  das,  was  er  daraus  gestaltet.  So  geht  Leonardo, 
wie  Walter  Pater  sagt,  unbewegt  durch  die  tragischsten 
Geschicke,  wie  einer,  der  in  irgend  einem  geheimen  Auftrag 
gleichsam  nur  durch  Zufall  durch  die  Ereignisse  schreitet. 
Sein  geheimer  Auftrag  war:  lernen,  erkennen,  schaffen. 
Er  stand  unter  der  harten  Botmäßigkeit  seines  Genius, 
und  das  allgemein  Menschliche  lag  zeitweise  tief  unter 
ihm.  Wer  Goethes  „Campagne  in  Frankreich"  gelesen 
hat,  weiß,  was  ich  meine.  Man  müßte  sagen,  auch 
diese  Episode  im  Leben  Leonardos  sei  in  nichts  Greif- 
bares zerronnen,  hätten  wir  nicht  die  wunderbaren  geo- 
graphischen Aufnahmen,  die  Leonardo  für  den  Borgia 
gemacht  und  von  denen  Richter  einige  publizieren  durfte. 
Aber  auch  sonst  trugen  diese  Monate  gute  Frucht.  Leo- 
nardo hatte  den  Krieg  in  der  Nähe  gesehen. 


A  m  5.  März  1503  ist  Leonardo  wieder  in  Florenz  und 
^^  nimmt  50  Dukaten  aus  seinem  ersparten  Schatz,  um 
leben  zu  können,  um  Freunden  zu  borgen,  um  Schulden 
zu  bezahlen.  Sein  eigener  Unterhalt  kostet  wenig.  In 
seinem  Hause  ißt  man  zwei-,  dreimal  die  Woche  Fleisch; 
im  übrigen  nährt  man  sich  von  Eiern,  Gemüse,  Früchten, 
Käse  (ricotta),  von  Brot  und  Wein.  Vasari  sagt,  Leonardo, 
obwohl  er  nichts  besaß  und  wenig  arbeitete,  habe  beständig 

LXXDC 


Pferde  und  Diener  gehalten:  in  den  Aufschreibungen  und 
Rechnungen  des  Meisters  ist  davon  keine  Spur  zu  finden. 
Einstweilen  hatte  das,  was  man  von  Leonardo  sah,  und 
das,  was  man  von  ihm  erzählen  hörte,  „den  Ruhm  dieses 
göttlichsten  Künstlers  so  gesteigert,  daß  alle  Personen, 
die  sich  an  den  Künsten  freuten,  ja,  sogar  die  ganze, 
ganze  Stadt  es  wünschte,  daß  er  ihr  irgendwelches  An- 
denken lasse:  und  man  sprach  überall  davon,  ihn  irgend 
ein  bemerkenswertes  (notabile)  und  großes  Werk  machen 
zu  lassen,  damit  die  Öffentlichkeit  geschmückt  und  geehrt 
würde  durch  so  viel  Genie,  Anmut  und  Urteil,  als  man 
in  den  Sachen  Leonardos  wahrnehmen  konnte"  (Vasari). 
Und  so  kam  es  denn  wirklich  zu  einem  Auftrag.  Leo- 
nardo sollte  auf  eine  Wand  des  großen,  neu  hergerich- 
teten Ratssaales  im  Palast  der  Signoria  „ein  schönes  Werk" 
malen,  für  das  er  von  1504  an  monatlich  15  Goldgulden 
und  außerdem  das  Material  erhielt.  War  der  Karton  bis 
zum  Februar  1505  nicht  fertig,  versprach  Leonardo  die 
Kosten  zu  ersetzen  und  den  Karton  der  Stadt  zu  über- 
lassen. Über  die  Ausführung  wollte  man  einen  neuen 
Vertrag  abschließen.  —  Die  Wand  gegenüber  sollte 
Michelangelo  bemalen.  Die  beiden  größten  Künstler  von 
Florenz  im  Wettstreit  —  man  durfte  das  Außerordentliche 
erwarten.  Am  24.  Oktober  1503  lieferte  der  Rat  Leonardo 
die  Schlüssel  zum  Papstsaal  in  Santa  Maria  Novella  aus, 
wo  er  den  Riesenkarton  vorzubereiten  gedachte.  Die 
Rechnungen,  welche  die  florentinischen  Archive  bergen, 
geben  Zeugnis  vom  ununterbrochenen  Fortschritt  der 
Arbeit.  Er  hatte  die  Schlacht  von  Anghiari  darzustellen 
unternommen,  in  der  Florenz  1440  über  Mailand  gesiegt 
hatte.  Der  Gegenstand  zog  ihn  an.  Der  Mensch  in  der 
leidenschaftlichsten  Wildheit  und  Erregung,  Lebende, 
Sterbende,  Tote,  Pferde  in  allen  Stellungen,  in  heftigster 
Bewegung;  sonderbare  Färb-  und  Lichtprobleme,  Luft  mit 
Rauch  und  Staub  vermischt,  —  das  war  schwierig,  neu, 
unerhört.     Er  hatte   seine  Vorstudien   kürzlich  nach  der 

LXXX 


Natur  machen  können.  Was  seine  Phantasie  ihm  vor- 
gebildet (s.  „Art  und  Weise,  eine  Schlacht  darzustellen", 
S.  187,  geschrieben  1492),  hatte  er  zum  Teil  erst  kürzlich 
gesehen.  Die  Kampagne  in  Umbrien  und  der  Romagna 
sollte  ihm  nun  Früchte  tragen.  Der  Cod.  atl.  (Fol.  74  r.) 
enthält  eine  Beschreibung  der  Schlacht  von  Anghiari, 
mit  genauer  Angabe  von  Namen,  Örtlichkeiten,  aus  irgend 
einer  Chronik  oder  Erzählung  entnommen.  Es  handelt 
sich  da  hauptsächlich  um  einen  Brückenkopf,  um  den 
der  Kampf  wogte.  Der  Sieg  wird  durch  die  persönliche 
Dazwischenkunft  des  h.  Petrus  gefördert,  der  einen  Mo- 
ment zwischen  den  Wolken  erscheint.  So  vorteilhaft  das 
für  die  Florentiner  gewesen  sein  mochte  —  als  Rettung 
und  zugleich  als  Warnung  für  die  Feinde  aller  Zukunft, 
nie  an  dem  zu  rühren,  der  unter  dem  himmlischen  Schutze 
stand  — ,  größer  erschienen  die  Florentiner,  wenn  sie 
sich  selbst  geholfen  hatten.  Von  dem,  was  Leonardo  aus 
den  Büchern  oder  der  Überlieferung  geschöpft,  konnte  er 
für  seine  Schlacht  nichts  brauchen.  Kaum,  daß  er  ein 
paar  Züge  seinen  alten  aufgeschriebenen  Ideen  entnahm; 
das  nämlich  lassen  ein  paar  Zeichnungen  unserer  Vermu- 
tung offen.  Wie  das  Gemälde  selbst  hätte  aussehen  sollen, 
wissen  wir  nicht  .  .  .  Der  Karton  war  zu  rechter  Zeit  fertig 
gewesen.  Am  28.  Februar  1505  gaben  die  „Operai  del 
Palazzo  e  della  Sala  del  Consiglio",  die  Bauverweser,  dem 
Giovanni  d'Andrea,  genannt  der  Pfeifer,  dem  Vater  Cellinis 
eine  gewisse  Summe  für  das  Gerüst,  das  Leonardo  im 
Ratssaal  aufstellen  ließ  —  einen  besonderen  Mechanismus, 
den  sich  der  Künstler  ausgedacht.  Bis  zum  30.  August 
laufen  die  Zahlungen  fort,  für  Ol,  für  Farben,  für  Gips, 
für  die  Gehilfen  Rafaello  d'Antonio  di  Biagio,  Ferrando 
Spagnuolo,  für  „Tomaso,  der  die  Farben  reibt",  für  Leo- 
nardo selbst.  (Gaye,  Carteggio,  Bd.  II  S.  89—90.)  Vollendet 
wurde  die  Arbeit  nicht.  Ihre  traurige  Geschichte  ist  be- 
kannt. Am  ausführlichsten  hat  sie  der  Anonimo  erzählt. 
„Von  Plinius",    sagt  er  S.   114   der   Freyschen  Ausgabe, 

VI        Herzfeld,  Leonardo 

LXXXI 


„nahm  er  jenen  Stucco,  auf  dem  er  kolorierte,  aber  ver- 
stand ihn  nicht  gut.  Und  das  erste  Mal  versuchte  er  ihn 
an  einem  Bild  im  Saal  des  Papstes,  das  an  solchem  Ort 
er  arbeitete,  und  vor  demselben,  das  er  an  die  Mauer 
gelehnt  hatte,  zündete  er  ein  großes  Kohlenfeuer  an, 
wobei  er  durch  die  große  Hitze  genannter  Kohlen  besagte 
Materie  ausdünstete  und  trocknete;  und  nachher  wollte 
er  das  im  Saal  (des  Rates)  ins  Werk  setzen,  wo  hier 
unten  wohl  das  Feuer  hinreichte  und  sie  trocknete,  aber 
dort  oben  gelangte,  wegen  der  großen  Entfernung,  das 
Feuer  nicht  hin,  und  sie  (die  Materie)  floß."  Vasari  sagt, 
Leonardo  sei  darauf  verfallen,  mit  Ol  auf  die  Wand  malen 
zu  wollen;  er  habe  aber  eine  so  grobe  Mixtur  als  Grun- 
dierung (incollato)  für  die  Wand  verwendet  (es  dürfte 
Gips,  Kolophonium,  Leinöl  und  alexandrinisches  Bleiweiß 
gewesen  sein),  daß,  als  er  fortfuhr,  in  genanntem  Saal 
zu  malen,  die  Geschichte  zu  fließen  begann  und  Leo- 
nardo in  kurzem  die  Sache,  die  er  verderben  sah,  im 
Stich  ließ.  Paul  Jovius,  in  seiner  Biographie  des  Leo- 
nardo (1529),  sagt:  „Man  sieht  auch  im  Ratssaal  der 
Signoria  zu  Florenz  eine  Schlacht,  einen  Sieg  über  die 
Pisaner  (!),  —  ein  Werk,  Übermaßen  ausgezeichnet,  doch 
unglücklich  begonnen  durch  eine  Grundierung  (?  vitio 
tectorii),  die  mittels  einer  sonderbaren  Widerspenstigkeit 
die  von  Ol  gebundenen,  zerriebenen  Farben  zurückstieß; 
das  gerechte  Bedauern  dieses  unerwarteten  Unfalls  scheint 
aber  dem  unterbrochenen  Werk  eine  erhöhte  Grazie  zu 
verleihen."  Was  Leonardo  im  Ratssaal  ausgeführt  hat, 
sagen  uns  verschiedene  Berichte  ganz  deutlich.  Es  ist 
jene  berühmte  Gruppe  von  Reitern,  die  um  einen  Fahnen- 
stock kämpft,  und  die  uns  durch  die  Nachzeichnung 
des  Rubens  (Louvre)  einen  Hauch  des  Originales  bewahrt 
hat.  Die  Beschreibung  des  Vasari  deckt  sich  nicht  ganz 
mit  der  Zeichnung.  „Man  erkennt",  schreibt  er,  „den 
Zorn,  den  herausfordernden  Trotz  und  die  Rachelust 
nicht  weniger  in  den  Menschen  als  in  den  Pferden,  von 

LXXXII 


welchen  zwei,  die  Vorderbeine  verflochten,  mit  ihren 
Zähnen  sich  nicht  weniger  bekriegen,  als  es,  der  sie 
reitet,  im  Kampf  um  besagte  Fahne  tut;  wo  ein  Soldat 
im  Handgemenge  mit  der  Kraft  der  Schultern,  während 
er  das  Pferd  in  Flucht  setzt  und  die  ganze  Person  nach 
rückwärts  wendet,  den  Stock  der  Fahne,  den  er  um- 
klammert hält,  mit  Gewalt  aus  den  Händen  von  vieren 
zu  ziehen  sucht,  von  welchen  zwei  das  Banner  verteidigen, 
jeder  mit  einer  Hand,  und  die  andere  in  der  Luft,  mit  den 
Schwertern  den  Stock  zu  durchhauen  trachten,  während 
ein  alter  Krieger,  mit  rotem  Barett,  schreiend  eine  Hand 
auf  dem  Schaft  hält  und  mit  der  anderen  ein  Scimetar 
schwingend,  mit  Wut  einen  Schlag  führt,  um  jenen 
allen  beiden  die  Hand  abzuschneiden,  die,  mit  Kraft  die 
Zähne  zusammenbeißend,  in  wildester  Haltung  ihre  Fahne 
verteidigen.  Außerdem,  auf  der  Erde,  zwischen  den 
Beinen  der  Pferde,  zwei  Figuren  in  Verkürzung,  die  mit- 
einander im  Kampfe  sind,  während  einer,  ausgestreckt, 
über  sich  einen  Soldaten  hat,  welcher,  den  Arm  so  hoch  ge- 
hoben, als  er  nur  kann,  mit  überlegener  Kraft  ihm  den  Dolch 
an  die  Kehle  setzt,  um  sein  Leben  zu  enden,  und  jener 
andere,  mit  den  Beinen  und  mit  den  Armen  um 
sich  schlagend,  tut,  was  er  kann,  um  nicht  den  Tod  zu 
erleiden.  Es  ist  nicht  auszudrücken,  welche  Zeichnung 
Leonardo  von  den  Kleidern  der  Soldaten  machte,  die  er 
aufs  mannigfachste  variierte,  ebenso  den  Helmschmuck 
und  die  anderen  Ornamente,  ohne  zu  reden  von  der  un- 
glaublichen Meisterschaft,  die  er  in  den  Formen  und 
Linien  der  Pferde  zeigte,  welche  Leonardo  besser  machte 
als  irgend  einer,  an  den  Muskeln  und  der  schönen  Er- 
scheinung voll  Bravour."  Wie  man  sieht,  schildert 
Vasari  die  Verteidiger  der  Fahne  als  Angreifer;  auch 
scheint  es,  als  spräche  er  von  sechs  Kriegern,  von  welchen 
zwei  den  Schaft  entreißen  wollen.  Ebenso  erwähnt  er  nicht 
des  einen  Fußsoldaten,  der  sich  unter  seinem  Schilde 
kauernd  vor  Hufschlägen  zu  schützen   sucht.      Dennoch 

VI* 

LXXXIII 


muß  Vasari  ja  die  fertige  Gruppe  sehr  genau  gekannt 
haben.  Durch  den  ausgezeichneten  englischen  Kunst- 
gelehrten Mr.  B.  Berenson  aufmerksam  gemacht,  konnte 
Mr.  Herbert  P.  Hörne  feststellen,  daß  noch  um  1549 
der  Kampf  um  die  Fahne  im  Ratssaal  Bewunderung  er- 
regte (G.  Bottari,  Raccolta  di  Lettere  etc.,  1754,  Bd.  III, 
S.  234).  Folglich  dürfte  die  Malerei  noch  ziemlich  un- 
versehrt vorhanden  gewesen  sein,  als  1557  Vasari  daran 
ging,  den  Plafond  des  Saales  zu  heben,  um  hierauf  Decke 
und  Wände  zu  bemalen.  Seiner  eigenen  Dekoration, 
scheint  es,  fiel  die  Arbeit  Leonardos  erst  endgültig  zum 
Opfer  .  .  .  War  aber  die  Reitergruppe  alles,  was  Leonardo 
im  Ratssaal  zu  machen  gedachte?  Man  möchte  annehmen, 
daß  ihm  nicht  genügte,  nur  durch  das  unvergleichliche 
Wunder  dieser  vollkommenen,  herrlich  abgewogenen 
Komposition  seinen  jüngeren  Nebenbuhler  schlagen  zu 
wollen,  sondern  daß  er  auch  gern  zeigte,  wie  reich  und 
mannigfach  seine  Erfindung  war.  Vasari  spricht  vom 
Karton,  „in  welchem  er  eine  Gruppe  von  Pferden 
zeichnete".  Noch  bestimmter  drückt  sich  der  Anonimo 
aus.  Er  sagt,  als  Leonardo  nach  Frankreich  ging,  habe 
er  nebst  anderen  Dingen  in  Santa  Maria  Nuova  den 
größten  Teil  des  Kartons  vom  Ratssaal  zurückgelassen, 
von  dem  die  Zeichnung  der  Gruppe  von  Pferden,  die 
man  heute  ausgeführt  sieht,  im  Palazzo  blieb.  Ferner 
existiert  in  der  Bibliothek  zu  Oxford  eine  ungemein 
flüchtige  Federzeichnung,  die  Raffael  bei  seiner  Anwesen- 
heit in  Florenz  (1504 — 6)  nach  der  Fahnenschlacht  ge- 
macht. Unter  der  bekannten  Gruppe  sieht  man  darauf 
ein  Pferd  in  Verkürzung,  das  reiterlos  gemütlich  nach 
rückwärts  trabt:  dieses  Pferd  findet  sich  in  ganz  gleicher 
Stellung  auf  einer  Zeichnung  in  Windsor,  die  eher  von 
einem  Schüler  Leonardos  herstammt,  als  vom  Meister 
selbst;  auf  dieser  Skizze  ist  das  Pferd  aber  im  Vorder- 
grund, und  im  Mittelplan  ein  Reitertrupp,  der  nach  vor- 
wärts sprengt,  mit  flatternden  Fahnen,  hinter  einem  Ritter 

LXXXIV 


her,  dessen  Roß  sich  bäumt.  Der  Kampf  um  die  Fahne 
war  also  vielleicht  nur  die  mittlere  Hauptgruppe  des  Ge- 
mäldes, das  man  leider  nach  den  vorhandenen  Skizzen 
sich  schwerlich  wird  rekonstruieren  können.  Der  Karton 
jedoch,  der,  wie  Cellini  (1558)  in  seiner  Biographie  sagt, 
solange  er  im  Papstsaal  hing,  „die  Schule  der  ganzen 
Welt  gewesen",  ist  bis  auf  die  letzte  Spur  verschwunden. 
Während  der  Arbeit  an  der  Reiterschlacht  (in  der  nach 
Machiavelli  nur  ein  einziger  Mann  gefallen  war)  führt 
Leonardo  seine  wissenschaftlichen  Studien  unentwegt  fort. 
Er  hatte  sich  einen  Arnokanal  ausgedacht,  der  Florenz 
mit  Prato,  Pistoja,  Seravalle,  dem  See  von  Bientina,  Lucca 
und  Pisa  verbände,  durch  genügende  „Katarakte"  alle 
versumpften  „Teiche"  belebte  und  zu  allen  Jahreszeiten 
Wassergang  hätte,  um  Schiffe  zu  tragen,  Mühlen  und 
andere  Werke  zu  treiben,  Wiesen  und  Gärten  zu  berieseln. 
Anfangs  meinte  er,  dies  ginge  ohne  Bassins  und  Schleusen, 
deren  Herstellung  und  Instandhaltung  zu  viel  koste;  mit 
gründlicheren  Untersuchungen  der  Bodengestaltung  kommen 
kompliziertere  Pläne;  aber  sie  werden  das  Land  verbessern 
und  der  ganzen  Gegend  200  000  Dukaten  tragen.  (Näheres 
darüber  in  den  Zusammenstellungen  von  Mario  Baratta, 
Leonardo  da  Vinci  negli  studi  per  la  navigazione  dell'Arno, 
Roma,  Società  Geografica  Italiana,  1905.)  „Sie  wissen 
nicht,  warum  der  Arno  nie  in  seinem  Kanal  verbleibt, 
weil  nämlich  die  Flüsse,  die  sich  hinein  ergießen,  bei 
ihrem  Eintritt  Terrain  absetzen  und  beim  entgegengesetzten 
Ufer  wegnehmen  und  den  Fluß  so  biegen."  Er  hat  einen 
Sieneser  Kaufmann  über  die  flandrischen  Wasserbauten 
befragt  und  von  ihm  gelernt,  daß  dem  Fluß,  dessen  Lauf 
von  einem  Ort  zum  andern  abgebogen  wird,  „geschmeichelt 
werden  muß,  anstatt  ihn  durch  Gewaltsamkeit  aufzureizen", 
und  nun  lehrt  er,  wie  man  durch  Fischerwehren  den  Fluß 
allmählich  von  der  Stelle,  die  er  schädigt,  entfernen  oder 
ihn  durch  ein  ganzes  System  von  Dämmen  in  ein  neues, 
geregeltes   Bett   mit   geregelten    Einmündungen    der   Zu- 

LXXXV 


flüsse  hineinleiten  soll.  Die  Florentiner  waren  damals 
in  einen  langwierigen  Krieg  mit  Pisa  verwickelt,  das  völlig 
zu  besiegen  für  sie  eine  Lebensfrage  war.  Wenn  man 
die  Stadt  auch  noch  so  eng  umzingelt  hielt,  die  Lebens- 
mittel wurden  vom  Meere  aus  durch  den  Fluß  in  die 
Festung  eingeschmuggelt.  Die  alten  Vorschläge  gewannen 
daher  neues  Leben,  den  Arno  von  Pisa  abzulenken  und 
nach  Livorno  zu  führen;  der  Gonfaloniere  Soderini  und 
Machiavelli  unterstützten  den  Plan.  Man  wendete  sich 
an  Leonardo.  Im  Juli  1503  fuhr  er  im  Auftrag  der  Si- 
gnoria mit  Zeichnungen  ins  Lager  von  Pisa  hinaus  und 
nahm  das  Terrain  auf.  Die  Prioren  billigten  das  Projekt; 
die  Ausführung  wurde  aber  verzettelt,  verfehlte  dadurch 
ihren  Zweck  und  fiel  bitterem  Tadel  anheim.  Leonardo 
hatte  wohl  gehofft,  diese  Arbeiten,  die,  zu  Kriegszwecken 
unternommen,  nur  flüchtig  sein  konnten,  würden  der  An- 
fang sein  zu  einem  großartigen,  umfassenden  Werk,  das 
er  nach  seinen  lombardischen  Erfahrungen  auszubauen 
gedachte.  Alle  großen  Städte  Toskanas  wären  durch 
Kanäle  mit  Florenz  verbunden  gewesen  und  hätten  ihren 
Stapelplatz  im  florentinischen  Hafen  Livorno  gehabt;  große 
Reservoirs  mit  Wehren,  die  den  Wasserzufluß  regelten; 
Schleusenwerke,  die  den  Schiffen  über  die  Verschieden- 
heiten der  Bodenhöhe  weghalfen.  Der  Cod.  atl.  und  die 
Manuskripte  von  Windsor  enthalten  zahllose  Entwürfe, 
die  Entwürfe  geblieben  sind.  Florenz  war  eine  engherzige, 
sehr  kleinbürgerliche  Republik  geworden,  in  der  man 
einem  Künstler  wie  Leonardo  seinen  Gehalt  in  Kupfer- 
münzen auszuzahlen  versuchte  —  die  Anekdote  ist 
charakteristisch  für  die  knauserige  Sinnesart,  die  am  An- 
fang des  Cinquecento  in  der  Signoria  herrschte. 

Zugleich  mit  diesen  werden  die  mathematischen,  astro- 
nomischen, physikalischen  Arbeiten  immer  intensiver  be- 
trieben, die  Beobachtungen  über  das  Fliegen  gesammelt 
und  zu  einer  Theorie  ausgestaltet,  Versuche  gemacht, 
einen  Flugapparat  zu  konstruieren. 

LXXXVI 


Am  12.  Juli  1505  wird  ein  neues  Heft  begonnen  (South 
Kensington  Museum)  :  „Von  der  Verwandlung  eines  Körpers 
in  einen  andern,  ohne  Verkleinerung  oder  Vergrößerung 
von  Materie",  in  das  Leonardo  allerhand  geometrische 
Probleme  eintragen  wollte. 

Müller-Walde  glaubt,  daß  zugleich  mit  dem  Karton  für 
den  Reiterkampf  eine  erste  Redaktion  des  h.  Johannes 
entstanden  sei,  von  der  Mr.  Waters  in  London  eine  Schul- 
replik habe:  der  Täufer  in  Halbfigur,  von  vorn  gesehen, 
die  Rechte  auf  die  Brust  gelegt,  die  Linke  mit  ausge- 
strecktem Zeigefinger  zum  Himmel  weisend. 

Als  im  Mai  1504  Isabella  Gonzaga,  „in  die  gute  Hoff- 
nung gekommen",  von  ihm  irgend  etwas  zu  erlangen, 
persönlich  an  Leonardo  schrieb  und  ihn  um  einen  jugend- 
lichen Christus  bat,  „der  von  jenem  Alter  wäre,  das  er 
hatte,  als  er  mit  den  Doktoren  disputierte,  und  mit  jener 
Sanftmut  und  Holdseligkeit  im  Aussehen  (dolcezza  e  suavità 
di  aere),  die  Ihr  als  besondere  Kunst  in  Ausgezeichnetheit 
besitzet",  gab  er  nichts  als  Versprechungen.  Noch  einmal 
versuchte  es  Isabella  und  fragte  im  Oktober  an,  ob  er 
nicht,  wenn  er  „von  der  florentinischen  Geschichte  ge- 
langweilt wäre  (fastidito)",  zur  Erholung  ihr  die  erbetene 
Sache  machen  wollte;  allein  die  so  liebenswürdige  Mahnung 
an  sein  Versprechen,  l'obbligo  della  fede,  konnte  Leonardo 
nicht  verführen.  Sein  Familiär  und  Schüler  Salai  habe 
sich  zu  einer  Arbeit  erboten,  sagt  Dr.  Solmi,  sei  aber 
nicht  für  Leonardo  angenommen  worden. 

Wenn  Leonardo  sich  von  der  florentinischen  Geschichte 
gelangweilt  und  ermüdet  fühlte,  hatte  er  eine  andere 
Arbeit  zu  seiner  Erholung.  In  diesen  Jahren  stand  auf 
seiner  Staffelei  jenes  Bildnis,  das  der  Inbegriff  der  höchsten 
Kunst  geworden  und  dessen  Ruhm  immerfort  zu  wachsen 
scheint.  So  wie  die  großen  Bücher  der  Menschheit  nichts 
Fertiges  sind,  sondern  jedes  Jahrhundert,  jede  Epoche, 
jeder  Mensch  an  ihnen  weiter  dichtet,  so  ist  die  Gioconda, 
in    der    Leonardo    sein    höchstes  Lied   vom  Weib,    vom 

LXXXVII 


Menschen,  von  der  Natur  gesungen  hat,  immer  neu  ge- 
sungen, immer  neu  instrumentiert,  heute  wie  eine  un- 
geheure Weltpolyphonie,  in  der  die  Zeiten  selber  tönend 
geworden  sind.  In  der  Tat,  diese  Frau  mit  den  so  weichen 
und  doch  so  eigensinnig  gebildeten  Zügen  und  dem  wunder- 
samen, von  den  Augen  über  die  Wangen  huschenden 
Lächeln,  in  dem  alle  hingebende  Hoffnung  und  alle 
spöttische,  wissende  Entzauberung  so  nah  beieinander 
liegen  wie  bei  dem  rätselhaften  Lächeln,  das  im  letzten 
luziden  Augenblick  den  Sterbenden  über  das  Antlitz 
fliegt  — ,  ist  sie  uns  heute  noch  die  Gioconda  Leonardos? 
ist  sie  je  die  wahre  Gioconda  gewesen,  und  nicht  Leonardo 
selbst,  mit  allen  Fragen  und  Antworten  seines  Wesens, 
mit  seinem  Aufschließenwollen  und  Erkennenwollen  der 
Erscheinungen  und  Kräfte,  die  man  in  Formeln  auffangen,  be- 
schreiben, nachbilden  kann,  und  die  dann  erst  recht  Rätsel 
und  Wunder  sind?  Vier  Jahre,  heißt  es,  habe  Leonardo 
an  diesem  Bild  gearbeitet,  vier  Jahre  alles  hineingearbeitet, 
was  er  in  der  Gioconda  sah,  und  vier  Jahre  mit  jedem 
Pinselstrich  mehr  von  sich  selbst  hineingetragen.  Dieses 
ganz  individuelle  Porträt  einer  bestimmten  Person,  der 
Neapolitanerin  Lisa  Gherardini,  dritten  Gattin  des  Floren- 
tiners Francesco  del  Giocondo,  mit  einer  solchen  Sorg- 
falt und  liebevollen  Hingebung  an  die  Natur  gemacht, 
daß  man  in  der  Tat  meint,  die  schlicht  herabfließenden 
seidenweichen  Haare  zählen  zu  können,  die  so  fein  die 
Kopfform  zeichnen,  und  daß  man,  wie  schon  Vasari  sagte, 
glaubt,  man  sehe  das  Herz  in  der  Halsgrube  schlagen  — , 
diese  Züge  haben  in  rätselhafter  Sympathie  von  jeher 
schemenhaft  in  Leonardos  Seele  gelegen.  Wer  sich  an 
die  Madonna  von  der  Felsgrotte,  an  die  h.  Anna  selb- 
dritt  erinnert,  kommt  zum  Gefühl,  daß  Leonardo  in  der 
Mona  Lisa  sich  selbst  begegnet  sei.  Diese  unsterbliche 
Malerei,  in  der  er  alles  zusammengetragen  hat,  was  ihm 
auf  Erden  köstlich  und  teuer  war,  die  romantische  Land- 
schaft  mit  dem  so  geliebten  Wasser,    das  sich  wellt  wie 

LXXXVIII 


Frauenhaar,  mit  den  so  viel  studierten  Felsen,  uralten 
Wundergebilden  der  Erde,  mit  jener  weichen,  lichtge- 
tränkten, aber  nicht  sonnigen  Luft,  die  den  Zügen  der 
Frauen,  wie  er  sagt,  so  viel  holde  Anmut  leiht,  und  dann 
die  Gioconda  selbst  mit  den  wie  von  ihm  erfundenen 
Zügen,  —  so  voll  Ruh  und  Güte,  so  hoch  über  aller 
Banalität,  daß  die  Sprache  für  ihren  Adel  keine  Bezeich- 
nung hat,  mit  diesen  schönen,  so  geduldigen  Händen, 
die  vom  Leben  zu  wissen  scheinen  und  teilzunehmen 
an  jenem  vielsagenden  Lächeln,  dessen  Geheimnis  hundert 
Leben  nicht  ganz  entschleiern  könnten,  weil  nur  hundert 
Leben,  das  Leben  von  Geschlechtern  die  hundert  Mög- 
lichkeiten dieser  Frau  zu  entwickeln  vermöchten,  —  ist 
das  nicht  Leonardo  selbst?  Der  Eine,  Vielfache,  der  rätsel- 
volle Rätseldurchschauer,  der  so  hoch  über  dem  Leben 
stand,  daß  er  es  hinnehmen  konnte,  ohne  ihm  Übles 
nachzusagen,  und  der  seine  Weisheit  in  ein  paar  Sätze 
faßte:  „Die  Geduld  macht  es  mit  den  Kränkungen  nicht 
anders,  als  es  die  Gewänder  mit  der  Kälte  machen, 
indem,  wenn  du  dir  die  Gewänder  vermehrst  je  nach 
der  Vermehrung  der  Kälte,  selbige  Kälte  dir  nicht  wird 
schaden  können:  gleicherweise,  gegenüber  den  großen 
Kränkungen,  erhöhe  die  Geduld,  und  selbige  Kränkungen 
werden  deinen  Geist  nicht  verletzen  können";  —  „es 
kehrt  nicht  um,  wer  an  einen  Stern  gebunden  ist";  — 
„Aristoteles  sagt  im  3.  seiner  Ethik:  der  Mensch  ist 
würdig  des  Lobes  oder  Tadels  nur  in  jenen  Dingen, 
welche  zu  tun  oder  nicht  zu  tun  in  seiner  Macht  liegt." 
Als  Leonardo  nach  vier  Jahren  endlich  verzweifelt  den 
Pinsel  aus  der  Hand  legte,  schien  ihm  das  Bildnis  der 
Gioconda  unvollendet.  Und  dennoch  ist  ihm  mehr  ge- 
lungen, als  er  selbst  von  seiner  geliebten  Kunst  verlangt: 
„Sie  hält  im  Leben  zurück  jene  Harmonie  der  wohl- 
proportionierten Glieder,  welche  die  Natur  mit  all  ihren 
Kräften  zu  erhalten  nicht  vermöchte.  Sie  erhält  das 
Scheinbild  (simulacro)  einer  göttlichen  Schönheit,  welchem 

LXXXIX 


die  Zeit  oder  der  Tod  sein  natürliches  Beispiel  (Vorbild) 
kurzweg  zerstört  hat."  —  Cosa  bella  mortai  passa  e  non 
d'arte.  Aber  dieses  Bild  ist  mehr  als  die  Schönheit  wohl- 
proportionierter Glieder;  es  ist  „eine  natürliche  Sache  in 
einem  großen  Spiegel  gesehen",  und  dieser  große  Spiegel 
ist  die  Seele  Leonardos  selbst.  .  .  . 

Was  Leonardo  sonst  noch  in  Florenz  erlebt  hat,  war 
nicht  sehr  erfreulich:  „Am  7.  Tag  des  Juli  1504,  Mitt- 
woch um  7  Uhr,  starb  Ser  Piero  da  Vinci,  Notar  des 
Palazzo  del  Podestà,  mein  Vater.  Er  hatte  das  Alter 
von  80  (richtig  wäre:  77)  Jahren,  hinterließ  10  männ- 
liche Kinder  und  2  weibliche."  (Ms.  Br.  M.  Fol.  272r.) 
Die  gleiche  Eintragung,  noch  kürzer,  im  Cod.  atl.  Fol.  71  v. 
ohne  weitere  Bemerkung.  Jene  Zeit  kannte  noch  nicht 
das  moderne,  sentimentale  Tagebuch.  Man  ließ  die  Tat- 
sachen sprechen  und  knüpfte  höchstens  eine  fromme 
Betrachtung  an  sie.  Fromme  Betrachtungen  praktischer 
Art  lagen  aber  nicht  in  der  männlich  aufrechten,  fest  in 
sich  ruhenden  Natur  Leonardos.  Bei  den  alltäglichen 
traurigen  Dingen,  die  dem  Menschen  passieren,  ließ  er 
Gott  aus  dem  Spiel.  Nicht  weil  er  unfromm  war,  son- 
dern weil  seine  Frommheit  aus  einer  anderen  höheren 
Gesinnung  kam  und  einem  Geist  entströmte,  der  die  Ge- 
walt und  Vernunft  des  Geschehens  bewundert  und  an- 
betet, aber  nichts  für  sich  von  ihr  erbittet,  außer  der 
Kraft,  sie  zu  begreifen  und  sie  zu  lehren.  Übrigens 
brachte  ihm  der  Tod  des  Vaters  einen  Kummer  und  eine 
Enttäuschung.  Er,  der  Große,  der  Ruhm  und  Stolz  des 
Hauses,  blieb  doch  nur  der  natürliche  Sohn  und  ging 
erblos  aus.  Verdruß  erwuchs  ihm  auch  aus  dem  üblen 
Verhältnis  zum  genialsten  jüngeren  Künstler  von  Florenz, 
dem  bitteren,  gewaltsamen  und  mißtrauischen  Michelangelo. 
Es  war  eine  leise  Antipathie,  denke  ich,  von  Natur  aus 
zwischen  ihnen,  ein  Abgestoßensein  durch  den  Gegen- 
satz des  Temperamentes,  Der  eine  zerrissenen  Gemütes, 
voll  heftiger  Anklage   gegen  alles  Ungerechte,    Sinnlose 

XC 


des  Lebens,  ein  titanisch  Leidender;  der  andere  von 
höchster  Serenitas,  in  Erkenntnis  der  Notwendigkeit  des 
Schmerzes,  des  Übels,  ja,  des  Bösen  im  Haushalt  der 
Natur,  mit  seiner  makrokosmischen,  seiner  Weltanschauung 
so  übermenschlich  hoch  über  allem  rein  Subjektiven  und 
dem  gemein  Menschlichen  — !  Im  Januar  1504  war  Leo- 
nardo in  die  Ratsversammlung  geladen  worden,  in  der  eine 
Reihe  von  Künstlern  und  Kennern  ihre  Meinung  abgeben 
sollten,  wo  der  „David  oder  Gigant"  aufzustellen  wäre,  den 
Michelangelo  aus  dem  früher  erwähnten  verhauenen  Mar- 
morblock herausgeschnitten  hatte.  Leonardo  wollte  die 
Statue  rückwärts  in  die  Loggia  dei  Lanzi  setzen,  vor  den 
Wandvorsprung,  an  den  man  bei  Festlichkeiten  die  Blumen- 
spaliere lehnte;  dort  stand  sie  keinem  im  Wege,  war 
auch  vor  Wind  und  Wetter  geschützt.  Michelangelo,  der 
sein  Werk  im  Freien,  vor  dem  Palazzo  der  Signoria 
wollte  leuchten  sehen,  hat  es  seinem  ungeliebten  Rivalen 
sicher  übelgenommen,  daß  er  diesen  so  bravourös  ausge- 
führten Koloß  in  die  Ecke  stellen  wollte.  Als  eines  Tages, 
erzählt  der  Anonimo,  Leonardo  mit  Giovanni  da  Gavina 
von  der  Santa  Trinità  her  an  der  Sitzbank  der  Spini  vor- 
überging, wo  etliche  bessere  Leute  (uomini  da  bene)  ver- 
sammelt waren  und  wo  man  über  eine  Stelle  des  Dante 
stritt,  riefen  sie  genannten  Leonardo  und  sagten  ihm,  er 
möge  ihnen  jene  Stelle  erklären.  Durch  Zufall  kam  gerade 
Michelangelo  vorbei,  der  als  eifriger  Dante-Leser  bekannt 
war  und  von  einem  gerufen,  versetzte  Leonardo:  „Michele 
Agnolo  wird  es  euch  erklären."  Da  es  dem  Michelangelo 
schien,  Leonardo  habe  das  um  ihn  zu  höhnen  gesagt, 
antwortete  er  ihm  mit  Zorn:  „Erkläre  nur  Du  es,  der  Du 
die  Zeichnung  für  ein  Pferd  machtest,  um  es  in  Bronze 
zu  gießen,  und  es  nicht  gießen  konntest  und  aus  Scham 
es  stehen  ließest!"  Und  nachdem  er  dies  gesagt,  wandte 
er  ihnen  den  Rücken  zu  und  ging  fort:  wo  Leonardo  zu- 
rückblieb, der  wegen  dieser  Worte  rot  wurde.  „Und 
außerdem",     fügt     der    Erzähler    hinzu,     „sagte    Michel 

XCI 


Agnolo,  um  Leonardo  einen  Stich  zu  versetzen:  „Und 
diese  Kapaunerhirne  von  Mailändern,  die  Dir  Glauben 
schenkten!" 

Das  war  noch  vor   dem  Mißglücken  der  Reiterschlacht. 

Nach  Solmi  hätte  Leonardo  um  diese  Zeit  noch  eine 
andere  große  Enttäuschung  erlitten.  Seine  Beobachtungen 
über  den  Vogelflug  sind  schon  mehrere  Male  erwähnt 
worden.  Die  Manuskripte  enthalten  Zeichnungen  zu  Flug- 
apparaten, die  alle  auf  demselben  Grundprinzip  der  Ak- 
tion und  Reaktion  beruhen.  „Die  Sache,  welche  gegen 
die  Luft  schlägt,  ruft  in  ihr  so  viel  Gegenkraft  hervor, 
wie  die  Luft  in  der  Sache  selbst  (Tanta  forza  si  fa  colla 
cosa  incontro  all'aria,  quanto  l'aria  alla  cosa).  Du  siehst, 
daß  der  Flügelschlag  gegen  die  Luft  den  schweren  Adler 
in  der  höchsten  und  dünnsten  Luft  erhält.  Umgekehrt 
siehst  du  die  Luft,  die  sich  auf  dem  Meere  bewegt,  die 
geschwellten  Segel  füllen  und  das  schwer  beladene  Schiff 
laufen  machen.  Aus  diesen  Beweisen  magst  du  erkennen, 
daß  der  Mensch  mit  seinen  großen  Flügeln,  indem  er 
gegen  die  widerstrebende  Luft  Kraft  erzeugt,  siegreich 
diese  unterwerfen  und  sich  auf  ihr  wird  erheben  können." 
Die  Hauptsache  bei  dem  Apparate  sind  also  ungeheure 
Flügel,  welche  die  Form  von  Fledermausschwingen  sinn- 
reich in  einen  beweglichen  Mechanismus  verwandeln. 
Hoben  sich  diese  Flügel,  so  ließen  sie,  wie  die  Federn 
der  Vögel,  die  Luft  durch;  senkte  man  sie,  so  schlössen 
sich  die  Öffnungen,  und  die  durch  den  Flügelschlag  nach 
abwärts  verdichtete  Luft  würde  tragen  wie  ein  Polster, 
hoffte  Leonardo.  Er  hatte  auch  an  ein  doppeltes  Flügel- 
paar mit  Gegenbewegung  gedacht:  hob  sich  das  obere, 
so  senkte  sich  zugleich  das  untere.  Der  Apparat  selbst 
sollte  möglichst  den  Vogelleib  nachahmen,  ja,  den  Men- 
schenleib selbst  zu  einem  Vogelleib  machen.  Die  Manu- 
skripte B.  und  CA.  enthalten  interessante  Zeichnungen  da- 
zu. Bald  sind  die  Flügel  an  den  Gliedern  des  Menschen 
befestigt,   bald   an   einem   Brett,   das   einem  umgekehrten 

XCII 


Schneeschuh  gleicht  und  das  mit  Gurten  an  den  Rumpf 
gespannt  ist,  bald  sind  sie  wie  Ruder  an  einer  Art  von  Boot 
angebracht.  Außerdem  hatte  Leonardo  einen  regelrechten 
Fallschirm  erfunden.  „Versuche  dein  Instrument  auf  dem 
Wasser,"  schreibt  er,  „damit  du  fallend  dir  nicht  weh 
tust."  „Du  wirst  einen  langen  Schlauch  umgürtet  haben, 
damit  du  beim  Fallen  nicht  ertrinkst."  So  ausgerüstet, 
meinte  der  Vater  der  modernsten  Aeronautik  —  man 
denkt  an  Lilienthal  —  allen  luftigen  Abenteuern  gewachsen 
zu  sein,  und  er  wollte  um  diese  Zeit  einen  ernsten  Ver- 
such wagen.  „Es  wird  seinen  ersten  Flug  nehmen  der 
große  Vogel,  vom  Rücken  eines  riesigen  Schwanes  (cecero) 
aus,  das  Universum  mit  Verblüffung,  alle  Schriften  mit 
seinem  Ruhme  füllend  und  eine  ewige  Glorie  dem  Ort, 
wo  er  geboren  wurde",  prophezeit  er  in  zwei  Variationen 
(Ms.  „Über  den  Vogelflug",  Sul  volo  degli  uccelli,  Edi- 
tion Sabaschnikoff,  Innendeckel  2  und  Fol.  18  v.).  Nun 
war  Leonardo  nachweislich  im  Jahre  1506  eine  Zeitlang 
in  Fiesole,  das  einen  langgestreckten  kahlen  Hügel,  Monte 
Ceceri,  besitzt.  Und  in  der  Gegend  lebt  die  Sage,  teilt 
Solmi  mit,  daß  vom  „nackten  Berg  bei  Florenz"  ein 
großer  Schwan  aufgeflogen  sei,  der  dann  verschwand, 
und  niemand  habe  ihn  mehr  gesehen.  Gerolamo  Cardano 
(1501 — 1576),  der  berühmte  Gelehrte,  dessen  Vater  Fazio 
mit  Leonardo  innig  befreundet  war,  der  also  manches 
über  den  Künstler  wissen  konnte  und  der  Erbe  mancher 
wissenschaftlichen  Erkenntnis  Leonardos  sein  mochte, 
schreibt  —  ich  zitiere  nach  Solmi  —  in  „De  subtilitate" 
mit  leiser  Ironie:  „Auch  Leonardo  da  Vinci  versuchte 
zu  fliegen;  doch  übel  bekam  es  ihm:  er  war  ein  großer 
Maler." 


Am  30.  Mai   1506    erhielt    Leonardo   vom   Gonfaloniere 
Piero  Soderini   die  Erlaubnis,   für  drei  Monate  nach 
Mailand  zu  gehen;  wenn  ersieh  länger  aufhielt,  mußte  er 


XCIII 


sich  zu  150  Golddukaten  Buße  verpflichten.  Man  hoffte 
also  noch  auf  die  Vollendung  der  Schlacht  von  Anghiari. 
Er  verstand  es,  Charles  d'Amboise,  Herrn  von  Chaumont- 
sur-Loire,  Marschall  von  Frankreich  und  Statthalter  Lud- 
wigs XII.  (geb.  1473,  gest.  1511),  gänzlich  zu  bezaubern. 
Am  18.  August  schrieb  dieser  an  die  Signoria  und  bat 
sie,  Leonardo  den  Urlaub  um  einen  Monat  zu  verlängern, 
da  dieser  „ein  gewisses  Werk"  zu  liefern  habe.  Auf 
eine  neue  Bitte  um  noch  ein  paar  Tage  antwortete  So- 
derini  unhöflich:  er  gewähre  Leonardo  nicht  um  einen  Tag 
mehr,  „welcher  sich  nicht  benommen  hat,  wie  er  sollte, 
gegen  diese  Republik,  indem  er  eine  große  Summe  Geldes 
genommen  und  einem  großen  Werk,  das  er  machen  sollte, 
einen  geringen  Anfang  gegeben  hat  und  aus  Liebe  zu 
Euerer  Herrlichkeit  sich  schon  als  ein  Verräter  aufführt. 
Wir  wünschen  keine  ferneren  Ansuchen,  denn  die  Arbeit 
hat  die  Allgemeinheit  zu  befriedigen,  und  wir  können  nicht 
ohne  unsere  Lasten  ihn  länger  durch  Euere  Herrlichkeit 
erhalten  lassen."  „Als  er  einmal  beschuldigt  wurde,  hin- 
ters Licht  geführt  zu  haben,  und  Piero  Soderini  gegen 
ihn  murrte",  soll  er,  wie  Vasari  erzählt,  mit  Hilfe  seiner 
Freunde  Geld  gesammelt  und  es  der  Staatskasse  zurück- 
gegeben haben,  doch  Soderini  nahm  es  nicht  an.  Solmi 
möchte  gern,  daß  dies  eine  Tatsache  und  um  diese  Zeit 
gewesen  wäre.  Endlich  entließ  Chaumont  den  Leonardo 
am  15.  Dezember.  „Erlauchte  und  erhabene  Herren, 
gleichwie  Brüder  zu  ehren,"  schreibt  er  an  die  Signoria, 
„die  ausgezeichneten  Werke,  die  in  Italien  und  besonders 
in  dieser  Stadt  Magister  Leonardo  da  Vinci,  Euer  Bürger, 
ausgeführt,  haben  allen,  die  sie  sahen,  Neigung  eingeflößt, 
ihn  ganz  besonders  zu  lieben,  selbst  wenn  sie  ihn  selbst 
nie  gesehen  hatten.  Und  wir  wollen  gestehen,  zur  Zahl 
jener  zu  gehören,  die  ihn  liebten,  ehe  sie  ihn  je  in  der 
Gegenwart  kannten.  Aber  seit  wir  mit  ihm  zu  tun  ge- 
habt und  durch  Erfahrung  seine  mannigfachen  Tugenden 
erprobt,   sehen  wir  wahrhaftig,  daß   sein  Name,  gefeiert 

XCIV 


wegen  der  Malerei,  dunkel  ist  im  Vergleich  zu  dem,  den 
er  im  Lob  verdiente  für  die  anderen  Teile,  die  in  ihm 
von  höchster  Tüchtigkeit  sind,  und  wir  wollen  gestehen, 
daß  in  den  Proben,  die  er  uns  von  einigen  Sachen  ge- 
geben, die  wir  von  ihm  verlangten,  Zeichnungen  und 
Architektur  und  andere  Dinge,  die  zu  unseren  Umständen 
gehören,  wir  nicht  bloß  von  ihm  befriedigt  geblieben  sind, 
sondern  dadurch  Bewunderung  gewonnen  haben.  Nach- 
dem es  Euer  Belieben  gewesen,  ihn  uns  als  Geschenk 
für  diese  vergangenen  Tage  zu  überlassen,  —  wenn  wir 
dafür  nicht  dankten,  so  sehr  als  wir  es  können,  nun,  da 
er  in  sein  Vaterland  kommt,  würden  wir  einem  dankbaren 
Sinn  nicht  genugzutun  glauben."  Und  damit  empfiehlt 
d'Amboise  Leonardo  den  Herren,  „wenn  es  sich  über- 
haupt schickt,  einen  Mann  von  so  viel  Tugend  den 
Seinigen  zu  empfehlen".  (Gaye,  Carteggio,  Bd.  II,  S.  94.) 
Es  kam  damals  entweder  gar  nicht  zur  Rückkehr  oder 
zu  einer  ganz  kurzen;  denn  am  12.  Januar  1507  schrieb 
der  florentinische  Geschäftsträger  Francesco  Pandolfini 
vom  Hoflager  Ludwigs  XII.  in  Blois  an  die  Prioren,  daß 
der  König  ihn  habe  rufen  lassen  und  ihm  gesagt:  „Euere 
Signori  müssen  mir  einen  Dienst  erweisen.  Schreibet 
ihnen,  daß  ich  mich  des  Meisters  Leonardo,  ihres  Malers, 
der  in  Mailand  ist,  zu  bedienen  wünsche,  indem  ich 
möchte,  daß  er  mir  einige  Sachen  mache;  und  sehet, 
daß  jene  Signori  ihm  auftragen  und  befehlen,  daß  er  mir 
sofort  diene  und  von  Mailand  nicht  abreise,  vor  meinem 
Kommen.  Er  ist  ein  guter  Meister,  und  ich  will  einige 
Sachen  von  seiner  Hand  haben  ..."  All  dies,  sagt  Pan- 
dolfini, ist  durch  ein  kleines  Bild  entstanden,  welches 
kürzlich  von  ihm  (!)  hierher  gebracht  wurde,  welches  für 
eine  sehr  ausgezeichnete  Sache  gehalten  wird  (das  für 
Robertet  gemalte?).  Was  für  Werke  Seine  Majestät  von 
ihm  möchte?  fragt  der  Gesandte.  „Gewisse  Täfelchen 
mit  Unserer  lieben  Frau  und  anderes,  je  nachdem  uns 
die  Phantasie    kommt.     Und    vielleicht    werde  ich  mich 

xcv 


selbst  konterfeien  lassen"  —  und  macht  die  Sache  nicht 
bloß  dringend,  sondern  schreibt  am  14.  Januar  selbst: 
„Nous  avons  nécessairement  abésognes  de  maistre  Leo- 
nardo de  Vince,  paintre  de  votre  cité  de  Fleurance,  et 
que  intendons  de  luy  faire  fer  quelque  ouvrage  de  sa 
main,  incontenant  que  nous  serons  à  Millan  que  sera  en 
briev,  Dieu  aidand.  Et  incontenent  toutes  lettres  que  vous 
recevez,  lui  escripvez  que,  insynes  (bis)  a  notre  venue 
à  Millan,  il  ne  bouge  de  delà."  Dem  mächtigen  König 
und  Bundesgenossen  hatte  die  Republik  Florenz  nichts  zu 
versagen.  Sie  gibt  ihre  Ansprüche  gegenüber  Leonardo 
endgültig  auf. 

Welche  Arbeiten  Chaumont  dem  Leonardo  aufgetragen, 
wissen  wir  nicht.  Die  Wartezeit  bis  zur  Ankunft  des 
Königs  verbrachte  der  Künstler  großenteils  in  Vaprio, 
dem  Landsitz  der  adeligen  Familie  Melzi,  deren  1493  ge- 
borener Sohn  Francesco  sein  Schüler  wurde  und  gleich- 
wie ein  Sohn  ihm  zärtlich  anhing.  Das  Freskogemälde 
auf  der  Stirnseite  der  Casa  Melzi,  eine  riesenhafte  Mutter- 
gottes mit  dem  Kind,  ist  Leonardo  zugeschrieben  worden, 
doch  seiner  Meisterhand  durchaus  nicht  würdig.  Ver- 
schiedene Notizen  in  Manuskripten  erwähnen  Vaprio,  be- 
wahren das  Andenken  an  die  Studien,  Versuche,  Beob- 
achtungen, die  er  hier  gemacht. 

Am  27.  April  bekam  der  Meister  durch  Chaumont  den 
Weingarten  vor  der  Porta  Vercelliana  wieder  zurückerstattet, 
den  Lodovico  Sforza  ihm  einstens  geschenkt.  Nun  zieht 
er  dort  seinen  eigenen  Wein,  pflanzt  er  Bäume,  Blumen, 
läßt  sich  aus  Florenz  Gemüsesamen  schicken  .  .  . 

Am  24.  Mai  zog  Ludwig  XII.  mit  großem  Pomp  in  Mai- 
land ein.  Um  diese  Zeit  wurde  Leonardo  zum  Hofmaler, 
peintre  du  Roy,  ernannt.  Es  fiel  ihm  nicht  schwer,  den 
König  ganz  zu  gewinnen.  Sagt  doch  Paul  Jovius  von 
ihm:  „Er  war  ein  bezaubernder  Geist,  höchst  glänzend, 
großartigen  Wesens  (liberale);  sein  Antlitz  war  das 
schönste  von  der  Welt.    Da  er  ein  wunderbarer  Erfinder 

XCVI 


und  Meister  jeglicher  Eleganz  und  vorzüglich  der  theatra- 
lischen Unterhaltungen  war,  so  wie  er  auch  bewunderns- 
wert sang,  indem  er  sich  auf  der  Lyra  begleitete,  gefiel 
er  sein  Leben  lang  den  Fürsten  ganz  sonderlich  gut." 
Auch  nannte  ihn  Ludwig  nur  mehr  „notre  très-chier  et 
bien  amé  Léonard  de  Vince".  Der  König  gab  ihm  Auf- 
träge, u.  a.  für  ein  Madonnenbild;  er  interessierte  sich 
für  seine  hydraulischen  Arbeiten  und  verlieh  ihm  nicht 
bloß  den  Titel  seines  Ingenieurs,  sondern  schenkte  ihm 
auch  ■ — •  wann  ist  strittig  —  aus  dem  Kanal  von  S.  Cristo- 
fano  eine  Wassermenge,  die  nach  Venturi  der  eines  klei- 
nen lombardischen  Kanales  gleichkommt. 

Da  stirbt  Francesco  da  Vinci,  der  Oheim  Leonardos,  der 
für  diesen  Neffen  immer  viel  Zärtlichkeit  gehabt,  und 
um  die  Erbschaft  —  ein  Häuschen  und  ein  Stück  Land, 
das  jährlich  etwa  500  L.  abwarf  —  entspann  sich  zwi- 
schen Leonardo  und  seinen  Brüdern  ein  Rechtsstreit, 
der  auch  auf  das  Erbe  des  Vaters  insofern  zurückgriff, 
als  Leonardo  meinte,  es  müsse  wenigstens  eine  Schen- 
kungsurkunde für  ihn,  den  illegitimen  Sohn,  vorhanden 
sein.  Ausgerüstet  mit  Empfehlungen  des  Chaumont  vom 
15.  August  1507,  unterstützt  durch  einen  Brief  des  Königs 
und  durch  die  Protektion  des  Kardinals  Ippolito  von  Este 
(das  Schreiben  Leonardos  an  diesen  ist  in  Modena  auf- 
bewahrt), beginnt  er  seinen  Prozeß,  der  sich  aber  maßlos 
in  die  Länge  zieht.  Der  Künstler  wohnt  ein  halbes  Jahr 
im  Hause  des  Piero  Martelli,  beim  Bildhauer  Giovanni 
Francesco  Rustici.  Er  beschäftigt  sich  wie  gewöhnlich. 
,,Begonnen  in  Florenz",  schreibt  er  auf  die  erste  Seite  des 
Codex  Br.  M.  (British  Museum,  London),  „in  der  Casa 
des  Piero  di  Braccio  Martelli,  am  22.  März  1508:  und 
dieses  werde  eine  Sammlung  ohne  Folge,  herausgezogen 
aus  vielen  Papieren,  die  ich  hier  abgeschrieben  habe, 
hoffend,  sie  später  der  Ordnung  nach  an  ihre  Plätze  zu 
setzen,  je  nach  der  Materie,  welche  sie  behandeln  werden. 
Und  ich  glaube,  ehe  ich  an  das  Ende  von  diesem  gelangt 

VII        Herz  Feld,  Leonardo 

XCVII 


bin,  werde  ich  darin  die  gleiche  Sache  mehrere  Male  zu 
wiederholen  haben,  so  daß,  o  Leser,  du  mich  nicht  tadlest, 
weil  der  Sachen  viele  sind,  und  das  Gedächtnis  sie  nicht 
bewahren  kann  und  sagen:  —  „dieses  will  ich  nicht 
schreiben,  weil  ich  es  schon  vorher  schrieb".  —  Und 
wollte  ich  in  solchen  Irrtum  nicht  verfallen,  wäre  es  not- 
wendig, daß  für  jeden  Fall,  den  ich  kopierte,  ich,  um 
nicht  zu  wiederholen,  immer  das  ganze  Vergangene  durch- 
zulesen hätte,  und  besonders,  da  ich  in  langen  Zwischen- 
pausen von  einem  Male  zum  anderen  ans  Schreiben  gehe." 
Diese  Eintragung  zeigt  uns  die  Arbeitsmethode  Leonar- 
dos. In  kleine  Notizbücher,  wie  er  sie  immer  bei  sich 
trug  —  die  französischen  Manuskripte  enthalten  deren  — , 
zeichnete  er  alles  ein,  was  ihm  auffiel  und  einfiel;  dann 
machte  er  aus  diesen  ungeordnete  Auszüge,  hierauf  ord- 
nete er  die  Auszüge  nach  Materien  —  z.  B.  das  Ms.  C. 
in  Paris,  „Vom  Licht  und  Schatten",  das  Ms.  D.,  wel- 
ches Zusammenstellungen  über  das  Auge  enthält,  die 
englischen  Manuskripte  in  Windsor  (W.  An.  I,  II,  III,  IV) 
über  Anatomie:  daraus  wollte  er  dann  einmal  Traktate 
machen,  regelrechte  Bücher.  Immerfort  zitiert  er  diese 
seine  Bücher  über  Mechanik,  über  das  Wasser,  —  sie 
sollten  ein  Riesenwerk  über  die  „Dinge  der  Natur"  bil- 
den; wenn  er  jemals  eines  von  ihnen  anders  als  in  der 
Phantasie  vollendet  hat,  so  ist  es  uns  leider  verloren 
gegangen.  Jedoch  solange  Leonardo  einen  Atemzug  be- 
saß, hat  er  viel  eher  gezögert,  das  abzuschließen,  was 
unendlich  ist;  wann  hätte  ein  Geist  wie  er  und  ein  Erst- 
ling wie  er,  der  kaum  auf  irgend  einem  Feld  brauchbare 
Vorarbeiten  fand  —  sein  letzter  Vorgänger  ist  Archime- 
des  —  sagen  können,  er  habe  irgend  ein  Gebiet  ganz 
erforscht?  Für  den  Scholastiker  freilich  war  das  anders 
gewesen.  Für  ihn,  wie  Gabriel  Séailles  so  schön  sagt, 
„la  science  est  faite.  Die  Welt,  —  der  Mensch,  der  sie 
denkt,  —  Gott,  der  sie  schafft,  —  das  ist  die  Sache 
einiger  Foliobände.     Sein  Geist,  wie  sein  Universum,  ist 

XCVIII 


ein  geschlossenes  System  (système  clos).  Er  weiß,  wo 
die  Wissenschaft  anfängt,  wo  sie  endet,  ihre  Einteilungen 
und  deren  Ordnung;  er  weiß,  nach  wieviel  himmlischen 
Sphären  man  endlich  zum  Paradiese  kommt  und  in  das 
Reich  Gottes  eintritt.  Leonardo  entdeckt  eine  Welt,  deren 
Grenzen  vor  ihm  beständig  zurückweichen.  Er  schaut, 
und  die  Erscheinungen  vervielfachen  sich  vor  seinen 
Augen."  Er  wird  von  Stufe  zu  Stufe,  von  der  Praxis  zur 
Theorie,  von  Wissenschaft  zu  Wissenschaft  gelockt.  Seine 
Methode  untersagt  ihm  „les  ambitions  hàtives",  die  Über- 
stürzungen des  Ehrgeizes.  Das  System  konnte  nicht 
am  Anfang  sein;  und  wo  fand  er  das  Ende?  — 

Zum  Glück  war  Leonardo  einer  von  den  seltenen 
Geistern,  die  die  Wahrheit  so  sehr  lieben,  daß  sie  um 
ihretwillen  auch  den  Weg  zu  ihr  lieben  —  wie  er  selbst 
es  ausdrückt,  fliegt  der  Ruhm  in  den  Armen  der  Mühe, 
die  dabei  fast  verschwindet.  „Kein  Werk  vermag  mich  zu 
ermüden.    Von  Natur  aus  hat  die  Natur  mich  so  geartet." 

Von  der  Wissenschaft  erholte  sich  diese  vollkommenste 
menschliche  Begabung  in  der  Kunst. 

Giovanni  Francesco  Rustici,  bei  dem  er  wohnte,  war 
damals  mit  einer  Gruppe  von  Statuen  beschäftigt,  die  ihm 
1506  für  das  Baptisterium  aufgetragen  worden:  Christus 
zwischen  dem  Pharisäer  und  dem  Leviten.  Man  schreibt 
Leonardo  mehr  als  einen  bloßen  Einfluß  auf  diese  meister- 
hafte Arbeit  zu.  Der  Plastiker  mochte  damals  wieder 
stark  in  ihm  lebendig  sein.  Es  ist  sogar  möglich,  daß 
eines  von  den  Werken,  die  Ludwig  XIL  1507  zu  Mailand  mit 
ihm  besprochen  hat,  das  Reiterdenkmal  für  den  Marschall 
von  Frankreich  Trivulzio  gewesen  sei.  Der  König  mochte 
wünschen,  den  Eroberer  der  Lombardei  zu  ehren,  Leonardo 
seine  alten  Pläne,  wenn  auch  in  bescheidenerem  Maß- 
stabe, verwirklicht  zu  sehen.  Müller- Walde  hat  in  seinen 
hier  oft  erwähnten,  leider  unvollendeten  Arbeiten  (Jahr- 
buch der  preuß.  Kunstsammlungen)  höchst  wahrscheinlich 
gemacht,  daß  der  Künstler  im  Juli   1509,  da  Ludwig  XIL 

VII* 

XCIX 


als  Besieger  von  Venedig  nach  Mailand  kam,  dem  König 
jenen  ins  einzelne  gehenden  Kostenvoranschlag  für  das 
Monument  unterbreitete,  der  sich  im  Cod.  atl.  Fol.  179  v. 
befindet.  Ich  setze  den  Wortlaut  her,  weil  er  über  Leo- 
nardos Absichten  Auskunft  gibt. 

Grabmal    des    Messer  Giovanni  Jacomo    da 

Trevulzio.  —  Kosten  für  die  Manufaktur  und  das 
Material  des  Pferdes 

Ein  Streitroß  in  natürlicher  Größe,  mit  dem 
Mann  darauf,  verlangt  an  Spesen  für  Metall  Duk.     500 

Und  für  die  Kosten  des  Eisengerüstes,  das  ins 
Modell  hineingeht,  und  für  Kohlen  und  Holz 
und  die  Grube  zum  Gießen  und  für  das  Fest- 
machen der  Form  und  für  den  Ofen,  wo  es 
gegossen  wird Duk.     200 

Um  das  Modell  in  Lehm  und  dann  in  Wachs 
zu  machen Duk.     432 

Für  die  Arbeiter,  die  es  reinigen  werden,  wenn 

es  gegossen  ist Duk.     450 

sind  in  Summe  Duk.   1582 

Kosten  für  die  Marmorarbeiten  des  Grabmals 

Kosten  des  Marmors  nach  der  Zeichung;  das 
Stück  Marmor,  welches  unter  das  Pferd  geht, 
welches  4  Ellen  lang  ist  und  2  Ellen  2  Zoll 
(oncie)  breit  und  9  Zoll  dick,  58  Zentner  zu 
4  Lire  und  10  Soldi  der  Zentner     ....  Duk.       58 

Und  für  13  Ellen  Karnies  und  6  Zoll,  breit  7  Zoll, 
dick  4  Zoll,  24  Zentner Duk.       24 

Und  für  den  Fries  und  Architrav,  der  4  Ellen 
und  6  Zoll  lang,  2  Ellen  breit  und  6  Zoll  dick 
ist,  20  Zentner Duk.       20 

Und  für  die  Kapitale,  die  aus  Metall  sind,  kom- 
men im  Viereck  5  Zoll  und  in  Dicke  2  Zoll, 
jedes  im  Preis  von  15  Dukaten,  beläuft  sich  auf  Duk.     120 

C 


Und  für  8  Säulen  von  2  Ellen  7  Zoll  Höhe, 
4  Zoll  und  V2  Dicke,  20  Zentner      ....  Duk.       20 

Und  für  8  Basen,  die  im  Viereck  sind  5Y2  Zoll 
und  2  Zoll  hoch,  5  Zentner Duk.         5 

Und  für  den  Stein,  auf  welchem  das  Grabmal 
steht,  lang  4  Ellen  und  10  Zoll,  breit  2  Ellen 
und  4  Zoll  und  V2,  36  Zentner Duk.       36 

Und  für  8  Füße  von  Piedestalen,  die  herum- 
gehen, lang  8  Ellen,  und  6  und  V2  Zoll  breit 
und  6  und  V2  Zoll  dick,  20  Zentner,  belaufen 
sich  auf Duk.       20 

Und  für  das  Karnies,  welches  darunter  ist,  das 
4  Ellen  und  10  Zoll  lang,  2  Ellen  und  5  Zoll 
breit  und  4  Zoll  dick  ist,  32  Zentner  .     .     .  Duk.       32 

Und  für  den  Stein,  aus  welchem  man  den  Toten 
macht,  der  3  Ellen  und  8  Zoll  lang,  1  Elle  und 
6  Zoll  breit,  9  Zoll  dick  ist,  30  Zentner   .     .  Duk.       30 

Und  für  den  Stein,  welcher  unter  dem  Toten 
ist,  der  3  Ellen  und  4  Zoll  lang,  1  Elle  und 
2  Zoll  breit,  41/2  Zoll  dick  ist Duk.       16 

Und  für  die  zwischen  die  Piedestale  einge- 
setzten Marmortafeln,  die  8  sind,  und  sind 
9  Ellen  lang,  9  Zoll  breit,  3  Zoll  dick,  8  Zentner  Duk.         8 

sind  in  Summe  Duk.     389 

Kosten  für  die  Arbeit  in  Marmor 

Rings  um  die  Basis  des  Pferdes  sind  8  Figuren 
zu  25  Dukaten  eine Duk.     200 

Und  an  der  gleichen  Basis  sind  8  Festons  mit 
gewissen  andern  Ornamenten,  und  an  diesen 
sind  4  zum  Preis  von  15  Dukaten  jede,  und 
4  zum  Preis  von  8  Dukaten  jede     ....  Duk.       92 

Und  für  das  Schneiden  genannter  Steine    .     .  Duk.         6 

Femer  für  das  Karnies,  welches  unter  der 
Basis  des  Pferdes  ist,  welches  13  Ellen  und 
6  Zoll  macht,  zu  2  Dukaten  per  Elle   .     .     .  Duk.       27 

CI 


Und  für  12  Ellen  Fries,  zu  5  Dukaten  per 
Elle Duk.       60 

Und  für  12  Ellen  Architrav,  zu  1  und  ^'a  Du- 
katen eine Duk.       18 

Und  für  3  Rosetten,  welche  dem  Grab  das 
Dach  bilden,  zu  20  Dukaten  die  Rosette  .     .  Duk.       60 

Und  für  8  kannelierte  Säulen,  zu  8  Duk.  eine  Duk.       64 

Und  für  8  Basen,  zu  einem  Dukaten  eine  .     .  Duk.         8 

Und  für  8  Piedestale,  von  welchen  4  zu  10 
Dukaten  jedes  sind,  die  welchen  über  die 
Ecken  gehen,  und  4  zu  6  Dukaten  eines.     .  Duk.       64 

Und  für  das  Schneiden  und  Profilieren  der 
Piedestale,  zu  2  Dukaten  jedes,  welche  deren 
8  sind Duk.        16 

Und  für  6  Tafeln  mit  Figuren  und  Trophäen, 
zu  25  Dukaten  eine Duk.     150 

Und  für  das  Profilieren  des  Steines,  der  unter 
dem  Toten  ist Duk.       40 

Für  die  Figur  des  Toten,  um  sie  gut  zu  machen  Duk.     100 

Für  6  Harpyien  mit  den  Kandelabern,  zu  25 
Dukaten  eine Duk.     150 

Für  das  Schneiden  des  Steines,  auf  den  man 
den  Toten  legt,  und  dessen  Profilierung  .     .  Duk.       20 

In  Summe  Duk.   1075 

In  Summe,  jede  Sache  zusammengestellt  macht  Duk.  3046 

Auf  Grund  dieses  Kostenanschlages  und  einiger  erhal- 
tener Skizzen,  die  leider  aber  sehr  flüchtig  sind,  können 
wir  uns  einen  leisen  Begriff  von  dem  machen,  was  Leo- 
nardo vorhatte  —  ein  Werk  von  geringerem  Maß,  aber 
von  noch  reicherer  Phantasie  als  das  Sforzadenkmal. 
Auch  hier  zog  er  zweierlei  Typen  für  das  Pferd  in  Er- 
wägung: das  steigende,  mit  einem  Gefallenen  unter  sich, 
und  das  in  unvergleichlich  sieghaftem  Zug  vorwärts  tra- 
bende, den  intelligenten  Kopf  leicht  seitwärts  gewendet; 
der  Reiter  im  Sattel  gehoben,  gleichfalls  den  Kopf  seit- 

CII 


wärts  gewendet,  der  erhobene  rechte  Arm  mit  dem  Kom- 
mandostab über  den  Nacken  des  edeln  Tieres  hinweg 
nach  vorn  deutend,  —  das  Ganze  von  einem  unbeschreib- 
lichen natürlichen  Adel,  von  der  schönsten  Eurhythmie 
der  Linien,  zum  Ersatz  für  die  Kühnheit  und  Leidenschaft 
des  ersteren  Typus.  Auch  der  Unterbau  ist  von  zweierlei 
Grundform.  Er  öffnet  sich  über  dem  Sarkophag  mit  dem 
Toten  in  Form  eines  Triumphbogens  oder  in  Form  einer 
Halle.  Die  acht  Figuren  des  Monumentes  sollten  Ge- 
fesselte sein  —  (kleine  Skizzen  dazu  finden  sich  mehr- 
fach in  den  Manuskripten;  einmal  schreibt  Leonardo  zu 
solch  einer  Figur:  „mache  ihn  aus  Wachs,  einen  Finger 
lang"  — ),  ein  seltsames  Begegnen  zweier  Genies  im 
gleichen  künstlerischen  Gedanken:  bekanntlich  sollten 
Gefangene  auch  Michelangelos  Grabmal  des  Papstes 
Julius  IL  schmücken,  das  ja  leider  ein  verstümmelter 
Torso  geblieben  ist.  Vom  Trivulzio-Monument  bleibt  uns 
weniger,  —  nichts  als  dieser  großartige  Entwurf  auf  dem 
Papier,  den,  wie  man  hoffen  muß,  die  Forschung  noch  in 
ein  helleres  Licht  wird  rücken  können.  — 

In  den  Jahren  zwischen  1508  und  1513  schwankt  alles 
im  Leben  Leonardos.  Man  drängt  in  sie  die  Arbeiten, 
Entwürfe  des  Meisters  hinein,  die  man  nicht  anderswo 
unterzubringen  weiß;  andere  Werke  wieder,  von  denen 
Dokumente  sprechen,  sind  verschwunden  oder  waren  nur 
geplant;  man  kann  kaum  etwas  sicher  datieren,  nicht  ein- 
mal den  Ausgang  des  Rechtsstreites  mit  den  Brüdern. 
Kam  es  1508,  kam  es  1511  zur  Entscheidung  oder  zu  einem 
Ausgleich?  Sicherlich  war  Leonardo  während  dieser 
Epoche  zumeist  in  Mailand.  Welche  Madonnen  er  in 
ziemlich  vorgeschrittenem  Zustand  1511  (oder  1508?,  wie 
Solmi  behauptet)  aus  Florenz  mitgebracht  —  er  kündigt 
in  einem  Briefentwurf,  den  ich  S.  207  wiedergebe,  die 
Bilder  dem  Marschall  Chaumont  feierlich  an  — ,  wissen  wir 

nicht.     Vielleicht  war  eines  davon  die  h.  Anna  selbdritt. 

Daß    der  Karton  in  Mailand  auf  die  Leinwand  gebracht 

GUI 


wurde,  bezeugen  die  vielen  lombardischen  Schulrepliken 
dieser  herrlichen  Komposition.  Welche  Geschlossenheit 
in  ihr  und  welche  Fülle  zugleich!  Ein  unendlicher  Be- 
wegungsinhalt in  kleinstem  Raum,  wie  H.  Wölfflin  sagt; 
der  ganze  Reichtum  kontrastierender  Linien  zu  auserlesener 
Schönheit  gebändigt  und  ein  Meer  von  Zärtlichkeit  darüber 
ausgegossen.  Jenes  vollkommenste  Exemplar,  das  der 
Louvre  besitzt,  das  aber  in  den  Farben  doch  sehr  ver- 
dorben ist,  scheint  zum  Teil  von  des  Meisters  eigener 
Hand,  die  man  z.  B.  im  Kopf  der  heiligen  Anna  und  in 
den  wunderbar  durchseelten  Füßen  zu  erkennen  vermeint. 
Ferner  entstand  in  Mailand  der  Bacchus  als  Karton  — 
ausgeführt  hat  das  Gemälde  wohl  einer  der  Schüler  unter 
den  Augen  des  Meisters.  Daß  diese  poesievolle  Kom- 
position stets  als  Bacchus  gedacht  war,  ist  heute  nicht 
mehr  zweifelhaft,  weil  man  ein  Epigramm  eines  Zeit- 
genossen, des  Flavio  Antonio  Giraldi,  betitelt  „Baccus  (!) 
Leonardi  Vinci",  gefunden  hat,  welches  dieses  Gemälde 
feiert.  Der  göttliche  Geist  der  reichen,  schönheitdurch- 
tränkten Natur  ist  niemals  wunderbarer  verkörpert  worden. 
Auch  die  formverwandte  Halbfigur  des  heiligen  Johannes 
wurde  hier  erdacht,  —  freilich  nicht  die  des  Heuschrecken- 
essers der  Wüste,  sondern  des  Herolds  einer  frohen  Bot- 
schaft, eines  Reiches  der  Gerechtigkeit,  der  Menschen- 
und  Nächstenliebe,  der  Religion  des  verzeihenden  Vaters 
aller  Menschen  anstatt  des  strafenden  Gottes,  —  der  ver- 
führerische Künder  eines  hohen  Glücks,  das  Himmel  und 
Erde  in  Seligkeit  tauchen  würde.  Es  gibt  kein  anderes 
Werk  Leonardos,  in  dem  das  Sujet  so  sehr  zur  Neben- 
sache wird  wie  hier.  Noch  einmal  hat  Leonardo  alles 
zusammengefaßt,  was  seine  Kunst  an  Zauber  besaß.  Er 
hat  noch  einmal  so  recht  gemalt,  aber  nur  um  des  Malens 
willen,  —  um  mit  dem  Helldunkel  zu  modellieren,  um 
durch  das  Spiel  des  Schattens  und  des  Lichtes  das  wun- 
derbare Lächeln  auf  holdselige  Züge  zu  hauchen,  das  die 
verschwiegenste  Schönheit  einer  Seele   offenbart;   er  hat 

CIV 


die  Vollkommenheit  des  vollkommensten  Gebildes  der  Na- 
tur, eines  menschlichen  Leibes,  mit  den  Mitteln  höchsten 
Könnens  gezeigt,  und  sonst  hat  er  nichts  gewollt.  Der 
Name,  den  man  diesem  Wesen  seiner  Phantasie  beilegen 
mochte,  war  ihm  Schall  und  Rauch. 

Noch  eine  Komposition  Leonardos  ist  uns  beglaubigt, 
und  vielleicht  gab  ihr  der  Meister  sogar  mehrerlei  Fas- 
sungen —  ich  meine  die  Leda  mit  dem  Schwan.  Lomazzo 
spricht  von  einer  sitzenden  Leda;  kann  sein,  daß  eine 
solche  in  Mailand  entworfen  wurde:  ihr  letzter  Nachklang 
wäre  die  verschwundene  Leda  Correggios  gewesen.  Allein 
die  wahre  Leda  des  Leonardo  ist  jedenfalls  eine  stehende 
nackte  Gestalt,  mit  seitwärts  gewandtem  Haupt  und  scham- 
haftem Lächeln,  neben  ihr  der  Schwan,  dessen  mächtiger 
Flügel  ihre  herrlich  gebildete  Hüfte  wie  ein  großer  ovaler 
Schild  umschmiegt.  Oxford  bewahrt  eine  Zeichnung  Raf- 
faels  nach  dieser  Komposition,  die  in  der  römischen 
Schule  so  oft  wiederholt  worden  ist,  daß  man  die  Kom- 
bination aufgestellt  hat,  ob  das  Bild  nicht  etwa  mit  Leo- 
nardo nach  Rom  gekommen  oder  gar  für  Giuliano  Medici 
dort  ausgeführt  worden  sei. 

Ein  großer  Teil  der  praktischen  Tätigkeit  Leonardos 
während  dieses  zweiten  Mailänder  Aufenthaltes  galt 
hydraulischen  Arbeiten.  Ob  die  Vereinigung  des  Marte- 
sanakanales  mit  dem  alten  Tessinkanal,  welche  erst  durch 
Ausgleichung  des  Niveauunterschiedes  vermittels  mehrerer 
Stauvorrichtungen  möglich  ward  —  ein  Werk,  das  noch 
Lodovico  Moro  ausführen  ließ  — ,  ob  Leonardo  das  aus- 
geführt hat,  ist  in  neuerer  Zeit  bezweifelt  worden.  Um 
1508  arbeitete  Leonardo  Pläne  aus,  die  Adda  bis  zum 
Comosee  schiffbar  zu  machen,  indem  man  die  kurze 
Strecke  von  Trezzo  nach  Brivio  ausbaute  und  zwei 
Schleusen  anlegte.  Dieses  Projekt  wurde  1519  zwar  aus- 
geführt, doch  nicht  genau  nach  Leonardos  Vorschlägen, 
und  mißlang.  Dagegen  leitete  Leonardo  den  Bau  der 
Schleuse    des    Naviglio    Grande    bei   S.    Gristofano,    und 

CV 


durch  ein  großes  Bassin  gelang  es,  Mailand  vor  Über- 
schwemmungen zu  schützen,  sowie  den  Kanal  selbst 
besser  vor  Geröll  zu  bewahren  (S.  die  Arbeiten  Luca 
Beltramis  usw.). 

Leonardos  anatomische  Studien  wurden  nun  bedeutend 
vertieft.  „Diesen  Winter  1510  hoffe  ich  die  ganze  Ana- 
tomie zu  erledigen",  schreibt  er.  Eine  fördernde  Freund- 
schaft verbindet  ihn  mit  Marcantonio  della  Torre  (geb. 
1481,  gest.  1511  an  der  Pest),  der  in  Pavia  Anatomie 
lehrt  und  der  es  ebenfalls  gewagt  hat,  sich  von  der  Autori- 
tät der  Alten  loszulösen.  Leonardo  ist  der  erste,  der 
anatomische  Tafeln  nach  menschlichen  Präparaten  zeich- 
net, der  erste,  der  vergleichende  Anatomie  treibt. 

Ebenso  reifen  in  dieser  zweiten  Mailänder  Epoche  die 
Anschauungen  Leonardos  über  Sonne,  Mond  und  Sterne, 
über  die  Erdgeschichte,  über  die  Rolle  des  Wassers  bei 
der  Bildung  von  Berg  und  Tal,  über  die  geschichteten 
Gesteine,  über  die  Fossilien.  Er  beobachtet  und  ex- 
perimentiert. Das  Phänomen  der  Ebbe  und  Flut  be- 
schäftigt ihn;  er  studiert  es,  wo  er  kann,  —  bei  den  Mühlen 
zu  Vaprio  sogar;  er  wird  mit  sich  nicht  einig  darüber. 
Ihn  interessiert  es,  ob  die  Wärme  etwas  Materielles  sei. 
„Mache  eine  Wage  mit  einem  Arm  und  wäge  eine  glühende 
Sache,  und  wäge  sie  dann  wieder  kalt."  Die  Manuskripte 
F.,  G.,  M.  füllen  sich  mit  Notizen  über  alle  realen  Wissen- 
schaften. 

Dazu  gesellen  sich  Untersuchungen  über  die  Sprache. 
Zuerst  scheint  Leonardo  nur  seltenere  Ausdrücke  aufge- 
zeichnet, Definitionen  für  seine  wissenschaftliche  Nomen- 
klatur gesucht  zu  haben.  Dies  erweitert  sich  aber,  und 
zuletzt  macht  er  Wörterverzeichnisse,  die  den  Gedanken 
nahelegen,  er  habe  die  Absicht  gehabt,  ein  Wörterbuch 
der  italienischen  Sprache  zu  verfassen. 

In  der  Mathematik  hört  er  nicht  auf,  zu  lernen;  um 
diese  Zeit  macht  er  auch  auf  diesem  Gebiet  seine  besten 
Entdeckungen. 

CVI 


Allein  die  schöne,  friedliche,  fruchtbare  mailändische 
Arbeitsperiode  ging  schon  zu  Ende.  Papst  Julius  II.  wollte 
die  Franzosen  in  Italien  nicht  länger  dulden,  als  er  selbst 
ihrer  da  bedurfte.  Die  „Barbaren"  hinauszuwerfen  war 
der  letzte  Traum  seines  grandiosen  Lebens.  Er  brachte 
eine  übermächtige  Liga  gegen  Ludwig  XII.  zusammen. 
Der  Krieg  entbrannte.  Zweimal  war  der  Papst  am  Rande 
des  Verderbens,  in  Gefahr,  französischer  Gefangener  zu 
werden.  Weder  Krankheit  noch  Unglück  vermochten  ihn 
zu  beugen.  Das  Geschick  war  schließlich  mit  ihm.  Der 
blutige  Sieg  der  Franzosen  bei  Ravenna  (am  11.  April 
1512)  wurde  wettgemacht  durch  den  Tod  des  herrlichen 
Führers  Gaston  de  Foix  (Chaumont  war  schon  im  März 
1511  vor  Bologna  gefallen);  sein  Nachfolger  La  Palice 
war  schwach  und  unfähig;  die  Schweizer  brachen  ein; 
die  Mailänder  standen  auf;  Ende  Juni  hatten  die  Franzosen 
Italien  geräumt.  Die  Liga  setzte  Massimiliano  Sforza, 
Sohn  des  Moro,  in  Mailand  ein;  aber  dieser  schwächliche 
unbedeutende  Knabe  war  kein  Fürst,  kein  Herr  nach 
Leonardos  Sinn. 

Am  13.  Mai  1513  hatte  Giovanni  Medici,  der  zweite 
Sohn  des  Lorenzo  il  Magnifico  unter  dem  Namen  Leo  X. 
den  päpstlichen  Thron  bestiegen.  In  Rom  schien  ein 
augusteisches  Zeitalter  im  Anbruch,  das  die  Ära  Julius'  II. 
noch  übertreffen  sollte.  Die  größten  Künstler  Italiens 
arbeiteten  dort,  waren  mit  Aufträgen  überhäuft,  gewannen 
Reichtümer  und  Ehren. 

Auf  Fol.  1  r.  des  Ms.  E.  verzeichnet  Leonardo:  „Ich 
reiste  am  24.  Tag  des  September  1513  mit  Giovan  Fran- 
cesco de  Melsi,  Salai,  Lorenzo  und  dem  Fanfoja  (?)  von 
Mailand  nach  Rom  ab."  Er  soll  über  Florenz  gegangen 
sein  und  in  Santa  Maria  Nuova,  wo  sein  Schatz  in  den 
Jahren  1500 — 1507  auf  150Dukaten  zusammengeschmolzen 
war,  300  Goldgulden  hinterlegt  haben.  In  Rom  hatte 
Giuliano  Medici,  der  jüngste  Bruder  des  Papstes,  für 
Leonardo   eine  "Wohnung  im  Belvedere   eingerichtet,  wo 

CVII 


der  Künstler  in  seiner  unmittelbaren  Nähe  sein  konnte. 
Wahrscheinlich  hatte  er  selbst  ihn  berufen;  jedenfalls  be- 
schützte er  ihn.  Giuliano  liebte  die  Künste;  er  interes- 
sierte sich  aber  besonders  für  Mathematik  und  Mechanik; 
Leonardo  konnte  sich  also  wieder  seinen  wissenschaft- 
lichen Untersuchungen  hingeben  und  hoffen,  seine  Er- 
findungen ausführen  zu  dürfen.  Es  ist  vielleicht  ein 
Mißverständnis  des  Vasari,  wenn  er  für  eine  Spielerei 
hält,  was  ein  Experiment  war,  daß  Leonardo  nämlich  im 
„Gehen  allerdünnste  Tiere  aus  Wachs  machte,  mit  Luft 
gefüllt",  die  im  Winde  flogen;  jedenfalls  aber  lag  eher 
ein  grimmer  Humor  als  ein  närrischer  Einfall  darin,  daß 
er  sorgfältig  ausgeweidete  Hammeldärme,  die  er  in  der 
hohlen  Hand  zu  bergen  vermochte,  mittels  eines  Blase- 
balges so  auftrieb,  daß  sie  sein  Zimmer  bis  an  die  Decke 
füllten  und  die  Leute  verjagten.  Wenn  er  wirklich  einer 
sonderbaren  Eidechse,  die  ihm  der  „Weingärtner"  des 
Belvedere  gebracht.  Hörner  aufsetzte,  einen  Bart  an- 
klebte und  aus  Lacertenschuppen  Flügel  fabrizierte,  die 
er  ihr  mittels  einer  Quecksilbermixtur  an  den  Schultern 
befestigte  und  die  sonderbar  zitterten,  so  oft  das  Tier 
sich  rührte;  wenn  er  dies  kleine  Ungeheuer  an  eine 
Schachtel  gewöhnte,  um  seine  Besucher  damit  in  Flucht 
zu  schrecken,  so  war  das  eine  Erfindung,  um  einen  Papst 
zu  entzücken,  der  zwar  die  Künstler  schätzte,  aber  Gauk- 
ler, Alchimisten,  Spaßmacher  und  Zwerge  nicht  um  sehr 
viel  weniger  (S.  Arturo  Graf,  Attraverso  il  Cinquecento, 
u.  a.  m.).  —  Eine  Stelle  der  Windsor -Manuskripte,  die 
Richter  im  §  726  zitiert,  beweist,  daß  Leonardo  sich  damit 
beschäftigte,  bessere  Prägmethoden  für  die  Münze  in  Rom 
sich  auszudenken  —  ob  im  Auftrag  des  Papstes,  ist  un- 
erwiesen, ebenso  wie  es  unsicher  ist,  ob  er  gewisse 
Arbeiten  im  Hafen  von  Civita  vecchia  nur  geplant  oder 
ausgeführt  hat.  Vasari  erzählt,  Leo  X.  habe  bei  Leonardo 
ein  Bild  bestellt;  sofort  habe  sich  dieser  daran  gemacht, 
Öle  und  Kräuter  zu  destillieren,  um  daraus  einen  Firnis 

CVIII 


zu  bereiten.  Als  der  Papst  dies  erfuhr,  hätte  er  aus- 
gerufen: „O  weh!  das  ist  keiner,  der  etwas  zuwege  bringt, 
wenn  er  damit  beginnt,  ans  Ende  des  Werkes  zu  denken, 
ehe  er  noch  angefangen  hat."  Mit  Recht  bemerkt  Otto 
Sachs  in  seiner  Arbeit  über  Leonardo,  die  leider  nicht 
über  eine  Skizze  hinausgekommen  ist  (Wiener  Rundschau, 
IV.  Jahrg.,  Heft  4  und  6),  daß  für  Leonardo  diese  kleine 
unscheinbare  Sache,  über  welche  die  großen  Herren  in 
Rom  und  alle  Künstler  bis  in  die  Tage  Vasaris  herab 
lachten,  daß  gerade  die  Bereitung  eines  Firnisses,  welcher 
den  Farben  erhöhte  Leuchtkraft  gäbe,  das  Wichtigste  und 
jenes  Moment  sein  mochte,  das  ihn  zum  Malen  dieses 
Bildes  bewog.  Wie  war  es  aber  möglich,  daß  in  einer 
Zeit  der  aufsteigenden  Kunst,  in  der  jeder  Maler  zum 
überkommenen  Schatz  technischer  Kenntnisse  etwas  Neues 
fügte,  ein  Mann  wie  Leonardo,  der  größte  Neuerer  und 
Erfinder  auf  diesem  Gebiet,  von  dem  sie  alle,  und  zwar 
das  Wichtigste  und  Größte  gelernt  hatten  —  in  der  Kom- 
position, in  der  Gruppenbildung,  in  der  Perspektive,  in 
der  Behandlung  von  Licht  und  Schatten,  in  der  Model- 
lierung durch  das  Helldunkel,  im  Kolorit,  in  der  Zeich- 
nung —  von  der  Vertiefung  des  Ausdrucks,  von  der  Ab- 
wechslung in  den  Stellungen,  von  den  Bewegungsmotiven, 
von  der  Gewandbehandlung  und  gar  von  den  ungreifbaren 
Werten  der  holdseligen  Poesie  und  göttlichen  Schönheit 
nicht  zu  reden  — ,  daß  ein  Mann,  dessen  Ruhm  schon 
die  Welt  überflog,  im  Zentrum  der  damaligen  Kultur  zum 
Gespött  werden  konnte?  Wie?  wenn  er  wirklich  je  be- 
griffen worden  ist,  außer  von  ganz  einzelnen,  die  öfters 
keine  Künstler  waren?  Vasari  ist  bloß  das  Echo  der 
Meinung  aller,  die  eine  Meinung  haben  durften,  wenn  er 
immer  von  den  „Verrücktheiten",  „närrischen  Einfällen", 
„Schrullen",  „Launen",  —  von  der  Unbeständigkeit,  Un- 
verläßlichkeit,  Verstiegenheit,  dem  ewigen  Fiasko  Leo- 
nardos spricht  und  zu  verstehen  gibt,  Leonardo  habe 
mehr  in  Worten  als  in  Taten  geleistet.     Der  größten  Be- 

CK 


•wunderung  aller  war  ein  Senfkorn  spöttischer  Mißachtung 
immer  beigemischt,  —  jener  Mißachtung,  deren  der  Schwan 
im  Ententeich  stets  versichert  sein  darf.  Wenn  Michel- 
angelo dabei  den  Ton  angab,  wie  immer  erzählt  wird  und 
wie  die  kleine  Geschichte  aus  Florenz  es  in  einem  Bei- 
spiel konzentriert  beweist,  so  ist  es  nicht,  weil  er  klein 
oder  kleinlich,  sondern  weil  er  so  völlig  anders  ist  und 
ihm  der  Schlüssel  zu  diesem  ganz  konträren  Geiste  fehlt 
—  „era  sdegno  grandissimo  fra  Michelagnolo  Buonarroti 
e  lui".  Raffael  freilich,  mit  seinem  neidfernen,  lieben- 
den, einschmiegenden  Wesen,  welcher  mit  so  viel  Seelen- 
zartheit erriet,  was  er  mit  dem  Kopf  vielleicht  nicht  ver- 
stehen konnte,  Raffael  mochte  in  seinem  Herzen  sich 
noch  immer  vor  dem  Meister  neigen,  dem  er  ganz  Un- 
geheueres verdankte;  doch  war  er  in  diesen  Jahren  mit 
seinem  eigenen  Ruhme  beschäftigt  und  viel  zu  sehr  mit  der 
eigenen  Vollendung  durch  Aufnahme  michelangelesker 
Elemente  in  seine  Kunst,  um  anderen  Zeit  und  Gedanken 
zu  opfern.  So  blieb  Leonardo  in  Rom  ganz  abseits  und 
wie  aus  dem  reichen  Leben  der  Zeit  und  des  Ortes  aus- 
geschaltet. Er  ging  für  sich  umher,  suchte  in  der  Cam- 
pagna die  Spuren  prähistorischen  Lebens:  „laß  dich 
unterrichten,  wo  die  (fossilen)  Muscheln  des  Monte  Mario 
sind"  (CA.  Fol.  92  v.);  er  macht  beim  Graben  der 
Engelsburg  akustische  Beobachtungen;  er  schließt  „am 
9.  Juli  um  1 1  Uhr  nachts"  eine  geometrische  Arbeit  ab. 
Sonst  macht  er  ein  paar  „Bildchen"  für  den  Pfründen- 
kämmerer (datario)  Baldassare  Turini,  die  verschollen 
sind  —  einige  glauben,  auch  das  Fresko  im  Kloster  Sant' 
Onofrio  in  Rom,  das  jedoch  eher  von  seinem  Schüler 
Boltraffio  herrührt,  der  für  das  Christkind  eine  Zeichnung 
des  Meisters  benutzte  —  im  übrigen  ließ  er  von  einem 
deutschen  Mechaniker  „il  tornio  ovale",  das  Ovalrad, 
ausführen,  das  er  erfunden  hatte,  sowie  anderes  Geheime 
für  Giuliano  Medici  —  was  es  war,  wissen  wir  nicht; 
wir  erfahren  davon  durch  die  Briefentwürfe  (S.  211  u.  ff.), 


CX 


in  denen  Leonardo  sich  über  diese  deutschen  Mechaniker 
beschwert,  die  ihm  das  Leben  verleiden,  die  nichts  ar- 
beiten, ihn  ewig  mißverstehen,  ihre  Fehler  seiner  Un- 
wissenheit zur  Last  legen  —  „Instrumente  von  Gaunern 
sind  der  Samen  von  Flüchen  wider  die  Götter!"  seufzt 
er  einmal  halb  ernst  — ,  die  seine  Geheimnisse  in  die 
Welt  hinaustragen  und  sogar  Verleumdungen  nicht  scheuen: 
hat  ihn  doch  der  eine  beim  Papst  verklagt,  so  daß  ihm 
die  „Anatomie"  untersagt  worden  ist.  Krank  ist  er  auch 
gewesen.  Die  Zeiten  sind  vorüber,  wo  er,  wie  Vasari 
uns  berichtet,  „mit  seinen  Kräften  jede  heftige  Gewalt 
aufhielt  und  mit  der  Rechten  eine  Mauerglocke  oder  ein 
Hufeisen  verbog,  als  wäre  es  reines  Blei". 

„Am  9.  Tag  des  Januar  1515,  um  Sonnenaufgang,  verließ 
der  erlauchte  Giuliano  de'  Medici  Rom,  um  seine  Frau 
in  Savoyen  heiraten  zu  gehen.  Und  am  selben  Tage 
wurde  uns  der  Tod  des  Königs  von  Frankreich  (kund)", 
schreibt  Leonardo  (Ms.  G.,  Deckel  v.).  Giuliano,  der  den 
Titel  Herzog  von  Nemours  erhält  und  mit  dem  der  Papst 
große  Dinge  vorhat  —  Neapel  wäre  ihm  für  ihn  gerade  recht 
gewesen  —,  Giuliano  Medici  heiratet  Philiberta  —  nee 
pulchra,  nee  venusta,  sagt  ein  Zeitgenosse  — ,  die  alternde 
Schwester  jener  ewig  jugendlichen  Luisa  von  Savoyen, 
deren  Sohn  eben  als  Nachfolger  Ludwig  XII.  am  1.  Januar 
1515  den  Thron  von  Frankreich  bestieg.  Mit  diesem 
jungen,  ehrgeizigen,  feurigen  König  kommt  ein  heftigeres 
Tempo  in  die  Händel  der  Welt.  Müde  des  Ränkespiels 
einer  Politik,  in  der  es  zur  Regel  ward,  sich  gegen  die 
eigenen  Verbündeten  durch  ein  Gegenbündnis  zu  ver- 
sichern, nimmt  Franz  die  Pläne  seiner  Vorgänger  Karl  VIII. 
und  Ludwig  XII.  wieder  auf,  um  durch  die  neuerliche 
Eroberung  von  Mailand  eine  große  Koalition  zwischen 
dem  Papst,  dem  Kaiser,  dem  spanischen  Könige,  Mai- 
land, Genua  und  den  Schweizern  zu  verhindern  (S.  Lud- 
wig Pastor,  Geschichte  der  Päpste,  Bd.  IV,  1906).  An 
der  Spitze    seines    großen   Heeres,    in    dem    Führer  wie 

CXI 


Gian    Giacomo    Trivulzio,    Trémouille,    Lautrec,    Bayard 
glänzten,    bricht    er,    mit    Umgehung    der    gut    besetzten 
Alpenpässe   über   den  Col  d'Argentière,   der  für  unüber- 
steiglich  galt,  in  Italien  ein.     Prospero  Colonna  wird  ge- 
fangen genommen,   die   Schweizer    weichen    auf  Mailand 
zurück,   Lorenzo   de'  Medici,    der   anstatt   des   erkrankten 
Giuliano  die  Führung  der  päpstlichen  Truppen  übernommen 
hat,  temporisiert.    Am  13.  September  greifen  die  Schweizer 
jedoch   unter  Kardinal  Schinner  das  befestigte  Lager  des 
Königs  Franz  bei  Marignano   an;   erst  am    2.  Tag  endet 
der  blutige  Kampf  mit  vollem  Siege  der  Franzosen.    Mai- 
land  öffnet  seine   Tore;    Massimiliano    Sforza   verzichtet 
gegen  einen  guten  Jahresgehalt  mit  tausend  Freuden  auf 
sein    mühseliges  Herzogtum.     Diesmal    steht  Frankreich 
nicht  der  Feuergeist  eines  Julius  IL  gegenüber.     Der  tief 
erschrockene   Papst   sucht   in   Bologna    (Dezember  1515) 
eine  Zusammenkunft  mit  dem  König  Franz. 
Von  Leonardo   wissen   wir   die   ganze  Zeit    über   nicht 
viel  ganz  Beglaubigtes.    Er  war  „am  25.  September  1514, 
zu  Parma,  auf  dem  Lande"  gewesen,  vielleicht  mit  Giu- 
liano,   dessen  Haushalt   er  eine   Zeitlang   angehörte;   im 
Dezember  scheint  er   sich  wieder  in  Rom  befunden  zu 
haben,    denn  Alessandra  da  Vinci   bittet  in   einem  Brief 
ihren   Gatten  Ser  Giuliano,   der  dort  weilt,   sie  seinem 
Bruder  Leonardo,  „uomo  excellentissimo  e  singhularissimo", 
diesem  höchst  ausgezeichneten  und  seltenen  Manne  ins 
Gedächtnis  zurückzurufen.     Am  31.  März   1515  war  der 
Herzog  von  Nemours  mit  seiner  Gemahlin  Philiberta  fest- 
lich in  Rom  eingezogen;  am  29.  Juni  war  ihm  als  Banner- 
träger  der   Kirche    der    Oberbefehl    über   das   Heer    des 
Papstes   übergeben   worden;    doch    schon    am   8.   August 
mußte    Lorenzo    Medici    an    seine    Stelle    treten,    da    er 
schwer  erkrankt  war  und  sich  nach  Florenz  zurückgezogen 
hatte,  wo  er  am  17.  März  1516  einem  schleichenden  Siech- 
tum  erlag.     Daß  Leonardo  in  seinem  Gefolge  Rom  ver- 
lassen hatte,  ist  eine  Annahme,  die  kein  Dokument  bisher 

CXII 


noch  bestätigt  hat.  Jedenfalls  hielt  ihn  nichts  mehr  in  der 
ewigen  Stadt  zurück,  die  künstlerisch  ganz  unter  dem 
Zeichen  Michelangelos  stand.  Seine  Spuren  tauchen  dann 
Ende  Dezember  wieder  im  geliebten  Lombardischen  auf. 
Nach  Lomazzo  hätte  Leonardo  für  den  Einzug  Franz  L 
(in  Pavia  oder  in  Mailand  — ?)  einen  Löwen  geformt, 
der  dem  König  ein  paar  Schritte  entgegentrat,  hierauf 
seine  Brust  öffnete,  um  die  französischen  Wappenlilien  zu 
zeigen,  die  ihm  dort  an  Stelle  des  Herzens  blühten. 
Müller-Walde  freilich  meint,  Leonardo  habe  diese  Huldi- 
gung Ludwig  Xn.  gelegentlich  seiner  Rückkehr  als  Sieger 
von  Agnadello  (9.  Juli  1509)  dargebracht.  Aber  kein 
Bericht,  keine  Aufzeichnung,  kein  Vers  eines  Zeitgenossen, 
—  nichts  als  eine  unsichere  Stelle  des  Cod.  atlanticus, 
die  mit  den  Namen  „Fiorenzuola,  Borgo  San  Donnino, 
Parma,  Reggio,  Modena,  Bologna"  die  Wegetappen  von 
Piacenza  zu  dieser  altehrwürdigen  Universitätsstadt  an- 
führt, nichts  als  das  und  ein  paar  Skizzen  in  den  Manu- 
skripten, die  mir  nicht  einmal  von  Leonardo  selber  ge- 
macht scheinen,  bezeugen  mit  Gewißheit  die  vorherige 
Anwesenheit  Leonardos  in  Bologna  während  der  Zu- 
sammenkunft des  Papstes  mit  Franz  L  (11. — 15.  Dezember 
1515).  Ich  muß  es  daher  völlig  Schriftstellern  mit  mehr 
Phantasie  überlassen,  im  Wetteifer  mit  Romandichtern 
diese  Anwesenheit  des  Künstlers  bei  den  dortigen  Festen 
zu  schildern:  das  huldreiche  Benehmen  des  Königs  von 
Frankreich  gegen  ihn,  infolgedessen  die  veränderte  Ge- 
sinnung der  römischen  Schranzen,  und  dann  weiter  die 
Rückkehr  nach  Mailand  im  Gefolge  Franz  L,  sowie  seine 
Gedanken  und  Gefühle  beim  letzten  Abschied  von  Italien. 
Mr.  Brown  veröffentlicht  in  seinem  „Life  of  Leonardo  da 
Vinci"  einen  Brief,  dessen  Original  in  Privatbesitz  sein 
soll;  in  diesem  schreibt  Leonardo  an  „Zanobi  Boni,  seinen 
Verwalter"  nach  Fiesole,  wo  ein  kleines  ererbtes  Gütchen 
seines  Oheims  Francesco  lag,  um  ihm  zu  sagen,  die 
letzten  vier  Flaschen  Weines,  die  er  bekommen,  hätten 

VIII        Herzfeld,  Leonardo 

CXIII 


nicht  seiner  Erwartung  entsprochen,  und  er  empfiehlt  dem 
Castaldo,  die  Reben  mit  Mörtelabfällen  oder  Mauerresten 
zu  düngen.  Wenn  dieser  Brief  echt  ist,  so  wäre  Leo- 
nardo am  9.  Dezember  1515  noch  in  Mailand  gewesen. 
Anfangs  1516  begab  sich  König  Franz  I.  wieder  nach 
Frankreich.  Ob  Leonardo  gleich  mit  ihm  ging,  wissen 
wir  nicht;  Dr.  E,  Solmi  hat  in  einer  Arbeit,  die  er  1905 
mit  G.  B.  de  Toni  in  den  Rendiconti  Veneti  dell'  Istoria  di 
Lettere  e  di  Scienze  veröffentlichte,  die  ich  selbst  aber 
leider  nicht  gesehen,  auf  diese  Kombination  verzichtet 
und  nimmt  an,  Leonardo  sei  erst  Ende  1516  in  die 
Dienste  Franz  L  getreten.  Der  treue  Francesco  Melzi 
und  ein  Diener,  Battista  de  Villanis,  begleiteten  ihn.  Der 
König  wies  ihm  700  Taler  jährlichen  Gehaltes  an,  so  sagt 
Benvenuto  Cellini  wenigstens,  und  das  Schloß  Cloux  in 
der  Touraine,  nahe  von  Amboise,  zum  Aufenthalt.  Und 
Amboise  lag  gar  nicht  aus  der  Welt;  es  war  im  Gegen- 
teil oft  die  Residenz  des  Hofes.  Dort  wurde  1517  der 
Dauphin  getauft;  dort  fand  die  Hochzeit  des  Lorenzo 
Medici,  Herzogs  von  Urbino,  mit  Madeleine  von  Bourbon 
statt.  Dort  wurden  glänzende  Feste,  Turniere  abgehalten, 
sogar  in  Cloux  selbst  einmal  1518  ein  Bankett  —  da 
und  anderwärts  mit  Schaustellungen,  die  gewisse  Erfin- 
dungen und  Einfälle  des  Leonardo  wiederholten.  Zwar 
erwähnen  die  Dokumente  dabei  seinen  Namen  nicht,  allein 
er  dürfte  wohl  der  leitende  Geist  dieser  Spiele  gewesen 
sein.  So  in  Argentan  (Normandie),  wo  Franz  L  im  Sep- 
tember— Oktober  1 5 1 7  zu  Besuch  bei  seiner  Schwester  Mar- 
garethe,  Herzogin  von  Alen^on,  der  späteren  Königin  von 
Navarra,  weilte.  Bei  einem  solchen  Schauspiel,  in  dem 
Franz  selbst  mitwirkt  und  dessen  Plan  die  Prinzessin  ent- 
worfen hat,  kommt  ein  Löwe  auf  den  König  zu,  der  mit 
einer  Rute  das  Tier  berührt  und  dieses  öffnet  seine  Brust, 
in  dessen  Inneren  man  eine  Lilie  erblickt.  Abends,  beim 
Bankett,  bringt  Montmorency  ein  Herz  herbei,  das,  vor 
dem   König  geöffnet,   das   Abbild   eines   Amor  weist,    in 

CXIV 


dem  Liebe  und  Leid  sich  als  untrennbar  verbunden  zeigen 
(Richters  Werk  enthält  die  Abbildung  dieser  Allegorie). 
Ein  anderes  Mal  wird  in  einem  Festsaal  der  Sternen- 
himmel mit  Sonne,  Mond  und  Planeten  dargestellt,  wie 
in  Leonardos  „Paradies"  —  kurz,  überall  fühlt  man  unsicht- 
bar die  Gegenwart  des  großen  Meisters  —  das  hat  Solmi 
aus  Gesandtschaftsberichten,  die  er  1904  im  Archivio 
storico  lombardo  zum  Abdruck  brachte,  verdienstvoll  nach- 
gewiesen. In  Amboise  wollte  der  König  einen  neuen  Palast 
erbauen:  noch  einmal  durfte  also  Leonardo  in  großartigen, 
architektonischen  Entwürfen  schwelgen.  Im  königlichen 
Schloß  zu  Blois  entstand  während  der  Anwesenheit  Leo- 
nardos in  der  Touraine  eine  wundervolle  Wendeltreppe, 
für  die  im  Juli  1516  die  erste  Baurate  gezahlt  worden 
ist.  Sie  erinnert  an  eine  gewisse  Schnecke,  genannt 
Voluta  vespertilio,  die  sich  häufig  im  Mittelländischen 
Meere  findet  und  von  denen  hie  und  da  ein  Exemplar 
seine  Spirale  von  links  nach  rechts  gedreht  emporführt: 
so  auch  diese  Treppe,  die  wie  von  einem  Linkshändigen 
erdacht  ist  ;  daher  stellte  Mr.  Theodore  Andrea  Cook  die 
schöne  Hypothese  auf,  Leonardo  habe  vielleicht  den  Plan 
dieser  Prachtstiege  gemacht  (s.  The  National  Review, 
1.  und  15.  April  1902).  Sicherer  sind  andere  Arbeiten 
des  alternden  Künstlers.  In  der  Nähe  von  Amboise 
dehnte  sich  damals  ödes  Sumpfland  aus,  das  erst  im 
19.  Jahrhundert  saniert  worden  ist.  Leonardo  studierte 
das  Terrain,  die  kleinen  und  großen  Wasserläufe,  die 
Loire  und  ihre  Nebenflüsse,  und  entwarf  dann  einen  Plan 
zur  Verbindung  der  Touraine  mit  dem  Lyonnais  durch 
die  Saòne  mittels  eines  Kanalsystems,  welches  dem  Handel 
dienen,  der  Bodenkultur  aufhelfen  und  das  Land  gesund 
machen  würde.  M,  Charles  Ravaisson-Mollien,  der  aus- 
gezeichnete Herausgeber  der  französischen  Manuskripte 
Leonardos,  sagt,  die  Kanäle,  welche  heute  dort  existierten, 
entsprächen  den  Tracen  und  Ideen  Leonardos  und  be- 
wiesen  deren  Trefflichkeit.     Der  König  hat  diese  Pläne 

VIII* 

cxv 


des  „Kanals  von  Romorantin"  wohl  gesehen.  Cod.  atl. 
Fol.  336  V.  enthält  die  Notiz:  „Am  Vorabend  des  h.  Anto- 
nius kehrte  ich  von  Romorantino  nach  Ambuosa  zurück, 
und  der  König  verließ  zwei  Tage  vorher  Romorantino." 
—  Noch  einmal  erhalten  wir  wichtige  Nachricht  über 
Leonardo.  In  der  k.  Bibliothek  zu  Neapel  existiert  die 
Beschreibung  einer  Reise  des  Kardinals  Luigi  von  Aragonien 
durch  Frankreich  und  Oberitalien,  die  der  Kleriker  Antonio 
de  Beatis  zu  Papier  gebracht  hat.  „(10.  Oktober  1517) .  .  . 
ging  man  von  Turso  (Tours)  nach  Amboise.  ...  In  einem 
der  Burgweiler  ging  der  Signore  mit  uns  anderen,  Messer 
Lunardo  Vinci  den  Florentiner  besuchen,  einen  Greis  von 
mehr  als  70  Jahren,  ausgezeichneten  Maler  unseres  Zeit- 
alters, welcher  Seiner  Herrlichkeit  drei  Bilder  wies,  eines 
von  einer  gewissen  florentinischen  Dame,  nach  der  Natur 
gemacht  auf  Wunsch  des  quondam  Magnifico  Juliano  de 
Medici.  Das  andere  vom  h.  Johannes  dem  Täufer  als 
Jüngling  und  eines  von  der  Muttergottes  und  dem  Sohn, 
die  sich  auf  dem  Schöße  der  h.  Anna  halten,  alle  höchst 
vollkommen,  obschon  von  ihm,  weil  ihm  eine  gewisse 
Paralyse  in  der  Rechten  gekommen  ist,  nicht  gute  Sache 
mehr  zu  erwarten  ist.  Er  hat  einen  geborenen  Mailänder 
abgerichtet,  welcher  recht  gut  arbeitet,  und  trotzdem  der 
obberührte  Messer  Lunardo  nicht  mehr  mit  jener  Süßig- 
keit kolorieren  kann,  wie  er  es  pflegte,  dient  er  dennoch, 
Zeichnungen  zu  machen  und  andere  zu  unterweisen. 
Dieser  Edelmann  hat  über  die  Anatomie  so  außerordent- 
lich mittels  der  Demonstration  durch  die  Malerei  kom- 
poniert, sowohl  der  Gliedmaßen  als  der  Muskeln,  Nerven, 
Venen,  Gelenke,  Eingeweide,  und  kann  darüber  so  viel 
sprechen,  sowohl  von  den  Körpern  der  Männer  als  der 
Frauen  auf  eine  Art,  wie  es  noch  niemals  von  irgend 
einer  anderen  Person  geschehen.  Welches  wir  mit  eigenen 
Augen  gesehen  haben,  und  er  sagte,  daß  er  bereits  mehr 
als  XXX  Leiber,  männliche  und  weibliche  jeglichen  Alters, 
seziert  habe.    Hat  auch  von  der  Natur  des  Wassers  ver- 

CXVI 


faßt.  Von  unterschiedlichen  Maschinen  und  anderen 
Sachen  hat  er  berichtet:  Unzähligkeit  von  Bänden,  und 
alle  in  der  Vulgärsprache,  die,  wenn  sie  ans  Licht  kommen, 
gewinnreich  und  sehr  köstlich  zum  Lesen  sein  werden." 
Derselbe  Antonio  de  Beatis,  dem  wir  diese  sicheren  Auf- 
schlüsse über  die  letzte  Zeit  Leonardos  verdanken,  erzählt 
auch,  daß  er  in  Mailand  das  „letzte  Abendmahl"  gesehen, 
gemalt  „von  der  Hand  des  Messer  Lunardo  Vinci,  den 
wir  in  Amboyse  getroffen,  welches  (Bild)  ausgezeichnet 
ist,  trotzdem  es  zu  verderben  beginnt,  ich  weiß  nicht,  ob 
durch  die  Feuchtigkeit  der  Mauer  oder  andere  Unvor- 
sichtigkeit". .  .  .  Sein  Werk  verdirbt,  und  er  selbst  beginnt 
zu  siechen.  Noch  arbeitet  er,  hat  die  Gemälde  rings  um 
sich,  welche  nun  einen  Stolz  des  Louvre  bilden:  die  h. 
Anna  selbdritt,  den  h.  Johannes,  ein  Porträt  —  welches? 
Wäre  es  die  Mona  Lisa?  —  Noch  sammelt  er  Beobach- 
tungen, ordnet  seine  Manuskripte  und  hofft  vielleicht  in 
der  Muße,  die  ihm  der  König  fern  von  den  Unruhen  der 
Welt  geschaffen  hat,  seine  großen  Traktate  abzufassen  und 
zu  einer  Enzyklopädie  „von  den  Dingen  der  Natur"  zu 
vereinigen  —  wer  weiß  es?  „Wenn  ich  glauben  werde, 
daß  ich  zu  leben  gelernt  habe,  werde  ich  zu  sterben  ge- 
lernt haben",  hat  er  aufgeschrieben  (CA.  Fol.  252 r.).  Der 
Augenblick  des  Faust.  Nach  Vasari  wäre  er  längere  Zeit 
krank  gelegen.  „In  Anbetracht  der  Sicherheit  des  Todes 
und  der  Unsicherheit  des  gegenwärtigen  Momentes"  läßt 
er  den  Notar  kommen,  Maitre  Boreau  und  macht  sein 
Testament.  Er  empfiehlt  seine  Seele  „ad  nostro  Signore 
Messer  Domine  Dio,  der  glorreichen  Jungfrau  Maria,  dem 
Monsignore  ^Sankt  Michael  und  allen  seligen  Engeln  und 
Heiligen  (Santi  et  Sante)  des  Paradieses",  verlangt  in  der 
Kirche  des  h.  Florentinus  zu  Amboyse  begraben  zu  werden, 
mit  dem  Geleit  und  der  Pracht,  die  dem  Maler  des 
Königs  nach  den  Ideen  seiner  Umgebung  gebühren;  er 
ordnet  die  Zeremonien,  die  Seelenmessen,  so  wie  Sitte 
und  Brauch  seiner  Zeit  es  begehren,  und  wie  es  dem  Rang 

CXVII 


entspricht,  in  den  er  sich  einschätzt.  Seine  Bücher  und 
„anderen  Instrumente  und  Porträte  über  seine  Kunst  und 
Betrieb  der  Maler  (et  altri  instrumenti  et  Portracti  circa 
l'arte  sua  et  industria  de  Pictori)  hinterläßt  er  „Messer 
Francesco  da  Melzo,  Edelmann  aus  Mailand,  als  Remune- 
ration der  Dienste,  so  dieser  ihm  in  der  Vergangenheit 
erwiesen",  ferner  alle  Ansprüche  an  den  Staatsschatz, 
seine  Kleider  usw.;  seinen  leiblichen  Brüdern  die  400  Taler, 
welche  in  Santa  Maria  Nuova  deponiert  sind;  den  Garten 
in  Mailand  zu  gleichen  Teilen  seinen  Dienern  Battista  de 
Villanis  und  Andrea  Salai;  seiner  Dienerin  Mathurine 
einen  Anzug  aus  gutem  schwarzen  Tuch  mit  Pelz  ge- 
füttert und  zwei  Dukaten,  ein  für  allemal;  einige  fromme 
Stiftungen,  wie  es  üblich.  Gegeben  am  18.  Tage  des 
April  1518  vor  Ostern  (d.  h.  1519  neuen  Stils).  Ein  Kodi- 
zill vermacht  Battista  Villanis  auch  die  Wasserrechte, 
welche  Ludwig  XII.,  glücklichen  Andenkens,  ihm  verliehen, 
und  die  Möbel  von  Cloux.  Das  Gut  bei  Fiesole  fällt  an 
die  Brüder. 

Am  2.  Mai   1519  starb  Leonardo. 

Am  1.  Juni  schreibt  Melzi  an  die  Brüder,  die  schon 
mündliche  Botschaft  erhalten  hatten:  „Ich  glaube,  Ihr 
seid  schon  unterrichtet  vom  Tode  des  Maestro  Leonardo, 
Eueres  Bruders  und  mir  soviel  wie  besten  Vaters,  über 
welchen  Tod  es  mir  unmöglich  wäre,  daß  ich  ausdrücken 
könnte  den  Schmerz,  der  mich  erfaßt  hat,  und  solang 
als  diese  meine  Glieder  noch  zusammenhalten,  werde 
ich  ein  beständiges  Unglück  fühlen,  und  wohlverdienter- 
maßen, weil  ungeheuerste  und  wärmste  Liebe  er  mir 
tagtäglich  entgegenbrachte.  Es  wird  von  jedermann  be- 
klagt der  Tod  eines  solchen  Mannes,  dessen  Gleichen 
nicht  mehr  in  der  Macht  der  Natur  ist.  Nun  schenke 
ihm  Gott  die  ewige  Ruhe.  Er  ging  aus  diesem  gegen- 
wärtigen Leben  hinüber  am  2.  Tag  des  Mai  mit  allen 
Tröstungen  der  heiligen  Mutter  Kirche,  und  wohl  vorbe- 
reitet ..."     Über   den    Ort   seines   Begräbnisses  belehrt 

CXVIII 


uns  ein  Dokument:  „Fut  inhume  dans  le  cloistre  de  cette 
église  Me.  Lionard  de  Vincy,  nosble  millanais,  premier 
peintre  et  ingénieur  et  architecte  du  Roy,  meschasnischien 
d'estat  et  anchien  directeur  de  peincture  du  Due  de  Milan. 
Ca  fut  fait  le  douce  jour  d'aoust  1519." 

Er  wurde  nicht  beigesetzt  wie  Raffael  und  Michelangelo; 
der  Ort,  wo  er  im  Tode  schläft,  war  bald  verlassen  und 
vergessen.  Größer  als  die  anderen,  trotz  allen  Mißlingens, 
war  er  ein  Einsamer,  Abseitsgehender  geblieben;  so  ruht 
er  auch  billig  abseits  und  einsam.  Wie  sein  Leib  ver- 
weht ist,  der  Erde,  dem  Wasser,  der  Luft,  die  uns  allen 
gemeinsam,  heimlich  beigemengt,  so  schwingt  die  Essenz 
seines  Geistes  und  Schaffens,  selbst  wo  dessen  Spuren 
nicht  allen  erkennbar,  in  den  Linien,  Farben,  Gesten,  — 
im  Rhythmus  der  Raumbelebung,  in  allem  Kunstschönen, 
in  unserem  ganzen  Denken  und  Fühlen  unsichtbar  mit 
und  kann  uns  nie  verloren  gehen. 

Es  ist  eine  ungeheure  Melancholie  in  dem  Leben  und 
Sterben  dieses  Mannes.  Es  war  seine  Tragik,  so  groß 
und  doch  nur  ein  begrenzter  Mensch  zu  sein.  Was  er 
wollte,  mußte  die  Arbeit  von  Generationen  erst  erringen: 
»die  Wahrheit  ist  eine  Tochter  der  Zeit  allein".  Er  hatte 
keine  zahlreichen  Vorgänger,  er  hatte  keine  genügenden 
Mithelfer,  er  hatte  keine  blendenden  Schüler.  Er  wollte  als 
Künstler,  als  Forscher,  als  Erfinder  so  Ungeheueres,  so 
Unvereinbares,  daß  er  als  Einzelner  scheitern  mußte.  Er 
zerbrach  an  seiner  eigenen  Größe.  Er  versuchte,  wonach 
wir  heute  noch  suchen,  und  war  doch  ein  Kind  des  Quattro- 
cento. Er  rang  um  Gigantisches;  in  der  Kunst  wollte 
er  mit  der  Natur  wetteifern,  wenn  sie  am  göttlichsten 
und  größten  ist;  in  der  Wissenschaft  wollte  er  die  un- 
endlichen „ragioni",  die  in  ihr  verborgen  ruhen  „und  nie 
in  Erfahrung  traten",  in  Gesetze  fassen.  Im  Gefühl  der 
Kürze  des  Daseins  und  des  Unzureichenden  des  mensch- 
lichen Geistes  trieb  es  ihn  von  Ort  zu  Ort,  um  das 
Klima  zu  finden,  wo  sein  Wirken  gedeihe  —  nicht  inner- 

CXIX 


lieh  ruhelos,  wie  oft  gesagt  ward;  weder  seine  Werke 
noch  seine  Manuskripte  tragen  die  geringste  Spur  von 
Unrast.  Er  suchte,  wie  er  lang  vermeinte,  die  Bedingungen, 
wo  er  seine  Pläne  still  ausreifen  könnte,  —  das  Glück, 
—  wie  wir  alle,  und  eines  Tages  durchsah  er,  was  uns 
alle  treibt,  ohne  Wehmut,  doch  als  der  Weltweise,  der 
er  war,  mit  leisem  Lächeln: 

„Der  Mensch,  welcher  mit  beständigen  Wünschen  immer 
voll  Festlichkeit  den  neuen  Frühling  erwartet,  und  immer 
den  neuen  Sommer,  und  immer  die  neuen  Monate  und 
neuen  Jahre,  während  es  ihm  scheint,  als  ob  die  ersehnten 
Dinge  im  Kommen  zu  sehr  zögerten,  und  nicht  merkt, 
daß  er  seine  eigene  Auflösung  wünscht! 

Aber  dieser  Wunsch  ist  die  Quintessenz,  der  wahre 
Geist  der  Elemente,  welche  sich  durch  die  Seele  in  den 
menschlichen  Leib  eingeschlossen  fühlen  und  immer  zu 
ihrem  Aussender  zurückzukehren  verlangen.  Und  ich 
will,  daß  Du  wissest,  dieser  selbige  Wunsch  ist  jene 
Quintessenz,  Begleiterin  der  Natur,  und  der  Mensch  ist 
das  Modell  der  ganzen  Welt." 


"Cs  liegt  nicht  im  Plan  dieses  Buches  und  nicht  im  Bereich 
^  meiner  Fähigkeit,  mit  Autorität  von  dem  zu  sprechen, 
was  Leonardo  für  die  Kunst,  das  heißt  für  die  Entwick- 
lung des  künstlerischen  Sehens  und  des  künstlerischen 
Könnens  geleistet  hat.  Über  ihn  als  Architekten,  ja  so- 
gar über  ihn  als  Bildhauer  kann  überhaupt  nur  mit  großer 
Vorsicht  geurteilt  werden.  Über  den  Maler  Leonardo 
sind  Bände  geschrieben  worden;  dennoch  möchte  ich  nur 
auf  einen  einzigen  verweisen,  auf  Heinrich  Wölfflins 
schönes  Werk:  „Die  klassische  Kunst",  in  dem  mit  so 
viel  Geist,  wenn  auch  nicht  für  alle  Leser  mit  genügend 
starkem  Akzent,  gezeigt  wird,  wie  sehr  Leonardo  in  allen 
Stücken  der  großen  Kunst  der  Erfinder  gewesen  ist, 
- —  ein  Wegweiser  und  Vorbild  für  die  späteren  Meister. 

cxx 


Es  ist  in  seinen  Handzeichnungen  auch  keine  Wendung, 
kaum  eine  einzige  Linie,  die  nicht  hundertfach  benützt 
und  nachgeahmt  wäre.  Der  herrliche  Trottgänger  des 
Sforzadenkmal-Entwurfes  lebt  in  Dürers  „Ritter,  Tod  und 
Teufel"  fort,  das  steigende  Pferd  anderer  Skizzen  von 
Windsor  hat  variierte  Nachbilder  in  Fernkorns  „Erzherzog 
Karl"  (Wien)  und  in  Falconets  „Peter  dem  Großen" 
(Petersburg).  „Das  unerhört  feine  Sitzen"  der  h.  Jung- 
frau und  das  „reizvolle  Motiv  der  Drehung  der  Figur 
mit  dem  sich  seitwärts  wendenden  Knaben",  das  Leo- 
nardo für  seine  „Anbetung  der  h.  drei  Könige"  fand, 
hat  Raffael  noch  1512  in  seiner  Madonna  di  Foligno 
„wörtlich  wiederholt",  wie  Wölfflin  sagt.  Diesem  selben 
wichtigen  Jugendwerk  sah  es  Botticelli  und  nach  ihm 
das  reife  Cinquecento  ab,  wie  man  die  Eckfiguren  als 
rahmende  Stützen  und  als  festen  Abschluß  einer  Kom- 
position verwendet.  Hier  wird  zum  erstenmal  seit  dem 
großen  Masaccio  und  mit  reicheren  Mitteln  der  Versuch 
gemacht,  die  Massen  klar  gruppiert  einem  Formgedanken 
zu  unterwerfen.  Das  Geheimnis  aller  Schönheit  im  Not- 
wendigen und  Gesetzmäßigen  zu  suchen  und  das  Gesetz- 
mäßige jeder  Erscheinung  auf  Maß  und  Zahl  zu  bringen, 
in  Proportion  und  geometrischen  Körperschemen  auszu- 
drücken, darauf  mußte  ein  Geist  von  Leonardos  Art  un- 
ausweichlich früher  oder  später  verfallen.  Wie  er  sein 
Lebelang  in  den  menschlichen  und  tierischen  Formen 
festen  Größenverhältnissen  nachgespürt  hat,  so  war  er 
auch  bald  bemüht,  der  Komposition  eines  Kunstwerkes 
den  Umriß  irgend  einer  einfachen,  regelmäßigen  Figur  als 
Gerüst  zu  unterlegen.  Und  wirklich  taucht  schon  in  der 
„Adorazione",  durch  die  Führung  des  Lichtes  aus  der 
Masse  herausmodelliert,  ein  gleichschenkeliges  Dreieck 
als  kompositioneller  Grundriß  für  die  Hauptgruppe  auf, 
—  ein  Versuch,  den  er  in  der  Vierge  aux  rochers  wie- 
der aufnimmt  und  besser  ausgestaltet  und  der  dann  in 
der    prachtvollen    Pyramide    des    Aufbaus    der    h.    Anna 

CXXI 


Selbdritt,  mit  dem  Formenspiel  der  in  das  Dreieck  ein- 
gezeichneten, diagonal  zueinander  gestellten  Rhomboide 
seine  Vollendung  und  schließliches  Genügen  fand.  Die 
Leonardoschule  hat  hundertmal  dies  Meisterwerk  wieder- 
holt und  abgewandelt;  es  ist  in  seine  Kompositionsele- 
mente hundertmal  zerpflückt  worden,  und  jedes  ward  zum 
Kern  eines  neuen,  obgleich  minder  schönen  Gebildes; 
man  erkennt  seine  Bewegungsmotive,  seine  Umrißlinien 
in  Raffaels  Madonna  im  Grünen,  Madonna  des  Hauses 
Alba;  sogar  Michelangelo  hat  sich  seinem  Einfluß  nicht 
entziehen  können;  es  ist  glaubhaft,  wenn  Wöliflin  meint, 
seine  h.  Familie  der  Tribuna  in  Florenz  sei  im  Wider- 
streit zu  Leonardos  Bild  entstanden,  um  es  zu  über- 
bieten, auszulöschen  .  .  .  Vom  Standpunkt  künstlerischer 
Weisheit  steht  die  Architektonik  des  Abendmahlbiides 
vielleicht  noch  höher,  wenn  auch  der  gewöhnliche  Kunst- 
jünger mit  dem  Schema  nichts  Praktisches  anzufangen 
weiß:  als  wollte  man  den  Versbau  von  Goethes  „Über 
allen  Wipfeln  ist  Ruh"  nachahmen!  Es  ist  die  einzige 
Form,  für  den  einzigen  Inhalt  erdacht  und  brauchbar; 
aber  die  Belehrung,  die  sich  z.  B.  aus  der  Verwendung 
aller  malerischen  Mittel  schöpfen  läßt,  durch  die  Christus, 
der  regungslose  Einzelne,  inmitten  von  vier  Gruppen 
leidenschaftlich  erregter  Menschen  als  der  deutlich  wird, 
auf  den  sich  alles  bezieht,  weil  jede  Linie  zu  ihm  führt, 
weil  alles  Licht  ihn  zu  umscheinen  da  ist,  —  die  Be- 
lehrung solcher  Dinge  hat  direkt  und  indirekt  wohl  in 
die  Ferne  aller  Zeiten  gewirkt.  Es  ließen  sich  ganze 
Kapitel  über  die  Rolle  der  Landschaft  in  Leonardos  Wer- 
ken schreiben.  Sie  ist  nicht  bloß  der  Stimmungswecker, 
der  seelische  Reflex  der  dargestellten  Szenen  und  Men- 
schen, sie  dient  zugleich  der  Tiefenillusion,  den  Farb- 
wirkungen; sie  ist  im  Gemälde  oft  ein  integrierender  Teil 
des  Baurisses:  so  im  römischen  Exemplar  des  Ledabildes, 
wo  die  niederleitenden  Linien  des  Geländes  links  und 
des  Hügels  und  Baumes  rechts  die  Steile  der  in  spitzer 

CXXII 


Pyramide  aufsteigenden  Gruppe  Ledas  mit  dem  Schwan 
und  der  spielenden  Kinder  in  stumpfem  Winkel  durch- 
schneidet und  damit  fürs  Auge  zu  lieblicher  Schönheit 
sänftigt.  Und  welchen  Duft  und  Reiz  gibt  Leonardo,  der 
erste  große  Lehrer  der  Luftperspektive,  den  zart  abge- 
tönten Fernen  seiner  Landschaften!  Wie  weiß  er  Licht 
und  Linie  zu  verwenden,  um  den  Menschen  und  alles 
Getier  und  die  Welt  der  Pflanzen,  Fels  und  Wasser, 
Himmel  und  Erde  in  eine  allumfassende  Harmonie  zu 
verschmelzen!  Nicht  umsonst  nennt  ihn  Corot  den  Schöp- 
fer der  modernen  Landschaft.  Er  überhöht  den  Men- 
schen nicht,  indem  er  ihn  außerhalb  der  Natur  stellt, 
wie  es  das  Cinquecento  tat,  dem  die  menschliche 
Figur  allein  und  über  alles  galt,  und  wie  es  besonders 
sein  großer  Gegenpol  in  der  Kunst,  Michelangelo,  getan. 
Auch  ist  Leonardo  der  „universalste"  Maler,  der  Alles- 
könner  seiner  Zeit.  Niemand  hat  das  Pferd  so  sehr 
studiert  wie  er.  Wie  er  mit  dem  Löwen  vertraut  ist, 
zeigt  sein  Hieronymus  und  manches  schöne  Studienblatt. 
Seine  Pflanzenzeichnungen  sind  die  eines  gelehrten  Bo- 
tanikers. Er  will  alles  Lebende  wiedergeben  können. 
Er  weiß,  daß  die  Bemeisterung  der  Linie  dazu  nicht  ge- 
nügt; man  muß  die  Licht-  und  Schattenführung,  die 
Mischungen  von  Hell  und  Dunkel,  die  scharfen  Kontraste 
wie  die  „rauchigen"  Übergänge  bewältigen.  Die  Run- 
dung, das  Relief  hat  er  zum  Wichtigsten  in  der  Malerei 
gemacht.  In  der  Lichtbehandlung  hat  erst  Correggio  über 
ihn  hinausgeführt.  „Er  ist  der  geborene  vornehme  Maler," 
sagt  Wölfflin,  „sensibel  für  das  Delikate.  Er  hat  Gefühl 
für  feine  Hände,  für  durchsichtige  Gewebe,  für  zarte 
Haut.  Er  liebt  im  besonderen  das  schöne,  weiche, 
wellige  Haar  .  .  .  Das  Starke  und  das  Weiche  ist  ihm 
gleichmäßig  vertraut.  Wenn  er  eine  Schlacht  malt,  so 
überbietet  er  alle  im  Ausdruck  der  entfesselten  Leiden- 
schaft und  ungeheueren  Bewegung,  und  daneben  weiß 
er   die  zartesten  Empfindungen  zu  beschleichen  und  den 

CXXIII 


eben  verschwebenden  Ausdruck  festzuhalten.  In  einzelne 
Charakterköpfe  scheint  er  sich  verbissen  zu  haben  mit 
dem  Ungestüm  eines  geschworenen  Wirklichkeitsmalers, 
und  dann  plötzlich  wirft  er  das  wieder  ganz  weg  und 
überläßt  sich  den  Visionen  idealer  Bildungen  von  einer 
fast  überirdischen  Schönheit  und  träumt  jenes  leise,  süße 
Lächeln,  das  wie  der  Widerschein  inneren  Glanzes  aus- 
sieht ..."  Im  Übermaß  stets  frisch  quellender  Kombi- 
nationsfähigkeit,  die  ein  Grundmerkmal  des  schaffenden 
Genius  ist,  mag  Raffael  Leonardo  übertroffen  haben,  — 
nicht  aber  in  motivischer  Erfindung,  und  nie  hat  Leo- 
nardo leere  maskenhafte  Typen,  wie  Raffael  so  häufig: 
seine  physiognomische  Bildung  ist  stets  von  Charakter 
gesättigt.  Er  besitzt  nicht  die  Wucht  Michelangelos; 
eine  Gestalt  wie  die  des  Weltenrichters  Christus,  die 
Erhabenheiten  der  letzten  Szenen  an  der  sixtinischen 
Decke,  ja,  auch  nur  die  wundervollen  Erzgebilde  der 
füllenden  Sklavenfiguren  auf  den  Gesimsen  hätte  Leo- 
nardo nicht  zu  malen  vermocht;  aber  nirgends  ist  in 
Leonardos  Werk  das  Gewaltsame,  Gequälte,  oft  Ge- 
suchte, Erpreßte  Michelangelos,  —  die  Dissonanz  als 
Reflex  titanischen  Leidens  förmlich  zu  dem  Kunstprinzip 
erhoben,  mit  dem  die  grandiose  Laufbahn  Buonarrotis 
wie  in  einer  Sackgasse  abschließt.  Bei  Leonardo  ist 
über  allem  ein  untrügliches  Schönheitsgefühl,  in  allem 
ein  edler  Zusammenklang.  „Eigenschaften,  die  sich  aus- 
zuschließen scheinen,  sind  bei  ihm  vereinigt.  Er  emp- 
findet den  malerischen  Reiz  der  Oberfläche  aller  Dinge 
und  denkt  dabei  als  Physiker  und  Anatom;  er  hat  das 
unermüdliche  Beobachten  und  Sammeln  des  Forschers 
und  die  subtilste  künstlerische  Empfindsamkeit",  sagt 
Wölfflin  mit  Recht.  Ergänzten  und  förderten  sich  beide 
Seiten  seines  Wesens,  so  störten  sie  sich  aber  auch. 
Wenn  nicht  dem  Maler,  so  hat  der  Experimentator  jeden- 
falls den  Gemälden  geschadet.  Und  oft  genug  hat  ein 
wissenschaftliches  Problem  den  Künstler  vom  begonnenen 

CXXIV 


Werk    verlockt.     So    blieb    uns   wenig    von   seiner  Hand 
und  das  Wenige  blieb  uns  in  üblem  Zustand. 


Den  Manuskripten  Leonardos  ging  es  nicht  besser  als 
seinen  anderen  Werken,  obwohl  er  mehr  geschrieben 
hat  als  gebaut,  modelliert,  gemalt.  Er  spricht  einmal 
(s.  S.  90)  von  den  120  Büchern,  die  er  abgefaßt;  ein 
anderes  Mal  zitiert  er  das  114.  Buch.  Es  sind  darunter 
doch  wohl  nur  Sammelbücher  zu  verstehen;  an  die  fer- 
tigen Werke  glauben  wir  nicht  mehr.  Alle  Nachrichten 
über  sie  lauten  zu  unbestimmt  gegenüber  der  Tatsache, 
daß  keines  von  ihnen  existiert.  „Das  Buch  von  der 
Malerei"?  In  seiner  reichsten,  vollständigsten  Form  hat 
es  Heinrich  Ludwig  (in  den  Eitelbergerschen  Quellen- 
schriften zur  Kunstgeschichte)  mustergültig  herausgegeben, 
ohne  sich  dabei  zu  verhehlen,  daß  es  wohl  nichts  weiter 
ist  als  eine  sorgfältige  Kompilation,  die  aus  dem  16.  Jahr- 
hundert stammt,  aus  einer  Zeit  also,  wo  die  Aufzeich- 
nungen Leonardos  noch  alle  gesammelt  vorlagen.  Wäre 
es  eine  Kopie,  so  würde  sie  aber  nur  beweisen,  daß  die 
Arbeit  kein  druckreifes  Ganzes  im  modernen  Sinn  ge- 
wesen ist.  Das  vielzitierte  Werk  Leonardos  „Von  der 
Natur,  der  Bewegung  und  dem  Gewicht  des  Wassers" 
(veröffentlicht  unter  dem  Titel  „Del  moto  e  misura  del 
l'acqua"  als  Bd.  X  einer  Sammlung  italienischer  Auto- 
ren, die  über  Hydraulik  geschrieben,  zu  Bologna,  1824) 
ist  gleichfalls  ein  Auszug  aus  den  Manuskripten,  den  der 
gelehrte  Dominikaner  Lodovico  Maria  Arconati  persönlich 
für  den  kunstliebenden  Kardinal  Francesco  Barberini  an- 
gefertigt hat  (1643).  So  wie  man  etwa  zwei  Drittel  vom 
Inhalt  des  Malerbuches  in  den  noch  vorhandenen  Manu- 
skripten verstreut  gefunden  hat,  ebenso  besitzt  man  auch 
einen  großen  Teil  der  wichtigen  Arbeit  über  das  Wasser 
fragmentarisch  in  den  erhaltenen  Codices.  Das  Ms.  C. 
mit   den  Niederschriften  „Über  Licht  und  Schatten",  das 

cxxv 


Ms,  D.  mit  den  Zusammenstellungen  über  das  Auge, 
die  Windsor-Hefte  über  Anatomie  unterscheiden  sich  von 
den  beiden  großen,  früher  genannten  Kompilationen  nur 
durch  den  Grad  planloser  Ungeordnetheit  und  durch  die 
Tatsache,  daß  sie  von  Leonardo  selbst  angefertigt  sind  — 
als  Material  für  eine  letzte  Bearbeitung  und  nur  als  Ma- 
terial. Doch  auch  von  diesem  Material  ist  der  größte 
Teil  leider  ganz  verschwunden,  von  dem  Vorhandenen 
ist  wieder  der  größte  Teil  barbarisch  zerstückelt.  Als 
Leonardo  Italien  verließ,  war  so  manches  Unersetzliche 
in  Santa  Maria  Nuova  zu  Florenz  und  anderwärts  ge- 
blieben. Francesco  Melzi  erbte  nach  dem  Wortlaut  des 
Testamentes  nur  jene  Schriften,  Bücher,  Zeichnungen, 
Instrumente,  Porträts,  die  Leonardo  „gegenwärtig",  d.  h. 
in  Frankreich  hatte;  diese  „sind  ihm  teuer,  und  er  hält 
für  Reliquien  solche  Papiere,  ebenso  wie  das  Bildnis 
des  glücklichen  Andenkens  Leonardos",  sagt  Vasari;  er 
erzählt  aber  auch,  daß  er  selbst  Handzeichnungen  des 
Meisters  hatte;  er  spricht  ferner  von  einem  Maler,  dessen 
Namen  er  durch  Punkte  bezeichnet,  der  „mehrere  Schrif- 
ten Leonardos  besaß,  die  von  der  Malerei  handeln  und 
von  den  Arten  zu  zeichnen  und  zu  kolorieren",  und  nach 
Rom  ging,  um  sie  herauszugeben.  Bis  Francesco  Melzi 
starb,  also  bis  1570,  war  immerhin  ein  Teil  dieser  Schätze 
gut  behütet;  doch  sein  Sohn  Orazio  hatte  kein  Verständ- 
nis für  deren  Wert.  Die  Sachen  verstaubten  auf  dem 
Dachboden  zu  Vaprio;  es  konnte  davon  nehmen,  wem  es 
beliebte:  so  hatte  ein  gewisser  Lelio  Gavardi  13  Bände 
der  Manuskripte  leihweise  in  Händen,  und  da  der  Be- 
sitzer sich  darum  so  gar  nicht  kümmerte,  behielt  sie 
Gavardi;  ja,  er  trat  mit  dem  Großherzog  Francesco  von 
Toskana  wegen  eines  Verkaufs  in  Unterhandlung.  Gianam- 
brogio  Mazzenta,  ein  mailändischer  Edelmann,  hielt  ihm 
das  Unredliche  seiner  Handlungsweise  vor,  und  da  der 
Großherzog  starb,  ehe  das  Geschäft  zustande  kam,  war 
es    minder    schwer,    Gavardi    zu    überzeugen.     Mazzenta 

CXXVI 


nahm  hierauf  die  Bände  Leonardos  zu  sich;  doch  als  er 
nach  Mailand  heimkehrte  und  Orazio  Melzi  die  Manu- 
skripte wieder  brachte,  „verwunderte  sich  dieser  darob, 
daß  Mazzenta  sich  so  viel  Unbequemlichkeiten  gemacht", 
und  schenkte  ihm  alle  13  Bände.  1590  ging  Gianam- 
brogio  ins  Kloster  und  überließ  die  Bände  seinem  Bru- 
der, dem  „gelehrten  und  besonders  in  der  Hydraulik  be- 
wanderten Dr.  Guido  Mazzenta".  Dieser  redete  zu  viel 
von  der  ganzen  Geschichte,  und  nun  kamen  eine  Menge 
Leute  zu  Melzi  und  baten  ihn  alle  um  irgend  ein  Ge- 
schenk, bis  dieser  weggegeben  hatte,  was  er  von  Leo- 
nardo besaß.  Den  größten  Teil  davon  brachte  ein  Schü- 
ler Michelangelos  an  sich,  Pompeo  Leoni,  Bildhauer 
Philipps  IL  von  Spanien,  und  dieser  erhitzte  den  Kopf 
Orazio  Melzis  so  sehr  mit  der  Darstellung,  was  für 
Ämter,  Würden,  Titel  er  (Orazio)  vom  König  hätte  er- 
langen können,  wenn  er  diesem  statt  dem  Mazzenta  die 
13  Bände  zu  Füßen  gelegt,  daß  der  arme  Tor  außer  sich 
geriet,  zu  Mazzenta  ging  und  ihn  kniefällig  beschwor,  ihm 
die  Manuskripte  zurückzustellen.  Guido  Mazzenta  gab 
ihm  aber  nur  7  Bände;  von  den  übrigen  sechs  verwertete 
er  drei.  Einen  „verehrte"  er  dem  Kardinal  Federigo 
Borromäus,  Gründer  der  Ambrosianischen  Bibliothek  in 
Mailand;  es  ist  das  heute  mit  C.  bezeichnete  Ms.  Einen 
Band  erhielt  der  Herzog  Carl  Emanuel  von  Savoyen; 
wahrscheinlich  ist  er  bei  einem  der  Turiner  Bibliotheks- 
brände verkohlt.  Ein  dritter  ist  1775  im  Besitz  des  eng- 
lischen Konsuls  Joseph  Smith  in  Venedig  gewesen  und 
seither  verschollen.  Die  Bände  4,  5,  6  kamen  aber 
nach  Mazzentas  Tode  1613  in  Leonis  Hände:  ob  Melzi 
die  sieben  anderen  alle  Pompeo  gegeben,  ist  nicht  klar- 
gestellt. Die  Bände  Mazzentas  (4,  5,  6)  wurden  von 
Pompeo  Leoni,  der  sich  doch  berühmte,  ein  Künstler  zu 
sein,  zerschnitten  und  mit  anderen  erworbenen  Hand- 
schriften, Zeichnungen  usw.  einem  Buchbinder  zum  schön 
Einbinden  gegeben:  was  dieser  auch  tat,  freilich  vom  Ge- 

CXXVII 


Sichtspunkt  eines  Buchbinders  aus,  der  die  einzelnen 
Blätter  nur  auf  Format  und  Größe  hin  prüfte,  aufklebte, 
auch  Zeichnungen  mitten  auseinanderschnitt  und  so  jenen 
gewaltigen  Band  von  402  Folios  in  eigenmächtiger  Re- 
daktion fertig  brachte,  den  man  seiner  Größe  und  seines 
umfassenden  Inhaltes  wegen  den  Codex  atlanticus  nennt. 
Nachdem  Leoni  in  Madrid  mit  Vincianischen  Manuskripten 
und  Zeichnungen  einen  schwunghaften  Handel  getrieben 
hatte,  setzte  er  das  in  Mailand  nach  dem  Tode  Philipps  II. 
(1598)  fort.  1610  erwarb  Graf  Arundel  zwei  Bände,  die 
in  den  Besitz  der  englischen  Krone  (Carl  I.  und  Carl  II.) 
übergingen.  Es  sind  die  Mss.  des  British  Museum  und 
der  Bibliothek  von  Windsor  (Ms.  Br.  M.  und  Ms.  W.  An.): 
ersteres  ist  ebenso  mißhandelt  und  die  natürliche  Reihen- 
folge darin  genau  so  gestört,  wie  es  beim  Codex  atlanti- 
cus der  Fall.  Die  Mss.  des  Kensington-Museums  hat 
Lord  Lytton  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts 
um  wenig  Geld,  heißt  es,  in  Wien  erworben.  Ist  es 
vielleicht  der  atomisierte  Band  des  Joseph  Smith,  der 
für  verschollen  galt?  Die  Geschichte  der  englischen  Mss. 
Leonardos  ist  noch  nicht  aufgehellt. 

Nach  dem  Tode  Pompeo  Leonis  erwarb  Graf  Galeazzo 
Arconati  den  Codex  atlanticus;  es  gelang  ihm,  noch  zehn 
andere  Hefte  minderen  Umfanges  zu  erwerben;  doch  trotz- 
dem man  ihm  von  England  Tausende  bot,  wies  er  das 
alles  zurück  und  schenkte  den  unermeßlichen  Schatz  1637 
der  mailändischen  Ambrosiana.  Den  Cod.  K.  gab  Graf 
Archimi  der  Bibliothek,  die  nun  mit  dem  Cod.  C.  des 
Kardinals  Borromäus  13  Codices  sehr  verschiedenen  Um- 
fanges besaß,  die  aber  nicht  identisch  sind  mit  den  13 
großen  Bänden  Melzis.  —  Der  Cod.  der  Casa  Trivulzi 
stammt  aus  dem  Besitz  Arconatis. 

Als  1796  Bonaparte  in  die  Lombardei  einbrach,  wurden 
die  Manuskripte  Leonardos  „zur  Sicherheit"  nach  Paris 
geschickt.  Nach  Monaten  erst  langten  sie  dort  an.  Die 
Rückgabe  der   13  Bände  bildete   1815  einen  Paragraphen 

CXXVIII 


des  Friedensvertrages;  jedoch  nur  der  Codex  atlanticus 
war  aufzufinden.  Dieser  gelangte  in  die  Ambrosiana 
zurück;  die  12  kleineren  Manuskripte  sind  in  Frankreich 
geblieben.  Ein  Gelehrter,  Libri,  der  sie  zum  Zweck 
einer  Geschichte  der  mathematischen  Wissenschaften  be- 
nutzen durfte,  hat  wichtige,  große  Partien  aus  ihnen 
herausgenommen,  zu  „Codices"  vereinigt  und  sie  ver- 
kauft. Drei  solche  Manuskripte  kamen  an  Lord  Ashburnham 
nach  England:  zwei  von  ihnen  sind  1888  von  der  Biblio- 
thèque  nationale  zurückerworben  (Ash.  I  und  II)  und  zu- 
gleich mit  den  anderen  französischen  Manuskripten  von 
M.  Charles  Ravaisson-Mollien  in  prachtvollen  Faksimile- 
reproduktionen herausgegeben.  Ash.  III  befindet  sich  in 
Florenz.  Andere  kleinere  Teile  kamen  aus  den  Händen 
Libris  da  und  dort  in  Handel.  Ein  solcher  ist  der  Cod. 
„Sul  volo  degli  uccelli",  der  einst  dem  Ms.  B.  als  Appen- 
dix angeheftet  war  und  den  1868  Graf  Giacomo  Manzoni 
indirekt  von  Libri  erwarb.  Seither  ist  er  in  den  Besitz 
des  Russen  Theodor  Sabaschnikoff  gelangt,  der  ihn  1893 
unter  Mitwirkung  der  Herren  Giovanni  Piumati  und  Char- 
les Ravaisson-Mollien  in  einem  herrlich  reproduzierten 
Band  auf  eigene  Kosten  herausgegeben  hat. 

So  sind  die  Aufzeichnungen  Leonardos  teils  verloren, 
teils  versplittert,  und  das  Versplitterte  ist  noch  großen- 
teils aufs  roheste  aus  der  natürlichen  Folge  gerissen. 
Nur  wenige  Hefte  (z.B.  die  Mss.  F.,  G.,  H.,  K.,  L.,  M.)  sind, 
wie  man  glaubt,  unangetastet  geblieben.  Dieser  Zustand 
der  Manuskripte  erhöht  ganz  ungeheuer  die  Schwierigkeit, 
die  Manuskripte  als  Quelle  für  die  Erforschung  des  Lebens 
und  der  Meinungen  Leonardos  zu  benützen.  Erst  wenn 
alle  Aufzeichnungen  in  genauen  Reproduktionen  für  jeder- 
mann zugänglich  geworden;  erst  wenn  man  instand  ge- 
setzt sein  wird,  in  jeder  großen  Bibliothek  die  kostbaren 
Blätter  der  englischen,  französischen,  italienischen  Manu- 
skripte in  täuschendster  Wiedergabe  nebeneinander  zu 
legen,  um  zu  vergleichen,  zu  ordnen,  zusammenzustellen, 

IX        Herzfeld,  Leonardo 

CXXIX 


erst  dann  kann  die  große  Arbeit,  Leonardos  Leben  und 
Meinungen  zu  rekonstruieren,  mit  Hoffnung  auf  Erfolg 
neu  begonnen  werden. 

Sollte  jedoch  deshalb  der  Versuch,  der  hier  unternom- 
men worden  ist,  anmaßend  und  verfrüht  sein? 

Die  Natur  einer  solchen  Sammlung  von  Fragmenten 
kann  durch  keine  Entdeckung,  die  in  den  Regionen  der 
hohen  Wissenschaft  vor  sich  geht,  je  sonderlich  geändert 
werden.  Es  ist  ein  bloßer  Versuch,  und  zwar  einer,  der 
steter  Verbesserung,  steter  Ergänzung  bedarf,  der  von 
Auflage  zu  Auflage  einer  neuen  Umarbeitung  mit  sehn- 
süchtigem Wunsch  entgegensieht;  ein  Versuch,  an  dem 
man  immer  mehr  lernt,  wie  es  zu  machen  ist:  dann  wird 
es  später  einmal  nicht  zu  schwer  sein,  mit  den  Lücken 
unseres  Wissens  von  Leonardo  auch  die  Lücken  dieser 
Arbeit  gründlich  auszufüllen.  Selbst  ungelehrt,  wende 
ich  mich  an  die  Ungelehrten.  Wir  haben  alle  An- 
spruch, teilzunehmen  an  dem  ungeheuren  Wesen  Leo- 
nardos; wir  dürsten  nach  Schönheit  und  haben  jener  end- 
lich satt,  die  in  der  Kreatur  nur  das  Gewürm  bemerken. 
Lang  genug  ward  Morsches  in  uns  eingerissen:  nun  wol- 
len wir  unser  Inneres  und  seinen  zerstörten  Glauben  an 
den  Menschen  durch  Großes  emporrichten  und  neu  auf- 
bauen. Und  von  wem  mehr  als  von  Leonardo  ging  be- 
lebend ein  Strom  jener  adeligen  Kraft  aus,  die,  ein  har- 
monisches Zusammenspiel  hohen  Wollens  und  Könnens, 
zu  seiner  Zeit  Tugend  genannt  worden  ist! 


"WTenn  man  aus  den  Manuskripten  die  Summe  der 
^  Leistungen  Leonardo  da  Vincis  zieht,  so  erfaßt  einen 
Staunen  vor  dem  Maße  seines  Geistes,  Bewunderung  vor 
der  übermenschlichen  Fülle,  die  er  jedem  Augenblick  ent- 
lockt. Es  gibt  nichts  Belehrenderes  als  seine  Merktafeln: 
Büchertitel  ohne  Ende;  frage  den  und  den  um  das  und 
das;  laß  dir  zeigen;  sieh  nach;  das  Maß  der  Sonne,  das 

cxxx 


dir  Maestro  Giovanni  der  Franzose  versprach;  die  Pro- 
portionen des  Alchino  (Al-Kindi,  arabischer  Aristoteliker), 
„de  centro  gravitatis"  des  Archimedes;  laß  dir  den  Avi- 
cenna übersetzen;  erkundige  dich,  wie  man  in  Flandern 
auf  dem  Eise  läuft,  —  und  so  mit  Grazie  das  Entlegenste 
nebeneinander  fort,  daß  man  Goethe  an  Wißbegier  noch 
übertroffen  glaubt.  Wenn  man  von  Leonardo  spricht,  ist 
man  stets  in  Gefahr,  ihm  manches  zuzuschreiben,  was 
der  eine  oder  andere  seiner  Zeitgenossen  auch  schon 
gewußt;  man  kann  den  Umfang  seines  Wesens  aber  sicher 
nie  groß  genug  schildern.  Er  ist  so  groß,  nicht  weil  er 
ein  ganz  modemer  Mensch  war,  sondern  weil  er  noch 
so  fest  im  Mittelalter  fußt  und  dennoch  mit  seinem  Den- 
ken, Forschen,  Wollen  förmlich  bis  ins  Herz  unserer 
Tage  hineinwächst:  das  gibt  ihm  das  Riesenmaß.  Er 
kam  zur  Wissenschaft  wie  so  viele  der  besten  Künstler 
des  Quattrocento,  welche,  um  ihrer  Kunst  Herr  zu  wer- 
den, sich  um  mehr  bekümmern  mußten  als  um  ihre 
Farbentöpfe.  Was  wir  haben  —  oder  zu  haben  ver- 
meinen — ,  mußte  damals  erst  gesucht  und  erfunden 
werden.  Wir  Laien  machen  uns  keinen  rechten  Begriff 
davon,  wieviel  Scharfsinn,  Nachdenken,  Arbeit,  Versuche 
es  allein  gekostet  hat,  aus  der  Bildfläche  einen  tiefen 
Raum  zu  schaffen  und  ihn  mit  Gestalt  und  Fülle  zu 
beleben.  Erst  mußten  ein  paar  geistreich  einfache  Be- 
helfe ersonnen  sein,  um  Hand  und  Auge  zu  unterstützen; 
es  mußte  viel  mit  Linien  und  Farben  experimentiert  wer- 
den; mit  unausgesetzter  Beobachtung  mußte  der  Natur 
auf  den  Leib  gerückt  und  nicht  zum  wenigsten  mußte 
Geometrie  betrieben  werden.  Sie  betrieben  gar  aller- 
hand, die  guten  Künstler  des  Quattrocento,  —  so  Piero 
della  Francesca,  der  große  Perspektivist,  Antonio  da  San 
Gallo,  der  Kriegsingenieur,  Leone  Battista  Alberti,  der 
Universalmensch  und  Erfinder  der  Camera  obscura;  als 
Empiriker  waren  sie  auch  vielem  gewachsen.  Leonardo 
jedoch   erhob   die   Empirie  zu  einer  Methode,  und   damit 

IX* 

CXXXI 


beginnt  die  Neuzeit,  die  moderne  Wissenschaft.  Er  setzt 
die  Erfahrung  an  die  Stelle  der  inneren  Spekulation;  ein 
Künstler,  ruft  er  die  Sinne  an.  Er  entthront  den  blin- 
den Glauben  an  die  Autorität;  er  setzt  jede  Wahrheit, 
und  wäre  sie  noch  so  anerkannt  und  alt,  unter  die  Kon- 
trolle der  Beobachtung  und  Vernunft;  denn  um  zu  leuch- 
ten, muß  die  Wahrheit  erst  durch  die  tausend  Feuer  des 
Zweifels  gegangen  sein.  Wie  hoch  er  sie  schätzt,  verrät 
sein  schönes  Wort:  „Sagte  die  Lüge  Gutes  von  den 
Dingen  Gottes,  sie  würde  deren  Göttlichkeit  die  Gnade 
rauben,  und  von  solcher  Auszeichnung  ist  die  Wahrheit, 
daß  geringe  Dinge,  die  sie  lobt,  höchst  edel  werden."  Mit 
diesen  geringen  Dingen  will  er  sich  abgeben  und  die  anderen 
„den  schweifenden  Ingenien"  überlassen.  Er  studiert 
vor  allem  die  Phänomene  der  Natur;  er  schaut  nicht  nur, 
er  sieht,  er  bemerkt;  er  betrachtet  zugleich  mit  dem  Auge 
und  dem  Verstand  (speculare  im  Gegensatz  zum  bloßen 
vedere).  Das  Meer  mit  seinen  Bewegungen,  der  Fluß, 
welcher  das  Ufer  zerfrißt;  der  Baum,  seine  Aststellung, 
das  Blattwerk,  die  Sonne,  die  es  durchleuchtet;  der  Vogel, 
welcher  die  Lüfte  teilt,  eine  Glocke,  die  klingt,  ein  phan- 
tastisches Gesicht,  —  alles  weckt  sein  Interesse,  wird 
notiert.  Wie  er  aus  tausend  im  Gedächtnis  und  auf 
dem  Papier  festgehaltenen  Bewegungen  schließlich  die 
eine  typische  herausdestilliert,  die  er  sucht  und  braucht, 
so  fällt  er  aus  tausend  festgehaltenen  Tatsachen  das 
Typische,  Allgemeine,  die  Regel,  das  Gesetz,  oder  wie 
er  es  nennt:  die  Ursache  heraus.  Der  gut  geleitete  Ver- 
such muß  aber  erst  die  Beobachtung  bestätigen;  denn 
„die  Erfahrung  irrt  nicht;  nur  euere  Urteile  irren".  Er 
lehrt  immer  wieder,  von  der  richtig  festgestellten  Er- 
scheinung zur  Ursache  (dem  Gesetz)  aufzusteigen,  ob- 
schon  die  Natur  anders  verfährt,  weil  in  ihr  die  vernunft- 
gemäße Ursache  das  Primäre  sei,  welches  die  Erscheinung 
hervorruft.  Er  tadelt  aber  jene  keineswegs,  die  einmal 
nicht  induktiv  verfahren,   sondern   eine  Regel  aus  einer 

CXXXII 


anderen  ableiten.  Mit  diesen  ganz  modernen  Mitteln  be- 
treibt Leonardo  seine  Studien.  Um  ihnen  jene  Präzision 
zu  geben,  die  aus  Kenntnissen  eine  Wissenschaft  macht, 
sucht  er  Maß  und  Zahl  in  sie  einzuführen.  „Keine 
menschliche  Untersuchung  kann  wahre  Wissenschaft  ge- 
nannt werden,  wenn  sie  nicht  durch  die  mathematischen 
Demonstrationen  gegangen  ist."  .  .  .  „Proportion  ist  nicht 
bloß  in  den  Zahlen  und  Maßen  zu  finden,  sondern  auch 
in  den  Tönen,  Gewichten,  Zeiten  und  Orten  und  in  jeder 
Kraft,  welche  immer  es  sei."  .  .  .  „Wer  die  höchste 
Sicherheit  der  Mathematik  verschmäht,  nährt  sich  von 
Verwirrung  und  wird  niemals  Schweigen  auferlegen  den 
sophistischen  Wissenschaften,  die  nichts  erzeugen  als  ein 
ewiges  Geschrei  (gridore)."  Von  diesen  lapidaren  Sätzen 
ist  nicht  weit  zu  Galilei,  der  sagt,  das  Buch  der  Natur 
sei  in  mathematischer  Sprache  geschrieben,  und  zu  Kant, 
der  meint,  es  wäre  nur  so  viel  eigentliche  Wissenschaft 
in  der  Naturlehre  als  Mathematik  darin  anzutreffen  ist; 
und  so  denkt  in  der  Tat  noch  unsere  ganze  Zeit. 

Mittels  solcher  Methoden  versucht  Leonardo,  der  Natur 
beizukommen  und  die  Wissenschaft  „delle  cose  naturali" 
neu  zu  begründen.  Er  hat  mit  Schwierigkeiten  zu  ringen, 
die  wir  uns  heute  nicht  vorstellen  können.  Nicht  bloß 
lag  die  Natur  vor  ihm  wie  ein  hieroglyphisches  Buch, 
von  dem  man  kaum  ein  paar  Seiten  entziffert  hatte;  er 
mußte  erst  lernen,  was  er  darin  las,  anderen  mitteilbar 
zu  machen;  er  mußte  die  reale  Wissenschaft  und  zu- 
gleich die  Sprache  für  sie  förmlich  schaffen.  Die  huma- 
nistische Wissenschaft  wurde  noch  lateinisch  tradiert;  im 
Italienischen  war  der  kurze,  scharfe  Ausdruck  für  klare, 
kalte,  naturwissenschaftliche  Gedanken  erst  zu  suchen. 
Das  Denken  selbst  war  bildlich,  anthropomorphisch  und 
die  Beweisführung  umständlich,  voll  scholastischen  Bal- 
lastes. Eine  Definition  gleicht  auch  bei  Leonardo  manch- 
mal einer  Romanepisode,  und  der  Fall,  der  Stoß,  jede  Art 
von  Kraft  oder  violentia  erlebt  zwischen  Geburt  und  Tod 

CXXXIII 


bei  ihm  die  wunderbarsten  Abenteuer.  Alles  ist  noch 
mehr  erschaut  als  erdacht  und  hat  den  Reiz  einer  naiven 
Poesie,  die  für  manche  Dunkelheit,  Ungeschicklichkeit, 
für  die  Länge  der  Deduktion  den  modernen  Leser  reich 
entschädigt.  Das  Ringen  um  den  präzisesten  Ausdruck 
ist  oft  rührend.  Manchen  Satz  hat  Leonardo  zehnmal 
geformt  und  wieder  geformt. 

Vor  allem  stellt  er  die  Unverbrüchlichkeit  der  Gesetze 
hin,  die  in  der  Natur  »infuso",  in  sie  hineinergossen,  mit 
ihr  verschmolzen  leben,  —  Ausfluß  einer  Notwendigkeit, 
die  vernünftig  ist.  Was  gegen  diese  Gesetze  ist,  kann 
nicht  existieren,  „man  müßte  denn  das  Wunder  anneh- 
men", wie  er  mehreremal  sagt:  daher  bekämpft  er  in 
einer  Zeit,  wo  man  Tote  beschwört  und  die  Sterne  be- 
fragt, Zauber  übt  und  geheime  Künste  treibt,  den  Geister- 
glauben ausführlichst  mit  Beweisgründen  aus  der  Physik. 

An  der  Spitze  der  naturwissenschaftlichen  Erkenntnisse 
Leonardos  stehen  noch  andere  wuchtige  und  grundlegende 
Sätze.  Er  weiß,  daß  alles  Weltdasein,  daß  jede  Erschei- 
nung des  Lebens  Bewegung  ist;  er  nennt  Bewegung 
direkt  „die  Ursache  alles  Seins"  und  sagt,  daß  jede 
„Aktion  durch  Bewegung  ausgeübt  wird".  Er  kennt  das 
Gesetz  der  Trägheit  und  spricht  es  aus,  daß  keine  Be- 
wegung von  selbst  entsteht,  noch  von  selbst  endet;  frei- 
lich scheint  ihm  der  Zustand  der  Ruhe  der  natürliche. 
Bewegung  ist  gestörtes  Gleichgewicht.  Sie  wird  durch 
eine  Energie  oder  Kraft  hervorgerufen,  die  Leonardo  eine 
geistige  Wesenheit  nennt,  weil  sie  nichts  an  der  Masse 
und  dem  Gewicht  des  Körpers  ändert.  Sie  teilt  sich 
durch  den  „impeto"  dem  Körper  als  virtù  impressa  mit, 
als  ein  Eindruck,  ein  Impuls,  der  zwar  „Ewigkeit  will", 
aber  sich  in  der  Bewegung  aufzehrt:  ein  Gedankengang, 
von  dem  sich  auch  Galilei  noch  nicht  frei  macht.  Alle 
Bewegung  ist  meßbar  und  berechenbar.  Ihre  Ursache  — 
d.  h.  die  anstoßgebende  Kraft,  ist  stets  eine  sinnbegabte. 
Die  letzte  Quelle  aller  Kraft  jedoch,  also  aller  Bewegung, 

CXXXIV 


ist  für  Leonardo  „der  erste  Beweger",  den  die  florenti- 
nischen  Platoniker  des  Quattrocento  von  den  arabischen 
Philosophen  und  Aristotelikern  übernommen  hatten.  Was 
vermöchte  inniger  zu  ergreifen  als  jener  Ausbruch  von 
Entzücken,  mit  dem  Leonardo  bei  der  aufdämmernden 
Ahnung  des  Gesetzes  von  der  Erhaltung  der  Kraft  „die 
wunderbare  Gerechtigkeit  des  primo  Motore"  anruft,  weil 
er  in  diesem  Gesetz  eine  Art  von  moralischer  Grundlage 
der  Weltordnung  erkennt  und  verehrt  (S.  22).  Séailles 
erinnert  an  die  Auffassung  der  Welt,  die  Leibniz  uns  ge- 
lehrt hat:  „Überall  ist  Geometrie  und  überall  Moral." 
Leonardo  hielt  für  seine  Aufgabe  freilich  bloß  die  Geo- 
metrie, das  heißt,  womöglich  die  mathematische  For- 
mel für  jedes  Weltgesetz.  Er  sucht  das  Verhältnis  zwi- 
schen Kraft  und  Bewegung;  die  zunehmende  Geschwin- 
digkeit des  Falls  sucht  er  experimentell  festzustellen. 
Die  Reibung  hat  er  in  allen  Details  studiert;  daher  funk- 
tionieren seine  Maschinen;  daher  bekämpft  er  die  ewige 
Bewegung  und  die  Sphärenmusik.  Wie  Wilhelm  Elsässer 
konstatiert  („Bedeutung  L.  d.  V.  für  die  exakten  Natur- 
wissenschaften", Preuß.  Jahrbücher,  Juli-Sept.  1899),  ist 
Leonardo  der  erste,  welcher  das  Gesetz  der  virtuellen 
Geschwindigkeiten  mit  einiger  Präzision  ausdrückt  und 
im  wesentlichen  ganz  richtig  kennt.  In  bezug  auf  den 
freien  Fall  irrt  er  wohl,  indem  er  meint,  die  Geschwin- 
digkeit des  fallenden  Körpers  sei  proportional  seinem  Ge- 
wichte; aber  den  Einfluß  des  Luftwiderstandes  zieht  er 
beim  Fall  als  erster  in  Rechnung.  Besonders  glücklich 
sind  seine  Untersuchungen  und  Beobachtungen  über  den 
Stoß,  die  er  durch  vorzügliche  Zeichnungen  wirkungsvoll 
zu  machen  weiß.  Weder  Galilei  noch  Descartes  errei- 
chen seine  Kenntnisse  in  diesem  Punkt. 
Als  erster  seit  Archimedes  und  mit  erweitertem  Wis- 
sen beschäftigt  er  sich  mit  den  Hebelgesetzen.  Er 
zeigt,  welche  gesetzmäßigen  Beziehungen  zwischen  der 
Größe    der    Kraft    und    der    Länge    des  Hebelarmes    be- 

cxxxv 


stehen;  er  kennt,  zeichnet,  erklärt  den  Winkelhebel  in 
allen  Formen;  er  untersucht  die  Druck-  und  Gewichts- 
verhältnisse jedes  Hebelpunktes  aufs  genaueste;  er  führt 
die  Rolle,  den  Flaschenzug,  das  Rad  an  der  Welle  auf 
die  Wirkung  des  einfachen  und  zusammengesetzten  Hebels 
zurück,  sieht  in  den  Bewegungen  der  Menschen  und  Tiere 
nichts  anderes  als  die  Bewegung  von  Hebelarmen  und 
vergißt  auch  nicht,  das  Eigengewicht  des  Hebelarmes  als 
wirkenden  Faktor  mit  den  übrigen  Kräften  in  Verbindung 
zu  setzen  und  in  seine  Beobachtungen  einzubeziehen. 
Nicht  Ubaldi,  nicht  Stevinus,  noch  Benedetti,  sondern 
Leonardo  hat  das  große  Verdienst,  als  erster  die  Hebel- 
gesetze nach  allen  Richtungen  erkannt  und  angewendet 
zu  haben:  damit  erscheint  er  als  Begründer  der  moder- 
nen Mechanik. 

Nicht  minder  gilt  Leonardo  als  Vater  der  hydraulischen 
Wissenschaften.  Er  kennt  die  Gesetze  von  der  Fort- 
pflanzung des  Druckes  im  Wasser,  die  er  als  erster  seit 
Archimedes  studiert  und  verstanden  hat.  Er  ist  ein  eben- 
bürtiger Vorgänger  von  Stevinus  und  Galilei  in  der  Hy- 
drostatik. Er  versteht  die  molekularen  Eigenschaften  des 
Wassers.  Er  weiß  den  Grund  des  Schwimmens  eines 
Körpers.  Er  kennt  das  Gesetz  der  kommunizierenden 
Röhren;  er  weiß,  daß  Flüssigkeiten,  die  sich  nicht  mischen, 
in  solchen  Gefäßen  sich  im  Verhältnis  ihres  Gewichtes 
zueinander  ordnen.  Er  macht  Versuche  über  den  Aus- 
fluß des  Wassers  bei  verschiedenen  Öffnungen;  er  unter- 
sucht die  Gründe  des  Wirbels,  des  Strudels  usw.  usw. 
lange  vor  Castelli.  Er  hat  als  erster  die  Wellenbewegun- 
gen des  Meeres  studiert,  in  ihren  Gründen,  in  ihrer  Er- 
scheinung. Er  weiß,  daß  die  Welle  den  Ort  ihrer  Ent- 
stehung flieht  und  das  Wasser  selbst  sich  nicht  vom 
Platz  bewegt,  wie  die  Wellen,  die  man  über  ein  Korn- 
feld eilen  sieht,  ohne  daß  das  Getreide  von  der  Stelle 
wiche.  Er  weiß,  daß  zwei  Wellen  sich  durchkreuzen 
können,  ohne  einander  zu  zerstören.    Er  wendet  die  Ge- 

CXXXVI 


setze  der  Wellenbewegung,  ihrer  Fortpflanzung  in  Krei- 
sen und  nach  allen  Seiten,  die  Durchkreuzung  ohne  sich 
auszulöschen,  auf  den  Schall,  auf  das  Licht,  auf  den 
Magnetismus,  ja,  auf  den  menschlichen  Gedanken  an: 
mehr  und  höheres  kann  von  der  genialen  Intuition  Leo- 
nardos und  von  seinem  Bedürfnis,  in  der  Mannigfaltig- 
keit der  Dinge  ein  einziges  großes  Prinzip  zu  erkennen, 
in  der  Tat,  glaube  ich,  nicht  ausgesagt  werden:  sogar 
wenn  mit  Wilhelm  Elsässer  zugegeben  werden  muß,  daß 
von  diesen  Ahnungen  noch  weit  zur  modernen  Undula- 
tionstheorie  ist. 

Seine  Erfahrungen  über  die  Bewegung  des  Wassers 
überträgt  Leonardo  auf  die  Luft,  um  den  Wind  zu  stu- 
dieren. Er  interessiert  sich  für  Meteorologie.  Er  be- 
schäftigt sich  mit  dem  Nebel,  den  Wolken,  mit  Regen, 
Schnee  und  Hagel.  Manches  erschaut  er  einfach,  so  z.  B. 
die  Flamme,  die  er  zwar  nicht  erklären  kann,  aber  so 
richtig  beobachtet,  daß  er  die  Lampe  mit  Zylinder  und 
Kugel  erfindet.  Und  250  Jahre  vor  Lavoisier  hat  er 
schon  einen  leisen  Begriff  vom  Bestandteil  der  Luft, 
welcher  allein  zum  Brennen  und  zum  Atmen  taugt.  Bei 
seinen  unterirdischen  Booten,  Tauchapparaten  —  ach, 
wer  vermöchte  in  so  engem  Rahmen  seine  Erfindungen 
auch  nur  aufzuzählen!  —  spricht  er  davon,  Luft  auszu- 
pumpen und  alito,  Atemluft  mit  in  die  Tiefe  zu  nehmen. 
Von  seinen  Beobachtungen  des  Vogelfluges,  die  bisher 
noch  von  keinem  übertroffen  sein  sollen,  von  seinen  Flug- 
apparaten, von  seiner  Erfindung  des  Fallschirmes  ist  schon 
früher  gesprochen  worden. 

Seine  Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  Akustik  sind 
voll  überraschender  Ansätze.  Überall  fast  findet  man 
ihn  auf  dem  guten  Weg.  Er  vergleicht  die  Fortpflanzung 
des  Schalls  mit  der  Wellenbewegung,  die  entsteht,  wenn 
man  einen  Stein  ins  Wasser  wirft  und  die  ihr  Zentrum 
stets  im  Ausgangspunkt  behält.  Er  sucht  die  Geschwin- 
digkeit des  Schalls  zu  messen.    Er  ahnt,  wovon  die  Ton- 

CXXXVII 


höhe  abhängt.  Die  Reflexion  des  Schalls,  das  Echo,  den 
Nachhall  begreift  er  genau.  Er  entdeckt  das  Mitschwin- 
gen gleicher  und  verwandter  Töne. 

Nebst  den  Gesetzen  der  Mechanik  beschäftigt  den  Maler 
natürlich  am  meisten  das  Licht,  das  Sehen,  das  Auge, 
—  die  Optik,  damals  unter  Perspektive  einbegriffen.  Auch 
auf  diesem  Gebiete  sind  seine  Ideen  genial.  Nichts  von 
materiellen  Theorien.  Geradlinige  Fortpflanzung  nach 
allen  Seiten,  Reflexion,  Refraktion;  der  Vergleich  mit  der 
Wellenbewegung  auch  hier;  man  hört  nur  von  Bewegung 
und  Bewegungsgesetzen.  Die  ganze  Welt,  auch  die  be- 
lebte, steht  unter  den  Gesetzen  der  Mechanik;  die  Erde 
ist  eine  Maschine,  und  der  Mensch  ist  es  auch.  Die 
Camera  obscura  hat  zwar  schon  Leone  Battista  Alberti 
gekannt;  doch  Leonardo  experimentiert  mit  ihr  und  findet 
den  richtigen  Grund  für  das  Entstehen  des  umgekehrten 
Bildes  auf  ihrer  Rückwand.  Auch  das  Auge  betrachtet 
er  als  eine  Camera  obscura  und  müht  sich  ab,  zu  be- 
greifen, wieso  wir  dennoch  aufrecht  sehen.  Er  nimmt 
an,  es  geschehe  beim  Durchgang  der  Strahlen  durch  die 
Kristallinse  eine  zweite  Umkehrung  des  Bildes  (wo  die 
erste  und  wo  die  zweite  Kreuzungsstelle  ist,  darüber 
kommt  er  nicht  ins  Klare);  das  Bild  erscheine  also  auf- 
recht auf  der  Rückwand  des  Auges;  die  Sehnervenden 
empfangen  es  und  führen  es  dem  inneren,  gemeinsamen 
Sinne  zu,  in  dem  es  erst  verstanden  wird.  Manche  Stel- 
len, die  freilich  nicht  sehr  präzis  sind,  gestatten  sogar 
die  Deutung,  als  habe  Leonardo  das  Aufrechtsehen  des 
umgekehrten  Bildes  überhaupt  diesem  verstehenden  ge- 
meinsamen Sinn  überlassen  wollen:  aber  das  sind  Dinge, 
deren  Aufklärung  heute,  trotz  der  Zusammenstellungen 
Dr.  Edmondo  Solmis  (Nuovi  Studi  sulla  Filosofia  naturale 
di  L.  d.  Vinci,  1905),  noch  nicht  möglich  ist.  Ungeheuere 
Schwierigkeiten  macht  es  Leonardo  überhaupt,  das  Sicht- 
barwerden der  Dinge  zu  verstehen;  sicher  ist,  daß  er 
im  Auge  nichts  sah,  als  einen  Auffangapparat;  ob  er  das 

CXXXVIII 


Licht  als  Bilderreger  betrachtete  oder  nur  als  Träger  der 
„Spezies",  Scheinbilder  der  Dinge,  die  im  ganzen  All 
verbreitet  sind,  muß  bis  auf  weiteres  dahingestellt  bleiben. 
Seine  optischen  Arbeiten  sind  jedenfalls  voll  geistreicher 
Versuche  und  schöner  Resultate.  Elsässer  schreibt  ihm 
das  Verdienst  zu,  als  erster  eine  methodische  Darstel- 
lung des  Ganges  der  Lichtstrahlen  im  Auge  und  eine 
geometrische  Konstruktion  des  Bildes  versucht  zu  haben. 
Er  begreift  das  körperliche  Sehen;  er  fabriziert  ein 
künstliches  Auge,  um  zu  lernen,  wie  das  natürliche  funk- 
tioniert. Er  beschäftigt  sich  mit  den  Erscheinungen  der 
Irradiation,  mit  den  negativen  Nachbildern;  er  erklärt  mit 
viel  Glück  den  Strahlenkranz  an  leuchtenden  Körpern; 
er  erkennt  das  Mondlicht,  freilich  auch  das  Fixsternlicht, 
als  Reflexlicht  der  Sonne;  er  findet  den  richtigen  Grund 
für  das  Lumen  cinereum.  Er  lehrt  konkave,  konvexe, 
parabolische,  sphärische  Hohlspiegel  fabrizieren;  er  be- 
stimmt den  Punkt,  wo  die  zurückgeworfenen  Strahlen  sich 
kreuzen.  Seine  Theorie  der  farbigen  Schatten  galt  lange 
Zeit  für  die  einzig  wahre;  sie  wird  zugleich  mit  seinen 
Farbentheorien  nächstens  durch  eine  Übersetzung  des 
Traktates  von  der  Malerei  deutschen  Lesern  leichter  zu- 
gänglich gemacht  werden,  als  es  bisher  in  der  umfang- 
reichen, gelehrten  Ausgabe  Ludwig  Heinrichs  möglich  war. 
Die  Wärme  untersucht  Leonardo  in  ihren  Wirkungen 
vielfach  und  macht  Versuche,  den  Dampf  als  Motor  zu 
verwenden.  Er  zeichnet  eine  Dampfbarkasse;  er  beschreibt 
einen  Bratspieß,  der  von  heißer  Luft  getrieben;  er  kon- 
struiert eine  Dampfkanone,  den  Architronito,  dessen  Er- 
findung er  freilich  dem  Archimedes  zuschreibt,  —  viel- 
leicht, weil  er  fürchtete,  als  Hexenmeister  verbrannt  zu 
werden.  Leonardo  trug  nämlich,  scheint  es,  keinerlei 
Begehren,  für  irgend  eine  Überzeugung  zu  sterben;  er 
meinte  wohl,  es  sei  wertvoller,  für  seine  Ideen  zu  leben. 
Das  Märtyrertum  ist  nur  für  jene,  die  ein  einziger  Ge- 
danke ausfüllt.     Leonardo  hatte  zu  viele  Gedanken. 

CXXXIX 


So  entschieden  sich  Leonardo  gegen  die  Goldmacher 
ausspricht,  so  setzt  er  die  Alchimie  doch  in  scharfen 
Gegensatz  zur  Astrologie,  zur  Nekromantie,  und  weiß, 
welchen  Nutzen  sie  stiftet.  Er  selbst  lehrt  Pulver  fabri- 
zieren, er  konstruiert  einen  Glasofen,  er  zeichnet  einen 
trefflichen  Destillierapparat. 

Für  die  Leistungen  Leonardos  als  Maschinenerfinder 
muß  ich  auf  Dr.  Hermann  Grothes  „Leonardo  da  Vinci 
als  Ingenieur  und  Philosoph"  (Berlin,  1874)  verweisen. 
Dieser  Autor  rühmt  die  genauen  Kenntnisse,  die  Leo- 
nardo von  allen  Maschinenteilen,  ihren  Eigenschaften, 
ihren  Verwendungsmöglichkeiten  besaß.  Sollte  doch  eine 
Abhandlung  des  Meisters  den  elementi  macchinali  ge- 
widmet werden,  als  Teil  offenbar  des  Buches  „von  den 
Anwendungen",  dei  giovamenti,  welcher  der  Theorie  der 
Mechanik  folgen  sollte.  Von  den  Maschinen,  die  Leo- 
nardo zeichnet  und  beschreibt,  führe  ich  nach  Grothe 
mehrere  an,  —  nur  solche,  die  weit  über  ihrem  Jahr- 
hundert stehen:  Bohrmühlen,  eine  Hobelmaschine,  eine 
Sägemaschine,  wie  Grothe  sie  noch  an  einem  lombardi- 
schen Kanal  vorfand,  „der  Leonardos  geistreichen  arte- 
sischen Quellbrunnen  seine  Entstehung  verdankt";  eine 
Steinsägemaschine;  eine  unübertroffene  Feilenhauma- 
schine;  eine  vorzügliche  Spinnmaschine;  eine  Seilspinn- 
maschine; Webstühle;  Tuchscherapparate;  Waschma- 
schinen; Töpferscheibe  usw.  usw.;  Hebewerke;  Mühlen; 
Meßapparate,  Dezimalwage,  Zirkel,  Ovalrad,  Uhrwerke; 
er  kennt  auch  das  Pendel.  Dazu  hydraulische  Maschinen, 
eine  hydraulische  Presse;  Pumpwerke,  —  ich  glaube,  das 
genügt. 

Ohne  tüchtige  mathematische  Kenntnisse  wäre  dies  alles 
nicht  möglich  gewesen.  Leonardo  hat  aber  auch  einiges 
der  Wissenschaft  beigefügt.  Man  sagt,  er  habe  das  Plus- 
und  Minus-Zeichen  erfunden;  er  hat  sich  ihrer  jedenfalls 
früher  als  andere  bedient.  Er  fabriziert  einen  Proportions- 
zirkel mit  beweglichem  Zentrum;  er  lehrt  in  höchst  ele- 

CXL 


ganter  Art  ein  Oval  konstruieren.    Er  ermittelt  den  Schwer- 
punkt der  Pyramide  usw. 

Will  man  die  Einsichten  recht  würdigen,  die  Leonardo 
in  bezug  auf  die  Astronomie  gewonnen  hat,  so  muß  man 
sich  erinnern,  daß  seine  Zeit  noch  kaum  über  die  Ideen 
des  Aristoteles  und  der  Scholastik  hinausgekommen  war, 
die  wir  aus  Dante  kennen.  Ich  will  das  mit  den  schönen 
Worten  Gabriel  Séailles'  wiedergeben:  „die  Sterne  sind 
unverweslich,  göttlich,  ohne  Beziehung  zu  unserer  sub- 
lunaren  Welt,  deren  Gesetz  die  Zeugung  ist,  die  Ver- 
änderung, der  Tod.  Die  Erde  lehrt  uns  nichts  über  den 
Himmel,  der  einer  anderen  Ordnung  angehört  .  .  .  Kühn 
zerbricht  Leonardo  diese  Hierarchie,  er  versetzt  die  Erde 
m  den  Himmel."  —  „Du  hast  in  deiner  Abhandlung  zu 
zeigen,  daß  die  Erde  ein  Stern  ist,  wie  der  Mond  oder 
ungefähr,  und  so  den  Adel  unserer  Welt  zu  erweisen", 
sagt  daher  Leonardo.  Die  gleichen  Gesetze  wie  auf  Erden 
herrschen  auf  der  ganzen  Welt;  die  gleiche  Notwendig- 
keit schließt  das  Universum  ein.  Alles  ist  der  Bewegung 
unterworfen,  dem  Maß  und  der  Zahl.  Es  drehen  sich 
nicht  mehr  die  Himmel  um  einen  festen  Mittelpunkt, 
bewegt  von  himmlischen  Geistern,  welche  die  Gestirne 
bewohnen,  und  keine  Musik  begleitet  ihre  Bewegung 
(s.  Seite  24).  Und  die  Sterne  sind  nicht  glitzernde  Dia- 
manten, nach  Adel  und  Würdigkeit  in  die  einzelnen  Himmel 
eingezapft.  Die  Himmelskörper  schweben  frei  im  Raum, 
im  Gleichgewicht  ihrer  Elemente.  Und  die  Erde  ist  nicht 
im  Mittelpunkt  des  Sonnenkreises,  noch  ist  sie  Mittel- 
punkt und  Herz  der  Welt.  Sie  ist  den  Sternen  ein  Stern 
und  dem  Mond  ein  Mond;  ihr  Glanz,  wie  der  des  Mon- 
des, ist  ein  Abglanz  der  Sonne,  deren  Licht  von  den 
tausendfachen  Spiegelungen  des  wellengefurchten  Meeres 
in  starkem  Leuchten  den  Gestirnen  zugeworfen  wird. 
Die  Vorstellung  Leonardos  ist  seltsam,  doch  voll  Märchen- 
reiz und  ganz  realistisch  ausgedacht.  Der  Mond  gleicht  der 
Erde  und  verhält  sich  wie  die  Erde,  von  Wasser,  Luft  und 

CXLI 


Feuer  umkleidet,  Elemente,  die  er  an  sich  zieht  wie  die  Erde 
die  ihrigen,  „so  wie  der  Magnet  Eisen  an  sich  zieht".  An 
den  vier  Elementen  hält  Leonardo  sonderbar  fest;  weiß 
er  doch  mit  dem  Feuerelement  gar  nichts  mehr  zu  be- 
ginnen. Es  ist  nicht  etwa  das  Brennende;  es  wird 
höchstens  von  der  Flamme  herbeigezogen.  Es  ist  dunkel, 
wenn  es  sich  nicht  mit  etwas  anderem  vermischt;  sogar, 
ob  es  heiß  ist,  scheint  ihm  manchmal  fraglich:  wie 
grenzte  sonst  die  Luft  an  das  Feuer  und  wäre  in  den 
Höhen  dennoch  kälter  als  in  der  Tiefe  — ?  Es  ist  das 
dünnste  Element,  und  vielleicht  braucht  es  Leonardo,  um 
den  Weltraum  auszufüllen,  da  es,  wie  er  betont,  kein 
Leeres  gibt.  Die  Quelle  alles  Lichtes,  die  Quelle  aller 
"Wärme  ist  die  Sonne.  Er  singt  ihr  einen  Hymnus.  Sie 
ist  göttlicher  als  die  Götter,  ist  mächtiger  als  sie.  Von 
ihr  kommt  mit  der  Wärme  alles  Leben,  alle  Beseelung, 
—  jene  Beseelung,  die  Leben  ist,  die  man  zu  Zeiten 
Lebenskraft  nannte,  zu  Zeiten  die  Blutseele,  eine  körper- 
liche, sterbliche  oder  wenigstens  verflüchtigungsfähige  Seele, 
wie  die  Platoniker  in  Florenz  sie  neben  dem  unsterb- 
lichen Geiste  kannten.  In  einem  seiner  Manuskripte  hat 
Leonardo  mit  großen  Buchstaben  inmitten  mathematischer 
Formeln  die  Worte  aufgezeichnet:  „Die  Sonne  bewegt  sich 
nicht."  War  das  eine  spät  gewonnene  Überzeugung  oder 
wußte  Leonardo  diese  gefährliche  Wahrheit  stets?  Wenn 
wir  noch  heute  sagen,  „die  Sonne  geht  auf,  die  Sonne 
geht  unter",  warum  sollte  nicht  Leonardo  vom  vierund- 
zwanzigstündigen  Lauf  der  Sonne  sprechen  und  dabei  den 
richtigen  Sachverhalt  im  Sinne  gehabt  haben?  Zu  jenen 
Zeiten  war  es  nicht  rätlich,  mehr  wissen  zu  wollen,  als 
hohen  Ortes  approbiert  war.  Schon  die  Anmaßung  machte 
höchst  verdächtig. 

Mehr  als  mit  der  Sonne  hat  Leonardo  sich  mit  der  Erde 
beschäftigt,  und  zwar  mit  ihr  nicht  als  dem  Himmels- 
körper, sondern  als  der  menschlichen  Heimat.  So  wie 
sie  nicht  still  steht,  so  steht  auf  ihr  nichts  still.    Sie  ist 

CXLII 


in  ewigem  Werden  und  Zerwerden,  um  ein  Wort  des  Ange- 
lus Silesius  zu  gebrauchen,  ein  Geschöpf  des  Wassers. 
Kein  Meeresgrund  ist  so  tief,  daß  er  nicht  schon  das 
Licht  der  Sonne  gesehen,  und  kein  Bergesgipfel  so  hoch, 
daß  über  ihn  nicht  ehemals  Rudel  von  Fischen  gezogen. 
Die  Salzlager  der  Erde  Residuen  früherer  Meere,  und 
das  Meereswasser  salzig,  weil  es  alte  Kontinente  auslaugt. 
Ewig  trägt  das  Wasser  Erde  von  den  Höhen  zu  Tal,  zer- 
frißt seine  Ufer,  sägt  sich  tiefer  und  tiefer  ein,  reißt  weg 
und  höhlt  aus  und  macht  Berge  und  Höhen,  und  das  er- 
leichterte Festland  hebt  sich  mehr  und  mehr  aus  den 
ungeheueren  Meeren.  Und  das  Wasser  fließt  trüb  von 
der  Erde,  die  es  mitführt,  und  lagert  sie  ab  —  an  den 
Mündungen,  im  Meere.  Und  langsam  steigt  der  Grund 
des  Ozeans  und  wird  herauftauchen  und  zum  Festland 
werden  und  wo  die  Fische  zogen,  werden  Vögel  fliegen. 
Durch  die  Anschwemmungen,  durch  die  Ablagerungen 
von  Schlamm  an  den  Gestaden,  die  langsam,  langsam  in 
unendlichen  Zeiten  emporwuchsen,  entstanden  die  Fossi- 
lien, die  wir  Schicht  für  Schicht  bis  zu  den  Gipfeln  der 
Gebirge  hinauf  finden.  Nicht  der  Einfluß  der  Gestirne 
hat  sie  gebildet;  nicht  die  Flut  hat  sie  hinaufgebracht, 
keine  Sintflut,  welche  die  ganze  Erde  überdeckte;  eine 
solche  gab  es  nie,  konnte  es  nie  gegeben  haben,  —  „du 
glaubtest  denn  an  Wunder"  —  was  Leonardo  nicht  tut. 
Er  glaubt  nicht  an  gewaltsame  Eingriffe  Gottes  in  die 
geordnete  Welt;  er  glaubt  an  Umbildungen,  nicht  an  Um- 
wälzungen, an  Evolution,  trotz  der  Allermodernsten.  Er 
rechnet  mit  Millionen  Jahren;  das  wüst  Katastrophale  ist 
ihm,  wie  Goethe,  wider  den  Geschmack.  Die  unterirdi- 
schen Feuerkräfte  hat  der  Florentiner,  der  im  ebenen, 
wasserreichen  Mailand  lebt,  nie  am  Werk  gesehen  und 
nie  richtig  erkannt.  So  studiert  er  auch  kein  Urgestein.  Er 
weiß  nur  von  neptunischem  Gebilde. 

Über  die  Gezeiten  kommt  er  nicht  ins  klare.     Ist  Ebbe 
und  Flut  eine  Wirkung  des  Mondes,  der  Sonne?  fragt  er. 

CXLIII 


Die  Antwort  lautet  verschieden.  Bald  meint  er,  es  sei 
das  Atmen  der  Erde,  die  er  lange,  und  nicht  bloß  im 
Phantasiespiel,  für  ein  lebendes  Wesen,  im  Gleichnis  des 
Tieres  gebildet  hält,  und  es  wären  die  Berge  die  Knochen, 
und  die  Flüsse  die  Adern,  gespeist  aus  unterirdischen 
Wassern  wie  aus  einem  Blutsee,  Wassern,  die  zu  den 
Gipfeln  stiegen,  wie  das  Blut  zum  Gehirn  und  so  wie 
aus  einer  geborstenen  Vene  durch  den  Felsspalt  brächen 
und  Ursprung  aller  Flüsse  würden:  so  kreisten  die  Wasser 
und  nährten  die  Erde,  wie  das  Blut  in  den  Adern  kreist 
und  den  Leib  ernährt.  Aber  wie  Leonardo  in  bezug  auf 
Ebbe  und  Flut  als  Atmung  der  Erde  sich  schließlich  selbst 
bekämpft  —  ich  habe  die  Stelle  leider  im  Text  nicht 
wiedergegeben  — ,  so  kommt  er  davon  zurück,  zu  glauben, 
daß  im  Inneren  der  Erde  Wasserläufe  zu  den  Höhen 
führten,  —  es  wäre  interessant,  zu  wissen,  ob  er  erkannt, 
daß  sie  kein  Pumpwerk  besitzt  gleich  dem  tierischen 
Herzen;  —  er  schilt  sich  selbst  und  rät  sich,  „wieder 
Naturales  zu  lernen*,  um  solcher  Meinungen  zu  erman- 
geln, von  denen  er  einen  großen  Vorrat  angehäuft,  neben 
dem  Kapital  der  Frucht,  die  er  besitze  (S.  65),  —  ich 
glaube,  Leonardo  will  sagen,  neben  dem,  was  er  Frucht- 
bringendes erworben.  Wie  Mario  Baratta  in  seinem 
schönen  Buche  „Leonardo  da  Vinci  ed  i  problemi  della 
terra"  mit  Recht  bemerkt,  hat  der  große  Forscher  in 
späteren  Aufzeichnungen  solche  Theorien  verlassen;  er 
nennt  die  Wolken  „Aussäer  der  Flüsse"  und  präzisiert 
diese  Meinung  mehr  als  einmal.  —  Außerordentlich  groß- 
artig sind  die  Bilder,  welche  Leonardo  von  den  Verän- 
derungen im  Antlitz  der  Erde  zeichnet,  seine  Vorstellun- 
gen von  der  Vergangenheit,  Zukunft  der  Länder  des 
Mittelmeerbeckens  z.  B.  Allein  es  ist  nicht  notwendig, 
mich  darüber  zu  verbreiten;  die  Texte  sprechen  deutlich 
für  sich  selbst. 

Fast  ein  Menschenalter  hindurch  hat  sich  Leonardo,  wie 
wir  schon  sahen,  mit  Anatomie  beschäftigt.    Seine  Kennt- 

CXLIV 


nisse  gingen  weit  über  das  hinaus,  was  er  als  Künstler 
wissen  mußte;  sie  gingen  aber  auch  weit  über  das  hinaus, 
was  die  gelehrte  Mitzeit  wußte,  ja,  sich  träumen  ließ. 
War  doch  das  Sezieren  im  Mittelalter  eine  kirchlich  so 
gut  wie  verbotene,  eine  höchstens  geduldete  Sache,  über 
die  man  wegsah,  so  lange  es  ging.  Den  medizinischen 
Schulen  lieferte  man  etwa  hie  und  da  einen  Verbrecher- 
leib aus,  —  unter  der  Herrschaft  der  Bentivogli  hatte 
die  Universität  von  Bologna  sogar  jährlich  zwei  Justifi- 
zierte  frei.  Auch  war  ein  Bologneser  Professor,  Mon- 
dino dei  Luzzi,  der  erste,  welcher  menschliche  Leichen 
sezierte  und  anatomische  Demonstrationen  öffentlich  vor- 
nahm. Seine  Schrift,  die  seit  1316  in  zahlreichen,  teils 
sehr  entstellten  Kopien  in  Umlauf  war  und  die  seit  1478  bis 
ins  16.  Jahrhundert  immer  wieder  gedruckt  worden  ist, 
enthält  auf  44  Seiten  kurze  Beschreibungen  des  Inhaltes 
von  Kopf,  Brust  und  Bauch  und  hält  sich  mehr  an  Galen 
und  die  Arabisten  als  an  die  Natur.  Galen  selbst  aber, 
die  große  Autorität  der  Alten,  hat  nie  etwas  anderes  als 
Affen  und  Hunde  seziert.  Er  beglückwünscht  sich,  daß 
er  einmal  nach  Herzenslust  hat  menschliche  Knochen 
prüfen  können,  als  ein  ausgetretener  Fluß,  der  ein  Grab 
zerstört  hatte,  Skelette  auf  einer  sumpfigen  Stelle  zurück- 
ließ. Mondinos  Werk  war  ohne  Abbildungen;  erst  Beren- 
gar  von  Carpi,  der  in  Bologna  lehrte,  versucht  1521  Text 
und  Bild  nach  den  eigenen  lückenhaften  Forschungen 
herzustellen  —  beides  dürftig  und  irrig  genug.  Schon 
allein  die  30  Leichen,  die  Leonardo  anatomisch  zerlegt 
hat,  waren  ein  unerhörter  Fall:  ebenso  unerhört  war  das 
Resultat  dieses  intensiven  Studiums.  Dr.  Fritz  Raab  in 
seinem  „Leonardo  da  Vinci  als  Naturforscher"  (Samm- 
lung gemeinverständlicher  Vorträge,  herausgegeben  von 
Virchow  und  Helmholtz,  1880)  spricht  vom  anatomischen 
Werk  des  Prof.  Magnus  Hundt,  welches  die  seltsamen 
Ideen  beweise,  die  sich  um  1501  die  Wissenschaft  von 
den    menschlichen    Eingeweiden    machte.      Ebenso    zeigt 

X        Herzfeld,  Leonardo 

CXLV 


der  erste  anatomische  Bilderatlas  des  Jan  von  Ketham, 
der  am  Ende  des  Quattrocento  in  Italien  gelebt  hat,  die 
lächerlichen  Irrtümer,  welche  damals  im  Schwange  waren. 
Leonardos  zeichnerische  Darstellungen  dagegen  sind 
meisterhaft,  und  zwar  nicht  bloß  künstlerisch  meister- 
haft. Prof.  M.  Holl  sagt  in  seiner  schönen  Abhandlung 
„Die  Anatomie  des  L.  d.  V."  (Separat-Abzug  aus  dem 
Archiv  f.  Anat.  und  Physiol.,  Anat.  Abteilung,  1905),  daß 
manche  Darstellung  Leonardos  „auch  heute  noch  nicht 
erreicht  worden  ist".  Mr.  William  Hunter,  der  berühmte 
Leibarzt  Georg  III.,  der  die  Mss.  von  Windsor  sah, 
schreibt  1784  voll  Entzücken,  Leonardo  müsse  der  größte 
Anatom  seiner  Zeit  gewesen  sein;  ohne  Zweifel  aber  sei 
er  der  erste,  der  die  Anfertigung  von  anatomischen  Zeich- 
nungen schuf.  Blumenbach  bewundert  an  diesen  Tafeln 
die  Kunst  und  Präzision,  sowie  „den  Scharfblick  des 
Forschers,  der  schon  auf  Dinge  geachtet  hat,  die  noch 
Jahrhunderte  lang  unbemerkt  geblieben  sind".  Holl  sagt, 
„für  die  damalige  und  auch  spätere,  ja,  selbst  teilweise 
für  die  neuere  Zeit  sind  alle  Tatsachen,  die  Leonardo 
bringt,  neu.  Mit  Bezug  auf  letzteres  sei,  um  nur  ein  Bei- 
spiel anzuführen,  erwähnt,  daß  auf  die  Beckenneigung, 
die  Darstellung  der  richtigen  Lage  des  Beckens  im  Kör- 
per, obgleich  sie  schon  Leonardo  genau  kannte  und  auch 
abbildete,  erst  in  der  Neuzeit  durch  die  Untersuchungen 
Nägeles  hingewiesen  wurde."  Leonardo  ist  auch  der 
erste  und  auf  lange  Zeit  hinaus  der  einzige,  der  den 
Brustkorb  mit  der  richtigen  Schieflage  der  Rippen,  der 
die  Krümmungsverhältnisse  der  Wirbelsäule,  kurz  alles, 
was  mit  dieser  Beckenneigung  zusammenhängt,  korrekt 
zu  zeichnen  verstand.  Ebenso  ist  die  Schädeldarstellung 
meisterhaft  und  stets  nach  der  Ebene  orientiert,  die  wir  heute 
als  die  richtige  erkennen.  Nicht  minder  macht  Leonardo 
als  Erster  auf  die  pneumatischen  Räume  des  Oberkiefers 
und  der  Stirnhöhle  aufmerksam.  Ich  zitiere  nur  einiges 
und  muß  im  übrigen  auf  die  Fachliteratur  über  Leonardo 

CXLVI 


als  Anatomen  verweisen,  die  täglich  reicher  wird,  beson- 
ders seit  1903  Dr.  Jackschath,  ich  muß  sagen,  ohne 
gültigen  Beweis,  die  ungeheuerliche  Vermutung  ausge- 
sprochen, Vesals  grundlegendes  Werk  über  den  Bau  des 
menschlichen  Leibes  sei,  Text  und  Bild,  nichts  als  ein 
großes  Plagiat,  ein  Diebstahl  an  Leonardos  Lebensarbeit. 
Wenn  ich  als  Laie  die  anatomischen  Forschungen  Leo- 
nardos richtig  auffasse,  so  hat  er  die  Anatomie  nie,  wie 
Vesal,  rein  um  der  Anatomie  willen  betrieben,  sogar 
wenn  er  es  zu  tun  vermeinte:  wie  sehr  ihn  das  künst- 
lerische Interesse  beherrscht,  beweist,  glaube  ich,  die 
Art,  wie  er  die  Muskelanatomie  in  Bild  und  Text  be- 
handelt hat.  Ganz  Selbstzweck  ist  ihm  die  Anatomie 
überhaupt  nicht  geworden;  den  Bau  des  menschlichen 
Leibes  studiert  er  in  erster  Linie  als  Künstler;  als 
Mensch  studiert  er  besonders  die  Funktion  der  Or- 
gane. Er  sucht  eine  Wissenschaft  des  Lebens.  Seine 
Notizen  enthalten  großartige  Pläne  zu  einer  vollständigen 
Physiologie:  sein  Programm  könnte  auch  heute  kaum  er- 
weitert werden.  Genial  sind  die  Methoden,  die  Leonardo 
anwendet,  um  zeichnerisch  ein  genaues,  klares,  allseiti- 
ges Bild  der  verschiedenen  Teile  des  Körpers,  vonein- 
ander gelöst  und  miteinander  verbunden,  ja,  funktionie- 
rend zu  geben.  Der  berühmte  französische  Anatom 
M.  Mathias  Duval  sagt  in  seiner  Einleitung  zur  Sabasch- 
nikoffschen  Ausgabe  der  vincianischen  Anatomie,  daß  in 
diesen  Methoden  wir  auch  heute  noch  kaum  weiter  ge- 
kommen sind.  Professor  Holl  meint,  Leonardo  müsse 
verstanden  haben,  durch  Injektion  z.  B.  des  Mesenteriums, 
der  Blutgefäße  für  seine  Bildzwecke  anatomische  Präpa- 
rate in  modernem  Sinn  herzustellen. 

Daß  Leonardo  als  Erster  vergleichende  Anatomie  ge- 
trieben hat;  daß  er  den  gemeinsamen  Typus  im  tierischen 
Leibe  wahrgenommen;  daß  er  den  Menschen  als  organi- 
siertes Lebewesen  wie  etwas  Selbstverständliches  für  nicht 
mehr  als  ein  zu  höchst  stehendes  Tier  gehalten  und  der 

X» 

CXLVII 


Gattung  der  Affen  vorangestellt;  daß  er  die  Funktionen 
seines  Leibes  und  die  Bewegungen  seiner  Gliedmaßen 
als  den  Gesetzen  der  Mechanik  unterworfen  erkannt  hat, 
—  das  sind  nur  ein  paar  Beiträge,  welche  die  Freiheit 
und  Größe  dieses  überragenden  Genies  von  einer  neuen, 
frappierenden  Seite  zeichnen. 

Daß  Leonardo  seine  biologischen  Arbeiten  zu  einer  Art 
von  Anthropologie  auszugestalten  gedachte,  beweist  die 
Stelle  (S.  92):  „und  so  gefalle  es  unserem  Urheber,  daß 
ich  die  Natur  der  Menschen  und  ihre  Gewohnheiten  in 
der  Art  darzustellen  vermöge,  wie  ich  seine  Figur  be- 
schreibe", und  er  hat  zu  dem  Zweck  schon  Notizen  ge- 
sammelt, wie  etwa  folgende:  „Die  langen  Nägel  werden 
von  den  Europäern  in  Mißachtung  und  von  den  Indiern 
werden  sie  in  großer  Verehrung  gehalten,  und  sie 
lassen  sie  mit  eindringenden  Wässern  färben,  und  sie 
schmücken  sie  mittels  verschiedener  Durchbohrungen,  und 
sie  sagen,  dies  sei  eine  Sache  der  edlen  Leute  und  daß 
die  kurzen  Nägel  Sache  von  Arbeitern  und  Mechanikern 
in  verschiedenen  Handwerken  sei"  (S.  P.,  W.An.  B.  Fol.3r.). 

In  der  Botanik  sieht  und  erklärt  Leonardo  als  Erster  die 
gesetzmäßige  Anordnung  der  Äste,  Zweige  und  Blätter; 
als  Erster  bestimmt  er  das  Alter  der  Bäume  nach  den 
Ringen  im  Stamme;  doch  beschäftigt  er  sich  mit  der 
Pflanzenwelt  weitaus  mehr  als  Künstler. 

Zoologie  trieb  Leonardo  eigentlich  nur  im  Zusammenhange 
mit  der  Anatomie  und  der  Biologie. 

Um  so  merkwürdiger  berührt  uns  eine  Arbeit  Leonardos, 
die  in  einem  Heft  enthalten  ist,  das  scheinbar  in  den 
Jahren  1493 — 1494  zusammengeschrieben  wurde:  ich 
meine  sein  Tierbuch,  seinen  Bestiarius.  Hier  kommt  näm- 
lich ein  wunderbares  Stück  Mittelalter  zum  Vorschein.  Der 
Urtypus  des  Buches  war  der  alte  Physiologus,  „eine  Zu- 
sammenstellung von  existierenden  und  fabelhaften  Tieren, 
Pflanzen,  Steinen,  deren  Eigenschaften  in  einem  der  natur- 
geschichtlichen Erzählung  folgenden  Abschnitt  typologisch 

CXLVIII 


^1.1  ^  ~/s:.7.-T  /ili." . 


«i»-J  A.f  rt»,>^•^•.,^^/v^.•.1 

„^m.  •)»■•/ «Ar»!-,  ,«„-1, 

JW:;.--^.  •.1H••'• 
»r»«... •.>.;!,«-■  .«fini 

LEONARDO,  THORAX  UND  ABDOMEN 


ROUVEYRE  IV,  FOL.  10  r. 


gedeutet  oder  mit  anderen  Worten:  als  Typus  für  Christus, 
den  Teufel,  die  Kirche,  den  Menschen  ausgelegt  wurden"  — 
(s.  die  Arbeiten  von  Goldstaub  und  Wendriner  und  von 
Anton  Springer),  —  also  Naturprodukte  zum  Zweck  reli- 
giöser Symbolik  benutzt.  Die  Tiere,  Pflanzen,  Steine  waren 
ursprünglich  solche,  die  in  der  Heiligen  Schrift  erwähnt 
imd  dadurch  schon  hervorgehoben  und  ausgezeichnet  sind. 
Bald  ließ  man  die  Pflanzen  und  Steine  fallen;  man  ging 
unbedenklich  auch  über  die  Bibel  hinaus;  statt  der  kirch- 
lichen Symbolik  trat  die  moralische  in  den  Vordergrund, 
und  jedes  Tier  ward  Bild  und  Lehre  von  Tugend  und 
Laster:  in  dieser  Form,  als  Bestiarius,  wurde  das  Buch 
das  verbreitetste,  beliebteste  Lehr-  und  Lesebuch  des 
Mittelalters.  Seine  Bearbeitungen  sind  in  alle  Sprachen 
der  christlichen  Welt  übersetzt;  es  existieren  isländische 
und  syrische  so  gut  wie  holländische  und  provenzalische, 
doch  der  Inhalt,  der  Tierkreis,  die  Deutung  bleiben  sich 
in  allen  fast  gleich.  Den  zahllosen  Bearbeitungen  schließt 
sich  als  eine  der  letzten  die  Leonardos  an.  Stoff  und 
Behandlungsmethode,  ja,  die  Anordnung  selbst  entlehnt 
er  den  älteren:  sonst  wäre  es  kein  Bestiarius  geworden. 
Seine  Quellen  sind  „Fiori  di  virtù",  ein  vielgelesenes, 
oft  gedrucktes  Buch  mit  kleinen  Exkursen,  die  stets  eine 
Tugend  und  das  entgegengesetzte  Laster  behandeln,  mit 
Beispielen  aus  dem  Altertum,  den  Evangelien,  Kirchen- 
vätern und  dem  Tierbuch,  —  voll  anmutigster  Naivität,  in 
der  Stimmung  dem  Fra  Angelico  vergleichbar:  ein  Drittel 
der  Arbeit  Leonardos  ist  aus  diesem  Werk  herausge- 
zogen und  schon  an  der  paarweisen  Anordnung  „Tugend- 
Laster"  kenntlich;  nur  die  zarte  Ornamentik  der  Sprache 
gehört  dem  Künstler  Leonardo  an.  Die  übrigen  Quellen 
sind  Cecco  d'Ascoli  „L'acerba"  (ein  Werk,  das  ich  nicht 
gesehen)  und  besonders  die  Naturgeschichte  des  jüngeren 
Plinius,  dazu  Brunetto  Latini  und  Albertus  Magnus,  deren 
Enzyklopädien  auch  moralisch-allegorische  Tierbücher  ent- 
hielten,  —  Werke,    die   Leonardo   kannte    und   teilweise 

CXLDC 


selbst  besaß  (näheres  s.  Goldstaub  und  Wendriner,  „Ein 
tosco-venezianischer  Bestiarius",  Halle  a.  S.,  Niemeyers 
Verlag,  1892).  —  Nichts  deutet  darauf  hin,  aus  welchem 
Grunde  Leonardo  diese  Arbeit  gemacht  hat,  —  die  un- 
selbständigste und  dabei  die  einzige,  die  man  fertig 
nennen  kann.  Mit  ihrem  fabelhaften  Inhalt,  mit  ihrer 
Anlehnung  an  die  Autorität  scheint  sie  zwiefach  dem 
Wesen  Leonardos  zu  widersprechen.  Anfangs  der  neun- 
ziger Jahre  des  Quattrocento  hat  der  kritische  Denker 
Leonardo  freilich  noch  einen  weiten  Weg  der  Entwick- 
lung vor  sich.  Wir  haben  überhaupt  ein  paar  Fragmente, 
ganz  wenige  Stellen,  die  in  Hinsicht  auf  das,  was  Leo- 
nardo, und  war  es  nur  als  Jüngling,  zu  glauben  ver- 
mochte, verblüffend  wirken.  Wie  denn  nicht!  Was 
gleichzeitige  Reisende  als  Augenzeugen  von  fernen  Län- 
dern und  Dingen  zu  berichten  wußten,  war  nicht  viel 
minder  wunderbar  als  die  Geschichten  vom  Tiger  und 
vom  Phönix,  und  jeder  schwor  auf  ihre  Worte.  Das 
phantastische  Element,  das  Bizarre  dieser  „Naturge- 
schichte" entsprach  völlig  einer  Seite  der  damaligen 
Zeit,  einer  Seite  in  Leonardos  Genie,  ganz  wie  der  Hang 
zur  Symbolik:  je  seltsamer,  desto  besser;  man  lese  nur  die 
von  ihm  damals  ersonnenen  Devisen  und  Allegorien,  Texte 
zu  seinen  Entwürfen  und  Zeichnungen.  Ich  glaube,  daß 
wir  uns  hüten  müssen,  Leonardo  modern  zu  rationali- 
sieren, und  dagegen  ist  sein  Tierbuch  so  gut  wie  eine 
Warnungstafel.  Halten  wir  uns  nur  vor  Augen:  Leonardo 
kommt  zu  uns;  wir  kommen  niemals  völlig  zu  Leonardo. 
Die  Vergangenheit  ist  tot;  es  ist  umsonst,  sich  heute 
vorstellen  zu  wollen,  wie  jenen  in  Moder  zerfallenen 
Hirnen  und  Herzen  einst  zumute  war. 

Das  ist  die  große  melancholische  Lehre,  die  man  aus 
jedem  unbefangenen  Studium  verflossener  Zeiten  und 
Dinge  schöpft.  Verstehen  wir  etwa  einen  vollen  Re- 
naissancemenschen in  seiner  Mischung  von  Ungeheuer- 
lichem   und  Zartestem   je!     Wir   machen   im  besten  Fall 

GL 


einen  dekadenten  Sataniker  aus  ihm.    Begreifen  wir,  was 
ihn  schon  erschreckte  oder  was  ihn  noch  zu  ergötzen  ver- 
mochte?    Sein  Kindliches,  sein  Urderbes?     Von  beidem 
sind  Spuren  in   dem  Allergrößten,   selbst  in  einem  Leo- 
nardo.   Sie  geben  das  Helldunkel,  das  seine  Erscheinung 
plastisch    modelliert.      Lomazzo    erzählt,    Leonardo    habe 
manchmal   Bauern   vom  Markt  mit  sich   nach  Hause  ge- 
nommen   und   sie   mit  Wein   und   Geschichten   bewirtet, 
daß   sie    sich   voll   und  toll   lachten:    und   wenn   sie   mit 
Dank  nachher  aufgebrochen  waren,  zeichnete  er  die  gro- 
tesken   Gesichter    aus    dem    Gedächtnis.     Unter    seinen 
Manuskripten   hat   er   schöne  Schwanke,    „belle  facezie", 
aufbewahrt,  die  er  gehört  und  gesammelt  hat,  um  sie  zu 
verwerten,  —  Schwanke,    sicherlich,   um   Bauern   lachen 
zu  machen.     Für  uns  ohne  Witz,   kaum  verständlich,  im 
Deutschen  nicht  wiederzugeben,  hat  zu  Leonardos  Zeiten 
Bandello    dergleichen   und  Schlimmeres   noch   im  Kreise 
der  gebildetsten,    tugendreichsten,   zartestfühlenden   Frau 
der  Renaissance  erzählt,  zu  Mantua,  im  Studio  der  schö- 
nen  Markgräfin   Isabella   Gonzaga,   Prinzessin   von  Este. 
Und    es  plätscherten   draußen  die  Springbrunnen  lieblich 
dazu,  von  allen  Wänden  blickte  die  süße  Poesie  der  Peru- 
gino und  Mantegna,  und  ernst  und  groß  stand  in  einer  Ecke 
der  Marmorcupido  des  jungen  Buonarroti,   ein  Geschenk 
des   Cesare  Borgia,   Herzogs   der  Romagna.     Auch  Leo- 
nardo   verstand    es,    Prinzen   und  Prinzessinnen   zu   be- 
zaubern.    Noch    ein   halbes  Jahrhundert   erzählte  man  in 
Florenz  und  Mailand  vom  verführerischen  Glänze  seines 
Wesens.     Er   war   ein   Improvisator    sondergleichen    und 
hatte   den   guten  Geschmack,  Improvisationen   nicht  auf- 
zuschreiben.   Seine  besten  Verse,  Lieder  hat  er  uns  ge- 
malt  und   gezeichnet    hinterlassen.     Doch    seine   Fabeln, 
die  Bruchstücke  von  Erzählungen,  mit  ihrer  so  modernen 
Mischung   von   wissenschaftlicher  Exaktheit  und  dichteri- 
schem Flug   geben   uns   schon   einen  Begriff  davon,   was 
er  schönen  Damen   zu   erzählen  pflegte,   während  er  sie 

GLI 


konterfeite,  damit  er  nicht  die  gelangweilte  Trauer  ihrer 
Züge  verewigen  müsse.  Die  novellistischen  Bruchstücke, 
Fabeln,  Schilderungen,  —  alles,  was  uns  Leonardo  auf- 
gezeichnet vererbte,  hat  so  deutlich  den  Sprechton,  daß 
die  Sage  entstehen  konnte,  es  hätte  als  Unterlage  ge- 
dient für  die  Vorträge,  welche  Leonardo  in  seiner  mai' 
ländischen  Akademie  gehalten  —  einer  Akademie,  in 
Parenthese,  die  nie  existiert  hat,  außer  im  Kopf  einiger 
superkluger  Herren  und  als  Inschrift  auf  einigen  kunst- 
voll verschlungenen  Ornamenten.  Leonardos  Schriften 
sind  aber  allerdings  fürs  Sprechen  gedacht,  für  das  Ohr 
bestimmt,  dem  die  Betonung,  dem  die  Pausen  manches 
gliedern  und  gruppieren;  für  die  Rede  mit  dem  langen 
Atem  jener  Zeit  gedacht,  die  gestattet  hat,  über  Verstöße 
gegen  die  Syntax  hinwegzuschlüpfen  und  sie  durch  aus- 
gleichende Verstöße  wieder  zuzudecken:  ein  wildblühen- 
der Sprechstil,  wie  er  in  jedem  Frühalter  und  im  Mund 
des  Volkes  allzeit  wunderbar  gedeiht.  Diesen  Stil  ohne 
grammatikalische  Schulung  warfen  ihm  die  Pedanten  zu 
Florenz  und  Mailand  wohl  vor,  gegen  die  er  sich  so  oft 
und  so  stolz  zu  verteidigen  gewußt. 

Eine  höchst  merkwürdige  Produktion  sind  die  „Prophe- 
zeiungen" Leonardos.  Was  wir  von  ihnen  datieren  kön- 
nen, ist  1497  zusammengestellt,  also  gerade  zur  Zeit, 
wo  Savonarola  in  Florenz  und  bis  nach  Frankreich  hin- 
über als  Prophet  galt.  Ich  stelle  zusammen;  ich  mache 
keine  Theorie  daraus.  Ich  meine  nur,  daß  Leonardo  dem 
Manne  gegenüber,  der  die  Welt  in  ein  nicht  heiteres 
Kloster  verwandeln  wollte,  kaum  anders  empfinden  mußte 
als  ein  paar  Jahrhunderte  später  Goethe,  der  ihn  ein  fratzen- 
haftes, phantastisches  Ungeheuer  und  einen  unreinen 
Enthusiasten  nannte:  nur  war  Leonardo  noch  ganz  anders 
als  Goethe  gewöhnt,  die  schlimmsten  Greuel  unter  dem 
Gesichtswinkel  der  Ewigkeit  zu  sehen  und  als  geheimnis- 
voll Notwendiges  in  Ergebung  gutzuheißen.  Er  nahm  die 
Savonarola-Maske  vor;  was  er  unter  ihr  sagte,  während  er 

CLII 


mit  Rätseln  zu  spielen  und  den  Erast  zu  verspotten  schien, 
war  so  wie  mit  blühenden  Zweigen  blutige  Striemen  in  den 
Leib  der  Zeit  zu  reißen.  Alles  Mönchswesen  war  Leonardo 
herzlich  zuwider;  doch  spottete  er  voltairianisch,  als  Welt- 
mann darüber,  der  um  kein  Schloß  auf  Erden  gegen  die 
Predigt  predigen  möchte.  Uns  Modernen  scheint  er  Luther 
vorzufühlen.  Er  ging  weit  über  ihn  hinaus.  Er  hatte  mit 
dogmatischer  Religion  längst  nichts  mehr  zu  tun.  Also 
ungläubig?  Was  man  so  nennt.  Und  tief  fromm  dabei. 
Voll  ehrfürchtiger  Schauer  gegenüber  den  Wundern  der 
Natur,  welche  die  ihr  innewohnenden  Gesetze  nicht  zer- 
brechen, sondern  nur  enthüllen.  Mit  der  Erkenntnis,  daß 
die  Natur,  wie  Prof.  Arturo  Farinelli  in  seinem  Aufsatz 
„Sentimento  e  concetto  della  natura  in  Leon,  da  V." 
(s.  Miscellanea  di  studi  critici,  edita  in  onore  di  Arturo 
Graf,  Bergamo,  1903)  so  schön  sagt,  non  vuole  e  non 
disvuole,  ma  ha  tutte  prestabilite  le  necessità  causale  e 
quelle  segue  e  quelle  impone  —  die  weder  will,  noch 
„verwill",  sondern  alle  ursächlichen  Notwendigkeiten  in 
sich  vorbestimmt  trägt  und  diese  befolgt  und  diese  auf- 
erlegt. Ein  Forscher,  dessen  Forschung  Gottesdienst; 
denn  wahrhaftig,  sagt  er  in  dem  Trattato  della  pittura,  „die 
große  Liebe  wird  aus  der  großen  Erkenntnis  des  Gegen- 
standes geboren,  den  du  liebst,  und  wenn  du  ihn  nicht 
kennst,  wirst  du  ihn  wenig  oder  gar  nicht  lieben  können; 
und  liebst  du  ihn  nur  um  des  Guten  willen,  das  du  dir 
von  ihm  erwartest,  und  nicht  wegen  der  Summe  seiner 
Tugend,  so  tust  du  wie  der  Hund,  der  den  Schweif  be- 
wegt und  mit  Festlichkeit  sich  aufrichtet  zu  dem,  so  ihm 
einen  Knochen  zu  geben  vermöchte;  aber  kennte  er  die 
Tugend  solchen  Mannes,  er  liebte  ihn  weit  mehr,  wenn 
solche  Kraft  in  seinem  Bereiche  läge."  Erkennen  und 
Lieben,  das  sind  die  beiden  natürlichen  Funktionen  in 
Leonardos  Wesen,  Erkennen  und  Lieben  als  Vorbedin- 
gung zum  Finden  und  Schaffen.  Eine  Natur  von  solcher 
Harmonie  in  der  größten  Vielförmigkeit  hat  die  Erde  nicht 

CLIII 


oft  hervorgebracht.  Es  ist  keine  Gabe  in  ihm,  die  nicht 
ihr  Widerspiel  hätte,  und  stören  sie  sich,  so  lähmen  sie 
sich  nicht,  seine  Gaben,  sondern  schöpfen  Kräfte  aus  ein- 
ander. Ein  ungeheurer  Verstand,  der  kritisiert,  zerlegt, 
zersetzt;  eine  ungeheure  Phantasie,  die  kombiniert,  die 
bildet,  die  erschaut.  Ein  Herz,  das  überströmt,  das  in 
einer  Zärtlichkeit  ohnegleichen  das  ganze  Leben,  jede 
Kreatur  umfaßt;  ein  Charakter,  der  zusammenhält,  alles 
in  eine  Richtung  biegt,  in  strenger  Ökonomie  zum  Werke 
zwingt.  So  vollkommen  und  dadurch  wie  in  eine  silberne 
Rüstung  unzugänglich  eingeschlossen  geht  Leonardo  durch 
seine  Zeit.  Er  ist  allem  in  Liebe  verwandt  wie  der  Hei- 
lige von  Assisi  und  allem  fremd  wie  der  Bote  einer  ganz 
anderen  Welt,  weil  er  sich  nicht  in  die  niedrige  irdische 
mischt  und  mit  ihr  gar  wenig  gemein  hat.  Mit  der  großen 
Sophrosyne,  dem  heiteren  Gleichmaß  des  äußeren  Wesens, 
die  das  Merkzeichen  der  höchsten  Überlegenheit  des  Men- 
schenadels ist,  gilt  er  auch  heute  noch  für  gleichgültig 
kühl,  wie  Goethe.  Napoleon  hatte  diesen  anders  erkannt. 
„C'est  un  homme  qui  a  eu  de  grands  chagrins",  sagte 
er  von  ihm.  Das  wundervolle  Selbstbildnis  Leonardos 
erzählt  das  Gleiche.  „Dig  but  deep  enough,  and  under 
all  earth  runs  water  and  under  all  life  runs  grief."  Wenn 
es  nicht  Leonardos  eigene  Worte  verraten  haben:  „wo 
das  größte  Gefühl,  ist  das  größte  Märtyrertum".  Das 
Märtyrertum  des  eigenen,  wahrhaftig  größten  Gefühls  hat 
den  Mann,  der  an  der  Seite  eines  Borgia  einst  unbewegt 
durch  Blut  und  Greuel  ging,  schließlich  fast  zu  einem 
Buddhisten  gemacht,  dem  alles  Leben  heilig  war,  bis  zur 
Enthaltung  vom  Fleischgenuß,  damit  um  seinetwillen  nicht 
die  geringste  Kreatur  Schmerz  und  Tod  erleiden  müsse. 
Und  in  dem,  der  gesagt:  „wer  das  Leben  nicht  zu  schätzen 
weiß,  verdient  es  nicht",  liegt  hart  daneben  die  tiefe  Sehn- 
sucht nach  Ruhe,  die  Todessehnsucht.  „Nacht"  nennt 
er  den  Spruch:  „so  wie  ein  gut  verbrachtes  Tagewerk 
ein   gutes  Schlafen   gibt,   so   gibt   ein   wohl   angewandtes 

CLIV 


(Dasein)  einen  heiteren  Tod".  Und:  „Jeder  Teil  hat 
Neigung,  sich  mit  seinem  Ganzen  wieder  zu  vereinigen, 
um  der  Unvollkommenheit  zu  entfliehen  .  .  .  Nun  sieh, 
die  Hoffnung  und  der  Wunsch,  wieder  in  seine  Heimat 
zurückzukehren,  macht  es  wie  der  Schmetterling  mit  dem 
Licht  ..." 

Solche  Worte  heben  den  letzten  Schleier  von  Leonardos 
Wesen.  Der  große  Positivist  war  im  tiefsten  Grund  sei- 
ner schönheitsdurstigen  Seele  ein  pantheistischer  Mystiker. 


"YY/er  sich  die  Mühe  genommen,  vorstehende  Seiten  durch- 
^  zulesen,  wird  schon  ahnen,  welche  unermeßlichen 
Schwierigkeiten  das  Verständnis,  die  Auslese,  die  Über- 
setzung der  Sachen  des  großen  Meisters  bieten.  Ich  zog 
vor  Jahren  aus,  urteilslos  wie  ein  Kind,  um  mit  der  Nuß- 
schale meines  Könnens  und  Wissens  ein  Meer  auszu- 
schöpfen, und  wie  das  beim  Wasser  ist:  ich  wurde  nicht 
Herr  darüber,  es  wurde  Herr  über  mich  und  ließ  mich 
nicht  los.  Was  ich  vom  kostbaren  Naß  in  meiner  Schale 
gesammelt  habe,  biete  ich  dem  Leser  nun  zum  zweiten- 
mal, ob  es  ihm  munde.  Für  mich  blinken  alle  Schätze 
der  Welt  darin. 

So  vieles  mußte  ich  beiseite  lassen.  Ich  konnte  keinen 
Begriff  geben  von  der  impulsiven  Unmittelbarkeit  dieser  wie 
persönlichen  Ergüsse  Leonardos,  die  dabei  nichts  sind  als 
die  Formulierung  einer  physikalischen  Wahrheit,  die  Be- 
rechnung von  Kegelschnitten,  der  Aufriß  eines  Zwanzig- 
flaches; daneben  steht  aber:  „falsch!  nicht  richtig!  ge- 
irrt!" oder  „das  ist  ein  schöner  Zweifel  und  würdig,  be- 
trachtet zu  werden!"  oder  so  liebenswürdig  froh:  „Sag 
mir,  ob  je  etwas  gemacht  wurde  ..."  „Körper,  hervor- 
gegangen aus  der  Perspektive  des  Leonardo  da  Vinci, 
Schülers  der  Wissenschaft." 
Die  Übersetzung  ist  weder  elegant,  noch  ist  sie  sehr  gut 
deutsch;  sie  ist  nur  ganz  getreu.     Es  wäre  sehr  leicht 

CLV 


gewesen,  sie  anders  zu  machen,  viel  bequemer  für  mich, 
viel  angenehmer  für  den  Leser;  ich  meinte  aber,  Leo- 
nardo wiedergeben  zu  müssen,  nicht  ihn  irgendwie  ver- 
bessern zu  dürfen.  Wo  er  unklar  ist,  steht  er  unklar  da: 
meine  Deutung  wäre  vielleicht  eine  Fälschung  geworden.  Ich 
habe  die  Texte  behandelt,  wie  man  Dokumente  behandelt; 
jedes  Umstellen  eines  Wortes  konnte  den  Sinn  verdunkeln. 
Ich  wollte  mich  nicht  unter  das  Gesetz  der  Grammatik 
stellen  und  Leonardo  verwischen.  So  opferte  ich  wohl  ein 
Stück  Klarheit,  leichte  Lesbarkeit,  —  denn  die  Grammatik 
ist  ja  nicht  Selbstzweck,  sondern  Mittel  zum  Zweck,  — 
doch  ich  gewann,  glaube  ich,  ohne  altertümliche  Worte 
aufzusuchen,  einen  altertümlich  gebräunten  Ton  der 
Sprache,  die  naive  Umständlichkeit,  die  treuherzige  Kind- 
lichkeit und  mit  kecker  Unbekümmertheit  auch  etwas  von 
der  schönen  Bildlichkeit  zurück,  —  ein  Stück  von  dem, 
was  ich  um  jeden  Preis  bewahren  wollte.  In  meinen 
schweren  Gewissensnöten  hat  es  mich  oft  beruhigt,  daß 
Paul  Ernst  in  seiner  meisterhaften  Übersetzung  altitalieni- 
scher Novellen  ebenso  verfahren  und  daß  ich  Ähnliches 
ja  schon  mit  J.  P.  Jacobsen  gewagt. 

Zum  Schluß  möchte  ich  der  hohen  Direktion  der  k.  k. 
Hofbibliothek  in  Wien  meine  warme  Dankbarkeit  aus- 
sprechen, daß  sie  mir  das  so  kostbare  Material  für  meine 
schwierige  Arbeit  jahrelang  in  großdenkender  Weise  zur  Ver- 
fügung gestellt;  ich  möchte  den  Herren  danken,  die  für  mich 
sich  so  viel  Mühe  gegeben,  speziell  den  Herren  Dr.  Oth- 
mar  Doublier,  Dr.  Friedrich  Egger  von  Möllwald, 
Dr.  Franz  Schöchtner,  den  Herren  Dr.  Doernhöffer, 
Dr.  Egger,  Dr.  Weixelgaertner  und  schließlich  Dr.  Beer, 
die  mir  alle  in  der  Bibliothek  und  in  der  Kupferstich- 
sammlung des  allerhöchsten  Kaiserhauses  aufs  liebens- 
würdigste beigestanden  haben  und  entgegengekommen 
sind. 

September   1906 

MARIE  HERZFELD 

CLVI 


ZUM  VERSTÄNDNIS  DER  ABKÜRZUNGEN, 
SIGNATUREN  UND  ZEICHEN 


Die  Aufzeichnungen  Leonardos,  welche  in  dieser  Sammlung 
zusammengestellt  sind,  wurden  folgenden  Publikationen  ent- 
nommen: 

1.  der  schönen,  musterhaft  angeordneten  Ausgabe  der  Manu- 
skripte in  6  Foliobänden,  welche  die  Bibliothek  des  Institut 
de  France  in  Paris  besitzt  (Les  manuscrits  de  Léonard  de  Vinci, 
publies  en  fac-similés  phototypiques,  avec  transcriptions  littérales 
etc.  par  M.  Charles  Ravaisson-Mollien,  Paris,  Maison  Quantin, 
1881 — 1891).  Die  einzelnen  Manuskripte  tragen  die  Signaturen: 
A.,  B.,  C,  D.,  E.,  F.,  G.,  H.  (I,  II,  III),  I.,  K.,  L.,  M.;  dazu  die  zwei  aus 
dem  Besitz  der  Lords  Ashburnham  stammenden  Handschriften, 
welche  man  mit  Ash.  I,  Ash.  II  bezeichnet. 

2.  der  großen  Prachtausgabe  des  Codex  atlanticus  der  Am- 
brosianischen Bibliothek  (II  codice  atlantico  di  Leonardo  da 
Vinci  nella  Biblioteca  Ambrosiana  di  Milano,  riprodotto  e  pub- 
blicato dalla  Regia  Accademia  dei  Lincei  etc.  Trascrizione  diplo- 
matica e  critica  di  Giovanni  Piumati.  Ulrico  Hoepli,  Milano 
1894 — 1903).    Man  bezeichnet  diesen  Codex  mit  CA. 

3.  dem  Codex  des  Hauses  Trivulzio  (II  Codice  di  L.  d.  V.  nella 
Biblioteca  del  Principe  Trivulzio  in  Milano.  Trascritto  ed  anno- 
tato da  Luca  Beltrami  etc.  Milano  1891,  Fratelli  Dumolard). 
Signatur  Ms.  Tr. 

4.  dem  höchst  verdienstvollen  zweibändigen  Werke  von  J.  P. 
Richter  (Literary  works  of  L.  d.  V.  compiled  and  edited  from  the 
original  manuscripts  by  Jean  Paul  Richter  etc.  in  two  volumes 
etc.  London,  Simpson  Low,  Matson,  Searle  &  Rivington,  1883). 
Dieses  Werk,  welches  auf  Subskription  erschienen  ist,  ist  uns 
auch  heute  noch  äußerst  wichtig  als  Quelle  für  die  Schätze  der 
englischen  Bibliotheken,  die  leider  größtenteils  noch  der  Ver- 
öffentlichung harren.  Man  kann  gegen  die  Auswahl,  welche 
Richter  traf,  Einwendungen  erheben  —  keine  Auswahl  ist  ein- 
wandfrei; er  irrt  sich  auch  manchmal  im  Lesen  und  Deuten 
der  Texte;  die  Übersetzung  der  Texte,  welche  er  nicht  selbst 
gemacht  hat,  ist  sicher  in  vorzüglichem  Englisch,  zeigt  aber 
ungenügende  Kenntnis  des  Italienischen;  dennoch  wäre  es  ver- 
fehlt, den  ungeheuren  Wert  dieser  großen  Arbeit  zu  verkennen 
und  zu  unterschätzen.  Aus  der  Richterschen  Transkription  vincia- 
nischer  Texte  habe  ich  entnommen:  Stellen 

CLVII 


a)  aus  den  Heften  über  Anatomie,  welche  die  kgl.  Bibliothek 
von  Windsor  besitzt,  Signatur  W.  An.  (III,  IV); 

b)  aus  den  Mss.  des  South  Kensington  Museum  in  London, 
Signatur  S.  K.  M.  (I,  II); 

c)  aus  dem  Ms.  des  British  Museum,  Signatur  Br.  M.; 

d)  aus  dem  Ms.  der  Bibliothek  des  Lord  Leicester  in  Holkham 
Hall,  Norfolk,  Signatur  Leic; 

e)  aus  dem  Ms.  der  Windsor  Library,  Signatur  W.  L.; 

f)  aus  dem  Ms.  der  Windsor  Library,  Signatur  Ms.  W.  P.; 

g)  aus  den  Blättern  der  k.  Bibliothek  in  Turin,  Signatur 
Ms.  Tur; 

h)  aus  den  Blättern  der  Oxforder  Bibliothek,  Signatur  Ms.  Ox. 

4.  aus  der  prachtvollen  Publikation,  die  der  Munificenz  des 
Russen  Theodor  Sabaschnikoff  zu  danken  ist  und  für  die  er  sich 
die  ausgezeichnete  Mitarbeiterschaft  der  Herren  Giovanni  Piumati 
und  Charles  Ravaisson-Molllen  gesichert  hat.  Erschienen  sind 
bisher: 

a)  Codice  sul  volo  degli  uccelli  e  varie  altri  materie  pubbli- 
cato da  Teodoro  Sabachnikoff.  Trascrizioni  e  note  di  Giovanni 
Piumati,  traduzione  in  lingua  francese  di  Carlo  Ravaisson- 
Mollien.  Facsimili  di  Angerer  &  Göschl,  Vienna.  Editore: 
Edcuard  Rouveyre,  Parigi,  1893.     Signatur:  Ms.  V.  U. 

b)  I  Manoscritti  di  Leonardo  da  Vinci  della  Reale  Biblioteca 
di  Windsor:  Dell'  Anatomia,  Fogli  A.  Pubblicati  di  Teodoro 
Sabachnikoff,  trascritti  e  annotati  di  Giovanni  Piumati,  con 
traduzione  in  lingua  francese  di  Carlo  Ravaisson-Mollien.  Prece- 
duti di  uno  studio  di  Mathias-Duval,  Parigi,  Ed.  Rouveyre,  1898; 
Signatur:  SP.,  Ms.  W.  An.  A. 

e)  I  Manoscritti  di  Leonardo  da  Vinci,  della  Reale  Biblioteca 
di  Windsor:  Dell'  Anatomia,  Fogli  B,  Pubblicati  di  Teodoro 
Sabachnikoff,  trascritti  e  annotati  di  Giov.  Piumati,  con  tra- 
duzione in  francese  di  Carlo  Ravaisson-Mollien;  Torino-Roma, 
Roux  &  Viarengo,  Editori,  1901.     Signatur:  SP.,  Ms.  W.  An.  B. 

Außer  dieser  unvollendeten  Ausgabe  der  englischen  Mss.,  die 
eine  vom  k.  englischen  Herrscherhause  gestattete  ist,  gibt  es 
jetzt  eine  zweite,  unerlaubte  und  auch  sonst  nicht  einwandfreie 
Facsimile-Reproduktion  der  Mss.  von  Windsor  und  jener  des  British 
(South  Kensington)  Museum  mit  unentzifferten  Texten  — 
erstere  in  22  Bd.,  letztere  auch  in  vielen  Bänden,  v.  Ed.  Rouveyre, 
Paris  1901  herausgegeben.  Ich  habe  sie  nur  teilweise  sehen  und 
benützen  können. 

Um  also  die  Signaturen  recht  zu  verstehen: 

Bezeichnung:  Ms.  CA.  Fol.  12r.  bedeutet,  daß  die  betreffende 

CLVIII 


Stelle  im  Codex  atlanticus,  Blatt  12  recto  zu  finden  ist;  die 
Signatur:  R.  1194,  Ms.  S.  K.  M.  Fol.  14v.,  daß  die  Stelle  in 
Richters  Ausgabe,  §  1194  steht  und  aus  dem  Ms.  des  South 
Kensington  Museums,  Folioseite  14  verso  entnommen  ist. 

Eine  eckige  Klammer  im  Text  [  ]  enthält  Stellen,  die  Leonardo 
durchgestrichen  hat,  die  aber  zur  Aufhellung  seiner  Idee  oder 
als  Beitrag  zu  seiner  Biographie  reproduziert  werden. 

Die  runde  Klammer  (  )  enthält  Beifügungen  und  Aufklärungen 
von  mir  selbst. 


^^^S:;;^^?^  ACHDEM  ICH  SEHE,  DASS  ICH  KEINE 
I  ]XT[  i  MATERIE  VON  GROSSER  NÜTZLICH- 
I  Fx!  I  KEIT  ODER  WOHLGEFÄLLIGKEIT  ER- 
mi^^^  GREIFEN  KANN,  WEIL  DIE  MENSCHEN, 
SO  VOR  MIR  GEBOREN  SIND,  ALLE  NÜTZLICHEN 
UND  NOTWENDIGEN  GEGENSTÄNDE  FÜR  SICH 
GENOMMEN  HABEN,  WERDE  ICH  ES  MACHEN 
WIE  JENER,  DER  AUS  ARMUT  ALS  LETZTER  AUF 
DEN  JAHRMARKT  KOMMT  UND  NICHT  IMSTANDE, 
SICH  MIT  ANDEREM  VORZUSEHEN,  ALLE  DIE 
SACHEN  ZUSAMMENRAFFT,  DIE  SCHON  VON  DEN 
ÜBRIGEN  GESEHEN  UND  NICHT  ANGENOMMEN 
WORDEN,  SONDERN  ZURÜCKGEWIESEN  WEGEN 
IHRES  GERINGEN  WERTES.  ICH,  —  DIESE  GE- 
RINGE UND  VERSCHMÄHTE  WARE,  ÜBERBLEIBSEL 
VON  DEN  VIELEN  KÄUFERN,  WERDE  ICH  AUF 
MEIN  SCHWACHES  SAUMTIER  LEGEN  UND  MIT 
DIESEM,  —  NICHT  DURCH  DIE  GROSSEN  STÄDTE, 
SONDERN  DURCH  DIE  ARMEN  DÖRFER  WERDE 
ICH  AUSTEILEND  GEHEN  UND  SOLCHEN  LOHN 
EMPFANGEN,  WIE  DIE  SACHE  VERDIENT,  SO 
VON  MIR  GEGEBEN  WARD.  MS.  CA.  FOL.  119  r. 


I.  ÜBER  DIE  WISSENSCHAFT 


Theorie    und  R.  110,  MS.  BR.  M.  FOL.  171  r. 

Praxis. 

ußt  zuerst  die  Theorie  beschreiben  und  hierauf 
die  Praxis. 


S{^ 

M 

'i 

M 

Fährerschaft,       H.  MS.  J.  FOL.  130  f. 

die   dem    Wissen 

gebührt.         Qjg  Wissenschaft  ist  der  Kapitän,  die  Praxis,   das  sind 


Soldaten. 


Es     glaube    der    \\\ 
Künstler  nicht. 


entbehren  zu 
können. 


MS.  G.  FOL.  8  r. 

der  Wissenschaft  Vom  Irrtum  jener,   so    die  Praxis   ohne  Wissen- 

Schaft  anwenden 

Jene,  die  sich  in  die  Praxis  ohne  Wissenschaft  verlieben, 
sind  wie  der  Pilot,  so  ein  Schiff  ohne  Steuer  noch  Kom- 
paß betritt:  welcher  dann  nie  Sicherheit  besitzt,  wohin 
es  geht. 

Immer  muß  die  Praxis  auf  die  gute  Theorie  gebaut  sein, 
zu  der  die  Perspektive  Führerin  und  Pforte  ist,  und  ohne 
sie   macht  man  nichts  gut  in  den  Vorfällen  der  Malerei. 


Unterschied  zwi- 
schenTheorie  und 
Praxis  ;  Gefahr 
des  reinen  Theo- 
retisierens. 


IV.  MS.  CA.  FOL.  93  v. 

Wo  die  Wissenschaft  der  Gewichte  durch  die 

Praxis  betrogen  ist 

Die  Wissenschaft  von  den  Gewichten  wird  durch  ihre 
Praxis  betrogen  und  in  vielen  Teilen  ist  diese  nicht  im 
Einklang  mit  selbiger  Wissenschaft,  noch  ist  es  möglich, 
sie  zusammenzustimmen,  und  dies  wird  von  den  Polen 
der  Wage  hervorgebracht,  vermittelst  derer  man  aus 
solchen  Gewichten  Wissenschaft  zieht,  welche  Pole  bei 


den  antiken  Philosophen  als  Pole  von  der  Natur  der 
mathematischen  Linie  angenommen  wurden,  und  manchen- 
orts als  mathematische  Punkte,  welche  Punkte  und  Linien 
unkörperlich  sind:  und  die  Praxis  setzt  sie  als  körperlich, 
weil  Notwendigkeit  es  so  befiehlt,  sollen  sie  das  Gewicht 
selbiger  Wage  stützen,  zugleich  mit  den  Gewichten,  die  auf 
ihn  beurteilt  werden. 

Ich  habe  gefunden,  daß  selbige  Alten  sich  in  Beurteilung 
der  Gewichte  geirrt  haben,  und  dieser  Irrtum  wurde  dar- 
aus geboren,  daß  sie  in  einem  großen  Teil  ihrer  Wissen- 
schaft körperliche  Pole  anwenden  und  in  einem  großen 
Teil  wieder  mathematische  Pole,  das  heißt  geistige  (ge- 
dachte) oder  besser  unkörperliche. 


V. 


R.  1169,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  36  V.    Nicht  Worte,  son- 
'  dern   Tatsachen  ! 


Fliehe  jenes  Studium,   dessen   erzieltes  Werk  mit  dem  ^'^Zfnef.''^'" 
stirbt,  durch  das  es  gewirkt  ward. 


VL 


MS.  G.  FOL.  96  v. 


Keine  Gewißheit  dort,  wo  man  nicht  eine  der  mathema- 
tischen Wissenschaften  anzuwenden  vermag,  oder  bei  dem, 
was  nicht  mit  dieser  Mathematik  verbunden  werden  kann. 


Nur  in  der  Ma- 
thematik ist 
Sicherheit. 


VII. 


Mich  lese,  wer  nicht  Mathematiker  ist,  in  meinen  Grund 
Zügen  nicht. 


R.  3,  MS.  W.  AN.  IV.  FOL.  163  V.    Die   Mathematik 

Grundlage    aller 
wahren    Wissen- 
schaft. 


VIIL 


MS.  A.  FOL.  31  r. 


Alle    Wissen- 
schaft  muß  auf 

Ich  erinnere  dich,  daß  du  deine  Behauptungen  und  daß  ^'^gS^et  sein'' 
du   das    obenan  Geschriebene   durch  Beispiele   erhärtest, 
und  nicht  durch  Behauptungen,  was  zu  einfach  wäre,  und 
du  wirst  also  sagen:  Experiment. 


IX.  MS.  H.  II.  FOL.  90  r 

Erinnere  dich,  wenn  du  das  Wasser  erklärst 


Experiment  anzuführen  und  hierauf  die  Ursache. 


Man    lernt    und 
überzeugt   durch 
erst    das    Beobachtung  und 
Versach. 


1» 


Das  Experiment:    X.  MS.  CA.  FOL.  86  f. 

ein  planmäßiges 

Nachahmen  des     Das  Experiment,   Dolmetsch   zwischen  der  kunstreichen 

Vorgehens       der 

Natur,  um  die  Natur  und  der  menschlichen  Spezies,  lehrt  uns,  was  schon 

z^ammfnMnge  selbigc  Natur  unter  den  Sterblichen  anwendet,  daß  man,  von 

Til'wus'enslhaft  ^^^  Notwendigkeit  gezwungen,  nicht  anders  wirken  könne, 

bilden.  ^jg  ^jg  (jjg  Vernunft,  ihr  Steuer,  sie  zu  wirken  lehrt. 

Aus    der    Unter-    XL  MS.  E.  FOL.  55  f. 

suchang  der  Wir- 

d^eUrsa^hln  er-     ^^^    einer  Definition  über  die  zusammengesetzte  Wage). 
kennen.  .  .  .  Aber  crst  Werde  ich  einige  Versuche  machen,   ehe 

ich  weiter  vorgehe,  weil  meine  Absicht  ist,  zuerst  das 
Experiment  vorzubringen,  und  dann  mit  der  Ursache  zu 
zeigen,  weshalb  selbiges  Experiment  gezwungen  ist,  in 
solcher  Weise  zu  wirken.  Und  dieses  ist  die  wahre  Regel, 
wie  die  Erforscher  der  Wirkungen  der  Natur  vorgehen 
müssen,  und  wenngleich  die  Natur  mit  der  Ursache  be- 
ginnt und  mit  dem  Experiment  endet,  wir  müssen  ent- 
gegengesetzten Weg  verfolgen,  d.  h.  beginnen,  wie  ich 
oben  sagte,  mit  dem  Experiment  und  mit  diesem  die  Ur- 
sache untersuchen. 

Erst     aus    einer    XU.  MS.  A.  FOL.  47  f. 

Reihe    von    Ex- 

^^mar^üchJ'rT     '  '  '  ^^^  ^^  ^"^  diescm  Fall  eine  allgemeine  Regel  machst. 
Schlösse  ziehen,  versuche  ihn  zwei-  bis  dreimal  und  sieh  zu,  ob  die  Experi- 
mente auch  die  gleichen  Wirkungen  hervorbringen. 

Nicht    die    Er-   XIIL  MS.  CA.  FOL.  154  r. 

fahrung,     unser 

^'^^^\J^'^'=^^  Das  Experiment  irrt  nie,  sondern  es  irren  nur  eure 
Urteile,  die  sich  von  jener  eine  Wirkung  versprechen, 
die  in  unseren  Erfahrungen  nicht  begründet  ist.  Denn, 
ein  Anfang  erst  gegeben,  ist  es  notwendig,  daß  jenes, 
was  hierauf  kommt,  die  wahre  Folge  solchen  Anfanges 
sei,  wenn  es  nicht  eher  schon  (gestört  und)  behindert 
wurde;  und  wenn  auch  eine  Behinderung  da  war,  —  die 
Wirkung,  welche  aus  vorbesagtem  Anfang  hervorgehen 
sollte,  nimmt  um  so  viel  mehr  oder  weniger  an  genannter 


uns. 


Behinderung  teil,  als  selbige  mehr  oder  etwa  weniger 
machtvoll  ist  als  der  schon  erwähnte  Anfang. 

Die  Erfahrung  irrt  nicht,  doch  es  irren  bloß  unsere  Ur- 
teile, von  ihr  sich  Dinge  versprechend,  die  nicht  in  ihrer 
Macht  sind.  Mit  Unrecht  beklagen  sich  die  Menschen 
über  die  Erfahrung,  welche  sie  mit  höchsten  Vorwürfen 
beschuldigen,  trügerisch  zu  sein.  Aber  lasset  selbige 
Erfahrung  nur  stehen  und  kehret  solche  Lamentation 
wider  eure  Unwissenheit,  welche  euch  dazu  übereilen 
läßt,  mit  euern  eiteln  und  törichten  Wünschen  euch  von 
jener  Dinge  zu  versprechen,  die  in  ihrer  Macht  nicht 
sind,  sagend,  sie  sei  trügerisch. 

Mit  Unrecht  beklagen  sich  die  Menschen  über  die  un- 
schuldige Erfahrung,  diese  häufig  falscher  und  lügenhafter 
Demonstrationen  beschuldigend. 

XIV.  MS.  F.  FOL.  23  r. 
Um  einen  Kanal  auszutiefen:  mache  dies  im  Buch 

„Von  den  Nutzanwendungen",  und  indem  du  sie 
versuchest,  beziehe  dich  auf  die  bewiesenen  Sätze,  und 
dieses  ist  die  wahre  Ordnung;  denn  wolltest  du  jedem 
Satz  seine  Anwendung  erst  zeigen,  müßtest  du  nun  Werk- 
zeuge machen,  um  solche  Nützlichkeit  zu  beweisen,  und 
so  würdest  du  die  Ordnung  der  vierzig  Bücher  untereinander 
bringen,  und  ebenso  die  Ordnung  der  Abbildungen;  das 
heißt,  du  hättest  die  Praxis  mit  der  Theorie  zusammen- 
zumischen, was  eine  verwirrte  und  ganz  zerrissene 
Sache  wäre. 

XV.  R.  6,  MS.  BR.  M.  FOL.  32  v. 
Es  ist  nicht  zu  tadeln,  wenn  innerhalb  der  Ordnung  der 

Entwicklung  einer  Wissenschaft  irgendeine  allgemeine 
Regel  gezeigt  wird,  die  aus  einem  vorhergegangenen 
Schluß  geboren  ist. 

XVL  MS.  CA.  FOL.  147  v. 

Keine  Wirkung  ist  in  der  Natur  ohne  Ursache;  begreife 
die  Ursache,  und  du  brauchst  kein  Experiment. 


Wie  in  der  Ma- 
thematik, maß 
man  in  allen 
Wissenschaften 
vom  Bekannten 
zum  Unbekann- 
ten     aufsteigen. 


Außer  der  ex- 
perimentalen 
Methode  ist  auch 
die  logische  Be- 
weisführung zu- 
lässig. 


Das    Experiment 
nur     ein     Hilfs- 
mittel    der    Er- 
kenntnis. 


die    wahre   Wissenschaft    von    der 


MS.  E.  FOL.  54  r. 
Bewegung    der 


Alles  wahre 
Wissen  lehrt  uns, 
die  Grenzen  anse- 
res  Geistes  zu 
erkennen  und 
nichts  Unmög- 
liches zu  fordern. 


Man  muß  immer  XVII. 
trachten,  zu  den 

letzten  Ursachen  Uni 

aufzusteigen,  -,»..<•         i         t      «                    .               •                                     ,. 

will  man  sein  Vogel  in  der  Luft  ZU  geben,  ist  es  notwendig,  erst  die 
'"^nl^n.  ^  Wissenschaft  der  Winde  zu  geben,  die  wir  vermittelst  der 
Bewegungen  des  Wassers  in  sich  selbst  erweisen  werden, 
und  diese  selbige  vernünftige  Wissenschaft  wird  aus  sich 
eine  Leiter  machen,  um  auf  ihr  zur  Kenntnis  der  Flieger 
innerhalb  der  Luft  und  des  Windes  zu  gelangen. 

XVm.  MS.  CA.  FOL.  1 19  r. 

....  Diese  Regeln  sind  Ursache,  dich  das  Wahre  vom 
Falschen  unterscheiden  zu  machen,  welche  Sache  wieder 
macht,  daß  die  Menschen  sich  nur  die  möglichen  Dinge 
versprechen  und  mit  mehr  Mäßigkeit,  und  daß  du  dich 
nicht  in  Unwissenheit  verschleierst,  was  zur  Folge  hätte, 
daß  du  keine  Wirkung  erzieltest  und  mit  Verzweiflung 
dich  der  Melancholie  ergeben  müßtest. 

XIX.  MS.  M.  FOL.  58  v. 
Die  Wahrheit  war  immer  nur  die  Tochter  der  Zeit. 

XX.  MS.  G.  FOL.  47  r. 
O  du  Erforscher  der  Dinge,  rühme  dich  nicht,  die  Dinge 

zu  kennen,  welche  die  Natur  ordnungsgemäß  durch  sich 
selber  führt.  Aber  freue  dich,  Zweck  und  Ende  der 
Dinge  zu  wissen,  die  von  deinem  eigenen  Geist  ent- 
worfen sind. 


Die      Erkenntnis 

des    Wahren    ist 

ein      Werk      der 

Jahrtausende. 

Man  entreißt  der 

Natur  nicht  alle 

Geheimnisse. 


Wert  der  Kennt-    XXI 
nisse  für  Charak- 
ter   und    Urteil 


MS.  CA.  FOL.  223  r. 
Die  Erwerbung  jeder  Kenntnis  ist  immer  nützlich  für 
den  Intellekt,  weil  er  aus  sich  die  nutzlosen  Dinge  wird 
hinausjagen  können  und  die  guten  zurückbehalten.  Weil 
man  keine  Sache  lieben  kann  noch  hassen,  wenn  man 
nicht  erst  Erkenntnis  von  ihr  hat. 


Gegen die,welche    XXIL  R.  1210,  MS.  W.  AN.  III,  FOL.  241  T.  UND  V. 

Auszüge  aus  den 

Büchern  machen     Die  Verkürzer   der   Werke   tun   der  Kenntnis   und   der 

und    zusammen- 

hängende    Dar-  Liebe  Schaden,  nachdem   die  Liebe  zu  welchem  Gegen- 


6 


stand  immer  die  Tochter  selbiger  Kenntnis  ist;  die  Liebe  ffi'""^  ""'^  '*.*• 

°  '  leitende  Beweis- 

ist  um  SO  inniger,  je   sicherer  die  Kenntnis  ist,  welche  fuhrang  für  aber. 

_.    ,        ,      .  ,  .  ,  yr  •  ,,     .  ^    .  flüssig  halten. 

Sicherheit  aus  der  integralen  Kenntnis  all  jener  Teile 
entsteht,  die  miteinander  vereinigt  das  Ganze  der  Dinge 
bilden,  die  geliebt  werden  sollen;  wozu  taugt  also  jenem, 
der,  um  die  Teile  jener  Sachen  abzukürzen,  von  denen 
eine  erschöpfende  Nachricht  zu  geben  er  sich  zum  Hand- 
werk macht,  daß  er  den  größeren  Teil  der  Sachen  zurück- 
läßt, aus  welchen  das  Ganze  zusammengesetzt  ist?  Es 
ist  wahr,  daß  die  Ungeduld,  Mutter  der  Torheit,  jene  ist, 
so  die  Kürze  lobt:  als  ob  diese  selbigen  nicht  so  viel 
Leben  noch  übrig  hätten,  damit  es  ihnen  diene,  die  völlige 
Nachricht  von  einem  einzigen  solchen  Detail  erwerben  zu 
können,  wie  ein  menschlicher  Körper  es  ist.  Und  nach- 
her wollen  sie  den  Geist  Gottes  umfassen,  in  dem  das 
Weltall  eingeschlossen  ist,  indem  sie  ihn  auf  Karate  wägen 
und  in  unendliche  Teilchen  zerstückeln,  als  hätten  sie 
ihn  zu  anatomisieren. 

O  menschliche  Dummheit,  nimmst  du,  die  du  dein  ganzes 
Leben  mit  dir  selbst  verbracht  hast,  nicht  dich  selber 
wahr  und  hast  nicht  Kunde  von  dem,  was  du  am  meisten 
besitzest,  von  deiner  Narrheit  nämlich?  Und  willst  dann 
mit  der  Mehrheit  der  Sophistischen  dich  betrügen  und 
andere,  verachtend  die  mathematischen  Wissenschaften, 
in  denen  die  Wahrheit  wohnt  und  alle  Kenntnis  von  den 
Dingen,  die  in  ihnen  enthalten  sind.  Und  willst  dann  zu 
den  Wundern  davonlaufen  und  schreiben,  daß  du  Kunde 
habest  von  den  Dingen,  deren  der  menschliche  Geist  nicht 
fähig  ist  und  die  sich  durch  kein  Beispiel  aus  der  Natur 
nachweisen  lassen,  und  du  glaubst  Wunder  getan  zu  haben, 
wenn  du  das  Werk  irgendeines  spekulativen  Ingeniums 
zerstörst  hast,  und  bemerkest  nicht,  daß  du  in  den  gleichen 
Irrtum  verfällst,  wie  jener,  der  den  Baum  des  Schmuckes 
seiner  Zweige  entblößt,  die  voll  Laubes  sind,  untermischt 
mit  duftenden  Blüten  und  Blättern  .  .  .  wie  Justinus  tat, 
Abbreviatur  der  Geschichten,  die  Trogus  Pompejus  schrieb, 


der  schmuckvoll  alle  die  ausgezeichneten  Taten  der  Alten 
beschrieb;  und  so  komponierte  er  eine  ganz  nackte  Sache, 
doch  allein  würdig  der  ungeduldigen  Geister,  denen  es 
scheint,  als  verlören  sie  so  viel  von  ihrer  Zeit,  als  jene 
ist,  die  sie  nützlich  verwenden,  nämlich  zum  Studium  der 
Werke  der  Natur  und  der  menschlichen  Dinge.  Aber 
mögen  diese  selbigen  nur  in  Gesellschaft  des  Viehes 
bleiben.  Unter  ihren  Gesellen  seien  Hunde  und  andere 
Tiere,  des  Raubes  voll,  und  die  mögen  sie  begleiten 
und  hinter  ihnen  einherlaufen  .  .  .  und  mögen  auch  die 
unschuldigen  Tiere  ihnen  folgen,  die  mit  ihrem  Hunger 
in  den  Zeiten  der  großen  Schneefälle  dir  vor  das  Haus 
kommen  und  als  von  ihrem  Vormund  von  dir  Almosen 
erbitten. 


Gegen    die    Ver-    XXIII 

ächter  der 

strengen  Wissen 

Schaft. 


R.  1157,  MS.  W.  AN.  III,  FOL.  241  r. 
Wer  die  höchste  Weisheit  der  Mathematik  tadelt,  nährt 
sich  von  Verwirrung  und  wird  niemals  Schweigen  auf- 
erlegen den  Widersprüchen  der  sophistischen  Wissen- 
schaften, durch  die  man  nur  ein  ewiges  Geschrei  erlernt. 

Leonardo    der     XXIV.  MS.  CA.  FOL.  1 19  T. 

Forscher  gegen  Ich  Weiß  wohl,  daß  einigen  Anmaßenden,  weil  ich  nicht 
fén  and^efngebü-  gelehrt  bin,  es  scheinen  wird,  mich  vernünftigerweise 
^^^^nisten!^'^'  tadeln  zu  können,  darauf  hinweisend,  ich  sei  ein  Mann 
ohne  literarische  Bildung.  Törichte  Leute!  Nicht  weiß 
dergleichen,  daß,  so  wie  Marius  den  römischen  Patriziern 
erwiderte,  auch  ich  erwidern  könnte,  sagend:  „Jene, 
so  mit  anderer  Mühen  sich  selber  zierlich  machen,  die 
meinigen  wollen  sie  mir  selber  nicht  zugestehen?"  — 
Sie  werden  sagen,  weil  ich  ohne  Literatur  bin,  würde  ich 
nicht  gut  das  sagen  können,  wovon  ich  handeln  will.  Nun 
wissen  jene  nicht,  daß  meine  Sachen  mehr  als  mit  den 
Worten  anderer  durch  Erfahrung  zu  behandeln  sind, 
welche  Lehrmeisterin  jener  war,  so  gut  schrieben,  und 
ebenso  nehme  ich  sie  mir  zur  Meisterin,  und  auf  sie  werde 
ich  mich  in  allen  Fällen  berufen. 


8 


XXV.  MS.  CA.  FOL.  117  r.    Gegen     gewisse 

Wenngleich  ich  nicht,  wie  sie,  die  Autoren  anzuführen 
wüßte,  viel  größere  und  viel  würdigere  Sache  zu  lesen 
ist  das  Anführen  der  Erfahrung,  Meisterin  ihrer  Meister. 
Jene  Leute  gehen  aufgebläht  und  pomphaft  herum,  ge- 
kleidet und  geschmückt  nicht  mit  den  eigenen,  sondern 
mit  anderer  Mühen,  und  mir  selbst  gestehen  sie  nicht 
die  meinigen  zu;  und  wenn  sie  mich  Erfinder  verachten, 
um  wieviel  mehr  werden  sie,  nicht  Erfinder,  sondern 
Trompeten  und  Rezitatoren  der  Werke  anderer,  können 
getadelt  werden. 

XXVI.  MS.  CA.  FOL.  76  r.    Gegen  die  Bach- 

gelehrten ,       die 

Wer  disputiert  und  sich  auf  Autorität  beruft,  verwendet  Scholastiker  und 

sonstigen    un- 

nicht  seinen  Geist,  sondern  eher  sein  Gedächtnis.  freien    Geister. 

XXVIL  MS.  CA.  FOL.  76  r.    Geistige     Gaben 

sind     höher     zu 

Die    guten   Wissenschaften    sind    emem    guten    Naturell     schätzen  ais 
entsprungen;    und   weil    man   mehr    die  Ursache    als   die 
Wirkung  loben  muß,    wirst  du  mehr  ein  gutes  Naturell 
ohne    Gelehrsamkeit   loben,    als    einen   guten  Gelehrten 
ohne  Naturell. 

XXVIIL  MS.  CA.  FOL.  117  r.    Gegen  die  Ober- 

es müssen  beurteilt  werden  und  nicht  anders  geachtet     Buchgeiehrten 
die  Männer,  Erfinder  und  Vermittler  zwischen  der  Natur  Schätzung  '^Zl 
und  den  Menschen,  im  Vergleich  zu  den  Rezitatoren  und  Nat^a^'^und  dZ 
Posaunen  der  Werke   anderer,    als  wie    der  Gegenstand       Erfinders. 
außerhalb  des  Spiegels,   der  es  weit  hat  zu  dem  Abbild 
dieses  Gegenstandes,   so  im  Spiegel  erscheint;  weil  der 
eine  schon  für  sich  etwas  ist,  und  der  andere  ist  nichts. 
Leute,  wenig  verpflichtet  der  Natur,  weil  sie  nur  zufällig 
Bekleidung  haben  und  ohne  welches  du  sie  den  Herden 
des  Viehes  gesellen  könntest. 

XXIX.  MS.  F.  FOL.  27  V.         Gegen  das 

Schmarotzertum 

.  Von  den  fünf  regelmäßigen  Körpern.  jener,  die  vom 

Gegen  einige  Kommentatoren,  welche  die  alten  Erfinder     Geiste^ifbenT 


tadeln,  von  denen  die  Grammatik  und  die  Wissenschaften 
zur  Welt  gebracht  worden,  und  die  sich  zu  Rittern  gegen 
die  toten  Erfinder  machen,  und  warum  sie  selbst  wegen 
ihrer  Faulheit  nicht  drauf  verfallen  sind,  Erfinder  aus 
sich  selbst  zu  machen,  und  wie  sie  sich  mit  so  viel 
Büchern  nur  abgeben,  um  mit  falschen  Argumenten  ihre 
Meister  zu  schelten  .   .  . 

Wer  seine  Augen    XXX.  MS.  CA.  FOL.  91  V. 

aerNatuTunader 

Erkenntnis   ver-     Deu  Ehrgeiziecn,  die  sich  nicht  begnügen  mit  der  Wohl- 

schließt,  schadet  ,         ,  °,  ,  .       ,         ^    ,  .     ,     .       ,        ^r   ,       • 

sich  selbst.  tat  des  Lebens,  noch  mit  der  Schönheit  der  Welt,  ist  es 
zur  Buße  gegeben,  daß  sie  selbst  dies  Leben  zerreißen 
und  daß  sie  Nützlichkeit  und  Schönheit  der  Welt  nicht 
besitzen. 

VonderWahrheit.    XXXI.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  12  f. 

Es  ist  von  solcher  Verächtlichkeit  die  Lüge,  daß,  wenn 
sie  von  Gott  selber  große  Dinge  sagte,  sie  seiner  Gött- 
lichkeit die  Gnade  raubte,  und  es  ist  von  solcher  Für- 
trefflichkeit  die  Wahrheit,  daß,  wenn  sie  ganz  geringe 
Dinge  lobt,  dieselbigen  edel  werden. 

Ohne  Zweifel,  solcher  Abstand  ist  zwischen  der  Wahr- 
heit und  der  Lüge,  wie  er  vom  Licht  zur  Finsternis  ist, 
und  es  ist  die  Wahrheit  an  sich  von  solcher  Vorzüglich- 
keit, daß  sogar,  wenn  sie  sich  über  bescheidene  und 
niedrige  Materien  verbreitet,  sie  ohne  Vergleich  die  Un- 
gewißheiten und  Lügen  übertrifft,  die  sich  über  die  groß- 
artigen und  erhabensten  Gegenstände  auslassen,  weil, 
besäße  unser  Geist  auch  die  Lüge  zum  fünften  Element, 
es  dennoch  nicht  hintanbleibt,  daß  die  Wahrheit  der  Dinge 
die  höchste  Nahrung  der  feinen  Intellekte,  aber  nicht  der 
schweifenden  Ingenien  ist. 

(Randnote).  Aber  du,  so  du  von  Träumen  lebst,  dir 
gefallen  besser  die  sophistischen  Gründe  und  die  Spitz- 
bübereien von  Ballaufbläsern  in  grandiosen  und  unge- 
wissen Sachen,  als  sichere,  natürliche,  und  nicht  von 
solcher  Höhe. 

10 


XXXII.  MS.  CA.  FOL.  79  r.     ^ir  müssen  uns 
«FT            •       »-.<                         .        1.       -^     r>    .  .  an    die   Erschei- 

was  ein  Element  sei;  die  Definition  gar  keiner  Wesen-     nang  halten. 
heit  der  Elemente  ist  in  der  Macht  des  Menschen;  aber 
ein  großer  Teil  ihrer  Wirkungen  ist  bekannt. 

XXXIII.  MS.  J.  FOL.  18  r.    Die  Natur  ist  tie- 
Tx«       »T               •               tt          t  it               TT  f^''     **'*    unsere 

Die  Natur  ist  voll   zahlloser  Ursachen,    die   niemals  in      Erfahrung. 
die  Erfahrung  traten.    (La  natura  è  piena  d'infinite  ragioni 
che  non  furono  mai  in  isperienza.) 


II.  VON  DER  NATUR/IHREN 
KRÄFTEN  UND  GESETZEN 


Die    Notar    und 
die     Notwendig- 
keit. 


i 

<f<w 

% 

i 

D 

1 

É 

MA, 

È 

Unverbrüchlich- 
keit  des    Natur- 
gesetzes. 


IL 


R.  1135,  MS.  S.  K.  M.  III,  FOL.  49  r. 
ie  Notwendigkeit  ist  Meisterin  und  Vormünderin 
der  Natur. 

Die  Notwendigkeit  ist  der  Grundgedanke  und 
die  Erfinderin  der  Natur,  und  Zaum  für  sie 
und  ewige  RegeL 

MS.  E.  FOL.  43  v. 


Die  Natur  bricht  ihr  Gesetz  nicht. 


IIL 


MS.  C.  FOL.  23  V. 


Vernänftigkeit 

^Natu^gesetzet     Die   Natur  ist  unter  dem  Zwang  der  vernünftigen  Ur- 


Kausalität     und 
ihre  Wirkung. 


Die  Natur  wählt 
immer  den   kür- 
zesten Weg. 


AlleVorgängeder 
Natur  beruhen 
auf  Bewegung. 
Die  Bewegung  ist 
meßbar. 


Leben  ist  Bewe- 
gung. 


Sache  des  Gesetzes,  das  in  ihr  ausgegossen  lebt. 

IV.  MS.  CA.  FOL.  169  v. 
Wenn   irgendeine  Sache,   Ursache   einer  andern,    durch 

ihre  Bewegung  irgendeine  Wirkung  hervorbringt,  ist  es 
notwendig,  daß  die  Bewegung  der  Wirkung  der  Bewegung 
der  Ursache  folge. 

V.  MS.  G.  FOL.  75  r. 
Jede   natürliche  Handlung   wird  von  der  Natur   in   der 

kürzesten  Art  und  Zeit  ausgeführt,  die  möglich  ist. 

VI.  MS.  CA.  FOL.  83  v. 
Actio  et  passio  sunt  in  patiente  et  quod  actio  est  qui- 
dam motus. 

Actio  et  passio  fundatur  in  motu. 

Omnes  motus  mesurantur  tempore. 

Omnis  motus  est  actus  quo  mobile  movetur. 

VII.  MS.  TR.  FOL.  36  r. 
Bewegung  ist  Ursache  alles  Lebens. 


12 


vili.  MS.  F.  FOL.  74  V.    Alle     Bewegung 

Keine  vernunftlose  Sache  (insensata)  bewegt  sich  von  gendes zumckzu- 
selbst,  sondern  ihre  Bewegung  wird  von  anderen  hervor-  '^^"'  ''"^''*'*' 
gerufen. 

IX.  MS.  G.  FOL.  73  V.       Vom  Antrieb. 

Antrieb  (impeto)  ist  der  Impuls  von  Bewegung,  den  der 
Motor  auf  den  bewegten  Gegenstand  überträgt. 

Antrieb  ist  eine  Kraft,  die  vom  Motor  dem  bewegten 
Gegenstand  mitgeteilt  wird. 

Jeder  Impuls  neigt  zu  ewiger  Dauer  oder  wünscht  ewige  ^'^  Beharmngs- 
Dauer. 

Daß  jeder  Impuls  ewige  Dauer  wünscht,  beweist  sich 
aus  dem  Eindruck,  den  die  Sonne  im  Auge  des  Beschauers 
hervorruft,  oder  aus  dem  Eindruck  des  Klangs,  den  der 
Hammer,  Erschütterer  selbiger  Glocke,  hervorruft. 

Jeder  Eindruck  will  Ewigkeit,  wie  die  Erscheinung  (simu- 
lacro) der  Bewegung,  so  dem  bewegten  Gegenstand  ein- 
gedrückt wurde,  es  uns  beweist. 


X.  MS.  CA.  FOL.  253  v. 

Kraft  ist  eine  geistige  Wesenheit  (essentia),  welche  durch 
äußerliche  Gewalt  sich  den  schweren  Körpern,  so  von 
ihrem  natürlichen  Verlangen  gezogen  werden,  verbindet, 
in  welchen  sie,  obschon  sie  nur  kurz  dauere,  nichtsdesto- 
weniger oftmals  von  erstaunlicher  Macht  erscheint. 

Kraft  ist  eine  geistige  Wesenheit,  die  durch  äußerliche 
Gewalt  den  schweren  Körpern  sich  verbindet,  welche 
Körper  durch  ihr  natürliches  Verlangen  fortgezogen  werden 
und  in  denen,  obschon  sie  nur  kurz  lebt,  sie  nichts- 
destoweniger von  erstaunlicher  Macht  ist. 

Kraft  ist  eine  Macht,  geistig,  unkörperlich  und  ungreifbar, 
die  sich  mit  kurzem  Leben  in  den  Körpern  erzeugt,  so 
durch  äußerliche  Gewalt  aus  ihrer  natürlichen  Ruhe 
heraustreten. 

Geistig,  sage  ich,  weil  in  ihr  unsichtbares,  unkörper- 
liches und  ungreifbares  Leben  ist,  nachdem  der  Körper, 


Was  ist  Kraft? 


13 


der  Natur. 


in  welchem  sie  geboren  wird,  weder  in  der  Form  noch 
im  Gewichte  wächst. 

Entwurf eiu  einer    xi.  MS.  A.  FOL.  34  V. 

umfassenden  Er- 

MämngvonKraft  Wn«:    i«it    Krflff? 

als  Ursache   der  "^  a.S     IST    IVrail." 

Bewegung,    also 

a"«j_  \fl^''ßfj^se  Kraft  nenne  ich  eine  geistige  Energie,  eine  unsichtbare 
Macht,  so  mittels  zufälliger  äußerer  Gewalt  durch  die 
Bewegung  hervorgerufen  ist  und  den  Körpern  inne- 
wohnend und  mit  ihnen  verschmolzen,  welche  aus  ihrer 
natürlichen  Gewohnheit  herausgerissen  und  von  ihr  ab- 
gebogen wurden.  Sie  gibt  ihnen  ein  tätiges  Leben  von 
merkwürdiger  Macht,  zwingt  alle  geschaffenen  Dinge  zu 
Veränderung  der  Form  und  der  Lage,  eilt  mit  Wut  zu 
ihrem  ersehnten  Tode  und  wandelt  sich  je  nach  der  Ur- 
sache. Zaudern  macht  sie  groß  und  Schnelligkeit  macht 
sie  schwach.  Sie  wird  aus  der  Gewalt  geboren  und 
stirbt  durch  Freiheit.  Und  je  größer  sie  ist,  desto 
rascher  verzehrt  sie  sich.  Verjagt  mit  Ungestüm,  was 
sich  ihrer  Zerstörung  entgegensetzt,  wünscht  ihren  eigenen 
Grund  und  ihren  Gegensatz  zu  besiegen,  zu  töten  und 
tötet  siegend  sich  selbst.  Wird  mächtiger,  wo  sie  größeren 
Widerstand  findet.  Jegliches  Ding  flieht  gern  den  Tod. 
Selbst  bedrängt,  bezwingt  sie  alles.  Keinerlei  Ding  be- 
wegt sich  ohne  sie.  Der  Körper,  in  dem  sie  geboren 
wird,  wächst  nicht  an  Gewicht  noch  an  Form.  Keine 
Bewegung,  die  sie  macht,  ist  dauernd.  Wächst  in  Mühen 
groß  und  schwindet  in  der  Ruhe.  Der  Körper,  in  den 
sie  hineingezwungen,  ist  außerhalb  der  Freiheit.  Und 
sie  erzeugt  häufig  mittels  der  Bewegung  neue  Kraft. 

Die  Kraft  wird  durch  die  Bewegung  verursacht  und  mit 
dem  Gewicht  verbunden.  Und  gleicherweise  wird  der 
Stoß  von  der  Bewegung  verursacht  und  mit  dem  Gewicht 
verbunden. 

Die  Kraft  ist  Ursache  von  Bewegung,  die  Bewegung  ist 
Ursache  von  Kraft;  die  Bewegung  verschmilzt  die  Kraft 

14 


und  den  Stoß  mit  dem  Gewicht  durch  das  Mittel  des 
Entgegenstehenden  (obbietto). 

Die  Kraft  in  irgendwelcher  Wirkung,  wenn  sie  sich  ver- 
flüchtigt, überträgt  sich  in  jenen  Körper,  der  vorwärts 
flieht,  und  erzeugt,  vermittelst  der  Bewegung,  den  Stoß 
von  größter  Wirksamkeit  und  läßt  Zerstörung  hinter  sich, 
wie  es  in  der  Bewegung  der  Kugel  erscheint,  die  von 
der  Kraft  der  Bombarde  gejagt  wird. 

Der  Stoß  entsteht  aus  dem  Sterben  der  Bewegung  und 
die  Bewegung  durch  den  Tod  der  Kraft. 

XII.  MS.  CA.  FOL.  302  V.        Desgleichen. 

Die  Kraft  (forza)  ist  überall  ganz  sie  selbst  und  ist  in 
jedem  Teil  von  sich  ganz. 

Kraft  ist  eine  übersinnliche  Tüchtigkeit  (virtù  spirituale), 
eine  unsichtbare  Macht,  welche  durch  akzidentelle  (äußer- 
liche, materielle)  Gewalt  allen  Körpern  eingeflößt  ist,  so 
sich  außerhalb  ihrer  natürlichen  Neigung  befinden. 

Kraft  ist  nichts  anderes  als  eine  übersinnliche  Tüchtig- 
keit, eine  unsichtbare  Macht,  welche  durch  äußere  Ge- 
walt in  den  sinnlosen  von  sinnbegabten  Körpern  erschaffen 
und  ihnen  eingeflößt  wird  und  die  selbigen  Körpern  Ähn- 
lichkeit des  Lebens  gibt,  welches  Leben  von  wunderbarer 
Wirkung  ist;  zwingend  und  verwandelnd  an  Aufenthalt 
und  Form  alle  die  geschaffenen  Dinge,  läuft  sie  zu  ihrer 
Vernichtung  und  vervielfältigt  sich  immerfort  durch  ihre 
Ursachen  (cagioni). 

Zögern  macht  sie  groß  und  Geschwindigkeit  macht  sie 
schwach. 

Lebt  durch  Gewalt  und  stirbt  durch  Freiheit.  Zwingt 
und  verwandelt  jeden  Körper  zu  Änderung  von  Aufent- 
halt und  Form. 

Große  Macht  gibt  ihr  große  Sehnsucht  nach  dem  Tode. 
Verjagt  mit  Wut,  was  sich  ihrem  Ruin  entgegenstellt. 

Verwandlerin  der  verschiedenen  Formen. 

Lebt  immer  zur  Beschwerde  von  dem,  der  sie  in  sich  hält. 

15 


Widersetzt  sich  stets  den  natürlichen  Wünschen. 

Von  ganz  klein,  durch  Zaudern,  erweitert  sie  sich  und 
entwickelt  sich  zu  einer  furchtbaren  und  wundersamen 
Macht. 

Und  sich  selber  zwingend,  zwingt  sie  jede  Sache. 

.  .  .  wohnt  in  den  Körpern,  die  außerhalb  ihres  natür- 
lichen Laufes  und  Gebrauches  sind. 

.  .  .  verzehrt  sich  bereitwillig  selbst. 

.  .  .  Kraft  ist  ganz  im  Ganzen  enthalten,  und  ganz  über- 
all im  Körper,  wo  sie  hervorgerufen  ist. 

.  (M)acht  ist  einzig  ein  Wunsch  nach  Flucht. 

.  (I)mmer  wünscht  sie,  sich  zu  schwächen  und  zu  ver- 
löschen. 

(Sel)bst  gezwungen,  zwingt  sie  jeden  Körper. 

(Ni)chts  bewegt  sich  ohne  sie. 

(Ke)in  Ton  oder  Stimme  wird  ohne  sie  hörbar. 

...  ihr  wahrer  Samen  ist  in  den  sinnbegabten  Körpern. 
Gewicht.  Das  Gewicht  ist  in  seinem  ganzen  senkrechten  Wider- 
stand ganz  enthalten  und   ganz  in  jedem  Teil   von  ihm. 

Wenn  der  schräge  Widerstand,  der  sich,  dem  Gewicht 
entgegensetzt,  unbefestigt  und  frei  ist,  wird  es  selbigem 
Gewicht  keine  Gegenwehr  leisten,  sondern  mit  Zerstö- 
rung zugleich  mit  jenem  fallen. 

Das  Gewicht  verscheidet  seiner  eigenen  Natur  nach  in 
der  ersehnten  Lage. 

Jeder  Teil  selbiger  Kraft  enthält  das  Ganze,  entgegen- 
gesetzt dem  Gewichte  (contiene  il  tutto  contrario  al  peso). 

Und  oft  ist  eines  von  ihnen  Sieger  über  das  andere. 

Sie  sind  im  Drücken  von  der  gleichen  Natur,  und  der 
mächtige  übertrifft  den  geringeren. 

Das  Gewicht  ändert  nur  übelwillig  (seine  Lage),  und  die 
Kraft  ist  immer  daran,  zu  fliehen. 

Das  Gewicht  ist  körperlich,  und  die  Kraft  unkörperlich. 

Das  Gewicht  ist  materiell,  und  die  Kraft  ist  geistig. 

Wenn  die  eine  von  sich  Flucht  begehrt  und  Tod,  jenes 

16 


andere  will  Stabilität  und  Dauer.  Sind  häufig  die  Erzeuger 
einer  des  andern. 

Wenn  das  Gewicht  die  Kraft  gebiert,  und  die  Kraft  das 
Gewicht. 

Wenn  das  Gewicht  die  Kraft  besiegt,  und  die  Kraft  das 
Gewicht. 

Und  wenn  sie  von  gleichem  Temperament  (Beschaffen- 
heit) sind,  werden  sie  lange  Gemeinschaft  machen. 

Wenn  das  eine  ewig  ist,  —  jene  andre  ist  sterblich. 

XIII.  MS.  CA.  FOL.  382  r. 
Niemals  hatte  die  Kraft  Gewicht,  nicht  einmal  wenn  sie 

selbst  das  Amt  des  Gewichtes  ausübt. 

Immer  ist  die  Kraft  gleich  dem  Gewicht,  von  dem  sie 
erzeugt  wird  .... 

XIV.  MS.  CA.  FOL.  288  v. 
Die  Ungleichheit  ist  Ursache  aller  gleichen  Bewegungen. 
Keine  Ruhe  ist  ohne  Ausgeglichenheit  (equalità). 

JCV.  MS.  F.  FOL.  74  v. 

Kein  Impuls  kann  gleich  aufhören;  er  verzehrt  sich  mit 
dem  Grade  der  Bewegung. 


Gewicht  als 
Kraftmaß. 


Gleichgewicht 
and  Bewegung. 


Energie  and  Ar- 
beit. 


XVL  MS.  TR.  FOL.  1 1  V.     Verhältnis     zwi- 

schen Kraft  and 

Alle    geistigen   Potenzen,    je   mehr   sie   sich   von   ihrer      Entfernung. 
ersten  oder  zweiten  Ursache  entfernen,  um  so  mehr  Raum 
nehmen    sie    ein  und  verlieren  um    so    mehr   von   ihrer 
Wirksamkeit. 

XVII.  MS.  A.  FOL.  35  r.    Entwürfe  zur  Er- 

klärung der  Be- 

Die  Gewaltsamkeit  (violentia)  besteht  aus  viererlei  Dingen;  Ziehungen    zwi- 

,         o      o      sehen  Kraft,  Be- 

sie  sind  das  Gewicht,  die  Kraft,  die  Bewegung,  der  Stoß,  wegung.stoß und 
und  einige  nennen  die  Gewaltsamkeit  aus  dreierlei  Leiden- 
schaften (passioni)  komponiert,  aus  Kraft,  Bewegung  und 
Stoß,  und  die  am  mächtigsten  ist,  besitzt  das  geringste 
Leben,  nämlich  der  Stoß;  zweite  in  der  Reihe  ist  der 
Stoß,   dritte,    durch  ihre  Schwäche,   wäre  die  Bewegung, 

2        Herzfeld,   Leonardo 

17 


und  würde  das  Gewicht  in  diese  Zahl  aufgenommen,  — 
es  ist  schwächer  und  von  mehr  Ewigkeit  als  irgendeine 
der  obgenannten. 

Jedes  Gewicht  verlangt  auf  dem  kürzesten  Weg  zum 
Mittelpunkt  hinabzusteigen,  und  wo  größere  Schwere, 
dort  ist  auch  größeres  Verlangen,  und  jene  Sache,  die 
am  meisten  wiegt,  —  wenn  sie  frei  ist,  fällt  sie  am 
schnellsten.  Und  jene  Gegenlage,  die  am  wenigsten  ab- 
schüssig ist,  leistet  ihr  am  meisten  Widerstand.  Aber 
das  Gewicht  überwindet  seiner  Natur  nach  alle  seine 
Stützen  und  so,  von  Unterlage  zu  Unterlage  dringend,  geht 
es  und  wird  schwerer  von  Körper  zu  Körper,  bis  es 
seinen  Wunsch  befriedigt.  Die  Not  zieht  es  an,  und  der 
Überfluß  verjagt  es.  Und  es  ist  ganz  in  seinem  senk- 
rechten Widerstand  enthalten  und  ganz  in  jedem  Teil 
(grado)  von  ihm.  Und  jener  Widerstand,  der  schräger 
ist,  wird  es  im  Hinabsteigen  nicht  aufhalten,  sondern, 
wenn  frei,  mit  ihm  zugleich  fallen.  In  der  Ausübung 
(uffìzio)  des  Drückens,  Lastens  ist  es  der  Kraft  ähnlich. 
Das  Gewicht  wird  besiegt  von  der  Kraft,  wie  die  Kraft 
vom  Gewicht.  Das  Gewicht  für  sich  ist  sichtbar  ohne 
Kraft,  und  die  Kraft  ist  unsichtbar  ohne  Gewicht.  Wenn 
das  Gewicht  keinen  Nachbarn  hat,  mit  Wut  sucht  es 
einen,  und  die  Kraft  verjagt  ihn  (den  Nachbarn)  mit  Wut. 
Wenn  das  Gewicht  einen  unveränderlichen  Platz  wünscht, 
flieht  ihn  gern  die  Kraft.  Das  Gewicht  begehrt  Aufent- 
halt und  die  Kraft  ist  immer  im  Verlangen  nach  Flucht. 
Das  Gewicht  an  sich  ist  ohne  Anstrengung  und  die  Kraft 
ist  nie  ohne  selbige.  Das  Gewicht,  je  mehr  es  stürzt, 
desto  mehr  wächst  es,  und  die  Kraft,  je  mehr  sie  stürzt, 
desto  geringer  wird  sie.  Wenn  das  eine  ewig  ist,  ist 
die  andere  sterblich.  Das  Gewicht  ist  von  Natur  aus, 
und  die  Kraft  durch  Zufall.  Das  Gewicht  will  Stabilität 
und  unendliche  Dauer,  und  die  Kraft  will  Flucht  und  den 
eigenen  Tod.  Gewicht,  Kraft  und  Stoß,  im  Druck  haben 
sie  untereinander  Ähnlichkeit. 


18 


XVIII.  MS.  A.  FOL.  35  V.    Skizzen  zur  bes- 

seren   Formulie- 

Von  Gewicht,  Kraft,  Bewegung  und  Stoß  mng    desselben 

'  ^         "^  Gedankens. 

Das  Gewicht  drückt  immer  auf  seine  Stütze  und  dringt 
und  geht  vermöge  seiner  Natur  von  der  Stütze  zu  deren 
Unterlage,  und  von  jeder  durch  jede  Stütze  und  ganz 
durch  jede  Unterlage  selbiger  Stütze,  und  ganz  durch 
jede  Stütze  der  Unterlage,  und  dringt  von  Stütze  zu  Stütze 
bis  ans  Zentrum  der  Welt. 

Das  Gewicht  drückt  immer  auf  eine  Stütze;  die  Kraft 
versagt  dem  Körper,  in  dem  sie  entsteht. 

Die  Bewegung  schwächt  sich  ab  und  verzehrt  sich  im 
Laufe,  der  Stoß  stirbt  gleich,  da  er  geboren,  und  läßt 
seine  Ursache  bemakelt  zurück. 

Das  Gewicht,  so  ev/ig  wirkt  in  seinem  Druck,  ist  von 
minderer  Macht  als  die  drei  andern  Passionen,  die  in 
ihm  sind,  nämlich  Kraft,  Bewegung  und  Stoß.  Die  zweite 
Sache  von  geringerer  Dauer  ist  die  Kraft,  weniger  macht- 
voll als  das  Gewicht,  und  wenig  währt  ihr  Amt;  die  dritte 
Permanenz  wäre  die  Bewegung,  von  größerer  Macht  als 
die  Kraft  und  von  ihr  erzeugt;  das  vierte,  von  kleinerer 
Dauer,  ist  der  Stoß,  der  ein  Sohn  ist  der  Bewegung  und 
Enkel  der  Kraft,  und  alle  sind  sie  aus  dem  Gewicht 
geboren. 

YTY  MS.  CA.  FOL.  288  V.       Vom    Schner- 

^^^'  punkt  der  V/age. 

Der  Mittelpunkt  der  Schwere  einer  Wage  mit  den  an  sie 
angehängten  Gewichten  befindet  sich  am  Ende  der  Mittel- 
linie, die  von  selbigem  Mittelpunkt  zum  Mittelpunkt  der 
Welt  (Erde)  hinabführt. 

y  Y  R.  860,  MS.  BR.  M.  FOL.  175  r.       Wirkung    der 

^^-  '  Schwerkraft. 

Das  Gewicht,  warum  verharrt  es  nicht  in  seiner  Lage? 

Es  verharrt  nicht,  weil  es  keinen  Widerstand  hat. 

Und  wohin  wird  es  sich  bewegen? 

Es  wird  sich  gegen  den  Mittelpunkt  bewegen. 

Und  warum  nicht  auf  andern  Linien? 

2» 

19 


Weil  das  Gewicht,  welches  keinen  Widerstand  findet, 
auf  dem  kürzesten  Weg  in  die  Tiefe  gehen  wird,  und  der 
tiefste  Ort  ist  das  Zentrum  der  Welt. 

Und  wieso  weiß  solches  Gewicht  es  mit  solcher  Schnellig- 
keit zu  finden? 

Weil  es  nicht  als  ein  Sinnloses  erst  auf  verschiedenen 
Linien  herumirrt. 

Geradlinigkeit      XXI.  MS.  G.  FOL.  54  V. 

des  Falls. 

Von   der  Bewegung  des  Pfeiles,    den   der  Bogen 
abschnellt 

Der  Pfeil,  vom  Mittelpunkt  der  Welt  zum  höchsten  Teil 
der  Elemente  abgeschossen,  wird  auf  ein  und  derselben 
geraden  (recta)  Linie  hinaufsteigen  und  herabkommen, 
obwohl  die  Elemente  in  rundkreisender  Bewegung  rings 
um  das  Zentrum  selbiger  Elemente  sind. 

Das  Schwere,  welches  durch  die  rundkreisenden  Elemente 
herabsteigt,  immer  hat  es  seine  Bewegung  nach  dem 
Geraden  der  Linie,  die  sich  vom  Anfang  der  Bewegung 
zum  Mittelpunkt  der  Welt  erstreckt. 

Die     Linie     des    XXII.  MS.  G.  FOL.  55  f. 

Falls ,    bestimmt 

durch dieSchwer-  Vom    Schwereu,    das    durch    die   Luft    herabfällt, 

kraft  und  durch  .  t-.  t  •  • 

die  Drehung  der  während  die   Elemente   im  Rundkreisen  sind,  bei 

Erde      um     sich  ,  ..  n-  tti         t>  •  ^  ^  a     e>  j^         j 

selbst.  einer  völligen  Umlaufszeit  von  24  Stunden 

Das  Bewegte  (mobile),  welches  vom  höchsten  Teil  der 
Sphäre  des  Feuers  herabsteigt,  wird  eine  geradlinige  Be- 
wegung zur  Erde  herab  machen,  obwohl  die  Elemente  in 
beständiger  rundkreisender  Bewegung  um  das  Zentrum 
der  Welt  sind.  Das  beweist  man:  es  sei  B  die  Last, 
welche  von  A  sich  durch  die  Elemente  bewegt,  um  zum 
Zentrum  der  Welt  M  herabzusteigen.  Ich  sage,  daß  solche 
Last,  obschon  sie  einen  kurvenförmigen  Abstieg  macht, 
nach  Art  einer  Schraubenlinie,  doch  nie  von  ihrem  gerad- 
linigen Lauf  abweichen  wird,  welche  Last  in  beständigem 
Fortschreiten  ist  zwischen   dem   Ort,  von   dem   sie   sich 

20 


trennte,  und  dem  Mittelpunkte  der  Welt.  Denn  wenn  sie 
vom  Punkte  A  ausging  und  nach  B  hinabstieg,  —  in  der 
Zeit,  wo  sie  nach  B  hinabstieg,  und  nach  C  getragen 
wurde,  hat  A  sich  nach  D  gedreht,  und  so  befindet  sich 
der  bewegte  Körper  in  der  geraden  Linie,  die  von  D  zum 
Zentrum  M  führt.  Wenn  das  Mobile  von  C  nach  F  her- 
absteigt, hat  D,  der  Anfang  der  Bewegung,  sich  in  der- 
selben Zeit  nach  E  bewegt,  und  wenn  F  nach  H  geht, 
dreht  sich  E  nach  G,  und  so  fallt  das  Mobile  in  24  Stun- 
den unter  dem  Ort  auf  die  Erde,  von  dem  es  sich  im 
Anfang  trennte;  und  solche  Bewegung  ist  eine  zusammen- 
gesetzte. 

Wenn  der  bewegte  Körper  in  24  Stunden  vom  höchsten 
Teil  der  Elemente  zum  tiefsten  herabsteigt,  ist  seine 
Bewegung  aus  gerade  und  kurvig  zusammengesetzt.  Ich 
sage  gerade,  weil  sie  niemals  von  der  kürzesten  Linie 
abweichen  wird,  die  sich  vom  Ort,  den  er  verlassen  hat 
bis  zum  Mittelpunkt  der  Elemente  erstreckt,  und  er  wird 
am  tiefsten  Ende  solcher  Geradlinigkeit  stillhalten,  die 
dem  Zenit  nach  sich  immer  unter  dem  Orte  befindet, 
von  dem  solches  Mobile  sich  trennte.  Und  diese  Be- 
wegung ist  in  sich  kurvig,  mit  allen  Teilen  ihrer  Linie, 
und  ist  folglich  auch  am  Schlüsse  mit  der  ganzen  Linie 
kurvig;  und  daher  kommt  es,  daß  der  Stein,  welcher  von 
einem  Turm  herabgeworfen  wurde,  nicht  früher  an  die 
Seite   selbigen  Turmes   anprallt  als  erst  ganz  am  Boden. 

XXIII.  MS.  M.  FOL.  44  V.    Das  Gesetz   von 

der     regelmäßig 

Findet  in  einer  Luft  von  gleichmäßiger  Dichtigkeit  statt.  —  zunehmendenCe- 

_.       ^  °  "  ^       ,       schwindigkeitdes 

Die  Last,  welche  nach  unten  zu  geht,  in  jedem  Grade  Faiu. 
von  Zeit  erwirbt  sie  einen  Grad  von  Vorwärtsbewegung 
mehr  als  den  Grad  der  vergangenen  Zeit,  und  gleicher- 
weise einen  Grad  von  Schnelligkeit  mehr  als  den  Grad 
der  gewesenen  Bewegung.  Daher,  in  jeder  verdoppelten 
Quantität  von  Zeit  verdoppelt  sich  die  Länge  des  Herab- 
gehens (Weges)  und  die  Geschwindigkeit  der  Bewegung. 

21 


Gewicht  und  Be-    XXIV.  MS.  CA.  FOL.  354  V. 

wegung. 

Jegliches  Schwere  lastet  in  sich  nach  der  Richtung  seiner 
Bewegung,  gegen  den  Ort  zu,  nach  dem  es  sich  bewegt. 

Die  Kraft  ist  der    XXV.  MS.  A.  FOL.  60  V. 

Geschwindigkeit 

proportional;       Es  gehört  sich,  daß  jede  Bewegung,  hervorgerufen  durch 
'zeit.  die  Kraft,  einen  Lauf  mache,  der  gleich  wie  das  Verhältnis 

ist  zwischen  der  bewegten  Sache  und  jener,  die  bewegt. 
Und  wenn  sie  eine  widerstehende  Gegenlage  (opposizione) 
findet,  wird  sie  die  Länge  ihrer  gebührenden  Reise  durch 
eine  kreisförmige  Bewegung  liefern  und  durch  allerlei 
andere  Sprünge  und  Hopser,  welche,  die  Zeit  und  den 
durchgehenden  Lauf  in  Rechnung  gezogen,  (an  Länge) 
sein  werden,  als  ob  der  Lauf  ohne  Widerrede  stattge- 
funden hätte. 

Erste       Ahnung    XX VL  MS.  A.  FOL.  24  f. 

vom  Gesetz   der 

Erhaltung  der  Jeder  Sphärische  Körper  mit  dichter  und  unnachgiebiger 
Oberfläche,  von  gleicher  (pari)  Kraft  in  Bewegung  gesetzt, 
macht  mit  seinen  Sprüngen,  die  vom  harten  und  glatten 
Boden  (auf  den  er  prallt)  hervorgebracht,  ebensoviel  Be- 
wegung, als  hätte  sie  ihn  frei  durch  die  Luft  geschleu- 
dert. 

O  bewundernsv/ürdige  Gerechtigkeit  des  ersten  Urhebers 
aller  Bewegung,  der  nicht  irgendeiner  Kraft  die  ganze 
Ordnung  und  Eigenschaft  ihrer  notwendigen  Wirkungen 
hatte  versagen  wollen!  Daher,  wenn  eine  Kraft  den  von 
ihr  besiegten  Gegenstand  hundert  Ellen  weit  jagen  soll 
und  dieser  in  seiner  Bewegung  ein  Hindernis  findet,  hat 
er  angeordnet,  daß  die  Kraft  des  Anpralls  neue  Bewegung 
wiederverursache,  welche  durch  verschiedene  Sprünge 
die  ganze  Summe  seines  gebührenden  Weges  zurücker- 
lange. Und  wenn  du  dann  den  Weg  mißt,  den  besagte 
Sprünge  machten,  so  wirst  du  ihn  von  solcher  Länge 
finden,  wie  sie  wäre,  wenn  mit  derselben  Kraft  ein  glei- 
cher Gegenstand  frei  durch  die  Luft  gezogen  würde. 

22 


XXVII.  MS.  J.  FOL.  103  V.,  102  r.,  101  V.    ^"    der    Berech- 

nang  des  Verhält- 

Wenn  einige  gesagt  haben,  daß,  je  kleiner  der  bewegte  'JJ^^/^  Ind'^ce- 

Körper  wird,    um   so    mehr  der  bewegende  ihn  jagt,   im     schwindigkeit 
r  TT  •  -TT        ,  .         7  Sind  die  Wider- 

Verhältnis  zu  dessen  Verkleinerung,  ms  Unendliche,  immer  stände  nicht  zu 

neue  Geschwindigkeit  erwerbend,  so  würde  daraus  folgen,  vergessen. 
daß  ein  Atom  fast  so  hurtig  wäre  wie  die  Phantasie  oder 
wie  das  Auge,  das  plötzlich  zur  Höhe  der  Sterne  läuft. 
Infolgedessen  wäre  seine  Reise  unbegrenzt,  weil  die  Sache, 
welche  sich  unendlich  verkleinern  kann,  unbegrenzt  ge- 
schwind würde  und  in  unendlichem  Gange  sich  bewegte, 
nachdem  jede  kontinuierliche  Quantität  in  Unendliche  teil- 
bar ist.  Welche  Meinung  von  der  Vernunft,  und  folglich 
auch  von  der  Erfahrung  verworfen  wird. 

(Folgt  nun  die  Anwendung  auf  Bombarden.) 

Daher,  o  Forscher,  trauet  nicht  den  Schriftstellern,  die   ^ForZTemT^ei- 
nur    mit    der    Phantasie   sich    zu   Dolmetschen    zwischen  che  du  Kritik  bei 

der  Beobachtung 

der  Natur  und   dem  Menschen    machen  gewollt,   sondern    vernachlässigen. 

bloß  jenen,  welche  nicht  an  den  Winken  (cenni)  der  Natur, 

sondern  an  den  Wirkungen  ihrer  eigenen  Versuche  ihren 

Geist  geübt  haben:  welche  Versuche  jenen  täuschen,  der 

ihr  Wesen  nicht  kennt;   denn  die,   welche  häufig  ein  und 

dasselbe   scheinen,   sind  oft  von  großer  Verschiedenheit, 

wie  hier  bewiesen  wird. 

XXVIII.  MS.  M.  FOL.  57  v.  UND  57  r.   a'«^  wiederholte 

V  ersuche    geben 

Wenn  viele  Körper  von  gleichem  Gewicht  und  gleicher       Sicherheit. 
Figur  einer  nach   dem  andern  in  gleichem  Tempo  fallen 
gelassen  werden,  werden  die  Überschreitungen  der  Inter- 
valle untereinander  gleich  sein. 

Demonstration 

Durch  die  5.  des  I.,  die  besagt,  wie  die  Sache,  die  herab- 
kommt, mit  jedem  Grade  der  Bewegung  (nach  abwärts) 
gleiche  Grade  der  Geschwindigkeit  erwirbt. 

Also  daher,  um  vieles  schneller  wird  die  Bewegung  der 
letzten  (Kugel)  unten  als  der  ersten  an  der  Spitze  (usw.). 

23 


Das  Experiment  vorstehenden  Schlusses  über  die  Be- 
wegung muß  man  in  solcher  Form  machen,  nämlich  :  man 
nimmt  zwei  Bälle,  gleich  an  Gewicht  und  Gestalt,  und 
man  läßt  sie  aus  großer  Höhe  so  fallen,  daß  am  Anfang 
ihrer  Bewegung  sie  einander  berühren  und  der  Experi- 
mentator auf  dem  Boden  unten  steht,  um  zu  sehen,  ob 
ihr  Fallen  sie  noch  in  Kontakt  gehalten  hat  oder  nicht. 
Und  dies  Experiment  mache  man  mehrere  Male,  damit 
irgendein  Zufall  solche  Probe  nicht  hindere  oder  fälsche, 
weil  sonst  das  Experiment  unrichtig  wäre  und  den  For- 
scher täuschte  oder  auch  nicht. 


Anziehungskraft    XXIX.  MS.  CA.  FOL.  223  V. 

eine  allgemeine 

Eigenschaft.       Jeder  schwere  Körper  (gravità)  strebt,  daß  sein  Zentrum 
sich  zum  Zentrum  leichterer  Elemente  mache. 


Ober  die  Anzie- 
hungskraft. 


XXX.  MS.  CA.  FOL.  273  r. 

Jedes  Teil  von  Element,  so  von  seiner  Masse  getrennt 
ist,  begehrt  auf  dem  kürzesten  Wege  zu  ihr  zurückzu- 
kehren. 

Zwischen  den  Teilen  der  Elemente,  die  vermischt  sind, 
wird  jener,  der  von  größerer  Summe  (somma)  ist,  die 
Gesellen  auf  selbiger  Linie  mit  sich  ziehen,  von  der  er 
hergekommen  ist,  wie  es  bei  Luft  unter  Wasser  geschieht, 
bei  Feuer  in  der  Luft,  bei  Erde  auf  dem  Wasser,  bei 
Wasser  über  der  Luft. 


Gegen    das   Pro-    XXXI 
blem  der  ewigen 
Bewegung. 


MS.  A.  FOL.  22  v. 

Gegen  die  ewige  Bewegung 

Kein  vernunftloser  Gegenstand  wird  sich  von  selbst  be- 
wegen, daher  er,  wenn  er  sich  bewegt,  von  einer  aus 
dem  Gleichmaß  gekommenen  Potenz  bewegt  sein  müßte, 
nämlich  von  ungleichmäßiger  (disequale)  Zeit  (?)  und 
Bewegung  oder  von  einem  schweren  Gegenstand,  der  aus 
dem  Gleichgewicht  kam;  und  hört  dann  der  Wunsch  des 
ersten  Motors  auf,  sofort  wird  auch  der  zweite  aufhören. 


24 


XXXII.  R.  1206,  MS.  S.  K.  M.  II2,  FOL.  67  r.    Gegen die.welche 

das      Perpetaam 

O  Erforscher  der  beständigen  Bewegung,  wie  viele  eitle    moMie  sacken. 
Pläne  habt  ihr  in  dergleichen  Suche  geschaffen!    Gesellet 
euch  denen,  so  Gold  (zu  machen)  suchen. 

XXXIII.  MS.  F.  FOL.  56  V.  Gegen  die 

Sphärenmusik. 

Von  der  Reibung  der  Himmel 

Jeder  Ton  entsteht  durch  die  Luft,  die  auf  einen  dichten 
Körper  trifft,  und  wenn  er  von  zwei  schweren  Körpern  unter- 
einander gemacht  wird,  geschieht  es  vermittels  der  Luft, 
die  sie  umgibt,  und  diese  derartige  Reibung  verzehrt  die 
geriebenen  Körper.  Also  würde  daraus  folgen,  daß  die 
Himmel  in  ihrer  Richtung,  weil  sie  keine  Luft  zwischen- 
einander  haben,  keinen  Ton  erzeugen,  und  wenn  derartige 
Reibung  auch  Wahrheit  hätte,  in  so  viel  Jahrhunderten, 
wie  diese  Himmel  sich  drehen,  würden  sie  von  so  unend- 
licher Geschwindigkeit  jedes  Tages  schon  aufgezehrt  sein. 
Und  wenn  sie  dennoch  einen  Ton  hervorbrächten,  könnte 
er  sich  nicht  verbreiten;  denn  auch  der  Ton  eines  Zu- 
sammenstoßes unter  dem  Wasser  ist  wenig  zu  hören, 
und  wenig  oder  gar  nicht  würde  er  in  festen  Körpern 
gehört.  Außerdem,  bei  glattpolierten  Körpern  macht  die 
Reibung  keinen  Lärm,  was  gleicherweise,  nämlich  keinen 
Lärm  hervorzurufen,  bei  der  Berührung  oder  besser  Rei- 
bung der  Himmel  geschehen  würde.  Und  wenn  diese 
Himmel  durch  den  Kontakt  ihrer  Reibung  nicht  poliert 
worden  sind,  so  folgt,  daß  sie  eine  rauhe  und  körnige 
Oberfläche  haben;  daher  ist  der  Kontakt  bei  ihnen  kein 
ununterbrochener,  und  wenn  dem  so  ist,  entsteht  das  Va- 
kuum, von  dem  man  folgert,  daß  es  in  der  Natur  nicht 
existiert.  Also  wird  geschlossen,  daß  Reibung  die  Gren- 
zen jedes  Himmels  schon  verzehrt  habe,  und  um  so  viel 
schneller  er  in  der  Mitte  als  gegen  die  Pole  hin  ist,  um 
so  mehr  verzehrte  er  sich  in  der  Mitte  als  an  den  Polen; 
und  dann  riebe  er  sich  eben  nicht  mehr,  und  der  Ton 
hörte  auf,  und   die  Tänzer  blieben  still  stehen  —  außer 

25 


die  Himmel  drehten  sich  der  eine  nach  dem  Orient,  der 
andere  nach  dem  Okzident. 

über    Mechanik.    XXXIV.  MS.  E.  FOL.  8  V. 

Die  Mechanik  ist  das  Paradies  der  mathematischen  Wissen- 
schaften; denn  durch  sie  kommt  man  zur  mathematischen 
Frucht. 

Nochmals     über    XXXV.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  3  f. 

Mechanik  als  die 

Wissenschaft,  Die  instrumentale  oder  mechanische  Wissenschaft  ist 
auch  für  die  höchst  edel  und  über  alle  andern  äußerst  nützlich,  nach- 
^  p'er^gTiten"'^  dem  Vermittels  ihrer  alle  belebten  Körper,  die  Bewegung 
haben,  ihre  verschiedenen  Operationen  machen,  welche 
Bewegungen  im  Zentrum  ihrer  Schwere  entstehen,  das 
sich  in  der  seitlichen  Mitte  ungleicher  Gewichte  befindet: 
und  besitzen  (diese  Körper)  Armut  und  Reichtum  der 
Muskeln,  und  gleicherweise  Hebel  und  Gegenhebel. 

Mathematik     in    XXXVI.  MS.  K.  FOL.  49  r. 

ihrer      Anwend- 
barkeit auf  alles.     Proportion  ist  nicht  bloß  in  den  Zahlen  und  Maßen  auf- 
zufinden, sondern  etiam  in  den  Tönen,  Gewichten,  Zeiten 
und  Orten  und  in  welcher  Kraft  immer  es  sei. 

Gegen  die  Wider-  XXXVII.  R.  1 157,  MS.  W.  AN.  III.,  FOL.  241  r. 

sacher   der  Ma- 
thematik. Wer    die    höchste    Gewißheit    der   Mathematik    schmäht, 

nährt  sich  von  Verwirrung  und  wird  niemals  Schweigen 
gebieten  den  Widersprüchen  der  sophistischen  Wissen- 
schaften, durch  welche  man  nur  ein  ewiges  Geschrei  er- 
lernt. 


Von     der     Ver-    XXXVIII. 
brennung. 


MS.  CA.  FOL.  237  v. 


Von  der  Flamme 


1)  Wo  die  Flamme  entsteht,  dort  entsteht  ringsherum 
Wind,  dessen  Lauf  zur  Nahrung  und  Vermehrung  selbiger 
Flamme  dient.  2)  Die  Bewegung  dieses  Windes  wird 
um  so  ungestümer  sein,  je  größer  die  Menge  von  Flamme 
ist,    so    er   zu  nähren   hat.     3)  Jene   Flamme   wird   von 


26 


größerer  Hitze  sein,  die  leuchtender  ist.  Folgt  das  Um- 
gekehrte: und  jene  wird  leuchtender  sein,  die  von  größerer 
Hitze  ist. 

Jene  Flamme  wird  sich  in  größerer  Länge  verbreiten, 
die  in  Luft  von  ausgezeichneterer  Wärme  entsteht,  und 
umgekehrt,  wird  von  kürzerer  Länge  sein,  wenn  sie  in 
einem  Ort  von  größerer  Kälte  entsteht. 

Die  Bewegung  der  Flamme  in  Gesellschaft  des  Windes, 
welcher  durch  sie  entsteht,  wird  kreisförmig  sein,  wenn 
selbige  Flamme  von  einem  Stoffe  gleichartiger  Nahrung 
gespeist  wird,  und  solches  Kreisen  wird  parallel  sein, 
oder  der  Kreis  wird  von  hohler  Zirkulation,  das  heißt, 
ringförmig  sein;  also  bewegt  sich  das  Wachstum  der 
Flamme  gegen  den  Wind,  von  dem  es  sich  nährt;  doch 
der  entgegengesetzte  Wind,  der  innerhalb  des  Zentrums 
solcher  Zirkulation  entsteht,  bricht  Lanzen  (giostra)  mit 
dem  Wind,  welcher  außerhalb  dieses  Kreises  erzeugt 
wird,  und  innerhalb  (der  Fläche)  ihres  Begegnens  schlie- 
ßen sie  die  Flamme  ein  und  prallen  an  sie  an,  und  ihr 
Anprall  wird  zurückgeworfen  und  springt  gegen  Himmel 
auf  . . . .,  wobei  er  die  erzeugte  Flamme  mit  sich  nimmt. 

Der  Wind,  welcher  innerhalb  des  ringförmigen  Brenn- 
herdes entsteht,  kommt  von  oben,  nicht  von  unten  her, 
und  jener,  der  vom  Ring  erzeugt  ist,  bewegt  sich  von 
oben  und  von  unten,  wie  zu  beweisen  ist. 

Das  Feuerelement  verzehrt  unaufhörlich  die  Luft,  die 
zum  Teil  es  nährt,  und  bliebe  in  Berührung  mit  dem 
Vakuum,  wenn  die  nachfolgende  Luft  nicht  zu  Hilfe  eilte, 
es  auszufüllen  .... 

XXXIX.  MS.  CA.  FOL.  270  r.    Ein     chemischer 

Prozeß     in     der 

Die  Flamme  bereitet  erst  die  Materie,  welche  sie  nähren     Verbrennung. 
soll,  und  hierauf  nährt  sie  sich  von  ihr. 

XL.  MS.  CA.  FOL.  270  r.    Sauerstoff     und 

Wo  die  Flamme  nicht  lebt,  lebt  kein  Wesen,  das  atmet.     ^'  Zmunl  ~ 

27 


Mittelalterliche 
Ideen  Leonardos 
über  das  Feuer- 
element im  Ver- 
hältnis zur 
Flamme. 


XLI.  MS.  CA.  FOL.  270  v. 

Das  Feuer  kann  in  seiner  eigenen  Sphäre  nicht  leuchten, 
wenn  es  sich  nicht  mit  andern  Elementen  mischt,  die  ihm 
angemessen  sind,  und  das  gleiche  geschieht  außerhalb 
seiner  Sphäre. 

Das  so  entstandene  Feuer  (foco  elementato)  verschmilzt 
nicht  mit  dem  Element  des  Feuers,  aber  steht  in  Be- 
rührung mit  ihm,  so  wie  man  es  bei  den  feuchten  und 
den  öligen  Flüssigkeiten  geschehen  sieht. 


Plan  für  dasBuch    XLII. 
vom  Fliegen. 


MS.  K.  FOL.  3  r. 

Teile  den  Traktat  von  den  Vögeln  in  4  Bücher,  von 
welchen  das  erste  von  ihrem  Fliegen  mittels  Schiagens 
der  Flügel  sei,  das  zweite  vom  Flug  ohne  Flügelschlag 
und  durch  Windesgunst,  das  dritte  vom  Fliegen  im  allge- 
meinen wie  dem  der  Vögel,  Fledermäuse,  Fische,  Tiere, 
Insekten  und  als  allerletztes  vom  instrumentalen  (mecha- 
nischen) Fliegen. 


Fliegen    und 
Schwimmen. 


XLIII.  MS.  K.  13  r. 

Die  Spitze  der  Schwinge  des  Vogels  führt  sich  in  der 
Luft  auf,  wie  es  die  Spitze  des  Ruders  im  Wasser  tut, 
oder  der  Arm  oder  besser  die  Hand  des  Schwimmers  unter 
dem  Wasser. 


Warum  das  Auf- 
fliegen leichter 
ist. 


XLIV.  MS.  E.  39  r. 

Die  einfache  Bewegung,  die  die  Flügel  der  Vögel  haben, 
ist  für  sie  leichter,  wenn  sie  sich  erheben,  als  wenn  sie 
sich  senken.  Diese  Leichtigkeit  der  Bewegung  entsteht 
aus  zwei  Ursachen,  deren  erste  ist,  daß  das  sinkende 
Gewicht  (des  Vogels)  selbst  ein  wenig  die  Federn  in 
die  Höhe  hebt;  die  zweite  ist,  daß,  nachdem  die  Flügel 
obenauf  konvex  sind  und  drunter  konkav,  die  Luft  leichter 
dem  Anprall  der  Schwinge  beim  Aufflug  entweicht  als 
beim   Niedersenken,    wo    die    in    der    Konkavität   einge- 


28 


schlossene  Luft  eher  eine  Verdichtung  erzeugt,   als  ihre 
Flucht  hervorruft. 

XLV.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  6  r.  UND  6  V.    Fliegen  mit  and 

ohne     Flügel- 

Wenn  der  Vogel  sich  nach  der  rechten  oder  der  linken  '"ani wenden'" 
Seite  drehen  will,  beim  Schlagen  der  Flügel,  dann  wird 
er  dort  den  Flügel  tiefer  schlagen,  wo  er  sich  hinkehren 
will,  und  so  wird  der  Vogel  die  Bewegung  nach 
dem  Antrieb  (impeto)  jenes  Flügels  drehen,  der 
sich  mehr  bewegte,  und  macht  die  reflektierte  Bewe- 
gung unter  dem  Wind,  von  der  entgegengesetzten  Seite. 
Wenn  der  Vogel  mit  seinem  Flügelschlag  sich  erheben 
will,  hebt  er  die  Schultern  und  schlägt  die  Spitzen  seiner 
Schwingen  gegen  sich  und  macht  so  die  Luft  verdichten, 
die  sich  zwischen  die  Enden  der  Flügel  und  die  Brust 
des  Vogels  legt  (und)  deren  Spannung  den  Vogel  in  die 
Luft  hebt. 

Der  Geier  und  die  andern  Vögel,  die  wenig  mit  den 
Flügeln  schlagen,  suchen  immer  den  Lauf  (corso)  des 
Windes  auf,  und  wenn  der  Wind  oben  herrscht,  dann 
werden  sie  in  großer  Höhe  gesehen,  und  herrscht  er 
unten,  bleiben  sie  tief  unten. 

Wenn  der  Wind  in  der  Luft  herrscht,  dann  schlägt  der 
Geier  mehrere  Male  die  Luft  in  seinem  Fliegen,  in  sol- 
cher Art,  daß  er  sich  hoch  hebt  und  Antrieb  (impeto) 
erwirbt,  mit  welchem  Antrieb  er  dann,  sich  ein  wenig 
herabsenkend,  eine  lange  Strecke  ohne  Flügelschlag  geht, 
und  wenn  er  gesunken  ist,  macht  er  von  neuem  das 
gleiche  und  so  fährt  er  sukzessiv  fort,  und  dies  Sinken 
ohne  Flügelschlag  rechtfertigt  ihn,  indem  es  ihn  nach  der 
Mühe    vorbesagten  Flügelschiagens  in   der  Luft  ausruht. 

Alle  Vögel,  die  in  Stößen  fliegen,  heben  sich  mit  ihrem 
Flügelschlag,  und  wenn  sie  sinken,  kommen  sie  zum 
Ausruhen,  weil  sie  im  Sinken  nicht  mit  den  Flügeln 
schlagen. 

29 


Wind  und  Flug.   XLVI.  SP^  MS.  V.  U.  FOL.  7  r. 

Von    den   4   Reflexions-   und   Einfallsbewegungen 

nach  den  verschiedenen  Richtungen   des  Windes, 

so  die  Vögel  machen 

Immer  wird  der  schräge  Niederflug  (discenso)  der  Vögel, 
wenn  er  gegen  den  Wind  gemacht  ist,  unter  dem  Wind 
gemacht  sein,  und  seine  Reflexionsbewegung  wird  auf  dem 
Wind  gemacht  sein.  Aber  wenn  eine  solche  Einfallsbe- 
wegung nach  der  Levante  zu  gemacht  wird,  während  eine 
Tramontana  (Nordostwind)  zieht,  wird  der  Tramontanaflügel 
unter  dem  Wind  stehen  und  bei  der  Reflexionsbewegung 
wird  er  das  gleiche  tun,  daher  sich  der  Vogel  am  Ende 
selbiger  Reflexion  mit  der  Stirn  nach  Nordosten  befinden 
wird.  Und  wenn  der  Vogel  nach  Mittag  abwärts  geht,  bei 
herrschendem  Nordwind,  wird  er  solchen  Niedergang  auf 
dem  Winde  machen  und  seine  Reflexionsbewegung  unter 
dem  Wind;  aber  hier  entsteht  ein  langer  Disput,  wovon 
an  seinem  Ort  gesprochen  werden  wird,  weil  hier  zu  ge- 
schehen scheint,  daß  eine  Reflexionsbewegung  nicht  ge- 
macht werden  kann. 

Wenn  der  Vogel  seine  Reflexionsbewegung  gegen  Ober- 
wind macht,  dann  wird  er  sehr  viel  höher  steigen,  als 
seinem  natürlichen  Antrieb  zukommt,  nachdem  sich  die 
Gunst  des  Windes  ihm  beifügt,  welcher,  indem  er  unter 
ihn  tritt,  das  Amt  eines  Keiles  verrichtet.  Aber  wenn 
der  Vogel  am  Ende  seines  Aufstieges  ist,  wird  er  seinen 
Antrieb  aufgezehrt  haben  und  wird  ihm  nur  die  Gunst 
des  Windes  bleiben,  der  ihn  umwerfen  und  umwenden 
würde,  weil  er  ihn  gegen  die  Brust  stößt,  wäre  es  nicht, 
daß  jener  den  rechten  oder  den  linken  Flügel  senkte, 
welche  ihn  nach  rechts  oder  nach  links  werden  fliegen 
machen  und  im  halben  Kreise  abwärts  kommen. 

Für    das    Luft.   XLVII.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  16  r. 

schiff    muß    die       _,  ,.,  ,^,.»r         ,.«  i  < 

Bauart  der  Fie-     Ermnero    dich,    daß    dem   Vogel   nichts    anderes   nach- 
^™'"sein°'^  '     ahmen   darf  als   die  Fledermaus,   aus    dem  Grund,    weil 

30 


ihr  Gewebe  eine  Armatur  oder  besser  eine  Verbindung 
der  Armatur,  das  heißt  das  Hauptsegel  der  Flügel,  aus- 
macht. 

Und  ahmtest  du  die  Schwingen  der  gefiederten  Vögel 
nach,  selbige  sind  von  mächtigeren  Knochen  und  stärkerer 
Nervatur,  weil  sie  durchlöchert  sind,  d.  h.  weil  ihre  Federn 
unverbunden  und  von  der  Luft  durchstrichen  sind. 

Aber  die  Fledermaus  hat  die  Hilfe  des  Gewebes,  das 
alles  verbindet  und  nicht  durchlöchert  ist. 

XLVIII.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  7  v. 

Immer  müßte  die  Bewegung  des  Vogels  über  den  Wol- 
ken sein,  damit  der  Flügel  nicht  sich  bade,  und  um  mehr 
Land  zu  entdecken  und  um  der  Gefahr  der  Drehungen 
der  Winde  innerhalb  der  Bergschluchten  zu  entfliehen, 
wo  es  immer  Ansammlungen  und  Wirbel  von  Winden 
gibt.  Und  außer  diesem,  wenn  der  Vogel  sich  um  und 
um  wälzte,  hast  du  da  noch  weite  Zeit,  ihn  mittels  der 
schon  gesagten  Regeln  wieder  umzukehren,  ehe  er  die 
Erde  erreicht. 


DieFlagmaschine 

muß    die     Höhe 

suchen. 


XLIX.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  8  r. 

Der  vorbesagte  Vogel  muß  sich  mit  Hilfe  des  Windes 
in  große  Höhe  erheben  und  dies  sei  ihm  seine  Sicher- 
heit, denn  auch  im  Fall,  als  alle  früher  erwähnten  Um- 
drehungen ihm  dazwischen  kämen,  er  hat  Zeit,  in  die  Lage 
des  Gleichgewichtes  zurückzukehren,  wenn  nur  seine 
Glieder  von  großer  Widerstandskraft  sind,  damit  sie  dem 
Furor  und  der  Gewaltsamkeit  durch  die  erwähnten  Ver- 
teidigungsmittel und  durch  ihre  Gelenke  (giunture)  aus 
starkem  gegerbten  Leder  und  ihre  Nerven  aus  stärksten 
rohseidenen  Stricken  widerstehen  können,  und  es  lasse 
sich  keiner  toll  machen  mit  Eisenzeug,  weil  es  in  seinen 
Windungen  bald  zerbräche  oder  sich  abnützte,  aus  welcher 
Ursache  man  sich  mit  ihm  nicht  abgeben  darf. 


Resistenz    der 
Flagmaschine. 


31 


Die  Flugschiffer.    L.  SP.,  MS.  V.  U.  FOL.  6  T. 

Der  Mensch  in  seinem  Flieger  (volatile)  hat  sich  vom 
Gürtel  aufwärts  frei  zu  halten,  um  zu  balancieren,  wie 
er  es  im  Boote  tat,  damit  sein  Schwerpunkt  und  der 
seiner  Maschine  schwanken  könne  und  sich  wandeln,  wo 
die  Notwendigkeit  bei  der  Änderung  des  Zentrums  seines 
Widerstandes  es  verlangt. 

Leonardo     sieht    LI.  SP.,  MS.  V.  U.  INNENDECKEL  2. 

schon    seinen 

.Vogel'  der  sich     £§  wird   Seinen   ersten  Flug  nehmen    der  große  Vogel, 
(Schwan),  einem  vom  Rücken  seines  riesigen  Schwanes  aus,  das  Universum 

tiüsßl    hßi    Flo~ 

rem,  in  die  Luft  mit  Verblüffung,  alle  Schriften  mit  seinem  Ruhme  füllen 
**"'         und  ewige  Glorie  sein  dem  Neste,  wo  er  geboren  ward. 

Vom  Wasser.       LH.  MS.  C.  FOL.  26  V. 

Was  für  ein  Ding  das  Wasser  ist 

Wasser  ist  unter  den  vier  Elementen  das  zweite,  we- 
niger schwere  und  von  zweiter  Beweglichkeit.  Dieses 
hat  niemals  Ruhe,  bis  es  sich  seinem  maritimen  Ele- 
ment vereinigt,  wo  es,  von  den  Winden  nicht  belästigt, 
ins  Gleichgewicht  kommt  und,  mit  seiner  Oberfläche  (über- 
all) gleichweit  entfernt  vom  Mittelpunkt  der  Welt,  aus- 
ruht. Dieses  Wasser  ist  die  Vermehrung  und  der  Saft 
aller  lebendigen  Körper;  nichts  behält  ohne  es  seine 
frühere  Gestalt  ;  es  bindet  und  vergrößert  die  Körper  im 
Wachstum.  Keine  Sache,  die  leichter  ist,  kann  ohne  Ge- 
walt es  durchdringen;  gern  erhebt  es  sich  vermöge  der 
Wärme  als  feiner  Dampf  in  die  Luft;  die  Kälte  macht  es 
gefrieren,  die  Unbeweglichkeit  verdirbt  es  (d.  h.  die  Wärme 
bewegt  es,  die  Kälte  macht  es  gefrieren,  die  Ruhe  ver- 
dirbt es).  Nimmt  jeden  Geruch,  Farbe  und  Geschmack 
an;  von  selber  hat  es  keinen;  durchdringt  alle  porösen 
Körper.  Gegen  seine  Wut  taugt  keine  menschliche 
Schutzwehr,  und  taugte  sie,  wäre  es  nicht  auf  immer. 
In  seinem  geschwinden  Laufe  macht  es  sich  zum  Auf- 
rechterhalter  von  Dingen,   welche   schwerer  sind   als  es 

32 


selbst.  Es  kann  durch  Bewegung  oder  Sprung  sich  so 
weit  in  die  Höhe  erheben,  als  es  sich  gesenkt  hat.  Es 
begräbt  in  seinem  Untergang  die  Sachen,  so  leichter  sind 
als  es  selbst.  Das  Prinzipat  (die  Hauptsächlichkeit)  seines 
Laufes  liegt  bald  an  der  Oberfläche,  bald  in  der  Mitte, 
manches  Mal  auf  dem  Grunde.  Die  eine  Menge  steigt 
über  den  durchquerenden  Lauf  der  andern,  und  wäre  das 
nicht  so,  so  blieben  die  Oberflächen  der  strömenden 
Wasser  ohne  Kugelungen  (globosità).  Jedes  kleine  Hin- 
dernis, am  Ufer  oder  Grunde,  wird  auf  dem  entgegen- 
gesetzten Ufer  Verderben  bringen;  das  niedrige  Wasser 
tut  dem  Ufer  in  seinem  Lauf  mehr  Schaden,  als  es  macht, 
wenn  es  in  Fülle  fließt.  Es  drücken  seine  Teile  gar 
nicht  auf  den  unterworfenen  seiner  Teile.  Kein  Fluß 
wird  jemals  seinen  Kurs  auch  nur  an  irgendeinem  Ort 
zwischen  seinen  Dämmen  aufrechthalten;  seine  oberen 
Partien  lasten  auf  den  unteren  nicht. 

LUI.  MS.  F.  FOL.  30  V.        Vom  Wasser. 

Das  Wasser  hat  an  sich  keine  Festigkeit  und  bewegt 
sich  von  selbst  nicht,  wenn  es  nicht  hinabsteigt. 

Das  Wasser  steht  nicht  von  selbst  ruhig,  wenn  es  nicht 
(irgendwo)  enthalten  (contenuto)  ist. 

LIV.  MS.  H.  II,  FOL.  92  r.    Das        archime- 

dische      Pnnzip 

So  viel  Gewichtes  Wasser  wird  aus  seiner  Lage  fliehen,  und  das  schwim- 

^  men. 

als  die  Summe  des  Gewichtes  ist,  die  selbiges  Wasser 
verjagt. 

So  groß  ist  das  Gewicht,  das  sich  auf  dem  Wasser  er- 
hält, wie  die  Summe  des  Gewichtes  vom  Wasser  ist,  so 
diesem  Gewichte  Platz  macht. 

LV.  MS.  H.  FOL.  76  r-    Die  Kugelgestalt 

*"  •  "»^.  »•■•  ^gj   Wassers  auf 

Jeder  Teil  des  Wassers  wünscht,  daß  seine  Teile,  sowie  '''fJSgefS' 
das    ganze    Element,   gleichweit   von    seinem  Mittelpunkt 
entfernt  seien. 

3        Herzfeld,  Leonardo 

33 


Nochmals        die    LVI.  MS.  F.  FOL.  22  V. 

Kugelgestalt  des 

Es  bewege  sich  die  Erde,  nach  welcher  Richtung  sie  wolle, 
nie  wird  die  Oberfläche  des  Wassers  aus  ihrer  Kugelform 
(spera)  gehen,  sondern  wird  immer  gleich  fern  vom  Mittel- 
punkt der  Welt  (Erde)  sein. 

Desgleichen.        LVII.  MS.  C.  FOL.  5  r. 

Kein  Teil  des  wässerigen  Elementes  wird  sich  erheben 
oder  weiter  vom  gemeinsamen  Mittelpunkt  entfernen,  wenn 
nicht  durch  Gewalt.  —  Keine  Gewalt  hat  Dauer. 


Die    doppelte      LVIIL  MS.  CA.  FOL.  75  V. 

Sphärizität     des 

^Ml^l^mut'^  Warum,  wenn  zwei  sphärische  Flüssigkeiten  von 
ungleicher  Menge  zum  Anfang  einer  Berührung 
kommen,  die  größere  die  kleinere  an  sich  ziehen 
wird  und  unmittelbar  sich  einverleiben,  ohne  die 
Vollkommenheit  ihrer  Kugelgestalt  zu  zerstören 

Das  ist  eine  schwierige  Antwort;  aber  deshalb  werde 
ich  doch  nicht  zögern,  mein  eigenes  Dünken  zu  sagen. 
Das  Wasser,  von  der  Luft  umkleidet,  will  von  Natur  aus 
seiner  eigenen  Sphäre  vereinigt  bleiben,  weil  es  in  solcher 
Lage  sich  selbst  die  Schwere  nimmt.  Welche  Schwere 
doppelt  ist,  nämlich  so,  daß  sein  Ganzes  Schwere  hat  in 
bezug  auf  den  Mittelpunkt  aller  Elemente;  die  zweite 
Schwere  bezieht  sich  auf  den  Mittelpunkt  selbiger  sphä- 
rischen Gestalt  des  Wassers;  wäre  dem  nicht  so,  würde 
es  aus  sich  nur  eine  halbe  Kugel  machen,  welches  jene 
wäre,  die  vom  (eigenen)  Mittelpunkt  sich  nach  oben  er- 
hebt. Aber  ich  sehe  im  menschlichen  Geist  nicht  die 
Möglichkeit,  davon  Kenntnis  (oder  Erklärung)  zu  geben, 
außer  etwa  zu  sagen,  wie  man  vom  Magnet  sagt,  daß 
er  Eisen  anzieht:  nämlich  daß  solche  Tugend  eine  ok- 
kulte Eigenschaft  sei,  deren  es  in  der  Natur  unzählige 
gibt. 

34 


LIX.  MS.  CA.  FOL.  270  r.         Ausdehnung 

durch   Wärme. 

Das  Feuchte  wird  um  so  leichter,  je  mehr  es  sich  aus- 
dehnt, und  es  wird  um  so  schwerer,  je  mehr  es  sich  abkühlt. 

LX.  MS.  A.  FOL.  55  V.     Wärme.        Ver- 

dunstung,    Wol- 

Von  der  Wärme  in  der  Welt  ken.  Regen.  Ha- 

gel;    Regen    als 

Wo  Leben,  dort  ist  Wärme,  und  wo  Lebenswärme,  dort  ist  ^^^mLe^^'^ 
Bewegung  der  Säfte.  Dies  beweist  sich  selbst,  indem  man 
der  Wirkung  nach  sieht,  daß  das  Warme  im  Element  des 
Feuers  immer  die  Feuchtigkeiten  an  sich  zieht,  —  Dünste 
und  dichte  Nebel  und  häufig  Wolken,  die  sie  aus  den 
Meeren  nimmt  und  andern  Pfützen  und  Flüssen  und  nassen 
Tälern,  und  indem  sie  jene  nach  und  nach  bis  in  die 
kalte  Region  zieht,  bleibt  jener  erste  Teil  stehen,  weil 
das  Warme  und  Feuchte  nicht  zum  Kalten  und  Trockenen 
paßt;  wo  der  erste  Teil  stehen  blieb,  gesellen  sich  ihm 
die  andern  Teile,  und  so,  Teil  zu  Teil  fügend,  entstehen 
dicke  und  dunkle  Wolken  und  werden  oft  fortbewegt  und 
durch  Winde  von  einer  in  die  andre  Gegend  getragen, 
wo  durch  ihre  Dichtigkeit  sie  so  starkes  Gewicht  aus- 
machen, daß  sie  mit  dichtem  Regen  herabfallen;  und 
wenn  die  Hitze  der  Sonne  sich  mit  der  Kraft  des  Feuer- 
elementes vereinigt,  werden  die  Wolken  noch  höher 
hinaufgezogen  und  finden  noch  größere  Kälte,  in  der  sie 
gefrieren,  und  es  entsteht  stürmisches  Hagelwetter.  Nun, 
jene  selbe  Wärme,  welche  so  ein  großes  Gewicht  Wassers 
hält,  wie  man  es  aus  den  Wolken  regnen  sieht,  sie  reißt 
es  von  unten  aus  den  Gründen  der  Berge  hinauf  und 
führt  es  und  hält  es  drinnen  in  den  Gipfeln  des  Gebirges, 
wo  sie  (die  Wässer),  irgendwelche  Spalten  findend,  fort- 
laufen und,  hervorkommend,  Flüsse  verursachen. 

LXL  R.  300,  MS.  LEIC.  FOL,  4  r.     Atmosphärische 

Erscheinungen. 

Von  der  Farbe  der  Luft 

Ich    sage,    daß  das   Azur,    in   dem    die  Luft   sich  zeigt, 
nicht    ihre    eigene  Farbe    ist,    sondern    verursacht  durch 

35 


die  warme  Feuchtigkeit,   die,  in  winzige  und  nicht  wahr- 
nehmbare Atome    verdunstet,    den    Anprall    der  Sonnen- 
strahlen in   sich  aufnimmt  und  leuchtend  wird  unter  der 
Dunkelheit  jener  ungeheuren  Finsternisse  der  Region  des 
Feuers,  die  über  ihr  einen  Deckel  bildet.    Und  dies  wird 
mlnuRo^      sehen,   wie  ich  es  sah,  wer  auf  den  Momboso,  das  Joch 
der  Alpen  geht,   die  Frankreich  von  Italien  trennen,  wel- 
dlT'^dfe'^Rhone    ^^^^  ß^^g   einen   Fuß  hat,   der   die  vier  Flüsse   gebiert, 
der  Rhein,  die  SO    in    vier    Verschiedenen   Richtungen    ganz  Europa    be- 

Donaa    and    der        „  -i,.,-^  ,  •  t^/-.-  ,•«  tt... 

Po  auf  dem  wassem:  und  kein  Berg  hat  semen  Fuß  in  gleicher  Hohe 
'^"sprin^gTnf"  wie  er.  Dieser  erhebt  sich  zu  solcher  Höhe,  daß  er  fast 
alle  Wolken  übertrifft,  und  selten  fällt  dort  Schnee,  son- 
dern bloß  Hagel  im  Sommer,  wenn  die  Wolken  in  der 
höchsten  Höhe  sind;  und  dieser  Hagel  erhält  sich  dort 
derartig,  daß,  wäre  nicht  die  Seltenheit  des  Herabfallens 
und  des  Aufsteigens  von  Wolken,  was  nicht  zweimal  in 
einem  (età)  Menschenalter  (? Sommer)  geschieht,  es  dort 
sehr  hohe  Mengen  Eis,  aufgehäuft  durch  die  Stufen  des 
Hagels,  gäbe.  Welches  Eis  ich  Mitte  Juli  sehr  dick  fand, 
und  sah  die  Luft  über  mir  dunkel  und  die  Sonne,  welche 
auf  den  Berg  fiel,  hier  viel  leuchtender  als  in  den  nie- 
drigen Ebenen,  weil  geringere  Dichte  der  Luft  sich  zwi- 
schen den  Gipfel  und  die  Sonne  schob. 

Regen,     Schnee,     LXII.  MS.  F.  FOL.  35  f. 

Eis,     Eisblumen. 

Buch  42.    Vom  Regen 

Das  Wasser,  welches  von  der  Wolke  fällt,  löst  sich 
manches  Mal  zu  solcher  Leichtigkeit  auf,  daß  es  wegen 
der  Reibung,  die  es  mit  der  Luft  hat,  die  Luft  nicht  mehr 
zerteilen  kann  und  sich  in  selbige  Luft  zu  verwandeln 
scheint.  Hie  und  da,  im  Abwärtsgehen,  vermehrt  (ver- 
dichtet) es  sich,  weil  es  die  winzigen  Partikeln  von  Wasser 
antrifft,  die  wegen  ihrer  Leichtigkeit  langsamen  Falles 
waren,  und  diese  verleiben  es  sich  ein  und  bei  jedem 
Teil  ihres  Abstieges  (discenso)  werben  sie  Mengen  von 
Wasser   an.     Manches  Mal   biegen  die  Winde  den  Regen 

36 


und  machen  seinen  Lauf  schief,  daher  aus  solchem  Grunde 
sein  Herabkommen  zögernd  und  langsam  wird,  und  ver- 
wandelt sich  oft  in  so  kleine  Teilchen,  daß  er  nicht  mehr 
herunter  kann  und  so  in  der  Luft  bleibt. 

Schreibe,  wie  die  Wolken  sich  zusammensetzen  und  wie 
sie  sich  auflösen,  und  welche  Ursache  die  Wasserdünste 
der  Erde  in  die  Luft  hebt,  und  den  Grund  der  Nebel 
und  der  verdichteten  Luft,  und  warum  sie  sich  das  eine 
Mal  mehr  azurfarbig  zeigt  und  das  andere  Mal  weniger 
azurfarbig;  und  ebenso  schreibe  von  den  Regionen  der 
Luft  und  dem  Grund  der  Schneefälle  und  des  Hagels,  und 
vom  Zusammenziehen  des  Wassers  und  Verhärten  zu  Eis 
und  vom  Schaffen  neuer  Figuren  von  Schnee  in  der  Luft, 
und  neuer  Blattgestalten  an  den  Bäumen  in  den  kalten 
Ländern,  und  von  den  Eisfelsen  und  dem  Reif,  welche 
sich  zu  neuen  Gestalten  von  Pflanzen  zusammensetzen, 
mit  verschiedenen  Blättern,  wobei  dieser  Reif  fast  tut, 
als  wäre  er  Tau,  angeordnet,  besagte  Blätter  zu  nähren 
und  hervorzubringen. 

LXm.  MS.  CA.  FOL.  212  V.    Ve&e/,       Wind, 

Wogen,    Wolken, 

Wie  das  Wasser  auf  verschiedenen  Wegen  aus  dem  zu- 
sammengedrückten Schwamm  herausflüchtet,  oder  wie  die 
Luft  aus  dem  Blasebalg,  so  ist  von  den  dünnen  und  po- 
rösen Nebeln,  welche  die  durch  Hitze  verursachte  Re- 
flexion (refression  calorose)  in  die  Höhe  getrieben,  jener 
erste  Teil,  der  sich  obenauf  befindet,  derjenige,  welcher 
vor  allem  in  die  kalte  Region  gerät  und  hier,  durch  kalt 
und  trocken  aufgehalten,  seinen  Gefährten  erwartet;  jener 
von  unten,  der  zum  haltenden  hinaufsteigt,  macht  es  mit 
der  Luft,  so  sich  in  der  Mitte  findet,  wie  eine  Spritze; 
welche  Luft  dann  zwischendurch  und  abwärts  flieht; 
hinauf  geht  sie  nicht,  weil  sie  die  Wolke  so  dicht  findet, 
daß  sie  nicht  hindurch  kann. 

Aus  diesem  Grunde  kommen  alle  Winde,  so  die  Ober- 
fläche der  Erde  bekriegen,  von  oben  herab,  und  wenn  sie 

37 


Blitz. 


auf  die  widerstehende  Erde  stoßen,  entsteht  dadurch  hier 
eine  Rückprallbewegung,  welche,  im  Willen  sich  wieder 
emporzuheben,  da  den  andern  Wind  findet,  der  herabsteigt, 
diesen  Aufstieg  bekämpft,  wodurch  besagte  (Luft-)Er- 
hebung  gezwungen  ist,  ihre  natürliche  Ordnung  zu  brechen, 
und,  einen  Querweg  nehmend,  einen  heftigen  Lauf  ver- 
folgt, der  beständig  die  Oberfläche  der  Erde  streift. 

Und  wenn  die  besagten  Winde  auftreffend  die  salzigen 
Wasser  verwunden,  erscheint  hier  klärlich  die  Form,  der 
Winkel,  nämlich,  geschaffen  von  der  Einfallslinie  und  der 
Reflexionslinie,  woraus  die  stolzen  und  drohenden  Wogen 
und  Sturzseen  resultieren,  von  denen  die  meisten  Male 
eine  die  andere  verursacht. 

Hier  vermöchte  wohl  irgendwer  sich  glauben  zu  machen, 
er  dürfe  wider  meinen  Beweis  von  den  Winden  einwen- 
dend mich  korrigieren,  indem  er  sagte,  diese  könnten 
nicht  von  den  Wolken  erzeugt  werden,  indem  notwendig 
wäre,  daß  die  einen  stillstünden  und  die  andern  in  Be- 
wegung setzten,  und  dies  werde  nicht  sichtbar,  da,  wenn 
eine  Tramontana  (Nordostwind)  aufzieht,  die  Wolken  alle 
miteinander  um  die  Wette  vor  besagtem  Winde  her  fliehen. 

In  betreff  dieses  ist  zu  sagen,  daß,  wenn  die  Luft  in 
Ruhe  ist  und  eine  volle  Provinz  von  Wolken  in  die  Höhe 
steigt  und  da  oben,  wie  gesagt  wurde,  sich  zusammen- 
schließt, so  verdrängen  sie  zwischeneinander  all  die  Luft, 
welche  durch  die  gegebene  Gewalt  (violenza)  so  viel  Be- 
wegung in  der  Atmosphäre  gewinnt,  daß  sie,  wie  du  siehst, 
den  andern  kleinen  Wolken  Bewegung  mitteilt. 

Und  indem  auch  sie  Luft  vorwärts  treiben,  geben  sie  in 
gleicher  Art  sich  selber  Grund  zu  stärkerer  Flucht,  denn 
wenn  sich  eine  Wolke  in  der  Mitte  oder  getrennt  von 
den  andern  befindet,  sobald  sie  hinter  sich  Wind  erzeugt, 
so  wird  jene  Luft,  die  sich  zwischen  ihr  und  ihrem  nach- 
folgenden Nachbarn  befindet,  sich  vermehren  (verdichten), 
und,  vermehrt,  wird  selbe  nicht  anders  es  machen  als  das 
Pulver  in  der  Bombarde,  welches  aus  seiner  benachbarten 

38 


Lage  den  weniger  schweren  Körper  und  das  leichtere 
Gewicht  verjagt;  ist  es  so,  da  geschieht  es,  daß  die  Wolke, 
die  den  Wind  gegen  die  andern  widerstehenden  jagt,  Ur- 
sache wird,  sich  selber  in  die  Flucht  zu  jagen. 

Und  indem  sie  diese  Vorhut  von  Winden  vor  sich  her 
schickt,  gibt  sie  zugleich  den  andern  Vermehrung. 

Und  schickt  sie  sie  in  die  Quere,  entsteht  für  irgend- 
eine Wolke  ein  wirbelnder  Kreis,  und  dann  kehrt  sie  in 
die  Verbindung  mit  den  übrigen  zurück. 

Gleichwie  die  natürliche  Wärme,  so  über  die  mensch- 
lichen Gliedmaßen  verstreut  ist,  vom  umgebenden  Frost, 
ihrem  Gegner  und  Feind,  rückwärts  gejagt  wird  und,  in 
den  See  des  Herzens  und  in  die  Leber  zurückgeströmt, 
sich  dort  verstärkt  und  aus  diesen  ihre  Festung  und 
Bastion  macht:  — 

So  die  Wolken,  von  warm  und  feucht  zusammengesetzt, 
und  im  Sommer  von  gewissen  trockenen  Dünsten,  und 
wenn  sich  diese  in  der  kalten  und  trockenen  Region  finden, 
machen  sie  es  ähnlich  wie  gewisse  Blumen  und  Blätter, 
die  vom  kalten  Reif  bekämpft  werden,  welche,  sich  zu- 
sammenpressend, größeren  Widerstand  leisten. 

Ebenso,  bei  der  ersten  Berührung,  die  selbige  mit  der 
kalten  Luft  haben,  beginnen  sie  zu  widerstehen  und  nicht 
mehr  weitergehen  zu  wollen;  die  andern  von  unten  be- 
obachten ein  fortgesetztes  Steigen  ;  der  obere  Teil,  still- 
haltend, strebt  sich  zu  verdichten;  das  Warme  und  das 
Trockene  ziehen  sich  in  die  Mitte  zurück,  die  Partie  von 
oben,  im  Stich  gelassen  von  der  Wärme,  fängt  an  zu  ge- 
frieren oder,  genauer,  sich  aufzulösen;  die  Wolken  von 
unten,  immer  noch  aufsteigend,  nähern  das  Warme  mehr 
dem  Kalten,  woher  es,  gezwungen,  sich  in  reines  Element 
zu  verwandeln,  sich  plötzlich  in  Feuer  umschafft  und  sich 
in  die  trockenen  Dünste  mischt  und  inmitten  der  Wolke 
großes  Wachstum  macht  und,  zwischen  dem  abgekühlten 
Gewölke  sich  entzündend,  einen  Lärm,  wie  Wasser,  das 
in  siedendes  Pech  oder  Öl  fällt,  oder  wie  geschmolzenes 

39 


Wasser  und 
Wärme. 


Kupfer,  das  man  in  kaltes  Wasser  warf;  also  von  seinem 
Gegner  gejagt,  zerreißt  es  das  widerstrebende  Gewölke 
und,  die  Luft  durcheilend,  bricht  und  zerschmettert  es, 
was  sich  ihm  entgegenstellt;  und  dieses  ist  der  Blitz. 

LXIV.  MS.  H.  III,  FOL.  95  r. 

Das  Wasser,  Lebenssaft  der  irdischen  Maschine,  bewegt 
sich  durch  seine  natürliche  Wärme. 


Rolle  des  Wassers    LXV 
im      Naturhaas 
halt. 


AIS.  K.  FOL.  2  r. 


Das  Wasser  ist  der  Kärrner  der  Natur. 


Wasserwirbel 
and  Lockenhaar. 


Schwimmen; 
Tauchapparate  ; 
Anspielung     auf 
Unterseeboote 
und    Einrich- 
tungen ,     Schiffe 
anter  dem  Wasser 
anzubohren,  wo- 
zu in  den  Manu- 
skripten   Ent- 
würfe vorhanden 
sind. 


LXVI.  R.  389,  MS.  W.  FOL.  IV. 

Beobachte  die  Bewegung  der  Oberfläche  des  Wassers, 
das  es  nach  der  Gewohnheit  (uso)  der  Haare  macht,  die 
zwei  Bewegungen  haben,  deren  eine  abhängt  vom  Ge- 
wicht des  Strähnes,  die  andre  vom  Umriß  der  Gesichter; 
so  hat  das  Wasser  seine  wirbelnden  Drehungen,  von  denen 
ein  Teil  abhängt  vom  Anstoß  des  hauptsächlichen  Laufes, 
der  andre  abhängt  von  der  einfallenden  und  zurückge- 
worfenen Bewegung. 

LXVII.  R.  1 1 14,  MS.  LEIC.  FOL.  22  v. 

Wie  mittels  kleiner  Schläuche  dies  Heer  schwimmend 
den  Fluß  übersetzen  soll  .  .  .  Von  der  Art,  wie  die  Fische 
schwimmen;  von  der  Art,  wie  sie  aus  dem  Wasser 
springen,  so  wie  man  die  Delphine  tun  sieht,  was  als 
eine  wunderbare  Sache  erscheint:  Sprünge  zu  machen 
auf  einem  Gegenstand,  der  nicht  verharrt,  sondern  flieht; 
—  vom  Schwimmen  der  Tiere  langer  Gestalt,  wie  Aale 
und  dergleichen;  —  von  der  Art,  gegen  die  Strömung 
und  großes  Gefälle  der  Flüsse  zu  schwimmen;  —  von 
der  Art,  wie  Fische  runder  Gestalt  schwimmen;  —  wie 
die  Tiere,  so  keine  langen  Hinterbeine  haben,  nicht 
schwimmen  können;  —  wie  alle  andern  Tiere  von  Natur 
aus  schwimmen  können,  so  sie  die  Füße  mit  Zehen 
haben,  außer  der  Mensch;  —  wie  der  Mensch  schwim- 
men lernen  soll;  —  von  der  Art,  sich   auf  dem  Wasser 


40 


auszuruhen;  —  wie  der  Mensch  sich  gegen  die  Wirbel 
oder  Strudel  des  Wassers  verteidigen  soll,  die  ihn  auf 
den  Grund  ziehen;  —  wie  der  auf  den  Grund  hinabge- 
zogene Mensch  die  Reflexbewegung  suchen  soll,  die  ihn 
aus  der  Tiefe  emporschleudert;  —  wie  man  mit  den 
Armen  gehen  soll;  —  wie  man  auf  dem  Rücken 
schwimmen  soll;  —  wie,  und  wie  nicht  man  unter  dem 
Wasser  bleiben  kann,  außer  man  vermag  den  Atem  zu- 
rückzuhalten; —  wie  viele  vermittels  eines  Instrumentes 
eine  Weile  unter  dem  Wasser  bleiben;  —  wie  und  warum 
ich  nicht  meine  Art  schreibe,  unter  dem  Wasser  zu  blei- 
ben, solang  ich  bleiben  kann,  ohne  zu  essen;  und  dies 
veröffentliche  ich  nicht  oder  erkläre  es,  wegen  der  bösen 
Natur  der  Menschen,  welche  Art  sie  zu  Ermordungen  auf 
dem  Grund  des  Meeres  anwenden  würden,  indem  sie 
den  Boden  der  Schiffe  brächen  und  selbige  mitsamt  den 
Menschen  versenkten,  die  drinnen  sind,  und  wenn  ich 
andre  Arten  lehre,  sind  diese  nicht  gefährlich,  weil  über 
dem  Wasser  der  Mund  des  Rohres  erscheint,  durch  das 
sie,  getragen  von  den  Schläuchen  oder  Kork,  atmen. 

LXVIII.  MS.  A.  FOL.  61  r.       Fortpflanzung 

des  Schalls. 

Obwohl  die  Stimmen,  so  diese  Luft  durchdringen,  sich 
in  kreisförmigen  Bewegungen  von  ihrer  Ursache  trennen, 
—  nichtsdestoweniger  begegnen  die  Kreise,  die  sich  von 
verschiedenen  Anfängen  bewegen,  einander  ohne  irgend- 
welche Hinderung  und  durchdringen  und  passieren  einer 
den  anderen,  —  so  erhalten  sie  sich  doch  immer  ihre 
Ursache  als  Mittelpunkt. 

Weil  in  allen  Fällen  der  Bewegung  das  Wasser  große 
Gleichheit  mit  der  Luft  hat,  werde  ich  es,  des  Beispiels 
halber,  mit  obengenanntem  Satz  verbinden.  Ich  sage, 
wenn  du  zu  gleicher  Zeit  zwei  kleine  Steine,  ein  bißchen 
entfernt  einen  vom  andern,  in  einen  See  von  Wasser, 
das  ohne  Bewegung,  wirfst,  wirst  du  rings  um  die  zwei 
besagten  Stücke  zwei  getrennte  Mengen  von  Kreisen  her- 

41 


vorgerufen  sehen,  welche  Mengen,  wachsend,  sich  schließ- 
lich begegnen,  dann  sich  einander  einverleiben,  indem 
ein  Kreis  den  andern  durchschneidet,  und  immer  dabei 
als  Mittelpunkt  die  Orte  aufrecht  erhält,  wo  die  Steine 
aufschlugen.  Und  der  Grund  davon  ist,  daß,  obschon 
sich  irgendein  Anschein  von  Bewegung  zeigte,  das  Wasser 
sich  nicht  von  seinem  Platze  trennt,  weil  die  Öffnungen, 
die  ihm  von  den  Steinen  gemacht  worden  sind,  sofort 
sich  wieder  schlössen,  und  diese  Bewegung  des  plötz- 
lichen Öffnens  und  Schließens  des  Wassers  macht  darin 
eine  gewisse  Erschütterung,  die  man  viel  eher  als  ein 
Zittern  denn  als  Bewegung  ansprechen  kann.  Und  damit, 
was  ich  dir  sage,  sich  dir  offenbarer  mache,  gib  acht  auf 
jene  Splitterchen,  die  wegen  ihrer  Leichtigkeit  auf  dem 
Wasser  bleiben,  —  daß  durch  die  Welle,  so  unter  ihnen 
durch  das  Herankommen  der  Kreise  entsteht,  sie  dennoch 
nicht  ihren  früheren  Ort  verlassen.  Nachdem  also  diese 
ganze  Erschütterung  des  Wassers  viel  eher  ein  Erzittern 
als  eine  Bewegung  ist,  können  sie  (die  Kreise)  sich  beim 
Begegnen  nicht  einer  den  andern  zerbrechen;  denn  weil 
das  Wasser  alle  seine  Partien  von  der  gleichen  Qualität 
hat,  ist  es  notwendig,  daß  die  Teile  mit  selbigem  Zittern 
einander  anstecken,  ohne  sich  von  ihrem  Ort  zu  rühren, 
weil  das  Wasser,  indem  es  auf  seinem  Platze  bleibt, 
leicht  dieses  Zittern  von  dem  benachbarten  Teile  über- 
nehmen kann  und  sie  dem  andern  benachbarten  weiter- 
geben, immer  dessen  Kraft  vermindernd,  bis  zu  Ende. 

Wo    der   Schall    LXIX.  MS.  A.  FOL.  22  V. 

erzeugt  wird. 

Vom  Schlag 

Der  Schlag  der  Glocke  läßt  hinter  sich  sein  Abbild  zu- 
rück, eingedrückt  wie  es  die  Sonne  dem  Auge  ist  oder 
der  Geruch  der  Luft;  aber  es  muß  nachgesehen  werden, 
ob  das  Abbild  des  Schlages  in  der  Glocke  bleibt  oder 
in  der  Luft,  und  dies  wirst  du  erkennen,  wenn  du  nach 

42 


selbigem  Schlag  dein  Ohr  auf  die  Oberfläche  der  Glocke 
legst. 

LXX.  MS.  A.  FOL.  22  V.    Mitklingen    glei. 

eher     und     ver- 
Vom    Schlag  wandter  Töne. 

Der  einer  Glocke  gegebene  Schlag  wird  beantwortet  und 
bewegt  ein  bißchen  eine  andere  ihr  gleiche  Glocke,  und 
die  berührte  Saite  einer  Laute  findet  Antwort  und  bewegt 
ein  wenig  eine  andere  gleiche  Saite  von  gleicher  Stimme 
in  einer  andern  Laute,  und  dies  wirst  du  sehen,  wenn 
du  einen  Strohhalm  auf  die  Saite  legst,  so  der  gespielten 
gleich  ist. 

LXXI.  MS.  A.  FOL.  23  r.    Kraft  des  Tones. 

Ob  viele  kleine  Stimmen  zusammengetan  ein  Geräusch 
machen,  wie  eine  große?  —  Ich  sage  nein,  denn  wenn 
du  zehntausend  Stimmen  von  Fliegen  vereinigt  nähmest, 
werden  sie  nicht  so  von  weitem  gehört  werden,  wie  die 
Stimme  eines  Menschen,  welche  Stimme  des  Menschen, 
in  zehntausend  Teile  geteilt,  in  keinem  dieser  Teile  gleich 
sein  wird  der  Größe  der  Stimme  einer  Fliege. 

LXXIL  MS.  B.  FOL.  6  r.       Fortpflanzung 

,      .         r>      1    •  no  •  it  rr-  n  •  ^^^     SchulleS     in 

wenn  du  dem  Schirr  anhalten  wirst  und  den  Kopf  eines  flüssigen  und  in 
Sprachrohrs  auf  das  Wasser  setzen  und  das  andere  Ende       ^^     *"?'*'■"• 
an  dein  Ohr,  so  wirst  du  Schiffe  hören,   die  recht  weit 
von  dir  entfernt  sind. 

Und  das  gleiche  wirst  du  machen,  wenn  du  besagten 
Kopf  des  Sprachrohres  auf  die  Erde  stellst,  und  du  wirst 
hören,  wer  weit  von  dir  vorübergeht. 

LXXIIL  MS.  A.FOL.  9  V.    Der  Schall    und 

das    Licht    ver- 

Wie  der  Stein,  ins  Wasser  geworfen,   sich    zum  Mittel-      breiten_  sich 


punkte  macht  und  verschiedene  Kreise  verursacht,  so  ver- 
breitet der  in  der  Luft  erzeugte  Ton  sich  in  Kreisen;  so 
breitet  jeder  Körper,   der  in   die  leuchtende  Atmosphäre 

43 


wellenförmig. 


gestellt  ist,  sich  in  Kreisen  aus  und  füllt  die  umgebenden 
Teile  mit  zahllosen  seiner  Abbilder  und  erscheint  als 
Ganzes  völlig  und  völlig  in  jedem  Teile. 

Reflexion    des      LXXIV.  MS.  A.  FOL.  19  V. 

Schalles. 

Die  Stimme,  die  an  ein  Objekt  anprallt,  wird  zum  Ohr 
auf  einer  Linie  von  gleicher  Neigung  zurückkehren,  als 
die  Einfallslinie  war,  nämlich  die  Linie,  welche  die 
Stimme  von  ihrer  Urheberschaft  zum  Orte  hinträgt,  wo 
diese  Stimme  sich  wieder  zu  bilden  vermag  (wo  sie  auf- 
gefangen wird),  und  macht  es  diese  Stimme  im  Gleich- 
nis einer  Sache,  die  man  im  Spiegel  sieht,  welche  Sache 
ganz  auf  dem  ganzen  Spiegel  ist  und  ganz  auf  jedem 
Teil 

Nehmen  wir  das  Beispiel  der  Sonne;  wenn  du  am  Ufer 
eines  Flusses  einhergehst  und  du  siehst  die  Sonne  in 
genanntem  Fluß  sich  spiegeln,  solang  als  du  neben  dem 
Fluß  wandelst,  so  lang  wird  dir  scheinen,  daß  die  Sonne 
mit  dir  gehe,  und  dies,  weil  die  Sonne  ganz  im  Ganzen 
und  ganz  in  jedem  Teile  ist. 

Die  Lichtstrahlen    LXXV.  MS.  A.  FOL.  8  V. 

pflanzen  sich  im 

gleichen    Mittel     Ich  bitte,  daß   mir  die  Behauptung   zugestanden   werde, 
img  0  .    ^^^    ^jj^  Strahlen,    welche    durch   eine   Luft   von   gleich- 
förmiger Feinheit  durchgehen,  auf  gerader  Linie  von  ihrem 
Ursprung  zu  ihrem  Objekt  oder  Anprall  eilen. 

Undeutliche  Ah-   LXXVI.  MS.  A.  FOL.  64  r. 

nang     vom    Zu- 
sammenhang der     Jeder  Körper,    den   man   durch    ein   gekrümmtes  Mittel 

Strahlen-  .  ,      .  .._ 

brechung  und  der  Sieht,  erschemt  großer. 

Art  des  Mittels. 

Desgleichen.        LXXVII.  MS.  F.  FOL.  60  F. 

Alle  Grade  der  Elemente,  durch  welche  die  Abbilder 
der  himmlischen  Körper  gehen,  so  in  unser  Auge  kom- 
men, sind  krumm  und  die  Winkel,  in  welchen  die  mitt- 
leren Linien  dieser  Abbilder  in  sie  eindringen,  sind  nicht 
gleich. 

44 


LXXVIII.  CA.  FOL.  121  r.      Ahnlicher   Ge- 

Die  Bewegung  des  Blitzes,  der  in  der  Wolke  geboren 
wird,  ist  gekrümmt,  weil  er  sich  vom  Dichten  ins  Dünne 
biegt,  welche  Dichtigkeit  durch  die  Wut  seiner  vorbe- 
sagten Bewegung  entsteht.  Selbiger  Blitz,  weil  er  sich 
nicht  mit  der  begonnenen  Geradheit  ausbreiten  kann,  biegt 
zum  allergeschwindesten  Durchlauf  des  Weges  ab,  den 
er  dann  fortsetzt,  bis  er  sich  das  zweitnächste  Hindernis 
erzeugt  hat,  und  derartig,  nach  solcher  Regel,  geht  es 
weiter  bis  an  sein  Ende. 

LXXIX.  MS.  A.  FOL.  2  V.     über    die    Fort- 

Pflanzung       des 

Jeder  Körper  füllt  die  umgebende  Luft  mit  seinem  Ab-        Lichtes. 
biid,  welches  Abbild  völlig  ist  im  Ganzen  und  völlig  im 
Teile. 

Die  Luft  ist  voll  von  unzähligen  geraden  und  leuchten- 
den Linien,  die  sich  durchschneiden  und  miteinander  ver- 
weben ohne  gegenseitige  Verdrängung:  präsentieren  jeg- 
lichem, das  sich  ihnen  gegenüberstellt  (Objekt,  obbietto) 
die  wahre  Form  ihrer  Ursache. 

LXXX.  MS.  ASH.  I,  FOL.  6  V.        Desgleichen. 

Der  Körper  der  Luft  ist  voll  zahlloser  Pyramiden,  zu- 
sammengesetzt aus  leuchtenden  und  geraden  Linien,  die 
von  den  oberflächlichen  Enden  (Grenzen)  der  schattigen 
Körper  verursacht  werden,  so  in  selbige  Luft  gesetzt  sind, 
und  je  mehr  sie  sich  von  ihrer  Ursache  entfernen,  desto 
spitzer  werden  sie,  und  obwohl  ihr  Lauf  durchschnitten 
und  mit  anderen  verwebt  ist,  verwirren  sie  sich  doch 
nicht  ineinander  und  mit  divergierendem  Laufe  gehen  sie, 
sich  verbreitend  durch  die  ganze  umgebende  Luft,  die  sie 
erfüllen,  sind  untereinander  von  gleicher  Kraft  und  alle 
wie  eine  und  eine  wie  alle,  und  durch  sie  wird  das  Bild 
des  Körpers  getragen  und  als  Ganzes  überall  hingetragen 
und  ganz  in  jedem  Teil,  und  jede  Pyramide  für  sich  emp- 
fängt in  jedem  minimalsten  seiner  Teile  die  ganze  Form 
seiner  Ursache. 

45 


Desgleichen.        LXXXI.  MS.  CA.  FOL.  101  V. 

Der  Körper  der  Luft  ist  angefüllt  mit  zahllosen  Strahlen- 
Pyramiden,  hervorgerufen  von  den  Dingen,  die  in  selbige 
gestellt  sind,  welche  (Strahlenpyramiden),  sich  durchsägend 
und  ineinander  verwebt,  ohne  einander  zu  verdrängen,  mit 
gesondertem  Laufe  sich  der  ganzen  umliegenden  Luft 
verschmelzen,  und  sind  von  gleicher  Macht,  und  alle  ver- 
mögen soviel  wie  jede,  und  jede  so  viel  wie  alle,  und  durch 
sie  wird  das  Abbild  des  Körpers  ganz  ins  Ganze  getragen 
und  ganz  in  die  Teile,  und  jedes  empfängt  in  jedem  klein- 
sten Teil  die  Ursache  völlig. 

Versuche  mit  der    LXXXIL  R.  66,  MS.  W.  L.  FOL.  145. 

Camera  obscara. 

Die  Abbilder  (spezie)  der  Körper  sind  völlig  in  die  Luft 
hinein  ergossen  (infuso),  welche  sie  sieht,  und  sind  alle 
in  jedem  Teil  der  Luft  enthalten;  man  beweist  es:  seien 
es  die  Objekte  a,  c,  e,  deren  Abbilder  durch  die  kleinen 
Löcher  u,  p  in  ein  dunkles  Zimmer  dringen  und  sich  auf 
der  Wand  /,  i  abdrucken,  welche  selbigen  kleinen  Löchern 
gegenübersteht.  Diese  Eindrücke  werden  auf  so  vielen 
Orten  selbiger  Wand  gemacht  sein,  als  die  Zahl  besagter 
Löcher  ist. 

Das    Aufrecht-     LXXXIIL  MS.  C.  FOL.  6  f. 

sehen. 

. . .  Alle  die  Sachen,  welche  das  Auge  jenseits  des  kleinen 
Spaltes  sieht,  werden  von  diesem  Auge  kopfüber  gesehen 
und  als  aufrecht  erkannt  (conosciute). 

Vom  Sehen  und    LXXXIV.  MS.  CA.  FOL.  345  f. 

der  Pupille. 

Zeige,  wie  keinerlei  Sache  gesehen  werden  kann,  außer 
durch  einen  kleinen  Spalt,  wo  die  Luft  voller  Abbilder 
(spezie)  der  Gegenstände  hindurchgeht,  welche  (Abbilder) 
einander  zwischen  den  dichten  und  undurchsichtigen  Sei- 
ten des  vorbesagten  Spaltes  durchsägen  (kreuzen),  und 
deshalb  vermag  eine  Sache,  die  keinen  Körper  hat,  weder 
Gestalt  noch  Farbe  irgendeines  Gegenstandes  zu  sehen, 
sintemalen   es  ihm   notwendig  ist,    daß  ein  dichtes   und 

46 


undurchsichtiges  Instrument  für  den  Spalt  vorhanden  sei, 
durch  welchen  die  Spezien  dem  Objekte  (das  sie  auffängt) 
ihre  Farben  und  Gestalten  aufdrücken. 

LXXXV.  MS.  CA.  FOL.  345  V.        Desgleichen. 

(Die  Natur  des  Auges  studierend:) 
Hier  sind  die  Figuren,   hier   die  Farben,  hier   alle  Ab- 
bilder der  Teile  des  Weltalls  in  einen  Punkt  gesammelt, 
und  dieser  Punkt  ist  ein  solches  Wunder! 

O  wunderbare  und  staunenswerte  Notwendigkeit,  du 
zwingst  mit  deinem  Gesetz  alle  Wirkungen,  auf  kürzestem 
Weg  an  ihren  Ursachen  teilzuhaben. 

Dieses  sind  die  Wunder,  welche (unleserlich) 

Schreibe  in  deiner  Anatomie,  wie  in  so  winzigem  Räume 
das  Bild  (der  sichtbaren  Dinge)  wiedergeboren  werden 
und  sich  in  seiner  Ausdehnung   wiederherstellen  könne. 


il  III.  SONNE/MOND  UND  ERDE 


Die  Sonne. 


MS.  F.  FOL.  5  r. 


Ihre    Größe. 

Irrtum    des 

Epikar. 


Irrtum    des 
Schrates. 


Lob  der  Sonne 


enn  du  die  Sterne  anschaust,  ohne  Strahlen  — 
wie  man  es  tut,  wenn  man  sie  durch  ein  kleines 
Loch  ansieht,  das  mit  der  äußersten  Spitze  der 
feinen  Nadel  gemacht  ist  und  welches  so  gestellt 
ist,  das  es  fast  das  Auge  berührt,  —  wirst  du 
selbige  Sterne  so  winzig  finden,  daß  keine  Sache  kleiner 
zu  sein  scheint;  und  wahrhaftig,  die  weite  Entfernung 
leiht  ihnen  vernunftgemäße  Verringerung,  obschon  es  viele 
gibt,  die  vielmalig  größer  sind  als  jener  Stern,  so  die 
Erde  mit  dem  Wasser  ist.  Nun  denke,  was  dieser  unser 
Stern  in  solcher  Entfernung  scheinen  müßte,  und  über- 
lege dann,  wie  viele  Sterne  man  sowohl  in  der  Länge  als 
in  der  Breite  zwischen  selbige  Sterne  legte,  die  im  finstern 
Raum  ausgesät  sind.  Aber  ich  bin  außerstande,  nicht 
zu  tadeln  viele  von  den  Alten,  welche  sagen,  daß  die 
Sonne  keine  andere  Größe  habe  als  die,  welche  sie  zeigt: 
unter  denen  Epikur  war,  und  ich  glaube,  sie  nahmen 
solchen  Grund  von  einem  Licht,  das  in  diese  unsre  Luft 
gesetzt  wäre,  die  in  stets  gleicher  Entfernung  vom  Zen- 
trum ist:  wer  es  sieht,  sieht  es  nie  verkleinert  an  Größe, 
in  keiner  Entfernung,  und   die  Gründe  ihrer  Größe   und 

MS.  FOL.  4  V. 
Tugend  verspare  ich  auf  das  vierte  Buch;  aber  wohl 
staune  ich,  daß  Sokrates  diesen  selbigen  Körper  tadelt 
und  daß  er  ihn  einem  feurigen  Steine  gleich  nennt,  und 
sicher,  wer  ihn  darob  des  Irrtums  zieh,  sündigte  kaum. 
Doch  ich  möchte  Wörter  haben,  die  mir  dienten,  jene  zu 
tadeln,  die  es  mehr  loben  wollen,  Menschen  anzubeten  als 


48 


dergleichen  Sonne,  da  ich  im  Weltall  keinen  Körper  von 
größerer  Erhabenheit  und  Tugend  sehe  als  sie,  und  ihr 
Licht  erleuchtet  alle  Himmelskörper,  die  über  das  Weltall 
sich  verteilen.  Alle  Seelen  stammen  von  ihr,  weil  die 
Wärme,  die  in  den  lebenden  Wesen  ist,  von  den  Seelen 
kommt,  und  keine  andere  Wärme  noch  Licht  im  Universum 
ist,  wie  ich  im  vierten  Buche  zeigen  werde.  Und  sicher, 
daß  jene,  so  Menschen  für  Götter  haben  anbeten  wollen, 
wie  Jupiter,  Saturn,  Mars  und  dergleichen,  den  größten 
Irrtum  begangen  haben,  sehend,  daß,  auch  wenn  der 
Mensch  so  groß  wäre  wie  unsre  Welt,  daß  er  gleich 
einem  winzigen  Stern  wäre,  der  ein  Punkt  im  Weltall 
scheint,  und  außerdem  bemerkend,  daß  selbige  Menschen 
sterblich  sind  und  verweslich  und  faulbar  in  ihren  Särgen. 
Randbemerkung:  Die  Spera  und  Marullo  loben,  mit 
vielen  anderen,  selbige  Sonne. 

II.  MS.  F.  FOL.  6  r. 

Vielleicht  sah  Epikur  die  Schatten  der  Säulen,  die  auf 
die  gegenüberstehende  Mauer  zurückgeworfen  waren,  dem 
Durchmesser  der  Säule  gleich,  von  der  solcher  Schatten 
ausging.  Da  also  der  Zusammenlauf  der  Schatten  parallel 
blieb  vom  Ausgang  bis  zum  Ende,  schien  ihm  zu  schließen, 
daß  die  Sonne  gleichfalls  einer  solchen  Parallele  Front  biete 
und  folglich  nicht  dicker  sei  als  solche  Säule,  und  bemerkte 
gar  nicht,  daß  solche  Verkleinerung  des  Schattens  nicht 
fühlbar  sei,  wegen  der  weiten  Entfernung  der  Sonne. 

Wäre  die  Sonne  kleiner  als  die  Erde,  ein  großer  Teil 
der  Sterne  unserer  Hemisphäre  würde  ohne  Licht  sein. 
Gegen  Epikur,  der  sagt,  so  groß  ist  die  Sonne,  als  wie 
sie  scheint. 

m.  MS.  F.  FOL.  8  V. 

Epikur  sagt,  die  Sonne  ist  so  groß,  wie  sie  sich  dar- 
zeigt; also,  sie  scheint  einen  Fuß  groß,  und  für  so  haben 
wir  sie  zu  halten.  Folgte  daraus,  daß  der  Mond,  wenn 
er  die  Sonne  verfinstern  macht,  die  Sonne  ihn  an  Größe 


Quelle    des 

Lichtes    der 

Sterne. 


Quelle  der 
Wärme  and  des 
Lebens   —   alles 

Beseelung. 
Die     Sonne     ist 
mehr     Gott    als 
die    Götter    der 

Griechen  es 
waren,  diese  Ver- 
göttlichungen des 
Menschen  in  sei- 
ner Kleinheit  und 
Vergänglichkeit. 
Die  ^  Spera'' 
von  Goto  Dati 
(Florenz,  1478). 
„Hymni  et  epi- 
grammata"  des 
Michele  Tarca- 
nioto ,  genannt 
Marullo(Florenz, 
1497). 

Fortsetzung. 


Fortsetzung. 


Herzfeld,   Leonardo 


49 


nicht  übertrifft,  wie  sie  es  tut;  deshalb,  da  der  Mond 
kleiner  als  die  Sonne,  wäre  selbiger  Mond  weniger  denn 
einen  Fuß  groß,  und  folglich,  wenn  unsre  Welt  den  Mond 
verfinstern  macht,  wäre  sie  noch  um  einen  Zoll  kleiner 
als  der  Fuß.  In  der  Tat,  wenn  die  Sonne  einen  Fuß  hat, 
und  unsre  Erde  auf  dem  Mond  einen  pyramidenförmigen 
Schatten  macht,  ist  es  notwendig,  daß  größer  sei  die 
leuchtende  Ursache  des  Pyramidenschattens  als  das  Opake, 
Grund  dieser  Pyramide. 

Beweis,    daß     IV.  MS.  F.  FOL.  10  r. 

EpikarsAnnahme 

falsch  ist.         jviiß,  wieviel  Sonnen  man  in  ihren  Lauf  von  24  Stunden 
setzen  könnte. 

Mache  einen  Kreis  und  wende  ihn  nach  Süden,  wie  es 
die  Sonnenuhren  sind;  stecke  einen  Stab  in  die  Mitte, 
auf  die  Art,  daß  seine  Länge  um  das  Zentrum  selbigen 
Kreises  bewegt  wird  ;  bezeichne  den  Schatten,  den  die 
Sonne  von  diesem  Stab  auf  dem  Umfang  dieses  Zirkels 
macht,  und  daß  der  Schatten  breit  sein  wird,  sagen  wir, 
im  ganzen  a  n.  Nun  miß,  wievielmal  solcher  Schatten 
hineingeht  in  solchen  Umfang  des  Kreises,  und  so  viel 
wird  die  Zahl  sein,  als  der  Sonnenkörper  in  seinen  Lauf 
von  24  Stunden  hineingeht.  Und  da  wird  man  sehen 
können,  ob  Epikur  es  richtig  sagte,  daß  die  Sonne  so 
groß  sei,  wie  sie  scheint,  daß  —  nachdem  der  Durch- 
messer der  Sonne  ein  Fußmaß  scheint,  und  selbige  Sonne 
tausendmal  in  ihren  Lauf  von  24  Stunden  hineingeht,  — 
sie  tausend  Fuß,  d.  h.  500  Ellen,  gelaufen  wäre,  was  ein 
Sechstel  einer  Meile  ist.  Also  ist  es,  daß  der  Lauf  der 
Sonne  in  Tag  und  Nacht  den  sechsten  Teil  einer  Meile 
gegangen  wäre,  und  daß  diese  ehrwürdige  Schnecke  von 
Sonne  25  (20^*'/i2)  Ellen  die  Stunde  zurückgelegt  hätte. 

Ob  die  Sonne  an    V.  MS.  F.  FOL.  86  r. 

sich  warm  ist. 

Es  gehen  die  Sonnenstrahlen  durch  die  kalte  Region  der 
Luft  und  ändern   ihre  Natur  nicht,  gehen  durch  Gläser 

50 


voll  kalten  Wassers  und  mangeln  nicht  gegen  ihre  Natur, 
und  durch  welchen  durchsichtigen  Ort  sie  auch  gingen, 
ist's,  als  durchdrängen  sie  ebensoviel  Luft. 

Und  wenn  du  willst,  daß  die  kalten  Strahlen  der  Sonne 
sich  die  Hitze  des  Feuers  einverleiben,  indem  sie  sein 
Element  durchdringen,  wie  sie  sich  die  Farbe  der  Gläser 
einverleiben,  die  sie  durchdringen,  würde  daraus  folgen, 
daß  beim  Durchdringen  der  kalten  Region  sie  sich  selbige 
Kälte  aneigneten,  nach  der  Einverleibung  genannter  Wärme, 
und  so  würde  die  Kälte  die  Wärme  vernichten,  so  daß 
die  Sonnenstrahlen  der  Wärme  beraubt  zu  uns  kämen. 
Da  dies  durch  die  Erfahrung  nicht  bestätigt  wird,  ist  der-  ^'"ieites^^del^' 
gleichen  Meinung,  daß  die  Sonne  kalt  sei,  eitel.  Feuers  and  des 

o  o?  7  Elementes       der 

Aber  wenn  du  sagtest,  daß  die  Kälte,  durch  welche  die  ^«/f    «o/    die 

_  -,  ,  ,  ,  ,.       .. ,  .. n.         TT.  Sonnenstrahlen. 

entflammten  Sonnenstrahlen  gehen,  die  übermäßige  Hitze 
solcher  Strahlen  ein  wenig  milderte,  würde  daraus  folgen, 
daß  auf  den  hohen  Gipfeln  des  Caucas  (Kaukasus),  eines 
skythischen  Gebirges,  man  eine  größere  Hitze  als  in  den 
Tälern  spürte,  weil  dieser  Berg  die  mittlere  Region  der 
Luft  überragt,  so  daß  es  nahe  dem  Gipfel  nie  Wolken 
gibt,  noch  irgendeine  Sache  dort  hervorgebracht  wird. 

VL  MS.  F.  FOL.  86  r.      Widerlegungen. 

Und  wenn  du  sagst,  daß  solche  Sonnenstrahlen  das  Ele- 
ment des  Feuers  zu  uns  schieben,  durch  welches  sie  in 
örtlicher  Bewegung  gehen,  so  kann  das  nicht  fest  bestehen, 
weil  die  fortschreitende  Bewegung  solchen  Strahles  durch 
die  Luft  nicht  ohne  Länge  der  Zeit  geschieht,  und  um 
so  viel  mehr,  wenn  sie  am  Horizont  erscheint,  wo  die 
Sonne  um  3500  Meilen  weiter  von  uns  entfernt  ist,  als 
wenn  sie  in  der  Mitte  unseres  Himmels  steht;  und  täte 
sie  so,  sie  würde  unsern  entgegengesetzten  Horizont  ab- 
kühlen, weil  sie  mit  ihren  Strahlen  die  entgegengesetzte 
Partie  des  Feuers  wegtrüge,  das  sie  durchdringt. 

(Auf  dem  Rand):   Wenn  das  kleinere  Feuer  vom  größeren   '^'""Ij*^^"*''" 
angezogen   und   unterworfen  wird,  wie  in  der  Erfahrung 

4* 

51 


Weitere  Beweise, 

daß    die    Sonne 

warm  ist. 


Wärmestrahlen 

von  Hohlspiegeln 

reflektiert. 


Wärmestrahlen, 

die    durch    eine 

Kagel  mit  kaltem 

Wasser  gehen. 


Polemik      gegen 
ene ,      die      be- 
haupten,    die 
Sonne    sei    kalt. 


man  es  geschehen  sieht,  so  ist  es  notwendig,  daß  die 
Sonne  viel  eher  das  Element  des  Feuers  an  sich  zieht, 
als  daß  sie  es  verjagte  oder  zu  uns  stieße. 

Und  die  Hitze  des  Feuers  steigt  nicht  herab,  wenn  sie 
nicht  feuriger  Materie  folgt  ;  und  wenn  sie  also  tut,  ist 
sie  materiell  und  daher  sichtbar. 

VII.  MS.  F.  FOL.  85  v. 
Es   erweist  sich    die  Sonne   nach  ihrer  Natur   warm  zu 

sein,  und  nicht  kalt,  wie  schon  gesagt  wurde. 

Der  Konkavspiegel,  welcher  kalt  ist,  —  wenn  er  die 
Strahlen  des  Feuers  empfängt,  er  wirft  sie  zurück,  heißer 
als  das  Feuer  selbst. 

Die  Glaskugel,  mit  kaltem  Wasser  gefüllt,  schickt  aus 
sich  heraus  die  Strahlen,  die  aus  dem  Feuer  genommen 
sind,  noch  viel  heißer  als  dieses  Feuer. 

Aus  diesen  zwei  besagten  Versuchen  folgt,  daß  selbige 
Wärme  der  Strahlen,  die  aus  dem  Spiegel  oder  aus  der 
Kugel  mit  kaltem  Wasser  kamen,  warm  ist  aus  eigener 
Kraft  und  Tugend,  und  nicht,  weil  selbiger  Spiegel  oder 
Kugel  warm  gewesen;  und  das  gleiche  in  diesem  Falle 
geschieht  der  Sonne,  die  durch  diese  Körper  geht,  die  sie 
durch  eigene  Kraft  erwärmt,  und  darum  hat  man  ge- 
schlossen, daß  die  Sonne  nicht  heiß  sei,  während  man 
durch  dieselben  angedeuteten  Versuche  beweist,  daß  die 
Sonne  außerordentlich  heiß  ist,  —  durch  besagten  Ver- 
such vom  Spiegel  und  der  Kugel,  die,  an  sich  kalt,  die 
Strahlen  der  Wärme  des  Feuers  ergreifend,  sie  als  warme 
Strahlen  zurückgeben,  weil  ihre  erste  Ursache  warm  ist, 
und  das  gleiche  geschieht  mit  der  Sonne,  die,  selber 
warm,  durch  kalte  Spiegel  gehend,  große  Wärme  zurück- 
strahlt. 

VIII.  MS.  F.  FOL.  34  V. 

Von  der  Sonne 

Sie  sagen,  die  Sonne  sei  nicht  heiß,  weil  sie  nicht  von 
der  Farbe  des  Feuers  ist,  sondern  viel  weißer  und  heller. 


52 


Und  diesen  kann  man  antworten,  daß,  wenn  die  Bronze, 
flüssig  gemacht,  viel  heißer  ist,  sie  der  Farbe  der  Sonne 
ähnlicher  ist  und,  wenn  sie  weniger  heiß  ist,  sie  mehr 
die  Farbe  des  Feuers  hat. 

IX.  R.  886,  MS.  W.  L.  FOL.  132  r.    Unbewegiichkeit 

der  Sonne. 

Die  Sonne  bewegt  sich  nicht 
(J.  P.  Richter  bemerkt  hierzu:  „Dieser  Satz  stößt  einem  mitten 
unter    mathematischen  Noten    auf    und    ist    mit   ungewöhnlich 
großen  Buchstaben  geschrieben". 

X.  MS.  CA.  FOL.  119  r.    Gegenjene,   die 

ihm   Mangel    an 

Viele  werden  glauben,  mich  vernünftigerweise  rügen  zu  Ehrfurcht     vor 

.     ,  .        ,  n  ,  .     ,  ,    «  •         T^  •  «'«i    Autoritäten 

können,  mdem  sie  darauf  hmdeuten,  daß  meine  Beweise  vorwerfen  wer- 
gegen  die  Autorität  einiger  Männer  sind,  denen  große 
Ehrfurcht  gebührt,  wobei  sie  in  ihren  unreifen  Urteilen 
nicht  beachten,  daß  meine  Sachen  aus  der  einfachen  und 
bloßen  Erfahrung  geboren  sind,  welche  die  wahre  Lehr- 
meisterin ist.     Diese  Regeln  sind  der  Grund  usw. 

XL  R.  876,  MS.  BR.  M.  FOL.  28  r.    Vom  Licht   des 

Mondes. 

Unmöglich  ist  es,  daß  so  viel,  als  die  Sonne  vom  sphä- 
rischen Spiegel  beleuchtet,  so  viel  von  selbigem  Spiegel 
zurückzuglänzen  habe,  wenn  selbiger  Spiegel  nicht  gewellt 
oder  mit  kleinen  Erhabenheiten  bedeckt  wäre. 

Sieh  hier  die  Sonne  einen  sphärischen  Spiegel,  den  Mond, 
beleuchten,  und  so  viel  selbige  Sonne  von  ihm  erblickt, 
so  viel  macht  sie  glänzen. 

Hier  wird  man  schließen,  daß  jenes,  was  von  dem 
Monde  leuchtet,  Wasser  ist,  gleich  jenem  unserer  Meere; 
was  von  ihm  nicht  leuchtet,  sind  Inseln  und  festes  Land. 

XIL  R.  892,  MS.  BR.  M.  FOL.  94  r. 

Vom    Mond  Allerlei      Mond- 

fragen. 

Wenn   ich  vom  Wesen  des  Mondes  handeln  will,  ist  es 
notwendig,    erst  die    Perspektive    der  flachen,    vertieften  S^ÄÄ??. 
und  erhabenen  Spiegel  zu  beschreiben,  und  vorerst,  was      kavspiegeis. 
ein  Lichtstrahl   ist   und  wie   er    sich   nach  der  verschie- 

53 


denen  Natur  der  Mittel  biegt.  Hierauf,  wo  der  zurück- 
geworfene Strahl  am  mächtigsten  ist,  entweder,  wo  der 
Einfallswinkel  ein  spitzer,  rechter  und  stumpfer  ist,  oder 
in  der  Konvexität,  der  Planfläche  oder  Konkavität,  oder 
wenn  er  von  einem  dichten  oder  einem  durchsichtigen 
Körper  kommt.  Überdies,  wie  die  Sonnenstrahlen,  so  auf 
die  Wogen  des  Meeres  prallen,  sich  dem  Auge  in  gleicher 
Weite  des  Sehwinkels  darstellen,  wie  auf  der  letzten 
Spitze  der  Wogen  am  Horizont,  und  daß  darum  es  nicht 
fehlt,  daß  solcher  Glanz  der  Sonne,  von  den  Meereswogen 
zurückgeworfen,  pyramidale  Form  habe  und  daher  bei 
jedem  Grad  der  Entfernung  Grade  der  Breite  erwerbe, 
wenngleich  unserem  Gesicht  sie  parallel  erscheinen. 
^'"sch^lbu"""^  1°  Kein  ganz  Leichtes  ist  opak. 

2°  Nichts  Leichteres   steht  tiefer  als  das  minder 

Leichte. 
3°  Ob  der  Mond  seinen  Sitz  inmitten  seiner  Ele- 
mente hat  oder  nicht, 
und  wenn  er  keinen  eigenen  Platz  hat,  wie  die  Erde,  in- 
mitten seiner  Elemente,  warum  fällt  er  nicht  ins  Zentrum 
unserer  Elemente? 

Und  wenn  der  Mond  nicht  in  der  Mitte  seiner  Elemente 
ist  und  dennoch  nicht  herabkommt,  also  ist  er  leichter 
als  anderes  Element. 

Und  wenn  der  Mond  leichter  ist  als  anderes  Element 
warum  ist  er  fest  und  scheint  nicht  durch  (und  ist  nicht 
durchsichtig)? 

Wenn  Gegenstände  verschiedener  Größe,  die,  in  ver- 
schiedene Entfernungen  gesetzt,  sich  gleich  zeigen,  muß 
solches  Verhältnis  zwischen  Entfernung  und  Entfernung 
sein  wie  zwischen  Größe  und  Größe. 

Mondlicht,    Er-   XIII.  R.  896,  MS.  BR.  M.  FOL.  94  v. 

Vom  Mond 
Der  Mond  hat  kein  Licht  von  sich,  aber  so  viel,  als  die 
Sonne  von  ihm  sieht,  so  viel  erleuchtet  sie,  von  welchem 

54 


Leuchtenden  wir  so  viel  erblicken,  als  es  von  uns  sieht. 
Und  seine  Nacht  empfängt  so  viel  Glanz,  als  ihm  unsere 
Gewässer  leihen,  indem  sie  ihm  das  Abbild  der  Sonne 
zurückwerfen,  die  in  allen  jenen  (Gewässern),  so  Sonne 
und  Mond  sehen,  sich  spiegelt.  Die  Haut  oder  besser 
Oberfläche  des  Wassers,  aus  dem  sich  das  Meer  des  Mon- 
des und  das  Meer  unserer  Erde  zusammensetzt,  ist  immer 
gerunzelt,  wenig  oder  viel  oder  mehr  oder  weniger,  und 
diese  Runzeln  sind  der  Grund,  die  zahllosen  Scheinbilder 
der  Sonne  auszudehnen,  die  auf  den  Hügeln  und  Erhaben- 
heiten und  Seiten  und  Fronten  der  unzähligen  Runzeln 
sich  spiegeln,  das  heißt,  an  so  viel  verschiedenen  Plätzen 
jeder  Runzel  als  die  Plätze  verschieden  sind,  so  die 
Augen  innehaben,  welche  sie  sehen,  was  nicht  geschehen 
könnte,  wenn  die  Sphäre  von  Wasser,  welche  den  Mond 
zum  großen  Teil  umkleidet,  von  gleichförmiger  Rundung 
wäre,  weil  dann  das  Scheinbild  der  Sonne  eins  wäre  für 
jedes  Auge,  und  seine  Reflexion  einzeln  abgesondert  und 
wäre  immer  kugeliger  Glanz,  wie  es  uns  deutlich  die 
vergoldeten  Bälle  anzeigen,  die  auf  den  Spitzen  der 
hohen  Gebäude  sind.  Aber  wenn  selbige  goldenen  Bälle 
runzelig  wären  und  höckerig,  wie  es  die  Maulbeeren 
sind,  schwarze  Früchte,  zusammengesetzt  aus  winzigen 
runden  Kügelchen,  dann  würde  jeder  von  den  Teilen 
selbiger  Kugeligkeit,  von  der  Sonne  gesehen  und  dem 
Auge,  selbigem  Auge  den  Glanz  zeigen,  so  das  Schein- 
bild der  Sonne  hervorgerufen,  und  so  sähe  man  in  ein 
und  demselben  Körper  viele  winzige  Sonnen,  bei  denen 
häufig  jene  Male  sind,  wo  sie  wegen  langer  Entfernung 
sich  vereinigen  und  verschmolzen  erscheinen  .  .  . 

XIV.  R.  896,  MS.  BR.  M.  FOL.  94  V.    Der    Mond     ein 

fester     andarch- 

Der  Mond  ist   ein  undurchsichtiger  und   fester  Körper,  sic/i«iger  Körper. 
und  wenn  er,  im  Gegenteil,  durchsichtig  wäre,  nähme  er   ^       ... 

°  '  Ol  £^     schwebt    in 

nicht  das  Licht  der  Sonne  in  Empfang.  seinen  Elementen 

TX         i^i.  j         T^  t  T^.         .,-..  ...         •  "''^  <i<^^  Eidotter 

Das  Gelbe  oder  Dotter    des  Eies  befindet  sich  inmitten      im  Eiweiß. 

55 


erhält. 


seines  Eiweiß,  ohne  in  irgendwelchen  Teil  hinabzusinken; 
und  ist  leichter  oder  schwerer  oder  gleich  schwer  wie 
selbiges  Eiweiß;  und  wäre  es  leichter,  so  müßte  es  über 
alles  Eiweiß  aufsteigen  und  bei  der  Berührung  mit  der 
Schale  selbigen  Eies  stehen  bleiben,  und  wäre  es  schwerer, 
so  müßte  es  sinken,  und  ist  es  gleich  schwer,  so  könnte 
es  an  einem  der  Enden  stehen,  ebenso  wie  in  der  Mitte 
oder  darunter. 

^'t  ^TZ^°A  'l   XV.  R.  902,  MS.  LEIC.  FOL.  2  r. 

sich  erklart,  daß  ' 

der    Mond    sich  Vom     Mnnd 

im  Gleichgewicht  V  Om    iVlOUa 

Kein  Dichtes  ist  leichter  als  die  Luft. 

Nachdem  wir  bewiesen  haben,  daß  jener  Teil  des  Mondes, 
der  leuchtet,  Wasser  ist,  das  den  Körper  der  Sonne 
spiegelt  und  den  von  ihr  erhaltenen  Glanz  zurückwirft, 
und  daß,  wenn  selbiges  Wasser  ohne  Wellen  wäre,  er 
sich  klein  zeigen  müßte,  aber  an  Glanz  fast  gleich  der 
Sonne;  —  so  muß  nun  bewiesen  werden,  ob  selbiger 
Mond  ein  schwerer  Körper  ist  oder  ein  leichter,  denn, 
wäre  er  schwer,  zugegeben  sogar,  daß  von  der  Erde  auf- 
wärts mit  jedem  Grad  von  Höhe  man  Grade  von  Leichtig- 
keit hinzu  erwirbt,  weshalb  das  Wasser  leichter  ist  denn 
die  Erde,  und  die  Luft  als  das  Wasser,  und  das  Feuer  als 
die  Luft,  und  so  der  Reihe  nach  folgend,  —  es  würde 
scheinen,  daß  der  Mond,  wenn  er  Dichte  besäße,  wie  er 
sie  ja  hat,  er  auch  Schwere  hätte,  und  wenn  er  Schwere 
hat,  daß  der  Raum,  in  dem  er  sich  befindet,  ihn  nicht 
tragen  könnte,  und  daher  er  gegen  den  Mittelpunkt  des 
Universums  sinken  und  sich  mit  der  Erde  vereinigen 
müßte,  und  wenn  schon  nicht  er,  wenigstens  seine  Ge- 
wässer zu  fallen  hätten  und  ihn  von  sich  zu  entblößen, 
und  gegen  das  Zentrum  zu  fallen  und  den  Mond  ihrer 
beraubt  zu  lassen  und  ohne  Glanz;  daher,  nicht  befolgend, 
was  von  ihm  die  Vernunft  uns  verspricht,  ist  offenbares 
Zeichen  vorhanden,  daß  der  Mond  von  seinen  Elementen 
bekleidet  ist,  d.  h.  von  Wasser,  Luft  und  Feuer  und  also 

56 


in  sich  beschlossen  durch  sich  selbst  in  jenem  Räume 
sich  erhält,  wie  es  diese  unsere  Erde  mit  ihren  Elementen 
in  diesem  andern  Räume  tut,  und  daß  solchen  Dienst  die 
schweren  Dinge  in  seinen  Elementen  vollziehen,  welchen 
die  andern  schweren  Dinge  in  unsern  Elementen  machen. 

Wenn  das  Auge  im  Osten  den  Mond  im  Westen  nahe  Erklärung  des 
der  untergegangenen  Sonne  erblickt,  sieht  es  ihn  mit 
seiner  beschatteten  Partie  von  einem  leuchtenden  Teil 
umgeben,  von  welchem  Licht  der  seitliche  und  obere  Teil 
von  der  Sonne  herstammt,  und  der  untere  Teil  vom 
Ozean,  der  gleichfalls  die  Sonnenstrahlen  empfängt  und 
sie  auf  die  untern  Meere  des  Mondes  zurückwirft,  und 
auch  über  die  ganze  schattige  Partie  des  Mondes  hin  so 
viel  Glanz  gibt,  als  jener  ist,  den  der  Mond  um  Mitter- 
nacht der  Erde  gibt,  und  daher  bleibt  jene  Partie  nicht 
ganz  dunkel,  woraus  einige  gemeint  haben,  der  Mond 
habe  zum  Teil  Licht  von  sich,  außer  dem,  so  ihm  die 
Sonne  gibt,  welches  Licht  aus  vorbesagtem  Grunde  von 
unsern  Meeren  stammt,  die  die  Sonne  beleuchtet  .  .  . 

XVL  R,  906,  MS.  BR.  M.  FOL.  19  r.    Die  Flecken  des 

Mondes. 

Wenn  du  die  Einzelheiten  der  Flecken  des  Mondes 
unter  Beobachtung  hältst,  wirst  du  in  ihnen  oftmals  großen 
Unterschied  finden,  und  davon  habe  ich  selbst  Proben 
gemacht,  indem  ich  sie  zeichnete.  Und  dies  kommt  von 
Wolken,  die  sich  aus  den  Wassern  dieses  Mondes  heben, 
so  sich  zwischen  die  Sonne  und  selbige  Wasser  schieben 
und  mit  ihrem  Schatten  die  Strahlen  der  Sonne  solchem 
Wasser  rauben,  wodurch  jenes  Wasser  dazu  kommt, 
dunkel  zu  bleiben,  weil  es  den  Sonnenkörper  nicht  spie- 
geln kann. 

XVII.  MS.  CA.  FOL.  190  r.  Fernrohr? 

Mache  Gläser  für  die  Augen,  um  den  Mond  groß  zu 
sehen. 

57 


Ober   die  Natar    XVIII.  MS.  F.  FOL.  84  r. 

der   Flecken    im 

Mond.  Flecken  des  Mondes 

Einige  sagen,  daß  sich  auf  ihm  Dünste  erheben,  in  Art 
von  Wolken,  und  sich  zwischen  den  Mond  und  unsere 
Augen  schieben;  welches,  wenn  dem  so  wäre,  machte, 
daß  solche  Flecken  nie  stabil  sein  würden,  weder  in  der 
Stellung,  noch  in  der  Figur,  und  da  man  den  Mond  in 
verschiedenen  Aspekten  sieht,  —  auch  wenn  jene  Flecken 
selbst  sich  nicht  veränderten,  sie  müßten  die  Gestalt 
wechseln,  wie  jene  Sache  tut,  die  man  von  verschiedenen 
Seiten  sieht. 

Irrtümliche         XIX.  MS.  CA.  FOL.  303  V. 

Theorie  über  die 

Jahreszeiten  des     Der   Mond   hat   jeden    Monat   einen   wmter   und   emen 

Mondes.  _ 

Sommer. 

Er  hat  größere  Hitzen  und  größere  Kälten,  und  seine 
Äquinoktien  sind  kälter  als  die  unsrigen. 

Weshalb  man  bei    XX.  MS.  F.  FOL.  5  V. 

Tag    die    Sterne  .     ~^ 

nicht  sieht.  Man  Sieht  die  Sterne  des  Nachts  und  nicht  bei  Tag, 
weil  wir  uns  unter  der  Dicke  der  Luft  befinden,  welche 
voll  unendlicher  Teilchen  von  Feuchtigkeit  ist,  die  jedes 
für  sich,  wenn  von  den  Strahlen  der  Sonne  getroffen, 
Glanz  geben,  und  es  verdecken  diese  unzählbaren  Schim- 
mer selbige  Sterne,  und  wenn  dergleichen  Luft  nicht  wäre, 
der  Himmel  würde  stets  die  Sterne  in  seinem  Dunkel 
zeigen. 

Die  Erde  leuchtet    XXI.  MS.  F.  FOL.  94  V. 

wie    der    Mond. 

Sie  erscheint  in     Mein  Buch  Strebt  ZU   zeigen,   wie    der  Ozean    mit   den 
" ein\teZ^'^^  andern  Meeren  vermittels  der  Sonne  unsere  Welt  gleich 
dem  Monde  leuchten  macht,  und  daß  sie  den  Entfernten 
ein  Stern  scheint,  und  dies  beweise  ich. 
Fankein  der       Zeige  erst,  wie  jedes  Licht,  vom  Auge  entfernt,  Strahlen 
macht,  welche    scheinbar  die  Figur  solchen   leuchtenden 
Körpers  vergrößern,  und  daraus  folgt,  daß  .  .  . 
^'uÄ^i?"     (Auf  dem  Rand.)     Der  Mond,  kalt  und  feucht. 

58 


Das  Wasser  ist    kalt  und    feucht.     Solchen    Einfluß   hat 
unser  Meer  auf  den  Mond,  wie  der  Mond  auf  uns. 

XXII.  MS.  F.  FOL.  41  V.    Die  Erde  ist  nicht 

Mittelpunkt    der 

Wie  die  Erde  nicht  inmitten  des  Sonnenkreises,  noch  weit;  sie  ist  nicht 
im  Mittelpunkt  der  Welt  ist,  aber  wohl  in  der  Mitte  ihrer  Sonnenkreises. 
Elemente,  die  ihre  Gefährten  und  mit  ihr  verbunden  sind; 
und  wer  auf  dem  Mond  stünde,  —  so  sehr  als  dieser 
samt  der  Sonne  unter  uns  ist,  so  würde  diese  unsere 
Erde  mit  dem  Element  des  Wassers  erscheinen  und  den 
gleichen  Dienst  tun,  den  der  Mond  uns  tut. 


Die     Erde 
Stern. 


Die  Erde  und  ihre 
Elemente.      Ent- 
wurf. 


XXIII.  MS.  F.  FOL.  56  r. 
Du  in  deiner  Rede  hast  zu  schließen,  daß  die  Erde  ein 

Stern  ist,  so  ähnlich  wie  der  Mond  —  und  so  wirst  du 
den  Adel  unserer  Welt  beweisen  —  und  dann  wirst  du 
einen  Diskurs  über  die  Größe  vieler  Sterne  machen,  nach 
den  Autoren. 

XXIV.  MS.  F.  FOL.  69  v. 
Wie  die  Erde,  den  Dienst  eines  Mondes  machend,  viel 

von  ihrem  alten  Licht  in  unserer  Hemisphäre  durch  das 
Fallen  der  Gewässer  verloren  hat,  wie  im  4.  Buche  »Von 
der  Welt  und  den  Wassern"  bewiesen  wird  .... 

—  Die  Erde  ist  schwer  in  ihrer  Sphäre,  und  um  so 
mehr,  als  sie  in  einem  leichtern  Element  ist. 

—  Das  Feuer  ist  leicht  in  seiner  Sphäre,  und  um  so 
mehr,  als  es  in  einem  schwereren  Element  ist. 

—  Kein  einfaches  Element  hat  Schwere  oder  Leichtig- 
keit in  seiner  eigenen  Sphäre. 

XXV.  MS.  F.  FOL.  22  V.    Wasser  und  Erde. 

Luft,  Wasser,  Erde 

Drehe  sich  die  Erde,  nach  welcher  Seite  sie  wolle,  nie 
wird  die  Oberfläche  des  Wassers  aus  ihrer  sphärischen 
Gestalt  treten,  sondern  immer  gleich  entfernt  sein  vom 
Mittelpunkt  unserer  Welt. 

59 


Gegeben,  daß  die  Erde  sich  aus  dem  Zentrum  unserer 
Welt  herausiöewegte,  was  täte  das  Wasser? 

Es  bliebe  rings  um  selbiges  Zentrum  in  gleicher  Dich- 
tigkeit, doch  geringeren  Durchmessers,  als  da  es  die  Erde 
noch  im  Leibe  hatte. 

Der    Erdball    ist    XXVI.  MS.  A.  FOL.  58  V. 

nur   vollkommen 

wä^se7°nmSbt  ^^^  Mittelpunkt  der  Sphäre  des  Wassers  ist  auch  der 
wahre  Mittelpunkt  der  Rundung  unserer  Welt,  welche 
sich  aus  Wasser  und  Erde  in  runder  Form  zusammen- 
setzt. Aber  wenn  du  das  Zentrum  des  Elementes  der 
Erde  finden  wolltest,  dieses  ist  in  gleicher  Entfernung 
von  der  Oberfläche  des  ozeanischen  Meeres  enthalten, 
und  nicht  von  der  gleich  entfernten  Oberfläche  der 
Erde  .  .  .  .,  weil  klar  zu  verstehen  ist,  daß  dieser  Ball 
der  Erde  nichts  von  vollkommener  Rundung  habe,  außer 
in  jenem  Teile,  wo  Meer  ist  oder  Sumpf  oder  anderes 
totes  Gewässer;  und  welcher  Teil  immer  selbiger  Erde 
aus  selbigem  Meer  heraustritt,  entfernt  sich  von  seinem 
Mittelpunkt. 

^unkf''d!r^Erde    XXVII.  MS.  CA.  FOL.  102  T. 

untiTr!e\ige  Die  Flut  und  die  Ebbe  bewegen  unaufhörlich  die  Erde 
i'eit'^'^nicht^ablr  ^^^  ^^^  ihren  Elementen  vom  Zentrum  der  Elemente  weg. 
im  Weltraum.  Wird  durch  das  erste  (Kapitel)  dieses  Buches  bewiesen, 
welches  sagt,  das  Zentrum  der  Welt  trage  dem  Rechnung, 
was  höher  ist,  weil  keine  Mulde  (conca)  tiefer  als  es 
selber  liegt.  Der  Mittelpunkt  der  Welt  ist  an  sich  un- 
beweglich; aber  der  Ort,  wo  er  sich  befindet,  ist  in  fort- 
währender Bewegung  nach  verschiedenen  Aspekten.  Das 
Zentrum  der  Welt  verändert  beständig  den  Sitz,  von  wel- 
chen Veränderungen  manche  eine  langsamere  Bewegung 
hat  als  die  andere,  indem  sie  sich  alle  6  Stunden  wandelt 
und  manche  in  vielen  1000  Jahren.  Aber  jene  von  6 
Stunden  entsteht  aus  Flut  und  Ebbe  des  Meeres,  die 
andere  leitet  sich  von  der  Verzehrung  der  Berge  durch 

60 


die  Bewegung  der  Wasser  her,  aus  dem  Regen  geboren 
und  dem  unaufhörlichen  Lauf  der  Flüsse.  Es  ändert  sich 
der  Sitz  dem  Zentrum  der  Welt,  und  nicht  das  Zentrum 
dem  Sitze,  weil  solches  Zentrum  unbeweglich  ist  und  sein 
Sitz  sich  immer  in  geradliniger  Bewegung  bewegt,  und 
nie  würde  solche  Bewegung  krummlinig  sein. 

XXVIII.  MS.  A.  FOL.  55  v.  UND  MS.  CA.  FOL.  80  r.   ^'^  ^^«^.^  ?'«'c''- 

sam     ein     orga- 

Beginn  des  Traktates  über  das  Wasser  "'"  »«en.  ^  *' 

Der  Mensch  wird  von  den  Alten  eine  Welt  im  kleinen 
genannt,  und  sicher  ist  die  Aussage  dieses  Namens  auf 
den  rechten  Platz  gestellt;  denn  wie  der  Mensch  aus 
Erde,  Wasser,  Luft  und  Feuer  zusammengesetzt,  dieser 
Körper  der  Erde  ist  desgleichen.  Wenn  der  Mensch  in 
sich  Knochen  hat.  Stützen  und  Armatur  des  Fleisches, 
—  die  Welt  hat  das  Gestein,  Stützen  der  Erde;  wenn 
der  Mensch  in  sich  den  See  des  Blutes  hat,  wo  die  Lunge 
im  Atmen  wächst  und  abnimmt,  der  Körper  der  Erde  hat 
sein  ozeanisches  Meer,  das,  auch  dieses,  wächst  und  ab- 
nimmt, alle  6  Stunden,  beim  Atmen  der  Welt;  wenn  von 
besagtem  See  des  Blutes  Adern  entspringen,  die,  sich 
verzweigend,  durch  den  menschlichen  Leib  gehen,  gleicher- 
weise füllt  das  ozeanische  Meer  den  Leib  der  Erde  mit 
ungezählten  Wasseradern.  Fehlen  dem  Körper  der  Erde 
die  Nerven  (Sehnen),  welche  nicht  da  sind,  weil  die  Ner- 
ven zum  Zwecke  der  Bewegung  gemacht  sind,  und  da  die 
Welt  in  beständigem  Gleichgewicht  ist,  fällt  Bewegung  da 
nicht  vor,  und  da  keine  Bewegung  vorhanden,  sind  die 
Nerven  hier  nicht  nötig.  Aber  in  allen  andern  Sachen 
sind  viele  Gleichheiten  da. 

XXIX.  R.  956,  MS.  LEIC.  FOL.  17  v.   Fiat  und  Ebbe. 
Ob  die  Flut  und  Ebbe  von  Mond   oder  Sonne   stammt, 

oder  ob  es  das  Atmen  dieser  Erdmaschine  ist.  Wie  Flut 
und  Ebbe  verschieden  sind  in  den  verschiedenen  Ländern 
und  Meeren. 

61 


Lebendiges  ent- 
steht nur  aus 
Lebendigem;  da- 
her müsse  die 
Erde  eine  Art  von 
animalischem 
Wesen  sein. 


XXX. 


R.  1000.  MS.  LEIC.  FOL.  34  r. 


Vegetative  Seele, 
Körperseele,  wie 
sie  die  plato- 
nische Akademie 
in  Florenz  an- 
nahm, —  die 
„Lebenskraft"' 
späterer    Zeiten. 


Keinerlei  Ding  entsteht  an  einem  Ort,  wo  nicht  sensi- 
tives, vegetatives  und  rationales  Leben  vorhanden  ist:  die 
Federn  kommen  bei  den  Vögeln  hervor  und  wechseln 
jedes  Jahr;  die  Haare  wachsen  auf  den  Tieren  und  wechseln 
außer  an  einigen  Teilen  jedes  Jahr,  wie  die  Haare  des 
Bartes  der  Löwen,  Katzen  und  ähnlicher;  es  entstehen 
die  Kräuter  auf  den  Wiesen  und  die  Blätter  auf  den 
Bäumen  und  erneuern  sich  jedes  Jahr  in  großer  Zahl; 
also  können  wir  sagen,  daß  die  Erde  eine  vegetative 
Seele  habe,  und  daß  ihr  Fleisch  sei  der  Boden;  ihre 
Knochen  seien  die  Ordnungen  der  Zusammenhänge  von 
Gestein,  aus  denen  sich  Berge  zusammensetzen;  ihr  Ge- 
knorpel  sei  der  Tuff;  ihr  Blut  sind  die  Adern  des  Wassers; 
der  See  des  Blutes,  so  um  das  Herz  herumliegt,  ist  das 
ozeanische  Meer,  ihr  Atmen  und  das  Wachsen  und  Ab- 
nehmen des  Blutes  durch  die  Pulse  ist  bei  der  Erde  die 
Flut  und  Ebbe  des  Meeres,  und  die  Wärme  der  Seele 
der  Welt  ist  das  Feuer,  so  der  Erde  innewohnt,  und  der 
Aufenthalt  der  vegetativen  Seele  sind  die  Feuer,  die  aus 
verschiedenen  Orten  der  Erde  in  Bäder  hauchen  und  in 
Schwefelminen  und  in  Vulkane,  in  den  Mongibello  (Ätna) 
von  Sizilien  und  in  andere  Orte  genug. 


Woher    das        XXXI 
Wasser  derFlässe 
kommt. 


MS.  A.  FOL.  56  r.  UND  56  v. 


Meinung  einiger,  die  sagen,  das  Wasser  verschie- 
dener Meere   sei  höher   als   die  höchsten  Spitzen 
der    Berge,    und   darum    werde    das   Wasser    nach 
diesen  Höhen  getrieben 

Das  Wasser  wird  sich  nicht  von  Ort  zu  Ort  bewegen, 
wenn  die  Niedrigkeit  es  nicht  zieht.  Und  in  natürlichem 
Lauf  wird  es  niemals  zu  einer  Höhe  gleich  der  jenes 
Ortes  zurückzukehren  vermögen,  wo  es  beim  Herauskom- 
men aus  den  Bergen  sich  zuerst  dem  Himmel  gezeigt. 
Und  jener  Teil  des  Meeres,  den  mit  falscher  Einbildung 


62 


du  so  hoch  sagtest,  daß  es  sich  auf  die  Gipfel  der  hohen 
Berge  ergoß,  —  seit  vielen  Jahrhunderten  wäre  es  er- 
schöpft und  weggeflossen  durch  den  Ausgang  dieser  Ge- 
birge. Du  kannst  dir  wohl  denken,  daß  der  Euphrat  und 
der  Tigris  zwischen  den  Höhen  der  Berge  und  den  Ruinen 
sich  so  lange  Zeit  ergossen  haben,  daß  man  glauben  kann, 
das  ganze  Wasser  des  Ozeans  sei  viele  Male  durch  diese 
genannten  Mündungen  hindurchgegangen;  nun  glaubst  du 
wohl  nicht,  daß  der  Nil  mehr  Wasser  ins  Meer  gegossen 
hat,  als  jetzt  das  ganze  Element  ausmacht?  Sicher  ist, 
wenn  genanntes  Wasser  aus  diesem  Körper  der  Erde 
herausgefallen  wäre,  diese  Maschine  würde  schon  längst 
ohne  Wasser  dagestanden  sein,  so  daß  man  schließen 
darf,  das  Wasser  gehe  aus  den  Flüssen  zum  Meer  und 
vom  Meer  zu  den  Flüssen,  immer  so  kreisend  und  um- 
kehrend, und  daß  das  ganze  Meer  und  die  Flüsse  durch 
die  Mündung  des  Nils  unzählige  Male  hindurchgegangen 
seien. 


XXXII.  MS.  H.  II.  FOL.  77  r.    ^Jf^^''^  «'  f«« 

Blut  der  Erde. 

Das  Wasser,  so  in  den  Bergen  aufquillt,  ist  das  Blut, 
welches  selbiges  Gebirge  lebendig  erhält,  und  wenn 
hineingebohrt  wird  oder  selbige  Vene  quer  durchgeschnit- 
ten, —  die  Natur,  Helferin  ihrer  lebendigen  (Wesen), 
reichlich  in  der  Vermehrung,  um  den  Abgang  der  ver- 
gossenen Säfte  zu  besiegen,  überströmt  dort  in  wunder- 
barem Zufluß,  ähnlich  wie  wenn  bei  einem  Menschen 
irgendeine  Stelle  eingeschlagen  ward,  und  man  dort  zur 
Aushilfe  das  Blut  unter  der  Haut  in  Form  einer  Schwellung 
sich  vermehren  sieht,  um  am  kranken  Teile  sich  zu  öffnen; 
ebenso,  da  das  Leben  auf  der  hohen  Spitze  abgeschnitten 
ist,  sendet  die  Natur  aus  den  tiefsten  Wurzeln  zur  höch- 
sten Höhe  des  durchschnittenen  Ortes  ihre  Säfte,  und 
wenn  diese  vergossen  sind,  läßt  sie  ihn  nie  im  Stich  mit 
Lebenssaft,  bis  ans  Ende  seines  Daseins. 


63 


Die    Wärme    als    XXXIII 
Motor  des  Was- 
serkreislaufes. 


Der  Wasserkreis- 
lauf im  Leib  der 
Erde  gleicht  dem 
Blutkreislauf. 


MS.  A.  FOL.  56  r. 

Von    der    Bekräftigung,    warum    das    Wasser    auf 
den  Spitzen  der  Berge  ist 

Ich  sage,  daß,  wie  die  natürliche  Wärme  das  Blut  in  den 
Adern  hoch  oben  im  Menschen  festhält,  und  wenn  der 
Mensch  tot  ist,  dieses  Blut,  kalt  geworden,  sich  in  die 
unteren  Teile  zurückzieht,  und  wenn  die  Sonne  dem 
Menschen  den  Kopf  erwärmt,  das  Blut  sich  ihm  vermehrt 
und  ihn  so  mit  Flüssigkeit  überfällt,  daß  es  die  Adern 
überwältigt  und  Kopfschmerz  erzeugt;  —  so  gleichermaßen 
die  Adern,  welche  sich  verästelnd  durch  den  Leib  der 
Erde  gehen;  und  durch  die  natürliche  Wärme,  welche  in 
dem  ganzen  Erdkörper  verbreitet  ist,  wird  das  Wasser  in 
den  Venen  bis  zu  den  hohen  Gipfeln  der  Berge  hinauf- 
gehoben. Und  dieses  Wasser,  das  im  Körper  dieses 
Berges  wie  eine  tote  Sache  durch  eine  gemauerte  Leitung 
fließt,  wird  aus  seiner  ursprünglichen  Niedrigkeit  nicht 
heraustreten,  wenn  es  nicht  erwärmt  ist  von  der  Lebens- 
wärme der  ersten  Ader.  Aber  auch  die  Wärme  des  Ele- 
mentes des  Feuers  und  bei  Tag  die  Wärme  der  Sonne 
hat  die  Macht,  in  die  Höhe  hinaufzureißen. 

XXXIV.  R.  965,  MS.  BR.  M.  FOL.  236  v. 

Das  Wasser  ist  es  in  der  Tat,  so  zum  Lebenssafte  dieser 
dürren  Erde  bestimmt  ist,  und  jene  Kraft,  die  sie  durch 
deren  verzweigte  Adern  bewegt,  gegen  den  natürlichen 
Lauf  der  schweren  Dinge,  ist  eben  diejenige,  so  auch  die 
Säfte  in  allen  Spezies  der  tierischen  Leiber  bewegt.  Doch 
das  Wasser,  unter  höchster  Bewunderung  seiner  Beschauer, 
von  den  tiefsten  Tiefen  des  Meeres  hebt  es  sich  zu  den 
höchsten  Spitzen  der  Berge,  und  durch  die  geborstenen 
Adern  sich  ergießend,  kehrt  es  zum  niedrigen  Meere 
zurück.  Und  von  neuem,  mit  Geschwindigkeit,  übersteigt 
es  und  kehrt  zu  vorgenanntem  Herabstieg  so  von  den 
innersten  Teilen  zu  den  äußeren  zurück,  so  von  den  unter- 
sten wieder  zu  den  oberen  umwendend,  wenn  es  im  natür- 


64 


lichen  Lauf  zu  Tale  geht.  Also  zusammen  verbunden, 
in  beständiger  Umdrehung,  geht  es  kreisend  durch  die 
irdischen  Kanäle. 

XXXV.  R.  970,  MS.  LEIC.  FOL.  33  v. 
Vom  Ursprung  der  Flüsse 
Der  Körper  der  Erde,  gleichwie  die  Körper  der  Tiere, 
ist  aus  Verästelungen  der  Venen  gewoben,  die  alle  mit- 
einander verbunden  sind  und  eingerichtet  zur  Ernährung 
und  Belebung  selbiger  Erde;  sie  gehen  aus  von  den  Tiefen 
des  Meeres  und  zu  diesen  haben  sie,  nach  vielen  Revo- 
lutionen, durch  die  Flüsse  zurückzukehren,  welche  aus 
den  Brüchen  selbiger  Venen  in  der  Höhe  geschaffen  sind 

XXXVL  MS.  F.  FOL.  72  v. 

Wenn  das  Wasser,  das  durch  die  hohen  Gipfel  der 
Berge  quillt,  vom  Meere  kommt,  aus  welchem  dessen 
Gewicht  es  hinauftreibt,  um  höher  zu  sein  als  diese 
Berge;  —  weshalb  hat  selbiges  Teilchen  Wasser  derart 
Erlaubnis,  sich  in  so  große  Höhe  zu  erheben  und  die 
Erde  mit  so  viel  Mühe  und  Zeit  zu  durchdringen,  und 
ist  es  dem  Rest  des  Wasserelementes  nicht  gewährt,  das 
gleiche  zu  tun,  so  doch  an  die  Luft  grenzt,  welche  nicht 
imstande  ist,  ihr  zu  widerstehen,  so  daß  das  Ganze  sich 
zur  selben  Höhe  wie  vorbenannter  Teil  erhöbe?  Und 
du,  der  auf  solche  Erfindung  fiel,  kehre  um,  wieder  die 
Dinge  der  Natur  zu  lernen,  damit  du  solch  ähnlicher 
Meinungen  ermangelst,  von  denen  du  großen  Vorrat  ge- 
häuft hast,  zusammen  mit  dem  Kapital  der  Frucht,  die  du 
besitzest. 

XXXVIL  MS.  G.  FOL.  49  v. 

Von  der  Bewegung  der  Erde 

Die  unterirdischen  Wasserläufe,  gleichwie  jene,  die 
zwischen  der  Luft  und  der  Erde  gemacht  worden,  sind 
die,  so  beständig  das  Bett  ihrer  Läufe  verzehren  und 
vertiefen. 

5        Herzfeld,  Leonardo 

65 


Der  Ursprung  der 

Flüsse  vom  Meere 

genährt. 


Leonardo  kommt 
von  der  Meinung 
zurück,  udß  die 
Flüsse  vermittels 

unterirdischer 
Kanäle,    die   zu 
den    Bergspitzen 
führen,  vom  Meer 

gespeist  seien. 


Die  Wasserlättfe 
als  Bildner  von 
Inseln ,  Bergen, 
Kontinenten.  Das 
Wasser  der  Kärr- 
ner   der    Natur. 


Die  Erde,  welche  von  den  Flüssen  ausgehoben  wird, 
ladet  sich  bei  den  Endpartien  ihres  Laufes  ab,  oder  besser: 
die  Erde,  so  von  den  hochgelegenen  Flußläufen  ausgehoben 
wurde,  ladet  sich  bei  den  letzten  Niederungen  ihrer  Be- 
wegung ab. 

Wo  die  süßen  Wasser  quellen,  an  der  Oberfläche  des 
Meeres,  enthüllen  sie  das  Wunder  der  Schöpfung  einer 
Insel,  die  sich  um  so  viel  früher  oder  später  aufdecken 
wird  als  das  Wasser,  das  hervorsprudelt,  von  größerer 
oder  minderer  Menge  ist. 

Und  diese  selbige  Insel  erzeugt  sich  aus  der  Menge  von 
Erde  oder  durch  Zerstörung  von  Gestein,  welche  der  unter- 
irdische Lauf  des  Wassers  all  die  Orte  hindurch,  von 
denen  es  abfließt,  anrichtet. 

Wie  die  mittel-  XXXVIIL  R.  953,  MS.  LEIC.  FOL.  20  r. 

landischen  Meere 

TerSn  and^^f-  ^^^  ^^®  Ufer  des  Meeres  unaufhörlich  gegen  die  Mitte 
schwinden.  ^jgg  Meeres  zu  an  Boden  gewinnen.  Wie  die  Felsen  und 
Vorgebirge  der  Meere  beständig  zerfallen  und  sich  auf- 
zehren. Wie  die  mittelländischen  Meere  ihre  Gründe 
der  Luft  bloßlegen  werden  und  nichts  bewahren  als  den 
Kanal  des  größten  Flusses,  so  sich  hinein  ergießt:  der 
dann  zum  Ozean  fließen  wird  und  dort  hinein  seine  Wasser 
werfen,  zugleich  mit  jenen  aller  Flüsse,  die  seine  Begleiter 
sind. 

Aller        Meeres-    XXXIX.  MS.  CA.  FOL.  45  V. 

grand    ist  schon 

einmal    Festland  Von    der    Welt 

gewesen. 

Kein  Teil  der  Erde  wird  von  der  Aufzehrung  des  Wasser- 
laufes bloßgelegt,  der  nicht  schon  einst  Oberfläche  der 
Erde  gewesen  wäre,  welche  die  Sonne  gesehen  hat. 

Was      ist     eine 

Welle?         XL.  MS.  CA.  FOL.  84  V. 

Die  Welle  ist  der  Eindruck  (impressione)  eines  zurück- 
geworfenen Stoßes. 

66 


XLI.  MS.  F.  FOL.  72  r.    Die     einfallende 

and  die  zarück- 

Die  Inzidenzbewegung  (der  Welle)    ist  geschwinder  als  5f"""^^"^ ,^/?;*' 
die  reflektierte. 


gnng  der  Welle. 


XLII.  MS.  H.  FOL.  31  r.    DerhöchstePankt 

,,        .  r-      1        •,  r-.      .  '^^^    Wellenbergs 

Die    welle  ist   trager   am   Ende   ihres   Steigens    als   an    ein  Rahepunkt. 
irgendwelcher  anderen  Stelle. 

XLIIL  MS.  G.  FOL.  48  V.    WammdasMeer- 

ivasser  salzig  ist. 

Warum  das  Wasser  salzig  ist 

Es  sagt  Plinius  in  seinem  2.  Buche,  Kapitel  103,  daß 
das  Wasser  des  Meeres  gesalzen  sei,  weil  die  Glut  der 
Sonne  das  Feuchte  bräune  und  dörre  und  es  aufsauge, 
und  das  gebe  dem  Meere,  das  sich  sehr  verbreitert,  den 
Geschmack  von  Salz;  aber  dies  wird  nicht  zugestanden; 
denn  hätte  die  Salzigkeit  des  Meeres  ihren  Grund  in  der 
Glut  der  Sonne,  so  ist  kein  Zweifel,  daß  die  Seen,  Teiche 
und  Sümpfe  um  so  viel  mehr  gesalzener  wären,  als  ihre 
Gewässer  weniger  beweglich  und  von  geringerer  Tiefe 
sind:  und  die  Erfahrung  zeigt  uns  das  Gegenteil;  solche 
Sümpfe  zeigen  uns  ihre  Gewässer  gänzlich  des  Salzigen 
beraubt.  Auch  führt  Plinius  im  selben  Kapitel  an,  daß 
dergleichen  Salzigkeit  entstehen  könnte,  weil,  jeden  süßen 
und  subtilen  Teiles  beraubt,  welchen  die  Wärme  leicht 
an  sich  zieht,  nur  der  herbere  und  gröbere  Teil  übrig- 
bleibe, und  darum  sei  das  Wasser,  so  auf  der  Oberfläche 
ist,  süßer  als  auf  dem  Grunde.  Diesem  widerspricht 
man  mit  den  gleichen,  oben  besagten  Gründen,  nämlich, 
daß  dasselbe  den  Sümpfen  und  anderen  Gewässern  ge- 
schähe,  welche  von  der  Wärme  aufgetrocknet  wurden. 
Auch  wurde  gesagt,  die  Salzigkeit  des  Meeres  sei  Schweiß 
der  Erde:  auf  dieses  antwortet  man,  daß  alle  Wasseradern, 
welche  den  Boden  durchdringen,  müßten  gesalzen  sein. 
Aber  man  schließt  wohl,  daß  die  Salzigkeit  des  Meeres 
aus  den  vielen  Wasseradern  geboren  sei,  welche  im  Durch-  Aufgelöste  Saiz- 
dringen  der  Erde  die  Salzminen  treffen  und  jene  teilweise 

5« 

67 


in  sich  auflösen  und  mit  zum  Ozean  und  den  anderen 
Meeren  führen,  von  wo  niemals  die  Wolken,  Aussäer 
der  Flüsse,  es  wegnehmen:  und  da  wäre  das  Meer  in 
unseren  Zeiten  salziger,  als  es  je  zu  irgendeiner  Zeit 
gewesen.  Und  wenn  der  Gegner  sich  sagte,  daß  die  un- 
Die  Salzminen  -  endliche  Zeit  das  Meer  in  Salz  vertrocknete  oder  gefröre, 

ausgetrocknete 

Meere.  beantwortet  sich  dieses,  daß  solches  Salz  der  Erde  wieder- 
gegeben wird,  durch  die  Befreiung  selbiger  Erde,  welche 
sich  mit  ihrem  erworbenen  Salze  (aus  der  See)  erhebt, 
und  die  Flüsse  erstatten  es  wieder  der  untergetauchten 
Erde. 


Noch   mehr  vom    XLIV 
Salz. 


MS.  G.  FOL.  49  r. 

.  .  Aber,  um  besser  zu  sagen,  die  Welt  als  ewig  gegeben, 
ist  es  notwendig,  daß  ihre  Völker  alle,  auch  sie,  ewig 
seien,  daher  die  menschliche  Gattung  auch  ewig  Ver- 
zehrerin  des  Salzes  war  und  sein  wird;  und  wenn  die 
ganze  Masse  der  Erde  Salz  wäre,  sie  würde  den  mensch- 
lichen Speisen  nicht  genügen,  um  welcher  Sache  willen 
wir  bekennen  müssen,  entweder  daß  die  Spezies  des  Salzes 
ewig  sei,  zugleich  mit  der  Welt,  oder  daß  jenes  sterbe 
und  wieder  geboren  werde,  zugleich  mit  den  Menschen, 
seinen  Verzehrern;  aber  wenn  die  Erfahrung  uns  lehrt, 
daß  jenes  keinen  Tod  haben  könne,  wie  durch  das  Feuer 
sich  offenbart,  so  es  nicht  verzehrt,  und  durch  das  Wasser, 
welches,  so  viel  es  damit  gesalzen  wird,  so  viel  in  sich 
auflöst,  und  wenn  das  Wasser  verdunstet,  immer  das  Salz 
in  der  früheren  Menge  da  bleibt,  so  taugt  es,  durch  die 
menschlichen  Körper  zu  gehen,  daß  es  im  Harn  oder 
im  Schweiß  oder  anderen  Überflüssigkeiten  wiedergefunden 
werde,  und  wieviel  auch  das  Salz  sei,  das  man  jedes 
Jahr  in  die  Städte  bringt,  so  werden  wir  also  sagen,  daß 
der  Regen,  Durchdringer  der  Erde,  jenes  sei,  was  unter 
den  Fundamenten  der  Städte  und  Bevölkerungen,  und  jenes 
sei,  was  durch  die  Kanäle  der  Erde  die  Salzung  zurück- 
gibt, so  vom  Meer  genommen  wurde,  und  daß  die  Wand- 


68 


Das  Festland  aus 

diluvialen 
Schichtungen  ge- 
bildet. 


lung  der  See,  welche  schon  über  allen  Bergen  gestanden, 
sie  den  Minen  lasse,  welche  sich  in  selbigen  Bergen 
finden  usw.  usw. 

Als  dritten  und  letzten  Grund  wollen  wir  sagen,  daß  das 
Salz  in  allen  geschaffenen  Dingen  ist,  und  das  lehren 
uns  die  Gewässer,  so  durch  alle  Aschen  und  Kalke  der 
verbrannten  Sachen  gingen,  und  der  Harn  eines  welchen 
Tieres  immer,  und  das  Überschüssige,  so  aus  ihren 
Körpern  kam,  und  die  Erden,  in  welche  sich  die  Fäul- 
nisse aller  Dinge  verwandeln. 

XLV.  R.  789,  MS.  BR.  M.  FOL.  138  r. 

Jeder  Teil  der  Tiefe,  welchen  die  Erde  in  einiger  Er- 
streckung hat,  ist  aus  Schichten  gemacht,  und  jede  Schicht 
besteht  aus  Teilen,  die  schwerer  oder  leichter  eines  als 
das  andere  sind:  im  Vertieften  ist  sie  schwerer,  und  dies 
beweist  sich,  weil  diese  selbigen  Schichten  aus  den  Trü- 
bungen der  Wasser  zusammengesetzt  sind,  ins  Meer  vom 
Lauf  der  Flüsse  abgeladen,  welche  sich  in  jenes  ergießen: 
von  welchen  Trübungen  die  schwerere  jene  war,  die  zuerst 
sich  sukzessiv  ablagerte,  und  dies  macht  das  Wasser,  wo 
es  stehen  bleibt,  das  früher,  wo  selbiges  sich  noch  be- 
wegte, wegnahm. 

Und  von  dergleichen  Schichten  zeigt  sich  an  den  Seiten 
der  Flüsse,  welche  durch  ihr  beständiges  Laufen  und  mit 
großer  Tiefe  des  Einschnittes  einen  Berg  vom  andern  ge- 
sägt und  getrennt  haben  :  wo  dann  an  den  kiesigen  Schich- 
ten die  Wasser  abgelaufen  sind  und  deswegen  die  Materie 
sich  ausgetrocknet  und  in  harten  Stein  verwandelt  hat, 
und  hauptsächlich  jener  Schlamm,  der  feiner  war;  und 
dies  macht  uns  schließen,  daß  jeder  Teil  der  irdischen 
Oberflächen  schon  Mittelpunkt  der  Erde  gewesen,  und 
ebenso  umgekehrt  usw. 

XLVI,  R.  1063,  MS.  LEIC.  FOL.  10  r.     VondenVerände- 

rungen   der  Erd- 

Jener  Teil  der  Erde   hat    sich   am   meisten  dem  /»littel-       Oberfläche. 
punkt    der  Welt    entfremdet,   der  leichter   geworden  ist. 


Das  Rinnsal  der 
Flüsse  hat  sich 
so  tief  eingesägt 
und  erweitert, 
daß  Berg  und  Tal 
entstand. 


Und  jener  Teil  der  Erde  ist  leichter  geworden,  durch 
welchen  größerer  Lauf  von  Wassern  hindurchging.  Und 
es  ist  also  jener  Teil  leichter  geworden,  von  dem  größere 
Zahl  von  Flüssen  abfließt,  wie  die  Alpen,  welche  Deutsch- 
land von  Frankreich  und  Italien  trennen;  von  denen  die 
Rhone  gegen  Mittag  hervorgeht,  und  der  Rhein  nach 
Norden,  die  Donau,  Danubio  oder  eigentlich  Danoja,  nach 
Nordwest  und  der  Po  nach  Levante,  mit  unzähligen 
Flüssen,  die  sie  geleiten,  welche  immer  trübe  fließen, 
wegen  der  Erde,  welche  sie  ins  Meer  tragen. 
Es  bewegen  sich  beständig  die  Seestrande  der  Mitte  des 
Das    Miüeiiän-  Meercs  ZU  uud  verjagen  es  aus  seinem  früheren  Sitz.    Es 

dtsche  Meer  wird  '    ° 

zum  Bett  des  Nils  wird   sich   den    niedrigsten  Teil    des  Mittelländischen   als 

einschrumpfen,  ,    »         o     -i  ■n.y,  p,  ■,  -i  tt  n 

so  wie  der  Po  Bett  uud  Lauf  des  Niles  aufbewahren,  des  Hauptflusses, 
flLsen^der^Rest  der  sich  in  selbiges  Meer  ergießt.  Und  ihm  werden  sich 
denen Meer^ist.  alle  ZU  ihm  gehörigen  Flüsse  gesellen,  welche  bevor  in 
selbiges  Meer  ihre  Wasser  zu  schütten  pflegten,  wie  man 
den  Po  es  machen  sieht,  mit  seinen  Nebenflüssen,  welche 
einstmals  sich  ins  Meer  ergossen,  das  zwischen  dem 
Apennin  und  den  germanischen  Alpen  sich  mit  dem  Adria- 
tischen  vereint  hatte. 


Vormals.         XL  VII.  R.  1085,  MS.  LEIC.  FOL.  10  v. 

Der  mittelländische  Busen,  als  Binnensee,  empfängt  die 
Hauptgewässer  von  Afrika,  Asien  und  Europa,  die  ihm 
zugewendet  sind;  seine  Wasser  erreichten  (einst)  den  Strand 
der  Berge,  die  ihn  umgaben  und  ihm  ein  Gestade  bildeten, 
und  die  Gipfel  des  Apennin  standen  in  selbigem  Meer 
in  Form  von  Inseln,  umgeben  von  salzigem  Wasser,  und 
auch  Afrika  drinnen  bei  seinem  Atlasgebirge  zeigte  nicht 
dem  Himmel  entblößt  den  Boden  seiner  großen  Ebenen 
von  etwa  3000  Meilen  Länge,  und  Memphis  lag  an  der 
Küste  solchen  Meeres,  und  auf  den  Ebenen  Italiens,  wo 
heute  die  Vögel  in  Scharen  fliegen,  pflegten  die  Fische 
in  großen  Rudeln  zu  wandern. 

70 


XLVIII.  R.  984,  MS.  LEIC.  FOL.  31  r.       Nicht    Doku- 

mente,   sondern 

Nachdem  die  Dinge  viel  älter  sind  als  die  "Wissenschaften,  '^'.\,  ^''^f  ß.^- 

°  '    zahlen    die   Ge- 

ist  es  kein  Wunder,  wenn  in  unsern  Tagen  keine  Schrift  schUhtederErde. 
vorhanden,  daß  die  besagten  Meere  so  viele  Länder  be- 
deckt hatten,  und  wenn  doch  irgendwelche  Schrift  zum 
Vorschein  gekommen  war,  —  die  Kriege,  die  Feuers- 
brünste, die  Wasserfluten,  die  Änderungen  in  den  Sprachen 
und  Gesetzen  haben  alle  Altertümer  verzehrt;  aber  uns 
genügen  die  Zeugnisse  der  Dinge,  die,  im  salzigen  Wasser 
geboren,  sich  auf  den  hohen  Bergen  finden,  weit  von  den 
Meeren  von  damals  entfernt. 


XLIX.  MS.  E.  FOL.  4  V.       Die    Fossilien 

legen  Zeugnis  ab. 

Vom  Meer,  so  das  Gewicht  der  Erde  ändert 

Die  Muscheln,  Austern  und  andre  ähnliche  Tiere,  welche 
im  Meeresschlamm  geboren  werden,  bezeugen  uns  die 
Veränderung  der  Erde  rings  um  den  Mittelpunkt  unsrer 
Elemente  herum;  es  beweist  sich  also:  Die  Hauptflüsse 
laufen  stets  mit  Trübungen,  wegen  der  Erde,  die  sie  ver- 
mittelst der  Reibung  ihrer  Gewässer  vom  Grund  und  an 
den  Ufern  wegheben,  und  diese  Verzehrung  entblößt  die 
Stirnseite  der  Stufen,  die  in  Schichten  aus  jenen  Muscheln 
entstanden,  so  auf  der  Oberfläche  des  Meerschlammes 
leben:  welche  in  jenen  Orten  geboren  wurden,  als  das 
Salzwasser  sie  noch  bedeckte.  Und  diese  selbigen  Stufen 
wurden  von  Zeit  zu  Zeit  von  Schlamm  verschiedener 
Dichte  bedeckt,  wie  er  durch  die  Flüsse  mit  Diluvien  ver- 
schiedenen Umfanges  in  die  See  geführt  wird;  und  so 
blieben  diese  Muscheln  eingemauert  und  umgebracht  unter 
derartigem  Schlamm  in  solcher  Höhe  übereinandergesetzt, 
daß  dieser  Meeresgrund  sich  der  Luft  bloßlegte.  Nun  sind 
selbige  Gründe  von  solcher  Höhe,  daß  aus  ihnen  Hügel 
oder  hohe  Berge  geworden,  und  die  Flüsse,  Verzehrer  der 
Seiten  selbiger  Berge,  legen  die  Stufen  dieser  Muscheln 
frei,  und  so   erhebt  sich  die  erleichterte  Seite  der  Erde 

71 


unaufhörlich,  und  die  Antipoden  nähern  sich  mehr  dem 
Zentrum  der  Welt,  und  die  alten  Gründe  des  Meeres 
werden  zu  Gebirgsjochen  gemacht. 


Wert  der  Kennt- 
nis   der    Erdge- 
schichte. 


L.  MS.  CA.  FOL.  373  v. 

Die  Kenntnis  der  Vergangenheit  und  der  Lage  der  Erde 
ist  Schmuck  und  Nahrung  des  menschlichen  Geistes. 


Leonardo      hält    LI 
alles  Gebirge  für 
Anschwemmung 

and  Ablagerung. 


R.  980,  MS.  LEIC.  FOL.  10  r. 


.  .  .  Wie  bei  dem  gefalteten  Gestein  der  Berge  alle  Stufen 
des  Schlammes  durch  die  Überschwemmungen  der  Flüsse 
eine  über  die  andre  gesetzt  sind;  wie  die  verschiedene 
Dicke  der  Faltungen  des  Gesteines  von  den  verschiedenen 
Überschwemmungen  der  Flüsse  geschaffen  ist,  das  heißt, 
von  größerer  Flutung  oder  geringerer. 


Desgleichen.        LIL 


MS.  CA.  FOL.  160  v. 


Die  Felsgesteine  setzen  sich  in  Falten  zusammen,  oder 
besser,  in  Stufen,  nach  der  Ablagerung  der  Trübungen,  so 
durch  den  Lauf  der  Flüsse  herbeigebracht  sind. 

Die  Felsgesteine  sind  nicht,  wo  nicht  Meer  oder  See 
gewesen. 


Erdbeben    durch 

innere  Eirtstürze 

und      Spannung 

der  Gase. 


Uli. 


MS.  CA.  FOL.  289  v. 


Der  Zusammensturz  (der  Ruin)  der  Berge  über  hohlen 
Orten  preßt  die  Luft  aus  den  Höhlen:  welche,  um  zu 
fliehen,  die  Erde  zerbricht  und  die  Erdbeben  erzeugt. 
Sagt  der  Gegner,  dies  könne  nicht  sein:  denn  entweder 
falle  der  ganze  Berg  zusammen,  so  die  Höhle  bedeckte, 
oder  es  falle  nur  der  innere  Teil  ein;  und  falle  alles, 
dann  fliehe  die  zusammengedrückte  Luft  durch  die  Öffnung 
des  aufgedeckten  Loches,  und  stürzt  nur  der  innere  Teil, 
dann  flieht  die  gedrückte  Luft  in  das  Leere,  welches  hinter 
sich  die  Erde  ließ,  die  fìel. 

72 


LIV.  MS.  F.  FOL.  80  r.    Sind  die  Fossilien 

durch  Einfluß  der 

Von  den  Muscheln  in  den  Bergen  Gestirne entstan- 

v/  »  ö  "^  »*  den,  wie  es  noch 

...,  ,  ,,  ,,,,.,,  ....  f"s  zum  Ende  des 

Und  wenn  du  sagen  wolltest,  daß  die  Muscheln  in  dem   17. Jahrhunderts 
Gebirge    von    der   Natur    durch    die   Konstellationen    der  ^'^'""^^  """'''•' 
Sterne   hervorgebracht  seien,   auf  welchem  Weg,  würdest 
du  zeigen,   bringt  solche  Konstellation  die  Muscheln  von 
verschiedener  Größe   und   verschiedenem  Alter  und  ver- 
schiedener Gattung  in  der  gleichen  Gegend  hervor? 

Und  wie  würdest  du  mir  den  Kies  erklären,  der  in  ver- 
schiedener Höhe  der  hohen  Berge  in  Stufen  zusammen- 
gebacken ist,  warum  hier,  und  aus  verschiedenen  Regi- 
onen, Kies,  vom  Lauf  der  Flüsse  aus  verschiedenen  Län- 
dern in  diese  Gegend  gebracht?  Und  dieser  Kies  ist 
nichts  anderes  als  allerlei  Stücke  aus  Stein,  welche  durch 
das  ewige  Um-  und  Umdrehen  und  durch  verschiedene 
Stöße  und  Stürze,  die  sie  durch  den  Lauf  der  Gewässer, 
welche  sie  an  solchen  Ort  brachten,  die  Ecken  verloren 
haben. 

Wie  kannst  du  die  große  Anzahl  Gattungen  von  Blättern 
klarlegen,  die  in  den  hohen  Felsen  solcher  Berge  einge- 
froren sind,  und  die  Alge,  eine  Meerespflanze,  die  mit 
Muscheln  und  Sand  vermischt  liegend  vorhanden  ist? 
Und  so  wirst  du  allerlei  Versteinerung  zusammen  mit  See- 
krebsen sehen,  die  in  Stücke  zerbrochen,  getrennt  und 
mit  jenen  Muscheln  vermischt  sind.     Wie  .  .  . 

LV.  MS.  F.  FOL.  79  r.     Von     der     Ent- 

stehung der  Ver- 

Von  den  Tieren,  welche  die  Knochen  außen  haben,     steinemngen. 
wie     Muscheln,     Schnecken,     Austern,     Jakobs-  ' 
mu  seh  ein    und   ähnliche,    die    von  zahllosen  Arten  sind 

Als  die  Überschwemmungen  der  Flüsse,  die  von  feinem 
Schlamm  getrübt  waren,  diesen  auf  die  Tiere  abluden, 
die  unter  dem  Wasser  nahe  den  Küsten  des  Meeres 
wohnen,  blieben  diese  Tiere  in  solchen  Schlamm  hinein- 
gedrückt, und  da  sie  sich  ziemlich  tief  unter  einem  großen 

73 


Gewicht  solchen  Schlammes  befanden,  mußten  sie  not- 
wendig sterben,  weil  ihnen  die  Tiere  fehlten,  von  denen 
sie  sich  zu  nähren  pflegten.  Als  das  Meer  mit  der  Zeit 
sank  und  das  Salzwasser  abgeflossen  war,  begann  jener 
Schlamm  sich  in  Stein  zu  verwandeln  und  die  Schalen 
selbiger  Muscheln,  deren  Tiere  schon  hinweggeschwunden, 
wurden  anstatt  von  diesen  nun  von  Schlamm  neu  ange- 
füllt; und  so,  bei  der  Umschaffung  all  des  Schlammes  rings- 
um in  Stein,  begann  auch  jener  Schlamm,  der  innerhalb 
der  etwas  geöffneten  Schalen  der  Muscheln  geblieben 
und  durch  diese  Öffnung  mit  dem  übrigen  Schlamm  ver- 
bunden war,  sich  auch  in  Stein  zu  verwandeln,  und  so 
blieben  alle  Rinden  solcher  Muscheln  zwischen  2  Steinen, 
d.  h.  zwischen  dem,  der  sie  umschloß,  und  dem,  welchen 
sie  einschlössen:  wie  man  sie  noch  in  vielen  Orten  auf- 
findet. Und  fast  alle  die  versteinerten  Muscheln  in  den 
Blöcken  der  Berge  haben  noch  ihren  natürlichen  Mantel 
herum,  und  besonders  jene,  die  hinreichend  alt  gewesen, 
um  durch  ihre  Härte  sich  zu  erhalten;  und  die  jungen, 
schon  zum  großen  Teil  verkalkt,  waren  von  einem  zähen 
und  petrifizierenden  Saft  durchdrungen  worden. 

Gegen  jene,   die    LVI.  R.  987,  MS.  LEIC.  FOL.  8v. 

meinen,  die  Mu- 

dfr'%n'tflut  7nf         Von  der  Sintflut  und  den  Meeresmuscheln 

die   Bergeshöhen 

gebracht  worden,     Wenn  du  sagtcst,  daß  die  Muscheln,  die  man  in  unseren 

ehe    sie    verstei-  °  ^ 

nerten.  Tagen  innerhalb  der  Grenzen  Italiens  weit  von  den  Meeren 
in  solcher  Höhe  findet,  von  der  Sintflut,  die  sie  dort  ließ, 
zurückgeblieben  seien,  antworte  ich  dir,  nachdem  du 
glaubst,  die  Sintflut  habe  den  höchsten  Berg  um  7  Ellen 
übertroffen,  wie  es  schrieb,  der  sie  gemessen  hat:  der- 
gleichen Muscheln,  die  stets  in  der  Nachbarschaft  der 
Seeküste  leben,  sie  mußten  ganz  droben  auf  den  Bergen 
bleiben  und  nicht  bloß  so  wenig  über  der  Wurzel  (radice) 
der  Berge  überall,  Schicht  auf  Schicht,  in  der  gleichen 
Höhe.    Und  wenn  du  sagtest,  dergleichen  Muscheln  seien 

74 


begierig,  den  Meeresküsten  nahezubleiben  und  daß,  als  es 
in  solche  Höhen  wuchs,  die  Muscheln  ihren  ersten  Sitz 
verließen  und  dem  Anwachsen  des  Wassers  bis  zu  dessen 
letzter  Höhe  folgten:  hierauf  ist  zu  erwidern,  daß  die 
Muscheln  Tiere  von  nicht  hurtigerer  Bewegung  als  es 
die  Schnecke  ist,  außerhalb  des  Wassers,  und  noch  etwas 
langsamer  als  diese,  weil  sie  nicht  schwimmen,  sondern 
im  Gegenteil  eine  Furche  im  Sande  machen  und  durch  die 
Seiten  dieser  Furche,  auf  die  sie  sich  lehnen,  in  einem 
Tage  3 — 4  Ellen  wandern;  also  diese  werden  mit  der 
gleichen  Schnelligkeit  nicht  vom  Adriatischen  Meer  bis 
nach  Monferrato  in  der  Lombardei,  das  250  Meilen  ent- 
fernt ist,  in  40  Tagen  gegangen  sein,  wie  jener  schreibt, 
der  selbige  Zeit  gezählt  hat;  und  wenn  du  sagst,  daß  die 
Wellen  sie  hintrugen,  —  wegen  ihrer  Dicke  konnten  sie 
sich  nicht  erhalten,  außer  auf  dem  Boden;  und  wenn  du 
mir  das  nicht  zugibst,  gestehe  mir  wenigstens,  daß  sie 
hätten  auf  den  Gipfeln  der  höchsten  Berge  bleiben  müssen 
und  in  den  Seen,  die  sich  zwischen  den  Bergen  ein- 
schließen: wie  Lago  di  Lario  oder  Como  und  der  Maggiore, 
oder  der  von  Fiesole  (?  hier  war  nie  ein  See!)  und  Peru- 
gia und  ähnliche. 

Und  wenn  du  sagst,  daß  die  Muscheln  von  den  Wellen 
getragen  wurden,  als  sie  leer  und  tot  waren,  so  sage  ich, 
daß,  wo  die  Toten  gingen,  sie  sich  wenig  von  den  Leben- 
den trennten,  und  daß  in  diesen  Bergen  alle  die  Leben- 
digen gefunden  werden,  die  man  leicht  erkennt,  weil  sie 
mit  gepaarten  Mänteln  versehen  sind,  und  sind  in  einer 
Reihe,  wo  es  keine  Toten  gibt,  und  ein  wenig  höher 
werden  deren  gefunden,  wo  von  den  Wogen  alle  Toten 
hingeschleudert  wurden,  die  mit  getrennten  Schalen  näm- 
lich, dort  neben,  wo  die  Flüsse  ins  Meer  stürzten,  in 
große  Tiefen  — ,  so  der  Arno,  der  von  der  Gonfolina 
bei  Montelupo  herabfiel,  wo  er  das  Geröll  zurückließ,  das 
man  noch  sehen  kann,  welches  sich  miteinander  wieder 
vereinigt  und  mit  Steinen  verschiedener  Länder,  Art  und 


Lucas  Larius  der 

römische     Name 

des  Comosees. 

(J.  P.  Richter  be- 
merkt zu  dieser 
Stelle,  daß  er  elf 
Zeilen  des  Manu- 
skriptes aasläßt, 
—  eine  Abschwei- 
fung, die  vom  Ge- 
wicht des  Wassen 
handelt.) 


75 


Farbe  und  Härte  ein  einziges  Agglomerai  gebildet  hat,  und 
ein  bißchen  weiter  hat  das  Sandkonglomerat  Tuff  gebildet, 
dort  wo  es  sich  gegen  Castel  Fiorentino  wendet;  noch 
weiter  weg  lagerte  sich  der  Schlamm  ab,  in  dem  die 
Muscheln  lebten,  der  sich  gradweise  hob,  je  nach  dem 
Schwall,  den  der  trübe  Arno  in  jenes  Meer  ergoß,  und 
von  Zeit  zu  Zeit  hob  sich  der  Grund  des  Meeres,  der 
gradweise  jene  Muscheln  aufwies,  wie  sich  im  Einschnitt 
der  Colli  Gonzoli  zeigt,  die  vom  Arnofluß  ausgebrochen 
sind,  der  ihren  Fuß  zerstört:  in  welchem  Einschnitt  man 
deutlich  die  vorbesagten  Lager  von  Muscheln  im  Schlamme 
blauen  sieht,  und  dort  findet  man  noch  allerlei  Meer- 
sachen. Und  es  hat  sich  die  Erde  unserer  Hemisphäre 
um  so  viel  mehr  gehoben  denn  sie  pflegte,  als  sie  an 
Wassern  niedriger  wurde,  die  ihr  durch  den  Einschnitt 
von  Calpe  und  Abila  (Ceuta  und  Gibraltar)  verloren  gin- 
gen, und  hat  sich  überdies  noch  mehr  gehoben,  weil  das 
Gewicht  des  Wassers,  so  ihr  hier  verloren  ging,  sich 
der  Erde  hinzufügte,  die  nach  der  andern  Hemisphäre 
gekehrt  ist.  Und  wären  die  Muscheln  von  der  trüben 
Sintflut  hergetragen  worden,  so  hätten  sie  sich,  getrennt 
voneinander,  im  Schlamme  doch  gemischt,  und  nicht  in 
geordneten  Graden  zu  Schichten,  wie  man  sie  in  unseren 
Tagen  sieht. 


Wie  die  fossilen 

IVlascheln  auf  das 

Festland  and  die 

Berge  kamen. 


LVII. 
Von  jenen,  die 


R.  988,  MS.  LEIC.  FOL.  9  r. 

sagen,  die  Muscheln  seien  vor  langer 
Zeit  und  fern  von  den  Meeren  durch  die  Natur  des  Ortes 
und  des  Himmels  erzeugt,  der  solchen  Ort  zu  dergleichen 
Schöpfung  geeignet  macht  und  beeinflußt;  ihnen  ist  zu 
antworten,  daß,  wenn  solcher  Einfluß  auf  Tiere  existiert, 
würden  sie  ihm  nicht  in  einer  einzigen  Linie  unterliegen, 
es  wären  denn  Tiere  gleicher  Sorte  und  Alters,  und  nicht 
das  alte  mit  dem  jungen,  und  es  würde  nicht  manches 
mit  Schale  und  das  andere  ohne  seinen  Deckel  sein,  und 
nicht  das  eine  zerbrochen  und  das  andere  ganz,  und  nicht 


76 


das  eine  mit  Meeressand  gefüllt  und  kleinen  und  großen 
Bruchstücken  anderer  Muscheln  im  Inneren  der  ganzen 
Muscheln,  welche  dort  offen  geblieben,  und  nicht  die 
Mäuler  von  Krabben  ohne  den  Rest  ihres  Ganzen,  und 
nicht  die  Muscheln  anderer  Gattungen  an  sie  gehängt, 
in  Form  eines  Tieres,  so  auf  jenen  sich  bewegte,  weil 
noch  die  Spur  seines  Weges  auf  der  Schale  geblieben, 
die  es  ja,  nach  Art  des  Holzwurmes  auf  dem  Balken,  im 
Gehen  zerfraß;  man  fände  nicht  in  ihnen  Knochen  und 
Zähne  von  Fischen,  so  manche  Pfeile  benennen  und  an- 
dere Zungen  von  Schlangen,  und  es  fänden  sich  nicht  so 
viele  Glieder  verschiedener  Tiere  miteinander  vereinigt, 
wenn  sie  nicht  von  den  Meeresküsten  hierher  geworfen 
wären.  Und  die  Sintflut  hätte  sie  nicht  hierher  tragen 
können,  weil  Sachen,  die  schwerer  sind  als  das  Wasser 
nicht  auf  dem  Wasser  flott  bleiben,  und  besagte  Sachen  be- 
fänden sich  nicht  in  solcher  Höhe,  wenn  sie  nicht  etwa 
auf  den  Wassern  schwimmend  dorthin  gebracht  wurden, 
welches  wegen  ihres  Gewichtes  unmöglich  ist.  Wo  die 
Täler  das  salzige  Wasser  des  Meeres  nicht  aufnahmen, 
dort  sieht  man  die  versteinerten  Muscheln  nie,  wie  es 
sich  offenbar  zeigt  beim  großen  Tal  des  Arno  oberhalb  der 
Gonfolina,  einem  Felsen,  der  in  alten  Zeiten  mit  dem  Monte 
Albano  in  Form  einer  sehr  hohen  Bank  vereinigt  war: 
welche  selbigen  Fluß  aufgedämmt  hielt,  in  solcher  Weise, 
daß,  ehe  er  sich  ins  Meer  ergoß,  was  nachher  zu  Füßen 
selbigen  Felsens  geschah,  er  zwei  große  Seen  bildete, 
von  denen  der  erste  war,  wo  man  heute  die  Stadt  Florenz 
blühen  sieht,  zugleich  mit  Prato  und  Pistoja,  und  Monte 
Albano  folgte  dem  Rest  der  Bank  bis  dorthin,  wo  heute 
Serravalle  gelegen  ist.  Vom  Val  d'Arno  aufwärts  bis 
Arezzo  bildete  sich  ein  zweiter  See,  der  in  den  erstge- 
nannten See  seine  Gewässer  ergoß,  abgeschlossen,  etwa 
wo  man  jetzt  Girone  sieht;  und  nahm  das  ganze  genannte 
Tal  von  oben  in  der  Ausdehnung  von  40  Meilen  Länge 
ein.     Dieses   Tal   empfängt    auf  seiner  Sohle    die  ganze 

77 


Erde,  welche  das  von  ihr  getrübte  Wasser  herbeibringt 
und  so  man  noch  zu  Füßen  des  Prato  Magno  sehr  hoch 
liegen  sieht,  wo  die  Flüsse  sie  noch  nicht  verzehrt  haben, 
und  zwischen  dieser  Erde  sieht  man  die  tiefen  Einschnitte 
der  Flüsse,  so  hier  durchgegangen  sind:  welche  vom  hohen 
Berge  des  Prato  Magno  herabsteigen,  in  deren  Einschnitten 
man  nicht  irgendwelche  Spur  von  Muscheln  oder  Meeres- 
grund sieht.  Dieser  See  war  mit  dem  See  von  Perugia 
vereinigt. 

Eine  große  Menge  von  Muscheln  sieht  man,  wo  die 
Flüsse  sich  ins  Meer  ergießen,  obschon  in  solchen  Orten 
die  Gev/ässer  nicht  so  salzig  sind,  durch  die  Mischung 
von  süßen  Wassern,  mit  denen  sie  sich  vereinen.  Und 
das  Zeichen  davon  sieht  man,  wo  vor  alten  Zeiten  die 
apenninischen  Berge  ihre  Flüsse  ins  Adriatische  Meer  er- 
gossen, die  großenteils  zwischen  den  Bergen  große  Mengen 
von  Muscheln  aufweisen,  mit  bläulichem  Meeresboden, 
und  alle  Steinblöcke,  die  man  an  solchem  Ort  ausgräbt, 
sind  voller  Muscheln.  Das  gleiche,  weiß  man,  hat  der 
Arno  getan,  als  er  vom  Felsen  der  Gonfolina  ins  Meer 
fiel,  das  sich  dort  nicht  zu  tief  unter  ihm  befand,  weil 
es  zu  jenen  Zeiten  an  Höhe  San  Miniato  al  Tedesco  über- 
traf; denn  auf  dem  höchsten  Rücken  von  diesem  sieht 
man  die  Ufer  voller  Muscheln  und  Austern  innerhalb  ihrer 
Wände;  es  verbreiteten  sich  die  Muscheln  nicht  gegen  das 
Val  di  Nieve,  weil  die  süßen  Wasser  des  Arno  nicht  bis 
dahin  sich  ausdehnten. 

Wie  die  Muscheln  nicht  durch  die  Sintflut  vom  Meere 
getrennt  wurden;  denn  die  Wasser,  die  vom  Lande  kamen, 
zogen  nicht  bloß  das  Meer  an  Land,  weil  sie  es  waren, 
die  seinen  Grund  durchwühlten,  sondern  das  Wasser,  das 
von  der  Richtung  des  Landes  kommt,  hat  auch  mehr 
Strömung  als  das  des  Meeres  und  taucht  folglich  mäch- 
tiger unter  das  andere  Wasser  des  Meeres  und  rührt 
den  Grund  auf  und  nimmt  alle  beweglichen  Dinge  mit 
sich,  die  es  dort  findet,  wie  es  die  vorbesagten  Muscheln 

78 


sind  und  andere  ähnliche  Sachen  und  um  so  viel,  als  das 
Wasser,  das  vom  Lande  kommt,  getrübter  ist  als  das  des 
Meeres,  um  so  viel  mächtiger  und  schwerer  zeigt  es 
sich  als  jenes:  daher  sehe  ich  nicht  die  Art,  wie  ge- 
nannte Muscheln  so  weit  in  das  Land  hinein  zu  ziehen 
wären,  wenn  sie  nicht  etwa  dort  geboren  sind.  Sagst 
du  mir  dann,  der  Fluß  Era  (Loire?),  welcher  durch  Frank- 
reich geht,  bedecke,  wenn  die  See  schwillt,  mehr  als 
achtzig  Meilen  des  Landes,  weil  es  ein  Ort  großer  Eben- 
heit ist  und  das  Meer  dort  um  etwa  zwanzigEUen  steigt,  und 
Muscheln  in  selbiger  Ebene  zu  finden  sind,  achtzig  Meilen 
von  der  See  entfernt,  so  ist  darauf  die  Antwort,  daß  in 
unseren  mittelländischen  Meeren  Flut  und  Ebbe  keine 
so  große  Verschiedenheit  ausmachen,  denn  in  Genua 
variiert  es  gar  nicht,  in  Venedig  um  geringes,  in  Afrika 
wenig,  und  wo  der  Unterschied  wenig,  bedeckt  das  Wasser 
wenig  Land. 

LVIII.  R.  989,  MS.  LEIC.  FOL.  9  V.     .    Widerlegung 

jener,  welche  die 
__-.,,  ,.  .  -i^.-^  L  Sintflut  alsG  rund 

Widerlegung,  die  gegen  jene  gerichtet  ist,  so  be-  für  das  vorkom- 
haupten,    die    Muscheln    seien    viele    Tagereisen  ^Zcheinimcl''- 
weit  von  den  Meeren  durch  die  Sintflut  getragen,  birge betrachten., 
so  hoch,  daß  es  alle  Höhen  überstieg 

Ich  sage,  daß  die  Sintflut  die  vom  Meer  geborenen 
Sachen  nicht  auf  die  Berge  tragen  konnte,  außer  das 
Meer,  anschwellend,  schuf  Überflutungen  bis  zu  obbesagten 
Orten,  welche  Anschwellungen  nicht  vorfallen  konnten, 
weil  sich  dabei  ein  Vakuum  ergäbe  und  wenn  du  sagtest, 
die  Luft  fülle  dort  nach,  —  wir  haben  geschlossen,  das 
Schwere  könne  sich  nicht  auf  dem  Leichten  erhalten,  wo- 
her durch  Notwendigkeit  man  weiter  schließt,  daß  diese 
Überschwemmung  von  Regenwasser  verursacht  war,  und 
wenn  dem  so  ist,  laufen  selbige  Wasser  alle  zum  Meer 
und  läuft  nicht  das  Meer  zu  den  Bergen,  und  wenn  sie 
zum  Meere  laufen,  stoßen  sie  die  Muscheln  vom  Strand 

79 


des  Meeres  weg  und  ziehen  sie  nicht  zu  sich  heran.  Und 
wenn  du  sagtest,  nachdem  das  Meer  durch  die  Regen- 
wasser stieg,  trug  es  selbige  Muscheln  zu  solcher  Höhe, 
— •  wir  haben  schon  gesagt,  daß  die  Dinge,  schwerer  als 
das  Wasser,  nicht  darauf  schwimmen,  sondern  in  der 
Tiefe  bleiben,  von  denen  sie  sich  nicht  wegrühren,  außer 
durch  den  Anprall  der  Wogen.  Und  wenn  du  sagtest,  die 
Wogen  trügen  sie  zu  so  hohen  Orten,  —  wir  haben  be- 
wiesen, daß  die  Wogen  in  den  großen  Tiefen  sich  ver- 
kehrt zur  Bewegung  von  oben  auf  dem  Grunde  umwenden, 
welche  Sache  sich  kundgibt  in  der  Trübung  des  Meeres 
durch  das  Erdreich,  nah  dem  Strand  entrissen.  Es  bewegt 
sich  die  Sache,  so  leichter  als  das  Wasser  ist,  zugleich 
mit  dessen  Wogen  und  wird  in  der  höchsten  Gegend  des 
Ufers  von  der  höchsten  Woge  zurückgelassen.  Es  bewegt 
sich  der  Gegenstand,  so  schwerer  als  das  Wasser  ist,  fort- 
gestoßen von  den  Wogen  der  Oberfläche  und  des  Grun- 
des, und  aus  diesen  zwei  Schlüssen,  die  an  ihrem  Platze 
werden  bewiesen  werden,  urteilen  wir,  daß  die  oberfläch- 
liche Woge  nicht  Muscheln  tragen  kann,  von  wegen  des 
Schwererseins  als  das  Wasser. 

Wenn  die  Sintflut  die  Muscheln  dreihundert  und  vier- 
hundert Meilen  entfernt  von  den  Meeren  hätte  zu  tragen 
gehabt,  würde  sie  sie  vermischt  gebracht  haben,  solche 
von  verschiedener  Natur  zusammengehäuft,  und  wir  sehen 
in  solchen  Entfernungen  die  Austern  alle  beisammen, 
und  die  Konchylien,  und  die  Tintenfische  und  alle  anderen 
Muscheln,  die  in  Brüderschaften  beisammen  leben,  alle 
miteinander  tot  gefunden  werden,  und  die  einsiedlerischen 
Muscheln  voneinander  entfernt  finden,  wie  wir  es  auch 
jetzt  an  dem  Meeresstrande  den  ganzen  Tag  über  sehen 
können.  Und  wenn  wir  die  Austern,  ungemein  groß, 
zusammengesellt  finden,  unter  welchen  du  viele  siehst, 
die  noch  die  Schale  geschlossen  haben,  hat  das  zu  be- 
deuten, daß  sie  vom  Meere  hier  gelassen  wurden,  wäh- 
rend sie  noch  lebten,  damals  als  die  Meerenge  von  Gib- 

80 


raltar  eingeschnitten  wurde.  Man  sieht  in  den  Bergen 
von  Parma  und  Piacenza  noch  ganze  Massen  von  Muscheln 
und  wurmstichigen  Korallen  an  die  Felsen  angeklebt, 
wovon,  als  ich  das  große  Pferd  von  Mailand  machte,  mir 
ein  ganzer  Sack  voll  von  gewissen  Bauern  in  meine  Werk- 
statt gebracht  wurde:  welche  (Muscheln)  an  solchen  Orten 
gefunden  und  unter  welchen  viele  noch  in  erster  Güte 
erhalten  waren. 

Es  finden  sich  unter  der  Erde  und  unter  den  tiefen 
Steinbrüchen  Hölzer  von  bearbeiteten  Balken,  die  schon 
schwarz  geworden,  welche  man  zu  meiner  Zeit  in  jenem 
Bruch  von  Castel  Fiorentino  gefunden  hatte,  und  diese,  in 
so  tiefem  Orte,  haben  sich  dort  befunden,  ehe  noch  der 
Flußschlamm  hier  in  solcher  Höhe  zurückgelassen  ward, 
den  der  Arno  in  jenes  Meer  geworfen,  das  einmal  dieses 
Land  bedeckte,  und  ehe  noch  die  Ebenen  des  Casentino 
durch  das  Erdreich,  das  sie  stets  von  dort  weggebracht 
haben,  so  niedrig  geworden. 

(Auf  dem  Seitenrand):  Und  du  sagtest,  solche  Muscheln 
seien  geschaffen  und  würden  immer  noch  geschaffen  in 
solchen  Orten  durch  die  Natur  der  Gegend  und  des 
Himmels,  die  darauf  Einfluß  haben,  —  diese  selbige 
Meinung  wohnt  nicht  in  Gehirnen  mit  zu  viel  Urteil;  denn 
hier  zählt  man  die  Jahre  ihres  Wachstums  auf  ihren 
Schalen,  und  man  sieht  kleine  und  große,  welche  ohne 
Nahrung  nicht  gewachsen  wären,  und,  ohne  sich  zu  be- 
wegen, hätten  sie  sich  nicht  ernähren  können,  und  hier 
bewegen  konnten  sie  sich  nicht. 

LIX.  R,  990,  MS.  LEIC.  FOL.  10  r.         Zusammen- 

fassendes   Sche- 

Wie  in  den  Schichten,  zwischen  der  einen  und  der  an-  ""^ '''^r^^^'' ""** 
dern,  sich  noch  die  Gänge  der  Regenwürmer  finden,  die 
zwischen  ihnen  herumspazierten,  als  sie  noch  nicht  trocken 
waren.  Wie  aller  Meeresschlamm  noch  Muscheln  enthält: 
und  ist  die  Muschel  zugleich  mit  dem  Schlamm  verstei- 
nert.   Von  der  Torheit  und  Einfältigkeit  jener,  die  wollen, 

6        Herzfeld,    Leonardo 

81 


daß  solche  Tiere  an  weit  von  der  See  entfernte  Orte  von 
der  Sintflut  her  gebracht  seien.  Wie  andere  Rotten  Un- 
wissender behaupten,  die  Natur  oder  die  Himmel  hätten 
sie  durch  himmlische  Einflüsse  an  solchen  Orten  ge- 
schaffen, als  ob  sich  an  solchen  nicht  das  Skelett  von 
Fischen  fände,  die  in  der  Länge  der  Zeit  gewachsen  waren, 
als  ob  man  an  den  Schalen  der  Muscheln  und  Schnecken 
nicht  die  Jahre  oder  die  Monate  ihres  Lebens  abzählen 
könnte,  wie  an  den  Hörnern  der  Ochsen  und  der  Hammel 
und  an  den  Verästelungen  der  Bäume,  die  nie,  in  keinem 
Teile,  geschnitten  wurden.  Und  nachdem  durch  solche 
gewiesene  Zeichen  die  Dauer  ihres  Lebens  offenbar  ge- 
worden, da  ist  es  notwendig,  zu  gestehen,  daß  solche 
^Tiere  nicht  ohne  Bewegung  leben  können,  um  ihre  Nahrung 
zu  suchen,  und  an  ihnen  sieht  man  keine  Werkzeuge,  in 
die  Erde  oder  in  den  Stein  einzudringen,  wo  sie  sich  ein- 
geschlossen finden.  Aber  auf  welche  Art  könnten  sich 
in  einer  großen  Schnecke  die  Bruchstücke  und  Teile 
vieler  anderer  Sorten  von  Muscheln  verschiedener  Natur 
vorfinden,  wenn  auf  sie,  die  auf  dem  Seestrand  schon  tot 
war,  selbige  nicht  von  den  Wogen  des  Meeres  geworfen 
worden  wären,wie  andere  leichte  Dinge,  die  es  an  Land 
wirft?  Warum  finden  sich  so  viele  zertrümmerte  und 
ganze  Muscheln  zwischen  Schicht  und  Schicht  des  Ge- 
steins, wenn  sie  nicht  bereits  auf  dem  Seestrand  von 
einer  vom  Meere  ausgeworfenen  Erde  bedeckt  worden 
wären,  welche  später  versteinerte?  Und  wenn  vorbesagte 
Sintflut  sie  in  solche  Gegenden  des  Meeres  gebracht 
hätte,  du  fändest  selbige  Muscheln  am  Ende  einer  einzi- 
gen Schicht,  und  nicht  am  Ende  von  vielen.  Man  muß 
dann  die  Winterszeiten  der  Jahre  abzählen,  in  denen  das 
Meer  die  Schichten  von  Sand  und  Schlamm  vervielfältigte, 
die  ihm  von  den  benachbarten  Flüssen  zugetragen  wurden, 
und  die  sie  an  seinen  Küsten  abluden;  und  wenn  du 
sagen  wolltest,  daß  mehrere  Sintfluten  daran  gewesen 
seien,  solche  Schichtungen  und  Muscheln  zwischen  ihnen 

82 


hervorzubringen,  wäre  es  notwendig,  daß  du  auch  behaup- 
tetest, es  habe  jedes  Jahr  eine  solche  Sintflut  stattgefunden. 
Auch,  gegenüber  den  Bruchstücken  solcher  Muscheln,  muß 
in  solcher  Gegend  ein  Meeresstrand  vorausgesetzt  werden, 
auf  dem  alle  Muscheln  zerbrochen  und  getrennt  und  nie 
gepaart  ausgeworfen  werden,  so  wie  sie  sich  lebend  im 
Meere  mit  zwei  Schalen  befinden,  die  den  Deckel  für- 
einander bilden.  Und  zwischen  den  Schichten  der  Küste 
und  des  Seestrandes  findet  man  Bruchstücke.  Und  inner- 
halb der  Grenzenden  der  Felsen  werden  seltene  und 
zusammengepaarte  Schalen  gefunden,  wie  jene,  die  vom 
Meere  zurückgelassen  wurden,  lebendig  drinnen  im 
Schlamm  begraben,  welcher  dann  austrocknete  und  ver- 
steinerte. M 


LX.  R.  991,  MS.  LEIC.  FOL.  10  v. 

Und  wenn  du  sagen  willst,  daß  solche  Sintflut  jene  war, 
welche  solche  Muscheln  Hunderte  von  Meilen  aus  den 
Meeren  hinaustrug,  —  dies  kann  nicht  sein,  nachdem 
selbige  Sintflut  durch  Regengüsse  entstand,  weil  natür- 
licherweise Regengüsse  die  Flüsse  zugleich  mit  den  von 
ihnen  getragenen  Sachen  dem  Meere  zutreiben,  und  nicht 
gegen  die  Berge  hin  die  toten  Gegenstände  von  dem 
Seestrand  herziehen.  Und  wenn  du  sagtest,  daß  sich 
die  Sintflut  dann  mit  ihren  Gewässern  über  die  Berge 
erhob,  die  Bewegung  des  Meeres  war  so  zaudernd  mit 
seinem  Gang  gegen  den  Lauf  der  Flüsse,  daß  es  nicht 
hätte  oben  schwimmend  erhalten  die  Dinge,  welche 
schwerer  waren  als  es  selbst,  und  hätte  es  sie  auch 
erhalten,  es  würde  im  Steigen  sie  in  verschiedenen  Orten 
verstreut  lassen  haben.  Aber  wie  werden  wir  die  Korallen 
unterbringen,  welche  man  gegen  den  Monte  Ferrato  in 
der  Lombardei  tagtäglich  findet,  wurmzerfressen,  an  die 
Felsen  befestigt,  von  den  Strömungen  der  Flüsse  bloß- 
gelegt? Und  die  genannten  Felsen  sind  ganz  bedeckt  von 
Verwandtschaften  und  Familien  von  Austern,  von   denen 

6» 

83 


Fortsetzung. 


Und  die  Korallen 

mitten     in     der 

Lombardei  ? 


^enden\^aschli-  ^^^  wisscD,  daß  sie  sich  iiicht  bcwegen,  sondern  immer 
arten?  mit  einer  der  Schalen  am  Fels  befestigt  bleiben  und  die 
andere  Schale  öffnen,  um  sich  von  kleinen  Tierchen  zu 
nähren,  die  durch  das  Wasser  schwimmen,  welche,  indem 
sie  glauben,  selbst  gute  Weide  zu  finden,  Speise  vor- 
benannter Muschel  werden;  man  findet  nicht  den  Sand 
mit  der  Meeresalge  vermischt  petrifiziert,  weil  die  Alge, 
welche  dazwischen  war,  weggeschwunden  ist,  und  das 
entdeckt  (uns)  tagtäglich  der  Po  in  den  Ruinen  seiner  Ufer. 

Erdkatastrophe     LXI.  R.  994,  MS.  BR.  M.  FOL.  156  V. 

and  Sintflut. 

(Nach  dem  cha-     Wegen    der  beiden  Reihen   von   Muscheln    muß    gesagt 
'^tchVift^stammt'  Werden,  daß  die  Erde  aus  Unwillen  unter  das  Meer  hinab- 

diese   Notiz    aas 
der  Zeit  zwischen 


tauchte  und  so  die  erste  Lage  machte;  dann  machte  die 


1470  und  1480,    Ci«tf1iit  die  zweite 

während   L.    die    ^l"!""^    "1^    /.WCIlC. 

reiferen   Ideen 

wahrscheinlich  ..„    ^.     „^,     

um  1510  nieder-    LXII.  MS.  CA.  FOL.  155  f. 

geschrieben  hat.)  .  .  .       ^^        .  „   ,  -,      ■,• 

Es  regt  sich  hier  em  Zweifel,   und   dieser  ist,    ob    die 
War  die  Sintflut  Sintflut,   die    Zuzeiten    Noahs    kam,    allgemein  war    oder 

zuzeiten     Noahs  /-^ 

überhaupt  eine  nicht  und  hier  wird  scheinen,  nein,  aus  den  Gründen, 
die  werden  angeführt  werden.  Wir  haben  in  der  Bibel, 
daß  vorbesagte  Flut  sich  aus  vierzig  Tagen  und  vierzig 
Nächten  fortgesetzten  und  allgemeinen  Regens  zusammen- 
gesetzt habe,  und  daß  solcher  Regen  um  sechs  Ellen  sich 
über  den  höchsten  Berg  des  Weltalls  erhob;  und  wenn 
dem  so  war,  daß  der  Regen  allgemein  gewesen  sein  würde, 
so  bekleidete  er  durch  seine  Wasser  unsere  Erde  mit 
sphärischer  Gestalt,  und  die  sphärische  Oberfläche  hat 
jeden  seiner  Teile  gleich  weit  entfernt  vom  Zentrum 
seiner  Sphäre;  daher,  befand  sich  die  Sphäre  des  Wassers 
in  der  Art  des  genannten  Umstandes,  so  ist  es  unmöglich, 
daß  das  Wasser  auf  ihr  sich  bewegte,  weil  das  Wasser 
in  sich  selber  sich  nicht  bewegt,  außer  es  steigt  herab; 
also,  das  Wasser  einer  solchen  Flut,  wie  ging  es  weg, 
wenn  hier  bewiesen  ist,  daß  es  keine  Bewegung  hatte? 
Und  wenn   es  wegging,    wie  bewegte    es   sich,  wenn   es 

84 


nicht   abwärts    ging?      Und    hier    fehlen    die    natürlichen 

Ursachen,  daher  ist  es  notwendig,  zum  Sukkurs  solchen  ,, 

'  ^  Um   es  zu  glau- 

Zweifels  das  Wunder  zu  Hilfe  zu  rufen  oder  zu  sagen,  daß  ben,  muß  man 

1        TT-  1        o  f.  '^'^^    Wunder   zu 

solches  Wasser  von  der  Hitze  der  bonne  weggedampft  wurde.      HUfe  rufen. 


LXIII.  R.  1217,  MS.  BR.  M.  FOL.  156  r. 

Beispiel  des  Blitzes  aus  den  Wolken 

O  mächtiges  und  einst  belebtes  Instrument  der  kunst- 
reichen Natur,  da  dir  selbst  deine  großen  Kräfte  nichts 
taugen,  schickt  es  sich  dir,  das  stille  Dasein  zu  verlassen, 
und  dem  Gesetze  zu  gehorchen,  welches  Gott  der  schaffen- 
den Natur  gegeben  und  .  .  .  (unverständlich). 

O  wie  viele  Male  sah  man  die  erschreckten  Scharen 
der  Delphine  und  große  Thunfische  vor  deiner  ruchlosen 
Wut  entfliehen,  und  du,  so  mit  wechselnder  Bewegung  der 
Flügel,  mit  dem  gegabelten  Schwanz  blitzschnell  im  Meere 
plötzliches  Unwetter  erzeugtest,  mit  großen  Schlägen  und 
mit  Untertauchen  von  Schiffen,  mit  großem  Gewoge,  die 
bloßgelegten  Gestade  mit  entsetzten  und  verwirrten  Fischen 
füllend,  die  sich  dir  entrissen  und  durch  das  Verlassen 
der  See  an  Ort  und  Stelle  geblieben,  übermäßige  und 
reichliche  Beute  der  benachbarten  Völker  wurden! 

O  Zeit,  schneller  Erbeuter  der  geschaffenen  Dinge,  wie 
viele  Könige,  wie  viele  Völker  hast  du  vernichtet,  und 
wie  viele  Änderungen  von  Staaten  und  verschiedenen  Um- 
ständen sind  erfolgt,  seit  die  wunderbare  Form  dieses 
Fisches  in  dem  ausgehöhlten  und  verschlungenen  Innern 
hier  starb;  von  der  Zeit  zerstört,  liegst  du  nun  geduldig 
in  diesem  verschlossenen  Ort;  mit  dem  fleischentblößten 
und  nackten  Gerippe  hast  du  die  Armatur  gebildet  und 
die  Stütze  dem  darüber  ruhenden  Berge. 

LXIV.  MS.  CA.  FOL.  265  r. 

Beispiele  und  Beweise   des  Wachstums   der  Erde 

Nimm  ein  Gefäß  und  fülle  es  mit  reiner  Erde  und  stelle 
es    auf  ein  Dach;    du   wirst  sehen,  daß   unmittelbar  die 


Ein  Fossil. 


(Richterbemerkt, 
daß  dieser  Bogen 
des  Ms.,  der  die 

Nummern    R. 
1217,1218,1339 
enthält,     ebenso 
rvie  der  folgende, 
dessen  Inhalt   in 

der    Nummer 
R.  1219  wieder- 
gegeben ist,  nach 

Leonardos 
Schrift  der  Zeit 
vor  1480  ange- 
hört. Die  Züge 
sind  leider  sehr 
undeutlich  ge- 
worden, fast  un- 
leserlich, schwer 
deutbar.) 


Vom    Wachstum 
der  Erde. 


85 


dicht  belaubten  Kräuter  drin  zu  sprießen  beginnen  werden 
und,  emporgewachsen,  verschiedene  Samen  machen,  und 
wenn  die  Kinder  zu  Füßen  ihrer  Eltern  wieder  abgefallen, 
wirst  du  die  Pflanzen,  wenn  sie  ihre  Samen  gemacht 
haben,  verdorben  sehen  und  zur  Erde  herabgefallen  in 
wenig  Zeit  sich  in  jene  Erde  verwandeln  und  ihr  Zuwachs 
geben;  hierauf  wirst  du  die  (frisch)  geborenen  Samen 
denselben  Lauf  machen  sehen,  und  immer  die  frischen, 
wenn  sie  ihren  natürlichen  Lauf  vollbracht,  wirst  du  mit 
ihrem  Tod  und  Verfäulnis  der  Erde  Zuwachs  geben  sehen; 
und  wenn  du  zehn  Jahre  vorübergehen  ließest  und  mäßest 
den  irdischen  Zuwachs,  so  könntest  du  sehen,  um  wieviel 
die  Erde  allgemein  gewachsen  ist,  und,  multiplizierend, 
v/ürdest  du  sehen,  um  wieviel  in  tausend  Jahren  die 
Erdenwelt  größer  geworden  ist.  Es  könnten  einige 
sagen,  das  Beispiel  des  obgenannten  Gefäßes  genüge  nicht 
der  angewiesenen  Probe,  indem  man  bei  den  vorerwähn- 
ten Gefäßen  oft  sehe,  daß  zum  Vorteil  der  erwarteten 
Blumen  man  häufig  mit  neuer  und  fetter  Erde  wegen  des 
eingeschrumpften  Bodens  jene  nachfüllen  müsse,  und  ich 
antworte  dir,  daß  die  Erde,  so  man  dort  hineingetan, 
wegen  der  beigemischten  Fettheiten  und  Moderteile  ver- 
schiedener Dinge,  nicht  reine  Erde  genannt  werden  kann; 
die  beigemischten  Sachen,  durch  ihre  Fäulnis  einen  Teil 
ihrer  Form  verlierend,  verwandeln  sich  in  fette  und 
nährende  Säfte  der  eingewurzelten  und  eingesetzten  Pflan- 
zen, und  dieses  ist  der  Grund,  welcher  dir  scheinen 
macht,  daß  die  Erde  schwinde;  und  wenn  du  dort  drinnen 
die  geborenen  Kräuter  sterben  ließest  und  wieder  geboren 
werden  ihre  Samen,  du  sähest  mit  der  Zeit  ihr  Anwachsen. 

Und  siehst  du  nicht  auf  den  hohen  Bergen  die  Mauern 
der  alten  und  vernichteten  Städte  vom  Anwachsen  der 
Erde  eingenommen  und  versteckt  werden? 

Nun,  und  hat  man  nicht  gesehen,  wie  die  felsigen  Gipfel 
der  Berge,  das  lebendige  Gestein  lange  Zeit  hindurch 
mittels    seines   Wachstums    eine    angelehnte    Säule    ver- 

86 


schlungen  hatte,  und  wenn  mit  schneidenden  Eisen  aus- 
gegraben und  herausgezogen,  wie  diese  im  lebendigen 
Gestein  ihre  kanelierte  Form  zurückgelassen? 

LXV.  R.  1218,  MS.  BR.  M.  FOL.  155  V.    Die    Erde    wird 

rvasserlos       und 

Es  blieb  das  Element  des  Wassers  innerhalb  der  empor-  'i^rr  werden  und 
gewachsenen  Ufer  der  Flüsse  eingeschlossen,  und  man 
sieht  das  Meer  zwischen  der  aufgestiegenen  Erde,  und 
die  umgebende  Luft,  welche  die  vermehrte  (vergrößerte) 
Maschine  der  Erde  einzuwickeln  und  zu  umgrenzen  hat, 
—  ihre  Dichtigkeit,  die  zwischen  dem  Wasser  und  dem 
Element  des  Feuers  stand,  wird  sich  dann  wohl  sehr  ver- 
mindert haben  und  des  notwendigen  Wassers  beraubt 
bleiben;  die  Flüsse  werden  ohne  ihre  Gewässer  sein,  die 
fruchtbare  Erde  wird  nicht  mehr  leichtes  Blattwerk  her- 
vorsenden, die  Felder  werden  nicht  mehr  von  überhängen- 
den Bäumen  geschmückt  werden;  alle  Tiere,  so  nicht 
mehr  frische  Kräuter  zu  weiden  fänden,  werden  sterben, 
und  es  wird  die  Speise  fehlen  den  räuberischen  Löwen 
und  Wölfen  und  anderen  Tieren,  die  von  Beute  leben; 
und  den  Menschen,  nach  vielen  Aushilfsmitteln,  wird  es 
notwendig  sein,  ihr  Leben  zu  verlassen  und  das  mensch- 
liche Geschlecht  wird  nicht  da  sein.  Auf  diese  Art  wird 
die  ergiebige  und  fruchtreiche  Erde  verlassen,  dürr  und 
unfruchtbar  werden,  und  durch  die  eingeschlossene  Feuch- 
tigkeit des  Wassers,  das  in  ihrem  Bauch  versperrt,  und 
durch  die  lebendige  Natur  wird  sie  noch  ein  wenig  bei 
ihrem  Wachstum  verbleiben,  bis  die  kalte  und  dünne  Luft  .    , 

Dies  schrieb  Leo- 

ganz  vergangen  und  sie  gezwungen  ist,  mit  dem  Element  nardo,  nach  dem. 
des  Feuers  zu  enden:  dann  wird  ihre  Oberfläche  zu  ver-  Handschrift,  vor 
brannter  Asche  werden,  und  dies  wäre  das  Ende  der  ^Tändf^EpldiT 
irdischen  Natur. 

LXVI.  MS.  F.  FOL.  84  r.    vom  Ende  unse- 

Von  der  Welt  ''' ^'"■ 

Alles  Schwere  strebt  nach  unten  und  die  hohen  Sachen 
werden  auf  ihrer  Höhe  nicht   bleiben,    sondern    mit  der 

87 


Zeit  werden  sie  alle  heruntersteigen,  und  so,  allmählich, 
wird  die  Welt  sphärisch  werden:  folglich  wird  alles  vom 
Wasser  bedeckt  werden,  und  die  unterirdischen  Venen 
werden  unbewegt  bleiben. 

Desgleichen.        LXVII.  MS.  F.  FOL.  52  V. 

(Ansichten    Leo- 
nardos um^ISOS     Immerwährend    sind   bloß    die   niedrigen  Orte,    die    auf 

dem  Grunde  des  Meeres,  und  das  Gegenteil  davon,  die 
Gipfel  der  Berge:  folgt  daraus,  daß  die  Erde  sphärisch 
werden  wird,  und  ganz  vom  Wasser  bedeckt  und  unbe- 
wohnbar. 


-1509.) 


IV.  MENSCHEN/TIERE/PFLANZEN 


ralen  Anatomie. 


R.  796,  MS.  W.  AN.  IV.  FOL.  167  r.    Anatomie  -  eine 
..  .    ,  .  brotlose   Wissen- 

ch  Will  Wunder  tun;  —  möge  ich  weniger  schaft. 
haben  als  die  anderen  ruhigeren  Menschen  und 
als  jene,  so  sich  in  einem  Tage  bereichern 
wollen;  möge  ich  lange  Zeit  in  großer  Armut 
leben,  wie  es  geschieht  und  ewig  geschehen 
wird  den  Alchimisten,  die  Gold  und  Silber  zu  schaffen 
suchen,  und  den  Ingenieuren,  welche  wollen,  das  tote 
Wasser  solle  sich  selbst  bewegendes  Leben  mit  bestän- 
diger Bewegung  geben,  und  jenen  Hauptnarren,  den  Nekro- 
manten  und  Zauberern. 
Und  wenn  du  sagst,  es  sei  besser,  (selbst)  Anatomie  zu  za  seiner  figu- 

^         '  '  rn  Jan       A  nnfnm  io 

machen  als  solche  Zeichnungen  anzusehen,  würdest  du 
richtig  reden,  wenn  es  möglich  wäre,  alle  diese  Sachen, 
welche  in  solchen  Zeichnungen  gewiesen  werden,  in  einer 
einzigen  Figur  wahrzunehmen,  an  welcher  du  mit  all  deinem 
Verstand  nichts  sehen  wirst  und  von  nichts  eine  Idee 
haben  wirst,  als  von  etlichen  wenigen  Adern,  für  welche 
ich,  um  einen  wahren  und  vollen  Begriff  davon  zu  be- 
kommen, mehr  als  zehn  menschliche  Körper  zerlegt  habe, 
alle  übrigen  Glieder  zerstörend,  mit  den  winzigsten  Teilchen 
alles  Fleisch  vernichtend,  so  sich  rings  um  diese  Adern 
befand,  ohne  sie  blutig  zu  machen,  außer  etwa  mit  der 
unmerkbaren  Beblutung  der  Kapillargefäße;  und  ein  Körper 
genügte  nicht  für  so  lange  Zeit,  so  daß  man  nach  der 
Reihe  an  so  vielen  Körpern  fortschreiten  mußte,  damit 
man  die  völlige  Erkenntnis  beendige;  was  ich  zweimal 
wiederholte,  um  die  Unterschiede  zu  sehen. 

Und  wenn  du   die  Liebe   zu   solcher  Sache    hättest,    du 
wärest  vielleicht  durch  den  Magen  verhindert,  und  wenn 


89 


Beschreibung 
und      Zeichnung 
müssen     in    der 
Anatomie  sich  er- 
gänzen. 


Entwurf  der  An- 
ordnung des 
Baches  über  Ana- 
tomie (1489). 


dieser  dich  nicht  hinderte,  so  würdest  du  vielleicht  durch 
die  Furcht  gehindert,  zu  nächtlichen  Zeiten  in  Gesell- 
schaft von  solchen  gevierteilten,  geschundenen,  schreck- 
lich anzusehenden  Toten  zu  wohnen;  und  wenn  das  dich 
nicht  hindert,  vielleicht  fehlt  dir  dann  das  gute  Zeichnen, 
welches  zu  solcher  Darstellung  gehört.  Und  hättest  du 
das  Zeichnen,  und  es  wäre  nicht  von  der  Perspektive  be- 
gleitet, und  wenn  es  auch  begleitet  wäre  und  dir  mangelte 
die  Ordnung  geometrischer  Demonstrationen  und  die  Me- 
thode der  Berechnung  der  Kräfte  und  Ausdauer  der 
Muskeln?  Und  vielleicht  wird  dir  die  Geduld  fehlen, 
daß  du  nicht  fleißig  sein  wirst.  Wovon,  ob  in  mir  alle 
diese  Sachen  vorhanden  gewesen  sind  oder  nicht,  die 
hundertzwanzig  von  mir  verfaßten  Bücher  Urteil  des  Ja 
oder  Nein  abgeben  werden,  wobei  ich  weder  durch  Geld- 
gier noch  Nachlässigkeit  gehindert  wurde,  sondern  nur 
von  der  Zeit.     Lebe  wohl. 

II.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  14  v. 

Und  du,  so  du  mit  Worten  die  Figur  des  Menschen  in 
allen  Ansichten  seiner  Gliederung  demonstrieren  willst, 
entferne  von  dir  nur  solche  Meinung,  denn  je  mehr  ins 
einzelne  du  beschreiben  wirst,  desto  mehr  wirst  du  den  Geist 
des  Lesers  verwirren  und  desto  mehr  wirst  du  ihn  von  der 
Kenntnis  der  beschriebenen  Sachen  abbringen;  daher  ist 
es  notwendig  zu  zeichnen  und  zu  beschreiben. 

III  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  20  V. 

Von  der  Anordnung  des  Buches 

Dies  Werk  muß  beginnen  mit  der  Empfängnis  des  Men- 
schen, und  du  mußt  die  Art  des  Uterus  beschreiben  und 
wie  das  Kind  ihn  bewohnt,  und  in  v/elcher  Stufe  es  sich 
in  jenem  aufhält,  und  die  Art,  lebendig  zu  werden  und 
sich  zu  nähren.  Und  sein  Wachstum,  und  welches  Inter- 
vall sei  zwischen  einem  Grad  des  Wachstums  bis  zum 
anderen,  und  was  es  hinausstößt  aus  dem  Leib  der  Mutter 


90 


und  aus  welchem  Grund  es  manches  Mal  aus  dem  Bauche 
seiner  Mutter  vor  der  gehörigen  Zeit  herauskommt. 

Dann  wirst  du  beschreiben,  welches  die  Glieder  seien, 
so  nachher,  wenn  das  Kind  geboren  ist,  schneller  wachsen 
als  die  anderen,  und  das  Maß  eines  Kindes  von  einem 
Jahre. 

Dann  beschreibe  den  erwachsenen  Mann  und  die  Frau 
und  deren  Maße  und  verschiedene  Natur  der  Beschaffen- 
heit, Farbe  und  Physiognomie. 

Nachher  beschreibe,  wie  er  zusammengesetzt  ist  aus 
Adern,  Nerven,  Muskeln  und  Knochen.  Dies  wirst  du 
im  letzten  des  Buches  tun. 

Stelle  hierauf  in  vier  Geschichten  vier  allgemeine  mensch- 
liche Fälle  dar,  nämlich  Heiterkeit  mit  verschiedenen 
Gesten  des  Lachens,  und  erkläre  seine  Ursache;  Weinen 
in  verschiedenen  Arten  mit  seiner  Ursache;  Streit  mit  ver- 
schiedenen Bewegungen  des  Tötens,  Flüchtens,  der  Angst, 
der  Wildheit,  Kühnheit,  von  Mannesmord  und  allen  Sachen, 
die  zu  solchen  Fällen  gehören.  Dann  stelle  ein  Mühen 
dar,  mit  Ziehen,  Stoßen,  Tragen,  Aufhalten,  Unterstützen 
und  ähnlichen  Dingen. 

Ferner  beschreibe  Stellungen  und  Bewegungen  ;  nachher 
Perspektive  für  den  Dienst  und  die  Wirkungen  des  Auges 
und  des  Ohres,  —  du  wirst  von  der  Musik  sprechen,  — 
und  beschreibe  die  anderen  Sinne. 

Und  dann  schreibe  von  der  Natur  der  Sinne. 

Diese  instrumentale  Gestalt  des  Menschen  werden  wir 
in  Figuren  demonstrieren,  von  denen  die  drei  ersten 
die  Verzweigungen  der  Knochen  sein  werden,  nämlich, 
eine  (Figur)  von  vorn,  welche  die  Höhe  der  Lage  und 
Figur  der  Knochen  zeigt;  die  zweite  wird  im  Profil  ge- 
sehen werden  und  wird  die  Tiefe  des  Ganzen  zeigen  und 
die  der  Teile  und  ihre  Lage.  Die  dritte  Figur  sei  der 
Demonstrator  der  Knochen  des  rückwärtigen  Teiles.  Hier- 
auf werden  wir  drei  andere  Figuren  machen  von  gleicher 
Ansicht,  mit  durchsägten  Knochen,  in  denen  ihre  Dicke 

91 


und  Höhlung  sichtbar  sein  wird;  drei  andere  Figuren 
werden  wir  machen  mit  den  ganzen  Knochen  und  den 
Nerven,  die  im  Nacken  entspringen  und  in  welchen 
Gliedern  sie  sich  verzweigen.  Und  drei  andere  mit 
Knochen  und  Adern  und  wo  sie  sich  verzweigen,  hierauf 
drei  mit  Muskeln  und  drei  mit  der  Haut,  und  propor- 
tionierte Figuren;  und  drei  von  der  Frau,  um  den  Uterus 
zu  demonstrieren  und  die  Menstrualadern,  die  zu  den 
Brüsten  gehen. 

Darstellung   des    IV.  R.  798,  MS.  W.  AN.  IV.  FOL.  157  r. 

Mikrokosmos 

j/iensch'',sowie       .  ,  .  Also   hier,    in    zwölf  ganzen  Figuren  wird  dir  die 

Ptolomäns      den  '  °  =» 

Makrokosmos  der  Kosmographic    der  kleineren  Welt   vorgeführt,  nach  der- 

Welt  darstellte.  ,,  /^     ,  ■..  •       r-.      <         ..  •  .  t^ 

selben  Ordnung,  die  vor  mir  Ptolomaus  in  semer  Kos- 
mographie  verwendet  hat,  und  so  werde  ich  dann  jene 
in  Glieder  teilen,  so  wie  er  das  Ganze  in  Provinzen  teilte, 
und  dann  werde  ich  die  Verrichtung  aller  Teile  in  jeder 
Hinsicht  zeigen,  indem  ich  dir  die  Aufnotierung  der  ganzen 
Gestalt  und  das  Vermögen  des  Menschen  in  bezug  auf 
Ortsbewegung  vermittels  seiner  Teile  vor  Augen  stelle. 
Und  so  gefalle  es  unserem  Urheber,  daß  ich  die  Natur 
der  Menschen  und  ihre  Gewohnheiten  in  der  Art  darzu- 
stellen vermöge,  wie  ich  seine  Figur  beschreibe.  .  .  . 

Plan  für  die  Ord-    V.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  16  T. 

nang  der  anato- 
mischen   Zeich-     Beginne   deine   Anatomie    mit   dem  vollkommenen  Men- 
schen, und  nachher  mache  den  alten,  weniger  muskulösen, 
hierauf  gehe    vorwärts,   indem   du  ihn  gradweise  bis  auf 
die  Knochen  bloßlegst. 

Wie  die  Anato-   VL  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  i  V. 

mie    der    Glied- 

maßenambesten  Die  Wahre  Kenntnis  der  Gestalt  welchen  Körpers  immer 
^eiit  wird.  muß  durch  das  Sehen  desselben  von  verschiedenen  An- 
sichten kommen;  daher,  um  Kunde  von  der  wirklichen 
Figur  irgendeines  Gliedes  des  Menschen,  höchsten  Tieres 
unter  den  Lebendigen,  zu  geben,  werde  ich  die  vorbesagte 
Regel    beobachten,    indem    ich    von    jedem  vier  Demon- 

92 


strationen  von  seinen  vier  Seiten  mache,  und  vom  Knochen 
werde  ich  fünf  machen,  indem  ich  ihn  mittendurch  säge 
und  die  Höhlung  von  jedem  zeige,  von  denen  die  eine 
markhaltig,  die  andere  schwammig  ist,  oder  leer  oder  fest. 

VII.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  18  r.    ^'^ne    für    die 

anatomischen 

Du  wirst  zuerst  die  Knochen  getrennt,  und  ein  wenig  Ta/ein. 
aus  dem  Gelenk  gehoben  zeichnen,  damit  man  besser  die 
Gestalt  jedes  Knochenstückes  für  sich  unterscheide.  Dann 
wirst  du  sie  aneinanderfügen,  auf  die  Art,  daß  sie  von 
der  ersten  Demonstration  in  nichts  abweichen,  außer  durch 
die  Teile,  die  bei  ihrem  Kontakt  sich  verbergen.  Wenn 
das  geschehen,  wirst  du  die  dritte  Demonstration  mit  jenen 
Muskeln  machen,  welche  die  Knochen  zusammenbinden. 
Hierauf  wirst  du  die  vierte  machen,  von  den  Nerven, 
welche  die  Träger  der  Empfindung  sind.  Nachher  folgt 
die  fünfte,  der  Nerven,  die  bewegen  oder  besser  den 
ersten  Gliedern  der  Finger  (Zehen)  Vernunft  (senso)  geben. 
Und  in  der  sechsten  wirst  du  die  oberen  Muskeln  des 
Fußes  machen,  in  denen  sich  die  Gefühlsnerven  verteilen. 
Und  die  siebente  sei  jene  der  Venen,  die  selbige  Muskeln 
des  Fußes  ernähren.  Die  achte  werde  jene  der  Nerven, 
so  die  Spitzen  der  Zehen  bewegen.  Die  neunte  von  den 
Venen  und  Arterien,  die  sich  zwischen  die  Haut  und 
das  Fleisch  legen.  Die  zehnte  und  letzte  muß  der  fertige 
Fuß  mit  allen  Empfindungen  (sentimenti)  sein.  Du  könn- 
test eine  elfte  machen,  nach  Art  eines  durchsichtigen 
Fußes,  in  dem  man  alle  die  oben  gesagten  Dinge  zu 
sehen  vermöchte. 

SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  18  r.    Das  Skelett  und 

seine  Bekleidung. 

Mache  hier  zuerst  die  einfachen  Knochen  und  hierauf 
bekleide  sie  sukzessiv  mit  Schichten,  in  der  gleichen  Art, 
wie  die  Natur  sie  bekleidete. 

VIIL  SP.,  AIS.  W.  AN.  A.  FOL.  1  r.     WiederKnochen- 

.  1,        ,.  .  ^''"    '^^    Fußes 

Du  Wirst  zuerst  alle  diese  Knochen  den  einen  vom  an-  darzustellen  sei. 
deren    getrennt  machen    und   so  gelegen,   daß  jeder  Teil 

93 


jedes  Knochens  nach  dem  Teil  jenes  Knochens  schaue 
oder  hingekehrt  sei,  von  dem  er  sich  getrennt  hat  und 
wo  er  sich  wieder  einzufügen  hat,  wenn  du  alle  Knochen 
eines  solchen  Fußes  zu  seinem  früheren  Wesen  wieder 
zusammenfügst.  Und  solche  derartige  Demonstration  ist 
gemacht,  um  besser  die  wahre  Gestalt  jedes  Knochens 
an  sich  selbst  zu  erkennen,  und  dies  wirst  du  bei  jeder 
Vorführung  jedes  Gliedes,  es  sei  nach  welcher  Ansicht 
immer  gedreht,  wohl  beachten. 


Wie  der  Knochen- 
bau des  Halses 
am  besten  de- 
monstriert wird. 


Vervielfältigung 
deranatomischen 
Tafeln  Leonardos 
durch  —  Kupfer- 
stich ? 


Figurale  Darstel- 
lung der  Muskeln 
in  Verbindung 
mit  denKnochen. 


IX.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  8  v. 

Du  wirst  von  diesen  Knochen  des  Halses  drei  Ansichten 
machen,  wenn  sie  alle  zusammengefügt,  und  drei  An- 
sichten von  ihnen,  wenn  sie  getrennt  sind;  und  dann  wirst 
du  sie  von  zwei  Seiten  machen,  nämlich  von  unten  ge- 
sehen und  von  oben,  und  so  wirst  du  die  wahre  Kunde 
von  ihrer  Gestalt  geben,  von  welcher  es  unmöglich  ist, 
daß  die  alten  Schriftsteller  und  die  modernen  jemals 
wirkliche  Nachricht  ohne  unendliche  und  fade  und  ver- 
wirrte Länge  von  Schreiberei  und  Zeit  zu  geben  ver- 
mochten. Aber  durch  diese  allerkürzeste  Art,  sie  von 
verschiedenen  Seiten  zu  zeichnen,  gibt  man  von  ihnen 
volle  und  wahre  Kenntnis,  und  damit  solche  Wohltat,  die 
ich  den  Menschen  erweise,  (nicht  vergehe),  lehre  ich  die 
Art,  die  Figuren  der  Ordnung  nach  wieder  zu  drucken 
und  bitte  euch,  o  meine  Nachfolger,  daß  der  Geiz  euch 
nicht  zwinge,  den  Druck  in  .  .  . 

X.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  4  v. 

Ehe  du  Muskeln  machst,  zeichne  an  ihrer  Statt  Fäden, 
welche  die  Lage  selbiger  Muskeln  zu  zeigen  hätten,  die 
mit  ihren  Enden  bei  den  Anheftungsstellen  der  Muskeln 
auf  ihrem  Knochen  aufhören  werden.  Und  dies  wird  ge- 
schicktere Kunde  geben,  wenn  du  alle  Muskeln,  eine  über 
der  anderen,  wirst  darstellen  wollen.  Und  machst  du  es 
anders,  so  wird  deine  Figur  verwirrt  sein. 


94 


XI.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  14  v. 
Mache    eine   Demonstration    mit    mageren    und    dünnen 

Muskeln,  damit  der  Raum,  der  zwischen  dem  einen  und 
dem  anderen  entsteht,  ein  Fenster  bilde,  um  zu  zeigen, 
was  sich  unter  ihnen  befindet. 

XII.  SP.,  MS.  W.  AN.  FOL.  18. 
Anmerkung 

Du  wirst  lauter  Konfusionen  machen  mit  deinen  Demon- 
strationen von  Muskeln  und  ihrer  Lage,  Ursprüngen  und 
Enden,  wenn  du  nicht  vorher  eine  Darstellung  der  Mus- 
keln gibst,  dünn  nach  Art  der  Fäden  des  Zwirnes,  und 
so  wirst  du  einen  (Muskel)  über  dem  anderen  zeichnen, 
wie  die  Natur  sie  gelagert  hat,  und  dann  wirst  du  sie 
nach  dem  Gliede  benennen  können,  dem  sie  dienen,  das 
heißt,  den  Beweger  der  Spitze  des  Mittelfingers  und  seines 
Mittelknochens  oder  des  Daumens  usf.  Und  angenommen, 
du  hast  solche  Kenntnis,  wirst  du  zu  selten  von  diesem 
die  wahre  Form  und  Quantität  (Größe)  und  Lage  jedes 
Muskels  zeichnen,  aber  erinnere  dich  daran,  die  Fäden, 
welche  die  Muskeln  lehren,  in  derselben  Lage  darzu- 
stellen, in  der  die  zentralen  Linien  jedes  Muskels  sind, 
und  so  werden  dergleichen  Fäden  die  Gestalt  des  Beines 
demonstrieren  und  seine  (Muskel-)Distanzen  abgelöst  und 
klar. 

XIIL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  10  r. 

Zeichne  den  Arm  Francescos,  des  Miniaturenmalers,  der 
viele  Venen  zeigt. 

Du  wirst  in  dieser  Art  von  Demonstrationen  die  wahren 
Umrisse  der  Glieder  mit  einer  einzigen  Linie  zeichnen, 
und  in  ihre  Mitte  stelle  ihre  Knochen  mit  den  richtigen 
Entfernungen  von  ihrer  Haut,  nämlich  der  Haut  der  Arme, 
und  dann  wirst  du  die  Adern  machen,  die  ganz  in  durch- 
sichtigem Felde  befindlich  seien,  und  so  wird  man  klare 
Kunde  von  der  Lage  der  Knochen,  Adern  und  Sehnen 
(nervi)  geben. 


Wie  die  schicht- 
weise   Lagerang 

der    Muskeln 
zeichnerisch  dar- 
stellbar ist. 


Wie  die  Muskeln 
zu  zeichnen  and 
zu  benennen  sind. 


Wie  ein  Arm  im 
richtigen  Umriß 
mit  eingezeich- 
neten Knochen, 
Muskulatur,  Ner- 
ven und  Adern 
darzustellen    ist. 


95 


Ober  die  Anord-    XIV.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  13  V. 

nung  der  Adern 

Tei  Findern  uTd     ^^^*  ^^  ^^^^  bemerkt,  mit  welchem  Fleiß  die  Natur  die 
Zehen.         Nerven,  Arterien  und  Venen  an  den  Fingern  seitlich  und 
nicht  in  der  Mitte  angebracht  hat,  damit  sie  bei  den  Be- 
schäftigungen   der    Finger   nicht   irgendwie    dazu  kämen, 
sich  zu  durchbohren  oder  zu  durchschneiden. 

Herz  und  Adern.    XV.  SP.,  MS.  W.  AN,  B.  FOL.  11  T. 

Das  Herz  ist  der  Kern,  welcher  den  Baum  der  Adern 
hervorbringt,  welche  Adern  ihre  Wurzeln  im  Dünger, 
nämlich  in  den  Venen  des  Gekröses  haben,  die  das  er- 
worbene Blut  in  der  Leber  niederzulegen  gehen,  wo 
nachher  die  größeren  Adern  der  Leber  sich  nähren. 


Das  Herz,   seine 

Anatomie,    seine 

Funktion. 


Das    Herz  :     ein 

Gefäß  mitdichter 

Muskulatur. 


XVI.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  12  r. 

Wunderbares  Instrument,  erfunden  vom  höchsten  Werk- 
meister. 

Herz,  durchgeschnitten  im  Behältnis  der  Geister,  näm- 
lich in  der  Arterie,  und  in  M  ergreift  oder  eigentlich 
gibt  es  das  Blut  der  Arterie  und  beim  Munde  B  er- 
frischt es  sich  am  Wind  der  Lunge,  und  von  C  aus  füllt 
es  S  die  Vorhöfe  des  Herzens.  N,  harter  Muskel,  zieht  sich 
zurück  und  ist  erste  Ursache  der  Bewegung  des  Herzens, 
und  im  Zurückziehen  verdickt  er  sich,  und  im  Verdicken 
verkürzt  er  sich  und  zieht  alle  kleineren  und  größeren 
Muskeln  zurück  und  schließt  die  Pforte  M  und  verkleinert 
den  Raum,  der  zwischen  die  Basis  und  den  First  des 
Herzens  gelegt  ist,  wodurch  er  es  zu  entleeren  vermag 
und  frische  Luft  in  sich  hineinzuziehen. 

XVIL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  33  v. 

Das  Herz  an  sich  ist  nicht  Ursprung  des  Lebens,  son- 
dern ein  Gefäß,  aus  dichter  Muskulatur  gemacht,  belebt 
und  genährt  von  den  Arterien  und  Venen,  wie  es  die 
anderen  Muskeln  sind.  Wahr  ist  es,  daß  das  Blut  und 
die  Adern,  die  in  ihm  sich  reinigen,  Leben  und  Nahrung 


96 


der  anderen  Muskeln  sind,  und  es  ist  von  solcher  Dichtig-  ^''^Ym'^F^^^/'^^ 
keit,  daß  kaum  das  Feuer  ihm  schaden  kann;  und  das 
sieht  man  bei  den  verbrannten  Menschen,  bei  denen,  wenn 
ihre  Knochen  schon  in  Asche  verwandelt  sind,  das  Herz 
noch  innen  blutig  ist,  und  diese  so  viele  Widerstands- 
kraft gegen  die  Wärme  hat  die  Natur  gemacht,  damit  es 
der  großen  Hitze  widerstehe,  die  in  der  linken  Seite  des 
Herzens  durch  das  Blut  der  Arterie  erzeugt  wird,  das  in 
solcher  Kammer  sich  verdünnt. 


Die     Adern     im 

Alter  und  in  der 

Jagend. 


XVIII.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  12  r.    Blatwärme     and 

Herzbewegung, 

Von  der  Ursache  der  Wärme  des  Blutes 

Die  Wärme  erzeugt  sich  durch  die  Bewegung  des  Herzens, 
und  dies  offenbart  sich,  indem,  je  eiliger  das  Herz  sich 
bewegt,  um  so  mehr  die  Wärme  sich  vervielfältigt,  wie 
der  Puls  der  Fiebernden,  bewegt  vom  Klopfen  des  Herzens, 
es  uns  lehrt. 

XIX.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  10  r. 

Natur  der  Adern  in  der  Jugend  und  im  Alter 

Wenn  die  Adern  altern,  zerstören  sie  die  Geradheit 
(rettitudine)  in  ihren  Verzweigungen  und  werden  um  so 
verbogener  oder  vielmehr:  stärker  geschlängelt  und  von 
um  so  dickerer  Rinde,  als  das  Alter  an  Jahren  reich- 
licher (abbondante)  wird  .  .  . 

XX.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  10  V.    AnatomischeVer- 

änderungen    der 

Die  Arterien  und  Venen,  die  sich  zwischen  Milz  und  Blutgefäße  im 
Leber  verbreiten,  bekommen  bei  den  alten  Leuten  eine  so 
dicke  Haut,  daß  selbige  den  Durchgang  des  Blutes  ver- 
schließt, das  von  den  Gefäßen  des  Gekröses  kommt: 
durch  welche  Gefäße  selbiges  Blut  zur  Leber  und  zum 
Herzen  und  zu  den  zwei  Hauptadern  und  folglich  zum 
ganzen  Körper  hindurchfließt,  und  diese  Venen,  außer  daß 
sich  ihre  Haut  verdickt,  wachsen  sie  auch  noch  in  die 
Länge  und  krümmen  sich  wie  eine  Schlange,  und  die  Leber 

7        Herzfeld,    Leonardo 

97 


Alter. 


'^''ten^Leuìen'^^  Verliert  die  Feuchtigkeit  des  Blutes,  die  von  diesen  ihr 
zugetragen  ward,  woher  selbige  Leber  austrocknet  und 
wie  zusammengefrorene  Kleie  wird,  sowohl  in  der  Farbe, 
wie  in  der  Materie,  so  daß  mit  ganz  weniger  Reibung, 
die  auf  ihr  stattfand,  selbige  Materie  in  winzige  Partikel, 
gleichwie  Sägespäne,  zerfällt  und  die  Venen  und  Arterien 
übrigläßt,  und  die  Gefäße  der  Galle  und  des  Nabels, 
welche  durch  die  Pforte  der  Leber  in  selbige  Leber  ein- 
treten, bleiben  ganz  der  Materie  dieser  Leber  beraubt, 
sowie  Mohrenhirse  oder  Sorghoweizen,  wenn  die  Körner 
ausgelöst  worden. 

Der  Grimmdarm  und  die  anderen  Eingeweide  verengern 
sich  bei  den  alten  Leuten  sehr  und  in  ihren  Adern,   die 

Anevrismen  und  unter  dem  Brustknochen  durchgehen,  habe  ich  Steine  ge- 

Phlebolithe.         „,  ,,  „  .„.  jt- 

funden,  welche  groß  waren  wie  Kastanien,  von  der  Form 
und  Farbe  der  Trüffeln,  oder  besser  der  Lava-  oder  Eisen- 
schlacke, welche  Steine  äußerst  hart  waren,  wie  selbige 
Schlacke,  und  Säcke  gebildet  hatten,  an  genannte  Adern 
angeheftet,  gleichwie  Kröpfe. 
Und  solch  ein  Greis,  wenige  Stunden  vor  seinem  Tode 

Altersschwäche,  erzählte  er  mir,  über  100  Jahre  alt  zu  sein  und  daß  er 
an  seiner  Person  gar  keine  Ermangelung  (mancamento) 
spüre,  außer  vielleicht  an  Kraft,  und  so  auf  einem  Bette 
sitzend,  im  Hospital  von  Santa  Maria  Nuova  zu  Florenz, 
ohne  andere  Bewegung  oder  sonstiges  Zeichen  irgend- 
eines Unfalles,  schied  er  aus  diesem  Leben  hinüber. 

Und  ich  machte  seine  Anatomie,  um  den  Grund  so 
sanften  Todes  zu  sehen,  der  ohnmächtig  ward  wegen 
Mangels  von  Blut  in  den  Venen  und  Arterien,  so  das 
Herz  und  die  anderen  untergeordneten  Glieder  (Organe) 
des  Körpers  ernährte,  die  ich  vertrocknet,  abgezehrt  und 
dürr  fand:  welche  Anatomie  ich  gar  fleißig  und  mit 
großer  Leichtigkeit  beschreibe,  weil   sie   des  Fettes    und 

Leonardo  seziert  der  Feuchtigkeit   bar,  die  recht  sehr  die  Erkenntnis  der 

einen       marasti-    _    .,  , 

sehen  Greis  und  Teile  erschweren. 

^"gen  Knaben"'     Dì©   andere  Anatomie  war  die  eines  Knaben   von  zwei 

98 


Jahren,  in  welchem  ich  jede  Sache  entgegengesetzt  der  des 
Greises  fand. 
(Auf  dem  Rand  des  Blattes).     Die  alten  Leute,   die  mit  Biutamiauf  and 

,  Ernährung. 

Gesundheit  leben  (vivono  con  sanità),  sterben  aus  darben- 
der Ernährung,  und  dies  geschieht,  weil  ihr  der  Durch- 
gang in  die  Venen  des  Gekröses  beständig  durch  das 
sukzessive  Dickerwerden  der  Wände  (pelle)  der  Adern  ein- 
geschränkt wird  bis  zu  den  Kapillargefäßen,  welche  die 
ersten  sind,  so  sich  völlig  verschließen,  und  daher  er- 
zeugt es  sich,  daß  die  Alten  mehr  die  Kälte  fürchten  als 
die  Jungen,  und  daß  jene,  die  sehr  alt  sind,  ihre  Haut 
von  der  Farbe  des  Holzes  oder  trockener  Kastanien  haben, 
weil  solche  Haut  fast  völlig  der  Nahrung  beraubt  ist. 

Und  diese  Adernhülle  (tonica  di  vene)  macht  es  beim 
Menschen,  wie  bei  den  Pomeranzen,  denen  die  Schale 
sich  um  so  mehr  verdickt  und  das  Fleisch  verringert,  je 
älter  sie  werden.  Und  wenn  du  sagtest,  die  Verdickung 
des  Blutes  liefe  eben  nicht  mehr  durch  die  Adern,  ist 
das  nicht  wahr,  weil  das  Blut  in  den  Adern  gar  nicht 
eindickt,    denn  unaufhörlich   stirbt   es    und   wird  wieder-  Beständige    Er- 

'  neuerang    des 

geboren.  Biates. 

XXI.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  17  r.    du    Lunge    und 

ihre  Funktion. 

Wenn  die  Lunge  den  Wind  hervorgeschickt  hat  und  sie 
an  Umfang  sich  um  so  viel  verringert,  als  der  Wind  hatte, 
der  aus  ihr  hinausging,  dann  muß  man  prüfen,  woher  der 
Raum  des  Kastens  der  verkleinerten  Lunge  die  Luft  an 
sich  ziehe,  welche  ihre  Vergrößerung  anfüllt,  nachdem  es 
in  der  Natur  kein  Vakuum  gibt. 

Und  außerdem  fragt  es  sich,  woher,  beim  Vergrößern 
der  Lunge,  die  Luft  aus  ihrem  Behältnis  hervorgejagt 
wird,  auf  welchem  Weg  sie  entflieht  und,  geflohen,  was 
das  ist,  wo  sie  aufgenommen  ward. 

Die  Lunge  bleibt  immer  ganz  von  einer  Menge  Luft  er- 
füllt, auch  wenn  sie  jene  Luft  hinausgestoßen  hat,  die  zu 
ihrem  Ausatmen  verlangt  ward,   und  wenn  sie   sich   mit 

7» 

99 


neuer  Luft  erfrischt,  lehnt  sie  sich  an  die  Rippen  der 
Brust  und  diese  erweitert  sie  ein  wenig  und  drängt  sie 
hervor,  wie  man  es  sieht  und  fühlt,  wenn  man  die  Hand 
auf  die  Brust  legt  bei  ihrem  Atemholen:  daß  die  Brust 
schwillt  und  fällt,  und  um  so  mehr,  wenn  irgend  ein 
Seufzer  erzeugt  wird. 

Und  hat  es  eingerichtet  die  Natur,  daß  solche  Anstren- 
gung (forza)  von  den  Rippen  der  Brust  gemacht  werde 
und  nicht  vom  Gewebe,  das  die  Substanz  der  Lunge  be- 
grenzt, damit  nicht  durch  eine  höchste  Ansammlung  von 
Luft,  um  irgendwelchen  übermäßigen  Seufzer  zu  schaffen, 
solches  Gewebe  am  Ende  reiße  und  zerplatze  ....  Außer- 
dem lehnt  selbige  Luft,  die  von  der  Lunge  und  dem 
Zwerchfell  hervorgestoßen  ward,  sich  an  den  Kasten,  der 
das  Herz  umkleidet,  und  jenes  bißchen  Flüssigkeit,  das 
auf  dem  Boden  selbigen  Kastens  ist,  steigt  und  badet  das 
ganze  Herz  und  so,  beständig,  vermittelst  dieses  Badens 
befeuchtet  sie  das  in  Glut  stehende  (infocato)  Herz  und 
macht,  daß  es  durch  so  viel  Sichbewegen  nicht  etwa  ver- 
trockne. 

Leber  und  Galle.    XXIL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  2  V, 

Die  Leber  ist  Verwalterin  und  Austeilerin  der  Lebens- 
ernährung des  Menschen. 

Die  Galle  ist  die  Hausmagd  oder  Dienerin  der  Leber, 
welche  allen  Unrat  und  die  zurückgebliebenen  Überflüssig- 
keiten der  Nahrung,  so  die  Leber  an  die  Glieder  verteilte, 
auskehrt  und  wegsäubert. 

Rückenmark  und    XXIII.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  23  f. 

Bewegungs- 
nerven. Die  Substanz    des  Rückenmarks    tritt  eine  Strecke   lang 

in    die  Ursprünge    der  Nerven   ein   und   folgt  dann   dem 

durchbohrten  Nerv    bis    in    seine   letzten    Verästelungen, 

durch  welche  Durchbohrung  das  Gefühl  in  jeden  Muskel 

getragen  wird:  welcher  Muskel   aus  so  vielen  minimalen 

Muskeln   besteht,   als   der  Fäden  sind,   in  die  man  jeden 

100 


Muskel  auflösen  kann,  und  jeder  kleinste  dieser  Muskeln 
ist  in  fast  unmerkbare  Gewebe  eingehüllt,  in  die  sich  die 
äußersten  Verzweigungen  vorbesagter  Nerven  umwandeln. 
Welche  Nerven  jeder  Aufforderung  des  Gefühls,  so  durch 
die  Höhlung  des  Nerves  hindurchgeht,  gehorchen  und 
durch  ihr  Zurückziehen  den  Muskel  verkürzen  und  ver- 
dicken. Aber  um  zum  Rückenmark  zurückzukehren,  das 
in  zwei  Gewebe  eingewickelt  ist,  von  denen  eines  bloß 
das  Rückenmark  umkleidet  und  beim  Heraustreten  aus 
der  Öffnung  des  Wirbels  sich  in  den  Nerv  verwandelt 
und  das  andere  den  Nerv  bekleidet  und  zugleich  seine 
Hauptäste,  und  sich  dann  mit  jedem  Ast  des  Nervs  ver- 
zweigt, und  so  ein  zweites  Kleid  des  Rückenmarkes  bildet, 
indem  es  sich  zwischen  den  Knochen  der  Wirbel  und  die 
erste  Haut  selbigen  Rückenmarkes  legt. 

XXIV.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  23  r.    Rückenmark  and 

Gehirnhäute. 

Das  Rückenmark  ist  Quelle  der  Nerven,  die  den  Gliedern 
willkürliche  Bewegung  geben. 

Die  weiche  und  die  harte  Gehirnhaut  bekleidet  alle  Nerven, 
die  vom  Rückenmark  ausgehen. 

XXV.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  1  r.    Pläne   zar   Phy- 

siologie. 

Von   den  Nerven  (Sehnen),  welche  die  Schultern  heben 
und  die  den  Kopf  heben 
und  die  ihn  senken 
und  die  ihn  drehen 
und  die  ihn  quer  (schräg)  biegen. 

Das  Rückgrat  bücken 
es  beugen 
es  verdrehen 
es  heben. 

Du  wirst  von  Physiognomien  (filosomja)  schreiben.  Physiognomik. 

Ich  habe  gefunden,  daß  die  Adern  kein  anderes  Amt  ver-  ^<^«™  "'"'  ^«'■- 

ven. 

sehen  als  zu  wärmen,  wie  die  Nerven  und  Dinge  (cose), 
welche  Gefühl  zu  verleihen  haben. 

101 


Skizzierung  eines 
Buches,  das  von 
den  Funktionen 
des  Körpers  han- 
dein  sollte. 


Notiz    über   ver- 
gleichende  Ana- 
tomie der  Einge- 
weide. 


XXVI.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  1  v. 

Grund  des  Atmens. 

Grund  der  Bewegung  des  Herzens. 

Grund  des  Erbrechens. 

Grund  des  Hinabgehens  der  Speise  in  den  Magen. 

Grund  des  Leerens  der  Eingeweide. 

Grund  der  Bewegung  aller  Überflüssigkeit  (superfruità) 
durch  die  Eingeweide. 

Grund  des  Schluckens. 

Grund  des  Hustens. 

Grund  des  Gähnens. 

Grund  des  Niesens. 

Grund  des  Einschlafens  der  verschiedenen  Glieder. 

Grund  des  Verlierens  des  Gefühls  in  einzelnen  Gliedern. 

Grund  des  Juckens. 

Grund  der  Wollust  und  anderer  Notwendigkeiten  des 
Leibes. 

Grund  des  Hamens. 

Und  so  aller  natürlichen  Verrichtungen  (azioni)  des  Körpers. 

XXVI!.  R.  817,  MS.  W.  AN.  II.  FOL.  206  v. 

Schreibe  von  den  Abweichungen  der  Eingeweide  der 
menschlichen  Gattung,  der  Affen  und  ähnlicher.  Hierauf, 
wo  die  Löwenart  abweicht,  hierauf  die  Rinderart,  und 
zuletzt  die  Vögel,  und  benütze  solche  Beschreibung  zum 
Zweck  einer  Abhandlung. 


XXVIII. 


R.  819,  MS.  W.  AN.  IV.  FOL.  167  r. 


Notiz     zu     ver- 

tomie  der  Zunge     Schreibe  von   der  Zunge   des  Spechtes    und  den  Kinn- 

und     der    Kinn-    .     ,  ,  tt-       i      j-i 

laden.         laden  des  Krokodils. 


Vergleichende 

Anatomie    des 

Fußes. 


XXIX.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  17  r. 

Zeichne  hier  den  Fuß  des  Bären  und  Affen  und  anderer 
Tiere  in  dem,  worin  sie  vom  Fuße  des  Menschen  ab- 
weichen, und  überdies  setze  die  Füße  irgendwelchen 
Vogels  daneben. 


102 


.  .  .  Und  so  viele  sind  der  Muskeln  des  Fußes  unten  und 
oben,  als  die  Zahl  der  Zehen  verdoppelt  beträgt,  aber  weil 
ich  solchen  Diskurs  noch  nicht  fertig  habe,  so  lasse  ich 
das   für  jetzt  und  gedenke  diesen  Winter  Eintausend  510  Datienmg  dieses 

,.      ,.  .  .  ,     .  Buches  {1510). 

all  diese  Anatomie  wegzubringen. 

XXX.  SP.,  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  10  r.    Die    Lehre     von 

den  Bewegungen 

Mache,  daß  dein  Buch  von  den  maschinellen  Elementen  derMenschenund 

..  T-»         .        t  T^  .  IT-.  .     Tiere     auf     die 

mit  ihrer  Praxis  den  Demonstrationen  der  Bewegung  und  Lehre  von  den 

TJ-      o^     j  »»  .  j  j  T-'  u  j      Maschinenteilen 

Kraft   des  Menschen   und    anderer  Tiere  vorangehe,  und        gestützt. 
mit  Hilfe  dieses  Buches  wirst  du  jeden  deiner  Sätze  be- 
weisen können. 


XXXI. 


MS.  CA.  FOL.  297  r. 


Vom  Gehen  des  Menschen 


Das  Gehen  der  Menschen  ist  immer  nach  Art  des  all- 
gemeinen Gehens  der  Tiere  mit  vier  Füßen;  denn  ganz 
so  wie  selbe  ihre  Füße  kreuzweise  bewegen,  beim  Trott 
des  Pferdes,  so  bewegt  der  Mensch  seine  vier  Glieder 
kreuzweise,  nämlich,  wirft  er  den  rechten  Fuß  nach  vorn, 
um  zu  schreiten,  so  wirft  er  zugleich  mit  jenem  den 
linken  Arm  nach  vorn,  und  immer  so  weiter. 

XXXn.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  13  r. 

Ich  habe  in  der  Zusammensetzung  des  menschlichen 
Körpers  gefunden,  daß,  unter  allen  Zusammensetzungen 
von  Tieren,  er  die  stumpfsten  und  gröbsten  Empfindungen 
hat.  So  besteht  er  aus  weniger  sinnreichen  Werkzeugen 
und  aus  Räumen,  die  weniger  fähig  sind,  die  Kraft  der 
Sinne  aufzunehmen.  Ich  habe  bei  der  Löwengattung  die 
Substanz  des  Gehirns  am  Geruchsinn  teilhaben  sehen, 
hinabsteigen  in  den  sehr  umfänglichen  Fassungsraum  des 
Geruchswerkzeuges,  dem  Geruch  entgegen,  der  zwischen 
einer  großen  Anzahl  von  knorpeligen  Säckchen  auf  vielen 
Wegen  der  Begegnung  vorbesagten  Gehirnes  entgegen- 
kommt. 


Vom    mensch- 
lichen Gang. 


Von  den  Sinnes- 
werkzeugen   des 
Menschen      und 
der  Tiere. 


103 


Die  Augen  der  Löwengattung  haben  einen  großen  Teil  des 

Löwenkopfes  zum  Behältnis,  und  die  Sehnerven  vereinigen 
sich  unmittelbar  mit  dem  Gehirn:  was  bei  den  Menschen 
sich  gegenteilig  findet;  denn  das  Gehäuse  für  die  Augen 
ist  nur  eine  kleine  Partie  des  Kopfes,  und  die  Sehnerven 
sind  dünn  und  lang  und  schwach,  und  mit  schwacher 
Wirkung  sehen  sie  bei  Tag,  und  schlechter  bei  Nacht, 
und  die  besagten  Tiere  sehen  in  der  Nacht  wie  bei  Tag; 
und  das  Zeichen  davon  nimmt  man  wahr,  denn  sie  gehen 
des  Nachts  auf  die  Beute  aus  und  schlafen  bei  Tag,  wie 
außerdem  die  Nachtvögel  tun. 

Das  Licht  oder  besser  die  Pupille  des  menschlichen 
Auges  wächst  und  verkleinert  sich  um  die  Hälfte  ihrer 
Größe,  und  bei  dem  nächtlichen  Getier  verringert  es 
sich  und  wächst  um  mehr  als  den  hundertfachen  Teil 
seiner  Größe,  und  dies  konnte  man  am  Auge  der  Eule 
sehen,  indem  man  dem  Auge  eine  angezündete  Fackel 
näherte,  und  noch  mehr,  wenn  du  sie  in  die  Sonne  sehen 
ließest;  denn  dann  würdest  du  die  Pupille,  die  früher 
das  ganze  Auge  einnahm,  sich  auf  die  Größe  eines  Hirse- 
korns verkleinern  sehen,  und  in  dieser  Verkleinerung 
gleicht  es  dem  Auge  des  Menschen  und  erscheinen  ihm 
die  hellen  Dinge  und  Glanzschimmer  von  derselben  Farbe, 
wie  sie  in  gleicher  Zeit  dem  Menschen  erscheinen,  und 
um  so  mehr,  als  das  Gehirn  eines  solchen  Tieres  kleiner 
ist  als  das  des  Menschen:  daher  geschieht  es,  daß  solche 
Pupille,  in  nächtlicher  Zeit  hundertmal  mehr  wachsend 
als  die  des  Menschen,  hundertmal  mehr  Licht  erblickt 
als  der  Mensch,  derartig,  daß  selbige  Sehkraft  dann  nicht 
von  dem  nächtlichen  Dunkel  überwältigt  wird;  und  das 
menschliche  Licht  (Pupille),  das  sich  in  seiner  Größe 
nur  verdoppelt,  sieht  wenig  Helligkeit,  fast  wie  die  Fleder- 
maus, die  in  den  Stunden  zu  großer  Finsternis  nicht 
fliegt. 

In  der  Tat,  der  Mensch  weicht  vom  Tier  nicht  ab,  außer 
im  Akzidentalen   (Nichtnotwendigen),    durch    das   er   sich 

104 


als  eine  göttliche  Sache  erweist;  denn  wo  die  Natur  auf-  ^tün^r^'^^ "'* 
hört,  ihre  Abbilder  zu  schaffen,  dort  beginnt  der  Mensch,        Schöpfer. 
aus  den  natürlichen  Dingen,  mit  Hilfe  der  Natur,  unend- 
liche Bilder  zu  machen,   die  dem  nicht   notwendig   sind, 
der  sich  gut  beschränkt,  wie  es  die  Tiere  tun;  in  selbigen 
Tieren  ist  dafür  keine  Anlage  zu  suchen. 


XXXIII. 


SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  21  v. 


Es  scheint  mir  nicht,  daß  grobe  Menschen  von  schlechten 
Sitten  und  geringem  Urteil  ein  so  schönes  Instrument, 
noch  solche  Vielfältigkeit  der  inneren  Einrichtung  ver- 
dienen wie  die  nachdenklichen  Menschen  von  großen 
Kenntnissen,  sondern  bloß  einen  Sack,  der  die  Nahrung 
aufnimmt  und  aus  dem  sie  wieder  hinausgeht;  denn  in 
Wahrheit,  für  anderes  als  für  einen  Durchgang  von  Speise 
können  sie  nicht  erachtet  werden,  weil  sie  durch  nichts, 
scheint  mir,  an  der  menschlichen  Spezies  Anteil  haben 
als  etwa  durch  die  Stimme  und  die  Gestalt,  und  alles 
andere  ist  viel  weniger  als  Vieh. 


Unwürdige    und 

oberflächliche 
Menschen  ver- 
dienen nicht  eine 
so  reiche  Organi- 
sation wie  den 
menschlichen 
Körper. 


XXXIV. 


MS.  CA.  FOL.  119  r.         Vom  Auge. 


Einleitung  in  die  Perspektive 

Nun  überlege,  o  Leser,  was  wir  unsern  Alten  glauben 
können,  welche  haben  definieren  wollen,  was  für  eine 
Sache  Seele  und  Leben,  unbeweisbare  Dinge,  seien,  wenn 
jene  Dinge,  so  mittels  der  Erfahrung  jederzeit  klar  er- 
kannt und  bewiesen  werden  können,  durch  so  viele  Jahr- 
hunderte nicht  gewußt  und  fälschlich  geglaubt  worden 
sind!  Das  Auge,  welches  so  klärlich  von  seinem  Amt 
Experimente  gibt,  ist  bis  zu  meinen  Zeiten  von  unzäh- 
ligen Autoren  auf  eine  Art  erklärt  worden;  ich  finde 
durch  Erfahrung,  daß  es  auf  ganz  andere  Art  sein  muß. 

XXXV.  MS.  CA.  FOL.  345  v. 

Schreibe  in  deiner  Anatomie,  welche  Proportionen  unter- 
einander die  Durchmesser  aller  Sphären  des  Auges  haben 


Anatomie    des 
Auges. 


105 


und  welche  Entfernung  von  ihnen  die  kristallinische  Sphäre 
(Kristallinse)  hat. 

Die  Pupille  und   XXXVI.  MS.  D.  FOL.  5  r. 

die    Lichtstärke. 

Die  Pupille   des  Auges  wandelt  sich  in  so  viele 

verschiedene  Größen,  als  es  Verschiedenheiten 

in    der    Helligkeit    und    Dunkelheit     der    Objekte 

gibt,    die  sich  vor  ihr  darstellen 

In  diesem  Fall  hat  die  Natur  der  Sehkraft  beigestanden, 
wenn  sie  vom  übermäßigen  Lichte  beleidigt  ist,  die  Pu- 
pille des  Auges  verkleinern  zu  können,  und  wenn  sie 
von  der  verschiedenartigen  Dunkelheit  verletzt  ist,  selbi- 
ges Lichtloch  zu  erweitern,  gleichwie  den  Mund  einer 
Börse.  Und  macht  es  hier  die  Natur  gleichwie  jener, 
der  in  seiner  Wohnung  zu  viel  Licht  hat,  welcher  ein 
halbes  Fenster  schließt,  und  mehr  oder  weniger,  nach 
Bedarf;  und  wenn  die  Nacht  kommt,  öffnet  er  das  ganze 
Fenster,  um  drinnen  in  besagter  Wohnung  besser  zu 
sehen.  Und  wendet  hier  die  Natur  eine  beständige 
Gleichung  an,  mit  unaufhörlichem  Temperieren  und  Ein- 
richten, mit  Wachsen  der  Öffnung  und  Verkleinern  der 
Pupille,  im  Verhältnis  der  vorerwähnten  Dunkelheiten  und 
Helligkeiten,  welche  sich  ihr  immerfort  darstellen. 

Die    Größe     der    XXXVII.  MS.  J.  FOL.  20  f. 

Pupille    ist    ver- 

änderiich.  Die  Pupille  des  Auges  ändert  in  freier  Luft  die  Grade 
ihrer  Größe  bei  jedem  Grad  von  Bewegung,  den  die 
Sonne  macht. 
^'^ffi^'""  Und  bei  jedem  Grad  von  Größe  (der  Pupille)  wird  die 
gleiche  gesehene  Sache  sich  von  verschiedener  Größe 
erweisen,  obwohl  oftmals  der  Vergleich  mit  den  um- 
gebenden Dingen  solche  Änderung  einer  einzigen  Sache, 
die  man  anschaut,  nicht  wahrnehmen  läßt. 

Vom  Schatz  des   XXXVIII.  MS.  CA.  FOL.  1 16  r. 

Weil  das  Auge  das  Fenster  der  Seele  ist,  ist  diese  immer 

in  Angst,   es  zu  verlieren,  so   daß,   wenn  sich  ihm  ein 

106 


Ding  so  entgegenbewegt,  daß  es  dem  Menschen  plötzlich 
Furcht  einflößt,  dieser  mit  den  Händen  nicht  dem  Herzen, 
der  Quelle  des  Lebens,  zu  Hilfe  kommt,  noch  dem  Kopf, 
dem  Behälter  des  Beherrschers  der  Sinne,  noch  dem 
Gehör,  Geruch  oder  dem  Geschmack,  sondern  sofort  dem 
erschreckten  Sinne:  nicht  genügend,  die  Augen  mit  ihren 
Deckeln  zu  schließen,  die  mit  höchster  Kraft  zusammen- 
gepreßt werden,  so  daß  es  sie  gleich  nach  entgegen- 
gesetzter Richtung  dreht;  da  dies  sie  noch  nicht  sichert, 
legt  er  die  eine  Hand  darauf  und  streckt  die  andre  aus, 
so  seinem  Verdacht  eine  Vorhut  bildend.  Auch  hat  die 
Natur  es  angeordnet,  daß  das  menschliche  Auge  von 
selbst  sich  mit  dem  Lide  (helfe),  damit,  von  ihm  Schla- 
fenden unbeschützt,  es  von  keiner  Sache  verletzt  werden 
könne. 

XXXIX.  MS.  CA.  FOL.  345  V.     Von  der  Funktion 

der  Pupille. 

Nachdem  die  Abbilder  der  Gegenstände  alle  in  der 
ganzen  ihnen  entgegenstehenden  (antiposta)  Luft  enthalten 
sind  und  alle  in  jedem  Punkt  von  ihr,  ist  es  notwendig, 
daß  die  Abbilder  unserer  ganzen  Hemisphäre  mit  all  den 
Himmelskörpern  durch  den  einen  natürlichen  Punkt  ein- 
gehen und  hindurchgehen,  wo  sie  sich  in  der  Durch- 
dringung und  Durchsägung  des  einen  durch  den  anderen 
und  des  anderen  durch  den  einen  verschmelzen  und 
vereinigen,  wo  dann  die  Abbilder  des  Mondes  im  Osten 
und  die  Abbilder  der  Sonne  im  Westen  in  solch  natür- 
lichem Punkte  mit  unserer  ganzen  Hemisphäre  vereinigt 
und  verwebt  sind.  O  v/underbare  Notwendigkeit,  mit 
höchstem  Verstände  zwingst  du  alle  Wirkungen,  an  ihren 
Ursachen  teilzuhaben,  und  mit  erhabenem  und  unwider- 
ruflichem Gesetz  gehorcht  in  schnellster  Ausführung 
(operazione)  dir  jedwede  Handlung  der  Natur.  Wer 
würde  glauben,  daß  solch  kleinster  Raum  die  Abbilder 
des  ganzen  Weltalls  aufzunehmen  fähig  wäre?  O  groß- 
mächtige Erscheinung,    welcher  Geist  vermöchte  solche 

107 


Natur  zu  durchdringen?  Welche  Sprache  wäre  es,  welche 
dergleichen  Wunder  zu  erklären  imstande?  Sicher  keine. 
Dies  führt  die  menschliche  Überlegung  zur  Betrachtung 
des  Göttlichen  usw. 


Von  den  Zangen-    ^j^ 
maskeln. 


Die    Zunge     als 
Sitz      des      Ge- 
schmacks. 


Die  Zunge  als  Or- 
gan der  Sprache. 


SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  28  V. 
Von  den  Muskeln,  welche  die  Zunge  bewegen 

Kein  Muskel  hat  eine  so  große  Anzahl  von  Muskeln 
notwendig  wie  die  Zunge,  von  welchen  24  bekannt  sind, 
außer  jenen  anderen,  die  ich  gefunden  habe,  und  von 
allen  Gliedern,  die  sich  willkürlich  bewegen,  übertrifft 
dieses  alle  anderen  an  Zahl  der  Bewegungen. 

Und  wolltest  du  sagen,  daß  es  das  Amt  des  Auges  ist, 
alle  Abbilder  der  unendlich  vielen  Gestalten  und  Farben 
der  Objekte  aufzunehmen,  die  ihm  gegenübergestellt 
sind,  und  der  Geruch  die  unendlich  vielen  Mischungen 
der  Düfte  und  das  Ohr  die  der  Töne,  so  würden  wir 
sagen,  daß  die  Zunge  auch  die  unendlich  vielen  Ge- 
schmäcke,  einfache  und  zusammengesetzte,  fühlt;  aber 
das  ist  nicht  in  unserem  Vorsatz,  nachdem  wir  es  uns 
zur  Aufgabe  gemacht,  hier  bloß  von  der  örtlichen  Be- 
wegung jedes  Gliedes  zu  handeln. 

Nimm  gut  in  Betracht,  wie  durch  die  Bewegung  der 
Zunge,  mit  Hilfe  der  Lippen  und  der  Zähne,  die  Aus- 
sprache (pronunziazione)  aller  Namen  der  Dinge  uns  be- 
kannt geworden  ist  (ci  son  note),  und  die  einfachen 
Wörter  einer  Sprache  und  die  zusammengesetzten  an 
unser  Ohr  nur  vermittelst  dieses  Instrumentes  gelangen: 
welche,  wenn  alle  Effekte  der  Natur  einen  Namen  hätten, 
sich  bis  zur  Unendlichkeit  erstreckten,  zugleich  mit  der 
Unendlichkeit  der  Dinge,  welche  in  der  Wirklichkeit  und 
welche  in  der  Möglichkeit  der  Natur  liegen;  und  dies 
würde  sie  (die  Zunge)  nicht  bloß  in  einer  einzigen  Sprache 
ausdrücken,  sondern  in  außerordentlich  vielen,  welche, 
auch  sie,   sich  ins  Unendliche   erstrecken,  weil    sie  be- 


108 


ständig  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert  und  von  Land 
zu  Land  sich  verändern,  wegen  der  Vermischung  der 
Völker,  so  durch  Kriege  und  andere  Zufälle  unauf- 
hörlich sich  mengen,  und  dieselben  Sprachen  sind  der 
Vergessenheit  unterworfen  und  sind  sterblich  wie  die 
anderen  geschaffenen  Dinge ,  und  wenn  wir  unsere 
Welt  als  ewig  zugäben,  müßten  wir  sagen,  daß  solche 
Sprachen  von  unendlicher  Mannigfaltigkeit  gewesen  sind 
und  noch  sein  müssen,  wegen  der  Unendlichkeit  der 
Jahrhunderte,  die  in  der  Unendlichkeit  der  Zeit  enthalten 
sind  usw. 

Und  dies  ist  in  keinem  zweiten  Sinn  gemeint,  weil  sie 
sich  nur  auf  die  Dinge  erstrecken,  so  die  Natur  unab- 
lässig hervorbringt,  welche  nicht  die  gewöhnlichen  Spezies 
der  von  ihr  geschaffenen  Dinge  verändert,  wie  von  Zeit 
zu  Zeit  die  Dinge  sich  ändern,  die  vom  Menschen,  dem 
größten  Werkzeug  der  Natur,  geschaffen  sind,  weil  die 
Natur  sich  nur  auf  die  Hervorbringung  des  Einfachen  be- 
schränkt, der  Mensch  jedoch  aus  diesem  Einfachen  eine 
unendliche  Anzahl  von  Zusammensetzungen  erzeugt,  da- 
gegen nicht  die  Macht  hat,  irgendein  solches  Einfache 
hervorzubringen,  wenn  nicht  ein  zweites  Selbst,  nämlich 
seine  Kinder;  und  dafür  werden  mir  die  alten  Alchimisten 
Zeugen  sein,  die  niemals,  weder  durch  Zufall  noch  durch 
absichtliches  Experiment  es  erreichten,  die  geringste  Sache 
zu  schaffen,  die  von  selbiger  Natur  geschaffen  werden 
kann,  und  dieses  derartige  Geschlecht  von  Alchimisten 
verdient  unendliche  Lobsprüche  wegen  der  Nützlichkeit 
der  Dinge,  die  sie  zum  Nutzen  der  Menschen  gefunden 
haben,  und  verdienten  deren  noch  mehr,  wären  sie  nicht 
Erfinder  schädlicher  Dinge  gewesen,  wie  von  Giften  und 
anderen  ähnlichen  Schäden  für  Leben  und  Verstand,  wo- 
von sie  nicht  freizusprechen  sind,  da  sie  mit  großem 
Studium  und  Bemühen  die  Sache  schaffen  wollen,  so  die 
nicht  wenigst  edle  ist,  das  Gold,  wahres  Kind  der  Sonne, 
nämlich,    weil   es   mehr   als  irgendein   anderes  Geschöpf 


Menge,   Mannig- 
faltigkeit,   Ans- 
dm  cksfähigkeit 
der  Sprachen. 


Der  Mensch,  das 

machtvollste 

Werkzeug       der 

Natur. 

Seine  Begren- 
zung. 
Der  Mensch  kann 
das  „Einfache" 
nicht  schaffen. 
Beispiel  die  Al- 
chimisten. Was 
sie  können  und 
was  sie  nicht 
können. 


Gold. 


109 


ihr  gleicht,  und  keine  Sache   von  größerer  Ewigkeit   ist 
[folgt  nun  unten  das,  was  fehlt] 

(Auf  dem  Rand  des  Blattes)  als  selbiges  Gold.  Dieses 
ist  von  Zerstörung  durch  Feuer  ausgeschlossen,  die  sich 
sonst  auf  alle  geschaffenen  Dinge  erstreckt:  welche  sich 
in  Asche  verwandeln  oder  in  Glas  oder  in  Rauch.  Und 
wenn  dennoch  alberner  Geiz  dich  zu  solchem  Irrtum 
brächte,  warum  gehst  du  nicht  in  die  Bergminen,  wo  die 
Was  die  Gold-  Natur  solches  Gold  hervorbringt,    und    machst  dich   dort 

minen  lehren.  ~    ,  .. ,  ,.        ,.    ,  ...  ,    .  _,      ,      . 

ZU  ihrem  Schuler,  die  dich  getreulich  von  deiner  Torheit 
heilen  wird,  indem  sie  dir  zeigt,  daß  keine  Sache,  von 
dir  im  Feuer  ausgeführt,  irgendeine  von  jenen  sein  wird, 
so  die  Natur  zum  Hervorbringen  des  selbigen  Goldes 
anwendet.  Hier  kein  Quecksilber,  hier  kein  Schwefel 
von  keinerlei  Art,  hier  kein  Feuer  noch  andere  Wärme 
als  jene  der  Natur,  Beleberin  der  toten  Welt,  welche  dir 
die  Verästelungen  des  Goldes  im  Lapislazuli  oder  besser 
Utramarinblau  zeigen  wird,  das  eine  Farbe  ist,  die  von 
der  Gewalt  des  Feuers  frei  ist.  Und  betrachte  gut  solche 
Verästelung  des  Goldes  und  du  wirst  an  seinen  Enden 
sehen,  daß  sie  mit  langsamer  Bewegung  immerwährend 
wachsen  und  in  Gold  verwandeln,  was  an  diese  Enden 
Die     vegetative  rührt,    uud    bemerke,     daß    hier    eben    eine   vegetative 

Seele.  '  . 

Seele    innewohnt,    die    hervorzubringen    nicht    in    deiner 

Macht  ist. 

Die  fünf  Sinne   XU.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  2  r. 

and     die     Seele 

(1489).  ^jg  jjjg  f^jjf  Sinne  Beamte  der  Seele  sind 

Die  Seele  scheint  sich  im  urteilenden  Teil  des  Men- 
schen aufzuhalten  und  der  urteilende  Teil  scheint  an  dem 
Ort  zu  sein,  wo  alle  Sinne  zusammenlaufen:  welchen 
man  den  allgemeinen  Sinn  nennt  (senso  commune).  Und 
ist  nicht  als  Ganzes  im  ganzen  Leib  verbreitet,  wie  viele 
geglaubt  haben,  im  Gegenteil  ganz  in  einem  Teil  ver- 
sammelt; denn  wäre  er  ein  Ganzes  überall  und  ein  Ganzes 

110 


in  jedem  Teil,  so  wäre  nicht  notwendig,  daß  die  Instru- 
mente der  Sinne  untereinander  an  einem  einzigen  Orte 
zusammenliefen,  sondern  es  genügte,  wenn  das  Auge  das 
Amt  des  Begreifens  auf  seiner  Oberfläche  vollzöge,  und 
nicht  erst  über  den  Weg  des  Sehnerven  das  Bild  der 
gesehenen  Dinge  dem  (allgemeinen)  Sinn  zuschickte, 
weil  die  Seele  aus  obgesagtem  Grund  auf  leibiger  Ober- 
fläche des  Auges  verstehen  könnte.  Und  ebenso,  dem 
Sinn  des  Gehörs  genügte  es,  daß  die  Stimme  bloß  in 
der  gehöhlten  Porosität  des  Felsenbeines  widerhallte, 
welches  hinter  dem  Ohre  steht,  und  brauchte  nicht  von 
selbigem  Knochen  zum  allgemeinen  Sinn  einen  anderen 
Durchgang,  wo  dieser  Mund  sich  an  das  gemeinsame 
Urteil  wendet.  Der  Sinn  des  Geruches,  auch  der  sieht 
sich  durch  die  Notwendigkeit  gezwungen,  sich  um  besagte 
Urteilskraft  zu  bewerben.  Das  Gefühl  geht  aus  den  per- 
forierten Strängen  (Nerven)  nicht  heraus  und  wird  (durch 
sie)  zum  selbigen  allgemeinen  Sinn  geleitet,  welche  Stränge 
mit  unendlichen  Verästelungen  in  der  Haut  sich  verbreiten, 
so  die  körperlichen  Glieder  und  Eingeweide  umgibt.  Die 
perforierten  Stränge  leiten  die  Aufträge  und  Empfin- 
dungen zu  den  amtführenden  Gliedern,  welche  Stränge 
(Nerven)  und  Nerven  (Sehnen),  zwischen  die  Muskeln 
und  Flechsen  eingetreten,  jenen  die  Bewegung  befehlen. 
Jene  gehorchen,  und  solcher  Gehorsam  wird  in  Tat  um- 
gesetzt durch  Schwellung,  nachdem  das  Aufschwellen  ihre 
Länge  verkürzt,  und  es  ziehen  sich  die  Nerven  zurück, 
so  die  Partikel  der  Glieder  durchweben;  durch  die  Enden 
der  Finger  gezogen,  tragen  die  dem  allgemeinen  Sinn 
die  Ursache  ihres  Tastreizes  zu. 

Die  Nerven  (Sehnen)  mit  ihren  Muskeln  dienen  den 
Strängen  wie  Soldaten  dem  Bandenführer  (condottiero), 
und  die  Stränge  (Nerven)  dienen  dem  allgemeinen  Sinn 
wie  der  Bandenführer  (condottiere)  dem  Feldherrn,  und 
der  allgemeine  Sinn  gehorcht  der  Seele  wie  der  Feldherr 
seinem  Fürsten. 


Funktion    der 
Nerven. 


Wie  die  Maskeln 
arbeiten. 


111 


strichen. 


Also,  das  Gelenk  der  Knochen  gehorcht  der  Sehne,  und 
die  Sehne  (nervo)  dem  Muskel,  und  der  Muskel  dem 
Nervenstrang,  und  der  Nervenstrang  dem  allgemeinen 
Sinn,  und  der  allgemeine  Sinn  ist  der  Sitz  der  Seele 
und  das  Gedächtnis  ist  ihre  Munition  und  das  Eindrucks- 
vermögen ihr  Berichterstatter. 

Wie  jeder  Sinn  der  Seele  gibt  und  nicht  die  Seele  den 
Sinnen,  und  wo  der  Sinn,  Diener  der  Seele,  fehlt,  fehlt 
in  diesem  Leben  der  Seele  die  Kunde  vom  Dienste  dieses 
Sinnes,  wie  es  beim  Stummen  zum  Vorschein  kommt  und 
beim  Blindgeborenen. 

Nochmals    die     XLII.  MS.  CA.  FOL.  90  r. 

fünf  Sinne   and 

die  Urteilskraft.     Der  allgemeine   Sinn   ist  jener,   der  die  ihm  von   den 

andern  Sinnen  gegebenen  Dinge  beurteilt. 
Die  Partien  in     [Der  allgemeine  Sinn  wird  in  Bewegung  gesetzt  durch 

eckiger  Klammer     ,.       _^.  ,    ,         -,  <>••     n    /->• 

hat  L.  durchge-  die  Dmge,  welche  ihm  von  den  andern  fünf  Sinnen  ge- 
geben werden. 

Und  selbige  Sinne  rühren  sich  vermittelst  der  Objekte, 
und  diese  Objekte  schicken  ihre  Abbilder  den  fünf  Sinnen, 
von  welchen  sie  der  Aufnahmskraft  (imprensiva)  und  von 
dieser  dem  allgemeinen  Sinn  übermittelt  werden;  und  von 
hier,  beurteilt,  werden  sie  dem  Gedächtnis  zugesendet, 
in  welchem  sie,  je  nach  ihrer  Kraft,  mehr  oder  weniger 
aufbewahrt  werden. 

Die  fünf  Sinne  sind  diese:  Sehen,  Hören,  Berühren, 
Schmecken,  Riechen.] 

Die  alten  Forscher  haben  geschlossen,  daß  jener  Teil 
von  Urteil,  der  dem  Menschen  gegeben  ist,  durch  ein 
Instrument  verursacht  sei,  dem  die  fünf  Sinne  mittels 
der  Impressivität  referieren,  und  sie  sagen,  daß  dieser 
Sinn  inmitten  des  Kopfes  (zwischen  der  Impressivität  und 
dem  Gedächtnis)  [gelegen]  sei.  Und  diesen  Namen  des 
allgemeinen  Sinnes  sprechen  sie  nur  aus,  weil  es  das 
Gemeinsame  der  andern  fünf  Sinne,  nämlich  des  Sehens, 
Hörens,  Berührens,  Schmeckens,  Riechens  ist.    Der  allge- 

112 


meine  Sinn  wird  in  Bewegung  gesetzt  durch  die  Impres- 
sivität,  die  zwischen  ihm  und  den  Sinnen  liegt.  Die 
Impressivität  wird  in  Bewegung  gesetzt  durch  die  Abbilder 
der  Dinge,  so  ihr  von  den  oberflächlichen  Instrumenten, 
nämlich  den  Sinnen,  gegeben  werden,  die  inmitten  liegen 
zwischen  den  äußern  Dingen  und  der  Impressivität,  und 
gleicherweise  werden  die  Sinne  von  den  Objekten  in  Be- 
wegung gesetzt.  Das  Bild  der  umliegenden  Gegenstände 
sendet  seine  Abbilder  den  Sinnen,  selbige  Sinne  über- 
mitteln sie  der  Impressivität,  die  Impressivität  schickt  sie 
dem  allgemeinen  Sinn,  und  von  jenem  werden  sie  im 
Gedächtnis  stabilisiert,  und  hier  werden  sie,  mehr  oder 
weniger,  zurückbehalten,  je  nach  der  Wichtigkeit  oder 
Macht  der  gegebenen  Dinge. 

Jener  Sinn  ist  rascher  in  seinem  Dienst,  so  der  Im- 
pressivität am  nächsten;  welches  das  Auge  ist,  der  über- 
legene und  Fürst  der  andern,  von  dem  allein  wir  handeln 
werden,  und  die  andern  werden  wir  lassen,  um  von  un- 
serer Materie  uns  nicht  zu  entfernen  .  .  . 


XLIII.  R.  859,  MS.  BR.  M.  FOL.  151  r.         Die  mecha- 

nischen   Gesetze 

Die  Kraft  wird  durch  Mangel  oder  Überfluß  erzeugt;  sie  '""^ 'j^'örpe!^'''^ 
ist  ein  Kind  materieller  Bewegung  und  ein  Enkel  der 
spiritualen  Bewegung,  Mutter  und  Ursprung  des  Gewichts; 
und  selbiges  Gewicht  ist  beschränkt  im  Element  des 
Wassers  und  der  Erde,  und  die  Kraft  selbst  ist  unbe- 
schränkt, weil  durch  sie  unendliche  Welten  bewegt  werden 
könnten,  vermöchte  man  bloß  Werkzeuge  zu  machen,  von 
denen  diese  Kraft  hervorgebracht  würde. 

Die  Kraft  mit  der  materiellen  Bewegung  und  das  Ge- 
wicht mit  dem  Stoß  sind  die  vier  äußeren  Mächte,  durch 
welche  alles  Werk  der  Sterblichen  sein  Dasein  und  seinen 
Tod  hat. 

Die  Kraft  hat  ihren  Ursprung  in  geistiger  Bewegung, 
welche  Bewegung,  durch  die  Glieder  der  Tiere,  die  Be- 

8        Herzfeld,   Leonardo 

113 


wußtsein  haben,  eilend,  die  Muskel  derselbigen  schwellt, 
wodurch  verdickt  selbige  Muskeln  sich  zu  verkürzen  be- 
ginnen und  die  Nerven,  so  mit  ihnen  verbunden  sind, 
sich  zusammenzuziehen,  und  daher  kommt  die  Kraft  in 
den  menschlichen  Gliedern. 

Die  Art  und  Menge  der  Kräfte  eines  Menschen  kann 
andere  Kraft  gebären,  welche  proportional  um  so  größer 
sein  wird,  je  länger  die  Bewegung  der  einen  als  die  der 
andern  sein  wird. 

Die  Muskeln  und    XLIV.  MS.  CA.  FOL.  1 19  V. 

das  Bewußtsein. 

Von  den  Muskeln 

Die  Natur  hat  im  Menschen  die  dienenden  Muskeln  an- 
geordnet, welche  von  den  Nerven,  so  die  Glieder  bewegen 
können,  nach  Wunsch  und  Willen  des  allgemeinen  Sinnes 
gezogen  werden,  im  Gleichnis  der  Beamten,  die  von 
einem  Herrn  über  verschiedene  Provinzen  und  Städte 
verteilt  sind:  welche  dann  in  selbigen  Orten  den  Willen 
des  selbigen  Herrn  repräsentieren  und  befolgen.  Und 
jener  Beamte,  der  in  einem  einzelnen  Falle  dem  Vor- 
recht, das  ihm  der  Mund  des  Herrn  gegeben,  besser 
gehorcht  hat,  wird  später  für  sich,  im  gleichen  Falle, 
nichts  machen,  was  vom  Willen  des  selbigen  Herrn  ab- 
weicht. So  sieht  man  oft  die  Finger  tun,  die,  mit  höch- 
stem Gehorsam  die  Sache  auf  einem  Instrument  lernend, 
welche  ihnen  vom  Urteil  befohlen  ist,  —  wenn  sie  sie 
erlernt  haben,  werden  sie  sie  spielen,  ohne  daß  das  Urteil 
darauf  merkt.  Die  Muskeln,  welche  die  Beine  bewegen, 
tun  sie  nicht  auch  ihren  Dienst,  ohne  daß  der  Mensch 
es  weiß? 

Unabhängigkeit     XLV.  SP..  MS.  W.  AN.  A.  FOL.  13  V. 

der  Sinnesnerven 

Sieh,  ob  du  nicht  glaubst,  daß  solcher  Sinn  (Tastsinn) 
bei  einem  Orgelspieler  angestrengt  sei,  und  die  Seele 
merkt  zu  gleicher  Zeit  auf  den  Sinn  des  Gehörs. 

114 


voneinander. 


XLVI.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  2  V.       Automatische 

Bewegungen. 

Wie  die  Nerven  manches  Mal   von  selbst  wirken, 

ohne   den  Befehl  von  Seiten  der   andern  Beamten 

und  der  Seele 

Dies  erscheint  klar;  denn  du  wirst  paralytische  und  frie- 
rende und  erstarrende  Personen  ihre  zitternden  Glieder 
wie  den  Kopf  und  die  Hände  ohne  Erlaubnis  der  Seele 
bewegen  sehen,  welche  Seele  mit  all  ihren  Kräften  sel- 
bigen Gliedern  nicht  verbieten  kann,  daß  sie  zittern. 
Dieses  gleiche  geschieht  bei  der  fallenden  Sucht  und  bei 
abgeschnittenen  Gliedern,  wie  bei  den  Schwänzen  der 
Eidechsen. 

Die  Idee  oder  Vorstellungskraft  ist  Steuer  und  Zügel 
der  Sinne,  da  die  vorgestellte  Sache  den  Sinn  erregt. 

Präimaginieren  ist  das  Imaginieren  der  Dinge,  die  sein 
werden. 

Postimaginieren  (erinnern)  ist  das  Imaginieren  der  ver- 
gangenen Dinge. 

XLVII.  MS.  A.FOL.  56  V.     Vom  Blutumlauf. 

Vom  Blut,  das  im  Scheitel  des  Kopfes  ist 

Und  schiene  so,  nach  einem  ganz  einfachen,  daß,  wenn 
jemand  den  Scheitel  des  Kopfes  eines  Menschen  zer- 
bräche, —  daß  durch  besagten  Bruch  nichts  herausfließen 
dürfte,  außer  das  Blut,  welches  sich  zwischen  des  Bruches 
Lippen  befände,  sintemalen  jegliches  schwere  Ding  sich 
niedrige  Orte  verlangt.  Das  Blut  hat  Gewicht,  und  scheint 
unmöglich,  daß  dieses  von  selbst  in  die  Höhe  steigen 
solle,  wie  eine  luftige  und  leichte  Sache.  Und  wenn  du 
sagen  wolltest,  das  Wachstum,  welches  die  Lunge  im  See  ^'«^  «""^  Lunge. 
des  Blutes  hervorruft,  wenn  diese  Lunge  beim  Einziehen 
des  Atems  sich  mit  Luft  anfüllt  und,  sich  zusammen- 
ziehend, das  Blut  verjagt,  das  durch  die  Adern  fliehend 
diese  vergrößern  und  anschwellen  macht;  —  daß  diese  An- 
schwellung jenes  Blut  aus  obbesagtem  Bruch  des  Scheitels 

8» 

115 


des  Kopfes  fliehen  mache;  —  diese  Meinung  ist  bald 
zurückgewiesen,  sintemalen  die  Adern  wohl  fähig  und 
geeignet  sind,  bequeme  Aufnahme  dem  Anwachsen  des 
Blutes  zu  geben,  ohne  daß  es  durch  den  Bruch  im  Kopfe, 
wie  hungernd  nach  Raum,  überfließen  müßte. 

Blut  und  Wärme.    XLVIII.  MS.  A.  FOL.  56  V. 

Warum  dies  Blut  durch    den  Scheitel  des  Kopfes 

flieht 
Die  geistigen  Teile  haben  die  Kraft,  die  materiellen  zu 
bewegen  und  mit  ihrem  Lauf  zu  begleiten.  Wir  sehen 
das  Feuer  in  dem  dampfenden  Rauch  vermittelst  des 
Geistigen  der  Wärme  Elemente  der  Materie,  erdenhaft 
und  schwer,  durch  den  Kamin  hinaufschicken,  wie  man 
es  im  Ruße  wahrnimmt,  der,  wenn  du  ihn  verbrenntest, 
wieder  zu  Asche  würde.  So  die  Wärme,  ins  Blut  hinein- 
gemischt, verlangend,  sich  ihrem  Element  zu  vereinen, 
findet  durch  den  Bruch  (Gelegenheit)  zu  verflüchtigen 
und  nimmt  in  ihrer  Gesellschaft  das  Blut  mit,  dem  diese 
Wärme  eingeflößt  und  beigemischt  ist.  —  Der  Grund, 
daß  der  Rauch  mit  so  viel  Wut  in  die  Höhe  steigt  und 
Irdisches  mit  sich  trägt,  ist  der:  das  Feuer,  so  sich  im 
Holz  entzündet,  nährt  und  sättigt  sich  an  einer  subtilen 
Feuchtigkeit,  und  diese  Feuchtigkeit  ist  zu  dick,  um  vom 
Feuer  ganz  verzehrt  zu  werden,  von  der  Wärme  des  Feuers, 

die  sich  drin  findet;  das  Feuer 

MS.  A.  FOL.  57  r. 

will  zu  seinem  Element  zurückkehren  und  nimmt  die 
erhitzten  Säfte  mit,  wie  zu  sehen  ist,  wenn  du  in  einer 
Quecksilber-  Retorte  das  Quecksilber  destilliertest;  du  würdest  sehen, 
ver  amp  ung.  ^^^^  diescs  SO  schwcre  Silber  mit  der  Wärme  des  Feuers 
vermischt  wäre,  daß  es  sich  erhebt  und  in  Rauch  in  seinem 
zweiten  Rezipienten  zu  seiner  ersten  Natur  zurückfällt. 

Noch  vom  Blute.   XLIX.  R.  849,  MS.  LEIC.  FOL.  21  v. 

Es  kreisen    die  Wasser   in   unablässiger  Bewegung  von 

den  untersten  Tiefen  der  Meere  zu  den  höchsten  Spitzen 


116 


der  Berge,    nicht    beobachtend   die   Natur    der   schweren 

Dinge,  und  in  diesem  machen   sie   es  wie   das  Blut    der    ß'"'  «''<i  Herz. 

Tiere,  das  immerfort  sich    aus    dem  Meere   des  Herzens 

bewegt  und  zur  Spitze  ihrer  Häupter  läuft  und  daß  hier, 

bersten  die  Adern,  wie    man    an    einer  gerissenen  Vene 

in  der  Nase  sieht,  alles  Blut  von  der  Tiefe  sich  zur  Höhe 

der  gesprungenen  Ader  hebt.  —  Wenn    das  Wasser  aus 

der  gesprungenen  Ader  der  Erde  tritt,  beobachtet  es  die 

Natur  der  andern  Dinge,  die  schwerer  sind  als  die  Luft, 

sucht  daher  immer  die  niedrigen  Orte. 

L.  R.  850,  MS.  W.  A.  III.  FOL.  226  r.    Arterienblut  und 

'  Venenblat. 

Wie  das  Blut,  welches  zurückkehrt,  wenn  das  Herz  sich 
wieder  öffnet,  nicht  das  ist,  so  die  Tore  des  Herzens 
schließt. 

LI.  R.  846,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  74  r.   -D/«  ^^^Y'  J>fì 

eine  Stiefmatter 

Die  Natur  scheint  hier  in  vielen  oder  bei  vielen  Tieren 
eher  eine  grausame  Stiefmutter,  denn  Mutter  gewesen  zu 
sein,  und  von  einigen  nicht  die  Stiefmutter,  sondern  höchst 
barmherzige  Mutter. 

LH.  MS.  H.  II.  FOL.  41  V.       Kreislauf  des 

Lebens. 

Wir  machen  unser  Leben  mit  dem  Tode  anderer.  In 
dem  toten  Gegenstand  bleibt  bewußtloses  Leben  zurück, 
das,  dem  Magen  der  Lebenden  neu  einverleibt,  sinnliches 
und  verstehendes  Leben  wiedergewinnt. 

LUI.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  28  r.    Leben  ist  ein  be- 

ständiges Sterben 

Wie  der  Körper  des  Tieres   ohne  Unterlaß    stirbt    «"'*  mederge- 

^  borenwerden. 

und  wiedergeboren  wird 

Der  Körper,  von  welchem  Ding  immer,  das  Nahrung  auf- 
nimmt, stirbt  beständig  und  wird  beständig  wiedergeboren; 
denn  hineingehen  kann  Nahrung  nirgends,  außer  in  solche 
Orte,  von  wo  die  vergangene  Nahrung  weggeschieden  ist, 
und  wenn  sie  weggeschieden,  ist  sie  nicht  mehr  bei 
Leben,  und  wenn  du  ihnen  nicht  solche  Nahrung  wieder- 

117 


gibst  wie  die  verschwundene,  so  wird  das  Leben  an  Kraft 
abnehmen,  und  wenn  du  ihnen  selbige  Nahrung  nimmst, 
so  wird  das  Leben  im  ganzen  zerstört  bleiben.  Aber 
wenn  du  ihm  so  viel  zurückgibst,  als  im  Tag  davon  zer- 
stört wird,  so  ersteht  so  viel  vom  Leben  wieder,  als  ver- 
zehrt wurde,  im  Gleichnis  des  Lichtes  der  Kerze,  mit 
der  Nahrung,  so  ihm  die  Säfte  selbiger  Kerze  geben, 
welches  Licht  auch  beständig  mit  raschestem  Sukkurs 
von  unten  wiederherstellt,  was  von  oben  sich  im  Sterben 
davon  verzehrt  und  aus  glänzendem  Lichte  sterbend  sich 
in  nächtigen  Rauch  umwandelt:  welcher  Tod  beständig 
ist,  wie  der  Rauch  ohne  Unterlaß  ist,  und  die  Bestän- 
digkeit solchen  Rauches  ist  gleich  der  fortgesetzten  Er- 
nährung, und  im  Augenblick  ist  das  Licht  tot  und  wie- 
der ganz  erstanden,  zugleich  mit  der  Bewegung  seiner 
Nahrung. 

Einteilung  der      UV.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  13  f. 

Säugetiere ,    wo- 
bei der  Mensch     Mcnsch.      Die    Beschreibung    des    Menschen,    in    der 

die  Gattung  der  °  ' 

Affen  vertritt,  auch  jene  enthalten  sind,  die  ungefähr  von  gleicher  Gat- 
tung sind,  wie  Pavian,  Affe,  und  ähnliche,  deren  es  viele 
gibt. 

Löwe  und  sein  Gefolge,  wie  Panther,  Unze,  Tiger,  Leo- 
parde,  Wölfe,  Luchse,  Wildkatzen,  Genetten  und  gewöhn- 
liche Katzen  und  andere  mehr. 

Pferd  und  sein  Gefolge,  wie  Maultiere,  Esel  und  ähn- 
liche, die  oben  und  unten  Zähne  haben. 

Rind  und  sein  Gefolge,  gehörnt  und  ohne  Oberzähne, 
wie  Büffel,  Hirsch,  Damhirsch,  Rehbock,  Schaf,  Ziege, 
Steinbock,  Moschustier,  Gemse,  Giraffe. 

Die  erfindangs-     LV.  R.  837,  MS.  W.  AN.  IV.  FOL.  184  r. 

reiche  Natur. 

Wenngleich  der  menschliche  Geist  verschiedene  Erfin- 
dungen macht  und  mit  verschiedenen  Werkzeugen  dem 
gleichen  Zweck  entspricht,  nie  wird  er  schönere  Erfin- 
dung machen,  noch  Leichteres  oder  Kürzeres  als  die  Natur 

118 


Die  bildende 
Seele,  die  Körper- 
seele. 


erfinden,  weil  in  den  Erfindungen  von  ihr  nichts  fehlt 
und  nichts  überflüssig  ist,  und  geht  nicht  erst  mit  Gegen- 
gewichten, wenn  sie  in  den  Gliedern  der  Tiere  diese  zu 
Bewegungen  geeignet  macht.  Sondern  sie  setzt  die  Seele 
in  selbigen  Körper,  die  bildende,  nämlich  die  Seele  der 
Mutter,  so  zuerst  im  Schöße  die  Gestalt  des  Menschen 
bildet  und  zu  gehöriger  Zeit  die  Seele  aufweckt,  so  von 
selbiger  der  Bewohner  sein  soll,  welche  vorher  im  Schlafe 
war  und  in  Hut  der  Seele  von  der  Mutter,  so  sie  nährt 
und  belebt  durch  die  Nabelschnur,  mit  all  ihren  geistigen 
Gliedern,  und  wird  so  fortfahren,  solang  als  selbiger 
Nabel  mit  der  Frucht  und  den  Keimblättern  verbunden 
bleibt,  wodurch  das  Kind  sich  mit  der  Mutter  vereint; 
und  diese  sind  der  Grund,  daß  ein  Wunsch,  eine  starke 
Begierde,  eine  Angst,  so  die  Mutter  empfände,  und  sonsti- 
ger seelischer  Schmerz  noch  mehr  Macht  im  Kinde  hat 
als  in  der  Mutter,  denn  häufig  sind  die  Fälle,  wo  der 
Sohn  dadurch  das  Leben  verliert  usw. 

Dieser  Diskurs  paßt  nicht  hierher,  sondern  ist  notwendig 
bei  der  Zusammensetzung  der  belebten  Körper.  Und  den 
Rest  der  Definition  der  Seele  überlasse  ich  dem  Geist 
der  Klosterbrüder,  dieser  Väter  der  Völker,  die  durch 
Eingebung  alle  Geheimnisse  kennen. 

Die   gekrönten   Bücher    laß    ich   stehen,   weil  in    ihnen  Die  h.  Schriften 
höchste  Wahrheit  ist. 


Die  höhere  Seele 
und  die  Kloster- 
brüder. 


LVI.  MS.  G.FOL.  16 V. 

Vom  Ansatz  der  Blätter  auf  ihren  Zweigen 

Es  vermindert  sich  die  Dicke  eines  Zweiges  im  Raum, 
der  von  einem  Blatte  zum  andern  ist,  nicht  um  mehr  als 
die  Dicke  des  Auges  ist,  das  sich  ober  selbigem  Blatt 
befindet,  welche  Dicke  dem  Zweige  fehlt,  der  bis  zum 
andern  Blatte  nachfolgt. 

Es  hat  die  Natur  an  vielen  Pflanzen  die  Blätter  der 
letzten  Zweige  so  gesetzt,  daß  immer  das  sechste  Blatt 
über  dem  ersten  steht,  und  so  geht  es  sukzessive,  wenn 


Anordnung  der 

Blätter  an  den 

Zweigen. 


119 


Zweckdienlich- 
keit dieser  An- 
ordnung. 


die  Regel  nicht  behindert  ist,  und  das  hat  sie  für  zwei 
Nützlichkeiten  der  Pflanzen  getan,  und  die  erste  davon 
ist,  daß  der  Zweig  oder  die  Frucht,  im  folgenden  Jahr 
aus  dem  Reis  oder  Auge  sprießend,  das  sich  darüber  in 
Berührung  mit  dem  Ansatz  des  Blattes  befindet,  —  daß 
jenes  Wasser,  welches  selbigen  Zweig  badet,  hinabgehen 
könne,  um  solches  Reis  zu  nähren,  indem  der  Tropfen 
in  der  Ausbauchung  des  Blattansatzes  stehen  bleibt;  und 
der  zweite  Vorteil  ist,  daß,  wenn  solche  Zweige  im  fol- 
genden Jahre  sprießen,  einer  nicht  den  andern  deckt, 
weil  die  fünf  Zweige  in  fünf  Richtungen  gedreht  hervor- 
kommen, und  der  sechste  kommt  über  dem  ersten  ziem- 
lich weit  entfernt  hervor. 


MatterroUe     des    LVII 
Blattes,  aber  dem 
ein  Zweig  hervor- 
sprießt. 


MS.  G.FOL.  33  V. 
Jeder  Zweig  und  jede  Frucht  kommen  gerade  über  dem 
Ursprung  eines  Blattes  hervor,  das  ihnen  die  Mutter  er- 
setzt, indem  es  ihnen  das  Wasser  des  Regens  darreicht 
oder  das  Naß  des  Taus,  welcher  bei  Nacht  darauf  fällt; 
und  nimmt  ihnen  oft  die  übermäßigen  Hitzen  der  Sonnen- 
strahlen weg. 


Verdickung  der     LVIII 
Rinde. 


Giftige  Früchte 
ziehen. 


MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Wenn  der  Baum  irgendwo  an  der  Rinde  abgeschält  wird, 
wendet  die  Natur,  die  diesem  vorsorgt,  selbiger  Ab- 
schälung eine  viel  größere  Menge  von  nährenden  Säften 
als  irgendeiner  andern  Stelle  zu,  so  daß,  durch  vorbe- 
sagtes Fehlen,  die  Rinde  dort  viel  dicker  wächst  als  an 
irgendeinem  andern  Fleck.  Und  ist  so  ungestüm  dieser 
Saft,  daß  er,  am  Ort  des  Sukkurses  angelangt,  sich  zum 
Teil  in  die  Höhe  hebt,  nach  Art  eines  springenden  Balles, 
mit  unterschiedlichem  Hervorquellen  oder  besser  Hervor- 
gurgeln, nicht  anders  als  wie  ein  siedendes  Wasser. 

LIX.  MS.  CA.  FOL.  12  r. 

Indem  man  mit  einem  Bohrer  in  ein  Bäumlein  ein  Loch 

macht  und  Arsenik  und  Königsgelb,   sublimiert  und  auf- 


120 


gelöst  in  gebranntem  Wasser,  hineinjagt,  hat  das  die  Kraft, 
die  Früchte  giftig  zu  machen  oder  den  Baum  verdorren. 
Aber  muß  groß  sein,  die  Öffnung,  und  hineingehen  bis 
ins  Mark,  und  muß  geschehen  beim  Reifen  der  Früchte, 
und  genanntes  giftiges  Wasser  muß  in  besagtes  Loch  mit 
einer  Spritze  hineingegeben  werden,  und  mit  einem  star- 
ken Holz  gespundet.  Man  kann  das  auch  tun,  wenn  die 
Bäumchen  im  Säfteschießen  sind. 


V.  PHILOSOPHISCHE  GEDANKEN 


R.  1132,  MS.  K.  M.  III.  FOL.  64  V. 
Leonardo  und     iwjj-i^^ai ch    gchorche    dir,    Herr,    erstens    wegen    der 

Gott,  ^S  ^^yVjpv^Vj  C^ 

Liebe,  so  vernünftigerweise  für  dich  ich  hegen 
muß,  zweitens,  weil  du  verstehst,  das  Leben 
der  Menschen  abzukürzen  oder  zu  verlängern. 

Ein  geistiges,  ver-    H.  MS.  TR,  FOL.  36  V. 

nänftiges  Prinzip 

herrscht  in  Gott     Unser  Leib  ist  dem  Himmel  unterworfen,  und  der  Him- 


and  Welt. 


mei  ist  dem  Geist  unterworfen. 


Die    Seele   wirkt    III 
nur    durch    den 
Körper. 


MS.  TR.  FOL.  40  V. 
Die  Seele  kann  nicht  verwesen  in  der  Verwesung  des 
Leibes,  aber  sie  macht  es  im  Körper  gleichwie  der  Wind, 
so  die  Ursache  ist  des  Tones  der  Orgel;  wenn  eine  Pfeife 
an  ihr  verdirbt,  kam  aus  dem  Leeren  durch  sie  nicht 
gute  Wirkung. 


Gegen  das  Trans-    IV. 
zendentale. 


MS.  H.  II.  FOL.  67  (19)  r. 
Von  der  Seele 

Die  Bewegung  der  Erde  gegen  die  Erde,  im  Rückprall, 
erschüttert  wenig  die  gestoßenen  Teile. 

Das  Wasser,  vom  Wasser  gestoßen,  macht  um  den  Ort 
des  Stoßes  in  weiter  Entfernung  Kreise;  die  Stimme  in 
der  Luft  noch  weiter;  ein  Feuer  noch  mehr;  der  Geist 
(la  mente)  innerhalb  des  Weltalls  aber  —  weil  er  be- 
grenzt ist,  verbreitet  er  sich  nicht  durch  das  Unbegrenzte. 


Das  Streben  zum    V 
Ganzen. 


MS.  CA.  FOL.  59  r. 
Wenn  die  Vollkommenheit  der  Wirkung  in  der  Ursache 
liegt,  so  liegt  die  Vollkommenheit  des  Anstoßes  in  der 
Kraft,  die  ihn  hervorbringt. 


122 


Jeder  Teil  wünscht  in  seinem  Ganzen  zu  sein,  in  wel- 
chem er  sich  besser  erhält. 

Jeder  Teil  hat  Neigung,  sich  mit  seinem  Ganzen  wieder 
zu  vereinigen,  um  seiner  Unvollkommenheit  zu  entfliehen. 

Die  Seele  wünscht  mit  ihrem  Körper  zu  sein,  weil  sie 
ohne  die  organischen  "Werkzeuge  dieses  selbigen  Körpers 
nichts  ausrichten  noch  empfinden  kann. 

VI.  R.  1162,  MS.  BR.  M.  FOL.  156  V.    Die    Quintessem 

des  Seins. 

Nun  sieh,  die  Hoffnung  und  der  Wunsch,  wieder  in  seine 
Heimat  zu  kommen  (ripatriarsi)  und  in  den  früheren 
Zustand  zurückzukehren,  macht  es  gleichwie  der  Schmet- 
terling mit  dem  Lichte,  und  der  Mensch,  der  mit  unauf- 
hörlichem Verlangen  immer  voll  Festlichkeit  den  neuen 
Frühling  erwartet,  und  immer  den  neuen  Sommer  und 
immer  die  neuen  Monde  und  neuen  Jahre,  wobei  es  ihm 
scheint,  als  ob  die  ersehnten  Dinge  im  Kommen  viel  zu 
langsam  seien:  und  merkt  nicht,  daß  er  seine  eigene 
Auflösung  wünscht!  Aber  dieser  Wunsch  ist  die  Quin- 
tessenz, wahrer  Geist  der  Elemente,  welche  durch  die 
Seele  in  den  menschlichen  Leib  sich  eingeschlossen 
fühlen  und  stets  zu  ihrem  Aussender  zurückzukehren 
verlangen.  Und  ist  notwendig,  daß  du  es  wissest:  dieser 
selbige  Wunsch  ist  eben  die  Quintessenz,  Begleiterin 
der  Natur,  und  der  Mensch  ist  das  Modell  der  ganzen 
Welt. 

VII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  7  r.     mnk  der  Natur. 

Die  Natur  bildet  sich  die  Größe  der  Behausung  des 
Intellektes  früher  als  jene  des  Lebensgeistes  aus. 

VIII.  MS.  K.  FOL.  101  V.     Wo  ist  der  letzte 

Das  Wasser,  welches  durch  den  Fluß  sich  bewegt,  ent-       Dinge  — ; 
weder  ist  es  gerufen,  oder  es  ist  gejagt,  oder  es  bewegt 
sich    von    selbst.      Wenn    es    gerufen    ist    oder,    wollen 
wir  sagen:  herbeiverlangt,   —  wer  ist  der  Verlangende? 
Wenn  es  gejagt  ist,  wer  ist's,  der  es  jagt?  Wenn  es  sich 

123 


Der  Mensch,  der 

sich  anmaßt,  die 

Natur  verbessern 

za  wollen  — / 


Argument  gegen 
die  Goldsucher. 


Gegen  die  Nekro- 
mantie. 


Leonardo  erkennt 
wohl     die     Ver- 
dienste   der    Al- 
chimie, 


von  selbst  bewegt,  zeigt  es  Urteilskraft;  aber  in  Körpern 
von  beständiger  Änderung  der  Form  ist  es  unmöglich, 
Urteil  zu  haben,  weil  in  solchen  Körpern  keine  Ver- 
nunft ist. 

IX.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Die  Handlung,    den  Pferden   die  Nüstern   zu  schneiden, 

ist  eine  Sache  des  Lachens  wert.  Und  diese  Toren  be- 
obachten diesen  Gebrauch,  fast  als  glaubten  sie,  die  Natur 
habe  notwendige  Dinge  versäumt,  wegen  deren  die  Men- 
schen ihre  Verbesserer  zu  sein  hätten.  Sie  hat  die  bei- 
den Löcher  der  Nase  gemacht,  welche,  jedes  für  sich, 
für  die  Hälfte  von  der  Weite  des  Rohres  der  Lunge  ist, 
durch  das  der  Atem  haucht,  und  wenn  selbige  Löcher 
nicht  wären,  der  Mund  würde  für  den  reichlichen  Atem 
genügen.  Und  sagtest  du  mir:  —  „Warum  hat  diese 
Natur  den  Tieren  die  Nüstern  gemacht,  wenn  das  Atmen 
durch  den  Mund  genügend  ist?"  —  ich  antworte  dir,  daß 
die  Nüstern  gemacht  sind,  um  verwendet  zu  werden, 
wenn    der  Mund  beschäftigt  ist,    seine  Speise  zu  kauen. 

X.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Die  lügenhaften   Interpreten    der  Natur    behaupten,    das 

Quecksilber  sei  der  gemeinsame  Same  aller  Metalle,  ohne 
sich  zu  erinnern,  daß  die  Natur  die  Samen  variiert,  nach 
der  Verschiedenheit  der  Dinge,  die  sie  in  der  Welt  her- 
vorbringen will. 

XL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  31  v. 

.  .  .  Aber  unter  die  dümmsten  menschlichen  Diskurse 
sind  jene  zu  rechnen,  die  sich  über  den  Aberglauben  der 
Nekromantie  verbreiten,  dieser  Schwester  der  Alchimie, 
Gebärerin  einfacher  und  natürlicher  Dinge.  Ist  aber  um 
so  viel  würdiger  des  Tadels,  als  sie  keinerlei  Ding  ge- 
biert, außer  eines,  das  ihr  gleich  ist,  nämlich  Lüge;  was 
bei  der  Alchimie  nicht  vorkommt,  so  Verwalterin  der  ein- 
fachen Produkte   der  Natur  ist,   deren  Dienst  von  dieser 


124 


Natur  nicht  geleistet  werden  kann,  weil  in  ihr  nicht 
die  organischen  Instrumente  existieren,  mit  denen  sie 
das  hervorbringen  kann,  was  der  Mensch  durch  seine 
Hände  ausrichtet,  die  in  solchem  Amt  Gläser  usw.  ge- 
macht haben.  Aber  jene  Nekromantie,  Standarte  oder 
auch  fliegendes  Banner,  vom  Winde  bewegt,  ist  Führerin 
der  dummen  Menge,  die  mit  ihrem  Gebell  beständig 
Zeugnis  ablegt  für  die  unendlichen  Effekte  solcher  Kunst; 
und  es  füllen  sich  die  Bücher,  bejahend,  daß  die  Geister 
wirkten  und  ohne  Zunge  sprechen  könnten,  und  ohne  die 
organischen  Instrumente  sprächen,  ohne  welche  man  nicht 
sprechen  kann,  und  höchst  schwere  Lasten  trügen,  ge- 
wittern ließen  und  regnen,  und  daß  die  Menschen  sich 
in  Katzen  verwandelten,  in  Wölfe  und  andere  Bestien, 
obwohl  in  Bestien  vorerst  jene  fahren,  die  dergleichen 
Dinge  behaupten. 

Und  sicher,  wenn  solche  Nekromantie  im  Dasein  wäre, 
wie  von  den  niedrigen  Ingenien  geglaubt  wird,  —  keine 
Sache  gibt  es  auf  der  Erde,  die  zum  Schaden  und  Dienst 
des  Menschen  so  viel  Wert  besäße;  denn  wäre  es  wahr, 
daß  in  solcher  Kunst  man  die  Macht  hätte,  die  ruhige 
Heiterkeit  der  Luft  zu  trüben,  diese  in  nächtliches  Aus- 
sehen verwandelnd,  und  Wetterleuchten  zu  machen  oder 
Gewitter,  die  mit  furchtbarem  Donner  und  Blitzen  aus  der 
Finsternis  stürzen  und  mit  ungestümem  Winde  die  hohen 
Gebäude  zerstören  und  die  Wälder  entwurzeln  und  da- 
mit die  Heere  erschüttern  und  brechen  und  zu  Boden 
werfen,  und  außer  diesem,  die  Schadenwetter,  so  die 
Landleute  des  Preises  ihrer  Mühe  berauben  ;  —  denn 
welche  Art  von  Krieg  könnte  es  geben,  der  mit  so  viel 
Schaden  seinen  Feind  beleidigen  könnte,  als  die  Macht 
zu  haben,  ihn  seiner  Ernten  zu  berauben?  Welche  See- 
schlacht kann  es  geben,  die  sich  mit  jener  dessen  ver- 
gliche, welcher  den  Winden  gebietet  und  die  Stürme 
macht,  die  jede  Flotte  vernichten  und  in  den  Grund 
bohren?      Sicher,    wer    solchen    ungestümen    Gewalten 

125 


befiehlt,  wird  Herr  über  die  Völker  sein  und  kein  mensch- 
licher Geist  wird  seinen  schädlichen  Kräften  widerstehen 
können.  Die  verborgenen  Schätze  und  Kleinodien,  die 
im  Körper  der  Erde  ruhen,  werden  jenem  alle  offenbar 
sein;  kein  Schloß  noch  unüberwindliche  Festung  werden 
dasjenige  sein,  was  jemanden  retten  könnte  ohne  den 
Willen  solches  Nekromanten.  Dieser  wird  sich  vom  Orient 
nach  dem  Okzident  durch  die  Luft  tragen  lassen  und 
durch  all  die  verschiedenen  Richtungen  des  Weltalls. 
Doch  warum  will  ich  mich  noch  mehr  verbreiten?  Wel- 
ches ist  denn  die  Sache,  die  sich  durch  solche  Künste 
nicht  machen  ließe?  Keine  fast,  außer  den  Tod  zu  ver- 
nichten; also  ist  einbeschlossen  zum  Teil  der  Schaden 
und  der  Nutzen,  der  in  solcher  Kunst  enthalten  ist,  wenn 
sie  nur  wahr  und  wirklich  ist;  und  ist  sie  wirklich,  weshalb 
blieb  sie  da  nicht  unter  den  Menschen,  die  sie  so  er- 
sehnen, ohne  Rücksicht  auf  irgendwelche  Gottheit  zu 
nehmen?  Und  ich  weiß,  daß  es  deren  unendliche  gibt, 
die,  um  irgendeinen  Appetit  zu  befriedigen,  Gott  mit  der 
ganzen  Welt  zugrunde  richten  würden.  Und  wenn  die 
Nekromantie  nicht  unter  den  Menschen  erhalten  geblieben, 
nachdem  sie  ihnen  so  notwendig  wäre,  dann  ist  sie  nie- 
mals dagewesen,  noch  wird  sie  jemals  sein,  nach  der 
Definition  des  Geistes,  der  unsichtbar,  unkörperlich  ist 
und  innerhalb  der  Elemente  gibt  es  keine  unkörperlichen 
Dinge;  denn  wo  kein  Körper  ist,  ist  ein  Vakuum,  und 
das  Vakuum  gibt  es  nicht  innerhalb  der  Elemente,  weil 
es  gleich  vom  Element  wieder  ausgefüllt  wäre.  Wende 
das  Blatt  um. 

VondenGeistern.    XII.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  36  f. 

Von  den  Geistern 

Wir  haben  bisher  rückwärts  auf  der  anderen  Seite  ge- 
sagt, wie  die  Definition  von  Geist  „eine  dem  Körper 
vereinigte  Macht"  ist,  weil  von  selbst  sich  aufrechter- 
halten  er  nicht  kann,   noch  irgendeine  Art  von  örtlicher 

126 


Bewegung  machen.  Und  wenn  du  sagtest,  daß  er  sich 
durch  sich  selbst  aufrechthält,  —  das  kann  nicht  sein 
innerhalb  der  Elemente,  weil,  wenn  der  Geist  eine  un- 
körperliche Quantität  ist,  diese  Quantität  Vakuum  hieße, 
und  ein  Vakuum  gibt  es  nicht  in  der  Natur,  und  voraus- 
gesetzt, es  gäbe  das,  gleich  wäre  es  ausgefüllt  vom  Ruin 
jenes  Elementes,  in  dem  das  Vakuum  sich  erzeugte. 

Also,  aus  der  Definition  des  Gewichtes,  welches  sagt: 
—  „Die  Schwere  ist  eine  äußere  Potenz,  geschaffen  von 
irgendeinem  Element,  das  von  irgendeinem  Element  ge- 
zogen wird  oder  vom  anderen  weggestoßen",  —  folgt, 
daß,  nachdem  kein  Element  im  gleichen  Element  lastet, 
es  im  höheren  Element  lastet,  das  leichter  ist  als  es 
selbst,  wie  man  sieht:  der  eine  Teil  des  Wassers  hat 
nicht  mehr  Schwere  oder  Leichtigkeit  als  das  übrige 
Wasser;  aber  wenn  du  es  in  die  Luft  ziehst,  dann  er- 
wirbt es  Gewicht,  und  wenn  du  die  Luft  unter  das  Wasser 
ziehst,  dann  erwirbt  es  Gewicht,  welches  Gewicht  sich 
von  selbst  nicht  erhalten  kann,  daher  ist  ihm  sein  Ruin 
notwendig  und  so  fällt  es  zwischen  dem  Wasser  in  jenen 
Ort,  der  leer  von  Wasser  ist.  Solches  widerführe  dem 
Geist,  so  sich  innerhalb  der  Elemente  befände:  der  un- 
aufhörlich ein  Vakuum  in  solchem  Elemente  erzeugte, 
in  dem  er  wäre,  wegen  welcher  Sache  ihm  eine  bestän- 
dige Flucht  zum  Himmel  notwendig  würde,  bis  er  aus 
solchen  Elementen  herausgekommen. 

Ob  der  Geist  innerhalb  der  Elemente  einen  Kör-  ^[^Z^^hailfer* 

per    annimmt  Elemente     einen 

*^  Korper  an  ? 

Wir  haben  bewiesen,  wie  der  Geist  nicht  von  selbst 
ohne  Körper  innerhalb  der  Elemente  verbleiben  kann, 
noch  von  selbst  mit  willkürlicher  Bewegung  sich  be- 
wegen, es  wäre  denn  nach  oben  zu.  Doch  gegenwärtig 
werden  wir  sagen,  wie,  wenn  solcher  Geist  einen  Kör- 
per aus  Luft  annimmt,  es  notwendig  ist,  daß  er  innerhalb 
selbiger  Luft  mit  ihr  verschmelze;  denn  wenn  sie  selbst 

127 


vereinigt  bliebe,  wäre  er  getrennt  und  würde  der  Erzeu- 
gung eines  Vakuums  verfallen,  wie  oben  gesagt  worden. 
Daher  ist  es  notwendig,  daß,  um  innerhalb  der  Luft  bleiben 
zu  können,  er  sich  einer  Menge  von  Luft  einverschmelze; 
und,  wenn  er  sich  in  die  Luft  mischt,  verfällt  er  zwei 
Unannehmlichkeiten,  nämlich,  daß  er  diese  Menge  Luft 
leichter  macht,  in  die  er  eingemischt  ist,  aus  welchem 
Grund  die  erleichterte  Luft  von  selbst  in  die  Höhe  fliegt 
und  nicht  innerhalb  der  Luft  bleibt,  die  so  viel  dicker 
als  sie,  und  überdies  in  dieser  selbigen  geistigen  Kraft 
verstreut,  löst  sie  sich  auseinander  und  ändert  ihre  Natur, 
aus  welchem  Grunde  sie  ihrer  früheren  Tugend  entbehrt. 
Kommt  noch  eine  dritte  Unannehmlichkeit  hinzu,  und  diese 
ist,  daß  solcher  Leib  von  Luft,  vom  Geist  angenommen, 
der  Durchdringung  der  Winde  unterworfen  ist,  welche  un- 
aufhörlich die  vereinigten  Teile  der  Luft  veruneinigen 
und  zerreißen,  indem  sie  sie  innerhalb  der  anderen  Luft 
hin  und  her  drehen  und  herumwirbeln.    Daher  wird  der 

Geist,  in  solche 

SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  30  v. 

Luft  einverleibt,  zergliedert  oder  besser  :  zerfetzt  und 
zerbrochen  werden,  zugleich  mit  der  Luft,  in  die  er  sich 
eingeflößt  hat. 

Kann     sich    der    XIIL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  30  V. 

Geistmittels  eines 

Luftleibes  bewe-       Ob   der  Geist,    wenn   er   einen  Luftleib   ange- 
nommen, sich  von  selbst  bewegen  kann  oder 

nicht 

Unmöglich  ist  es,  daß  der  Geist,  in  eine  Quantität  von 
Luft  hineingeschmolzen,  die  selbige  Luft  bewegen  könne, 
und  dies  offenbart  sich  in  der  Stelle,  wo  es  heißt:  — 
„Der  Geist  macht  leichter  jene  Quantität  der  Luft,  der 
er  sich  einverleibt;"  daher  wird  dieser  Teil  der  Luft 
sich  über  die  andere  Luft  erheben,  und  es  wird  eine  Be- 
wegung sein,  die  von  der  Luft  durch  ihre  Leichtigkeit 
gemacht  ist  und  nicht  durch  eine  absichtliche  Bewegung 

128 


gen; 


des  Geistes,  und  wenn  diese  Luft  mit  dem  Wind  zu- 
sammengerät, nach  Nummer  3  von  diesem,  wird  die  sel- 
bige Luft  vom  Wind  bewegt  werden  und  nicht  von  dem 
mit  ihr  verschmolzenen  Geist. 

Ob  der  Geist  sprechen  kann  oder  nicht  ^*  ^''  9^«* 

^  sprechen      kann. 

Um  zu  zeigen,  ob  der  Geist  reden  kann  oder  nicht,  ist 
es  notwendig,  vorerst  zu  erklären,  was  eine  Stimme  ist 
und  wie  sie  sich  erzeugt,  und  wir  werden  es  auf  diese 
Art  sagen:  „die  Stimme  ist  eine  Bewegung  der  Luft,  so 
sich  an  einem  festen  Körper  reibt,  oder  ein  dichter  Kör- 
per, der  sich  an  der  Luft  reibt,  was  das  gleiche  ist, 
welche  Reibung  des  Dichten  mit  dem  Dünnen  das  Dünne 
verdichtet  und  sich  so  Widerstand  verursacht,  und  auch  das 
geschwinde  Dünne  im  langsamen  Dünnen  verdichten  eins 
das  andere  beim  Kontakt  und  machen  Ton  oder  unge- 
heueren Lärm,  und  der  Ton  oder  auch  Gemurmel  ist  vom 
Dünnen  hervorgebracht,  das  sich  im  Dünrten  mit  mäßiger 
Bewegung  bewegt,  wie  die  große  Flamme,  Erzeugerin  von  singende  Fiam- 
Tönen  in  der  Luft,  und  der  ungeheuere  Lärm  ist  hervor- 
gerufen vom  Dünnen  im  Dünnen,  wenn  das  geschwinde 
Dünne  ins  bewegliche  Dünne  eindringt  wie  die  Flamme 
des  Feuers,  so  aus  der  Bombarde  kommt  und  gegen  die 
Luft  schlägt,  und  ferner  die  Flamme,  so  aus  der  Wolke 
kommt  und  die  Luft  in  der  Erzeugung  des  Blitzes  er- 
schüttert." Also  werden  wir  sagen,  daß  der  Geist  keine 
Stimme  hervorbringen  kann  ohne  Bewegung  der  Luft,  und 
Luft  ist  in  ihm  nicht,  noch  kann  er  sie  von  sich  jagen, 
wenn  er  sie  nicht  hat,  und  wenn  er  jene  bewegen  will, 
in  die  er  einverleibt  ist,  so  muß  der  Geist  sich  multipli- 
zieren (verdichten),  und  sich  multiplizieren  kann  er  nicht, 
wenn  er  selbst  nicht  Quantität  hat,  nach  dem  vierten,  das 
sagt:  „Kein  Dünnes  bewegt  sich,  wenn  es  nicht  einen  ge- 
festigten Ort  hat,  von  dem  aus  es  Bewegung  annimmt, 
und  vor  allem,  wenn  das  Element  sich  im  (eigenen)  Ele- 
ment zu  bewegen  hat,  das  sich  nicht  von  selbst  bewegt, 

9        Herzfeld,   Leonardo 

129 


Zasammen- 
fassung. 


Desgleichen. 


außer  durch  gleichförmiges  Verdampfen  vom  Mittelpunkt 
der  verdampften  Sache  aus,  wie  es  im  Schwamm  ge- 
schieht, der  von  der  Hand  zusammengepreßt  wird,  die 
unter  dem  Wasser  steht:  aus  welchem  das  Wasser  flieht, 
nach  jeder  Richtung,  mit  gleicher  Bewegung,  durch  die 
Spalten,  die  zwischen  den  Fingern  der  Hand  befindlich 
sind,  so  ihn  innerhalb  von  sich  drückt."  — 

Ob  der  Geist  eine  artikulierte  Stimme  hat  und  ob  er 
gehört  werden  kann;  und  was  für  ein  Ding  hören  und 
sehen  ist;  und  wie  die  Welle  der  Stimme  durch  die  Luft 
geht,  und  wie  die  Bilder  der  Gegenstände  zum  Auge 
gehen  .  .  . 

XIV.  MS.  B.  FOL.  4  v. 
Es  kann    keine  Stimme    sein,    wo  nicht  Bewegung  und 

Erschütterung  der  Luft  ist;  es  kann  keine  Erschütterung 
der  Luft  sein,  wo  kein  Instrument  ist;  es  kann  kein  In- 
strument unkörperlich  sein;  wenn  dem  so  ist,  so  vermag 
ein  Geist  weder  Stimme,  noch  Form,  noch  Kraft  zu  haben, 
und  wenn  er  Körper  annimmt,  so  wird  er  nicht  eindringen 
noch  eintreten  können,  wo  die  Eingänge  versperrt  sind; 
und  wenn  jemand  sagte:  „durch  verdichtete  und  zusammen- 
gepreßte Luft  nimmt  der  Geist  Körper  von  verschiedenen 
Formen  an  und  durch  dieses  Instrument  spricht  er  und 
bewegt  sich  mit  Kraft",  auf  dies  Teil  sage  ich,  wo  keine 
Sehnen  und  Knochen  sind,  kann  nicht  Kraft  sein,  aus- 
geübt in  irgendeiner  Bewegung  von  den  eingebildeten 
Geistern. 

Fliehe  die  Lehren  jener  Spekulatoren,  denn  ihre  Gründe 
werden  von  der  Erfahrung  nicht  bestätigt. 

XV.  MS.  CA.  FOL.  190  v. 

O  Mathematiker,  schaffet  solchem  Irrtum  Licht! 

Der  Geist  hat  keine  Stimme,  denn  wo  Stimme  ist,  ist 
Körper,  und  wo  Körper  ist,  ist  Ausfüllung  von  Raum, 
welches  das  Auge  verhindert,  Sachen  zu  sehen,  die  hinter 


130 


solchen  Raum  gesetzt  sind:  also  füllt  solcher  Körper  mit 
sich  die  ganze,  ihn  umgebende  Luft,  nämlich  mit  seinem 
Schein  (Abbildern). 

XVI.  MS.  TR.  FOL.  33  r. 

Die  Sinne  sind  irdisch,  die  Vernunft  steht  außerhalb  von 
ihnen,  wenn  sie  betrachtet. 

XVIL  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  21  v. 

Der  Gegenstand  setzt  den  Sinn  in  Bewegung  (l'obbietto 
move  il  senso). 

XVIII.  MS.  CA.  FOL.  29  v. 
Unser  Urteil  beurteilt  die  Dinge,    so   in    verschiedenen 

Entfernungen  der  Zeit  geschehen  sind,  nicht  in  den  ge- 
bührenden und  ihnen  eigenen  Entfernungen;  denn  viele 
Dinge,  die  vor  vielen  Jahren  vorgefallen,  werden  nahe- 
liegend und  benachbart  erscheinen,  und  viele  nachbarliche 
Dinge  werden  alt  erscheinen,  zu  gleich  mit  dem  Alter 
unserer  Jugend;  und  ebenso  tut  das  Auge  zwischen  ent- 
fernten Dingen,  die,  weil  von  der  Sonne  beleuchtet,  dem 
Auge  nahe  scheinen,  und  viele  nahe  Dinge  scheinen  fern. 

XIX.  MS.  H.  II.  FOL.  60  r. 
Wenn    die    Natur    in    die    vegetativen    Lebewesen    den 

Schmerz  befohlen  hat,  zugleich  mit  der  Bewegung,  zur 
Erhaltung  der  Instrumente,  die  sich  durch  die  Bewegung 
vermindern  und  verderben  könnten,  haben  die  vegetativen 
Lebewesen  ohne  Bewegung  nicht  gegen  die  ihnen  ent- 
gegengestellten Objekte  anzurennen;  daher  ist  der  Schmerz 
in  den  Pflanzen  nicht  notwendig,  so  daß,  wenn  man  sie 
bricht,  sie  den  Schmerz  nicht  spüren  wie  die  Tiere. 

XX.  MS.  TR.  FOL.  20. 
Jede  unserer  Erkenntnisse    hat   ihren  Ursprung   in    der 

Empfindung. 

XXI.  MS.  TR.  FOL.  6. 
Wo  am  meisten  Empfindung  ist,  ist  größtes  Märtyrertum. 

9« 

131 


Sinne    und    Ver- 
nunft. 


Die    Sinne     von 

der      Außenwelt 

abhängig. 


Selbst- 
täuschungen. 


Der  Schmerz  und 
seine  Rolle. 


Desgleichen. 


Reversseiie. 


Körper  and  Seele    XXII.  MS.  CA.  FOL.  76  T, 

in  Wechselwir- 
kung, -^gj.  sehen  will,  wie  die  Seele  in  ihrem  Körper  wohnt, 

sehe  nach,  wie  dieser  Körper  seine  tägliche  Bewohner- 
schaft gebraucht;  nämlich,  wenn  jene  ohne  Ordnung  und 
verwirrt  ist,  wird  der  Körper,  der  von  seiner  Seele  be- 
sessen ist,  auch  unordentlich  und  wirr  sein. 

Menschen,  denen    XXIII.  R.  1179,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  17  f. 

das    höhere    gei- 
stige Leben  nichts     Hier  gibt  es  einige,  die  man  nicht  anders  als  Durchgang 

von    Speise   und   Vermehrer   von  Unrat    und   Füller  von 

Abtritten  nennen  kann,  weil  für  sie  nichts  anderes  auf  der 

Welt  ist  noch  irgendeine  Tugend  sich  ins  Werk  setzt,  so 

daß  von  ihnen  anderes  als  volle  Latrinen  nicht  übrigbleibt. 

Das   Schlimmste   xxiV.  R.  844,  MS.  W.  AN.  III.  FOL.  241  r. 

auf  Erden  ist  der  ' 

Mensch.  -^j^  ^^  ^^^  König  der  Tiere  beschrieben  hast,  —  aber 

ich  würde  besser  sprechen,  wenn  ich  sagte  König  der 
Bestien,  indem  du  von  ihnen  die  größte  bist,  weil  du  sie 
nur  nicht  getötet  hast,  damit  sie  später  dir  ihre  Jungen 
geben  können,  zum  Besten  deines  Gaumens,  mit  welchem 
du  versucht  hast,  dich  zum  Grabe  aller  Tiere  zu  machen, 
und  noch  Weiteres  würde  ich  sagen,  wenn  das  Wahre  zu 
sagen  mir  völlig  gestattet  wäre.  Doch  wir  bleiben  inner- 
halb der  menschlichen  Dinge,  indem  wir  eine  höchste 
Ruchlosigkeit  nennen,  die  nicht  vorkommt  bei  den  Tieren 
der  Erde,  sintemalen  unter  denen  sich  keine  finden,  so 
von  ihrer  eigenen  Spezies  essen,  außer  aus  Mangel  an 
Gehirn  [bei  wenigen  von  ihnen  und  bei  Müttern,  wie  bei 
.    „        .  den  Menschen,  obschon  sie  bei  jenen  nicht  in  so  großer 

AmengoVespncci  ^  f  o 

in  Briefen  über  Zahl  sind],  und  dics  geschieht  nicht,  außer  bei  den  Raub- 

die     kanarischen      .  .,.,^  jt-  jt  j 

Inseln,  die  er  tiereu ,  Wie  bei  der  Gattung  der  Löwen  und  Leoparde, 
Gonfaloniere  So-  Panther,  Luchse,  Katzen  und  ähnlichen,  welche  manches 
'^'%chtelr'''  Mal  ihre  Jungen  fressen.  Aber  du  ißt  außer  den  Jungen 
Von  dem  Mästen  auch    den  Vater,    die  Mutter,  Brüder    und  Freunde,    und 

der    Gefangenen  .  .  i    r.      i        • 

erzählt  Manda-  nicht  gcnugen  dir  diese,  so  daß  du  jagen  gehst  auf  an- 
Buchäber/remde  derer  Inselu,  die  andern  Menschen   raubend,  und  diese,, 

132 


halb  nackt  an  Gliedern  und  Lenden,  fütterst  du  fett  und   Y°.'.''^'i  '"}^  f'^- 

'  brauche,  das  Leo- 

jagst  sie    dir   durch    den  Schlund.     Ja,    bringt    denn    die  "'^'"'^o  ^^^'^ß- 

Natur  nicht  so  viel  Einfaches  hervor,  daß  du  dich  sättigen  uiZanM^B'arto- 

kannst?    Und  wenn  du  dich  nicht  mit  dem  Einfachen  be-  ^nanniptltiiàfìn 

enügst,  kannst  du  nicht  durch  die  Mischung  dieser  unend-  seinem  Buch:  De 

°       °     '  °  la  honesta  volup- 

lich  viele  Zusammensetzungen  machen,   wie    der  Piatina  ''^'«.  <^'^^  ^^ch  in 

Leonardos  Biblio- 

es  beschrieb  und  die  anderen  Autoren  des  Gaumens?  thek  befand. 

XXV.  R.  1219,  MS.  BR.  M.  FOL.  156  V.     ^^rum  dieNatar 

nicht  verbot,  daß 

Warum  verbot  die  Natur  nicht,  daß   das  eine  Tier  vom  ein  per  vom  an- 

deren  lebe. 

Tode  des  anderen  lebe?  Die  Natur,  die  begierig  danach 
ist  und  Vergnügen  findet  am  Schaffen  und  Machen  be- 
ständig neuer  Leben  und  Formen,  weil  sie  erkennt,  daß 
hierin  ein  Anwachsen  ihrer  irdischen  Materie  ist,  ist  will- 
fährig und  viel  schneller  in  ihrem  Schaffen,  als  die  Zeit 
im  Zerstören;  und  darum  hat  sie  angeordnet,  daß  viele 
Tiere  Speise  seien  eines  für  das  andere;  und  da  dieses 
solchem  Wunsche  nicht  Genüge  tut,  sendet  sie  oft  ge- 
wisse vergiftete  und  pestilenzialische  Dünste  herab  auf 
die  großen  Vermehrungen  und  Ansammlungen  von  Tieren 
und  vor  allem  auf  die  Menschen,  die  großes  Anwachsen 
haben,  weil  andere  Tiere  sich  nicht  von  ihnen  nähren 
und  da  die  Ursachen  genommen  sind,  auch  die  Wirkungen 
fehlen.  Also  sucht  diese  Erde  von  ihrem  Leben  zu  ver- 
lieren, dabei  beständige  Vermehrung  wünschend;  nach 
deinem  angedeuteten  und  bewiesenen  Grunde  gleichen 
die  Wirkungen  oft  ihren  Ursachen;  die  Tiere  sind  vor- 
bildliches Exempel  des  ganzen  irdischen  Lebens. 

XXVL  R.  917,  MS.  BR.  M.  FOL.  176  r.    Zeit  als  philoso- 

phischer Begriff. 

Schreibe  von  der  Qualität  der  Zeit,  getrennt  von  der 
Geometrie. 

XXVn.  R.  916,  MS.  BR.  M.  FOL.  173  V.       Von  der  Zeit. 

Obwohl  die  Zeit  unter  die  kontinuierlichen  Quantitäten 
gezählt  wird,  fällt  sie  doch,  weil  sie  unsichtbar  und  ohne 
Körper  ist,  nicht  gänzlich  unter  die  geometrische  Potenz, 

133 


welche  es  mit  Figuren  und  Körpern  von  unendlicher 
Mannigfaltigkeit  zu  tun  hat,  wie  sie  sich  beständig  in  den 
sichtbaren  und  körperlichen  Dingen  zeigen.  Aber  nur 
mit  deren  ersten  Anfängen  stimmt  sie  überein,  das  heißt, 
mit  dem  Punkt  und  der  Linie;  der  Punkt  der  Zeit  kann 
mit  dem  Moment  gleichgestellt  werden,  und  die  Linie 
hat  Ähnlichkeit  mit  der  Länge  einer  Quantität  von  Zeit, 
und  wie  die  Punkte  Anfang  und  Ende  vorbesagter  Linie 
sind,  so  sind  die  Augenblicke  Ausgang  und  Beginn  welch 
immer  gegebenen  Raumes  von  Zeit;  —  und  wenn  die 
Linie  unendlich  teilbar  ist,  der  Raum  irgendeiner  Zeit 
ist  solcher  Teilbarkeit  nicht  fremd,  und  wenn  die  Teile 
der  Linie  untereinander  proportionierbar  sind,  werden  auch 
die  Teile  der  Zeit  unter  sich  zu  proportionieren  sein. 

Für  ger.aae  Zeit-    XXVIII.  R.  918,  MS.  BR.  M.  FOL.  191  r. 

messungen. 

Mache,  daß  eine  Stunde  in  3000  Teile  geteilt  sei,  und 
dies  wirst  du  mit  der  Uhr  tun,  indem  du  das  Gegenge- 
wicht erleichterst  oder  schwerer  machst. 


Zum  Entwarf 

einer    neuartigen 

Uhr. 


Rätsel. 


XXIX.  MS.  CA.  FOL.  12  v. 
...  Es   fehlen   uns   nicht  Arten    noch  Wege,   abzuteilen 

und  zu  messen  diese  unsere  elenden  Tage,  in  denen  wir 
uns  noch  gefallen  müssen,  wenn  wir  sie  nicht  vergeblich 
verbringen  und  sie  hinstreichen  lassen  ohne  irgendwelches 
Lob  und  ohne  von  uns  irgendeine  Erinnerung  im  Geiste 
der  Sterblichen  zurückzulassen. 

Auf  daß  dieser  unser  elender  Lauf  nicht  umsonst   ver- 
fließe .  .  . 

XXX.  MS.  CA.  FOL.  384  r. 
»Ich  werde  ein  Wort  oder  zwei    oder   zehn  oder  noch 

mehr  sagen,  wie  es  mich  freut,  und  will  dabei,  daß  in 
der  gleichen  Zeit  mehr  als  tausend  Personen  dasselbe 
sagen,  das  heißt,  daß  sie  unmittelbar  das  sagen,  was  ich, 
und  werden  mich  nicht  sehen,  noch  werden  sie  das  hören, 
was  ich  sage." 


134 


«Dies  wären  die  Stunden,  die  von  dir  aufgezählt  werden, 
so  daß,  wenn  du  eins  sagtest,  alle  jene  so  wie  du  die 
Stunden  aufzählen,  dieselbe  Nummer  sagten,  wie  du  in 
dieser  Zeit." 

XXXI.  R.  1216,  MS.  BR.  M.  FOL.  131  r.       Vom  Nichts. 
Jede  kontinuierliche  Quantität  ist  intellektuell  ins  Unend- 
liche teilbar. 

[Unter  den  Größen  der  Dinge,  die  rund  um  uns  sind, 
hat  das  Dasein  des  Nichts  die  Vorherrschaft  inne,  und 
sein  Amt  erstreckt  sich  über  die  Dinge,  die  kein  Dasein 
haben,  und  seine  Wesenheit  wohnt  in  der  Zeit  zwischen 
dem  Vergangenen  und  der  Zukunft  und  besitzt  gar  nichts 
von  der  Gegenwart.  Dieses  Nichts  hat  seinen  Teil  gleich 
dem  Ganzen,  und  das  Ganze  gleich  dem  Teile,  und  das 
Teilbare  dem  Unteilbaren,  und  hat  die  gleiche  Summe  im 
Produkt,  in  der  Division  wie  in  der  Multiplikation,  und 
im  Summieren  so  viel  wie  im  Subtrahieren,  wie  es  sich 
bei  den  Arithmetikern  in  ihrer  zehnten  Ziffer  beweist, 
die  das  selbige  Nichts  (0)  repräsentiert;  und  seine  Macht 
dehnt  sich  nicht  auf  die  Dinge  der  Natur  aus.] 

[Das,  was  Nichts  genannt  wird,  findet  sich  nur  in  der 
Zeit  und  in  den  Worten;  in  der  Zeit  findet  es  sich  im 
Vergangenen  und  in  der  Zukunft,  und  hat  nichts  von  der 
Gegenwart  inne;  und  ebenso  in  den  Worten  der  Dinge, 
von  denen  man  sagt,  daß  sie  nicht  sind  oder  daß  sie  un- 
möglich sind.] 

In  der  Zeit  residiert  das  Nichts  im  Vergangenen  und  in 
der  Zukunft  und  besitzet  nichts  in  der  Gegenwart,  und 
in  der  Natur  gesellt  es  sich  den  unmöglichen  Dingen, 
woher,  nach  dem,  was  gesagt  wurde,  es  kein  Dasein  hat. 
Nachdem,  wo  das  Nichts  wäre,  das  Vakuum  vorhanden 
sein  müßte. 

XXXII.  MS.  CA.  FOL.  398  V.     Vom  Nichts:  an- 

dere     Formulie- 

Unter  den  großen  Dingen,  die  sich  unter  uns  vorfinden,  '■«nf- 

ist  das  Dasein  des  Nichts  besonders    groß.     Es  residiert 

135 


in  der  Zeit  und  streckt  seine  Glieder  ins  Vergangene  und 
ins  Künftige  aus,  womit  es  alle  gewesenen  Werke  und 
die  erst  kommen  sollen  in  sich  aufnimmt  (occupa),  ebenso 
die  der  Natur  wie  die  der  Lebenden,  und  besitzt  nichts 
vom  unteilbaren  Gegenwärtigen.  Dieses  verbreitet  sich 
aber  nicht  über  die  Wesenheit  irgend  einer  Sache. 

Ober     die     Ver-    XXXIII.  MS.  CA.  FOL.  76  f. 

gänglichkeit. 

Mit  Unrecht  beklagen  sich  die  Menschen  über  die  Flucht 
der  Zeit,  diese  einer  zu  großen  Geschwindigkeit  beschul- 
digend, und  bemerken  nicht,  daß  jene  von  ganz  genügender 
Vergänglichkeit  ist;  doch  gutes  Gedächtnis,  mit  dem  die 
Natur  uns  begabt  hat,  macht,  daß  jede  lang  vergangene 
Sache  uns  gegenwärtig  zu  sein  scheint. 

Bild  der  Gegen-    XXXIV.  MS.  TR.  FOL.  34  f. 

wart. 

Das  Wasser,  das  von  den  Flüssen  du  berührst,  ist  das 
letzte  von  jenem,  das  ging,  und  das  erste  von  jenem,  das 
kommt:  also  auch  die  gegenwärtige  Zeit. 

Das  Unendliche.    XXXV.  MS.  CA.  FOL.  131  f. 

Welches  ist  jene  Sache,  die  es  nicht  gibt,  und  die,  wenn 
es  sie  gäbe,  nicht  existierte? 

Es  ist  das  Unendliche,  welches,  wenn  es  das  geben 
könnte,  begrenzt  und  endlich  wäre,  weil  das,  was  existiert, 
Grenzen  hat  in  der  Sache,  die  es  an  seinem  Äußeren 
umgibt,  und  was  eben  nicht  existiert,  ist  jene  Sache,  so 
keine  Grenzen  hat. 

Einheit  aller        XXXVI.  MS.  CA.  FOL.  385  V. 

Dinge. 

Anaxagoras:  Jede  Sache  kommt  von  jeder  Sache,  und 
jede  Sache  wird  zu  jeder  Sache,  und  jede  Sache  kehrt 
in  jede  Sache  zurück,  weil  alles,  was  in  den  Elementen 
existiert,  aus  selbigen  Elementen  gemacht  ist. 

Was  ist-        XXXVII.  MS.  F.  FOL.  49  v. 

Sieh   das   Licht   und    beachte    seine   Schönheit.     Blinzle 

mit    den  Augen  und   schau    es    dann  an;   das,   was  von 

136 


ihm  du  siehst,  war  vorher  nicht,  und  was  davon  war,  ist 
nicht  mehr. 

Wer  ist's,  der   es  wieder  herstellt,  wenn  sein  Urheber 
beständig  stirbt! 

XXXVIII.  MS.  CA.  FOL.  289  r.    Punkt undNichts. 

Vom  Punkt 

Das  Nichts  ist  Fehlen  des  Seins  oder  des  Gegenstandes. 
Der  Punkt  ist  das  Ende  des  Seins  oder  der  Sache. 

XXXIX.  MS.  CA.  FOL.  289  v.  ^""■ 

Das  Nichts  (Null)  hat  keine  Mitte,  und  seine  Enden  sind 
nichts  (null). 

XL.  MS.JCA.  FOL.  244  V.    in  der  Weit  gibt 

es  keine  ^quantità 

Zwei  Schwächen,   so    sich    aneinander   lehnen,    machen     négugeatie^. 
eine  Stärke.     Also  hält  die  halbe  Welt,  sich  auf  die  an- 
dere stützend,  sich  im  Gleichgewicht. 

Keine  teilbare  Sache  ist  so  leicht,  daß  sie  nicht  die  Welt 
bewegte. 

XLI.  SP.,  MS.  W.  A.  FOL.  A.  2  r.     Wert  des  gering- 

sten Lebens 

Und  du,  o  Mensch,  so  du  in   dieser  meiner  Arbeit  die  f'''^  Randbemer- 

'  '  kung    za    anato- 

wunderbaren  Werke   der  Natur   betrachtest,  —  wenn  du  mischen    Zeich- 
nungen und  Er- 
es als  eine  ruchlose  Sache  beurteiltest,   meine  Mühe  zu      kiärangenj. 

zerstören,  dann  überlege,  wie  es  ruchloseste  Sache  ist, 
einem  Menschen  das  Leben  zu  nehmen,  von  welchem 
(Menschen),  wenn  diese  seine  Zusammensetzung  dir  von 
wunderbarer  Kunstfertigkeit  scheint,  bedenke,  daß  dieses 
nichts  ist  im  Vergleich  zu  der  Seele,  die  in  solchem  Bau- 
werke wohnt,  und  wahrhaftig,  was  immer  sie  sei,  es  ist 
eine  göttliche  Sache,  die  sie  in  ihrem  Werke  nach  ihrem 
Gutbedünken  wohnen  läßt,  und  wolle  nicht,  daß  dein  Zorn 
oder  Böswilligkeit  dergleichen  Leben  zerstöre;  denn  in 
der  Tat,  wer  es  nicht  achtet,  der  verdient  es  nicht. 

137 


Weil  sie  so  widerwillig  vom  Körper  sich  losscheidet,  und 
ich  glaube  wohl,  daß  ihr  Weinen  und  Schmerz  nicht  ohne 
Berechtigung  ist. 
^'^^"Luf  '^"  ^^^  bemühe  dich,  die  Gesundheit  zu  erhalten,  welche 
Sache  dir  um  so  mehr  gelingen  wird,  je  mehr  du  dich  vor 
den  Ärzten  hütest. 

Weil  ihre  Mischungen  eine  Art  von  Alchimie  sind,  von 
der  es  eine  nicht  geringere  Anzahl  von  Büchern  gibt, 
als  sie  von  der  Medizin  existieren. 


Ihre  Mittel. 


VI.  APHORISMEN /ALLEGORIEN 


R.  1133,  W.  AN.  IV.  FOL.  172  r. 
Anrufung  (Oratio) 
u,  o  Herr,  verkaufst  uns  alle  Güter  um  den 
Preis  von  Mühe. 


II.  R.  685,  MS.  W.  P.  FOL.  1 1  v. 
Eher  der  Bewegung  beraubt  sein,  als  zu  nützen  müde. 
Eher  Tod,  als  Müdigkeit. 

Ich  werde  nicht  satt,  zu  dienen. 

Ich  ermüde  nicht  zu  nützen  —  ein  Karnevalsmotto. 

Sine  lassitudine. 

Kein  Werk  vermag  mich  zu  ermüden. 

Hände,  in  welche  Dukaten  und  kostbare  Steine  nieder- 
flocken, die  ermüden  nie  zu  dienen;  aber  solcher  Dienst  ist 
nur  zu  eigenem  Nutzen  und  ist  nach  unserm  Vorsatz  nicht. 

Von  Natur  aus  hat  Natur  mich  so  geartet  (natura  cosi 
mi  dispone,  naturalmente). 

III.  MS.  ASH.  I.  FOL.  34  v. 
Verlange  nicht  Reichtum,  der  verloren  gehen  kann.    Die 

Tugend  ist  unser  wahres  Gut  und  gibt  seinem  Besitzer 
den  wahren  Lohn;  sie  kann  nicht  verloren  gehen;  sie 
verläßt  uns  nicht,  wenn  nicht  vorher  das  Leben  uns  ver- 
läßt. Alles  Eigentum  und  der  äußere  Wohlstand,  du  be- 
wahrst sie  mit  Angst,  und  oft  lassen  sie  mit  Verachtung 
und  verhöhnt  ihren  Besitzer  zurück,  der  sie  verliert. 

IV.  MS.  CA.  FOL.  109  v. 
Anordnen  ist  Herrenwerk,  Ausführen  ist  Knechteshand- 
lung (l'ordinare  è  opra  signorile,  l'oprare  è  atto  servile). 


Anrufung. 


Schaffenstrieb, 


Reichtum  und 
Tugend, 


Geistige   Arbeit 
und  Händewerk, 


139 


Geistige   Leiden- 
schaften. 


V.  MS.  CA.  FOL.  358  v. 

Die  Leidenschaft  des  Geistes  jagt  die  Begierden  (lussu- 
ria) davon. 


Liebe  als  Symbol    VI.  MS.  TR.  FOL.  1 1 . 

alles  Geschehens. 

Es  setzt  sich  der  Geliebte  für  den  geliebten  Gegenstand 
in  Bewegung,  wie  der  Sinn  für  das  Wahrnehmbare  und 
vereinigt  sich  mit  ihm  und  macht  sich  mit  ihm  zu  ein 
und  derselben  Sache. 

Das  Werk  ist  das  erste,  was  aus  der  Vereinigung  ge- 
boren wird.  Wenn  die  geliebte  Sache  niedrig  war,  so 
wird  der  Liebende  niedrig.  Wenn  die  vereinigte  Sache 
ihrem  Vereiniger  angepaßt  ist,  so  folgt  daraus  Genuß  und 
Vergnügen  und  Befriedigung. 

Wenn  der  Liebende  dem  Geliebten  verbunden  ist,  so 
ruht  er  sich  da  aus;  wenn  das  Gewicht  sein  Gleich- 
gewicht gefunden,  so  ruht  es  darin. 

Die  Sache,  welche  unser  Intellekt  erkannte  .... 

Die  Begierden.      VIL  MS.  H.  IIL  FOL.  1 19  f. 

Wer   die  Wollust  nicht  zügelt,   gesellt  sich  den  Tieren. 


Selbst- 
beherrschung. 


Vm.  MS.  H.  m.  FOL.  119  r. 

Man  kann   keine  größere  noch  kleinere  Herrschaft  be- 
sitzen als  die  über  sich  selbst. 


Das      Unerreich-    IX.  SP.,  MS.  W.  AN.  B.  FOL.  21  V. 

bare     nicht     er- 
streben. Versprich  dir  keine  Dinge  und  tu  um  ihretwillen  nichts, 

wenn  du  siehst,  daß  sie  nicht  zu  haben  in  dir  Leiden- 
schaft erweckte  (Non  ti  promettere  delle  cose  e  non  le 
fare,  se  tu  ve'  che  non  l'avendo  t'abbino  a  dare  passione). 


Die  Gedanken-      X 
losen. 


MS.  H.  in.  FOL.  119r. 


Wer  wenig  denkt,  irrt  viel. 


Vorhersicht.        XI.  MS.  H.  III.  FOL.  119  f. 

Leichter  widersetzt  man  sich  dem  Anfang  als  dem  Ende. 


140 


XII.  MS.  H.  III.  FOL.  1 19  r.         Bester  Rat. 

Kein  Rat  ist  so  aufrichtig  wie  der,  den  man  von  Schiffen 
aus  gibt,  die  in  Gefahr  sind. 

XIII.  MS.  H.  III.  FOL.  119  r.     Schlechter  Rat. 

Es  erwarte  Schaden,  wer  sich  von  denen  leiten  läßt, 
welche  jugendlich  im  Rate  sind. 

XIV.  MS.  CA.  FOL.  117  r.         Geduld. 
Die  Geduld  macht  es  mit  den  Kränkungen  nicht  anders, 

als  es  die  Gewänder  mit  der  Kälte  machen,  indem,  wenn 
du  dir  die  Gewänder  vermehren  wirst  je  nach  der  Ver- 
mehrung der  Kälte,  diese  Kälte  dir  nicht  wird  schaden 
können;  gleicherweise,  gegenüber  den  großen  Kränkungen, 
erhöhe  die  Geduld,  und  selbige  Kränkungen  werden  deinen 
Geist  nicht  verletzen  können. 

XV.  MS.  CA.  FOL.  112  r.  Vorsorge. 

Erwirb  in  deiner  Jugend,  was  den  Schaden  deines  Alters 
gut  macht.  Und  wenn  du  begreifst,  daß  das  Alter  die 
Weisheit  zu  seiner  Speise  habe,  benimm  dich  in  deiner 
Jugend  so,  daß  solchem  Alter  nicht  die  Nahrung  mangle. 

XVI.  MS.  L  FOL.  15  r.     Wert  des  Lebens. 

Wer  das  Leben  nicht  schätzt,  verdient  es  nicht. 


Gegen    den 
Schlaf. 


XVII.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
O  Schläfer!  was  ist  der  Schlummer  denn?    Der  Schlaf 

hat  Ähnlichkeit  mit  dem  Tode;  o,  warum  also  machst 
du  nicht  solches  Werk,  daß  nach  dem  Tode  du  Ähnlich- 
keit habest  mit  dem  vollkommen  Lebenden,  statt  lebend 
durch  den  Schlaf  dich  den  elenden  Toten  gleich  zu 
machen? 

XVIII.  R.  682,  MS.  W.  L.  FOL.  198  r.       Hohe  Ziele. 
Hindernis  beugt  mich  nicht. 

Jedes  Hindernis  wird  durch  Strenge  zerstört. 

Es    kehrt  nicht   um,  wer  an   einen  Stern  gebunden  ist. 


141 


Sinnbild  des      XIX.  MS.  H.  I.  FOL.  39  r. 

Starken. 

Das  Eisen,  so  beständig  den  Prall  des  strömenden 
Wassers  empfängt,  rostet  nie,  sondern  verzehrt  sich,  in- 
dem es  sich  bräunt. 

Schlimmer    Ruf.    XX.  MS.  H.  I.  FOL.  40  r. 

Nichts  ist  zu  fürchten  als  beschmutzter  Ruf.  Dieser 
beschmutzte  Ruf  ist  aus  den  Lastern  geboren. 

Weisheit.        XXL  R.  1150,  MS.  S.  K.  M.  IIL  FOL.  80  v. 

Die  Weisheit  ist  eine  Tochter  der  Erfahrung. 

DerMißtranische.    XXIL  MS.  CA.  FOL.  344  f. 

Dies  ist  durch  Erfahrung  erprobt,  daß  der,  welcher  nie- 
mals traut,  betrogen  sein  wird. 


Hoffnung. 


Desgleichen. 


Undankbarkeit. 


Freundschaft. 


Vorsicht. 


Wahrheit  im 
Erinnern. 


LasterundLeben. 


XXIII.  MS.  CA.  FOL.  68  v. 
Die  Gedanken  wenden  sich  der  Hoffnung  zu. 

XXIV.  MS.  H.  LFOL.48V. 
Es  entsteht  Leere,  wo  die  Hoffnung  stirbt. 

XXV.  MS.  H.  I.  FOL.  16  v. 
Das   Gedächtnis   für   Wohltaten   erlernte   Undankbarkeit; 

es  ist  hinfällig. 

XXVI.  MS.  H.  I,  FOL.  16  v. 
Tadle  den  Freund  im  geheimen  und  lobe  ihn  öffentlich. 

XXVn.  MS.  H.  LFOL.  16v. 

Wer  die  Gefahren  fürchtet,  geht  durch  sie  nicht  zugrunde. 

XXVIII.  MS.  H.  I.  FOL.  16  v. 
Lüge  das  Vergangene  nicht  hinweg.   (Non  esser  bugiardo 

del  preterito.) 

XXIX.  MS.  H.  I.  FOL.  32  r. 
Wollust  ist  der  Grund  aller  Zeugung. 

Eßgier  ist  Erhaltung  des  Lebens. 

Angst  oder  Furchtsamkeit  ist  Verlängerung  des  Lebens. 

Betrug  ist  Heil  des  Instrumentes. 


142 


XXX.  MS.  CA.  FOL.  76  r.    Angst  als  Schutz. 

So  wie  Feindseligkeit  Gefahr  für  das  Leben  ist,   so  ist 
Angst  Sicherheit  für  selbiges. 


XXXI.  MS.  L.  FOL.  90  v. 

Die  Furcht  entsteht  schneller  als  alles  andere. 


Furcht. 


XXXII  MS.  CA.  FOL.  170  r.    Furcht  und  Vor- 

'^^^^'^-  Sicht. 

Wer  nichts  fürchtet,  ist  oft  voller  Schaden,  bereut  es  oft. 


XXXIII. 
Der  Efeu  ist  langen  Lebens. 


R.  683,  MS.  W.  L.  FOL.  198  V.         ^^r  Schutz 

'  sucht. 


XXXIV.  R.  1281,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  73  V.    Der  Wein  und  der 

Trinker. 

Der   Wein,   vom  Trunkenbold   verzehrt,    selbiger   Wein 
rächt  sich  am  Trinker. 


XXXV.  MS.  H.  L  FOL.  48  v. 

Mäßigkeit  zügelt  alle  Laster. 
Der  Hermelin  —  eher  sterben  als  sich  beschmutzen. 


Reinheit. 


XXXVL  MS.  ASH.  I.  FOL.  34  r.        Lernen  ohne 

Wißbegier. 

Wie  das  Essen  ohne  Lust  der  Gesundheit  schädlich  ist, 
so  verdirbt  das  Studium  ohne  Begier  das  Gedächtnis,  so 
daß  es  nichts  von  dem  behält,  was  es  zu  sich  nimmt. 


XXXVII.  MS.  CA.  FOL.  289  v. 
Wie  ohne  Übung  das  Eisen  rostet  und  das  Wasser  fault 

oder  in  der  Kälte  gefriert,  so  der  menschliche  Geist  ohne 
Übung  desselben. 

XXXVIII.  MS.  CA.  FOL.  289  v. 
Übel  tust  du,  wenn  du  lobst,  und  übler,  wenn  du  schmähst 

die  Sache,  welche  du  nicht  gut  verstehst. 


Arbeit. 


Was  du  nicht 
verstehst. 


XXXIX. 


MS.  CA.  FOL.  289  v.        Glück  und 

Geistesgegen- 

Wenn  das  Glück  kommt,  fasse  es  mit  sicherer  Hand,  —         ^art. 
von  vorn,  rat  ich  dir;  hinten  ist's  als  kahl  bekannt. 


143 


Dem   Verräter.      XL.  MS.  H.  III.  FOL.  118  F. 

Wer  eine  Mauer  abgräbt,  dem  fällt  sie  auf  den  Rücken. 
Wer  den  Baum  durchschneidet,  an  dem  rächt  dieser  sich 
durch  seinen  Ruin. 
Dem  Verräter  ist  der  Tod  Leben. 

Der  richtige  Rat-    XU.  MS.  H.  III.  FOL.  1 18  V. 

getter. 

Verlange  Rat  von  dem,  der  sich  gut  beherrscht. 

Gerechtigkeit.      XLIL  MS.  H.  IIL  FOL.  118  V. 

Gerechtigkeit  braucht  Kraft,  Intelligenz  und  Willen  und 
gesellt  sich  dem  König  der  Bienen. 

Lässigkeit.       XLIIL  MS.  H.  m.  FOL.  118v. 

Wer  das  Schlechte  nicht  bestraft,  befiehlt,  daß  es  ge- 
schehe. 

Beim  rechten       XLIV.  MS.  H.  III.  FOL.  118v. 

Ende  fassen.  i.       r^    ,  <  .        « 

Wer  die  Schlange  beim  Schwänze  nimmt,  wird  von  ihr 
gebissen. 

Hinterlist  und      XLV.  MS.  H.  III    FOL.  1 18  V. 

Strafe. 

Wer  eine  Grube  gräbt,  wird  von  ihr  begraben. 

Der  Tüchtige.      XLVI.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 

Selten  fällt,  wer  gut  geht. 

Aus  sicherem  Ort.     XLVII.  MS.  CA.  FOL.  71  F. 

Drohungen  sind  eine  Waffe  nur  des  Unbedrohten. 

Glück.  XLVIII.  MS.  CA.  FOL.  71  r. 

Wo  das  Glück  eintritt,  eröffnet  der  Neid  die  Belagerung 
und  bekämpft  es;  und  wo  es  scheidet,  hinterläßt  es  Schmerz 
und  Bedauern. 

(Auf  dem  Seitenrand.)     Am  23.  Tag  des  April  1490. 

Neid.  XLIX.  MS.  H.  II.  FOL.  60  v. 

Der  Neid  verletzt  durch  vorgegebene  Niederträchtigkeit, 
das  heißt,  durch  Herabziehen  des  anderen,  welche  Sache 
die  Tugend  entsetzt. 

144 


L.  MS.  B.FOL.  3  V.    Das      Erdgehun- 

Wenn  du  den  Leib  der  Tugend  gemäß  hättest,  begehrtest    ^"^  "TeZ^.^ 
du  nicht  in  dieser  Welt. 

LI.  MS.  B.FOL.  3  V. 

Du  wächst  an  Ruf  wie  Brot  den  Kindern  auf  der  flachen 
Hand  wächst. 

LIL  MS.  M.  FOL.  4  r. 

Das  Übel,  so  mir  nicht  schadet,  ist  wie  das  Gut,  so  mir 
nicht  nützt. 

LIIL  MS.  M.  FOL.  4  r. 

Das  Schilfrohr,  das  die  Hälmchen  zurückhält,  welche  es 
ertränkt. 


Ohne  eigene 
Mähe. 


Passivität, 


Allegorie  der 
Tücke. 


LIV. 


MS.  M.  FOL.  4  V.       Unvorsichtig. 


Kälte. 


Der  richtige 
Instinkt. 


Wer  andere  verletzt,  sorgt  nicht  um  sich. 

LV.  MS.  CA.  FOL.  289  v. 

Dir  gefrieren  die  Worte  im  Mund,  und  du  würdest  im 
Mongibello  (Ätna)  Eis  machen. 

LVL  MS.  F.  FOL.  96  V. 

Der  Mensch  hat  viel  Überlegung,  von  welcher  der  größte 
Teil  hohl  und  falsch  ist;  die  Tiere  haben  sie  gering,  doch 
ist  sie  nützlich  und  tüchtig:  besser  die  kleine  Gewißheit 
als  die  große  Lüge. 

LVIL  MS.  CA.  FOL.  37  V.       Schmeichelei. 

Allgemeiner  Brauch 
Ein  armer  Teufel  werde  umschmeichelt,  und  die  Schmeich- 
ler werden  stets  die  Betrüger  und  Bestehler  und  Mörder 
selbigen  armen  Teufels  sein. 

LVIIL  MS.  F.  FOL.  96  V.    Gegen  die  Ärzte. 

Jeder  Mensch  wünscht  Kapital  zu  erwerben,  —  um  es 
den  Ärzten,  Zerstörern  des  Lebens,  zu  geben:  also  müssen 
diese  reich  sein. 

10        Herzfeld,   Leonardo 

145 


Schlaf.         LIX.  MS.  I.  FOL.  56  r. 

Welches  ist  die  Sache,  die  von  dem  Menschen  sehr  ge- 
wünscht wird  und  die,  wenn  er  sie  hat,  er  nicht  kennen 
kann?   Der  Schlaf. 


EingatesSterben.    LX. 


MS.  TR.  FOL.  27  r. 


Nacht 


So  wie  ein  gut  verbrachtes  Tageswerk  ein  frohes  Schlafen 
gibt,  so  gibt  ein  wohl  angewandtes  Leben  einen  heiteren 
Tod. 


Der  Freie. 


LXL 
Frei  gehorcht  man  besser. 


MS.  TR.  FOL.  26  r. 


Mangel  an   Ein- 
sicht. 


LXn.  MS.  CA.  FOL.  80  v. 

Es  ist  eine  Sache,  die,  je  mehr  man  ihrer  bedarf,  man 
um  so  mehr  zurückweist,  und  dies  ist  der  Rat,  unwillig 
angehört  von  jenen,  so  seiner  am  meisten  bedürfen,  näm- 
lich den  Unwissenden. 

Es  gibt  eine  Sache,  die,  je  mehr  du  sie  fürchtest  und 
je  mehr  sie  fliehst,  du  um  so  mehr  dir  näherst,  und  dies 
ist  das  Elend,  welches,  je  mehr  du  es  fliehst,  um  so  mehr 
dich  elend  macht  und  ohne  Ruhe. 

Vom  Einfältigen.    LXIIL  MS.  CA.  FOL.  233  V. 

Wer  einfältig  ist  von  Natur  und  wissend  durch  zufällige 
Umstände  —  wenn  er  natürlich  spricht  oder  arbeitet,  wird 
er  stets  einfältig  scheinen,  und  weise  im  Nebensäch- 
lichen. 

Die  Wundertäter.    LXIV.  MS.  F.  FOL.  5  V. 

Und  viele  halten  Bude  mit  Trug  und  vorgeblichen  Wun- 
dern, die  dumme  Menge  täuschend,  und  wenn  sich  nie- 
mand als  Kenner  ihrer  Betrügereien  enthüllte,  brächten 
sie  sie  an  den  Mann. 

Pharüäer.        LXV.  MS.  TR.  FOL.  34  r. 

Pharisäer,  will  sagen:  heilige  Klosterbrüder. 

146 


LXVI.  MS.  CA.  FOL.  358  v. 

Instrumente  von  Gaunern  sind  der  Samen  von  Flüchen 
wider  die  Götter. 

LXVII.  MS.  CA.  FOL.  39  v. 

Die  höchste  Glückseligkeit  wird  der  Grund  von  Unglück 
sein,  und  die  Vollkommenheit  der  Weisheit  Ursache  von 
Torheit. 


Herzensseufzer 
Leonardos. 


Nichts  Voll- 
kommenes. 


MS.  TR.  FOL.  34  r.    Der  Inhalt  eines 
Lebens. 


LXVIIL 
Wohl  angewendetes  Leben  ist  lang. 

LXIX.  MS.  H.  L  FOL.  17  V.    Rahm  und  Mähe. 

Die  Mühe  fliegt  mit  dem  Ruhm  im  Arm,  fast  versteckt 
von  ihm. 

LXX.  MS,  C.  FOL.  19  V.  Guter  Rat. 

Es  gibt  eine  Sache,  die  man,  je  mehr  man  ihrer  bedarf, 
um  so  weniger  schätzt  —  :  es  ist  der  gute  Rat. 

LXXL  R.  687,  MS.  BR.  M.  FOL.  173  r.         Undank. 

Undankbarkeit 
Wenn    die  Sonne   erscheint,   so  die  Finsternis  im  allge- 
meinen   verjagt,    löschst   du    das  Licht  aus,  welches   dir 
nach  deinem  Bedarf  und  deiner  Bequemlichkeit  das  Dunkel 
verjagte. 

LXXn.  R.  1182,  MS.  TUR.  FOL.  17  V.     Torheit  und  eitle 

Die  blinde  Unwissenheit  führt  uns  so  mit  der  Wirkung 
lasziver  Vergnügungen. 

Weil  wir  das  wahre  Licht  kennen  .  .  . 

Und  der  eitle  Glanz  nimmt  uns  das  Sein  .  .  .  sieh  uns, 
die  wegen  des  Glanzes  in  das  Feuer  gehen,  wie  blinde 
Unwissenheit  uns  leitet. 

O  elende  Menschen,  öffnet  die  Augen. 

LXXIIL  R.  1186,  MS.  W.  FOL.  XIIL 

Wer  in  einem  Tage  reich  werden  will,  ist  in  einem  Jahre 
gehängt. 

10* 

147 


Spitzbuben- 
schicksal. 


Der  Geizige. 


Falsche   Nach- 
rede. 


Das  Bleibende. 


Das  Auge  des 
Besitzers. 


Rezept  für 
Bächer. 


Beständigkeit. 


LXXIV.  R.  1 187,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  77  r. 

Und  dieser  Mann  hat  eine  höchste  Narrheit,  nämlich, 
der  immer  darbt,  um  nicht  zu  darben,  und  das  Leben 
entflieht  ihm  in  der  Hoffnung,  die  Güter  zu  genießen,  die 
er  mit  größter  Mühe  erworben. 

LXXV.  R.  1 196,  MS.  S.  K.  M.  112.  FOL.  24  r. 

Ebenso  viel  ist,  Gutes  zu  sagen  von  einem  Schlechten, 
als  schlecht  zu  reden  von  einem  Guten. 

LXXVI.  MS.  CA.  FOL.  71  v. 

Die  Lebenszeit,  die  fliegt,  entläuft  verborgen  und  betrügt 
einen;  und  keine  Sache  ist  so  hurtig  wie  die  Jahre.  Und 
wer  Tugend  sät,  erntet  Ruhm. 

LXXVII.  MS.  CA.  FOL.  344  r. 

Glücklich  jener  Besitz,  auf  dem  das  Auge  seines  Herrn 
ruht. 

LXXVIIL  MS.  TR.  FOL.  14  r. 

Nichts  kann  geschrieben  werden,  was  noch  gesucht  wer- 
den muß. 

LXXIX.  MS.  H.  III.  FOL.  101  (53)  r. 

Nicht,  wer  anfängt,  sondern  wer  ausharrt. 


Der  Edle  ist  tiefer    LXXX 
verletzlich. 


Regel,  um  zu  ge- 
fallen. 


MS.  TR.  FOL.  38  r. 
Vergleich 

Ein  rohes  Gefäß,  wenn  zerbrochen,  ist  wieder  herzu- 
stellen ;  ein  gebranntes  nie. 

LXXXI.  MS.  G.  FOL.  49  r. 

Die  Worte,  die  dem  Ohr  des  Hörers  nicht  gefallen, 
erregen  ihm  stets  Langweile  oder  Verdruß,  und  als  das 
Anzeichen  davon  wirst  du  an  solchen  Zuhörern  reich- 
liches Gähnen  sehen.  Also  du,  der  du  vor  Menschen 
sprichst,  bei  denen  du  Wohlwollen  suchst,  wenn  du  sol- 
che Wahrzeichen  des  Verdrusses  siehst,  kürze  dein  Reden 


148 


ab  oder  ändere  das  Gespräch,  und  wenn  du  anders  tust, 
dann,  anstatt  der  ersehnten  Gunst,  wirst  du  Haß  und 
Feindseligkeit  erwerben. 

Und  wenn  du  sehen  willst,  woran  einer  Vergnügen  fin- 
det, —  ohne  ihn  reden  zu  hören,  —  sprich  zu  ihm,  in- 
dem du  verschiedene  Male  den  Gegenstand  wechselst, 
und  denjenigen,  bei  dem  du  ihn  aufmerksam  bleiben 
siehst  ohne  Gähnen,  Runzeln  der  Brauen  oder  andere  ver- 
schiedene Gebärden,  sei  sicher,  daß  jene  Sache,  von  der 
gesprochen  wird,   die  ist,  welche  ihm  Vergnügen  macht. 

LXXXII.  MS.  CA.  FOL.  344  r.    Kraft  der  Liebe. 

Liebe  siegt  über  alles. 

LXXXIII.  MS.  H.  II.  FOL.  63  r.    Ruhmwürdigkeit 

und  Niedertracht 

Der  Ruhm  fliegt  und  erhebt  sich  zum  Himmel,  weil  die     (Zeichnung). 
tugendhaften  Dinge  Gott  freund  sind. 

Die  Niedertracht  muß  kopfüber  gebildet  werden,  weil 
all  ihre  Wirkungen  Gott  zuwider  sind  und  sich  zur  Hölle 
wenden. 

LXXXIV.  MS.  ASH.  I.  FOL.  34  V.    Allegorie  der  Un- 

dankbarkeit 

Am   10.  Tag  des  Juli   1492.         (Zeichnung). 
In  die  Hand  der  Undankbarkeit  zu  setzen 
Das  Holz  nährt  das  Feuer,   von  dem  es  verzehrt  wird. 

LXXXV.  MS.  H.  III.  FOL.  100  V.         Wertprobe. 

An  der  Probe  erkennt  man  das  feine  Gold. 

LXXXVI.  MS.  H.  III.  FOL.  100  V.        Das  Vorbild. 

Wie  die  Stanze,  so  die  Prägung. 

LXXXVII.  MS.  H.  III.  FOL.  101  r.     Vornehmer  Sinn. 

Großherzigkeit 

Der  Falke  fängt  nur  große  Vögel  und  stirbt  eher,  als  er 
Fleisch  von  nicht  gutem  Gerüche  frißt. 

149 


Läge. 


Sinnbild  des 
Truges. 


Allegorien  anf 
Lodovico  Moro 
und   auf  Messer 

Gualtieri  di 
Bottapetri ,    Ver- 
trauten des  Moro. 


LXXXVIII.  MS.  J.  FOL.  39  r. 

Alle  Dinge,  so  im  Winter  etwa  unter  dem  Schnee  ver- 
borgen, werden  im  Sommer  enthüllt  und  offenbar  werden. 
Der  Lüge  gesagt,  die  nicht  geheim  bleiben  kann. 

LXXXIX.  MS.  J.  FOL.  49  v. 

Montag  kaufe  ich  46  Ellen  Leinwand  Lire  13  s.  14  und 
V2,  am   17.  Tage  des  Oktober  1497. 

Die  Biene  kann  man  dem  Trug  vergleichen,  denn  sie  hat 
den  Honig  im  Munde  und  den  Stachel  im  Rückteil. 

XC.  MS.  J.  FOL.  138  v. 

Der  Moro  in  Figur  des  Glücks,  mit  Haaren  und  Ge- 
wändern und  Händen  nach  vorwärts,  und  Messer  Gual- 
tieri, der  mit  ehrerbietiger  Gebärde  ihn  am  Zipfel  des 
Kleides  faßt,  indem  er  von  vom  her  kommt.  — 

Ferner,  die  Armut  in  erschreckender  Gestalt  läuft  hinter 
einem  Jüngling  her,  und  der  Moro  deckt  ihn  mit  dem 
Saum  des  Kleides  und  mit  dem  vergoldeten  Stabe  be- 
droht er  selbiges  Ungetüm. 


Wurzellos 
(Allegorie). 


XCL  MS.J.  FOL.  138v. 

Pflanze  mit  den  Wurzeln  nach  oben 

Auf  jemanden,  der  im  Begriffe  stünde,  Gut  und  Gnade 
zu  verlieren. 


Allegorie  auf 
Galeazzo   Sanse- 
verino  ? 


XCIL  MS.  H.  III.  FOL.  98  r. 

Galeazzo,  zwischen  ruhiger  Zeit  und  Flucht  des  Glücks. 
Der    Strauß,    der   mit    Geduld   seine  Jungen   zur  Welt 
bringt. 


Feuerprobe 
(Allegorie). 


XCIII. 


MS.  H.  III.  FOL.  98  r. 


Das  Gold  in  Stangen  verfeinert  sich  im  Feuer. 


Allegorische       XCIV. 
Zeichnung. 

Alles  um  den  Schlechten  auszurotten 


MS.  H.  III.  FOL.  98  v. 


150 


XCV.  MS.  H.  III.  FOL.  99  r.         Gleichfalls. 

Alles  Gekrümmte  richtet  sich  wieder  auf. 

XCVI.  MS.  H.  III.  FOL.  99  r.  Ebenso. 

.  .  .  damit  die  guten  Kräuter  wachsen. 

XCVII. 
Vom  Guten  zum  Bessern. 


MS.  H.  III.  FOL.  99  V.         .    Devise 

(mit  Zeichnung). 


XCVIII.  R.  677,  MS.  OX.  FOL.  2  v. 

Diesen  Neid  stellt  man  dar,  mit  der  Feige  gen  Himmel, 
weil,  wenn  er  könnte,  er  seine  Kräfte  gegen  Gott  wenden 
würde;  man  macht  ihn  mit  der  Maske  des  schönen  Scheins 
vor  dem  Gesicht;  man  macht,  daß  er  im  Auge  durch 
Palmen  und  Oliven  verwundet  ist;  man  macht  das  Ohr 
durch  Lorbeer  und  Myrten  verwundet,  zum  Zeichen,  daß 
Sieg  und  Wahrheit  ihn  verletzen;  man  läßt  von  ihm  viele 
Blitze  ausgehen,  um  sein  übles  Reden  anzudeuten;  man 
macht  ihn  mager  und  dürr,  weil  er  immer  in  beständiger 
Betrübnis  ist;  man  macht  sein  Herz  von  einer  geschwol- 
lenen Schlange  zernagt;  man  macht  ihm  einen  Köcher, 
als  Pfeile  Zungen,  weil  er  oft  mit  dieser  verletzt;  man 
macht  ihm  das  Fell  eines  Leoparden,  weil  dieser  aus 
Neid  den  Löwen  umbringt,  mittels  Betrug;  man  macht  ihn 
mit  einer  Vase  in  der  Hand,  voller  Blumen,  und  selbige 
sei  angefüllt  mit  Skorpionen  und  Kröten  und  anderem 
Giftigen;  man  läßt  ihn  auf  dem  Tod  reiten,  weil  der  Neid 
nie  stirbt  und  nie  müde  wird  zu  herrschen;  man  macht 
ihm  den  Zügel  von  verschiedenen  Waffen  schwer,  weil 
dies  alles  Werkzeuge  des  Todes  sind. 

Kaum  ist  die  Tugend  geboren,  so  bringt  sie  wider  sich 
den  Neid  zur  Welt;  eher  ist  ein  Körper  ohne  Schatten, 
als  die  Tugend  ohne  den  Neid. 

XCIX.  R.  676,  MS.  OX.  FOL.  2  r. 

Vergnügen  und  Mißvergnügen  werden  als  Zwillinge  ge- 
macht, weil  nie  das  eine  ohne  das  andere  ist,  als  hingen 


Neid 
(Erklärung  zu  ei- 
ner allegorischen 
Zeichnung). 


Vergnügen     und 
Mißvergnügen 

(Text  zu  allego- 
rischen Zeich- 
nungen). 


151 


sie  aneinander;  wenden  sich  den  Rücken,  weil  sie  ein- 
ander entgegengesetzt  sind.  Wenn  du  dir  ein  Vergnügen 
machst,  wisse,  daß  es  hinter  sich  etwas  hat,  das  dir 
Drangsal  und  Reue  geben  wird. 

Dies  hier  ist  Vergnügen  mit  Mißvergnügen,  und  werden 
als  Zwillinge  abgebildet,  weil  nie  das  eine  ohne  das 
andere  ist,  als  hingen  sie  miteinander  zusammen;  man 
macht  sie  mit  dem  Rücken  gegeneinander,  weil  sie  Gegen- 
sätze sind;  man  m.acht  sie  auf  den  gemeinsamen  Körper 
gegründet,  weil  sie  den  gleichen  Grund  haben,  nachdem 
der  Grund  alles  Vergnügens  der  Überdruß  am  Mißver- 
gnügen ist;  der  Grund  des  Mißvergnügens  sind  die  ver- 
schiedenen und  leichtfertigen  Vergnügungen.  Und  darum 
sind  sie  hier  dargestellt  mit  Schilfrohr  in  der  Rechten, 
das  hohl  ist  und  ohne  Kraft;  und  die  Stiche,  so  man  mit 
ihm  macht,  sind  giftig.  In  Toskana  gibt  man  es  als  Stütze 
in  die  Betten,  um  anzuzeigen,  daß  man  hier  die  eiteln 
Träume  hat  und  daß  sich  hier  ein  großer  Teil  des  Lebens 
verzehrt;  hier  wirft  man  eine  Menge  nützlicher  Zeit  weg, 
nämlich  jene  des  Morgens,  weil  der  Geist  da  nüchtern 
und  ausgeruht  und  so  der  Körper  geeignet  ist,  neue 
Mühen  auf  sich  zu  nehmen.  Auch  errafft  man  da  eine 
Menge  hohler  Vergnügungen,  sowohl  indem  man  mit  dem 
Geist  an  sich  unmögliche  Dinge  ausheckt,  als  auch,  in- 
dem man  sich  mit  dem  Leib  jene  Vergnügungen  schafft, 
die  oft  der  Grund  eines  verfehlten  Daseins  sind,  so  daß 
um  dessentwillen  man  das  Rohr  für  solche  Stützen  nimmt. 

Feuer  und  Läge    C.  R.  684,  MS.  W.  P.  FOL.  1 1  T. 

(zu  allegorischen 

Entwürfen).  Das  Feuer  zerstört  die  Lüge,  das  ist  den  Sophismus, 
und  stellt  die  Wahrheit  wieder  her,  indem  es  das  Dunkel 
verjagt. 

Das  Feuer  muß  als  Verzehrer  alles  Sophismus  und  Ent- 
decker und  Beweiser  der  Wahrheit  gesetzt  werden,  weil 
es  das  Licht  ist,  der  Verjager  aller  Finsternis,  dieser 
Hehlerin  jegliches  Wesenhaften. 

152 


Das  Feuer  zerstört  jeden  Sophismus,  das  heißt  den  Trug, 
und  hält  nur  die  Wahrheit  aufrecht,  nämlich  das  Gold. 

Die  Wahrheit  läßt  sich  endlich  nicht  verhehlen;  Ver- 
stellung taugt  nicht. 

Die  Verstellung,  vor  so  viel  Richtern,  ist  eine  Täu- 
schung. 

Die  Lüge  nimmt  eine  Maske  vor. 

Nichts  Verborgenes  unter  der  Sonne. 

Das  Feuer  ist  für  die  Wahrheit  das  Sinnbild,  weil  es 
jede  Sophistik  und  Lüge  zerstört,  und  die  Maske  ist  Sinn- 
bild  für  die  Falschheit  und  Lüge,  Hehler  der  Wahrheit. 


il 


VII.  ÜBER  KUNST 


IHäHI 


Natnrund  Kunst. 


Malerei  und 
Poesie, 


i 

aCCfCPQ 

«• 

D) 

1 

^^^yb 

i 

R.  651,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  19  v. 
as  Schöne  sterblicher  Dinge  vergeht,  und  nicht 
das  der  Kunst  (Cosa  bella  mortai  passa  e  non 
d'arte). 


II.  MS.  ASH.  I.  FOL.  19  r. 

Wieso  die  Malerei  alles  Menschenwerk  durch  die 
feine  Überlegung,  die  ihr  eigen  ist,  übertrifft 

Das  Auge,  das  man  Fenster  der  Seele  nennt,  ist  der 
hauptsächliche  Weg,  auf  dem  der  allgemeine  Sinn  reich- 
lich und  prachtvoll  die  unendlichen  Werke  der  Natur  be- 
trachten kann,  und  das  Ohr  ist  der  zweitnächste,  der  sich 
Adel  erwirbt  durch  die  erzählten  Dinge,  die  das  Auge 
wahrgenommen  hat.  Wenn  ihr,  Geschichtschreiber  oder 
Poeten  oder  sonstige  Mathematiker,  nicht  die  Dinge  mit 
dem  Auge  gesehen  hättet,  schlecht  würdet  ihr  sie  durch 
die  Schriften  berichten.  Und  wenn  du,  Poet,  eine  Ge- 
schichte mit  der  Malerei  der  Feder  darstellen  wirst,  so 
wird  der  Maler  sie  mit  dem  Pinsel  zu  leichterer  Befrie- 
digung (der  anderen)  machen  und  minder  langweilig,  zu 
verstehen.  Wenn  du  die  Malerei  stumme  Poesie  nennst, 
würde  der  Maler  von  der  Schrift  des  Poeten  sagen  kön- 
nen: blinde  Malerei.  Jetzt  schau:  —  welcher  Spott  ist 
beißender:  blind  oder  stumm? 

Wenn  der  Dichter  frei  ist  wie  der  Maler,  in  seinen  Er- 
findungen, so  sind  doch  seine  Fiktionen  nicht  von  solcher 
Zufriedenstellung  für  die  Menschen  wie  die  Gemälde; 
denn  strebt  die  Poesie  mit  Worten  an.  Formen,  Hand- 
lungen und  Orte  darzustellen,  so  bewegt  der  Maler  sich 


154 


darin,  mit  den  Abbildern  der  Formen  selbst  die  Formen 
nachzuahmen.  Nun  sieh,  was  dem  Menschen  näher  steht, 
der  Name  des  Menschen  oder  das  Bildnis  dieses  Menschen. 
Der  Name  Mensch  wechselt  mit  den  wechselnden  Län- 
dern; die  Form  wird  nicht  verändert,  außer  durch  den  Tod, 

MS.  ASH.  I.  FOL.  19  V. 
und  wenn  der  Poet  der  Vernunft  durch  das  Ohr  dient, 
so  der  Maler  durch  das  Auge,  einen  würdigeren  Sinn. 
Aber  ich  will  nichts  weiter  von  ihnen,  außer  daß  ein  guter 
Maler  die  Wut  einer  Schlacht  darstelle  und  daß  der 
Dichter  eine  andere  schildere,  und  daß  beides  gemeinsam 
öffentlich  ausgestellt  werde:  du  wirst  sehen,  wo  die  Be- 
schauer mehr  stehen  bleiben,  wo  sie  mehr  betrachten 
werden,  wo  sie  mehr  Lob  geben,  und  was  mehr  zufrieden- 
stellt. Sicher,  die  Malerei,  weitaus  nützlicher  und  schöner, 
wird  mehr  gefallen.  Stelle  den  Namen  Gottes  geschrieben 
an  einem  Ort  und  gegenüber  stelle  seine  Gestalt  auf: 
du  wirst  sehen,  was  mehr  verehrt  wird.  Wenn  die 
Malerei  alle  Formen  der  Natur  umspannt,  habt  ihr  bloß 
die  Namen,  die  nicht  allgemein  wie  die  Formen  sind. 
Habt  ihr  die  Wirksamkeit  von  Darlegungen,  so  haben  wir 
die  Darlegung  der  Wirklichkeit  selbst. 

Man  nehme  einen  Dichter,  welcher  die  Schönheiten  einer 
Frau  dem  beschreibt,  der  sie  liebt,  und  einen  Maler,  der 
sie  darstellt;  du  wirst  schon  sehen,  wohin  die  Natur  den 
liebenden  Beurteiler  wendet.  Siehe,  die  Erprobung  der 
Dinge  sollte  den  Urteilsspruch  der  Erfahrung  anheim- 
geben. 

Ihr  habt  die  Malerei  unter  die  mechanischen  Künste 
versetzt.  Gewiß,  wenn  die  Maler  fähig  wären,  ihr  Werk 
durch  Schreiben  zu  loben,  wie  ihr  (eueres),  würde  sie 
nicht  einem  so  häßlichen  Zunamen  verfallen.  Wenn  ihr 
sie  mechanisch  nennt,  weil  die  Hände  durch  Handfertig- 
keit darstellen,  was  die  Maler  in  ihrer  Phantasie  finden, 
auch  ihr  Schriftsteller  zeichnet  mit  der  Feder  durch 
Handfertigkeit  auf,  was  in   euerm   Geist  vorhanden  ist; 

155 


und  wenn  ihr  sie  Handwerk  nennt,  weil  sie  für  Geld 
geübt  wird,  —  wer  verfällt  mehr  in  diesen  Irrtum,  wenn 
Irrtum  man  es  nennen  kann,  als  ihr?  Wenn  ihr  für  die 
Universitäten  lest,  geht  ihr  da  nicht  zu  jener,  die  euch 
am  meisten  lohnt?  Macht  ihr  irgend  ein  Werk  ohne 
Lohn?  Obwohl  ich  das  nicht  sage,  um  solche  Meinungen 
zu  tadeln,  da  jede  Mühe  Belohnung  erwartet.  Und  kann 
ein  Dichter  sagen:  „ich  werde  eine  Fabel  erfinden,  die 
etwas  Großes  bedeuten  wird"  (io  farò  una  finzione  che 
significa  cosa  grande),  so  tut  das  gleiche  auch  der  Maler, 
wie  Apelles  mit  seiner  „Verleumdung"  tat. 

Wenn  ihr  sagt:  —  „die  Poesie  ist  von  größerer  Ewig- 
keit", —  werde  ich  darauf  erwidern,  daß  die  Werke  eines 
Kesselschmiedes  noch  ewiger  sind,  da  die  Zeit  sie  mehr 
bewahrt  als  eure  Arbeiten  oder  die  unsern;  dennoch  sind 
sie  von  geringer  Phantasie,  und  die  Malerei,  wenn  sie 
mit  Glasschmelze  auf  Kupfer  malt,  kann  sich  viel  dauern- 
der machen.  Wir,  in  unsrer  Kunst,  dürfen  Enkelsöhne 
Gottes  genannt  werden. 

Wenn  die  Poesie  die  Moralphilosophie  berührt,   ist  die 

Malerei  mitten  in  der  Philosophie  der  Natur;   beschreibt 

jene  die  Operationen  des  Geistes,  der  betrachtet,  operiert 

diese  mit  dem  Geist  in  den  Bewegungen;  wenn  jene  die 

Völker  mit  Fiktionen   von    der  Hölle    erschreckt,    macht 

diese  mit  den  gleichen  Gegenständen  in  Akten  dasselbe. 

Nehme  sich  der  Dichter  vor,  eine  Schönheit  darzustellen, 

eine  Grausamkeit,  eine  ruchlose  und  häßliche  Sache,  eine 

ungeheuerliche,  zugleich  mit  dem  Maler;  er  mache  nach 

seiner  Art,  wie  ihm  beliebt,  eine  Verwandlung  der  Formen, 

so  daß  der  Maler  nicht  mehr  hinreicht.     Hat  man  nicht 

Malereien  gesehen,   die  mit  dem  wahren  Gegenstand  so 

übereinstimmend    waren,    daß    sie   Menschen    und   Tiere 

täuschten? 

MS.  ASH.  I.  FOL.  20  r. 

Wenn  du  reden  kannst  und  die  Demonstration  der  For- 
men schreiben,   so  wird  der  Maler  sie   machen,  so   daß 

156 


sie  belebt  scheinen  werden,  mit  Schatten  und  Lichtern, 
die  das  Aussehen  der  Gesichter  hervorbringen;  was  du 
nicht  mit  der  Feder  erreichen  kannst,  das  erreicht  der 
Pinsel. 

III.  MS.  ASH.  FOL.  20  r. 
Wie  der  die  Malerei  mißachtet,  weder  die  Philo- 
sophie liebt,  noch  die  Natur 

Willst  du  die  Malerei  mißachten,  welche  die  einzige 
Nachahmerin  aller  offenbaren  Werke  der  Natur  ist,  so 
mißachtest  du  sicherlich  eine  feine  Erfindung,  die  mit 
philosophischer  und  subtiler  Überlegung  alle  die  Eigen- 
schaften der  Formen  betrachtet,  Lüfte  und  Orte,  Bäume, 
Tiere,  Gräser  und  Blumen,  die  von  Licht  und  Schatten 
umgeben  sind.  Und  wahrhaftig,  dieses  ist  eine  Wissen- 
schaft und  rechtmäßige  Tochter  der  Natur,  weil  die  Ma- 
lerei von  selbiger  Natur  geboren  ist.  Aber,  um  noch 
richtiger  zu  sprechen,  werden  wir  sagen,  Enkelkind  der 
Natur,  weil  alle  offenbaren  Dinge  von  der  Natur  hervor- 
gebracht sind,  welche  hervorgebrachten  Dinge  die  Malerei 
geboren  haben,  daher  werden  wir  sie  richtigerweise  En- 
kelin der  Natur  nennen  und  Gott  verwandt. 

IV.  MS.  ASH.  I.  FOL.  25  r. 
Wie  die  Skulptur  von  minderem  Geist  als  die 
Malerei   ist    und   in    sich    vieler    Stücke   aus    der 

Natur  ermangelt 

Da  ich  mich  nicht  weniger  in  der  Skulptur  betätige  als 
in  der  Malerei  und  die  eine  wie  die  andere  in  gleichem 
Grade  übe,  scheint  es  mir,  ich  könne  mit  geringer  An- 
maßung ein  Urteil  darüber  abgeben,  wie  der  einen  von 
ihnen  mehr  Genie  und  Schwierigkeit  und  Vollendung 
eigen  sei  als  der  andern.  Erstlich  ist  die  Skulptur  einer 
gewissen  Beleuchtung  unterstellt,  nämlich  der  von  oben, 
und  die  Malerei  führt  Licht  und  Schatten  überall  mit  sich. 
Licht  und  Schatten  bildet  also  das  Hauptgewicht  für  die 


Wer  die  Malerei 
mißachtet,  liebt 
weder  die  Natur 
noch  die  Philo- 
sophie. 


Skulptur  und 
Malerei. 


157 


Skulptur.  Dem  Bildhauer  hilft  in  diesem  Fall  die  Natur 
des  Reliefs,  die  jene  von  selbst  erzeugt;  der  Maler  bringt 
sie  durch  seine  äußerliche  Kunst  an  den  Stellen  an,  wo 
die  Natur  sie  vernünftigerweise  hin  machen  würde.  Der 
Bildhauer  vermag  nicht  in  der  verschiedenfältigen  Natur 
der  Färbung  der  Dinge  sich  zu  vermannigfachen;  der 
Malerei  fehlt's  da  in  keinem  Stücke.  Die  Perspektiven 
des  Bildhauers  scheinen  nie  etwas  Wahres;  jene  des  Malers 
führen  Hunderte  von  Meilen  ins  Werk  hinein.  Die  Luft- 
perspektive ist  ihrem  Werke  fremd.  Sie  können  nicht  die 
durchsichtigen  Körper  darstellen,  nicht  die  leuchtenden 
darstellen,  keine  zurückgeworfenen  Strahlen,  noch  blanke 
Flächen  wie  Spiegel  und  ähnliche  glänzende  Körper,  keine 
Nebel,  keine  trüben  Himmel  und  zahllose  andere  Dinge,  von 
denen  man  nicht  spricht,  um  nicht  zu  langweilen.  Was  sie 
hat,  ist,  daß  sie  der  Zeit  mehr  widersteht,  obwohl  ein  eben- 
solches Widerstehen  die  Malerei  auf  grobem  Kupfer  hat;  mit 
weißem  Schmelz  bedeckt  und  darauf  mit  Schmelzfarben 
bemalt  und  noch  einmal  ins  Feuer  getan  und  darin  brennen 
lassen:  so  übertrifft  sie  an  Ewigkeit  die  Skulptur.  Man  kann 
auch  sagen,  daß,  wo  sie  irgend  einen  Fehler  gemacht 
haben,  er  nicht  leicht  auszubessern  ist.  Es  ist  aber  ein 
trauriges  Argument,  beweisen  zu  wollen,  daß  eine  unver- 
besserbare  Gedankenlosigkeit  einem  Werke  größere 
Würdigkeit  gäbe.  Wohl  aber  sage  ich,  den  Geist  des 
Meisters  zu  verbessern,  der  solche  Irrtümer  macht,  ist 
viel  schwieriger,  als   das    von   ihm   verdorbene  Werk   zu 

verbessern. 

MS.  ASH.  I.  FOL.  24  v. 

Wir  wissen  wohl,  wer  praktisch  und  tüchtig  ist,  wird 
nicht  dergleichen  machen;  im  Gegenteil  mit  guten  Regeln 
wird  er  vorwärts  gehen  und  immer  so  wenig  auf  einmal 
wegnehmen,  daß  er  sein  Werk  gut  vollführt.  Auch,  wenn 
der  Bildhauer  in  Lehm  oder  in  Wachs  arbeitet,  kann  er 
wegnehmen  und  zufügen,  und  wenn  er  fertig  ist,  wird  es 
mit  Leichtigkeit  in  Bronze  gegossen,  und  das  ist  die  letzte 

158 


Operation  und  das  dauerhafteste,  was  die  Skulptur  besitzt, 
indem  jene  Arbeit,  die  nur  aus  Marmor  ist,  der  Zer- 
störung unterworfen  ist,  aber  nicht  die  Bronze.  Also, 
jene  Malerei  auf  Kupfer,  bei  der  man,  wie  ich  dir  von 
der  Malerei  sagte,  wegnehmen  und  zufügen  kann,  ist  gleich 
wie  die  Bronze,  von  der  du,  als  du  das  Werk  erst  in 
Wachs  machtest,  auch  wegnehmen  und  hinzufügen  konntest. 
Wenn  diese  Skulptur  in  Bronze  ewig  ist,  so  ist  diese 
aus  Kupfer  und  Glasfluß  allerewigst.  Wenn  die  Bronze 
schwarz  und  häßlich  wird,  ist  diese  voll  mannigfacher  und 
lieblicher  Farben  und  von  unendlicher  Abwechslung  in 
obenerwähnter  Art.  Wenn  du  nur  von  der  Malerei  auf 
Tafeln  reden  wolltest,  so  wäre  ich  zufrieden,  das  Urteil 
gegen  die  Skulptur  abzugeben,  indem  ich  so  sage:  während 
die  Malerei  schöner  ist  und  von  größerer  Phantasie  und 
größerer  Fülle,  ist  die  Skulptur  dauerhafter,  und  weiter 
hat  die  Skulptur  nichts.  Sie  zeigt  mit  wenig  Mühe,  was 
sie  ist;  die  Malerei  scheint  eine  wunderbare  Sache,  in- 
dem sie  Ungreifbares  greifbar  vorkommen  läßt,  erhaben 
die  flachen  Gegenstände  und  entfernt  die  nahen.  In  der 
Tat,  die  Malerei  ist  mit  unendlichen  Überlegungen  ge- 
schmückt, so  die  Bildhauerei  nicht  in  Anwendung  bringt. 

y.  MS.  CA.  FOL.  382  V.    Zweierlei  Krebs- 

schaden  der  mu- 

Die  Musik  hat  zweierlei  Krankheiten,   von    denen    eine  ^''^• 

zum  Tod  und  die  andere  zur  Hinfälligkeit  führt;  die  töd- 
liche ist  immer  an  den  Augenblick  gebunden,  der  sie 
schafft;  die  hinfällige  macht  sie  verhaßt  und  gemein  in 
den  Wiederholungen. 

VI.  R.  662,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  48  r.    Der    Maler   und 

die  Natur. 

Der  Maler  streitet  und  wetteifert  mit  der  Natur. 

VII.  MS.  K.  FOL.  110  V.     Wer  seine  Figuren 

nicht    zu    ge- 

Die  Menschen  und  die  Worte  sind  etwas  Wirkliches,  und 
wenn  du,  o  Maler,  deine  Figuren  nicht  ins  Werk  zu  setzen 

159 


brauchen  ver- 
steht. 


weißt,  bist  du  wie  der  Redner,  so  seine  Worte  nicht  an- 
zuwenden versteht. 

Der  Dichter  und    VIII.  R.  658,  MS.  W.  A.  IV.  FOL.  152  r. 

der  Maler. 

Wenn  der  Dichter  aufhört,  mit  Worten  darzustellen,  was 
in  der  Natur  eine  Tatsache  ist,  dann  macht  der  Dichter 
sich  nicht  zum  Gleichen  des  Malers;  denn  läßt  selbiger 
Dichter  solche  Darstellung  sein  und  beschreibt  die  schmuck- 
vollen und  überzeugenden  Worte  dessen,  den  er  will 
sprechen  lassen,  dann  macht  er  sich  zum  Redner  und 
ist  nicht  mehr  Dichter,  noch  ist  er  ein  Maler;  und  spricht 
er  von  den  Himmeln,  macht  er  sich  zum  Astrologen; 
zum  Philosophen  und  Theologen,  wenn  er  von  den  Dingen 
der  Natur  und  von  Gott  spricht;  aber  wenn  er  zur  Dar- 
stellung von  irgend  etwas  zurückkehrt,  würde  er  sich 
zum  Wettstreiter  des  Malers  machen,  könnte  er  nur  das 
Auge  in  Worten  befriedigen,  wie  es  der  Maler  tut. 

Entwicklang  der    IX.  MS.  CA.  FOL.  141  f. 

Malerei. 

.  .  .  Wie  die  Malerei  von  Lebensalter  zu  Lebensalter 
immer  mehr  niedergeht  und  sich  verliert,  wenn  die  Maler 
nichts  anderes  zum  Urheber  (Vorbild)  haben  als  die  schon 
gemachte  Malerei. 

Der  Maler  wird  in  seiner  Malerei  von  geringer  Vorzüg- 
lichkeit sein,  wenn  er  zum  Vorbild  eines  anderen  Male- 
reien nimmt;  aber  wenn  er  von  den  Dingen  in  der  Natur 
lernt,  wird  er  gute  Frucht  erzeugen:  wie  wir  an  den 
Malern  nach  den  Römern  sehen,  die  stets  einer  den  an- 
deren nachahmten,  und  von  einem  Zeitalter  zum  anderen 
genannte  Kunst  in  den  Niedergang  schickten.  Nach  diesen 
kam  Giotto  der  Florentiner,  welcher  in  einsamen  Bergen 
geboren,  die  nur  von  Ziegen  und  ähnlichen  Tieren  be- 
wohnt waren,  —  von  der  Natur  solcher  Kunst  zugeneigt, 
begann  dieser  droben  auf  den  Felsen  die  Stellungen  der 
Ziegen  zu  zeichnen,  von  denen  er  der  Zuschauer  war; 
und  so  fing  er  an,  alle  Tiere  zu  machen,  die  sich  fanden; 
in  solcher  Art,  daß    dieser,  nach   vielem  Studium,  nicht 

160 


nur  die  Meister  seiner  Zeit  überflügelte,  sondern  die  von 
vielen  verflossenen  Jahrhunderten.  Nach  diesem  fiel  die 
Kunst  wieder  zurück,  weil  alle  die  gedachten  Malereien 
nachmachten,  und  so  ging  sie  von  Jahrhundert  zu  Jahr- 
hundert mehr  in  Verfall,  bis  Tomaso  der  Florentiner,  zu- 
benannt Masaccio,  mit  vollkommenem  Werke  zeigte,  wie 
jene,  so  zum  Urheber  anderes  nahmen  als  die  Natur,  Lehr- 
meisterin der  Meister,  sich  umsonst  bemühten. 

So  will  ich  von  jenen  mathematischen  Dingen  sagen, 
daß  die,  so  nur  die  Autoren  studieren  und  nicht  die 
Werke  der  Natur,  in  der  Kunst  Enkel  sind,  nicht  Kinder 
selbiger  Natur,  Lehrmeisterin  der  guten  Autoren.  —  O 
der  höchsten  Torheit  derer,  welche  jene  tadeln,  die  von 
der  Natur  lernen  und  stehen  lassen  die  Autoren,  Schüler 
selbiger  Natur! 

X.  R.  498,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  24  v. 

Armselig  der  Schüler,  der  seinen  Lehrer  nicht  übertrifft. 

XL  MS.  ASH.  I.  FOL.  25  v. 

Wie   der  Maler    nicht   lobenswürdig  ist,  wenn    er 

nicht  allseitig  ist 

Von  einigen  kann  man  klar  heraussagen,  daß  sie  irren, 
wenn  sie  einen  guten  Meister  den  Maler  nennen,  der 
nur  einen  Kopf  gut  macht  oder  eine  Figur.  Sicherlich 
ist  es  nichts  Großes,  daß  einer,  wenn  er  die  Zeit  seines 
Lebens  eine  einzige  Sache  studiert,  darin  schließlich  zu 
einiger  Vollendung  kommt;  mir  aber,  wissend,  daß  die 
Malerei  in  sich  alle  Dinge  umfaßt  und  enthält,  so  die 
Natur  hervorbringt  und  das  gelegentliche  Wirken  des 
Menschen  ausführt,  und  endlich  alles,  was  sich  mit  den 
Augen  verstehen  läßt,  —  mir  scheint  ein  trauriger  Meister, 
der  nichts  als  eine  Figur  gut  macht.  Ja,  siehst  du  denn 
nicht,  wie  viele  und  was  für  Bewegungen  nur  allein  vom 
Menschen  gemacht  werden?  Siehst  du  nicht  die  vielen 
verschiedenen  Tiere,  und  ebenso  Bäume,  Kräuter,  Blumen, 


Die  Natur  Lehr- 
meisterin. 


Schüler  und 
Lehrer. 


Allseitigkeit. 


Herzfeld,  Leonardo 


161 


die  Mannigfaltigkeit  von  Gegenden,  gebirgigen  und  flachen, 
—  von  Quellen,  Flüssen,  Städten,  öffentlichen  Bauwerken 
und  privaten,  Werkzeugen,  geschickt  zum  menschlichen 
Gebrauche,  verschiedenartigen  Trachten  und  Ornamenten 
und  Künsten?  Von  allen  diesen  Sachen  gehört  es  sich, 
daß  sie  von  gleicher  Wirksamkeit  und  Güte  in  der  An- 
wendung jener  seien,  so  du  gute  Maler  nennen  willst. 

Anweisung,    wie    XII.  MS.  G.  FOL.  5  V. 

man  allseitig 

wird.  Von  der  Ordnung,  sich  universell  zu  machen 

Leichte  Sache  für  den,  welcher  den  Menschen  zu  machen 
weiß,  sich  dann  allgemein  zu  bilden,  nachdem  alle  Tiere 
des  Landes  Ähnlichkeit  in  den  Gliedern,  d.  h.  Muskeln, 
Nerven  und  Knochen  haben  und  in  nichts  variieren,  außer 
in  Länge  und  Breite,  wie  es  in  der  „Anatomia"  gezeigt 
werden  wird.  Sind  dann  noch  die  Wassertiere,  die  von 
großer  Abwechslung  sind,  von  der  ich  den  Maler  nicht 
überzeugen  werde,  daß  er  darin  eine  Regel  suche,  weil 
sie  von  unendlichen  Varietäten  sind,  und  ebenso  die  In- 
sektentiere. 

Handwerker  und    XIII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  25  r. 

Künstler. 

Von  der  traurigen  Entschuldigung,    die  jene  vor- 
bringen, so  fälschlich  und  unwürdigerweise    sich 
Maler  nennen  lassen 

Es  gibt  eine  Generation  von  Malern,  die  wegen  ihres 
geringen  Studiums  unter  dem  Schild  der  Schönheit  von 
Gold  und  Azur  ihr  Leben  fristen  und  die  mit  ausgesuchter 
Albernheit  behaupten,  wegen  der  traurigen  Bezahlung 
nicht  die  guten  Sachen  ins  Werk  zu  setzen,  die  wohl 
auch  sie,  wie  ein  anderer,  machen  könnten,  würden  sie 
gut  bezahlt.  Nun  sieh  einmal  das  dumme  Volk!  sie  wissen 
nicht  einmal  irgendein  Werk  gut  zu  halten,  indem  sie 
sagen:  „dieses  ist  zu  hohem  Preis  und  das  da  zu  mittlerem 
und  jenes  dort  ist  Ausschuß"  und  zeigen,  daß  sie  Arbeit 
zu  jedem  Preise  haben. 

162 


XIV.  MS.  CA.  FOL,  76  r.     Wer  ohne  Nach- 

denken   arbeitet. 

Der  Maler,  der  mittels  seiner  Übung  und  Urteil  des 
Auges  ohne  Vernunft  zeichnet,  ist  wie  der  Spiegel,  der 
in  sich  alle  ihm  gegenübergestellten  Sachen  nachahmt, 
ohne  Erkenntnis  von  ihnen. 

XV  MS.  ASH.  I.  FOL.  22  V.     Von  den  zehn  Am- 

tern  des   Aages. 

Von  den  zehn  Ämtern  des  Auges,  alle  die  Malerei 
betreffend 

Die  Malerei  erstreckt  sich  über  alle  die  zehn  Ämter 
des  Auges,  nämlich  Dunkel,  Licht,  Körper  und  Farbe, 
Figur  und  Gegend,  Entfernung  und  Nähe,  Bewegung  und 
Ruhe,  von  welchen  Ämtern  dies  mein  kleines  Werk  durch- 
webt sein  wird,  indem  ich  den  Maler  daran  erinnere,  mit 
welcher  Regel  und  Art  er  alle  diese  Dinge,  Werk  der 
Natur  und  Schmuck  der  Welt,  mittels  seiner  Kunst  nach- 
ahmen soll. 

XVL  MS.  ASH.  L  FOL.  27  r.        Studium  der 

Anatomie. 

Wie  es  für    den  Maler   notwendig   ist,    die    inner- 
liche Form  des  Menschen  zu  kennen 

Jener  Maler,  der  Kenntnis  von  der  Natur  der  Nerven, 
Muskeln  und  Sehnen  hat,  wird  beim  Bewegen  eines  Glie- 
des wohl  wissen,  wie  viele  und  was  für  Nerven  der  Grund 
davon  sind,  welcher  Muskel  im  Anschwellen  die  Ursache 
ist,  jenen  Nerv  zu  verkürzen,  und  welche  Stränge,  in  die 
zartesten  Knorpel  verwandelt,  diesen  Muskel  umgeben 
und  zusammenhalten.  Und  so  wird  er  ein  wechselvoller 
und  allseitiger  Darleger  der  Muskeln  sein,  die  alle  ver- 
schiedenen Tätigkeitsäußerungen  der  Figuren  vermitteln, 
und  wird  es  nicht  machen  wie  jene,  welche  in  den  ver- 
schiedensten Stellungen  immer  die  gleichen  Sachen  an 
den  Armen,  Beinen,  Brust  und  Rücken  zeigen,  was  unter 
die  nicht  geringen  Versehen  gesetzt  werden  muß. 
11* 

163 


Gegen       diejeni-    XVII.  MS.  E.  FOL.  19  V. 

gen,  die  mit  ihrer 

^'"'^Zchen.^'"''  O  Maleranatom,  gib  acht,  auf  daß  nicht  dies  zu  viel 
Wissen  um  die  Knochen,  Sehnen  und  Muskeln  Ursache 
werde,  dich  zu  einem  hölzernen  Maler  zu  machen,  im 
Bestreben,  daß  deine  nackten  Figuren  alle  ihre  Empfin- 
dungen zeigen.  Deshalb,  um  diesem  abzuhelfen,  sieh  nur, 
auf  welche  Art  die  Muskeln  bei  den  Alten  oder  Mageren 
ihre  Knochen  zudecken  oder  besser:  bekleiden,  und  außer 
diesem  notiere  die  Regel,  wie  die  gleichen  Muskeln  die 
oberflächlichen  Strecken  ausfüllen,  die  sich  zwischen  sie 
legen.  Und  welches  die  Muskeln  sind,  von  denen  man 
die  Wahrnehmung  nie  verliert,  in  keinem  Grad  von  Dicke, 
und  welches  die  Muskeln  sind,  von  denen  man  beim  ge- 
ringsten Grad  von  Üppigkeit  die  Kenntnis  ihrer  Berüh- 
rungspunkte verliert,  und  vielfach  sind  die  Male,  wo  aus 
vielen  Muskeln  einer  gemacht  wird  beim  Fettwerden,  und 
viele  sind  jene  Male,  wo  beim  Abmagern  oder  Altern 
aus  einem  Muskel  mehrere  Muskel  gemacht  werden.  Von 
diesem  Diskurs  werden  seinerzeit  alle  Einzelheiten  gezeigt 
werden  usw. 

Ordnung  im        XVIII.  MS.  CA.  FOL.  199  V. 

Studium. 

Ich  sage,  daß  man  erst  die  Gliedmaßen  und  ihre  Ver- 
richtungen lernen  muß,  und  wenn  solche  Kunde  fertig, 
muß  man  die  Stellungen  nach  den  Zufällen,  in  die  der 
Mensch  gerät,  verfolgen,  und  drittens  die  Historien 
komponieren  (lernen),  von  welchen  das  Studium  nach  den 
natürlichen  Gebärden  gemacht  werden  wird,  gemacht,  je 
nachdem  sie  passend  sind  für  die  Vorfälle;  und  auf  sie 
achten  auf  den  Straßen,  Marktplätzen,  Feldern,  und  sie 
mit  kurzer  Umschreibung  der  Linien  notieren:  nämlich 
so,  daß  man  für  einen  Kopf  eine  0  macht,  und  für  einen 
Arm  eine  gerade  und  eine  abgebogene  Linie,  und  ähnlich 
mache  man  es  für  die  Beine  und  den  Rumpf;  und  hierauf 
heimkehrend,  solche  Erinnerungen  in  vollkommener  Form 
zeichnen. 

164 


Sagt  der  Gegner,  daß,  um  praktisch  zu  werden  und 
viele  Werke  zu  machen,  es  besser  ist,  wenn  die  erste 
Zeit  des  Studiums  drangesetzt  werde,  verschiedene  Kom- 
positionen zu  zeichnen,  die  für  Papier  oder  Mauern  von 
verschiedenen  Meistern  gemacht  worden,  und  in  solchem 
bekomme  man  geschwinde  Praxis  und  gute  Gewohnheit. 
Worauf  geantwortet  wird,  daß  diese  Gewohnheit  gut  wäre, 
wenn  nach  Werken  guter  Komposition  und  von  lerneifrigen 
Meistern  gemacht;  und  weil  diese  derartigen  Meister  so 
selten  sind,  daß  man  wenige  davon  findet,  ist  es  sicherer, 
zu  den  Dingen  in  der  Natur  zu  gehen,  als  zu  jenen  dieser 
selbigen  Natur  mit  großer  Verschlechterung  nachgeahmten 
und  sich  dabei  böse  Gewohnheiten  zu  machen;  denn  wer 
zur  Quelle  gehen  kann,  gehe  nicht  zum  Wassertopf. 

XIX.  MS.  ASH.  I.  FOL.  28  r.       Lehre  für  die 

Anfanger. 

Diese  Regel  muß  man  den  Malerjungen  geben 

Wir  wissen  klar,  daß  das  Sehen  eine  der  schnellsten 
Tätigkeiten  ist,  die  es  gibt  und  in  einem  Punkte  zahllose 
Formen  wahrnimmt;  nichtsdestoweniger  faßt  es  nicht  mehr 
als  eine  Sache  auf  einmal.  Nehmen  wir  den  Fall,  du, 
Leser,  erschautest  mit  einem  einzigen  Blick  dies  ganze 
beschriebene  Blatt  und  urteiltest  gleich,  daß  es  voll  ver- 
schiedener Buchstaben  ist;  du  wirst  aber  in  dieser  Zeit 
nicht  zu  erkennen  vermögen,  welche  Buchstaben  es  seien, 
noch  was  sie  sagen  wollen;  daher  mußt  du  Wort  für  Wort 
nehmen,  Vers  für  Vers,  um  Kunde  zu  haben  von  diesen 
Buchstaben.  Ebenso,  wenn  du  auf  die  Höhe  eines  Ge- 
bäudes steigen  willst,  muß  es  dir  Stufe  für  Stufe  zu 
steigen  passen;  anders  wäre  es  unmöglich,  hinauf  zu 
kommen.  So  sage  ich  auch  zu  dir,  den  die  Natur  zu 
dieser  Kunst  hinneigt,  wenn  du  wahre  Kenntnis  von  den 
Formen  der  Dinge  haben  willst,  beginne  bei  den  Einzel- 
heiten von  ihnen,  und  nicht  zur  zweiten  gehe,  ehe  du 
die  erste  gut  im  Gedächtnis  und  in  der  Übung  hast, 
und  wenn  du  anders  tust,  wirst    du    die  Zeit  wegwerfen 

165 


und  wahrhaftig  sehr  das  Studium  verlängern.  Und  er- 
innere dich,  eher  die  Beflissenheit  zu  lernen  als  die 
Flinkheit. 

Studium,Einsam-    XX.  MS.  CA.  FOL.  184  V. 

keit    und    innere 

Ruhe.  Pur  den  Maler  ist  notwendig  die  Mathematik,  die  zu  sel- 

biger Malerei  gehörig,  und  die  Entbehrung  von  Gesell- 
schaften, die  seinen  Studien  fremd  sind,  und  ein  Gehirn, 
wandelbar  nach  der  Verschiedenheit  der  Gegenstände, 
die  sich  ihm  entgegenstellen,  und  entfernt  von  anderen 
Sorgen. 

Und  wenn  es  bei  der  Betrachtung  und  Definition  eines 
Falles  ist,  wie  es  geschieht,  wenn  das  Objekt  den  Sinn 
in  Bewegung  bringt,  dann  muß  man  von  solchen  Fällen 
beurteilen,  welcher  von  der  mühevollsten  Definition  ist, 
und  diesem  bis  zu  seiner  letzten  Klarheit  folgen,  und 
dann  die  Definition  des  anderen  verfolgen. 

Und  vor  allem  von  Gemüt  sein  gleich  der  Oberfläche 
des  Spiegels,  die  sich  in  so  viele  verschiedene  Farben 
verwandelt  als  die  Farben  ihrer  Objekte  sind;  und  seine 
Gesellschaften  mögen  Ähnlichkeit  haben  mit  ihm  in  sol- 
chen Studien,  und,  keine  solchen  findend,  gehe  er  mit 
sich  selbst  um  in  seinen  Betrachtungen,  weil  er  schließ- 
lich keine  nützlichere  Gesellschaft  finden  wird. 

Allerlei  XXI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  17  V. 

Anweisungen.  t^         •...       ■,.  ■•■,  t-T-.  t    •         -, 

Der  Jungimg  soll  vor  allem  die  Perspektive  lernen;  dann 
die  Maße  von  allen  Dingen;  hierauf  von  der  Hand  eines 
guten  Meisters,  um  sich  an  gute  Gliedmaßen  zu  gewöhnen; 
hierauf  nach  der  Natur,  um  sich  in  den  Gründen  der  er- 
lernten Sachen  zu  befestigen;  hierauf  eine  Zeitlang  (Dinge) 
von  der  Hand  verschiedener  Meister  sehen;  hierauf  sich 
gewöhnen,  selber  etwas  ins  Werk  zu  setzen  (mettere  in 
pratica)  und   die  Kunst  zu  erlernen. 

—  Wie  das  erste  Gemälde  bloß  eine  einzige  Linie  war, 
welche  den  Schatten  des  Menschen  umgab,  den  die  Sonne 
auf  die  Mauer  warf. 

166 


—  Daß  das  Gemälde  nur  von  einem  einzigen  Fenster 
gesehen  werden  soll,  wie  es  an  so  gemachten  Figuren 
einem  klar  wird. 

—  Wenn  du  in  einer  gewissen  Höhe  eine  runde  Kugel 
machen  willst,  mußt  du  sie,  so  wie  hier,  lang  machen 
und  so  weit  rückwärts  stehen,  daß  sie  verkürzt  er- 
scheint. 

—  Daß  (gemalte)  Geschichten  nicht  von  vielen  Personen 
eingenommen  und  verwirrt  sein  sollen. 

—  Daß  man  einer  Draperie  nicht  die  Verwirrung  vieler 
Falten  geben  darf;  mache  deren  sogar  nur  dort,  wo  die 
Gewandung  von  den  Händen  oder  den  Armen  zurückge- 
halten ist;  der  Rest  möge  einfach  herabfallen,  wo  seine 
Natur  ihn  hinzieht,  und  das  Nackte  werde  nicht  von  zu 
viel  Linien  oder  Brechungen  von  Falten  überquert. 

—  Daß  die  Drapierung  nach  der  Natur  gezeichnet  sein 
muß,  das  heißt,  wenn  du  eine  Wollgewandung  machen 
willst,  so  benütze  die  Falten  von  einer  solchen,  oder  wenn 
es  Seide  sein  soll,  oder  feines  Tuch  oder  bäuerisches, 
oder  Schleier  so  mache  die  Falten  jedem  nach  seiner 
Art  verschieden  und  mache  nicht,  wie  viele  tun,  Gewänder 
über  Modellen,  die  mit  Papier  oder  feinem  Leder  bedeckt 
sind;  da  würdest  du  sehr  betrogen  sein. 

—  Daß  die  Alten  mit  trägen  und  langsamen  Bewegungen 
gemacht  werden  müssen,  die  Beine  in  den  Knien  gebogen, 
wenn  sie  stillstehen,  die  Füße  gleich  und  ein  wenig  von- 
einander entfernt,  das  Rückgrat  tief  gekrümmt,  den  Kopf 
nach  vorn  und  herabgeneigt  und  die  Arme  nicht  weit 
weggestreckt. 

—  Wie  man  die  Frauen  darstellen  muß,  mit  schamhaften 
Gebärden,  die  Beine  fest  geschlossen,  die  Arme  an  sich 
gesammelt,   die  Köpfe  geneigt  und  zur   Seite    gewendet. 

—  Wie  die  alten  Frauen  heftige  und  rasche  und  zor- 
nige Bewegungen  haben  müssen,  nach  der  Art  höllischer 
Furien,  und  die  Bewegungen  müssen  an  den  Armen  und 
am  Kopf  rascher  erscheinen  als  an  den  Beinen. 

167 


—  Die  kleinen  Jungen  mit  raschen  und  verdrehten  Be- 
wegungen, wenn  sie  sitzen,  und  wenn  sie  aufrecht  stehen, 
mit  schüchternen  und  ängstlichen. 

Wert     der    Per-    XXII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  13  T. 

spektive. 

Die  Perspektive  ist  Zügel  und  Steuer  der  Malerei. 

Von  der  Perspek-    XXIII.  MS.  CA.  FOL.  203  T. 

Uve  und  der  Lehre 

vom  Licht.  Unter  den  Studien  der  natürlichen  Ursachen  und  Gründe 
entzückt  das  Licht  die  Beschauer  am  meisten;  unter  den 
großen  Dingen  der  mathematischen  Wissenschaften  er- 
hebt die  Sicherheit  der  Beweisführung  am  herrlichsten 
den  Geist  der  Nachforschenden. 

Die  Perspektive  ist  daher  allen  Abhandlungen  und  mensch- 
lichen Disziplinen  vorzusetzen,  in  deren  Feld  die  ver- 
wickelte strahlende  Linie  die  Mittel  für  die  Demonstra- 
tionen gibt;  in  welcher  sich  die  Glorie  nicht  so  sehr  der 
Mathematik  als  der  Physik  befindet,  verziert  mit  Blumen 
der  einen  und  der  anderen,  die  Sentenzen  von  welchen, 
(weil  sie)  mit  großer  Abschweifung  ausgedehnt,  ich  in 
folgernder  Kürze  enger  ziehen  werde,  indem  ich,  nach  Art 
der  Materie,  naturalische  und  mathematische  Demonstra- 
tionen hineinflechte  und  einige  Male  auf  die  Wirkungen 
durch  die  Ursachen  schließe  und  einige  Male  auf  die  Ur- 
sachen aus  den  Wirkungen;  meinen  Schlußfolgerungen 
werde  ich  noch  einige  beifügen,  die  nicht  in  jenen  ent- 
halten sind  und  nichtsdestoweniger  von  jenen  handeln,  so 
wie  mich  eben  der  Herr,  Licht  aller  Dinge,  zu  erleuchten 
geruhen  wird,  mich,  den  Traktator  des  Lichtes  .... 

Gegen   die  prak-    XXIV.  MS.  CA.  FOL.  1 19  T. 

tischen  Leute.  ■,,  , 

Vorrede 
Von  Natur  aus  verlangen  die  guten  Menschen  zu  wissen. 
Ich  weiß,  daß  viele  dieses  ein  unnütz  Werk  nennen  wer- 
den, und  das  werden  jene  sein,  von  denen  Deometro 
(Demetrius)  sagt,  er  mache  sich  nicht  mehr  aus  dem  Wind, 
den   in    ihrem  Munde  die  Worte  erzeugten,  als  aus  .  .  .; 

168 


Menschen,  die  bloß  nach  körperlichen  Reichtümern,  nach 
Vergnügen  Begierde  haben  und  die  ganz  bar  sind  jener 
nach  Weisheit,  Speise  und  wahrhaftig  sicherem  Reichtum 
der  Seele;  denn,  um  so  viel  als  die  Seele  würdiger  ist  als 
der  Körper,  um  so  viel  werden  die  Reichtümer  der 
Seele  würdiger  sein  als  die  des  Körpers.  Und  oft,  wenn 
ich  irgendwen  von  solchen  dieses  Werk  in  die  Hand 
nehmen  sehe,  zweifle  ich  gar  nicht,  daß,  gleichwie  der 
Affe,  er  es  zur  Nase  führen  werde  und  mich  fragen,  ob 
das  etwas  zu  essen  sei. 

XXV.  MS.  A.  FOL.  10  r.     ^'^  «?  Perspek- 

tive ? 

Perspektive  ist  ein  beweisführender  Gegenstand,  durch 
den  die  Erfahrung  bestätigt,  daß  alle  Dinge  ihr  Abbild 
mittels  pyramidaler  Linien  ins  Auge  senden.  Unter  pyra- 
midalen Linien  verstehe  ich  die,  welche  von  den  ober- 
flächlichen Enden  der  Körper  ausgehen  und  durch  ein 
Zusammenlaufen  von  fernher  sich  zu  einem  einzigen 
Punkte  hinführen,  welchen  Punkt  ich  in  diesem  Fall  als 
im  Auge,  dem  allgemeinen  Richter  über  alle  Körper,  ge- 
legen zeigen  will.  Punkt  sage  ich  von  dem,  was  nicht 
zu  trennen  ist,  in  keinem  Teile;  also  da  dieser  Punkt, 
der  im  Auge  gelegen,  unteilbar  ist,  wird  kein  Körper 
vom  Gesicht  gesehen  werden,  der  nicht  größer  ist  als 
dieser  Punkt;  sintemalen  dem  so  ist,  ist  es  notwendig, 
daß  die  Linien,  die  vom  Körper  zum  Punkte  kommen, 
pyramidisch  seien.  Und  wenn  jemand  beweisen  wollte, 
daß  die  Sehkraft  nicht  in  diesem  Punkte  liegt,  sondern 
im  Gegenteil  in  jenem  schwarzen  Punkte,  den  man  in- 
mitten der  Pupille  sieht,  könnte  man  diesem  antworten, 
daß  ein  kleiner  Gegenstand  durch  keine  Entfernung  je 
kleiner  werden  könnte,  es  möchte  selbst  ein  Hirsekorn 
oder  ein  Fenchelsamen  sein  oder  anderes  dergleichen, 
und  dann  jener  Gegenstand,  der  größer  wäre  als  jener 
Punkt,  niemals  ganz  gesehen  werden  könnte,  wie  aus  fol- 
gendem Beweis  usw. 

169 


Was   schwerer     XXVI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  1  r. 

ist,  ob  Licht  und 

Schatten  zu  ver-  Wes    schwercF    ist,   Licht    und   Schatten   oder  nur 

stehen   oder  gut 

zu  zeichnen.  gute  Zeichnung 

Ich  sage,  daß  jene  Sache  schwerer  ist,  die  in  eine 
Grenze  gezwungen,  als  jene,  die  frei  ist.  Die  Schatten 
haben  in  gewissen  Graden  ihre  Grenzen,  und  wer  darin 
unwissend  ist,  dessen  Sachen  sind  ohne  die  Rundung, 
welche  Rundung  das  Wichtige  und  die  Seele  der  Malerei 
ist.  Die  Zeichnung  ist  frei,  sintemalen,  wenn  du  zahl- 
lose Gesichter  siehst,  werden  alle  verschieden  sein;  der 
hat  eine  lange  Nase  oder  eine  kurze;  also  kann  der  Maler 
auch  sich  diese  Freiheit  nehmen,  und  wo  Freiheit,  da  gibt 
es  keine  Regel. 

Naturstttdinm.     XXVII.  MS.  G.  FOL.  33  r. 

....  Daher,  o  Maler,  der  du  keine  solchen  Regeln  hast, 
—  um  dem  Tadel  der  Verstehenden  zu  entgehen,  sei  be- 
flissen, all  deine  Sache  nach  der  Natur  zu  zeichnen  und 
nicht  das  Studium  zu  verschmähen,  wie  die  Verdiener  es  tun. 


Abwechslung 
und  Reichtum. 


Auswendig- 
lernen. 


XXVIII.  MS.  G.  FOL.  5  v. 
Von  der  Varietät  der  Figuren 

Der  Maler  muß  trachten,  universell  zu  sein,  weil  er  der 
Würde  sehr  ermangelt,  wenn  er  eine  Sache  gut  macht 
und  die  andere  schlecht,  wie  viele,  die  nur  das  wohl- 
gemessene und  proportionierte  Nackte  studieren  und  nicht 
dessen  Abweichungen  aufsuchen,  da  ein  Mann  doch  pro- 
portioniert sein  kann  und  kurz  und  dick  oder  lang  und 
dünn  und  mittelmäßig.  Und  wer  dieser  Abwechslung 
nicht  Rechnung  trägt,  macht  immer  seine  Figuren  im 
Abdruck,  so  daß  sie  alle  Geschwister  zu  sein  scheinen, 
welche  Sache  großen  Tadel  verdient. 

XXIX.  MS.  ASH.  L  FOL.  24  r. 
Von  der  Art,  gut  auswendig  zu  lernen 

Wenn  du  eine  studierte  Sache  gut  auswendig  kennen 
willst,    halte    diese    Art    ein;    nämlich,    sobald    du    einen 


170 


Gedächtnis- 
übung. 


Gegenstand  so  oft  gezeichnet,  daß  du  glaubst,  ihn  im 
Kopf  zu  haben,  versuche,  ihn  ohne  das  Beispiel  (Vorbild) 
zu  machen,  und  habe  auf  ein  dünnes  und  planes  Glas 
dein  Beispiel  gepaust,  und  das  wirst  du  auf  die  Sache 
legen,  so  du  ohne  Modell  gemacht  hast.  Beachte  wohl, 
wo  sich  die  Pause  nicht  mit  deiner  Zeichnung  begegnet, 
und  wo  du  dich  geirrt  zu  haben  findest,  da  erinnere 
dich,  nicht  mehr  zu  irren;  kehre  sogar  zum  Modell 
zurück,  um  so  oft  jene  irrige  Stelle  zu  zeichnen,  daß 
du  sie  gut  in  der  Vorstellung  habest,  und  wenn  du,  um 
etwas  zu  pausen,  kein  planes  Glas  besitzest,  nimm  ein 
sehr  dünnes  Blatt  aus  Ziegenpergament,  gut  gesalbt  und 
dann  getrocknet,  und  wenn  du  es  hierauf  zu  deiner  Zeich- 
nung verwendet  hast,  kannst  du  mit  dem  Schwamm  sel- 
bige auslöschen  und  eine  zweite  machen. 

XXX.  MS.  ASH.  I.  FOL.  26  r. 
Vom  Studieren,  bis  du  aufstehst,  oder  ehe  du  ein- 
schläfst, im  Bett,  im  Dunkeln 

Ich  habe  an  mir  erprobt,  daß  es  von  nicht  geringer 
Nützlichkeit  sei,  wenn  du  im  Dunkeln  dich  im  Bette 
befindest,  mit  der  Einbildungskraft  daranzugehen,  die 
oberflächlichen  Lineamente  der  Formen  dir  zu  wieder- 
holen, so  du  vorher  studiert  hast,  oder  andere  bemerkens- 
werte Dinge,  die  von  einer  feinen  Überlegung  begriffen 
werden.  Und  ist  dieses  eine  Handlung,  lobenswert  und 
nützlich,  um  die  Sachen  im  Gedächtnis  zu  befestigen. 

XXXI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  22  V.    Nützliche   Spiele 

der  Phantasie. 

Art,  den  Geist  zu  bereichern  und  zu  verschiede- 
nen Erfindungen  aufzuwecken 

Ich  kann  nicht  umhin,  unter  diese  Vorschriften  eine 
neue  Erfindung  von  Spekulation  zu  setzen,  die,  obschon 
sie  unbedeutend  scheinen  mag  und  fast  des  Lachens 
würdig,  nichtsdestoweniger  von  großer  Nützlichkeit  ist, 
den    Geist    zu    verschiedenen    Erfindungen    aufzuwecken, 


171 


und  das  ist:  wenn  du  in  allerlei  Gemäuer  hineinschaust, 
das  mit  vielfachen  Flecken  beschmutzt  ist,  oder  in  Gestein 
von  verschiedener  Mischung,  —  hast  du  da  irgendwelche 
Szenerie  zu  erfinden,  so  wirst  du  dort  Ähnlichkeiten  mit 
diversen  Landschaften  finden,  die  mit  Bergen  geschmückt 
sind,  Flüsse,  Felsen,  Bäume,  —  Ebenen,  große  Täler 
und  Hügel  in  wechselvoller  Art;  auch  wirst  du  dort 
allerlei  Schlachten  sehen,  und  lebhafte  Gebärden  von 
Figuren,  sonderbare  Physiognomien  und  Trachten  und 
unendlich  viele  Dinge,  die  du  auf  eine  vollkommene  und 
gute  Form  zurückbringen  kannst.  Und  ist  mit  solchen 
Mauern  und  Gemisch  wie  mit  dem  Klang  von  Glocken, 
daß  du  in  ihren  Schlägen  jeden  Namen  und  jedes  Vokabel 
finden  kannst,  so  du  auszudenken  vermagst. 

Anwendung    des    XXXII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  24  V. 

Spiegels. 

Wie  der  Spiegel  den  Malern  ein  Lehrer  sei 
Willst  du  sehen,  ob  dein  Bild  im  ganzen  mit  der  Sache 
Übereinstimmung  habe,  die  du  nach  der  Natur  gemacht 
hast,  so  nimm  einen  Spiegel,  laß  darin  den  lebendigen 
Gegenstand  sich  spiegeln,  vergleiche  den  abgespiegelten 
Gegenstand  mit  deinem  Gemälde  und  schau  gut  nach, 
ob  das  Objekt  des  einen  und  das  andere  Abbild  mitein- 
ander in  Übereinstimmung  sind.  Und  vor  allem  den  Spiegel. 
Man  muß  den  Spiegel  zum  Meister  nehmen,  das  heißt, 
•  den  ebenen  Spiegel,  weil  auf  seiner  Oberfläche  die  Dinge 
mit  einem  Bild  in  vielen  Teilen  Ähnlichkeit  besitzen. 
Das  will  sagen,  du  siehst  ein  Bild,  das  auf  einer  Fläche 
gemacht  ist,  Dinge  aufweisen,  die  erhaben  scheinen,  und 
der  ebene  Spiegel  tut  das  gleiche;  das  Gemälde  hat  eine 
einzige  Fläche  und  der  Spiegel  ebenfalls.  Das  gemalte 
Bild  ist  nicht  greifbar,  in  der  Hinsicht,  daß,  was  darin 
rund  und  frei  abgelöst  scheint,  nicht  mit  den  Händen 
umfaßt  werden  kann,  und  ebenso  ist  es  mit  dem  Spiegel; 
der  Spiegel  und  das  Gemälde  zeigen  Ähnlichkeiten  der 
Dinge  von  Licht   und  Schatten  umgeben;   bei  beiden  er- 

172 


scheinen  diese  sehr  weit  hinter  der  Oberfläche  zu  stehen. 
Und  wenn  du  weißt,  daß  der  Spiegel  durch  das  Mittel 
der  Umrisse,  der  Lichter  und  Schatten  die  Dinge  dir 
losgelöst  und  frei  erscheinen  läßt,  und  da  du  unter  dei- 
nen Farben  die  Lichter  und  Schatten  viel  wirkungsvoller 
hast  als  jene  des  Spiegels,  sicher,  wenn  du  sie  dann  gut 
zusammenzusetzen  verstehst,  so  wird  auch  dein  Gemälde 
erscheinen  wie  ein  Stück  Natur  (una  cosa  naturale),  das 
in  einem  großen  Spiegel  gesehen  ist. 

XXXIII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  8  v. 
Vorschrift  für  Malerei 

Das  Skizzieren  der  Geschichten  sei  rasch  und  die  Glie- 
derung nicht  zu  vollendet.  Begnüge  dich  nur,  die  Stel- 
lung der  Glieder  anzudeuten,  die  du  nachher  in  schöner 
Muße,  wie  dir  gefällt,  fertig  ausführen  kannst. 

XXXIV.  MS.  ASH.  I.  FOL.  31  v. 
Wie  man  auf  allen  Reisen  lernen  kann 

Die  gütige  Natur  hat  die  Welt  in  solcher  Weise  versehen, 
daß  du  überall  nachzuahmen  findest. 


Ober  das 
Skizzieren, 


Reisen, 


XXXV. 


MS.  A.  FOL.  23  r.    Befangenheit  des 
Uiieils  innerhalb 


Von   der  Täuschung,   der  man  im  Urteil  über  die  der  Grenzen  des 

°  eigenen    Wesens. 

Gliedmaßen  unterworfen  ist 

Jener  Maler,  der  plumpe  Hände  besitzt,  wird  sie  in 
seinen  Werken  ebenso  machen,  und  dieses  gleiche  wird 
ihm  mit  jeglichem  Gliede  widerfahren,  wenn  ein  langes 
Studium  ihn  davon  nicht  abhält.  Daher,  o  Maler,  be- 
trachte gut  jenen  Teil  von  dir,  den  du  an  deiner  ganzen 
Person  am  häßlichsten  hast,  und  an  diesem  bringe  durch 
dein  Studium  gute  Verbesserung  an;  denn,  bist  du  besti- 
alisch, deine  Figuren  werden  desgleichen  sein  und  ohne 
Vernunft,  und  gleicherweise  wird  jeder  Teil  von  Gutem 
und  Schlechtem,  so  du  in  dir  hast,  sich  zum  Teil  in  deinen 
Figuren  zeigen. 


173 


Sei  wählerisch!    XXXVI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  27  r. 

Von  der  Auswahl  schöner  Gesichter 

Es  scheint  mir  eine  nicht  geringe  Anmut  bei  einem 
Maler,  wenn  er  seinen  Figuren  ein  gutes  Aussehen  gibt, 
eine  Anmut,  die  sich,  wenn  man  sie  nicht  von  Natur 
aus  hat,  durch  gelegentliches  Studium  auf  solche  Art  er- 
werben läßt:  suche  die  guten  Partien  aus  vielen  schönen 
Gesichtern  herauszunehmen,  deren  Schönheit  mehr  durch 
öffentlichen  Ruhm  bekräftigt  sei  als  durch  dein  Urteil, 
weil  du  dich  täuschen  könntest,  indem  du  Gesichter 
nähmest,  die  Ähnlichkeit  mit  deinem  haben;  denn  oft- 
mals scheint  es,  als  gefielen  uns  solche  Ähnlichkeiten, 
und  wärest  du  häßlich,  du  wähltest  nicht  schöne  Ge- 
sichter und  machtest  häßliche,  wie  viele  Maler,  deren 
Figuren  häufig  dem  Meister  gleichen.  Daher  nimm  Schön- 
heiten, wie  ich  es  dir  sage,  und  diese  präge  deinem 
Geist  ein. 


Inneres 

und  äußeres 

Ebenmaß. 


XXXVII.  MS.  CA.  FOL.  375  r. 

Monstruös  ist  jener,  der  einen  sehr  großen  Kopf  und 
kurze  Beine  hat,  und  monstruös  jener,  der  zugleich  mit 
reicher  Kleidung  große  Armut  besitzt;  daher  werden  wir 
proportioniert  denjenigen  nennen,  von  welchem  die  ein- 
zelnen Teile  seinem  Ganzen  entsprechend  sind. 


Um    Anmut    za    XXXVIII. 
geben. 


MS.  ASH.  I.  FOL.  22  v. 
Vom  Schlängeln  und  Balancieren  der  Figuren  und 
andern  belebten  Wesen 

Welche  Gestalten  oder  welch  anmutiges  Lebendige  du 
auch  machest,  bedenke  das  Hölzerne  zu  fliehen,  das  heißt, 
sie  mögen  sich  in  Kontraposten  bewegen,  oder  besser: 
balancierend  gehend,  so  daß  sie  nicht  erscheinen  wie  ein 
Stock. 

Die  du  aber  als  stark  darstellen  willst,  die  nicht  so 
machen,  außer  in  der  Wendung  des  Kopfes  auf  den 
Schultern. 


174 


XXXIX.  MS.  ASH.  I.  FOL.  20  v. 

Über  die  Wahl  der  Luft,  die  den  Gesichtern 

Anmut  gibt 

Wenn  du  einen  Hof  hättest,  den  du  nach  Wunsch  mit 
einem  Leinenzelt  bedecken  könntest,  wäre  dieses  Licht 
gut.  Oder  wenn  du  jemanden  malen  willst,  male  ihn  bei 
schlechtem  Wetter  oder  beim  Herandämmern  des  Abends, 
indem  du  den  Gemalten  mit  dem  Rückgrat  gegen  eine 
der  Mauern  selbigen  Hofes  stellst.  Beobachte  auf  den 
Straßen  beim  Nahen  des  Abends  die  Gesichter  der  Män- 
ner und  Frauen,  wenn  das  Wetter  schlecht  ist,  wieviel 
Anmut  und  Süße  man  da  als  ihnen  eigen  wahrnimmt. 
Darum,  o  Maler,  wirst  du  einen  Hof  haben,  hergerichtet 
mit  schwarz  getünchten  Mauern,  mit  ein  bißchen  Dach- 
vorsprung über  genannter  Mauer.  Und  soll  10  Ellen  weit 
sein  und  20  lang  und  10  hoch,  und  wenn  Sonne,  ihn  mit 
Zelt  eindecken  oder  aber  eine  Stunde  vor  dem  Nahen 
des  Abends  malen,  während  es  wolkig  ist  oder  nebelig. 
Und  dieses  ist  die  vollkommene  Luft. 

XL.  MS.  A.  FOL.  22  r. 

Von  der  Qualität  des  Lichtes 

Das  Licht  groß,  hoch  und  nicht  zu  mächtig,  dieses  wäre 
jenes,  das  die  Teile   des  Körpers  sehr  angenehm  macht. 

XLL  MS.  ASH.  I.  FOL.  20  r. 

Wie  die  Glieder  machen 

Die  Glieder,  so  Mühen  erduldet  haben,  diese  recht  mus- 
kulös machen,  und  jene,  die  sich  nicht  betätigen,  wirst 
du  ohne  Muskeln  machen  und  weich. 

XLIL  MS.  ASH.  I.  FOL.  20  r. 

Von  den  Gebärden  der  Figuren 

Du  wirst  die  Figuren  in  solcher  Bewegung  machen,  daß 
sie  ausreiche,  zu  zeigen,  was  diese  Figur  in  ihrem  Gemüt 
hat;  sonst  wäre  deine  Kunst  nicht  lobenswert. 


Welche  Laftstim- 
mung  am  gün- 
stigsten für  den 
Ausdruck  des 
menschlichen  Ge- 
sichtes ist. 


Gate  Beleuch- 
tung. 


Wie   die  Glieder 
machen. 


Von  den  passen- 
den Gebärden. 


175 


Aasdruck.        XLIII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  29  v. 

Wie  eine  Figur  nicht  lobenswert  ist,  wenn  an  ihr  nicht 
irgendeine  Gebärde  die  Leidenschaft  der  Seele  ausdrückt. 

Jene  Figur  ist  am  meisten  zu  loben,  die  durch  die  Ge- 
bärde am  besten  die  Leidenschaft  ihres  Wesens  ausdrückt. 

Miene    und    Ge-    XLIV.  MS.  CA.  FOL.  139  r. 

bürde    als    Aus- 

drncksmittei.  .  .  .  Die  Malerei,  oder  besser:  die  gemalten  Figuren  müssen 
in  solcher  Weise  gemacht  sein,  daß  die  Beschauer  von 
ihnen  mit  Leichtigkeit  aus  ihren  Stellungen  den  Vorsatz 
ihres  Gemüts  zu  erkennen  vermögen.  Und  wenn  du 
einen  rechtschaffenen  Menschen  hast  reden  zu  machen, 
mache,  daß  seine  Aktion  Gefährte  der  guten  Worte  sei  ; 
und  gleicherweise,  wenn  du  einen  bestialischen  Menschen 
zu  gestalten  hast,  mache  ihn  mit  wilden  Bewegungen,  die 
Arme  gegen  den  Zuhörer  werfend,  und  den  Kopf  an  die 
Brust  gedrückt,  die  Beine  auseinandergestreckt,  welches 
die  Hände  des  Redners  begleite. 

In  Gleichheit  mit  dem  Stummen  (Taubstummen),  welcher, 
zwei  Redner  sehend,  obschon  er  des  Gehörs  beraubt, 
nichtsdestoweniger  durch  die  Effekte  und  die  Gebärden 
selbiger  Redner   den  Gegenstand  ihres  Disputs  versteht. 

Ich  sah  in  Florenz  einen  zufällig  Taubgewordenen,  der, 
wenn  du  laut  zu  ihm  sprachst,  er  dich  nicht  verstand, 
und  leise  sprechend,  ohne  Klang  der  Stimme,  verstand 
er  dich  allein  durch  die  Führung  der  Lippen.  Nun  könn- 
test du  mir  sagen:  —  „bewegt  einer  die  Lippen  nicht,  der 
laut  spricht,  so  wie  leise  ?  und  wenn  sie  der  eine  wie 
der  andere  bewegt,  würde  nicht  der  eine  wie  der  andere 
verstanden?"  —  Dafür  überlasse  ich  das  Urteil  abzugeben 
der  Erfahrung:  mache  jemand  leise  sprechen,  und  hierauf 
laut,  und  gib  auf  die  Lippen  acht. 

Rauch  und  Luft.    XLV.  MS.  F.  FOL.  18  f. 

Wenn  der  Rauch  von  trockenem  Holz  sich  zwischen 
dem  Auge  befindet,  das  ihn  sieht,  und  einem  anderen 
dunkeln  Ort,  erscheint  er  blau. 

176 


Also  wird  die  Luft  blau  durch  die  Finsternis,  die  sie 
hinter  sich  hat.  Und  wenn  du  gegen  den  Horizont  des 
Himmels  schaust,  wirst  du  die  Luft  nicht  blau  sein  sehen, 
und  dies  entsteht  aus  ihrer  Dicke.  Und  so,  mit  jedem 
Grad,  den  du  das  Auge  an  dem  Horizont  hinaufhebst, 
bis  zum  Himmel,  der  über  dir  steht,  wirst  du  die  Luft 
dunkler  werden  sehen,  und  das  ist,  weil  geringere  Menge 
Luft  sich  zwischen  dein  Auge  und  selbige  Finsternis 
schiebt.  Und  wenn  du  dich  auf  einem  hohen  Berg  be- 
findest, wird  die  Luft  über  dir  um  so  dunkler  werden,  als 
sie  dünner  geworden  ist  zwischen  dir  und  genannter 
Finsternis,  und  so  folgt  es  weiter  bei  jedem  Grad  von 
Höhe,  bis  zum  Schluß  sie  dunkel  bleibt. 

Jener  Rauch  scheint  azurner,  der  aus  dem  trockensten 
Holz  entsteht  und  der  näher  seinem  Urheber  ist  und  der 
im  dunkelsten  Feld  gesehen  wird,  mit  dem  Licht  der 
Sonne,  das  darauf  fällt. 

XLVL  MS.  G.FOL.  11  V.    Landschaft    und 

Licht. 

Von  den  Bäumen  und  ihrem  Licht 

Die  wahre  Manier  des  Praktikers,  eine  Campagna  oder, 
will  ich  sagen:  Landschaft  mit  ihren  Pflanzen  darzustellen, 
ist  die,  zu  wählen,  daß  am  Himmel  die  Sonne  bedeckt 
sei,  damit  selbige  Campagna  das  allgemeine  Licht  emp- 
fange und  nicht  das  besondere  der  Sonne,  das  die 
Schatten  abgeschnitten  macht  und  sehr  abstechend  von 
den  Lichtern. 

XLVn.  MS.  G.  FOL.  4  V.  Laubwerk. 

Nur  niemals  durchscheinende  Blätter  in  der  Sonne  dar- 
stellen, weil  sie  wirr  sind,  und  das  passiert,  weil  über 
der  Transparenz  des  einen  Blattes  der  Schatten  eines 
anderen  Blattes  sich  eindrücken  wird,  das  darüber  steht, 
welcher  Schatten  von  bestimmten  Grenzen  und  entschie- 
dener Dunkelheit  ist,  und  manchmal  ist  es  der  halbe 
oder  dritte  Teil  dieses  Blattes,  welcher  Schatten  hat,  und 

12        Herzfeld,   Leonardo 

177 


auf  diese  Art  ist  solche  Verästelung  wirr  und  ihre  Nach- 
ahmung zu  fliehen. 

Vom  Kolorit.      XLVIII.  MS.  F.  FOL.  75  r. 

Weil  das  Weiß  keine  Farbe  ist,  aber  von  rezeptiver 
Kraft  für  jede  Farbe,  so  sind  all  seine  Schatten,  wenn 
es  sich  in  freiem  Felde  befindet,  blau;  und  dies  kommt 
vom  vierten  (Satz),  der  sagt:  „Die  Oberfläche  jedes  un- 
durchsichtigen Körpers  nimmt  teil  an  der  Farbe  ihres 
Gegenübers".  Also  wenn  dies  Weiß  des  Lichtes  der 
Sonne  beraubt  wird  durch  die  Zwischenkunft  eines  Gegen- 
standes, der  zwischen  die  Sonne  und  dies  Weiß  gebracht 
ward,  so  bleibt  also  das  ganze  Weiß,  welches  die  Sonne 
und  die  Luft  sieht,  der  Farbe  der  Sonne  und  der  Luft 
teilhaftig,  und  jene  Partie,  welche  die  Sonne  nicht  sieht, 
bleibt  schattig,  teilnehmend  an  der  Farbe  der  Luft.  Und 
wenn  dergleichen  Weiß  nicht  das  Grün  der  Landschaft 
bis  zum  Horizont  hinan  sähe,  ohne  Zweifel  würde  das 
Weiß  dann  von  der  einfachen  Farbe  zu  sein  scheinen,  von 
der  die  Luft  zu  sein  sich  zeigt. 

Wert  der  Regeln.    XLIX.  MS.  CA.  FOL.  221  V. 

.  .  .  Diese  Regeln  sind  nur  zu  benützen  zur  Überprüfung 
der  Figuren,  sintemalen  jedermann  bei  der  ersten  Kom- 
position irgendwelchen  Fehler  macht,  und  wer  sie  (die 
Fehler)  nicht  kennt,  verbessert  sie  nicht;  daher  du,  um 
die  Fehler  zu  kennen,  dein  Werk  überprüfen  wirst,  und 
wo  du  genannte  Fehler  findest,  verbessere  sie  und  halte 
dir  im  Geist  gegenwärtig,  nie  wieder  in  sie  zu  verfallen. 
Aber,  wenn  du  die  Regeln  beim  Komponieren  verwenden 
wolltest,  kämest  du  nie  zu  einem  Beginn  und  brächtest 
Verwirrung  in  deine  Werke. 

Diese  Regeln  machen,  daß  du  ein  freies  und  gutes  Ur- 
teil habest,  sintemalen  das  gute  Urteil  von  einem  guten 
Verständnis  kommt,  und  das  gute  Verständnis  stammt 
von  einem  Gegenstand,  der  nach  guten  Regeln  behandelt 
ist,   und    die   guten  Regeln    sind  Kinder   der   guten  Er- 

178 


fahrung,    gemeinsamer  Mutter   aller  Wissenschaften  und 
Künste. 

Daher,  hast  du  gut  im  Gedächtnis  die  Vorschriften 
meiner  Regeln,  wirst  du,  bloß  mit  dem  verbesserten 
Urteil,  jedes  Werk  von  schlechten  Proportionen  zu  be- 
urteilen und  erkennen  vermögen,  sowohl  in  der  Perspek- 
tive wie  in  den  Figuren  oder  anderen  Sachen. 

L.  MS.  ASH.  I.  FOL.  28  r.    Um  das  Urteil  za 

_-,.  »»<  •  <  ••  bilden. 

Um  deine  Malerei  gut  zu  beurteilen 

Wir  wissen  genau,  daß  man  die  Versehen  besser  in  den 
Werken  anderer  erkennt  als  in  den  eigenen  und  oft, 
während  du  die  kleinen  Fehler  anderer  schiltst,  weißt  du 
deine  eigenen  großen  nicht.  Um  solcher  Unwissenheit 
zu  entgehen,  sorge  vor  allem  dafür,  daß  du  ein  guter 
„Perspektivist"  seiest;  hierauf  habe  völlige  Kenntnis  der 
Maße  des  Menschen  und  anderer  Tiere,  und  außerdem 
sei  ein  tüchtiger  Architekt,  das  heißt,  soweit  es  notwendig 
ist  für  die  Form  der  Gebäude  und  der  andern  Dinge,  die 
sich  auf  der  Erde  befinden  und  deren  Formen  zahllose 
sind.  Je  mehr  du  von  ihnen  Kenntnis  hast,  um  so  lobens- 
würdiger  wird  deine  Arbeit  sein.  Und  diejenigen,  welche 
dir  nicht  geläufig  sind,  verschmähe  nicht,  nach  der  Natur 
abzubilden  .  .  . 

LI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  26  r.    Fremdes     Urteil. 

Wie  der  Maler  wünschen  muß,  bei  seiner  Arbeit 
das  Urteil  von  jedermann  zu  hören 

Sicherlich,  und  es  soll,  während  man  malt,  nicht  das 
Urte'l  von  jedermann  zurückgewiesen  werden,  da  wir  genau 
wissen,  daß  der  Mensch,  auch  wenn  er  kein  Maler  ist, 
Kenntnis  von  den  Formen  eines  andern  Menschen  hat 
und  richtig  beurteilen  wird,  ob  er  bucklig  ist  oder  eine 
Schulter  zu  hoch  oder  zu  niedrig  hat,  oder  ob  er  den 
Mund  groß  hat,  oder  die  Nase,  oder  andere  Fehler,  und 
wenn  wir  an  den  Menschen  imstande  sind,  mit  Wahrheit 

12* 

179 


das  Werk  der  Natur  zu  beurteilen,  um  wieviel  mehr  ge- 
bührt es  sich,  zuzugestehen,  daß  sie  unsere  Versehen 
beurteilen  können!  Du  weißt  doch,  wie  sehr  sich  der 
Mensch  über  seine  eigenen  Werke  täuscht,  und  wenn  du 
es  nicht  von  dir  weißt,  beobachte  es  an  andern,  und  du 
wirst  Nutzen  aus  fremden  Irrtümern  ziehen,  so  daß  du 
also  begierig  sein  sollst,  mit  Geduld  die  Meinungen  an- 
derer anzuhören.  Und  betrachte  wohl  und  bedenke  gut, 
ob  der  Tadler  recht  hat  oder  nicht,  dich  zu  tadeln,  und 
wenn  du  findest,  ja,  so  verbessere  es,  und  findest  du, 
nein,  so  mache  Miene,  ihn  nicht  verstanden  zu  haben, 
oder  zeige  ihm,  wenn  es  ein  Mann  ist,  den  du  achtest, 
durch  Gründe,  weshalb  er  selbst  sich  täuscht. 

Immer  wieder       LH.  MS.  ASH.  I.  FOL.  26  T. 

Naturstadium. 

Warum  bei  Werken  von  Wichtigkeit  der  Mensch 
sich  nicht  so  sehr  auf  sein  Gedächtnis  verlassen 
soll,    daß   er    es   verschmäht,    nach    der  Natur    zu 

arbeiten 
Jener  Meister,  der  zu  verstehen  gäbe,  alle  Formen  und 
Effekte  der  Natur  in  sich  aufbewahren  zu  können,  sicher, 
mir  schiene  der  mit  sehr  viel  Unwissenheit  geziert,  sinte- 
malen besagter  Effekte  zahllose  sind,  und  unser  Gedächtnis 
nicht  von  solcher  Fähigkeit,  daß  es  hinreiche.  Darum, 
0  Maler,  sieh  zu,  daß  Gier  des  Gewinns  nicht  in  dir  die 
Ehre  der  Kunst  überwinde,  da  der  Gewinn  der  Ehre  viel 
größer  ist  als  die  Ehre  der  Reichtümer.  So  daß  aus 
diesen  und  aus  andern  Gründen,  die  man  anführen  könnte, 
du  streben  wirst,  erst  mit  der  Zeichnung  in  andeutender 
Form  dem  Auge  die  Absicht  und  die  Erfindung  zu  zeigen, 
die  zuerst  in  deiner  Einbildungskraft  entstanden  ist,  dann 
geh  weiter,  indem  du  so  viel  wegnimmst  oder  zufügst, 
daß  es  dich  befriedigt;  hierauf  mache,  daß  du  die  Men- 
schen, bekleidete  oder  nackte,  in  der  Art,  wie  du  sie  auf 
deinem  Werk  geordnet  hast,  verbesserst  und  mache,  daß, 
in   Maßen   und   in    Größe    der  Perspektive   unterworfen, 

180 


nichts  dir  im  Werke  durchgehe,  was  nicht  wohl  beraten 
ist,  sowohl  durch  die  Vernunft  als  durch  die  Effekte  der 
Natur.  Und  das  sei  der  Weg,  durch  deine  Kunst  dich 
zu  Ehren  zu  bringen  .  .  . 

LIII.  MS.  CA.  FOL.  122  V. 

Wie  der  Körper  mit  großem  Zaudern,  hervorgerufen 
durch  die  Länge  seiner  konträren  Bewegung,  mit  mehr 
Weg  zurückkehrt  und  dann  stärkern  Schlag  gibt,  und 
jener,  der  von  kontinuierlicher  und  kurzer  Bewegung  ist, 
wenig  Kraft  hat;  —  so  hat  im  Studium  ein  und  der- 
selben Materie,  in  langen  Zwischenräumen  der  Zeit  ge- 
macht, das  Urteil  sich  vervollkommnet  und  erkennt  besser 
seinen  Irrtum.  Und  das  gleiche  tut  das  Auge  des  Malers, 
indem  es  sich  von  seiner  Malerei  entfernt. 


Ausruhen  des 
Auges. 


LIV. 


MS.  ASH.  I.  FOL.  16  r.    WelcheGemächer 
dem    Maler    am 


Die   kleinen  Gemächer  oder  Wohnungen   sammeln    den    ^^^^^"-  '««»f««- 
Geist,  und  die  großen  zerstreuen  ihn. 

LV.  MS.  ASH.  I.  FOL.  27  V.     Wie    der    Maler 

leben  soll. 

Vom  Leben  des  Malers  in  seinem  Studium 
Damit  nicht  das  Behagen  des  Leibes  etwa  das  Gedeihen 
des  Geistes  schädige,  soll  der  Maler  oder  Zeichner  ein- 
sam sein,  und  besonders,  wenn  er  sich  den  Beobachtungen 
und  Betrachtungen  hingibt,  die  dem  Auge  immerfort  sich 
darbieten  und  dem  Gedächtnis  Stoff  geben,  um  gut  darin 
verwahrt  zu  werden.  Wenn  du  allein  bist,  bist  du  völlig 
dein,  und  wärest  du  von  einem  einzigen  Gefährten  be- 
gleitet, so  gehörst  du  dir  bloß  halb  mehr  an,  und  um  so 
weniger,  je  größer  die  Zudringlichkeit  seines  Umgangs 
ist,  und  wenn  du  mit  mehreren  bist,  so  verfällst  du  noch 
mehr  in  solche  Unzukömmlichkeiten.  Und  wolltest  du 
nun  sagen:  —  „ich  werde  nach  meiner  eigenen  Art  tun; 
ich  werde  mich  abseits  halten,  um  die  Formen  der  Dinge 
in  der  Natur  besser  beschauen  zu  können"  — ,  so  er- 
widere  ich,    das   geht  wohl  nicht   an,   weil   du  es  nicht 


181 


machen  kannst,  ohne  häufig  dein  Ohr  ihrem  Geschwätz 
zu  leihen,  und  da  niemand  zwei  Herren  zugleich  dienen 
kann,  so  würdest  du  übel  das  Amt  eines  Gesellschafters 
erfüllen,  und  übler  noch  wäre  der  Erfolg  der  künstlerischen 
Betrachtung;  und  sagtest  du:  —  „ich  werde  mich  so  weit 
abseits  halten,  daß  ihre  "Worte  nicht  bis  zu  mir  gelangen 
und  mich  nicht  stören  können"  —,  so  antworte  ich  dir 
in  diesem  Stück,  daß  man  dich  für  verrückt  erklären  wird. 
Und  siehst  du  denn  nicht,  daß  du,  wenn  du  so  handelst, 
auch  allein  wärest? 

Desgleichen.      LVI.  MS.  ASH.  I.  FOL,  2  r. 

Der  Geist  des  Malers  will  dem  Spiegel  gleichen,  der 
sich  immer  in  die  Farbe  jener  Sache  verwandelt,  so  er 
zu  seinem  Gegenstand  hat,  und  sich  mit  so  viel  Abbildern 
füllt,  als  der  Dinge  sind,  die  man  ihm  gegenüberstellt. 
Also  du,  Maler,  wohl  bewußt,  daß  du  nicht  gut  sein 
kannst,  wenn  du  nicht  universaler  Meister  darin  bist,  mit 
deiner  Kunst  alle  Eigenschaften  der  Formen  nachzumachen, 
so  die  Natur  hervorbringt,  welche  Formen  du  nicht  wirst 
zu  machen  wissen,  außer  du  siehst  sie  und  behältst  sie 
im  Gedächtnis  zurück;  —  wenn  du  über  die  Fluren  gehst, 
trachte  daher,  daß  dein  Urteil  sich  zu  verschiedenen 
Gegenständen  wende  und  nachderhand  jetzt  diese  Sache 
beschaue,  und  jetzt  jene  andere,  indem  es  so  aus  den 
mannigfachen  erlesenen  und  unter  minder  guten  heraus- 
gewählten Sachen  einen  Strauß  windet.  Und  tue  nicht 
wie  so  mancher  Maler,  der  müde  in  der  Phantasie  sein 
Werk  stehen  läßt  und,  um  sich  Bewegung  zu  machen, 
auf  Kurzweil  ausgeht,  wobei  er  seine  Müdigkeit  im  Geiste 
weiter  bewahrt,  durch  die  er  nichts  sehen  noch  die  ver- 
schiedenen Sachen  ins  Gemüt  aufnehmen  kann,  dagegen 
häufige  Male  die  Freunde  und  Verwandten  treffend  und 
von  ihnen  begrüßt,  so  wenig  etwas  sieht  und  hört  und 
nicht  anders  erkennt,  als  ob  er  ebensovieler  Luft  be- 
gegnet wäre. 

182 


LVII.  MS.  ASH,  I.  FOL.  29  V.    Darstellung    des 

.  .       r,  Zorns. 

Wie  man  eine  in  Zorn  versetzte  Person  macht 
Die  Person  in  Zorn  läßt  du  jemanden  bei  den  Haaren 
fassen,  ihm  den  Kopf  zur  Erde  drehen  und  ein  Knie  in 
die  Flanken  stemmen.  Mit  dem  rechten  Arm  schüttle 
sie  die  Faust  empor.  Ihre  Haare  habe  sie  gesträubt,  die 
Brauen  niedrig  und  zusammengezogen,  die  Zähne  aufein- 
ander gepreßt  und  die  beiden  Ausläufer  des  Mundes 
seitlich  zu  einem  Bogen  gekrümmt;  der  Hals,  dick  und 
vorgeneigt,  weil  er  sich  über  den  Feind  beugt,  sei  voller 
Runzeln. 

LVIII.  MS.  ASH.  I.  FOL.  29  V.    Darstellung  eines 

Verzweifelten. 

Wie  man  einen  Verzweifelten  darstellt 

Den  Verzweifelten  wirst  du  sich  eins  mit  dem  Messer 
versetzen  lassen.  Die  Kleider  habe  er  sich  zerrissen 
und  sei  gerade  daran,  sich  mit  der  einen  Hand  die  Wunde 
aufzureißen.  Und  du  wirst  ihn  mit  den  Füßen  ausein- 
ander und  etwas  geknickten  Beinen  machen,  und  die  ganze 
Figur  gleichfalls  zur  Erde  gebeugt,  mit  zerrauftem  und 
wirrem  Haar. 

LIX.  MS.  ASH.  L  FOL.  21  r.    Einer    redet    vor 

T»  •  j  11  j  vielen. 

Einen   darzustellen,    der   zu    mehreren   Personen 

red  et 
Gewöhnlich  wird  jener,  von  dem  du  willst,  daß  er  vor 
vielen  Leuten  rede,  die  Materie  in  Betracht  nehmen,  die 
er  zu  behandeln  hat,  und  ihr  die  Gebärden  anpassen,  die 
zu  dieser  Materie  gehören:  das  heißt,  wenn  seine  Materie 
Überredung  ist,  daß  die  Gebärden  nach  der  Absicht  seien; 
wenn  die  Materie  eine  Klarlegung  durch  verschiedene 
Gründe  ist,  daß  der,  welcher  spricht,  mit  zwei  Fingern 
der  rechten  Hand  einen  von  der  linken  fasse,  von  der 
er  die  zwei  kleinen  zusammengepreßt  hat,  und  das  Ge- 
sicht lebhaft  dem  Volk  zugewendet;  mit  dem  Mund  ein 
wenig  geöffnet,  so  daß  es  scheint,  er  rede,  und  v/enn  er 

183 


saß,  daß  es  scheint,  er  richte  sich  ein  bißchen  auf  und 
strecke  den  Kopf  vor;  und  wenn  er  steht,  mache  ihn 
mit  vorgeneigter  Brust  und  den  Kopf  gegen  das  Volk  hin, 
welches  du  schweigend  und  aufmerksam  darstellen  wirst, 
alle  dem  Redner  mit  bewundernden  Gebärden  ins  Antlitz 
schauend,  und  den  Mund  irgendwelcher  Alten  vor  Staunen 
über  die  gehörten  Sentenzen  so,  daß  sie  mit  den  Aus- 
läufern des  Mundes,  die  sie  niedrig  halten,  nach  rück- 
wärts viele  Falten  über  die  Wangen  ziehen  und  die 
Augenbrauen,  wo  sie  zusammenstoßen,  emporgerissen, 
viele  Falten  auf  der  Stirn  schaffen.  Einige  Sitzende 
mögen  mit  den  zusammengeflochtenen  Fingern  die  müden 
Knie  zwischen  den  Händen  halten,  andere  ein  Knie  über 
das  andre  schlagen  und  die  Hand  darauf  legen,  die  in 
ihrer  Höhlung  den  Ellbogen  aufnimmt,  dessen  Hand 
das  bärtige  Kinn  irgendeines  vorgebeugten  Greises  unter- 
stützen wird. 

Wie   man  eine      LX.  MS.  ASH.  I.  FOL.  18  V. 

Nacht  malt. 

Von  der  Art,  eine  Nacht  darzustellen 

Was  gänzlich  des  Lichtes  beraubt  ist,  ist  völlige  Dunkel- 
heit. Da  die  Nacht  in  diesen  Umständen  ist,  und  du  in 
ihr  eine  Geschichte  darstellen  willst,  wirst  du  es  so 
machen,  daß,  nachdem  ein  großes  Feuer  sich  in  dieser 
Nacht  befindet,  daß  alles,  was  mehr  in  der  Nachbarschaft 
besagten  Feuers  ist,  sich  mehr  in  dessen  Farbe  kleide, 
weil  die  Sache,  die  einem  Gegenstand  näher  ist,  auch 
mehr  an  dessen  Natur  teilnimmt.  Und  da  du  das  Feuer 
zur  roten  Farbe  wirst  hinneigen  lassen,  wirst  du  alle 
von  diesem  erleuchteten  Sachen  auch  rötlich  machen, 
und  die  von  jenem  Feuer  mehr  entfernt  sind,  müssen 
mehr  die  schwarze  Farbe  der  Nacht  tragen.  Die  Figuren, 
die  zwischen  dir  und  dem  Feuer  sind,  erscheinen  dunkel 
in  der  Dunkelheit  der  Nacht  und  nicht  von  der  Hellig- 
keit des  Feuers,  und  die  sich  auf  den  Seiten  befinden, 
seien   zur   Hälfte    dunkel   und   zur   Hälfte    rötlich.     Die 

184 


man  jenseits  der  Flammengrenzen  sehen  kann,  werden 
in  schwarzem  Felde  ganz  von  rötlichem  Licht  erleuch- 
tet sein. 

Was  die  Gebärden  anlangt,  wirst  du  jene,  die  ihm  ganz 
nahe  sind,  mit  den  Händen  und  den  Mänteln  zum  Schutz 
gegen  die  übermäßige  Hitze  sich  einen  Schild  machen 
lassen  und,  mit  dem  Gesicht  nach  der  entgegengesetzten 
Seite  abgewendet,  scheinbar  zu  jenen  weiter  Entfernten 
fliehen;  du  wirst  einen  großen  Teil  von  ihnen  sich  die 
Augen  mit  den  Händen  vor  dem  überstarken  Lichtglanz 
schirmen  lassen,  der  sie  verletzt. 

LXI.  MS.  ASH.  I.  FOL.  21  r.    Ein    Ungewitter. 

Wie  man  ein  Ungewitter  darstellen  soll 

Wenn  du  ein  Ungewitter  gut  darstellen  willst,  beachte 
und  setze  wohl  seine  Wirkungen  hin,  wenn  der  Wind, 
über  die  Oberfläche  des  Meeres  und  der  Erde  blasend, 
aufrührt  und  mit  sich  führt,  was  nicht  fest  in  der  allge- 
meinen Masse  sitzt.  Und  um  dieses  Ungewitter  recht 
darzustellen,  wirst  du  erst  die  zerfetzten  und  auseinander- 
gerissenen Wolken  nach  dem  Lauf  des  Sturmes  treiben 
und  von  dem  sandigen  Staub  begleiten  lassen,  der  vom 
Meeresstrand  aufgewirbelt  worden,  und  von  Zweigen  und 
Blättern,  welche  die  Macht  der  Wut  des  Windes  empor- 
gehoben, in  der  Luft  weit  verstreut  hat,  in  Gesellschaft 
von  vielen  andern  leichten  Sachen.  Die  Bäume  und  die 
Kräuter,  zur  Erde  gebogen,  scheinen  fast  der  Richtung 
des  Windes  folgen  zu  wollen,  mit  Zweigen,  die  aus  ihrer 
natürlichen  Lage  heraus  verdreht  sind  und  ihr  Laub 
zerzaust  und  umgekehrt  haben.  Die  Menschen,  die  sich 
vorfinden,  zum  Teil  umgeworfen  und  herumgewirbelt  durch 
ihre  Gewänder  und  den  Staub,  seien  fast  unkenntlich,  und 
die,  welche  sich  aufrechterhalten,  mögen  hinter  irgend- 
einem Baum  sein,  den  sie  umarmen,  damit  der  Sturm 
sie  nicht  mitreiße;  andere,  mit  der  Hand  vor  den  Augen, 
wegen  des  Staubes,  zur  Erde  gebeugt,  und  Kleider  und 

185 


Notizen  zum 
-Abendmahl" . 


Desgleichen. 


Haare  in  der  Windrichtung  flatternd.  Das  aufgewühlte 
und  stürmische  Meer  sei  voller  wirbelnden  Gischtes 
zwischen  den  sich  aufbäumenden  Wogen,  und  der  Wind 
hebe  in  die  gepeitschten  Lüfte  leichten  Schaum,  gleich- 
wie einen  dichten  und  verhüllenden  Nebel.  Von  den 
Fahrzeugen,  die  sich  darin  befinden,  mache  einige  mit 
zerbrochenen  Segeln  und  die  Fetzen  davon  in  Gesell- 
schaft einiger  zerrissener  Taue  in  den  Lüften  flatternd; 
Mastbäume  zersplittert,  umgestürzt,  mit  dem  Schiff,  das 
von  den  stürmischen  Wogen  überflutet  und  zerbrochen 
ist;  mehrere  Menschen,  die  schreiend  die  Trümmer  des 
Fahrzeugs  umklammern;  du  wirst  die  Wolken  machen, 
die,  von  den  ungestümen  Winden  dahergejagt,  an  die 
hohen  Gipfel  der  Berge  geschleudert,  um  diese  verhül- 
lende Wirbel  bilden,  ähnlich  den  Wellen,  die  gegen 
Klippen  schlagen.  Die  Luft  schauerlich  durch  das  finstere 
Dunkel,  das  der  Staub,  der  Nebel  und  das  dichte  Gewölk 
in  der  Luft  erzeugen. 

LXIL  R.  665,  MS.  S.  K.  M.  II.  FOL.  2  r. 

Einer,  der  getrunken  hat  und  seinen  Becher  liegen  ließ 
und  sich  mit  dem  Kopf  zum  Redner  wendet.  Ein  anderer, 
die  Finger  seiner  beiden  Hände  zusammen  verflochten, 
und  mit  starren  Brauen,  kehrt  sich  zum  Gefährten,  der 
andere,  mit  geöffneten  Händen,  zeigt  die  inneren  Flächen 
von  ihnen,  hebt  die  Schultern  gegen  die  Ohren  und  macht 
die  Miene  (la  bocca)  der  Verwunderung.  Wieder  einer 
spricht  in  das  Ohr  des  andern,  und  dieser,  der  ihm  zu- 
hört, dreht  sich  zu  ihm  und  leiht  ihm  sein  Ohr,  in  einer 
Hand  ein  Messer,  in  der  andern  das  Brot,  welches  das 
selbige  Messer  halb  geteilt;  ein  anderer,  beim  Umwenden, 
ein  Messer  in  der  Hand  haltend,  wirft  mit  derselben 
Hand  einen  Becher  auf  dem  Tisch  um. 

LXIII.  R.  666,  MS.  S.  K.  M.  112.  FOL.  1  r. 

Einer  legt  die   Hände   auf  den   Tisch    und   schaut,    ein 

anderer  bläst  den  Bissen;  ein  anderer  beugt  sich  vor,  um 


186 


den  Sprechenden  zu  sehen,  und  macht  sich  Schatten  über 
den  Augen;  ein  anderer  zieht  sich  hinter  den  zurück,  der 
sich  vorbeugt,  und  sieht  nach  dem  Sprechenden  zwischen 
der  Mauer  und  dem  Vorgebeugten. 

LXIV.  MS.  ASH.  I.  FOL.  31  r.      Eine  Schlacht. 

Art  und  Weise,   eine  Schlacht  darzustellen 

Du  wirst  vor  allem  den  Rauch  der  Artillerie  machen, 
der  in  die  Luft  gemischt  ist,  zugleich  mit  dem  Staub, 
den  die  Bewegung  der  Pferde  und  Kämpfer  aufrührt. 
Welche  Mischung  du  so  anwendest:  der  Staub  als  eine 
erdige  und  schwere  Sache,  wenn  er  gleich  vermöge  seiner 
Feinheit  sich  leicht  erhebt  und  in  die  Luft  mengt,  kehrt 
doch  gern  wieder  in  die  Tiefe  zurück  herab,  und  am 
höchsten  steigen  die  feinsten  Teile,  darum  sieht  man  das 
am  wenigsten,  und  es  erscheint  fast  in  der  Farbe  der 
Luft;  der  Rauch,  der  sich  in  die  verstaubte  Luft  hinein- 
mischt, erscheint,  je  mehr  er  sich  zu  einer  gewissen  Höhe 
erhebt,  um  so  mehr  als  eine  dunkle  Wolke,  und  man 
sieht  also  ganz  oben  den  Pulverdampf  deutlicher  als  den 
Staub.  Der  Rauch  wird  in  seiner  Farbe  ein  wenig  zum 
Blauen  neigen,  und  der  Staub  wird  an  seiner  Farbe  fest- 
halten :  auf  der  Seite,  wo  das  Licht  herkommt,  wird  diese 
Mischung  von  Luft,  Rauch  und  Staub  viel  leuchtender 
erscheinen  als  auf  der  entgegengesetzten  Seite;  je  mehr 
die  Kämpfer  inmitten  dieses  Aufruhrs  stecken,  um  so 
weniger  sind  sie  sichtbar,  und  um  so  geringer  wird  der 
Unterschied  zwischen  ihren  Lichtern  und  Schatten.  Du 
wirst  die  Gesichter  und  die  Gestalten,  und  das  Geschütz 
und  die  Arkebusiere  zugleich  mit  ihrer  Nachbarschaft 
rötlich  machen,  und  diese  Röte  verliert  sich,  je  mehr  sie 
sich  von  ihrer  Ursache  entfernt,  und  die  Figuren,  die 
zwischen  dir  und  dem  Licht  sind,  werden,  da  sie  sich 
entfernt  befinden,  dunkel  in  hellem  Feld  erscheinen,  und 
ihre  Beine,  je  mehr  sie  sich  dem  Boden  nähern,  werden 
um  so  weniger  gesehen  werden,  weil  der  Staub  da  gröber 

187 


und  dichter  ist.  Und  wenn  du  Pferde  machst,  die  aus 
dem  Schwärm  laufen,  mache  ihnen  Staubwölkchen,  die 
so  weit  voneinander  entfernt  seien,  wie  der  Zwischenraum 
der  Sprünge  ist,  die  das  Pferd  gemacht,  und  jene  Wolke, 
die  von  besagtem  Pferd  weiter  entfernt  ist,  sehe  man 
weniger;  im  Gegenteil,  sie  sei  hoch  oben,  zerstreut  und 
dünn,  und  die  nähere  sei  besser  sichtbar  und  kleiner  und 
dichter. 

Die  Luft  sei  voller  Pfeilschwärme  verschiedener  Gat- 
tung: die  einen  steigen,  die  anderen  fallen,  manche 
fliegen  in  ebener  Linie,  und  die  Kugeln  aus  den  Büchsen 
sind  hinter  sich  längs  ihres  Laufs  von  ein  wenig  Rauch 
begleitet. 

Und  die  vordersten  Gestalten  wirst  du  staubbedeckt 
machen,  —  die  Haare  und  Augenbrauen  und  sonstige 
flache  Stellen,  die  geeignet  sind,  den  Staub  aufzuhalten. 
Die  Sieger  wirst  du  laufend  machen,  Haare  und  sonstige 
leichte  Sachen  im  Winde  zerstreut;  die  Augenbrauen 
herabgezogen,  jagt  er  die  entgegengesetzten  Gliedmaßen 
zugleich  nach  vorn,  d.  h.  wenn  er  den  rechten  Fuß  voran- 
schickt, daß  der  linke  Arm  auch  mit  vorkommt.  Und 
wenn  du  einen  Gefallenen  machst,  so  mache  die  Spur 
des  Ausgleitens,  die  durch  den  Staub  in  eine  blutige 
Lache  führt,  und  ringsum  in  der  mäßigen  Durchfeuchtung 
des  Bodens  lasse  die  Fußstapfen  der  Menschen  und  Pferde 
abgedruckt  sehen,  die  hier  vorübergekommen  sind. 

Irgendein  Pferd  wirst  du  seinen  Herrn  zu  Tode  schleifen 
lassen  und  hinter  ihm  durch  Staub  und  Kot  die  Spur  des 
geschleiften  Körpers  machen.  Die  Besiegten  und  Ge- 
schlagenen machst  du  bleich,  die  Augenbrauen  dort,  wo 
sie  zusammenstoßen,  hochgezogen,  und  das  Fleisch, 
welches  auf  ihnen  ruht,  sei  reich  an  Schmerzesfältchen. 
Auf  dem  Nasenrücken  seien  ein  paar  Runzeln,  die  im 
Bogen  von  den  Flügeln  ausgehen  und  beim  Anfang  des 
Auges  enden;  die  Nüstern  hochgezogen,  was  der  Grund 
dieser  Falten;  die  Lippen,  im  Bogen  gekrümmt,  entblößen 

188 


die  oberen  Zähne,  und  die  Zähne  trennen  sich,  wie  um 
mit  Wehklage  zu  schreien.  Eine  von  den  Händen  halte 
sich  wie  ein  Schild  vor  die  angstvollen  Augen,  die  Innen- 
fläche dem  Feind  zukehrend,  die  andere  stemme  sich 
gegen  die  Erde,  um  den  erhobenen  Rumpf  zu  stützen. 
Andere  mache  schreiend,  mit  weit  aufgerissenem  Munde, 
und  fliehend.  Du  wirst  zwischen  den  Füßen  der  Kämpfenden 
viele  Arten  von  Waffen  machen,  wie  zerbrochene  Schilde, 
Lanzen,  abgebrochene  Schwerter  und  sonst  dergleichen; 
du  machst  tote  Menschen,  einige  halb  vom  Staub  bedeckt, 
bei  anderen  den  ganzen  Staub,  welcher  sich  mit  dem 
herausgeflossenen  Blut  vermischt,  in  roten  Schlamm  ver- 
wandelt; und  das  Blut  lasse  in  seiner  Farbe  sehen,  wie 
es  gekrümmten  Laufes  aus  dem  Körper  in  den  Staub 
hinabfließt.  Andere  Tote  lasse  mit  den  Zähnen  knirschen 
oder  die  Augen  verdrehen,  die  Fäuste  an  sich  pressen 
und  die  Beine  krümmen.  Man  könnte  auch  irgendeinen 
sehen,  der  vom  Feind  entwaffnet  und  niedergeschlagen, 
sich  nach  diesem  plötzlich  umkehrt  und  mit  Zähnen  und 
Nägeln  grausame  und  wilde  Rache  nimmt;  du  könntest 
ein  Pferd  leicht  und  ledig  zeigen,  das  mit  im  Winde 
flatternder  Mähne  zwischen  die  Feinde  rennt  und  mit  den 
Beinen  vielen  Schaden  tut;  man  sähe  vielleicht  einen 
verstümmelt  zu  Boden  gefallen,  der  sich  mit  dem  Schilde 
zum  Schirm  bedeckt,  und  den  Feind  herabgebeugt,  um 
mit  Gewalt  ihm  den  Tod  zu  geben. 
Man  könnte  auch  viele  Männer  in  einem  Haufen  über 
ein  totes  Pferd  gefallen  sehen.  Einige  von  den  Siegern 
ließen  schon  vom  Kampf  ab  und  gingen  aus  dem  Schwärm, 
indem  sie  sich  mit  beiden  Händen  die  Augen  und  die 
Wangen  von  dem  Kote  reinigten,  der  durch  die  Tränen 
hervorgerufen  wurde,  so  die  Augen  dem  Staub  zuliebe 
geweint.  Man  sähe  die  Reserveschwadronen  voll  Hoff- 
nung und  voll  Mißtrauen  stehen,  mit  gespannten  Augen- 
brauen, die  sie  mit  der  Hand  beschatten,  in  den  dichten 
und   wirren   Dunst    hineinschauen,    in  aufmerksamer  Er- 

189 


Wartung  des  Kommandos  ihres  Hauptmanns.  Und  des- 
gleichen den  Hauptmann  mit  erhobenem  Stock  zu  den 
Hilfsscharen  sprengen  und  ihnen  die  Stelle  weisen,  wo 
ihrer  schwere  Not  ist.  Und  irgendwelchen  Fluß,  darin 
umher  rennende  Pferde,  die  das  Wasser  ringsum  mit 
trüben  Wirbeln  schäumender  Wellen  und  wirren  Wassers 
füllen,  das  in  die  Luft  und  zwischen  die  Beine  und  die 
Leiber  der  Rosse  spritzt.  Und  keine  flache  Stelle  machen, 
ohne  daß  die  Fußspuren  darin  mit  Blut  gefüllt  wären. 

Sintfluutudien.    LXV.  R.  608,  MS.  W.  FOL.  158  r. 

Sintflut  und  ihre  Darstellung  in  der  Malerei 

Man  sah  die  finstere  und  neblige  Luft  vom  Lauf  ent- 
gegengesetzter Winde  bekämpft  und  vom  fortgesetzten 
Regen  eingehüllt  und  vermengt  mit  Hagel,  welche  Winde 
bald  hier,  bald  dort  zahllose  Verzweigungen  der  zerfetzten 
Pflanzen  und  vermischt  mit  ungeheuer  viel  Blättern 
trugen.  Rings  herum  sah  man  die  alten  Bäume  entwur- 
zelt und  zerbrochen  von  der  Wut  des  Sturmes.  Man 
sah  die  Ruinen  der  Berge,  schon  bloßgelegten  Fußes, 
dank  dem  Lauf  ihrer  Flüsse,  auf  dieselben  Flüsse  in 
Ruinen  stürzen  und  ihre  Täler  sperren;  welch  selbige 
Flüsse,  angeschwollen,  (die  Ufer)  überschwemmten  und 
die  vielen  Länder  samt  ihren  Völkern  unter  Wasser 
setzten. 

Auch  hattest  du  auf  den  Höhen  der  zahlreichen  Gebirge 
viele  verschiedene  Gattungen  Tiere  zusammengedrängt 
sehen  können,  voll  Entsetzen  und  nun  endlich  vertraulich 
zusammengedrängt,  in  Gesellschaft  der  entflohenen  Männer 
und  Frauen  mit  ihren  Kindern.  Und  die  mit  Wasser  be- 
deckten Ebenen  zeigten  ihre  Fluten  zum  großen  Teil  mit 
Tischen,  Bettgestellen,  Barken  und  anderen  verschiedenen 
Geräten  bedeckt,  welche  die  Notwendigkeit  und  die  Angst 
,  vor  dem  Tod  erzeugt,   auf  denen  Frauen,  Männer  waren 

samt  ihren  zusammengemischten  Kindern,  mit  den  ver- 
schiedensten Wehklagen  und  Tränen,   entsetzt  durch   die 

190 


Wut  der  Winde,  die  mit  ungeheuerem  Sturm  die  Wasser  von 
oben  nach  unten  kehrten,  nebst  den  Toten,  welche  dieses 
vernichtet  hatte.  Und  es  gab  keinerlei  Ding,  leichter  denn 
das  Wasser,  so  nicht  bedeckt  gewesen  wäre  mit  verschie- 
denen Tieren,  welche  Waffenstillstand  geschlossen  hatten 
und  in  angstvoller  Gesellung  miteinander  waren,  unter 
welchen  Wölfe,  Füchse,  Schlangen  und  allerhand  Sorten, 
vor  dem  Tod  Flüchtige.  Und  die  ganze  Flut,  an  ihre 
Ufer  schlagend,  bekämpfte  diese  mit  den  verschiedenen 
Stößen  von  allerlei  Leibern  Umgekommener,  welch  selbige 
Stöße  jene  töteten,  denen  noch  Leben  geblieben  war. 
Einige  Ansammlungen  von  Menschen  hättest  du  sehen 
können,  die  mit  gewaffneter  Hand  die  kleinen  Flecke,  so 
ihnen  geblieben,  gegen  Löwen,  Wölfe  und  reißende  Tiere 
verteidigten,  welche  da  ihr  Heil  suchten.  Ach,  wieviel 
schreckliches  Getöse  vernahm  man  in  der  Finsternis  der 
Luft,  welche  von  Donnern  und  von  den  Blitzen  erschüttert, 
sowie  diesen  verjagt  wurde:  die  zerstörend  selbige  Luft 
durchliefen,  das  niederschlagend,  was  sich  ihrem  Lauf 
widersetzte!  O,  wie  viele  hättest  du  gesehen,  die  sich 
mit  den  eignen  Händen  die  Ohren  verschlossen,  um  das 
ungeheuere  Getöse  zu  vermeiden,  welches  in  der  nächtigen 
Luft  von  der  Wut  des  mit  Regen,  him.mlischen  Donner- 
schlägen und  der  Wut  der  Blitzstrahlen  vermischten  Stur- 
mes hervorgebracht  wurde! 

Andere,  denen  das  Schließen  der  Augen  nicht  genügte; 
sondern  mit  den  eigenen  Händen,  die  eine  auf  die  andere 
legend,  bedeckten  sich  hierauf  jene  mit  diesen,  um  das 
grausame  Gemetzel  nicht  zu  sehen,  das  der  Zorn  Gottes 
dem  menschlichen  Geschlechte  widerfahren  ließ.  — -  O, 
wie  viele  Klagen,  und  wieviel  Entsetzte  warfen  sich  von 
den  Felsen!  Man  sah  die  großen  Äste  der  großen  Eichen, 
mit  Menschen  beladen,  von  der  Wut  der  ungestümen 
Winde  durch  die  Luft  getragen.  Wie  viele  waren  die  um 
und  um  gewälzten  Barken,  und  diese  ganz  und  jene  in 
Stücken,  alle  mit  Leuten  voll,  die  sich  um  ihr  Entkommen 

191 


mit  schmerzlichen  Gebärden  und  Bewegungen  plagten, 
die  den  furchtbaren  Tod  schon  ahnten.  Andere,  mit  de- 
speraten Bewegungen,  nahmen  sich  das  Leben,  daran 
verzweifelnd,  solchen  Schmerz  ertragen  zu  können:  von 
welchen  einige  sich  von  den  hohen  Klippen  warfen,  andere 
sich  die  Kehle  mit  den  eigenen  Händen  zuschnürten, 
manche  die  eigenen  Kinder  nahmen  und  mit  großer 
Schnelligkeit  ganz  erschlugen,  mehrere  mit  den  eigenen 
Waffen  sich  verwundeten  und  sich  selber  umbrachten, 
andere  sich  auf  die  Knie  warfen  und  sich  Gott  empfahlen. 
Ach!  wie  viele  Mütter  beweinten  ihre  ertrunkenen  Kinder, 
selbe  auf  den  Knien  haltend,  die  geöffneten  Arme  gegen 
Himmel  hebend,  und  mit  Stimmen,  die  sich  aus  unter- 
schiedlichem Geheul  zusammensetzten,  schalten  sie  den 
Zorn  der  Götter;  andere,  mit  gefalteten  Händen  und 
die  Finger  ineinander  geschlungen,  bissen  und  verzehrten 
diese  mit  blutigen  Bissen,  indem  sie  sich  vor  ungeheuerem 
und  unerträglichem  Schmerz  mit  der  Brust  zu  den  Knien 
herabbogen. 

Man  sah  die  Herden  von  Tieren,  wie  Pferde,  Ochsen, 
Ziegen,  Schafe,  schon  umgeben  vom  Wasser  und  auf 
einer  Insel  auf  den  hohen  Gipfeln  der  Berge  geblieben, 
sich  zusammenzwängen  und  die  in  der  Mitte  sich  empor- 
heben und  auf  die  anderen  steigen  und  unter  ihnen  großen 
Streit  erregen,  von  denen  eine  Menge  aus  Mangel  an 
Nahrung  starben. 

Und  schon  setzten  die  Vögel  sich  auf  die  Menschen 
und  anderen  Tiere,  weil  sie  nicht  mehr  entblößte  Erde 
fanden,  die  nicht  von  Lebenden  eingenommen  war;  schon 
hatte  der  Hunger,  Minister  des  Todes,  einem  großen  Teil 
der  Tiere  das  Leben  geraubt,  als  die  toten  Körper,  bereits 
in  Gärung  übergegangen,  sich  vom  Grund  der  tiefen 
Wasser  hoben  und  heraufkamen.  Und  zwischen  den 
kämpfenden  Wogen,  auf  welchen  eins  das  andere  gegen- 
seitig hin-  und  herstieß  und  wie  mit  Wind  gefüllte  Bälle 
zurücksprang  vom  Orte  des  Stoßes,  machten  diese  sich  zur 

192 


Unterlage  besagter  Toten.  Und  über  dieser  Verdamm- 
nis sah  man  die  Luft  mit  schwarzen  Wolken  bedeckt, 
welche  von  den  schlängelnden  Bewegungen  der  rasend 
gewordenen  himmlischen  Pfeile  zerspalten  wurden,  die 
bald  da  und  bald  dort  das  Dunkel  der  Finsternis  er- 
leuchteten. 

Man  nimmt  die  Bewegung  der  Luft  wahr  durch  die  Be- 
wegung des  Staubes,  der  vom  Lauf  des  Pferdes  aufge- 
wühlt wird,  die  Bewegung  von  welchem  so  schnell  ist  im 
Wiederausfüllen  der  Leere,  so  sie  in  der  Luft  hinterließ, 
die  sich  mit  dem  Staub  bekleidete,  als  die  Geschwindig- 
keit des  selbigen  Pferdes  im  Flüchten  durch  besagte  Luft 
gewesen.  Und  es  wird  dir  vielleicht  scheinen,  als  könntest 
du  mich  tadeln,  daß  ich  die  Straßen  dargestellt,  welche 
die  Bewegung  des  Windes  durch  die  Luft  gemacht,  weil  der 
Wind  an  sich  in  der  Luft  nicht  gesehen  wird.  Auf  diesen 
Teil  ist  zu  entgegnen,  daß  nicht  die  Bewegung  des  Windes, 
jedoch  die  Bewegung  der  Dinge,  die  er  trägt,  allein  es 
ist,  was  man  in  der  Luft  wahrnimmt. 

Abteilungen: 

Dunkel,  Wind,  Meeressturm,  Überschwemmung,  brennende 
Wälder,  Regen,  Blitzschläge  vom  Himmel,  Erdbeben  und 
Bergstürze,  der  Erde  gleichgemachte  Städte. 

Wirbelstürme,  welche  Wasser,  Äste  von  Bäumen  und 
Menschen  durch  die  Luft  führen. 

Von  den  Winden  zerbrochene  Äste,  in  den  Lauf  der 
Winde  gemischt,  mit  Menschen  darauf. 

Gebrochene  Bäume,  von  Leuten  belastet. 

Schiffe  in  Trümmer  geschlagen  und  gegen  die  Klippen 
geschleudert. 

Herden,  Hagel,  Blitz,  Wirbelwinde. 

Leute,  die  auf  den  Stämmen  sind  und  sich  nicht  erhalten 
können,  Bäume  und  Felsen,  Türme,  Hügel  voller  Men- 
schen, Barken,  Tische,  Backtröge  und  was  sonst  noch 
schwimmen    kann,    Anhöhen    bedeckt    mit  Männern    und 

13        Herzfeld,   Leonardo 

193 


Frauen  und  Tieren;  und  Blitze  aus  den  Wolken,  so   die 
Dinge  beleuchten. 

Desgleichen.        LXVI.  R.  609,  MS.  W.  FOL.  158  V. 

Beschreibung  der  Sintflut 

Zuerst  sei  dargestellt  der  Gipfel  eines  steilen  Berges, 
mit  einigen  Tälern,  rings  um  seinen  Fuß  gelegen,  und 
auf  den  Seiten  desselben  sieht  man  die  Rinde  des  Bodens 
mit  den  feinsten  Wurzeln  kleiner  Büsche  sich  erheben 
und  große  Teile  der  umliegenden  Felsen  bloßlegen;  ver- 
heerendes Herabkommen  solch  eines  Erdsturzes  ;  im  Un- 
gestüm des  Laufes  erschüttere  und  entblöße  er  die  ge- 
wundenen und  knorrigen  Wurzeln  der  großen  Gewächse 
und  begrabe  diese  über  und  über.  Und  die  Berge,  nackt 
gelegt,  enthüllen  die  tiefen  Spalte,  welche  frühere  Erd- 
beben hervorgerufen  haben,  und  der  Fuß  dieser  Berge 
sei  großenteils  bedeckt  und  bekleidet  mit  den  Ruinen  der 
Gesträucher,  die  von  den  Seiten  der  hohen  Gipfel  be- 
sagter Berge  herabgestürzt,  welch  selbige  mit  Schlamm 
untermischt  sind,  Wurzeln,  Baumzweigen,  mit  verschie- 
denen Blättern,  die  dem  Schlamm  eingemengt  sind,  und 
Erde  und  Steinen. 

Und  die  Trümmer  irgendwelcher  Berge  seien  in  die 
Tiefe  irgendeines  Tales  herabgestiegen  und  machten  sich 
zum  Damm  des  angeschwollenen  Wassers  seines  Flusses, 
welcher  Damm  schon  gebrochen  ist,  so  daß  er  mit  außer- 
ordentlich großen  Wogen  abfließt,  von  denen  die  größten 
die  Mauern  der  Städte  und  Villen  selbigen  Tales  er- 
schüttern und  zerstören.  Und  die  Ruinen  der  hohen  Ge- 
bäude vorbesagter  Städte  mögen  großen  Staub  aufwirbeln, 
das  Wasser  hebe  sich  in  Form  von  Rauch  oder  ein- 
gehüllter Wolken  in  die  Höhe  und  bewege  sich  dem 
herabfallenden  Regen  entgegen.  Aber  das  angeschwollene 
Wasser  gehe  wirbelnd  durch  den  See,  der  es  in  sich 
verschließt,  und  mit  kreisenden  Strudeln  gegen  verschie- 
dene Objekte  prallend  und  mit  schlammigem  Schaum  in 

194 


die  Luft  aufspringend  und  im  Zurückfallen  das  gepeitschte 
Wasser  in  die  Luft  zurückwerfend.  Und  die  Kreiswellen, 
die  vom  Ort  des  Stoßes  wegfliehen,  mit  ihrem  Anstoß 
quer  über  die  Bewegung  der  andern  Kreiswellen  hinweg- 
gehend, die  sich  ihnen  entgegenbewegen;  und  nach  dem 
vollzogenen  Anprall  steigen  sie  wieder  in  die  Höhe,  doch 
ohne  sich  von  ihrer  Basis  abzutrennen.  Und  beim  Aus- 
tritt des  Wassers  aus  selbigem  See  sieht  man  die  auf- 
gelösten Wellen  sich  gegen  den  Ausgang  zu  strecken, 
nach  welchem  es,  durch  die  Luft  abstürzend  oder  hinab- 
fließend. Gewicht  und  ungestüme  Bewegung  bekommt, 
worauf  es,  das  durchgewühlte  Wasser  durchdringend,  es 
vor  sich  öffnet  und  mit  Wut  zum  Anprall  des  Bodens 
vordringt,  von  welchem,  dann  zurückgeworfen,  es  gegen 
die  Oberfläche  des  Sees  zurückspringt,  von  Luft  begleitet, 
die  mit  ihm  untergetaucht  war  und  mit  dem  Schaum  beim 
Ausfluß  bleibt,  untermengt  mit  Holzstücken  und  andern 
Sachen,  die  leichter  sind  als  das  Wasser,  rings  um  welche 
die  Wellen  ihren  Ursprung  nehmen,  die  um  so  mehr  an 
Umfang  wachsen,  je  mehr  sie  an  Bewegung  zunehmen: 
und  diese  Bewegung  macht  sie  um  so  niedriger,  je  brei- 
tere Basis  sie  erwerben,  und  dadurch  sind  sie  weniger 
bemerkbar  in  ihrem  Schwinden.  Aber  wenn  die  Wellen 
an  den  verschiedenen  Dingen  abprallen,  so  springen  sie 
zurück,  über  die  herankommenden  andern  Wellen  weg, 
indem  sie  das  Anschwellen  derselben  Kurve  beobachten, 
die  sie  erreicht  hätten,  wenn  sie  die  schon  begonnene 
Bewegung  weiter  verfolgt  hätten. 

Aber  der  Regen,  im  Herabfallen  aus  seinen  Wolken, 
hat  die  gleiche  Farbe  wie  selbige  Wolken,  das  heißt,  in 
seinem  schattigen  Teil,  wenn  nicht  die  Strahlen  der  Sonne 
ihn  schon  durchdringen:  denn  sofern  dies  wäre,  würde 
der  Regen  sich  von  minderer  Dunkelheit  erweisen  als 
dieselbige  Wolke.  Und  wenn  die  großen  Gewichte  der 
ungeheueren  Trümmer  großer  Berge  oder  sonstiger  hoher 
Gebäude  in  ihrem  Zerfall    die  großen  Seen   aufwühlten, 

13« 

195 


dann  würden  große  Massen  Wasser  in  die  Luft  zurück- 
springen, von  welchem  die  Bewegung  sich  in  entgegen- 
gesetzter Richtung  von  jener  vollzöge,  welche  die  Be- 
wegung der  das  Wasser  durchstoßenden  Massen  gehabt, 
das  heißt,  im  Reflexionswinkel,  und  dieser  wäre  gleich 
dem  Einfallswinkel. 

Von  den  Gegenständen,  die  der  Lauf  des  Wassers 
fortträgt,  werden  sich  jene  am  meisten  von  den  gegen- 
überliegenden Ufern  entfernen,  die  am  schwersten  oder 
am  zahlreichsten  sind.  Die  Wirbel  des  Wassers  in  ihren 
Teilen  sind  um  so  rascher,  je  näher  sie  ihrem  Mittel- 
punkte sind.  Die  Spitzen  der  Wogen  des  Meeres  steigen 
unter  ihre  Basis  herab,  sie  bekämpfend  und  sich  reibend 
auf  den  Kugelblasen  der  Oberfläche:  und  diese  Reibung 
zerquirlt  das  herabfallende  Wasser  in  winzige  Teilchen, 
die,  in  dicken  Nebel  verwandelt,  sich  in  den  Lauf  der 
Winde  nach  Art  sich  kräuselnden  Rauches  und  sich  ballen- 
der Wolken  mischen  und  zum  Schluß  sich  in  die  Luft 
heben  und  zu  Gewölk  werden.  Doch  der  Regen,  der  vom 
Himmel  herabfällt,  bekriegt  und  gepeitscht  vom  Lauf  der 
Winde,  wird  stark  oder  schwach,  je  nach  der  Stärke  oder 
Schwäche  des  Windes,  und  dadurch  entsteht  in  der  Luft 
eine  Überflutung  von  Durchsichtigem,  erzeugt  vom  Fall 
des  Regens,  welcher  dem  Auge  nahe  ist,  so  sie  wahrnimmt. 
Die  Wogen  des  Meeres,  welche  sich  an  der  Senkung  der 
Berge  brechen,  so  mit  ihm  zusammentreffen,  werden 
schäumen,  mit  Geschwindigkeit  gegen  den  Rücken  ge- 
nannter Höhen  branden,  und  im  Zurückkehren  werden 
sie  mit  dem  Herankommen  der  zweiten  Woge  zusammen- 
treffen, und  nach  ihrem  großen  Tosen  kehren  sie  mit 
riesigem  Schwall  zum  Meere  zurück,  von  dem  sie  aus- 
gingen. Große  Mengen  von  Völkern,  Menschen  und  ver- 
schiedenen Tieren  sieht  man  vom  Steigen  der  Flut  gegen 
die  Gipfel  der  Berge  verjagt,  die  besagten  Wassern  be- 
nachbart sind. 

Wogen  des  Meeres  von  Piombino,  ganz  aus  Wassergischt. 

196 


Vom  Wasser,  das  aufspringt;  die  Winde  von  Piombino; 
in  Piombino  Wirbel  von  Wind  und  Regen,  mit  Ästen  und 
Bäumen,  in  den  Wind  gemischt;  Ausleeren  des  Wassers, 
das  in  die  Barken  regnet. 

LXVII.  MS.  G.  FOL.  6  V.        Desgleichen. 

Darstellung  der  Sintflut 

Die  Luft  war  finster  vom  dichten  Regen,  der  in  schrä- 
gem Fall,  gebogen  durch  den  queren  Lauf  der  Winde, 
Wellen  durch  die  Luft  hin  machte,  nicht  anders  als  man 
es  den  Staub  machen  sieht,  aber  nur  mit  der  Abweichung, 
daß  solche  Überflutung  von  Linien  durchzogen  ist,  her- 
vorgerufen durch  die  kleinen  Tropfen  des  Wassers,  so 
herabkommt.  Aber  seine  Farbe  war  gefärbt  vom  Feuer, 
erzeugt  von  den  Blitzen,  Spaltern  und  Vierteilem  der 
Wolken,  deren  Flammen  die  großen  Seen  der  gefüllten 
Täler  durchzuckten  und  öffneten,  welche  Öffnungen  in 
deren  Bäuchen  die  gebogenen  Wipfel  der  Bäume  zeigten. 
Und  Neptun  sah  man  inmitten  der  Wasser  mit  dem  Drei- 
zack, und  man  sah  Äolus  mit  seinen  Winden  die  schwim- 
menden entwurzelten  Gewächse,  mit  den  unendlichen 
Wogen  vermischt,  einhüllen.  Der  Horizont  mit  der  ganzen 
Hemisphäre  war  aufgewühlt  und  durchflammt  von  der  Glut 
der  unaufhörlichen  Blitze.  Man  sah  die  Menschen  und 
die  Vögel,  die  mit  sich  die  großen  Bäume  füllten,  so  von 
den  ausgeweiteten  Wogen  bloß  gelassen,  Hügel  bildeten, 
welche  die  großen  Wasserschlünde  umgaben. 


mmm  viii.  entwürfe  zu  Briefen 

GUTACHTEN /BESCHREIBUNGEN 
ERZÄHLUNGEN  liüüMigüüiSigiS 


Entwurf  des 
Briefes,  den  Leo- 
nardo, wahr- 
scheinlich schon 
von  Florenz  aus, 
um  1480  hemm  an 
Lodovico  Sforza, 
genannt  il  Moro, 
richtet,  am  ihm 
seine  Dienste  an- 
zubieten. Der 
Entwurf  ist  mög- 
licherweise nicht 
von  Leonardos 
Hand  geschrie- 
ben ,  vielleicht 
diktiert  und  um- 
gestellt, worauf 
der  Fehler  in  der 
Numerierung  der 
Paragraphen  hin- 
deutet. 


MS.  CA.  FOL.  391  r. 
achdem  ich,  erhabener  Herr,  nunmehr  zur  Ge- 
nüge die  Proben  von  allen  jenen  gesehen  und 
betrachtet  habe,  die  sich  Meister  wähnen  und 
Kompositoren  von  Kriegsgeräten,  und  die  Er- 
findung der  Wirkung  besagter  Geräte  in  nichts 
entfernt  ist  (von  jenen)  allgemeinen  Gebrauches:  werde  ich 
mich  anstrengen,  ohne  irgendeinem  andern  Abbruch  zu  tun, 
Euerer  Exzellenz  mich  zu  Gehör  zu  bringen,  indem  ich 
derselben  meine  Geheimnisse  mitteile,  um  nachher,  sie 
ihr  zu  jeglichem  Belieben  anbietend,  wenn  die  Zeiten 
sich  schicken,  auch  alle  jene  Sachen  zur  Wirkung  auszu- 
arbeiten, die  in  Kürze  zum  Teil  hier  unten  aufgezeichnet 
werden. 

1)  Habe  ich  Arten  von  Brücken,  sehr  leichte  und  starke 
und  geeignet,  aufs  bequemste  getragen  zu  werden  und 
mit  jenen  den  Feinden  zu  folgen,  und  manches  Mal  (vor 
ihnen)  zu  fliehen,  und  andere,  sicher  und  unverletzlich 
in  Feuer  und  Schlacht,  leicht  und  bequem  wegzunehmen 
und  aufzustellen.  Und  Arten,  jene  des  Feindes  zu  ver- 
brennen und  zu  zerstören. 

2)  Weiß  ich  bei  der  Belagerung  eines  Platzes  das  Wassei 
der  Gräben  wegzunehmen  und  unendliche  Brücken,  Mauer- 
brecher und  Leitern  und  andere  Geräte  zu  machen,  die 
zu  benannter  Expedition  gehören. 

3)  Item,  wenn  wegen  Höhe  des  Ufers  oder  wegen  Festig- 
keit von  Ort  und  Lage  man  bei  Belagerung  eines  Platzes 


198 


nicht  den  Dienst  der  Bombarden  verwenden  könnte,  habe 
ich  Arten,  jede  Burg  oder  andere  Festung  zu  zerstören, 
wenn  sie  nicht  etwa  oben  auf  einem  Felsen  gegründet 
wäre  usw. 

4)  Habe  auch  Arten  von  Bombarden,  äußerst  leicht  und 
bequem  zu  tragen.  Und  mit  jenen  kleine  Steine  zu 
schleudern,  fast  ähnlich  einem  Ungewitter.  Und  mit  dem 
Rauch  von  jenen  dem  Feinde  großen  Schrecken  gebend, 
mit  ernstem  Schaden  für  ihn  und  Verwirrung  usw. 

9)  Und  geschähe  es,  daß  man  auf  der  See  wäre,  so 
habe  ich  Arten  von  vielerlei  Geräten,  höchst  geeignet 
zum  Angreifen  und  Verteidigen:  und  Schiffe,  die  Wider- 
stand leisteten  gegen  das  Abfeuern  von  jeder  allergrößten 
Bombarde  :  und  Pulver  und  Rauch. 

5)  Auch  habe  ich  Arten,  durch  Höhlungen  und  geheime 
und  gewundene  Wege,  ohne  irgendwelchen  Lärm  gemacht 
zu  haben,  zu  einem  bezeichneten  (Punkt?)  zu  kommen, 
selbst  wenn  man  unter  Gräben  oder  irgendeinem  Fluß 
passieren  müßte. 

6)  Item  werde  ich  Wagen  machen,  bedeckt  und  sicher, 
unangreifbar,  welche  mit  ihrer  Artillerie  zwischen  die 
Feinde  so  hineinfahren,  daß  keine  so  große  Menge  von 
Waffenleuten  existiert,  die  sie  nicht  brächen.  Und  hinter 
diesen  könnte  Infanterie  recht  unverletzt  und  ohne  Hin- 
dernis folgen. 

7)  Item,  wenn  der  Notfall  käme,  würde  ich  Bombarden 
machen,  Mörser  und  Pasvolanten  von  allerschönsten  und 
nützlichen  Formen,  ganz  außerhalb  jener  des  allgemeinen 
Gebrauchs. 

8;  Wo  die  Wirkung  der  Bombarden  fehlte,  würde  ich 
Katapulte  zusammensetzen,  Wurfmaschinen,  Donnerbüchsen 
und  andere  Geräte  von  bewundernswerter  Wirksamkeit 
und  außerhalb  des  Gebräuchlichen.  Und  im  ganzen,  nach 
der  Mannigfaltigkeit  der  Fälle,  würde  ich  verschiedene 
und  unzählbare  Sachen  zum  Angreifen  komponieren  und 
zum  .... 


199 


10)  In  Zeiten  des  Friedens  glaube  ich  aufs  beste,  in 
Vergleich  mit  jedem  anderen,  in  der  Architektur,  im  Ent- 
wurf von  Gebäuden,  sowohl  öffentlichen  als  privaten, 
Genüge  leisten  zu  können.  Und  im  Leiten  von  Wasser 
von  einem  Ort  zum  anderen. 

Item  werde  ich  Skulptur  ausführen  in  Marmor,  in  Bronze 
und  in  Ton;  ebenso  in  Malerei,  was  sich  machen  läßt, 
in  Vergleich  mit  jedem  anderen,  und  sei  er,  wer  er 
wolle. 

Auch  werde  ich  ins  Werk  setzen  können  jenes  Pferd 
von  Bronze,  das  unsterblicher  Ruhm  sein  wird  und  ewige 
Ehre  dem  glücklichen  Angedenken  Eueres  Herrn  Vaters 
und  des  erlauchten  Hauses  Sforza. 

Und  wenn  irgendeine  der  obenerwähnten  Sachen  irgend- 
wem  unmöglich  und  unausführbar  schiene,  erbiete  ich 
mich  aufs  bereitwilligste,  davon  das  Experiment  zu 
machen,  in  Euerem  Park  oder  an  welchem  Ort  es  Euerer 
Exzellenz  belieben  wird,  welcher  ich  mich  demütigst,  so 
sehr  ich  kann,  empfehle  usw. 

fl5;"Ä'"i)fm   "•  MS.  CA.  FOL.  270  r. 

GatZien'''ab-  Meine  Herren  abgesandten  Väter,  so  wie  Ärzten,  Vor- 
^ends^eiwähnu  "^ündem,  Pflegern  von  Kranken  notwendig  ist,  zu  wissen, 
was  der  Mensch  ist,  was  das  Leben  ist,  was  Gesundheit 
ist  und  in  welcher  Weise  eine  Parität,  eine  Konkordanz 
der  Elemente  sie  erhält  und  ebenso  eine  Diskordanz  von 
jenen  sie  zerstört  und  vernichtet,  und  so  wie  der,  welcher 
die  obbezeichneten  Naturen  gut  kennt,  besser  imstande 
sein  wird,  sie  herzustellen,  als  wer  dieser  Kenntnis  ent- 
blößt ist  .  .  . 

Ihr  wisset,  daß  die  Medizinen,  gut  angewendet,  den 
Kranken  die  Gesundheit  zurückgeben;  dieses  „gut  an- 
gewendet" wird  stattfinden,  wenn  der  Arzt,  mit  dem  Ver- 
stehen ihrer  Naturen,  verstehen  wird,  was  der  Mensch 
ist,  was  das  Leben  ist,  was  Leibesbeschaffenheit  und  also 
Gesundheit  ist.     Diese  gut  kennend,  wird  er  gut  dessen 

200 


Gegenteil  kennen;  wenn  dem  so  ist,  wird  er  gut  wieder- 
herstellen können  .... 

Ihr  wisset  von  den  Medizinen,  daß  sie,  gut  angewendet, 
den  Kranken  die  Gesundheit  wiedergeben,  und  jener,  der 
sie  gut  kennt,  wird  sie  gut  anwenden,  wenn  er  überdies 
noch  wissen  wird,  was  der  Mensch  ist,  was  Leben  und 
KörperbeschafFenheit  ist,  was  Gesundheit  ist;  diese  gut 
kennend,  wird  er  auch  ihr  Gegenteil  kennen:  wenn  dies 
der  Fall  ist,  wird  er  dem  Wiederherstellen  näher  sein 
als  irgendwer  anderer.  Dies  gleiche  braucht  der  kranke 
Dom,  das  heißt,  einen  ärztlichen  Architekten,  der  gut 
verstehe,  was  ein  Gebäude  ist  und  von  welchen  Regeln 
das  richtige  Bauen  herstammt,  und  woher  diese  Regeln 
gezogen  sind,  und  in  wie  viele  Teile  sie  geteilt  sind,  und 
welches  die  Gründe  sind,  die  das  Gebäude  zusammen- 
halten und  es  dauernd  machen,  und  welches  die  Natur 
der  Schwere  sei,  und  welches  das  Verlangen  der  Kraft 
sei,  und  in  welcher  Art  sie  verflochten  und  miteinander 
verbunden  werden  müssen,  und,  wenn  vereinigt,  welchen 
Effekt  sie  hervorbringen  werden.  Wer  von  den  oben- 
genannten Dingen  wahre  Kenntnis  hat,  wird  Euch  von 
seiner  Vernunft  (rason)  und  Arbeit  befriedigt  sein  lassen. 

Also  deswegen  werde  ich  mich,  ohne  jemanden  herab- 
zuziehen, zu  verschwärzen,  bemühen,  teils  durch  Gründe, 
teils  durch  das  Werk  Genüge  zu  tun,  indem  ich  manches 
Mal  die  Wirkungen  aus  den  Ursachen  demonstriere, 
manches  Mal  die  Gründe  durch  die  Erfahrungen  bekräf- 
tige und  diese  mit  einiger  Autorität  der  antiken  Archi- 
tekten schmücke,  deren  Gebäude  die  Probe  bestanden 
und  (zeigen),  welches  die  Gründe  ihres  Ruins  und  ihrer 
Erhaltung  sind  usw. 

Und  mit  diesem  demonstrieren,  welches  die  erste  Auf- 
gabe ist  und  welches  und  wie  viele  die  Ursachen  seien, 
die  den  Gebäuden  Ruin  bringen,  und  welches  die  Art 
ihrer  Unveränderlichkeit  und  Dauer  ist. 

Aber  um  Eueren  Exzellenzen  nicht  gar  zu  weitschweifig 

201 


zu  sein,  werde  ich  zuerst  die  Erfindung  des  ersten  Ar- 
chitekten des  Domes  sagen  und  klar  demonstrieren,  was 
seine  Absicht  gewesen,  diese  am  begonnenen  Gebäude 
bestätigend,  und  indem  ich  Euch  dies  verstehen  mache, 
werdet  Ihr  klar  zu  erkennen  vermögen,  daß  jenes  Modell, 
das  ich  gemacht  habe,  die  Symmetrie,  die  Übereinstim- 
mung, die  Gleichförmigkeit  besitzt,  die  dem  angefangenen 
Bauwerk  angehört. 

Was  ein  Gebäude  ist,  und  woher  die  Regeln  des  rich- 
tigen Bauens  ihre  Herkunft  haben,  und  welches  und  wie 
viele  die  Teile  seien,  die  zu  jenem  gehören. 

Mich  oder  anderen,  der  es  besser  demonstrierte  als  ich, 
nehmt  ihn  Euch,  setzet  jede  Leidenschaft  beiseite. 

Leonardo    warnt    m.  MS.  CA.  FOL.  323  r. 

die   Bauverweser 

des  Domes  von         Piacenza  ist  Durchgaugsboden  wie  Florenz 

Piacenza,       den  °        ° 

B%nzetürVn  Erhabene  Bauverweser,  da  ich  vernehme,  Euere  Magni- 
wtglben!^  pia-  ßzcnzcn  hätten  den  Entschluß  ergriffen,  gewisse  große 
cenza  gehörte  dar  Arbeiten  aus  Bronze  zu  machen,  will  ich  Euch  über  sie 

mais  za  Mailand.  ' 

einige  Mahnungen  geben,  erstens,  daß  Ihr  nicht  so  eilig 
und  so  rasch  seiet,  selbige  Bestellung  zu  erteilen,  weil 
durch  selbige  Schnelligkeit  Euch  der  Weg  benommen 
würde,  eine  gute  Auswahl  des  Werkes  zu  machen  und 
zum  Meister  irgendwelchen  Mann  (.  .  .),  der  durch  seine 
Unzulänglichkeit  bei  Eueren  Nachfolgern  mit  Schmach  be- 
decken würde  sowohl  Euer  Zeitalter  als  ...  da  Italien 
bis  hieher  (finici)  voll  guter  Köpfe  ist,  was  andeuten 
würde,  daß  (hier)  dieses  Zeitalter  schlecht  versehen  ist 
mit  Leuten  von  gutem  Verstand  sowohl  als  guten  Meistern  : 
da  man  doch  sieht,  wie  die  andern  Städte,  und  am  mei- 
sten die  Stadt  der  Florentiner,  fast  zu  gleichen  Zeiten 
mit  so  schönen  und  großen  Werken  von  Bronze  begabt 
ist,  unter  welchen  die  Pforten  des  Baptisteriums;  welches 
Florenz,  gerade  wie  Piacenza,  Durchgangsboden  ist,  wo 
viele  Fremde  zusammenströmen,  die,  wenn  sie  die  guten 
und  schönen  Werke  betrachten,  von  ihnen  sich  selbst  den 

202 


Eindruck  verschaffen,  jene  Stadt  sei  mit  würdigen  Ein- 
wohnern versehen,  wenn  sie  die  Werke,  Zeugen  selbiger 
Meinung,  anschauen,  und  das  Gegenteil,  wenn  sie  so  viel 
Aufwand  an  Metall  so  traurig  verarbeitet  sehen,  daß  es 
der  Stadt  geringere  Schande  sein  würde,  wenn  selbige 
Türen  aus  einfachem  Holze  wären,  weil  die  wenige  Aus- 
gabe für  das  Material  nicht  großer  Ausgaben  für  die  Be- 
meisterung  wert  erschiene,  daher  es  .  .  . 

Die  hauptsächlichen  Teile,  so  man  in  den  Städten  auf- 
sucht, sind  die  Dome  derselben,  von  welchen,  wenn  man 
sich  genähert,  die  ersten  Dinge,  so  dem  Auge  erscheinen, 
die  Türen  sind,  durch  welche  man  in  selbige  Kirchen 
hineingehen  kann  .  .  . 

Gebt  wohl  acht,  Ihr  Herren  Bauverweser,  daß  die  allzu 
große  Hast,  den  Auftrag  so  großen  Werkes  mit  so  viel 
Eile  zur  Erledigung  bringen  zu  wollen,  wie  ich  es  höre, 
daß  es  von  Euch  angeordnet  sei,  nicht  Ursache  werde, 
daß  jenes,  so  zu  Ehren  Gottes  und  der  Menschen  ge- 
macht wird,  zur  großen  Unehre  Eueres  Urteils  und  Euerer 
Stadt  ausschlage,  die,  weil  es  ein  würdiger  Platz  ist,  ein 
Ort  des  Durchgangs  ist  und  Zusammenlaufs  unzählbarer 
Fremden.  Und  diese  Unehre  widerführe,  wenn  Ihr  durch 
Euere  Sorglosigkeit  irgendeinem  Prahlhans  Glauben 
schenktet,  welcher  durch  seine  Aufschneidereien  oder 
durch  Gunst,  so  ihm  von  hier  aus  erwiesen  würde,  von 
Euch  ein  ähnliches  Werk  erreichen  möchte,  durch  welches 
sich  ihm  und  Euch  lange  und  größte  Ehrlosigkeit  gebären 
müßte,  was  nicht  geschehen  kann,  ohne  daß  ich  zornig 
werde,  wenn  ich  überlege,  was  für  Männer  es  sind, 
die  mir  alle  mitgeteilt  haben,  in  ein  ähnliches  Unter- 
nehmen eintreten  zu  wollen,  ohne  an  ihre  Unzulänglich- 
keit zu  denken.  Ohne  davon  anderes  zu  sagen:  einer  Herm"  = 
ist  Meister  von  Pokalen,  einer  von  Kürassen,  einer  f^J^'^'^^  ^^ 
Glockenmacher,  einer  Klingelmacher,  und  bis  zum  Bom-  Leonardo    stets 

*^  Lodovico  Sforza 

bardenmacher  herab,  unter  welchen  einer  des  Herrn  sich  au  den  Beherr- 
berühmt  hat,  daß,  weil  er  der  Kumpan  des  Messer  Am-  land  bezeichnet. 

203 


rio^^Balte^nkom-  ^Fosio  Fercrc  ist,  QT  irgendeinen  Auftrag  habe  und  von 
missär  ''f/'^/'«^-  seiner  Seite  gute  Versprechungen,  und  wenn  dieses  nicht 
genügte,  daß  er  zu  Pferde'  steigen  und  zum  Herrn  gehen 
werde  und  von  ihm  solchen  Brief  erlangen,  daß  von  Euch 
ihm  ein  derartig  Werk  niemals  verweigert  werden  könnte. 
Nun  schauet,  wohin  die  armen  Beflissenen,  so  zu  ähn- 
lichen Werken  geeignet  wären,  geraten  sind,  wenn  sie 
mit  derartigen  Männern  zu  wetteifern  haben! 

(Randanmerkung.)  Mit  welcher  Hoffnung  können  sie 
Belohnung  ihrer  Tüchtigkeit  (virtù)  erwarten! 

Öffnet  die  Augen  und  wollet  gut  zusehen,  daß  Euer  Geld 
nicht  ausgegeben  werde.  Euere  Schande  zu  kaufen.  Ich 
weiß  Euch  anzumelden,  daß  aus  diesem  Boden  Ihr  nichts 
anderes  ziehen  werdet,  denn  Arbeiten  von  derber  und 
von  niedriger  und  grober  Mache;  nicht  ein  Mann  ist  da, 
der  tauge,  und  glaubet  es  mir,  außer  L(e)onar(do)  der  Flo- 
rentiner, so  das  Pferd  des  Herzogs  Francesco  in  Bronze 
macht,  welcher  nicht  notwendig  hat,  auf  das  zu  achten, 
weil  er  zu  tun  hat  für  die  Zeit  seines  Lebens,  und  ich 
zweifle,   weil   es   ein   gar  so  großes  Werk  ist,  daß  er  es 

jemals  zu  Ende  bringe. 

MS.  CA.  FOL.  323  v. 

(Dieser  folgende  Passus  ist  durchgestrichen:)  [Da  habet 
Ihr  einen,  den  der  Herr  (Lodovico),  um  dieses  Werk  zu 
machen,  aus  Florenz  hergezogen,  welcher  ein  würdiger 
Meister  ist,  doch  er  hat  so  viel,  so  viel  Beschäftigung, 
daß  er  nie  damit  wird  fertig  werden. 

Was  meint  Ihr,  was  für  ein  Unterschied  es  sei,  eine 
schöne  Sache  zu  sehen,  oder  eine  häßliche,  erwähnt 
Plinius.] 

Bruchstück  eines    IV.  MS.  CA.  FOL.  62  r. 

Briefes  an  seinen 

Vater.  Tcuerstcf  Vater!    Am    letzten  des  vergangenen  empfing 

ich  den  Brief,  so  Ihr  mir  schriebt,  welcher  in  kurzem 
Zwischenraum  mir  Freude  und  Betrübnis  gab.  Freude 
insofern,  als  ich  durch  ihn  vernahm,  daß  Ihr  gesund  seid, 

204 


wofür  ich  Gott  Dank  sage  ;  ich  empfand  Betrübnis,  weil 
ich  von  Euerer  mißlichen  Lage  hörte. 

V.  MS.  CA.  FOL.  65  V.    2»   Planen   über 

neue    Städtebau- 

Gib   mir  Autorität,    damit    ohne    deine  Unkosten  es  ge-  '«"•     vielleicht 

°  anläßlich  der 

schehe,   daß  alle  Besitzungen  ihren  Häuptern  gehorchen,  Pest  von^  i484 

welche    Häupter    ...    (?)  weicher     àngeb- 

Der  vorherige  Ruhm  wird   ewig,  zugleich  mit  den  Ein-  5000'oMe^cTen 
wohnern  der  Städte,  die  von  ihm  erbaut  oder  vergrößert        ^t<^'-cen. 
worden. 

Der  Grund  des  Gewässers,  das  hinter  den  Gärten  ist, 
sei  hoch  wie  die  Ebene  der  Gärten,  und  mittels  der  Aus- 
flußrohre (spine)  mögen  sie  jeden  Abend  ihnen  Wasser 
geben  können,  so  oft  als  es  sich  staut,  indem  man  die 
Reservoirs  um  eine  halbe  Elle  hebt;  und  dazu  seien  die 
Stadtältesten  verhalten  .  .  . 

Und  nichts  werde  in  die  Kanäle  geworfen,  und  daß  jede 
Barke  gezwungen  sei,  so  und  so  viel  Unrat  des  Haupt- 
kanals hinauszuführen  und  ihn  dann  aufs  Ufer  zu  werfen  . .  . 

Es  werden  aus  10  Städten  fünftausend  Häuser  mit 
30000  Einwohnern  zu  ziehen  sein,  und  du  wirst  zer- 
streuen so  viel  Zusammenhäufung  von  Volk,  das,  in 
Gleichnis  der  Ziegen,  eins  auf  dem  Rücken  des  anderen 
steht,  jedes  Tor  mit  Gestank  erfüllend,  und  sich  zum 
Samen  pestilenzialischen  Todes  machend. 

Und  die  Stadt  macht  Schönheit  zur  Gesellin  ihres  Na- 
mens, und  dir  sich  durch  Gaben  nützlich,  und  durch  den 
ewigen  Ruhm  ihres  Wachstums  .  .  . 

VI.  R.  1342,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  23  v.  f^odell. 
Es    gefalle    euch   anzusehen   ein  Modell,    von  welchem 

Nützliches  erwachsen  wird  für  euch  und  für  mich  und 
Nützlichkeit  für  jene,  die  Ursache  unserer  Nützlichkeit 
waren. 

VII.  R.  1343,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  79  V.    Um      Schmierig- 

keiten  za  Plänen 

Hier  sind.  Signore,   viele  Edelleute,  welche  diese  Aus-  /"'■  Kanaibaaten 

'         °  '  ,  za  beseitigen, 

gäbe   untereinander   aufbringen   werden,    wenn   man   sie 

205 


das  Erträgnis  des  Wassers  genießen  läßt,  Mühlen  und 
das  Passieren  der  Schiffe,  und  wenn  selbiges  verkauft 
ist,  wird  den  Preis  der  Kanal  von  Martesana  zurück- 
erstatten .  .  . 

Briefent^urf,  der    VUL  MS.  CA.  FOL.  315  V. 

leider  durch  Feh-     D^g  Nein  tut  mir  so  leid  ...  zu  sein. 

len  eines  Stuckes 

vom  Blatt  unvoll-     Recht   Sehr  tut  es   mir  leid,   in  Not  zu  sein:   aber  am 

kommen  erhalten 

ist.  An  Lodovico  meisten  schmerzt  mich,    daß  jene  Grund  sei,  mein  Ver- 

Moro     gerichtet,    ,  ,  ,  .  .  .  _, 

wahrscheinlich  langen   zu  unterbrechen,  so  immer  geneigt   ist.   Euerer 

Te'ine/zeit7wò  Exzelleuz  ZU  gchorchen. 

irr"'die''Art?'ten  Es  tut  mir  recht  sehr  leid,  daß  du  mich  verlan(gt)  ... 

<us  Herzogs  im  habest  iu  Not  gefunden  und  daß  mein  den  Lebensunter- 

òticn       gelassen  ° 

hatte  und  viel-  halt  gewinnen  müssen  mich  unterbrechen  machte  .  .  . 

leicht  technische       _.,  ,  ...i,^  .,t, 

Arbeiten  (Ma-  Rccht  sehr  tut  es  mir  leid,  daß  mein  den  Lebensunter- 
^'^  föhrte'!'"'  halt  gewinnen  müssen  mich  zu  unterbrechen  (gezwungen) 
habe,  das  Werk  zu  verfolgen,  so  Euere  Herrlichkeit  be- 
reits mir  auftrug;  aber  ich  hoffe  in  kurzem  so  viel  ver- 
dient zu  haben,  daß  ich  mit  ausgeruhtem  Gemüt  Euerer 
Exzellenz  werde  Genüge  tun  können,  welcher  ich  mich 
empfehle,  und  wenn  Euere  Herrlichkeit  bei  sich  glauben 
sollte,  daß  ich  Geld  hätte,  würde  Sie  sich  täuschen,  denn 
ich  habe  6  Münder  36  Monate  lang  erhalten  und  nur 
Gualtieri  di      SO  Dukatcn  bekommen.     Vielleicht   daß  Euere  Exzellenz 

Cottavreti ,      die 

rechte  Hand  des  Mcsser   Gualtieri   nichts  anderes   auftrug,   glaubend,   daß 

Lodovico  Sforza.     .    ,      ^^    ,  ,    ,  .. 

ich  Geld  hatte  .  .  . 

Briefentwurf, 

auch  an  Lodovico    IX.  MS.  CA.  FOL.  335  V. 

gerichtet ,       den 

Leonardo    stets     Und  wcnn  Ihr  mir  nicht  mehr  irgendeinen  Auftrag  gebt 

mit  „Signore''  be-  &  o    & 

zeichnet,  von  der  ZU  irgendeiner  .  .  .  der  Belohnung  meines  Dienstes,  weil 

Zeit  her,  wo  Moro     .    ,  ,    .         .  i        »  •  »  •  .. 

wohl  Herr  von  ich   nicht    imstandc   bin,   zu   .  .  .  was  Anweisungen,  weil 

ni^h^recMmafii-  SÌ  e  Einnahmen  haben  von  ...  die  sie  wohl  in  Ordnung 

war,sondIrnbioß  bringen   können,   mehr  denn  ich  .  .  .  nicht  meine  Kunst, 

„Fifcar-  des  un-  welche   ich  wechscln  will,    und  .  .  .  irgendwelches  Klei- 

mundigen  und  bis  j  o 

zu  seinem  Tod  dungsstück  gegeben  [wenn  ich  eine  Summe]  .  .  .  Signore! 

tenen  Gian  Ga-  da  mir  bewußt,  daß  der  Sinn  Euerer  Exzellenz  beschäftigt 

seines  Neffen^   ist    ...   Eucrer   Herrlichkeit  meine    kleinen   (Angelegen- 

206 


Das    „Pferd'   — 
Entwarf  des 

Reiterdenkmals, 
dessen  Gaß 
80  000  Kilo 

Bronze  gefordert 
hätte. 


heilen?)  zurückzurufen,  und  ich  hätte  sie  in  Stille  ge- 
hüllt, .  .  .  daß  mein  Schweigen  Grund  wäre,  Euere  Herr- 
lichkeit ungnädig  zu  machen  .  .  .  mein  Leben  zu  Eueren 
Diensten  hält  mich  fortwährend  bereit,  zu  gehorchen  .  .  . 
Vom  Pferd  werde  ich  nichts  sagen,  weil  ich  die  Zeiten 
kenne,  .  .  .  Euerer  Herrlichkeit,  wie  ich  im  Guthaben  des 
Gehaltes  von  2  Jahren  blieb  .  .  .  mit  zwei  Meistern, 
welche  fortwährend  bei  mir  in  Gehalt  und  Ausgabe  standen 
.  .  .  daß  zum  Schluß  ich  von  besagtem  Werk  schließlich 
etwa  15  Lire  Vorteil  hatte.  Nun  .  .  .  Werke  von  Ruf,  durch 
welche  ich  jenen,  die  kommen  werden,  zeigen  könnte, 
ich  sei  gewesen  .  .  .  Allesmacher;  aber  ich  weiß  nicht, 
wo  ich  meine  Werke  verausgaben  könnte,  um  zu  .  .  . 
mein  darauf  achten  müssen,  mir  das  Leben  zu  verdienen 
.  .  .  weil  (Euere  Herrlichkeit?)  nicht  unterrichtet  war,  [in 
welcher  Lage  ich  mich  befinde,  wie  ich  auch  mich]  .  .  . 
erinnert  sich  an  den  Auftrag  des  Malens  der  Camerini 
.  .  .  Euerer  Herrlichkeit  darbrachte,  von  derselben  bloß 
verlangend  .  .  . 

X.  MS.  CA.  FOL.  202  v. 

Mein  allerliebster  Bruder,  nur  dieses,  um  dir  zu  sagen, 
daß  in  den  letzten  Tagen  ich  einen  (Brief)  von  dir  hatte, 
aus  dem  ich  ersah,  daß  du  Strafantrag  (erete)  erlangt 
hast,  aus  welcher  Sache  ich  errate,  was  für  eine  außer- 
ordentliche Freude  du  dir  machtest;  wodurch,  da  ich  dich 
für  klug  erachte,  ich  im  ganzen  darüber  klar  bin,  daß 
ich  so  fern  davon  bin,  ein  gutes  Urteil  zu  haben,  wie  du 
von  der  Klugheit,  nachdem  du  dich  gefreut  hast,  dir  einen 
emsigen  Feind  geschaffen  zu  haben,  der  mit  all  seinem 
Schweiße  die  Freiheit  erwünschen  wird,  die  nicht  sein 
wird  ohne  deinen  Tod  .  .  . 

XL  MS.  CA.  FOL.  372  V.    Entwarf  zu  einem 

Brief  an  Charles 

Ich  habe  den  Verdacht,  ob  meine  geringe  Vergütung  d'Amboise,  Mar- 
der  großen  Benefizien,  die  ich  von  Euerer  Exzellenz  er-  mont,statthaUer 
halten  habe.  Euch  nicht  etwa  gegen  mich  habe  erzürnen  Mauand—wahr- 


Die  Camerini, 
kleine  Gemächer 
im  Kastell;  1498 
hat  dann,  wie 
Briefe  des  Gual- 
tiero bezeugen, 
Leonardo  sie  be- 
malt. 

An  einen  der 
Brüder    Leo- 
nardos. 


207 


bS^nii,  wäk-  gemacht,  und  zwar,  weil  von  allen  Briefen,  welche  ich 
rend    Leonardo  EuercF    Herrlichkeit    geschrieben    habe,   ich    auf  keinen 

wegen  Lro-  "  ' 

schaftsstreitig-    AntwoFt  bekommen  habe.     Jetzt   sende  ich   jenen  Salai, 

keifen  m  Florenz  _, 

weilte,  geschrie-  UTTi  Euere  Herrlichkeit  verstehen  zu  machen,  daß  ich 
ziemlich  am  Ende  des  Rechtshandels  bin,  den  ich  mit 
meinen  Brüdern  habe,  und  daß  ich  glaube,  mich  diese 
Ostern  dort  (in  Mailand)  zu  befinden  und  zwei  Gemälde 
von  zweien  Unserer  lieben  Frauen  von  verschiedener 
Größe  mit  mir  zu  bringen,  die  für  unseren  allerchrist- 
lichsten  König,  oder  für  wen  sonst  es  Euerer  Herrlichkeit 
gefalle,  g:emacht  sind.  Es  wäre  mir  wohl  lieb,  bei  meiner 
Rückkehr  dorthin  zu  wissen,  wo  ich  für  den  Augenblick 
bleiben  sollte,  um  Euerer  Herrlichkeit  nicht  mehr  Miß- 
vergnügen zu  machen,  und  auch,  nachdem  ich  für  den 
Allerchristlichsten  gearbeitet  habe,  ob  mein  Gehalt  fort- 
zulaufen habe  oder  nicht.  Ich  schreibe  dem  Präsidenten 
uonard^"n509  ì^^^^  Wassers,  welches  mir  der  König  gab,  in  dessen 
etwa)  „12  Unzen  Besitz  ich   nicht   gesetzt  worden  bin,  weil  zu  jener  Zeit 

Wasser'^  ge- 

schenkt,  zu  ent-  im  Schiffahrtskanal  durch  die  große  Dürre  daran  Mangel 

nehmen  dem  Ka-  j  m  •  »  -     j  •    i..  i. 

nai von  Gozzano,  War,  Und  weil  scme  Ausmundungen  nicht  geregelt  waren; 
'^' 'ming^wn^'^'  ^^^^  wohl    vcrsprach  er  mir,   sobald  diese  Regelung  ge- 
d^s  ^Tages^''"i'e  "lacht  sci,   ich   in  dessen  Besitz  gesetzt  würde,   so  daß 
^'^K  yk    ^'^^°  ^'^^  Euere  Herrlichkeit  bitte,  jetzt,  da  solche  Mündungen 
geregelt  sind,   den  Präsidenten  an  meine  Erledigung  er- 
innern zu  lassen,  mir  nämlich  den  Besitz  jenes  Wassers 
zu    geben,    weil  bei   meiner  Ankunft  ich   darauf  Geräte 
und  Dinge  zu  machen  hoffe,  welche  unserem  allerchrist- 
lichsten König  zu  großem  Vergnügen  sein  werden.     An- 
deres fällt  mir  nicht  ein.    Ich  bin  immer  zu  Eueren  Be- 
fehlen. 

In   gleicher  An-    XII.  MS.  CA.  FOL.  372  V. 

gelegenheit       an 

den  Präsidenten     Hohcr  Präsident,  ich  sende  Salai,  meinen  Schüler,  wel- 

des  Amtes,   dem  ..  '  ' 

die  Aufsicht  aber  eher  der  Überbringer  dieses  ist,  und  von  ihm  werdet  Ihr 
lierung  and  die  mündlich  den  Gruud  erfahren  meines  vielen  .  .  . 
""gen'^waf.*'^'^'     Hoher  Präsident,  ich  ... 

208 


Hoher  Präsident,  mich  öfters  der  Anerbietungen  er- 
innernd, welche  Euere  Exzellenz  mir  mehrere  Male  ge- 
macht, habe  ich  die  Sicherheit  geschöpft,  schreiben  zu 
dürfen  und  derselben  die  Versprechungen  zurückzurufen, 
die  ich  bei  der  letzten  Abreise  erhalten,  nämlich  des 
Besitzes  jener  12  Unzen  Wasser,  so  mir  vom  allerchrist- 
lichsten  König  gegeben  wurden;  Euere  Herrlichkeit  weiß, 
daß  ich  niemals  in  Besitz  selbiger  trat,  weil  in  jener  Zeit, 
als  sie  mir  geschenkt  wurden,  Mangel  an  Wasser  im 
Kanäle  war,  sowohl  wegen  der  großen  Dürre  als  wegen 
seiner  noch  nicht  geregelten  Ausmündungen;  doch  mir 
wurde  von  Euerer  Exzellenz  versprochen,  daß,  wenn  solche 
Regelung  gemacht  sei,  ich  mein  Erwartetes  haben  würde; 
hierauf  vernehmend,  daß  der  Kanal  ausgebessert  sei, 
schrieb  ich  mehrere  Male  an  Euere  Herrlichkeit  und 
Messer  Girolamo  da  Cusano,  welcher  das  Papier  mit  der 
Schenkung  bei  sich  hat;  und  ebenso  schrieb  ich  dem 
Corigero  und  erhielt  niemals  Antwort.  Nun  sende  ich 
Salai  hin,  meinen  Schüler,  Überbringer  dieses,  welchem 
Euere  Herrlichkeit  wird  alles  mündlich  sagen  können, 
was  geschehen  ist,  um  welche  Sache  ich  Euere  Exzellenz 
bitte.  Ich  glaube,  diese  Ostern  dort  (in  Mailand)  zu  sein, 
weil  ich  mit  meinem  Rechtshandel  fast  zu  Ende  bin,  und 
ich  werde  zwei  Bilder  Unserer  lieben  Frau  mit  mir  bringen, 
die  ich  begonnen  habe,  und  in  den  Zeiten,  die  ich  vor 
mich  gebracht,  habe  ich  sie  in  recht  guten  Hafen  geführt. 
Anderes  fällt  mir  nicht  ein. 

XIII.  MS.  CA.  FOL.  372  V.    In    gleicher  An- 

gelegenheit     an 

Guten  Tag,  Messer  Francesco;  helf  mir  Gott,   daß  auf  Francesco  Meizi. 
so  viele  Briefe,  die  ich  Euch  geschrieben  habe,  Ihr  mir 
niemals   geantwortet  habet.     Nun    wartet    bloß,    daß   ich 
dorthin  komme;  bei  Gott,  ob  ich  Euch  nicht  so  viel  werde 
schreiben  lassen,  daß  es  Euch  vielleicht  leid  tun  wird. 

Mein  lieber  Messer  Francesco,  ich  sende  Salai  hin,  um 
von  der  Magnifizenz  des  Präsidenten  zu  hören,  welches 

14        Herzfeld,   Leonardo 

209 


Ende  die  Regelung  des  Wassers  genommen,  die  bei  meiner 
Abreise  für  die  Ausläufer  des  SchifFahrtskanales  angeord- 
net wurde,  weil  der  hohe  Präsident  mir  versprach,  daß 
sofort,  wenn  solche  Regelung  gemacht,  ich  erledigt  würde. 
Nun  ist  es  einige  Zeit,  daß  ich  vernahm,  der  Kanal  werde 
ausgebessert,  und  gleicherweise  seine  Ausläufer,  und 
gleich  schrieb  ich  dem  Präsidenten  und  Euch,  und  wieder- 
holte nachher,  und  nie  bekam  ich  Antwort.  Also  werdet 
Ihr  die  Gnade  haben  (degnerete),  mir  zu  antworten,  was 
erfolgt  ist,  und  wenn  es  nicht  beim  Erledigen  ist,  sei  es 
Euch  aus  Liebe  zu  mir  nicht  leid,  den  Präsidenten  und 
ebenso  Messer  Girolamo  da  Cusano  ein  wenig  zu  mahnen, 
welchem  Ihr  mich  empfehlen  werdet  und  Seiner  Magni- 
fizenz mich  darbieten. 


Bezieht  sich 
gleichfalls      auf 

die  Schenkung 
des  Königs,  die 
Leonardo  für  hy- 
draulische Arbei- 
ten am  Kanal 
von  S.  Cristofano 
erhalten. 


XIV.  MS.  CA.  FOL.  93  r. 

Wenn  gesagt  wird,  daß  dem  König  zweiundsiebzig  Du- 
katen Einkünfte  entgehen,  im  Fall  solches  Wasser  von 
Sancto  Cristofano  genommen  wird  .... 

Dies  weiß  Seine  Majestät;  was  er  mir  gibt,  er  nimmt 
es  sich  selbst. 

Aber  hier  wird  nichts  dem  Könige  genommen,  sondern 
es  wird  dem  weggenommen,  der  gestohlen  hat,  weil  beim 
Regulieren  der  Mündungen,  die  sie  erweitert  haben,  die 
Räuber  des  Wassers  .... 

Wenn  gesagt  wird,  daß  dieses  zum  Schaden  vieler  sei,  — 
dies  ist  nichts  anderes,  als  den  Dieben  wieder  nehmen, 
was  sie  zurückzugeben  haben. 

Welche  Sache  der  Magistrat  beständig  zurücknimmt,  ohne 
meine  Schuld,  und  übersteigt  mehr  als  fünfhundert  Unzen 
Wasser,  und  mir  sind  nur  zwölf  Unzen  Wasser  stabilisiert. 

Wenn  man  sagt,  dies  mein  Wasser  betrage  im  Jahre 
viel,  hier  vermietet  man  das  Wasser  bei  solcher  Niedrig- 
keit des  Kanales  um  bloß  sieben  Dukaten,  zu  vier  Lire 
jeden,  per  Unze  im  Jahr,  was  siebzig  macht. 

Wenn   sie   sagen,    das   hindere   die  Schiffahrt,   dies  ist 


210 


nicht  wahr,  weil  die  Mündungen,   die  zu  solcher  Bewäs- 
serung dienen,  oberhalb  der  Schiffahrt  sind. 

XV.  MS.  CA.  FOL.  389  r. 
Ich  habe  einen,  der,  weil  er  sich  von  mir  Sachen  ver- 
sprochen, die  recht  viel  weniger  als  gebührlich  sind,  und 
in  seinem  anmaßenden  Verlangen  betrogen  geblieben,  ver- 
sucht hat,  mir  alle  meine  Freunde  zu  nehmen;  und  weil 
er  sie  weise  befunden  und  nicht  leicht  zu  seinem  Willen, 
hat  er  mich  bedroht,  er  werde  solche  Beschuldigungen 
finden,  daß  er  mir  die  Wohltäter  rauben  werde;  daher 
ich  von  diesem  Eure  Herrlichkeit  in  Kenntnis  gesetzt 
habe,  damit,  wenn  jener  die  gewohnten  Skandale  aussäen 
wollte,  er  keinen  geeigneten  Boden  zum  Säen  fände  und 
die  Gedanken  und  Handlungen  seiner  schlechten  Natur 
in  sich  aufzunehmen.  Damit,  wenn  er  versucht,  aus  Eurer 
Herrlichkeit  das  Werkzeug  seiner  tückischen  und  ruchlosen 
Natur  zu  machen,  er  in  seinem  Wunsch  betrogen  bleibe. 

XVI.  MS.  CA.  FOL.  247  v. 
Erlauchtester  Herr! 

Sehr  freue  ich  mich,  mein  erlauchtester  Herr,  über 
Eu  .  .  .  . 

So  sehr  habe  ich  mich  gefreut,  mein  erlauchtester  Herr, 
[über  die  große  Erwerbung],  über  die  [famose]  herbeige- 
sehnte Erwerbung  Eurer  Gesundheit,  daß  ich  fast  [daß 
ich  wahrhaftig  meine  Gesundheit  wiederbekommen  habe 
und  am  Ende  meines  Übels  bin]  mein  Übel  von  mir  ge- 
flohen ist  durch  die  fast  wiederhergestellte  Gesundheit 
Eurer  Exzellenz  [.  .  .  .].  Aber  sehr  leid  tut  mir  [die 
Bosheit],  daß  ich  nicht  vollständig  habe  genugtun  können 
den  Wünschen  Eurer  Exzellenz,  durch  die  Böswilligkeit 
dieses  Betrügers,  bei  dem  ich  gar  nichts  unterlassen  habe, 
womit  ich  ihm  hätte  nützen  können,  was  nicht  von  mir 
wäre  getan  worden,  und  vor  allem  sein  Gehalt  ist  ihm 
vor  der  Zeit  augenblicklich  gezahlt  worden,  was,  glaube 
ich,  er  gern  abgeleugnet,  wenn  ich  nicht  die  Schrift  und 

14* 

211 


Durckstrichener 
Briefentwarf. 


Entwürfe  zu 
einem  Brief  an 
Giuliano  Medici, 
Herzog  von  Ne- 
mours ,  dritten 
Sohn  des  Lorenzo 

Magnifico   und 
Bruder    Leo    X., 

unter  dessen 
Schutz  Leonardo 
1513  bis  1515  in 
Rom  war. Erhatte 
eine  Wohnung  im 
Belvedere  erhal- 
ten und  ließ  hier 
für  Giuliano  ge- 
wisse Erfindun- 
gen ausführen 
(ein  Fernrohr? 
Bren  nspiegel — ?), 
zu  deren  Anfer- 
tigung er  sich 
eines  Deutschen, 

namens  Georg 
(Giorgio  Tedesco) 
bediente,  —  viel- 
leicht auch  jenes 
Johannes,  der  hier 

erwähnt  wird. 


Bestätigung  von  der  Hand  des  Dolmetschers  hätte,  und 
als  ich  sah,  daß  für  mich  nicht  gearbeitet  wurde,  außer 
wenn  die  Arbeiten  für  andere  ihm  fehlten  [von  welchen 
er  ein  eifriger  Ausforscher  war]  .  .  .  Ich  bat  ihn,  daß 
er  mit  mir  essen  möge  und  neben  mir  arbeiten,  weil 
außer  auf  Rechnung  zu  stellen  (auf  dem  Rande):  .... 
gut  für  die  Arbeit,  er  die  italienische  Sprache  erwerben 
würde,  immer  [versprach  er  es  und  niemals  wollte  er 
es  tun],  und  dies  tat  er  auch,  weil  dieser  Johannes  der 
Deutsche,  welcher  die  Spiegel  macht,  ihm  täglich  in  der 
Werkstatt  war  und  sehen  wollte  und  hören,  was  er 
mache,  und  es  über  die  Erde  verbreitete,  jenes  tadelnd, 
was  er  nicht  verstand.  Und  dies  tat  er,  weil  er  [mit 
den  Deutschen]  mit  jenen  von  der  Garde  des  Papstes 
aß  und  dann  in  Gesellschaft  fort  wegging,  in  diesen  alten 
Gemäuern  mit  den  Flinten  Vögel  tötend,  und  so  ging 
es  weiter  von  nach  dem  Frühstück  bis  zum  Abend.  Und 
wenn  ich  Lorenzo  schickte  [ihn  zu  erinnern],  ihn  zur 
Arbeit  zu  ersuchen,  geriet  er  in  Zorn  und  s  .  .  .  gte,  er 
wolle  nicht  so  viele  Herren  auf  dem  Halse  haben  und 
daß  wenn  [die  Art]  und  daß  seine  Arbeit  für  die  Kammer 
Eurer  Exzellenz  sei,  und  [derart]  verbrachte  zwei  Mo- 
nate, und  so  ging  es  weiter  [wenn  nicht],  und  eines 
Tages  Giannicolo  von  der  Kammer  treffend,  fragte  ich 
ihn,  ob  er  [hab]  ob  der  Deutsche  die  Arbeit  für  Seine 
Magnifizenz  fertig  gemacht  habe,  und  er  sagte  mir,  es 
sei  nicht  wahr,  sondern  daß  er  ihm  nur  zwei  Flinten  zu 
putzen  gegeben  habe,  und  da  ich  ihn  hierauf  mahnen 
ließ,  verließ  er  die  Werkstatt  und  begann  zu  Hause  zu 
arbeiten  und  verlor  viel  Zeit,  indem  er  eine  andere 
Kneipzange  und  Feilen  und  andere  Instrumente  mit 
Schrauben  machte,  und  daselbst  arbeitete  er  Handmühlen 
zum  Zwirnen  von  Seide,  die  er  versteckte,  wenn  jemand 
von  den  Meinigen  dort  eintrat,  und  mit  tausend  Flüchen 
und  groben  Vorwürfen,  so  daß  niemand  von  den  Meinigen 
mehr  hineingehen  wollte  .... 

212 


So  sehr  habe  ich  mich  gefreut,  mein  erlauchtester  Herr, 
über  die  herbeigesehnte  Erlangung  Eurer  Gesundheit,  daß 
nahezu  mein  eigenes  Übel  von  mir  entflohen  ist.  Aber 
sehr  leid  ist  mir,  daß  ich  den  Wünschen  Eurer  Exzellenz 
nicht  habe  genugtun  können,  vermittelst  der  Böswilligkeit 
jenes  deutschen  Betrügers,  für  welchen  ich  keine  Sache 
unterlassen  habe,  mit  der  ich  geglaubt  hätte,  ihm  Ver- 
gnügen zu  machen.  Und  vorerst  außer  ihn  einzuladen, 
mit  mir  zu  wohnen  und  zu  leben,  durch  welche  Sache 
ich  beständig  das  Werk  sah,  das  er  machte,  und  mit 
Leichtigkeit  die  Fehler  verbesserte;  und  über  diesem 
würde  er  auch  die  italienische  Sprache  erlernen,  mittels 
welcher  er  mit  Leichtigkeit  sprechen  könnte,  ohne  Dol- 
metsch; und  vor  allem,  sein  Geld  wurde  ihm  immer  vor 
der  Zeit  gegeben;  im  ganzen  wurde  es.  Hierauf,  das 
Verlangen  von  jenem  war,  die  Modelle  fertig  in  Kolz 
zu  bekommen,  wie  sie  in  Eisen  sein  sollten:  die  er  in 
seine  Heimat  nehmen  wollte.  Welche  Sache  ich  ihm 
verweigerte,  sagend,  daß  ich  ihm  in  Zeichnung  die  Breite, 
Länge  und  Dicke  und  Figur  von  dem  geben  würde,  was 
er  zu  machen  hätte;  und  so  verblieben  wir  mißge- 
stimmt. 

Die  zweite  Sache  war,  daß  er  sich  eine  andere  Werk- 
statt aufmachte,  mit  neuen  Kneipzangen  und  Instrumenten, 
in  der  Kammer,  wo  er  schlief,  und  hier  für  andere  arbei- 
tete; ferner  ging  er  mit  den  Schweizern  von  der  Leib- 
wache frühstücken,  wo  es  müßige  Leute  gibt,  in  welcher 
Sache  er  sie  alle  besiegte;  von  da  ging  er  weg,  und  die 
meisten  Male  gingen  zwei  oder  drei  von  ihnen  fort,  mit 
den  Flinten  töteten  sie  Vögel  im  alten  Gemäuer,  und 
dieses  dauerte  bis  zum  Abend. 

Zum  Schluß  habe  ich  gefunden,  wie  dieser  Meister  Jo- 
hannes von  den  Spiegeln  das  Ganze  gemacht  hat,  aus 
zwei  Gründen,  und  der  erste,  weil  er  zu  sagen  gehabt 
hat,  daß  mein  Hieherkommen  ihm  die  Unterredung  und 
Gunst  Eurer  Herrlichkeit  geraubt  habe,  die  immer  .  .  . 

213 


der  zweite  ist,  daß  die  Wohnung  dieses  Schmiedes  .... 
sagte,  ihm  geziemte,  um  die  Spiegel  zu  arbeiten,  und 
davon  ist  der  Beweis  geführt  worden,  denn  außer  daß 
er  jenen  mir  feindlich  machte,  hat  er  ihn  all  das  Seinige 
verkaufen  und  ihm  seine  Werkstatt  überlassen  gemacht, 
in  welcher  er  (nun)  mit  vielen  Arbeitern  recht  genügend 
Spiegel  macht,  um  auf  die  Jahrmärkte  zu  schicken  .... 

Desgleichen.       XVII.  MS.  CA.  FOL.  283. 

So  sehr  habe  ich  mich  gefreut,  erlauchtester  Herr,  über 
die  ersehnte  Erwerbung  Eurer  Gesundheit,  daß  fast  mein 
Übel  auch  von  mir  geflohen  ist,  wofür  Gott  gelobt  sei. 
Aber  sehr  leid  ist  mir,  daß  ich  nicht  habe  völlig  Genüge 
tun  können  den  Wünschen  Eurer  Exzellenz,  wegen  der 
Böswilligkeit  jenes  deutschen  Betrügers,  für  welchen  ich 
gar  keine  Sache  unterlassen  habe,  mit  welcher  ich  ge- 
glaubt hätte,  ihm  Vergnügen  zu  machen.  Und  erstens, 
seine  Gelder  wurden  ihm  gänzlich  gezahlt,  vor  dem 
Monat,  während  welchem  sein  Gehalt  laufen  sollte;  zwei- 
tens lud  ich  ihn  ein,  mit  mir  zu  wohnen  und  zu  leben, 
wegen  welcher  Sache  ich  ein  Brett  am  Fuß  eines  dieser 
Fenster  wollte  aufpflanzen  lassen,  wo  er  mit  der  Feile 
arbeiten  und  die  heimlich  fabrizierten  Sachen  hätte  be- 
endigen können,  und  so  sähe  ich  beständig  das  Werk, 
welches  er  machte,  und  verbesserte  es  mit  Leichtigkeit. 
Und  außer  diesem  erlernte  er  die  italienische  Sprache, 
mittels  welcher  er  hernach  mit  Leichtigkeit  ohne  Dol- 
metsch reden  könnte  .... 

Anderes     Brach-    XVIIL  MS.  CA.  FOL.  182  V. 

Ich  wollte  ihn  anhalten,  mit  mir  zu  essen,  uns  befin- 
dend .... 

Er  ging  mit  der  Leibwache  essen,  wobei,  außerdem  daß 
er  zwei  oder  drei  Stunden  bei  Tisch  verbrachte,  noch 
die  häufigsten  Male  der  Rest  des  Tages  dadurch  aufge- 
zehrt wurde,  daß  er  mit  der  Flinte  zwischen  diesem  alten 
Gemäuer  Vögel  schießen  ging. 

214 


Und  wenn  irgendwer  von  den  Meinigen  in  die  Bude 
trat  und  ihm  Vorwürfe  machte,  und  wenn  einer  ihn  schalt, 
sagte  er,  daß  er  für  die  Waffenkammer  arbeite  und 
Rüstungen  und  Büchsen  reinige. 

Was  das  Geld  betrifft,  gleich  am  Anfang  des  Monates 
war  er  eifrigst,  es  zu  beheben. 

Und  um  nicht  angetrieben  zu  werden,  verließ  er  die 
Werkstatt  und  machte  sich  eine  in  seiner  Kammer  und 
arbeitete  für  andere,  und  als  ich  ihm  schließlich  sagen 
ließ  .... 

Da  ich  sah,  daß  jener  selten  in  der  Werkstatt  war  und 
viel  verbrauchte,  ließ  ich  ihm  sagen,  daß,  wenn  es  ihm 
gefiele,  ich  mit  ihm  über  jede  Sache  Handel  abschließen 
wolle,  die  er  mache,  und  nach  Schätzung  und  so  viel  ihm 
geben  wolle,  als  wir  ausmachen  würden;  er  beriet  sich 
mit  dem  Nachbarn  und  verließ  die  Wohnung,  alles  mer- 
kend, und  suchte  auf  .... 

Dieser  andere  hat  mir  beim  Papst  die  Anatomie  ver- 
hindert, sie  tadelnd,  und  ebenso  beim  Spital,  und  füllte 
mit  Werkstätten  für  Spiegel  dies  ganze  Belvedere,  oder 
mit  Arbeitern,  und  so  hat  er  gemacht  in  der  Wohnung 
des  Meisters  Georg. 

Dieser  machte  gar  keine  Arbeit,  ohne  daß  er  jeden  Tag 
mit  Johannes  konferierte,  der  es  dann  verbreitete  und 
über  die  Erde  ausrief,  sagend,  daß  er  Meister  solcher 
Kunst  sei,  und  von  dem,  was  er  nicht  verstand,  sagte 
er,  daß  ich  nicht  wisse,  was  er  mir  machen  wolle,  mich 
seiner  Unwissenheit  beschuldigend. 

Ich  kann  vermittelst  seiner  nicht  geheime  Dinge  machen, 
weil  jener  andere  ihm  allzeit  auf  den  Fersen  sitzt. 

Weil  die  eine  Wohnung  in  die  andere  geht. 

Aber  seine  ganze  Absicht  war,  sich  dieser  beiden  Woh- 
nungen zu  bemeistern,  um  Spiegel  arbeiten  zu  lassen. 

Und  wenn  ich  ihn  dazu  stellte,  meinen  Krummspiegel 
zu  machen,  wurde  alles  veröffentlicht  usw. 

Er    sagte,    daß    acht    Dukaten    ihm    seien    versprochen 

215 


worden,  jeden  Monat,  vom  ersten  an  beginnend,  als  er 
sich  auf  den  Weg  gemacht,  oder  später,  als  er  Euch 
sprach  und  Ihr  ihn  aufnähmet  usv/. 

Gieichfaiu.       XIX.  MS.  CA.  FOL.  92  r. 

Ich  habe  mich  überzeugt,  daß  er  für  viele  arbeitet  und 
daß  er  Bude  hält  für  das  Volk,  wegen  welcher  ich  nicht 
will,  daß  er  für  mich  auf  Vorrat  arbeite,  sondern  daß  er 
bezahlt  werde  für  die  Arbeiten,  die  er  für  mich  macht, 
und  weil  er  Bude  und  Haus  vom  Magnifico  hat,  daß  er 
gehalten  werde,  die  Arbeiten  des  Magnifico  allen  voran- 
zuschicken. 

Fragment.        XX.  R.  1358,  MS.  W.  AN.  III.  FOL.  241  r. 

Und  in  diesem  Falle  weiß  ich,  daß  ich  nicht  wenig 
Feinde  erwerben  werde,  obschon  niemand  glauben  wird, 
was  ich  von  ihm  etwa  sagen  kann,  weil  wenige  von  jenen 
sind,  welchen  seine  Laster  mißfallen;  im  Gegenteil,  nur 
solchen  Menschen  mißfallen  sie,  die  von  Natur  aus  wider 
solche  Laster  sind;  und  viele  hassen  ihre  Väter  und  ver- 
derben sich  die  Freundschaften,  Tadler  ihrer  Laster,  und 
wollen  nicht  Beispiele,  die  ihnen  entgegengesetzt  sind, 
noch  irgendwie  menschlichen  Rat. 

Und  wenn  irgendwer  gut  und  tugendhaft  befunden  wird, 
jagt  ihn  nicht  von  euch  weg;  tut  ihm  Ehre  an,  daß  er 
nicht  von  euch  flüchten  müsse  und  sich  auf  Einsiedeleien 
beschränken,  oder  Höhlen  oder  andere  verlassene  Orte, 
und  wenn  irgendwelche  solche  sich  finden,  erweiset  ihnen 
Ehre,  denn  diese  sind  eure  irdischen  Götter;  diese  ver- 
dienen von  euch  Statuen  und  Bilder;  doch  erinnert  euch 
wohl,  daß  ihre  Bilder  nicht  von  euch  verzehrt  werden, 
wie  noch  in  einigen  Teilen  von  Indien;  denn  sobald  diese 
Bilder  irgendwelche  Wunder,  nach  ihrer  Meinung,  wirken, 
schneiden  die  Priester  sie  in  Stücke,  nachdem  sie  von 
Holz  sind,  und  geben  davon  allen  im  Lande,  nicht  ohne 
Bezahlung;  und  jeder  zerraspelt  ganz  fein  seinen  Anteil 
und  gibt  das   auf  das   erste  Nahrungsmittel,   das   er  ißt; 


216 


und  so  halten  sie  es  für  Religion,  ihren  Heiligen  verzehrt 
zu  haben,  und  glauben,  daß  er  sie  dann  vor  allen  Ge- 
fahren bewahre.  Was  hältst  du,  Mensch,  da  von  deiner 
Gattung?  Bist  du  so  weise,  wie  du  zu  sein  glaubst?  Sind 
dieses  Dinge,  so  von  Menschen  gemacht  werden  sollten? 

XXI.  R.  1355,  MS.  W.  FOL.  XXXI.   f'"  •^«^f  ^ff.^?: 

'  lang  — ?     Nicht 

....  Welcher  Geist  das  Gehirn  wieder  aufsucht,  von    ganz  entziffert. 
dem  er  sich  geschieden  hatte;   mit  lauter  Stimme  brach 
er  in  solche  Worte  aus  .... 

„Und  wenn  irgendein  Mensch,  obwohl  er  Klugheit  und 
Güte  hat  ....  von  den  anderen  Menschen  ....  und 
schlimmer,  wenn  sie  von  ihnen  entfernt  sind. 

„O  glücklicher,  o  begünstigter  Geist,  von  wo  bist  du 
geschieden!  Ich  habe  diesen  Menschen,  sehr  gegen 
meinen  Willen,  wohl  gekannt.  Dies  ist  ein  Gefäß  der 
Miedertracht,  dies  ist  wahrhaftig  eine  Häufung  höchsten 
Undanks,  in  Gesellschaft  aller  Laster.  Doch  was  gehe 
ich  weiter  und  ermüde  mich  umsonst  mit  Worten?  Die 
Summe  der  Sünden  ist  einzig  in  ihm  zu  finden.  Und 
wenn  irgendwer  unter  ihnen  sich  träfe,  so  irgendwelche 
Güte  besäße,  nicht  anders  als  ich  werden  sie  von  anderen 
Menschen  behandelt;  und  in  der  Tat  habe  ich  diese 
Schlußfolgerung,  daß  es  schlimm  ist,  wenn  sie  Feinde 
sind,  und  schlimmer,  wenn  sie  Freunde  sind." 

XXII.  R.  1 104,  MS.  W.  FOL.  XVII  v.         Cypem. 
Von  den  Küsten  Ciliciens   sieht   man  gegen  Mittag  zu 

die  schöne  Insel  Cypem,  die  das  Reich  der  Göttin  Venus 
war,  und  viele,  gereizt  von  ihrer  Schönheit,  haben  Schiff 
und  Takelung  zerbrochen  zwischen  den  Klippen,  die  von 
brandenden  Wogen  umgeben  sind.  Hier  ladet  die  Schön- 
heit der  sanften  Hügel  die  irrenden  Schiffer  zur  Erholung 
zwischen  ihrem  blühenden  Grünen  ein,  wo  die  schwei- 
fenden Winde  die  Insel  und  das  umliegende  Meer  mit 
süßen  Düften  füllen.  O,  wie  viele  Schiffe  sind  hier  schon 
untergegangen,  und   wie   viele  Fahrzeuge   an  den  Riffen 

217 


zerschellt!  Hier  könnte  man  unzählige  Barken  sehen, 
manches  Boot  zertrümmert  und  halb  von  Sand  bedeckt; 
dies  zeigt  sich  vom  Bug  und  dies  vom  Gatt,  und  das 
vom  Kiel  und  das  von  den  Rippen,  und  schiene  gleichsam 
ein  jüngstes  Gericht,  das  tote  Schiffe  auferstehen  machen 
will;  so  groß  ist  die  Zahl  jener,  so  die  ganze  septentrio- 
nale  Küste  bedecken;  die  nördlichen  Winde,  hier  wider- 
hallend,  bringen  vielfache  und  schreckliche  Töne  hervor. 

Auf   einem   zer-    XXIII.  MS.  CA.  FOL.  71  f. 

rissenen  Blatt. 

Oh!  nicht  schätze  mich  gering,  denn  ich  bin  nicht  arm; 
arm  ist  jener,  der  viele  Dinge  wünscht.  Wohin  ich  mich 
setzen  werde?  Wohin,  von  jetzt  an  in  kurzer  Zeit  wirst 
du  es  wissen.  Bleibe  du  nur  ruhig.  Von  jetzt  an  in 
kurzer  Zeit  ...(?) 

O  Griechen,  ich  denke  nicht,  daß  meine  Taten  euch 
....  seien,  obschon  ihr  sie  gesehen  habt;  es  sage  .... 
die  seinigen,  daß  er  ohne  Zeugen  war,  wovon  nur  Mit- 
wisser ist  die  dunkle  Nacht. 

Eine  Reiseerinne-    XXIV.  R.  1339,  MS.  BR.  M.  FOL.  155  r. 

rung    oder    eine 

geographische  In    Ähnlichkeit    mit    einem    wirbelnden    Wind,    welcher 

DerChamkte^der  durch    ein   sandiges  und   ausgehöhltes  Tal   fliegt,   der  in 

%hantasthcht^'^  Seinem  hurtigen  Lauf  alle   jene  Dinge,    die   sich   seinem 

^o^nath Msoab-  Taseuden  Lauf  entgegensetzen,  zum  Mittelpunkt  jagt  .  .  . 

streift.  Ein  zei-  Njcht  auders  prallt  der  nördliche  Polarsturm  mit  seinem 

chen  am  Schluß  ^ 

der    Mannskript-    Ungewittcr    .    .    . 
Seite   deutet   auf       ...    ,  ,  „  /->    ,      ..,<      i  ..         •      ,         m 

eine  Fortsetzung;     Nicht  macht  SO   großcs   Gebrull   das    sturmische  Meer, 

doch  konnte  bis-  ,  i         xt       j      ■     j  •  ^  •  l  ••  j 

her  diese  nächste  Wenn  der  rauhe  Nordwmd  es  mit  semen  schaumenden 
schiaß1'icht%7.  Wellen  zwischen  Scylla  und  Charybdis  hin  und  her  wirft, 
fanden  werden,  j^q^j^  ^jgj.  Stromboli  oder  Mongibello  (Ätna),  wenn  die 
eingeschlossenen  schwefeligen  Flammen,  mit  Gewalt  aus- 
brechend und  den  großen  Berg  öffnend,  durch  die  Luft 
Steine,  Erde  zugleich  mit  heraustretenden  und  ausge- 
spienen  Flammen  schleudern. 

Noch  wenn  die  in  Glut  versetzten  Höhlen  des  Mongibello, 
wieder  ausspeiend  das    schlecht    behaltene   Element,  es 

218 


zu  der  eigenen  Region  hinstoßend,  mit  Wut  jegliches 
Hindernis  vor  sich  herjagen,  das  sich  vor  seine  ungestüme 
Wut  stellt  .  .  . 
Und  von  meinem  sehnsüchtigen  Willen  gezogen,  begierig, 
die  große  (Mengung?)  der  verschiedenen  und  seltsamen 
Formen  zu  sehen,  so  die  kunstreiche  Natur  hervorge- 
bracht, —  nachdem  ich  mich  ein  wenig  zwischen  den 
schattenvollen  Klippen  herumgedreht,  gelangte  ich  zum 
Eingang  einer  großen  Höhle,  vor  welcher  ich  ein  wenig 
betroffen  stehen  blieb,  —  und  unwissend  solcher  Sache, 
meinen  Rücken  in  Bogenform  gebeugt  und  die  müde  Hand 
aufs  Knie  gestemmt,  machte  ich  mir  mit  der  Rechten 
Dunkel  vor  die  gesenkten  und  geschlossenen  Lider;  und 
oft  mich  dahin  und  dorthin  biegend,  um  zu  schauen,  ob 
drinnen  irgend  etwas  zu  unterscheiden  sei,  und  da  dies 
mir  von  der  großen  Finsternis  verwehrt,  so  dort  drinnen 
war,  und  nachdem  ich  so  ein  bißchen  geblieben,  erwachten 
in  mir  plötzlich  zwei  Dinge,  Furcht  und  Verlangen,  Furcht 
vor  dem  bedrohlichen  schwarzen  Loch,  Verlangen  zu 
sehen,  ob  da  innen  etwas  Wunderbares  sei  .  .  . 

XXV.  MS.  1.  FOL.  139  r.        k«  Riese. 

Er  war  schwärzer  als  eine  Hornisse;  die  Augen  hatte 
er  rot  wie  ein  glühendes  Feuer  und  ritt  auf  einem  großen 
Hengst,  sechs  Ellen  breit  und  mehr  als  zwanzig  lang, 
mit  sechs  Riesen  am  Sattelbogen  hängend  und  einem  in 
der  Hand,  den  er  mit  den  Zähnen  nagte.  Und  hinter 
ihm  kamen  Wildschweine,  mit  Hauern  aus  dem  Maule, 
von  vielleicht  zehn  Ellen. 

XXVL  MS.  CA.  FOL.  96  V.        Desgleichen. 

Das  schwarze  Gesicht,  am  ersten  Gegenstand,  ist  äußerst 
grauenhaft  und  schrecklich  anzusehen,  und  besonders  die 
tiefgehöhlten  und  roten  Augen,  unter  die  furchtbaren  und 
finsteren  Brauen  gesetzt,  um  den  Himmel  sich  umwölken 
und  die  Erde  erbeben  zu  machen.  Und  glaube  mir,  es 
gibt  keinen   so   stolzen  Menschen,   der,   wenn  jener  die 

219 


entflammten  Augen  hindrehte,  sich  nicht  gern  mit  Flügeln 
bekleidete,  um  zu  fliehen,  weil  Luzifer  der  Höllische  ein 
Engelsantlitz  im  Vergleich  zu  jenem  schiene.  Die  ge- 
rümpfte Nase  mit  den  weiten  Nüstern,  aus  denen  viele 
und  große  Borsten  herauskamen;  unter  denen  der  ver- 
zogene Mund  mit  den  dicken  Lippen,  auf  deren  Enden 
Haare  nach  Art  der  Katzen  standen,  und  gelbe  Zähne. 
Er  ragt  über  Menschen  zu  Pferde  mit  dem  ganzen  Rücken 
von  den  Beinen  auf  hinweg. 

Und  da  ihm  das  viele  Bücken  leid  tat,  und  überwältigt 
von  der  Lästigkeit  dieses  Mühsamen,  kehrte  er  den  Ärger 
in  Wut  und  begann  mit  den  Füßen,  hin  und  her  ge- 
schlenkert von  der  Raserei  der  mächtigen  Schenkel,  in 
die  Menge  hineinzutreten,  und  mit  den  Fersen  schleuderte 
er  die  Menschen  durch  die  Luft,  die  nicht  anders,  als 
wären  sie  ein  dichter  Hagel,  auf  die  anderen  Menschen 
fielen.  Und  viele  waren  es,  die  sterbend  den  Tod  gaben; 
und  diese  Grausamkeit  hielt  an,  bis  der  Staub,  aufge- 
wirbelt von  den  großen  Füßen  und  in  die  Luft  gehoben, 
diese  höllische  Furia  zwang,  sich  zurückzuziehen.  Und 
wir  folgten  der  Flucht. 

O,  wie  viele  vergebliche  Angriffe  wurden  gegen  diese 
Eingeteufelte  (Furie)  angewendet,  für  die  jede  Verletzung 
nichts  war!  O  armselige  Leute,  euch  taugen  nichts  die 
uneinnehmbaren  Festungen,  euch  die  hohen  Mauern  der 
Städte  nicht,  nicht  euch  das  eine  Menge  sein,  nicht  die 
Häuser  oder  Paläste;  es  ist  euch  nichts  geblieben,  außer 
die  kleinen  Löcher  und  Keller  unter  der  Erde,  wie  den 
Krabben  oder  Grillen  oder  ähnlichen  Tieren:  suchet  Heil 
und  Entrinnen! 

Ach,  wie  viele  unglückliche  Mütter  und  Väter  wurden 
ihrer  Söhne  beraubt!  O,  wie  viele  elende  Frauen  ihrer 
Gesellschaft!  Sicher,  sicher,  mein  lieber  Benedetto,  ich 
glaube  nicht,  daß,  seit  die  Welt  geschaffen,  jemals  ein 
Lamento  gesehen  wurde,  ein  öffentliches  Weinen  mit  so 
viel  Entsetzen  geschah. 

220 


Sicher,  in  diesem  Fall  hat  die  menschliche  Spezies  jede 
andere  Gattung  von  Tieren  zu  beneiden;  nachdem,  wenn 
der  Adler  die  anderen  Vögel  durch  Macht  besiegt,  — 
wenigstens  sind  sie  nicht  in  der  Schnelligkeit  des  Fluges 
besiegt:  daher  die  Schwalben,  mit  ihrer  Geschwindigkeit, 
dem  Raube  der  Drossel  entfliehen;  die  Delphine,  mit  ihrer 
raschen  Flucht,  entkommen  dem  Raub  der  Wale  und  der 
großen  Pottfische;  aber  wir  Elenden!  uns  taugt  keine 
Flucht,  sintemalen  dieser,  mit  langsamem  Schritt,  weitaus 
den  Lauf  jedes  hurtigen  Renners  übertrifft.  Ich  weiß 
nicht,  was  sagen  oder  was  machen;  mir  dünkt  allerwege, 
ich  schwämme  mit  gebeugtem  Haupte  durch  den  großen 
Rachen  und  verharrte  wirren  Todes  im  ungeheueren 
Bauche  begraben. 

XXVII.  MS.  CA.  FOL.  31 1  r.    Bruchstück    and 

Fortsetzung. 

.  .  .  Dieser  Gigant  war  auf  dem  Berge  Atlas  geboren 
und  war  schwarz,  und  hielt  es  gegen  Artaxerxes  mit  den 
Ägyptern,  Medern  und  Persern,  lebte  im  Meer  der  Wal- 
fische, großen  Pottwale  und  der  Narwale  (Schiffe?  navili) 

(Quer:)  Lieber  Benedetto,  um  dir  Nachricht  zu  geben 
von  den  Sachen  hier  in  der  Levante,  wisse,  daß  im  Monat 
Juni  ein  Riese  erschienen  ist,  so  in  der  Wüste  Lybia  lebt. 

So  wie  Ameisen,  welche  bald  da,  bald  dort  herumrasend, 
auf  dem  Eichbaum,  den  die  Säge  des  rauhen  Landmannes 
gefällt  hat  .  .  . 

Lieber  Benedetto  de  Pertarti! 

Als  der  wilde  Riese,  dank  der  blutgetränkten  und  auf- 
geschlemmten  Erde,  stürzte,  schien  es,  als  stürzte  ein 
Berg,  daher  die  Landschaft,  von  Erdbeben  gebeutelt,  dem 
höllischen  Pluto  selbst  ein  Schrecken  war.  Er,  durch 
die  große  Erschütterung,  streckte  sich  auf  der  flachen  Erde 
ein  wenig  betäubt  hin,  und  das  Volk  sofort,  glaubend, 
er  sei  durch  irgendwelchen  Blitz  getötet,  —  in  großem 
Schwärm  zurückgekehrt,  —  nach  Art  der  Ameisen,  welche 
in  Wut  über  den  Leib  der  gefallenen  Steineiche  (?)  herum- 

221 


rennen  —  so  diese,  durcheinander  laufend  über  die  aus- 
gedehnten Gliedmaßen,  indem  sie  durch  häufige  Wunden 
sie  zerrissen. 
Hierauf  der  Riese,  wieder  erwacht  und  sich  von  der 
Menge  fast  bedeckt  fühlend,  spürte  sich  sofort  wegen 
der  Stiche  aufflammen,  stieß  ein  Gebrüll  aus,  das  ein 
entsetzlicher  Donner  zu  sein  schien,  und  die  beiden  Hände 
auf  den  Boden  gestützt  und  das  furchtbare  Gesicht  er- 
hoben, und  die  eine  der  Hände  auf  den  Kopf  legend, 
fand  er  selbigen  voller  Menschen,  die  an  den  Haaren 
hingen,  wie  die  winzigen  Tiere,  so  auf  diesen  zu  ent- 
stehen pflegen,  von  wo,  das  Haupt  schüttelnd,  er  die 
Menschen  nicht  anders  durch  die  Luft  wirft,  als  wäre  es 
Hagel,  der  mit  der  Wut  der  Winde  fliegt,  und  fand  sich, 
daß  viele  dieser  Menschen  getötet  waren  von  jenen,  die 
auf  ihm  herumgewitterten;  hierauf  aufgerichtet,  sie  mit 
den  Füßen  zertretend.  —  Und  von  dem  großen  Sturze 
schien  die  ganze  Gegend  zu  zittern.  Und  sich  an  seinen 
Haaren  haltend  und  zwischen  ihnen  sich  zu  verstecken 
trachtend,  machten  sie  es  wie  die  Seeleute,  wenn  Un- 
wetter ist,  so  über  die  Taue  hinaufrennen,  um  sie  auf 
wenig  Wind  herabzulassen. 

Dieses  Brach-      XXVIII.  MS.  CA.  FOL.  145  V. 

Stack  wurde  von  ,  t^         , 

j.  p.  Richter  und  Einteilung  des  Buches 

von  vielen  ande- 
ren für  eine  Re-     Qjg  Predigt  und  Überredung  zum  Glauben. 

miniszenz     eines  °  ..  ° 

Aufenthaltes  im     £)ie  plötzHchc  Überschwemmung  bis  zu  ihrem  Ende. 

Oriente  gehalten.  01 

Der  Text  ist  mit     Die  Zerstörung  der  Stadt. 
glnuimtriert.      Der  Tod  des  Volkes  und  Verzweifelung. 

Die  Verjagung  des  Predigers   und  seine  Befreiung   und 
sein  Wohlwollen. 
Beschreibung  der  Zerstörung  des  Berges  und  ihrer  Ursache. 
Der  angerichtete  Schaden. 
Schneelawinen. 
Fund  des  Propheten. 
Seine  Prophezeiung. 

222 


Überflutung  der  niedrigen  Teile  des  westlichen  Erminia 
(Armenien),  deren  Abflußgraben  der  Einschnitt  des  Taurus- 
gebirges  war. 

Wie  dem  neuen  Propheten  diese  Zerstörung  gerade  zu- 
paß ist. 

Beschreibung  des  Berges  Taurus  und  des  Flusses 
Euphrates 

An  den  Diodar  (Devadar)  von  Soria  (Syrien), 
Statthalter  des  heiligen  Sultan  von  Babylonia 

Das  neue  Unglück,  welches  in  diesen  unseren  westlichen 
Teilen  geschehen  ist,  das,  ich  bin  sicher,  nicht  bloß  dir, 
sondern  dem  ganzen  Weltall  Entsetzen  einflößen  wird,  soll 
dir  sukzessiv  nach  der  Ordnung  gesagt  werden,  indem  erst 
die  Wirkung  und  dann  die  Ursache  gezeigt  wird. 

Mich  wieder  in  diesen  Gegenden  von  Erminia  (Arme- 
nien) befindend,  um  mit  Liebe  und  Eifer  jenen  Auftrag 
ins  Werk  zu  setzen,  wegen  dessen  du  mich  schicktest, 
und  um  in  diesen  Teilen  den  Anfang  zu  machen,  welche 
mir  am  besten  für  unseren  Vorsatz  geeignet  zu  sein 
schienen,  betrat  ich  die  Stadt  Calindra  (das  mittelalter- 
liche Kelindreh)   in   der  Nachbarschaft   unserer   Grenzen. 

Diese  Stadt  ist  am  Gestade  jenes  Teiles  des  Berges 
Taurus  gelegen,  der  vom  Euphrates  gespalten  ist  und  die 
Homer  des  großen  Berges  Taurus  vom  Westen  erblickt. 

Diese  Hörner  sind  von  solcher  Höhe,  daß  es  scheint, 
als  berührten  sie  den  Himmel,  weil  im  Weltall  kein  irdi- 
scher Teil  vorhanden  ist,  der  höher  wäre  als  sein  Gipfel, 
und  immer  4  Stunden  vor  Tages  prallen  auf  ihn  die 
Strahlen  der  Sonne  von  Osten;  und  weil  er  von  aller- 
weißestem  Gestein  ist,  leuchtet  er  stark  und  leistet  diesen 
Erminiern  den  Dienst,  wie  ihn  ein  schönes  Licht  des 
Mondes  mitten  im  Dunkel  leistete,  und  vermöge  seiner 
großen  Höhe  übertrifft  er  die  höchste  Höhe  der  Wolken 
um  den  Raum  von  4  Meilen  in  gerader  Linie.  Dieser 
Gipfel  wird  von  einem  großen  Teil   des  Okzidentes  von 

223 


der  Sonne  nach  ihrem  Untergange  noch  bis  zum  dritten 
Teil  der  Nacht  erleuchtet  gesehen,  und  es  ist  jenes,  was 
wir  bei  euch  bei  heiterem  Wetter  dafür  gehalten  haben, 
ein  Komet  zu  sein,  und  scheint  sich  uns  im  Dunkel  der 
Nacht  in  verschiedene  Gestalt  zu  verwandeln  und  bald 
sich  in  zwei  oder  drei  Teile  zu  trennen,  und  bald  lang 
und  bald  kurz;  und  dies  kommt  von  den  Wolken,  die  am 
Horizont  des  Himmels  sich  zwischen  den  selbigen  Berg 
und  die  Sonne  stellen;  und  um  ihm  selbige  Strahlen  der 
Sonne  abzuschneiden,  ist  das  Licht  des  Berges  in  ver- 
schiedenen Zwischenräumen  unterbrochen  und  ist  deshalb 
von  wechselnder  Gestalt  in  seinem  Glänze. 
Skizze.  Warum  der  Berg  auf  seinem  Gipfel  die  Hälfte  oder  das 

Dritteil  der  Nacht  leuchtet  und  jenen  im  Westen  ein 
Komet  scheint,  nach  dem  Abend,  und  vor  Tages  jenen 
im  Osten. 

Warum  dieser  Komet  von  wechselnder  Gestalt  erscheint, 
auf  die  Art,  daß  er  nun  rund  ist,  nun  lang,  und  nun  in 
zwei  oder  drei  Teile  geteilt  und  nun  vereinigt,  und  bald 
sich  verliert  und  bald  wieder  gesehen  wird. 

Gestalt  des  Taurusgebirges 

Nicht  ist  mir,  o  Diodario,  von  dir  Faulheit  beizumessen, 
wie  deine  Vorwürfe  es  anzudeuten  scheinen;  aber  die 
übermäßige  Liebe,  welche  das  Benefiz  geschaffen  hat,  das 
ich  von  dir  besitze,  ist  jene,  so  mich  gezwungen  hat, 
mit  dem  höchsten  Eifer  zu  suchen  und  mit  Fleiß  zu  er- 
forschen den  Grund  so  großer  und  erstaunlicher  Wirkung, 
welche  Sache  nicht  ohne  Zeit  hat  ausgeführt  werden 
können.  Nun,  um  dich  wegen  des  Grundes  so  großer 
Wirkung  gut  zufrieden  zu  stellen,  ist  es  notwendig,  daß 
ich  dir  die  Form  der  Gegend  zeige,  und  dann  werde  ich 
auf  die  Wirkung  kommen,  womit,  glaube  ich,  du  befriedigt 
sein  wirst  .... 

Nicht  beklage  dich,  o  Diodario,  über  mein  Zaudern,  auf 
dein  verlangendes  Begehren  Antwort  zu  geben,  weil  diese 

224 


i 


Sachen,  über  die  du  mich  befragtest,  von  solcher  Natur 
sind,  daß  sie  nicht  ohne  Verlauf  von  Zeit  gut  ausgedrückt 
werden  können,  und  zumeist  weil,  um  den  Grund  so  gro- 
ßen Effektes  zu  zeigen,  es  nötig  ist,  in  guter  Form  die 
Natur  der  Gegend  zu  beschreiben,  und  vermittelst  dessen 
wirst  du  dann  mit  Leichtigkeit  dich  über  die  vorbesagte 
Anfrage  befriedigen. 

Ich  werde  die  Beschreibung  der  Form  Kleinasiens  zurück- 
lassen und  welche  Meere  oder  Länder  jene  seien,  so  die 
Figur  seiner  Quantität  begrenzen,  weil  ich  weiß,  daß  der 
Fleiß  und  Eifer  deiner  Studien  dich  nicht  haben  solcher 
Nachricht  beraubt  lassen,  und  nur  daran  gehen,  die 
wahre  Gestalt  des  Taurus  anzudeuten,  welche  es  ist,  so 
die  Verursacherin  des  so  verblüffenden  und  schadenbrin- 
genden Wunders  ist,  das  der  Erledigung  unseres  Vor- 
habens dient. 

Dieser  Berg  Taurus  ist  jener,  der  von  vielen  als  das  Joch 
des  Gebirges  Kaukasus  beschrieben  wird;  aber  da  ich 
mich  gut  aufklären  wollte,  habe  ich  mit  einigen  von  denen 
sprechen  wollen,  so  am  Kaspischen  Meere  wohnen,  welche 
zeigen,  daß,  obschon  ihre  Berge  den  gleichen  Namen 
tragen,  diese  von  größerer  Höhe  sind,  und  darum  bekräf- 
tigen sie,  daß  jener  der  wahre  Berg  Kaukasus  sei,  weil 
Kaukasus  in  skythischer  Sprache  höchste  Höhe  sagen  will. 
Und  in  der  Tat  gibt  es  keine  Nachricht,  daß  der  Orient, 
noch  der  Okzident,  einen  Berg  von  solcher  Höhe  habe, 
und  der  Beweis,  daß  dem  so  sei,  ist,  daß  die  Bewohner 
der  Landschaften,  so  im  Westen  von  ihm  liegen,  die 
Strahlen  der  Sonne  sehen,  welche  bis  zum  vierten  Teil 
der  längsten  Nacht  einen  Teil  seines  Gipfels  erleuchten, 
und  das  gleiche  tut  er  jenen  Landschaften,  die  von  ihm 
nach  Osten  gelegen  sind. 

Qualität  und  Quantität  des  Berges  Taurus 

Der  Schatten  des  Joches  dieses  Berges  Taurus  ist  von 

solcher  Höhe,  daß  im  halben  Juni,   wenn  die  Sonne   im 

15         Herzfeld,    Leonardo 

225 


Mittag  steht,  sein  Schatten  sich  bis  zum  Anfang  von  Sar- 
matien  erstreckt,  welches  über  zehn  Tagesreisen  ist,  und 
um  Mitte  Dezember  erstreckt  er  sich  bis  zu  den  hyper- 
boräischen  Bergen,  was  eine  Reise  von  einem  Monat 
gegen  Untergang  zu  ist;  und  immer  ist  sein  dem  Wind 
entgegengesetzter  Teil  voller  Wolken  und  Nebel,  weil  der 
Wind,  der  sich  beim  Zusammenstoß  mit  dem  Felsen  öffnet, 
nach  jenem  Felsen  sich  wieder  zusammenschließt  und 
solcherweise  die  Wolken  von  allen  Seiten  mit  sich  führt 
und  sie  bei  ihrem  Anprall  zurückläßt;  und  ist  immer 
voller  Schläge  von  Blitzen,  wegen  der  großen  Menge  von 
Wolken,  welche  dort  aufgenommen  sind,  so  daß  der  Fels 
ganz  zerschmettert  ist  und  voll  ungeheurer  Trümmer. 

Dieser  ist  an  seinen  Wurzeln  von  außerordentlich  reichen 
Völkern  bewohnt;  und  ist  voll  der  schönsten  Quellen  und 
Flüsse  und  fruchtbar  und  überfließend  von  jedem  Gut, 
und  besonders  in  den  Teilen,  die  nach  Süden  sehen; 
aber  wenn  man  etwa  drei  Meilen  gestiegen  ist,  beginnt 
man  die  Wälder  mit  hohen  Tannen,  Fichten,  Buchen  und 
anderen  ähnlichen  Bäumen  zu  finden;  nach  diesen,  in 
einem  Zwischenraum  von  wieder  drei  Meilen,  befinden 
sich  Wiesen  und  ungeheure  Weiden;  und  der  ganze  Rest, 
bis  zum  Fuße  des  Berges  Taurus  herab,  ist  ewiger  Schnee, 
der  nie,  bei  keinem  Wetter,  weggeht,  der  sich  bis  zur 
Höhe  von  etwa  vierzehn  Meilen  im  ganzen  erstreckt. 
Von  diesem  Fuß  des  Taurus  bis  zur  Höhe  einer  Meile 
vergehen  die  Wolken  nie;  denn  hier  haben  wir  fünfzehn 
Meilen,  welche  in  gerader  Linie  etwa  fünf  Meilen  Höhe 
sind,  und  ebensoviel,  oder  ungefähr,  finden  wir  den  Gipfel 
der  Hörner  des  Taurus,  auf  denen  man,  von  der  Mitte 
aufwärts,  Luft  zu  finden  beginnt,  die  durchwärmt  ist,  und 
man  spürt  dort  gar  kein  Blasen  der  Winde,  aber  keiner- 
lei Ding  vermag  dort  so  recht  zu  leben;  dort  wird  nichts 
geboren,  außer  ein  paar  Raubvögel,  die  in  den  hohen 
Spalten  des  Taurus  brüten  und  dann  unterhalb  der  Wol- 
ken  hinabsteigen,  um   auf  den  grasreichen  Bergen  ihre 

226 


Beute  zu  machen.  —  All  dies  ist  völlig  einfaches  Gestein, 
das  heißt,  über  den  Wolken,  und  ist  ganz  weißes  Gestein, 
und  auf  die  hohe  Spitze  kann  man  nicht  hinaufgehen, 
wegen  des  steilen  und  gefährlichen  Aufstiegs. 

XXIX.  MS.  CA.  FOL.  214  V. 

Nachdem  ich  dich  öfters  durch  meine  Briefe  zum  Teil- 
haber der  Sachen  gemacht,  die  hier  vorgefallen  sind,  hat 
es  mir  nicht  geschienen,  schweigen  zu  sollen  über  eine 
neue,  in  den  vergangenen  Tagen  geschehene,  welche  .  .  . 

Nachdem  ich  dich  öfters  .... 

Nachdem  ich  mich  öfters  durch  Briefe  mit  dir  deines 
gedeihenden  Glückes  gefreut  habe,  weiß  ich,  daß  du  dich 
gegenwärtig  als  Freund  mit  mir  über  den  elenden  Zustand 
betrüben  wirst,  in  dem  ich  mich  befinde,  und  das  ist,  daß 
in  den  vergangenen  Tagen  ich  in  so  viel  Sorge,  Angst, 
Gefahr  und  Schaden  gewesen  bin,  zugleich  mit  diesen 
elenden  Landleuten,  daß  wir  die  Toten  zu  beneiden  hatten; 
und  sicher,  ich  glaube  nicht,  daß,  seitdem  die  Elemente 
durch  ihre  Trennung  das  große  Chaos  auflösten,  daß  sie 
ihre  Kraft,  ja,  Wut  je  vereinigten,  um  den  Menschen  so 
viel  Schaden  anzutun,  wie  es  jetzt  von  uns  gesehen  und 
erfahren  worden  ist,  so  daß  ich  mir  nicht  vorstellen  kann, 
was  noch  vergrößern  könnte  so  viel  Übel,  als  wir  im 
Raum  von  zehn  Stunden  durchgemacht  haben. 

Zuerst  wurden  wir  vom  Ungestüm  und  der  Wut  der 
Winde  angegriffen  und  bekriegt,  und  zu  diesem  gesellten 
sich  die  Ruinen  der  großen  Berge  von  Schnee,  welche 
alle  diese  Täler  ausgefüllt  und  einen  großen  Teil  unserer 
Stadt  zertrümmert  haben.  Und  sich  damit  nicht  be- 
gnügend, mußte  ein  Sturm  mit  plötzlichen  Wasserfluten 
den  ganzen  niedrigen  Teil  dieser  Stadt  überschwemmen; 
außer  diesem  kam  noch  ein  Platzregen  dazu,  nein,  ein 
verderblicher  Orkan  voller  Wasser,  Sand,  Schlamm  und 
Steinen,  zusammengewickelt  mit  Wurzeln,  Gestrüpp  und 
Büscheln  von  verschiedenen  Pflanzen,  und  alles,  was  durch 

15* 

227 


die  Luft  eilte,  senkte  sich  herab  auf  uns;  und  zum  Über- 
fluß eine  Feuersbrunst,  die  nicht  nur  von  den  Winden 
hergeführt  schien,  sondern  von  zehntausend  Teufeln  ge- 
tragen, und  welche  diese  ganze  Gegend  abgebrannt  und 
zugrunde  gerichtet  und  noch  nicht  aufgehört  hat. 

Und  die  wenigen,  so  wir  übrig  sind,  blieben  mit  so  viel 
Bestürzung  und  solcher  Furcht  zurück,  daß  wir,  wie  blöde, 
kaum  wagen,  einer  mit  dem  andern  zu  reden.  All  unsere 
Besorgungen  im  Stiche  lassend,  halten  wir  uns  miteinander 
vereinigt  in  gewissen  Ruinen  von  Kirchen  auf,  alle  ver- 
mischt, Männer  und  Frauen,  Kleine  und  Große,  wie  Rudel 
von  Ziegen.  Die  Nachbarn,  welche  früher  unsere  Feinde 
waren,  aus  Barmherzigkeit  haben  sie  uns  mit  Nahrungs- 
mitteln Beistand  geleistet,  und  wäre  uns  damit  nicht  ge- 
holfen worden,  alle  würden  wir  vor  Hunger  gestorben  sein. 

Nun  sieh,  wie  es  uns  geht!  Und  alle  diese  Übel  sind 
nichts  im  Vergleich  zu  jenen,  die  in  kurzer  Zeit  uns  ver- 
sprochen sind. 

Ich  weiß,  daß  du  als  Freund  dich  über  mein  Unglück 
betrüben  wirst,  so  wie  bereits  ich  durch  Briefe  wirkungs- 
voll gezeigt  habe,  mich  deines  Glücks  zu  freuen. 

Bruchstück.       XXX.  MS.  CA.  FOL.  155  r. 

Man  sah  Leute,  die  mit  großem  Eifer  Lebensmittel  auf 
verschiedenen  Arten  von  Fahrzeugen  herrichteten,  die  aus 
Notwendigkeit  aufs  schnellste  gemacht  worden  .... 

Die  Glanzlichter  der  Wellen  zeigten  sich  an  jenen  Orten 
nicht,  wo  die  dunkeln  Regen  mit  ihren  Wolken  sich 
reflektierten. 

Aber  wo  die  Flammen,  erzeugt  von  den  himmlischen 
Blitzen,  sich  spiegelten,  sah  man  so  viel  Glanzlichter, 
hervorgerufen  von  den  Abbildern  ihrer  Flammen,  als 
Wellen  da  waren,  die  sie  in  die  Augen  der  Umstehenden 
zurückwerfen  konnten. 

Um  so  viel  wuchs  die  Zahl  der  Abbilder,  von  den  Flam- 
men  der  Blitze   auf  den   Wellen   des  Wassers  gemacht, 

228 


als  die  Entfernung  der  Augen  ihrer  Betrachter  wuchs,  — 
wie  bewiesen  ist  in  der  Beschreibung  vom  Leuchten  des 
Mondes. 

Und  um  so  viel  verminderte  sich  solche  Zahl  von  Ab- 
bildern, als  sie  sich  den  Augen  jener,  die  sie  sahen, 
näherten,  —  wie  bewiesen  ist  in  der  Definition  vom 
Leuchten  des  Mondes  und  unserem  Meereshorizont,  wenn 
die  Sonne  sich  dort  mit  ihren  Strahlen  reflektiert  und 
das  Auge,  so  diesen  Reflex  empfängt,  vom  besagten 
Meere  weit  wäre. 


Irgendein    Meer- 
angeheuer. 


XXXI.  MS.  CA.  FOL.  265  r, 

O  wie  oft  wurdest  du  zwischen  den  Wogen  des  ge- 
schwollenen und  großen  Ozeans  gesehen,  mit  borstigem 
und  schwarzem  Rücken,  wie  ein  Berg,  und  mit  ernster 
und  stolzer  Haltung  .... 

Und  oftmals  wurdest  du  zwischen  den  Wogen  des  ange- 
schwollenen und  großen  Ozeans  gesehen,  und  mit  stolzem 
und  ernstem  Kreisen  in  dem  Seegewässer  umtreiben.  Und 
mit  borstigem  und  schwarzem  Rücken,  einem  Berge  gleich, 
jene  besiegen  und  übertreffen  .... 

O,  wie  viele  Male  wurdest  du  innerhalb  der  Wogen  des 
angeschwollenen  und  großen  Ozeans  gesehen,  gleichwie 
ein  Berg  jene  besiegen  und  übertreffen  und  mit  borstigem 
und  schwarzem  Rücken  das  Seegewässer  furchen,  und 
mit  stolzer  und  ernster  Haltung  .... 

MS.  CA.  FOL.  71  r.     Vergänglichkeit. 

O  Zeit,  du  Verzehrerin  der  Dinge,  und  o  neidisches  Alter- 
tum, du  zerstörst  alle  Sachen!  Ihr  verzehret  alles  mit 
den  harten  Zähnen  der  Jahre,  allmählich,  allmählich,  in 
langsamem  Tode!  Helena,  als  sie  sich  im  Spiegel  besah, 
die  schlaffen  Runzeln  ihres  Gesichtes  bemerkend,  die  vom 
Alter  gemacht,  weinte  sie  und  dachte  bei  sich,  weshalb 
sie  zweimal  ein  Raub  geworden  sei. 

O  Zeit,  du  Verzehrerin  der  Dinge,  und  o  neidisches  Alter- 
tum, durch  welches  alle  Sachen  verzehrt  werden! 


229 


1!  il   IX.  ALLEGORISCHE  NATUR- 
GESCHICHTE (BESTIARIUS)   m  m 


Eine  letzte  Re- 
daktion der  im 
Mittelalter  so  be- 
liebtenBestiarien. 
Die  Quellen  des 
Leonardo  sind 
^Fiore  di  virtii^, 
„L'acerba"  von 
Cecco  d 'Ascoli 
und  die  Natur- 
geschichte des 
jüngeren  Plinius. 
Aber  sein  Stoff  ist 
der  den  meisten 
Bestiarien  ge- 
meinsame. S.Ein- 
leitung. 


77m 

i 

Y 

Ù 

1 

^ 

m>p 

i 

MS.  H.  L  FOL.  5  r. 
Liebe  zur  Tugend 

ie  Lerche  ist  ein  Vogel,  von  dem  man  sagt, 
wenn  er  vor  einen  Kranken  gebracht  werde 
und  besagter  Kranker  soll  sterben,  dieser 
Vogel  ihm  den  Kopf  von  rückwärts  zudrehe 
und  nie  ihn  anschaue,  und  wenn  der  Kranke 
davonkommen  solle,  dieser  Vogel  ihn  wieder  nicht  aus 
den  Augen  lasse  und  so  bewirke,  daß  jedes  Übel  von 
ihm  genommen  werde. 

Gleicherweise  achtet  die  Liebe  zur  Tugend  niemals 
niedriger  noch  schlechter  Sache,  sondern  gesellt  sich 
immer  nur  ehren-  und  tugendhaften  Dingen  und  nimmt 
in  den  edeln  Herzen  ihre  Heimat,  gleichwie  Vögel  in 
grünen  Wäldern  auf  blühenden  Zweigen.  Und  zeigt  mehr 
selbige  Liebe  sich  in  Widerwärtigkeit,  denn  im  Wohlge- 
deihen, indem  sie  es  macht  wie  das  Licht,  welches  um 
desto  heller  leuchtet,  je  dunkleren  Ort    es    finden    kann. 

II.  MS.  H.  L  FOL.  5.  v. 

Neid 

Vom  Geier  liest  man,  daß  er  seinen  Jungen,  wenn  er  sie 
im  Nest  zu  dick  werden  sieht,  aus  Neid  in  die  Rippen 
pickt  und  sie  ohne  Futter  hält. 

III. 

Heiterkeit 

Die  Heiterkeit  wird  dem  Hahn  zugeeignet,  der  über  jede 

kleine    Sache    sich    erfreut    und    mit    mannigfachen    und 

scherzhaften  Bewegungen  kräht. 


230 


IV. 

Traurigkeit 

Die  Traurigkeit  vergleicht  sich  mit  dem  Raben,  der,  wenn 
er  seine  neugeborenen  Kinder  weiß  erblickt,  wegen  des 
großen  Schmerzes  wegfliegt,  mit  großem  Wehklagen  sie 
verläßt  und  sie  nicht  füttert,  ehe  er  an  ihnen  zum  min- 
desten etliche  wenige  schwarze  Federn  sieht. 

V.  MS.  H .  I.  FOL.  6  r. 

Friedfertigkeit 

Vom  Biber  liest  man,  daß  er,  wenn  er  verfolgt  wird, 
wohl  wissend,  es  geschehe  um  der  Tugend  seiner  heil- 
kräftigen Testikeln  willen,  er,  sobald  er  nicht  mehr  fliehen 
kann,  stehen  bleibt  und,  um  vor  den  Jägern  Frieden  zu 
haben,  mit  seinen  schneidenden  Zähnen  sich  die  Testikeln 
abbeißt  und  sie  seinen  Feinden  überläßt. 

VI. 

Zorn 

Vom  Bären  heißt  es,  daß,  wenn  er  zu  den  Häusern  der 
Bienen  geht,  um  ihnen  den  Honig  wegzunehmen,  selbige 
Bienen  ihn  zu  stechen  beginnen,  worauf  er  den  Honig 
läßt  und  zur  Rache  läuft,  und  da  er  sich  an  allen,  die 
ihn  beißen,  rächen  will,  so  rächt  er  sich  an  keinem,  in 
solcher  Weise,  daß  sein  Zorn  sich  in  Raserei  verkehrt, 
er  sich  auf  den  Boden  wirft  und,  mit  Händen  und  Füßen 
sie  nur  reizend,  sich  vergeblich  gegen  sie  verteidigt. 

VII.  MS.  H.  I.  FOL.  6  V. 

Dankbarkeit 

Die  Tugend  der  Dankbarkeit  soll  besonders  in  dem 
Vogel,  genannt  Wiedehopf,  vorhanden  sein,  welcher,  da 
er  die  von  Vater  und  Mutter  empfangene  Wohltat  des 
Lebens  und  der  Ernährung  erkennt,  wenn  er  jene  alt 
sieht,  ihnen  ein  Nest  macht  und  sie  hegt  und  sie  füttert 
und  ihnen  mit  dem  Schnabel  die  alten  und  schlechten 
Federn    entfernt    und    mit    Hilfe    gewisser    Kräuter    das 

231 


Gesicht  wiedergibt,  so  daß  sie  zu  neuem  Wohlgedeihen 
kommen. 

VIII. 

Geiz 

Die  Kröte  nährt  sich  von  Erde  und  immer  bleibt  sie 
mager,  weil  sie  nie  sich  sättigt;  so  groß  ist  die  Angst, 
daß  diese  Erde  ihr  einmal  mangeln  könne. 

IX.  MS.  H.  I.  FOL.  7  r. 

Undankbarkeit 

Die  Tauben  werden  der  Undankbarkeit  verglichen;  denn 
sind  sie  in  dem  Alter,  daß  sie  nicht  mehr  gefüttert  zu 
werden  brauchen,  so  beginnen  sie  mit  dem  Vater  zu 
kämpfen,  und  nicht  endet  dieser  Kampf,  ehe  sie  den  Vater 
hinausgejagt  und  ihm  seine  Frau  genommen  haben,  indem 
sie  sie  zu  der  ihrigen  machen. 

X. 

Grausamkeit 

Der  Basilisk  ist  von  solcher  Grausamkeit,  daß,  wenn  er 
mit  seinem  giftigen  Blick  nicht  Tiere  töten  kann,  er  sich 
den  Gräsern  oder  Kräutern  zuwendet  und,  seinen  Blick 
auf  sie  heftend,  er  sie  verdorren  macht. 

XL  •    MS.  H.  LF0L.7V. 

Freigebigkeit 

Vom  Adler  sagt  man,  er  habe  nie  so  großen  Hunger, 
daß  er  nicht  einen  Teil  seiner  Beute  jenen  Vöglein  übrig 
lasse,  die  um  ihn  sind;  da  diese  sich  nicht  selbst  er- 
nähren können,  ist  es  notwendig,  daß  sie  die  Begleiter 
des  Adlers  seien;  denn  so  finden  sie  ihr  Brot. 

XIL 

Züchtigung 

Wenn  der  Wolf  mit  Vorsicht  irgendeinen  Stall  mit  Vieh 
umschleicht  und  durch  Zufall  er  den  einen  Fuß  fehlsetzt, 

232 


\so   daß   er  Lärm  macht,   so  beißt  er  sich  ins  Bein,  um 
sich  für  ein  solches  Versehen  selbst  zu  züchtigen. 

XIII.  MS.  H.  I.  FOL.  8  r. 

Schmeichelei  oder  Lobhudelei 
Die  Sirene  singt  so  süß,  daß  sie  die  Schiffer  in  Schlummer 
lullt,  und  sie  steigt  auf  das  Fahrzeug  und  tötet  die  Ein- 
geschläferten. 

XIV. 

Vorsicht 

Die  Ameise,  auf  Rat  ihrer  Natur,  versieht  sich  im  Sommer 
für  den  Winter,  indem  sie  das  eingesammelte  Saatkorn 
tötet,  damit  es  nicht  wieder  keime,  und  von  diesem,  wenn 
die  Zeit  kommt,  nährt  sie  sich. 

XV. 

Tollheit 

Der  wilde  Stier  hat  auf  die  rote  Farbe  seinen  Haß  (ge- 
worfen), deshalb  bekleiden  die  Jäger  den  Stamm  eines 
Baumes  mit  Rot;  jener  Stier  berennt  den  Stamm  und  mit 
großer  Wut  nagelt  er  seine  Hörner  hinein,  worauf  die 
Jäger  ihn  töten. 

XVI.  MS.  H.  I.  FOL.  8  v. 

Gerechtigkeit 

Man  kann  die  Tugend  der  Gerechtigkeit  dem  König  der 
Bienen  vergleichen,  der  jede  Sache  mit  Vernunft  anordnet 
und  zuteilt,  indem  einige  Bienen  hinbefohlen  werden,  nach 
Blumen  auszugehen,  andere  beauftragt  werden,  zu  arbeiten, 
andere,  mit  den  Wespen  zu  kämpfen,  andere,  den  Un- 
rat wegzuschaffen,  andere,  ihren  König  zu  begleiten  und 
zu  umgeben;  und  wenn  er  alt  ist  und  ohne  Flügel,  tragen 
sie  ihn,  und  wenn  eine  von  ihnen  ihren  Dienst  versäumt, 
wird  sie  ohne  Gnade  bestraft. 

XVII. 

Wahrheit 

Obwohl  die  Schnepfen  eine  der  anderen  die  Eier  stehlen, 

233 


so  kehren  doch  die  Kinder,  die  aus  diesen  Eiern  geboren 
sind,  immer  zu  ihrer  wahren  Mutter  zurück. 

XVIII.  MS.  H.  I.  FOL.  9  r. 

Treue  oder  Hingebung 

Die  Kraniche  sind  ihrem  Könige  so  treu  und  ergeben, 
daß  bei  Nacht,  wenn  er  schläft,  einige  auf  die  Wiese 
ringsum  gehen,  um  in  der  Entfernung  zu  wachen;  andere 
von  ihnen  stehen  in  der  Nähe  und  halten  jeder  einen 
Stein  in  der  Pratze,  damit,  wenn  der  Schlaf  sie  besiegte, 
dieser  Stein  herabfiele  und  solchen  Lärm  machte,  daß  sie 
davon  wieder  aufwachen  würden;  andere  gibt  es,  die  mit- 
einander rings  um  den  König  schlafen,  und  das  tun  sie 
jede  Nacht,  abwechselnd,  damit  ihr  König  ihnen  erhalten 
bleibe. 

XIX. 

Falschheit 

Der  Fuchs,  wenn  er  einen  Schwärm  von  Elstern,  Krähen 
oder  ähnlichen  Vögeln  erblickt,  wirft  sich  augenblicklich 
auf  den  Boden,  so  daß  mit  dem  offenen  Maul  er  tot 
scheint.  Jene  Vögel  wollen  ihm  die  Zunge  herauspicken, 
und  er  reißt  ihnen  den  Kopf  ab. 

XX.  MS.  H.  I.  FOL.  9  v. 

Lüge 

Der  Maulwurf  hat  sehr  kleine  Augen  und  bleibt  immer 
unter  der  Erde,  und  so  lange  lebt  er,  als  er  verborgen 
bleibt;  sobald  er  ans  Licht  kommt,  stirbt  er  sofort,  weil 
er  andern  offenbar  wird.  —  Also  die  Lüge. 

XXI. 

Kraft 

Der  Löwe  hat  nie  Angst,  sondern  kämpft  starken  Mutes 
in  wilder  Schlacht  gegen  die  Menge  der  Jäger,  indem  er 
stets  den  anzugreifen  sucht,  der  ihn  zuerst  angegriffen 
hat. 


234 


XXII. 

Furcht  oder  Feigheit 

Der  Hase  fürchtet  immer,  und  die  Blätter,  so  im  Herbst 
von  den  Bäumen  fallen,  halten  ihn  stets  in  Angst  und 
zumeist  in  Flucht. 

XXIII.  MS.  H.  I.  FOL.  10  r. 

Großherzigkeit 

Der  Falke  jagt  nicht,  außer  auf  große  Vögel,  und  eher 
ließe  er  sich  sterben,  ehe  er  sich  von  kleinen  nährte, 
oder  daß  er  faules  Fleisch  fräße. 

XXIV. 

Ruhmsucht 

Diesem  Laster,  liest  man,  ist  der  Pfau  mehr  als  jedes 
andere  Tier  unterworfen,  weil  er  immerfort  die  Schönheit 
seines  Schweifes  beschaut,  in  Form  eines  Rades  ihn  aus- 
breitet und  durch  sein  Geschrei  den  Blick  der  Tiere  in 
der  Umgebung  auf  sich  zieht. 

Und   dies  ist  das  letzte  Laster,  so  man  besiegen  kann. 

XXV.  MS.  H.  I.  FOL.  10  v. 

Beständigkeit 

Der  Beständigkeit  vergleicht  sich  der  Phönix,  der  sich 
von  Natur  aus  seine  Erneuerung  vorsetzt  und  standhaft 
die  siedend  heißen  Flammen  aushält,  so  ihn  verzehren 
und  aus  denen  er  hernach  neu  geboren  wird. 

XXVI. 

Unbeständigkeit 

Die  Schwalbe  setzt  man  für  die  Unbeständigkeit,  weil 
sie  immer  in  Bewegung  ist,  um  nicht  die  geringste  Un- 
bequemlichkeit zu  ertragen. 

XXVII. 

Enthaltsamkeit 

Das  Kamel  ist  das  geilste  aller  Tiere,  das  es  gibt,  und 
es    ginge    tausend  Meilen   hinter   einem    Kamelweibchen 

235 


her;  doch  wenn  es  auch  beständig  mit  seiner  Mutter  oder 
seinen  Schwestern  beisammen  wäre,  nie  berührt  es  sie; 
so  gut  weiß  es  sich  zu  beherrschen. 

XXVIII.  MS.  H.I.FOL.  11  r. 

Unmäßigkeit 

Das  Einhorn,  wegen  seiner  Unmäßigkeit  und  Unfähigkeit, 
sich  beherrschen  zu  können,  —  im  Entzücken,  das  es 
an  Jungfrauen  findet,  vergißt  es  seine  Scheu  und  Wild- 
heit; jeden  Verdacht  beiseite  stellend,  geht  es  zum 
sitzenden  Mädchen  (donzella)  hin  und  schläft  auf  ihrem 
Schöße  ein;  und  die  Jäger,  auf  solche  Art  fangen  sie  es. 

XXIX. 

Demütigkeit 

Von  der  Demütigkeit  sieht  man  den  hauptsächlichsten 
Beweis  beim  Schaf,  das  sich  jedem  Tier  unterwirft;  und 
wenn  man  sie  (Schafe)  eingekerkerten  Löwen  zur  Speise 
gibt,  so  unterwerfen  sie  sich  diesen  wie  der  eigenen 
Mutter,  so  daß,  wie  man  oft  gesehen  hat,  die  Löwen  sie 
gar  nicht  töten  wollten. 

XXX.  MS.  H.I.FOL.  11  V. 

Stolz 

Der  Falke  in  seinem  Hochmut  und  Stolz  will  alle  andern 
Vögel  beherrschen  und  übertreffen,  die  auf  Raub  aus- 
gehen, und  begehrt  immer  allein  zu  sein,  und  oft  hat  man 
den  Falken  den  Adler  angreifen  gesehen,  den  König  der 
Vögel. 

XXXI. 

Enthaltsamkeit 

Der  wilde  Esel,  wenn  er  zur  Quelle  geht,  um  zu  trinken, 
und  das  Wasser  getrübt  findet,  wird  niemals  so  großen 
Durst  haben,  daß  er  des  Trinkens  sich  nicht  enthielte 
und  wartete,  bis  das  Wasser  klar  wird. 


236 


XXXII. 

Gefräßigkeit 

Der  Geier  ist  seinem  Schlund  so  unterworfen,  daß  er 
tausend  Meilen  ginge,  um  von  einer  Leiche  zu  fressen, 
und  darum  folgt  er  den  Heeren. 

XXXIII.  MS.  H.  I.  FOL.  12  r. 

Keuschheit 

Die  Turteltaube  vergeht  sich  nie  wider  ihren  Gefährten, 

und  wenn  eines  von  ihnen  stirbt,  beobachtet  das  andere 

ewige  Keuschheit   und   setzt   sich  nie    auf  einen  grünen 

Zweig  und  trinkt  nie  mehr  klares  Wasser. 

XXXIV. 

Unkeuschheit 

Die  Fledermaus  in  ihrer  zügellosen  Unkeuschheit  beob- 
achtet keine  allgemeine  Regel  der  Lust,  sondern  Männ- 
chen mit  Männchen,  Weibchen  und  Weibchen,  wie  sie 
durch  Zufall  beisammen  sind,  begatten  sich. 

XXXV. 

Mäßigkeit 

Das  Hermelin  in  seiner  Mäßigkeit  ißt  nicht  mehr  als 
einmal  im  Tag,  und  eher  läßt  es  sich  von  den  Jägern 
fangen,  als  es  in  eine  schmutzige  Höhle  flöhe,  nur  um 
seine  Lieblichkeit  nicht  zu  beflecken. 

XXXVI.  MS.  H.  I.  FOL.  12  v. 

Adler 

Der  Adler,  wenn  er  alt  ist,  fliegt  so  hoch  hinauf,  daß 
er  seine  Federn  versengt,  und  die  Natur  willigt  ein,  daß 
er  sich  in  Jugend  erneuere,  wenn  er  in  seichtes  Wasser 
fällt.  Und  wenn  seine  Jungen  den  Anblick  der  Sonne 
nicht  aushalten,  füttert  er  sie  nicht.  Daß  kein  Vogel, 
der  nicht  sterben  will,  sich  seinem  Neste  nähere!  Die 
Tiere,  wie  sehr  sie  ihn  auch  fürchten,  er  schädigt  sie 
nicht;  immer  läßt  er  ihnen  von  seiner  Beute  übrig. 

237 


XXXVII. 

Lumerpa  —  Ruhm 

Dieser  Vogel  wird  in  Vorderasien  geboren  und  leuchtet 
so  stark,  daß  er  seine  eigenen  Schatten  aufzehrt,  und 
auch  sterbend  verliert  er  nicht  dieses  Licht,  und  seine 
Federn  fallen  niemals  aus,  und  die  Feder,  die  man  von 
ihm  abtrennt,  leuchtet  nicht  mehr. 

XXXVIII.  MS.  H.  I.  FOL.  13  r. 

Der  Pelikan 

Dieser  hegt  große  Liebe  für  seine  Jungen,  und  wenn 
er  sie  im  Neste  von  einer  Schlange  getötet  findet,  sticht 
er  sich  gleichfalls  ins  Herz,  und  indem  er  sie  mit  seinem 
strömenden  Blute  badet,  bringt  er  sie  zum  Leben  zurück. 

XXXIX. 

Der  Salamander 

Der  Salamander  verfeinert  im  Feuer  seine 
Schale:  —  gilt  für  die  Tugend. 

Er  hat  keine  leidensfähigen  Glieder  und  kümmert  sich 
um  keine  andere  Speise  als  Feuer,  und  häufig  erneuert 
er  in  diesem  seine  Schale. 

XL. 

Chamäleon 

Dieses  lebt  von  der  Luft  und  in  dieser  ist  es  allen 
Vögeln  unterworfen;  und  um  mehr  Sicherheit  zu  haben, 
fliegt  es  über  die  Wolken  und  findet  so  dünne  Luft,  daß 
sie  den  Vogel  nicht  trägt,  der  ihm  etwa  folgte.  —  In 
diese  Höhe  erhebt  sich  nicht,  außer,  wem  es  vom 
Himmel  verliehen  ist,  —  das  heißt,  dorthin  nicht,  wo 
das  Chamäleon  noch  fliegt. 

XLL  MS.  H.  LFOL.  13v. 

Der  Fisch  Alep 

Der  Alep  lebt  nicht  außerhalb  des  Wassers. 
238 


XLII. 

Der  Strauß 

Dieser  verwandelt  sich  Eisen  in  Speise;  brütet  Eier 
mittels  des  Blickes  aus.  Gilt  für  die  Waffen,  Nah- 
rung der  Kapitäne. 

XLIII. 

Der  Schwan 

Der  Schwan  ist  weiß,  ohne  irgendwelchen  Makel,  und 
singt  süß,  indem  er  stirbt,  welches  Singen  sein  Leben 
endet. 

XLIV. 

Storch 

Dieser  vertreibt  von  sich  das  Übel,  indem  er  Salzwasser 
trinkt.  Wenn  er  seine  Gefährtin  schuldig  findet,  verläßt 
er  sie,  und  wenn  er  alt  ist,  hegen  und  nähren  ihn  seine 
Kinder,  bis  er  stirbt. 

XLV.  MS.  H.  I.  FOL.  14  r. 

Die  Zikade 

Diese,  durch  ihren  Gesang,  macht  den  Kuckuck  schweigen, 
stirbt  im  Öl  und  wird  im  Essig  wieder  lebendig,  singt 
während  der  glühenden  Hitzen. 

XLVL 

Die  Fledermaus 

Diese,  je  mehr  Licht  vorhanden,  um  so  weniger  sieht 
sie,  und  je  mehr  sie  die  Sonne  anschaut,  um  so  blinder 
wird  sie  :  gilt  für  das  Laster,  das  es  dort  nicht  aushält, 
wo  die  Tugend  wohnt. 

XLVIL 

Das  Rebhuhn 

Dieses  verwandelt  sich  aus  einem  Weibchen  in  ein 
Männchen  und  vergißt  sein  früheres  Geschlecht,  und 
entwendet  aus  Neid  anderen  die  Eier  und  brütet  sie  aus; 
aber  die  Jungen  folgen  ihrer  wahren  Mutter. 

239 


XLVIII. 

Die  Schwalbe 

Diese,  mittels  Chelidonia,  gibt  ihren  blindgeborenen 
Kindern  das  Augenlicht. 

XLIX.  MS.  H.I.FOL.  14  V. 

Die  Auster  —  gilt  für  Verräterei 

Diese,  wenn  der  Mond  voll  ist,  öffnet  sich  gänzlich, 
und  wenn  die  Krabbe  es  bemerkt,  wirft  sie  ihr  irgend- 
welchen Stein  oder  Splitter  hinein,  und  diese  kann  sich 
nicht  mehr  einsperren,  wodurch  sie  die  Speise  jener 
Krabbe  wird:  so  geschieht  es  dem  Mund,  der  sein  Ge- 
heimnis sagt,  daß  er  dem  indiskreten  Hörer  zur  Beute 
wird. 

L. 

Der  Basilisk  —  Grausamkeit 

Dieser  wird  von  allen  Schlangen  geflohen  ;  das  Wiesel, 
vermittelst  der  Raute,  kämpft  mit  ihm  und  tötet  ihn  so.  — 
Raute  für  die  Tugend. 

LI. 

Die  Viper 

Diese  trägt  plötzlichen  Tod  in  ihren  Zähnen,  und  um 
keine  Zauberweisen  zu  hören,  verstopft  sie  sich  mit  dem 
Schweif  die  Ohren. 

LIL  MS.  H.  I.  FOL.  15  r. 

Der  Drache 

Dieser  umwindet  dem  Elefanten  die  Füße,  und  dieser 
fällt  ihm  auf  den  Rücken,  und  der  eine  und  der  andere 
stirbt,  und  sterbend  übt  er  seine  Rache. 

LUX. 

Die  Kreuzotter 

Diese,  bei  der  Paarung,  Öffnet  den  Mund  und  preßt  am 
Schluß    die  Zähne   zusammen  und  tötet  den  Gatten;   die 


240 


Kinder  hierauf,   die   in  ihrem  Leib  gewachsen,  zerreißen 
den  Bauch  und  bringen  die  Mutter  um. 

LIV. 

Der  Skorpion 

Speichel,  nüchtern  auf  selbigen  Skorpion  gespuckt,  tötet 
ihn,  im  Gleichnis  der  Enthaltsamkeit  des  Gaumens,  so 
die  Krankheiten  hinwegnimmt  und  tötet,  die  von  besagtem 
Gaumen  abhängen,  und  den  Tugenden  eine  Straße  öffnet. 

LV.  MS.  H.  I.  FOL.  17  r. 

Das  Krokodil  —  Heuchelei 
Dieses  Tier  fängt  den  Menschen  und  tötet  ihn  sogleich. 
Nachdem  es  ihn  umgebracht,  mit  klagender  Stimme  und 
mit  vielen  Tränen  beweint  es  ihn,  und  wenn  es  die  Klage 
beendet  hat,  verzehrt  es  ihn  grausam:  so  tut  der  Heuch- 
ler, der  um  jede  kleine  Sache  sein  Gesicht  mit  Tränen 
füllt  und  im  Herzen  den  Tiger  zeigt,  indem  er  sich  in 
seinem  Inneren  des  Übels  anderer  mit  mitleidsvollem 
Antlitz  freut. 

LVI. 

Die  Kröte 

Die  Kröte  flieht  das  Licht  der  Sonne,  und  wenn  sie 
dennoch  mit  Gewalt  festgehalten  wird,  bläht  sie  sich  so, 
daß  sie  den  Kopf  unten  versteckt  und  sich  selbigen 
Strahlen  entzieht.  Also  macht  auch,  wer  ein  Feind  der 
hellen  und  leuchtenden  Tugend  ist,  der  nicht  anders  als 
mit  aufgebauschtem  Mute,  gezwungen  ihr  steht. 

LVn.  MS.  H.  1.  FOL.  17  V.      .R.'f?f  Allegorie 

_^  .        _,  durfte  ohne  alte- 

DieKaupe  res   VorbUd  sein. 

Von  der  Tugend  im  allgemeinen. 

Die  Raupe  mit  ihrem  ausgeübten  Studium,  voll  wunder- 
barer Kunstfertigkeit  und  zartester  Arbeit  um  sich  herum 
ihr  neues  Haus  zu  weben,  kommt  dann  aus  diesem  mit 
bemalten  und  schönen  Flügeln  heraus  und  schwingt  sich 
mit  ihnen  zum  Himmel  auf. 

16        Herzfeld,   Leonardo 

241 


Desgleichen.        LVIII. 

Die  Spinne 
Die  Spinne  gebiert  aus  sich  die  künstliche  und  meister- 
hafte Leinwand,  so  ihr  zum  Gewinn  die  gefangene  Beute 
abgibt. 

LIX.  MS.  H.  I.  FOL.  18  r. 

Der  Löwe 

Dieses  Tier  mit  seinem  donnerartigen  Ruf  weckt  seine 
Jungen  am  dritten  Tag  nach  ihrer  Geburt  und  belehrt 
all  ihre  schlummernden  Sinne:  und  alle  die  wilden  Tiere, 
so  sich  im  Wald  befinden,  fliehen. 

Läßt  sich  den  Kindern  der  Tugend  vergleichen,  welche  durch 
den  Ruf  der  Lobpreisungen  aufwachen  und  die  ehren- 
bringenden Studien  fördern,  durch  die  sie  immer  höher 
gehoben  werden.  Und  alle  Schlechten  fliehen  bei  diesem 
Ruf,  indem  sie  sich  von  den  Tugendhaften  scheiden. 

Ferner,  der  Löwe  deckt  seine  Fußstapfen  zu,  damit  seine 
Wanderung  von  den  Feinden  nicht  erraten  werde.  Dies 
steht  dem  Befehlshaber  gut,  die  Geheimnisse  seines  In- 
neren zu  verbergen,  auf  daß  die  Feinde  seine  Züge  nicht 
kennen. 

LX.  MS.  H.  l.  FOL.  18  v. 

Die  Tarantel 

Der  Biß  der  Tarantel  erhält  den  Menschen  bei  seinem 
Vorsatz,  das  ist,  bei  dem,  was  er  erwog,  als  er  gestochen 
wurde. 

LXL 

Die  Ohreule  oder  das  Käuzchen 

Diese  strafen,  so  mit  ihnen  fechten,  indem  sie  sie  des 
Augenlichts  berauben  ;  denn  so  ist  es  von  der  Natur  ein- 
gerichtet, damit  sie  sich  ernähren. 

LXn.  MS.  H.  LFOL.  19r. 

Der  Elefant 

Der  große  Elefant  hat  von   Natur  aus,  was   selten  bei 

Menschen  sich  findet,  nämlich  Ehrlichkeit,  Klugheit,  Billig- 

242 


keit  und  Beobachtung  der  Religion;  denn  sobald  der 
Mond  sich  erneut,  gehen  selbige  (Elefanten)  zum  Flusse 
und,  hier  sich  reinigend,  waschen  sie  sich  feierlich,  und 
indem  sie  so  den  Planeten  begrüßt  haben,  kehren  sie  in 
die  Wälder  zurück.  Und  wenn  sie  krank  sind,  auf  dem 
Rücken  liegend,  werfen  sie  Gras  gegen  Himmel,  wie  als 
wollten  sie  opfern.  Vergräbt  seine  Zähne,  wenn  sie  vor 
Alter  ihm  ausfallen.  Von  diesen  seinen  Zähnen  richtet 
er  den  einen  her,  um  Wurzeln  auszugraben,  von  denen 
er  sich  nährt;  dem  anderen  bewahrt  er  die  Spitze,  um 
zu  kämpfen.  Wenn  sie  von  Jägern  überwunden  sind,  und 
die  Müdigkeit  sie  besiegt,  stoßen  sich  die  Elefanten  die 
Zähne  ein,  und  indem  sie  sie  herausreißen,  kaufen  sie 
sich  mit  ihnen  los. 

MS.  H.  I.  FOL.  19  V. 

Sie  sind  barmherzig  und  kennen  die  Gefahren,  und 
wenn  einer  den  Menschen  allein  und  verirrt  antrifft, 
bringt  er  ihn  gefällig  auf  die  verlorene  Straße  zurück; 
wenn  er  die  Fußspur  des  Menschen  findet,  ehe  er  den 
Menschen  selbst  sieht,  fürchtet  er  Verrat,  daher  er  stehen 
bleibt  und  bläst,  indem  er  selbiges  den  anderen  Elefanten 
zeigt,  und  sie  bilden  eine  Schar  und  gehen  mit  Vorsicht. 

Sie  gehen  immer  scharenweise,  und  der  älteste  geht 
voran,  und  der  nächste  im  Alter  bleibt  als  letzter  und  so 
führen  sie  die  Schar.  Sie  fürchten  die  Schande;  sie 
paaren  sich  nicht  außer  bei  Nacht  im  Verborgenen  und 
kehren  nachher  nicht  zur  Herde  zurück,  wenn  sie  nicht 
vorher  sich  im  Flusse  gewaschen  haben;  sie  kämpfen 
mit  den  Weibchen  nicht  wie  andere  Tiere.  Sind  so 
barmherzig,  daß  sie  von  Natur  aus  jenen  ungern  Schaden 
zufügen,  so  weniger  stark  sind  als  sie  selbst,  und  wenn 
einer  auf  seinem  Wege  Haufen  und  Herden  von  Schafen 

antrifft, 

MS.  H.I.FOL.  20  r. 
so  schiebt  er  sie  mit  seinem  Rüssel  beiseite,  um  sie  mit 
den  Füßen  nicht  zu  zertreten;  auch  schädigt  er  nie,  außer 

16« 

243 


sie  werden  herausgefordert.  Wenn  sie  in  den  Graben 
gefallen  sind,  füllen  die  anderen  mit  Zweigen,  Erde  und 
Steinen  den  Graben  aus,  heben  derart  den  Boden,  daß 
sie  leicht  wieder  frei  werden.  Sie  fürchten  sehr  das 
Geschrei  der  Schweine  und  fliehen  nach  rückwärts  und 
richten  dann  mit  ihren  Füßen  unter  den  Ihrigen  nicht 
weniger  Schaden  an  als  unter  den  Feinden.  Sie  haben 
große  Freude  an  den  Flüssen  und  streichen  immer  um 
diese  herum,  und  wegen  ihres  großen  Gewichtes  können 
sie  nicht  schwimmen;  sie  verzehren  die  Steine,  und 
Stämme  von  Bäumen  sind  ihnen  willkommenste  Speise. 
Sie  hassen  die  Ratten.  Die  Fliegen  lieben  ihren  Geruch, 
und  wenn  sie  sich  ihnen  auf  den  Rücken  setzen,  runzelt 
der  Elefant  seine  Haut,  und  zwischen  den  zusammen- 
gepreßten Falten  tötet  er  sie. 

MS.  H.I.FOL.  20  V. 
Wenn  die  Elefanten  die  Flüsse  überschreiten,  schicken 
sie  die  Jungen  gegen  den  Fall  des  Wassers,  und  indem 
sie  dem  Abhang  zugekehrt  sind,  brechen  sie  die  Einheit 
im  Lauf  des  Wassers,  auf  daß  die  Strömung  sie  nicht 
mitführe  ;  der  Drache  wirft  sich  ihm  unter  den  Leib,  mit 
dem  Schweif  verknüpft  er  ihm  die  Beine  und  mit  den 
Flügeln  und  den  Krallen  umspannt  er  ihm  die  Rippen 
und  mit  den  Zähnen  zerbeißt  er  ihm  die  Kehle;  der 
Elefant  fällt  auf  ihn  und  der  Drache  zerplatzt,  und 
so,  vermittelst  seines  Todes,  rächt  er  sich  an  seinem 
Feind. 

LXIII. 

Der  Drache 

Diese  gesellen  sich  einander  und  verflechten  sich  so 
wie  Wurzeln  und,  den  Kopf  hochgehoben,  überqueren  sie 
die  Sümpfe  und  schwimmen  dorthin,  wo  sie  besseres 
Futter  finden,  und    wenn   sie    sich  nicht  so  vereinigten, 

MS.  H.  h  FOL.  21  r. 
würden  sie  ertrinken.     Dies  macht  die  Eintracht. 


244 


LXIV. 

Der  Lindwurm 

Der  Lindwurm,  ein  sehr  großes  Tier,  wenn  es  irgend- 
einen Vogel  in  der  Luft  sieht,  zieht  es  so  stark  den 
Atem  in  sich,  daß  es  die  Vögel  in  den  Mund  zieht. 
Marcus  Regulus,  der  Konsul  des  römischen  Heeres, 
wurde  mit  seiner  Armee  von  solch  einem  Tiere  angegriffen 
und  fast  vernichtet.  Welches  Tier,  von  einer  Belagerungs- 
maschine umgebracht,  123  Fuß  lang  gemessen  wurde, 
das  ist  64  Ellen  und  einhalb.  Erhob  sich  mit  dem  Kopf 
über  alle  Stämme  eines  Waldes. 

LXV. 

Die  Boa 

Dies  ist  eine  große  Natter,  die  mit  sich  selbst  die  Füße 
der  Kuh  umwickelt,  so  daß  sie  sich  nicht  rührt;  melkt 
sie  hierauf  derartig,  daß  sie  sie  fast  austrocknet.  Von 
dieser  Gattung  wurde  zur  Zeit  des  Kaisers  Claudius  auf 
dem  Mons  Vaticanus  eine  getötet, 

MS.  H.  I.  FOL.  21  V. 
die  ein  ganzes  Kind  im  Leibe  hatte,  so  sie  hinabge- 
schlungen. 

LXVL 

Das  Elentier  wird  im  Schlaf  gefaßt 

Dies  Tier  wird  auf  der  Insel  Skandinavia  geboren,  hat 
die  Form  eines  großen  Pferdes,  außer  daß  davon  die 
große  Länge  des  Halses  und  der  Ohren  abweichen;  es 
weidet  im  Gras  nach  rückwärts,  weil  es  die  Oberlippe 
so  lang  hat,  daß  sie,  wenn  es  nach  vorn  hin  weidete,  das 
Gras  zudecken  würde.  Es  hat  die  Beine  aus  einem  Stück; 
deshalb,  wenn  es  schlafen  will,  lehnt  es  sich  an  einen 
Baum,  und  die  Jäger,  den  gewohnten  Platz  zu  schlafen 
vorhersehend,  sägen  fast  den  ganzen  Stamm  durch,  und 
wenn  es  sich  dann  im  Schlafen  anlehnt,  fällt  es  durch 
seinen  Schlaf  um;   die  Jäger  fangen  es  dann,  und   jede 

245 


andere  Art,  es  zu  fangen,  ist  vergeblich,  weil  es  von  un- 
glaublicher Geschwindigkeit  im  Laufen  ist. 

LXVII.  MS.  H.  I.  FOL.  22  r. 

Der  Bison  schadet  durch  die  Flucht 
Dieser  wird  in  Pannonien  geboren,  hat  einen  Hals  mit 
Mähne  wie  das  Pferd;  in  allen  anderen  Teilen  ist  er 
dem  Stiere  ähnlich,  außer  daß  seine  HÖrner  auf  solche 
Art  nach  rückwärts  gebogen  sind,  daß  er  nicht  stoßen 
kann,  und  deshalb  hat  er  keinen  anderen  Ausweg  als  die 
Flucht,  in  welcher  er  Unrat  im  Kreis  von  400  Ellen 
seines  Laufes  schleudert:  der,  wo  er  ankommt,  so  wie 
Feuer  brennt. 

LXVIIL 

Löwen,  Pardel,  Panther,  Tiger 

Diese  halten  ihre  Klauen  in  der  Scheide  und  entblößen 
sie  nie,  außer  wider  die  Beute  oder  den  Feind. 

LXIX. 

Die  Löwin 

Wenn  die  Löwin  ihre  Jungen  gegen  die  Hände  der  Jäger 
verteidigt,  senkt  sie,  um  vor  den  Speeren  nicht  zu  er- 
schrecken, die  Augen  zu  Boden,  auf  daß  nicht,  infolge 
ihrer  Flucht,  ihre  Kinder  Gefangene  würden. 

LXX.  MS.  H.  l.  FOL.  22  v. 

Der  Löwe 

Dieses  so  furchtbare  Tier  fürchtet  nichts  so  sehr  wie 
das  Gerassel  leerer  Karren  und  gleicherweise  das  Lied 
des  Hahnes;  er  fürchtet  auch  sehr  dessen  Anblick  und 
mit  ängstlichen  Mienen  betrachtet  er  seinen  Kamm  und 
wird  sehr  verzagt,  wenn  man  ihm  das  Antlitz  zudeckt. 

LXXI. 

Der  Panther  in  Afrika 

Er  hat  die  Gestalt  einer  Löwin,  aber  höhere  Beine  und 
ist   geschmeidiger    und    länger    und    ganz   weiß    und    mit 

246 


schwarzen  Flecken  von  Art  der  Rosetten  getupft:  das  ge- 
fallt allen  Tieren  anzusehen,  und  immer  würden  sie  um 
ihn  herum  bleiben,  wenn  nicht  die  Schrecklichkeit  seines 
Gesichtes  wäre, 

MS.  H.  I.  FOL.  23  r. 
weshalb  er  auch,  dies  wissend,  sein  Gesicht  verbirgt; 
und  die  Tiere  ringsum  beruhigen  sich  und  kommen  nahe 
heran,  um  so  viel  Schönheit  besser  genießen  zu  können, 
worauf  dieser  sofort  den  nächsten  ergreift  und  ihn  gleich 
verzehrt. 

LXXII. 

Kamele 

Die  von  Baktrien  haben  zwei  Höcker,  die  arabischen 
einen;  sind  behend  in  der  Schlacht  und  äußerst  nützlich 
beim  Tragen  von  Lasten.  Dies  Tier  ist  höchst  genau  in 
Beachtung  von  Regel  und  Maß,  denn  es  rührt  sich  nicht, 
wenn  es  mehr  Lasten  hat  als  das  Gewohnte,  und  wenn 
es  mehr  Weg  machen  soll,  tut  es  dasselbe;  sofort  bleibt 
es  stehen,  wodurch  es  die  Kaufleute  zwingt,  sich  aufzu- 
halten. 

LXXIIL  MS.  H.  I.  FOL.  23  v. 

Der  Tiger 

Dieser  wird  in  Hyrkanien  geboren,  ist  ein  wenig  dem 
Panther  ähnlich,  durch  die  verschiedenen  Flecken  seines 
Fells,  und  ist  ein  Tier  von  furchtbarer  Geschwindigkeit. 
Der  Jäger,  wenn  er  dessen  Junge  findet,  raubt  sie,  indem 
er  rasch  Spiegel  an  den  Ort  legt,  wo  er  sie  wegnimmt, 
und  gleich,  auf  hurtigem  Rosse,  flieht  er.  Der  Tiger, 
heimkehrend,  findet  die  Spiegel  auf  dem  Boden,  in  denen, 
während  er  sich  selbst  sieht,  er  seine  Kinder  zu  sehen 
wähnt,  und  mit  den  Pranken  kratzend,  entdeckt  er  den 
Betrug,  worauf  er,  dank  dem  Geruch  der  Kleinen,  dem 
Jäger  folgt;  und  wenn  dieser  Jäger  den  Tiger  bemerkt, 
läßt  er  eines  der  Jungen  zurück,    und  jener  nimmt   es 

247 


und  trägt  es  in  das  Nest  und    kehrt   sofort   zum  Jäger 
zurück  und  der  tut 

MS.  H.  I.  FOL.  24  r. 
das  gleiche,  bis  er  sein  Boot  besteigt. 

LXXIV. 

Catoblepas  (Gnu) 

Dieses  wird  in  Äthiopien  geboren,  nahe  der  Quelle 
Nigerhaupt  (Nigricapo);  es  ist  ein  nicht  zu  großes  Tier, 
ist  träge  in  allen  Gliedern  und  hat  den  Kopf  von  solcher 
Größe,  daß  es  ihn  nur  widerwillig  trägt,  so  daß  es  immer 
zu  Boden  gebückt  ist:  sonst  wäre  es  die  schlimmste  Pest 
für  die  Menschen,  denn  wer  immer  von  seinen  Augen 
erblickt  wird,  stirbt  sofort. 

LXXV. 

Der  Basilisk 

Dieser  wird  in  der  Provinz  Cyrenaica  geboren  und  ist 
nicht  größer  als  zwölf  Zoll  und  hat  auf  dem  Kopf  einen 
weißen  Fleck  wie  ein  Diadem.  Mit  seinem  Zischen  jagt 
er  alle  Schlangen.  Hat  Ähnlichkeit  mit  der  Natter,  aber 
bewegt  sich  nicht  in  Windungen,  sondern  gerade  von  der 
Mitte  aus  vorwärts.     Man  sagt,  daß,  wenn  einer 

MS.  H.I.FOL.  24  V. 
mittels  eines  Speers  von  jemandem  getötet  wird,  so  zu 
Pferd  ist,  sein  Gift  längs  des  Speers  hinanläuft,  aber 
nicht  den  Menschen  tötet,  sondern  das  Pferd.  Er  schadet 
dem  Getreide,  und  nicht  nur  dem,  das  er  berührt,  sondern 
auch,  wo  er  hinhaucht;  das  Gras  verdorrt,  die  Steine 
bersten. 

LXXVI. 

Das  Wiesel 

Dieses,  wenn  es  die  Höhle  des  Basilisken  findet,  tötet 

ihn   durch    den   Geruch    seines   verspritzten  Harns;   der 

Geruch    welchen   Harns    sogar    viele   Male  das   Wiesel 
selbst  umbringt. 

248 


LXXVII. 

Die  Hornviper 

Diese  haben  vier  kleine  bewegliche  Hörner;  daher, 
wenn  sie  fressen  wollen,  verstecken  sie  unter  den  Blät- 
tern ihre  ganze  Person,  ausgenommen  diese  Hörnchen, 
die  sie  bewegen  und  die  den  Vögeln  wie  kleine  Würm- 
chen vorkommen,  welche  scherzen,  darum  sie  sich  gleich 
herabsenken,  um  sie  aufzupicken,  und  jene  umschlingt 
sie  plötzlich  in  Ringen  und  so  verzehrt  sie  sie. 

LXXVIII.  MS.  H.  I.  FOL.  25  r. 

Die  Ringelechse  —  Amphisbaena 

Diese  hat  zwei  Köpfe,  den  einen  am  richtigen  Platz,  den 

anderen  im  Schweif,    als  ob  es  nicht  genügte,   daß   von 

einem  einzigen  Platz  aus  das  Gift  gesprüht  würde. 

LXXIX. 

Die  Pfeilschlange 

Diese  steht  auf  den  Stämmen  und  schleudert  sich  wie 
ein  Pfeil  und  durchbohrt  die  wilden  Tiere  und  tötet  sie. 

LXXX. 

Aspis  (Uräusschlange) 

Der  Biß  dieses  Tieres  kann  nicht  geheilt  werden,  außer 
durch  sofortiges  Wegschneiden  der  gebissenen  Teile. 
Dieses  so  pestilenzialische  Tier  hat  eine  derartige  Zu- 
neigung für  seine  Gefährtin,  daß  sie  immer  gesellt  gehen, 
so  daß,  wenn  unglücklicherweise  eines  von  ihnen  getötet 
wird,  das  andere  mit  unglaublicher  Geschwindigkeit  dem 
Mörder  folgt;  und  ist  so  eifrig  und  auf  die  Rache  erpicht, 
daß  es  jede  Schwierigkeit  besiegt  und  jedes  Heer  über- 
holt. Nur  seinen  Feind  sucht  es  zu  verletzen  und  jede 
Entfernung  überkommt  es,  und  man  kann  ihm  nicht  ent- 
gehen, außer  wenn  man  das  Wasser  überschreitet  oder 
durch  eilige  Flucht.  Es  hat  die  Augen  im  Inneren,  und 
große  Ohren  und  wird  mehr  vom  Gehör  geleitet  als  vom 
Gesicht. 

249 


LXXXI.  MS.  H.I.FOL.  25  V. 

Das  Ichneumon 

Dieses  Tier  ist  der  Uräusschlange  ein  tödlicher  Feind, 
wird  in  Ägypten  geboren  und,  wenn  es  neben  seinem 
Aufenthaltsort  eine  Aspis  sieht,  gleich  lauft  es  zum  Fluß- 
sand oder  Schlamm  des  Nils  und  beschmiert  sich  mit 
diesem  ganz  und  hierauf,  von  der  Sonne  getrocknet,  be- 
schmiert es  sich  wieder  mit  dem  Schlamm,  und  so,  eines 
über  das  andere  trocknend,  macht  es  sich  drei  oder  vier 
Wämser,  gleichsam  einen  Panzer,  und  nachher  greift  es 
die  Aspis  an  und  kämpft  mit  ihr  gut,  so  daß  es,  die 
richtige  Zeit  erfassend,  ihr  in  die  Gurgel  hineinspringt 
und  sie  tötet. 


Der  Trochilus, 
Kolibri,   ist   hier 
mit  dem  Kroko- 
dilwächter,einem 
Vogel  aas  der 
Regenpfeifer- 
gattung, ver- 
wechselt, der  be- 
ständig auf  dem 
Krokodil  herum- 

häpft,  ihm 
Maden,  Egel  usw. 
aas  der  Haut 
keraaspickt,  ja 
Brocken  aas  sei- 
nem Maule  holt. 


LXXXII. 

Das  Krokodil 

Dieses  wird  im  Nil  geboren,  hat  vier  Füße,  tut  Schaden 
zu  Wasser  und  zu  Lande;  auch  findet  sich  kein  irdisches 
Tier  ohne  Zunge  außer  dieses,  und  beißt  nur,  indem  es 
den  Oberkiefer  bewegt;  es  wächst  bis  zu  40  Fuß,  ist 
mit  Krallen  versehen,  mit  Lederhaut  bewaffnet,  die  jedem 
Schlag  widersteht;  und  den  Tag  über  ist  es  auf  dem  Land 
und  die  Nacht  im  Wasser.  Von  Fischen  sich  nährend, 
schläft  es  am  Ufer  des  Nils  mit  offenem  Munde  ein,  und 
der  Vogel,  genannt 

MS.  H.  I.  FOL.  26  r. 
Trochilo,  ein  winzig  kleiner  Vogel,  läuft  ihm  sogleich  in 
den  Mund  und,  zwischen  den  Zähnen  ihm  herumhüpfend, 
geht  er  hin  und  wieder,  die  zurückgebliebene  Speise 
wegpickend,  und  indem  er  so  mit  genußreicher  Wollust 
(sein  Gebiß)  ausstochert,  lädt  er  es  dazu  ein,  den 
Mund  völlig  zu  öffnen,  und  so  schläft  es  ein.  Wenn 
das  Eumon  (Ichneumon)  dies  sieht,  stürzt  es  sich  ihm 
gleich  in  den  Rachen  und,  nachdem  es  ihm  den  Magen 
und  die  Eingeweide  durchbohrt  hat,  tötet  es  selbiges 
schließlich. 


250 


LXXXIII. 

Der  Delphin 

Die  Natur  hat  den  Tieren  solche  Erkenntnis  gegeben, 
daß  sie  außer  dem  Wissen  um  den  eigenen  Vorteil  auch 
Wissen  um  den  Nachteil  des  Feindes  besitzen;  daher  be- 
greift der  Delphin,  wieviel  ein  Schnitt  der  scharfen  Finnen 
wert  ist,  die  ihm  auf  dem  Rücken  sitzen,  und  wie  sehr 
der  Bauch  des  Krokodiles  zart  ist;  also,  wenn  sie  mit- 
einander kämpfen,  wirft  er  sich  unter  seinen  Gegner  und 
zerschneidet  ihm  den  Bauch  und  tötet  ihn  so. 

Das  Krokodil  ist  furchtbar  jenen,  die  es  fliehen,  und 
höchst  feig  gegen  jene,  die  es  jagen. 

LXXXIV.  MS.  H.  I.  FOL.  26  v. 

Das  Hippopotamus 

Dieses,  wenn  es  sich  beschwert  fühlt,  geht  Dornen  suchen 
oder  dorthin,  wo  die  Strünke  abgeschnittenen  Schilfrohrs 
zu  finden,  und  reibt  daran  so  lang  eine  Ader,  bis  es  sie 
durchschneidet,  und  nachdem  es  sich  das  Blut  abgenom- 
men, welches  nötig,  beschmiert  es  sich  mit  Flußsand  und 
heilt  die  Wunde.  Es  hat  fast  die  Gestalt  eines  Pferdes, 
den  Huf  gespalten,  den  Schwanz  geringelt  und  die  Zähne 
eines  Ebers,  den  Nacken  mit  einer  Mähne;  die  Haut  ist 
undurchbohrbar,  außer  wenn  es  badet;  es  nährt  sich  von 
Getreide;  in  die  Felder  geht  es  rücklings  hinein,  damit 
es  scheint,  es  sei  herausgegangen. 

LXXXV. 

Der  Ibis 
Dieser  hat  Ähnlichkeit  mit  dem  Kranich  und ,  wenn  er 
sich  krank  spürt,  füllt  er  seinen  Kropf  mit  Wasser  an 
und  mit  dem  Schnabel  gibt  er  sich  ein  Klystier. 

LXXXVI. 

Hirsch 
Dieser,  wenn  er  sich  von  der  Spinne,   genannt  Weber- 
knecht, gebissen  fühlt,  frißt  Krebse  und  befreit  sich  von 
solchem  Gift. 

251 


LXXXVII.  MS.  H.  I.  FOL.  27  r. 

Die  Lazerte 

Diese,  wenn  sie  mit  den  Schlangen  kämpft,  ißt  die  Sau- 
distel und  befreit  sich. 

LXXXVIII. 

Die  Schwalbe 

Diese  gibt  ihren  erblindeten  Jungen  durch  den  Saft  der 
Chalidonia  das  Augenlicht  wieder. 

LXXXIX. 

Das  Wiesel 

Dieses,  wenn  es  Ratten  jagt,  ißt  vorher  Raute. 

XC. 

Der  Wildeber 

Dieser  heilt  seine  Übel,  indem  er  Efeu  frißt. 

XCI. 

Die   Schlange 

Diese,  wenn  sie  sich  erneuern  will,  wirft  die  alte  Haut 
ab,  indem  sie  beim  Kopf  beginnt;  sie  wechselt  in  einem 
Tag  und  einer  Nacht. 

XCII. 

Der  Panther 

Dieser,  wenn  ihm  das  Eingeweide  schon  heraushängt, 
er  kämpft  noch  mit  Hunden  und  mit  Jägern. 

XCIII.  MS.  H.  I.  FOL.  27  v. 

Das  Chamäleon 

Dieses  nimmt  immer  die  Farbe  des  Gegenstandes  an, 
auf  den  es  sich  setzt;  daher,  zugleich  mit  dem  Laub,  auf 
dem  sie  sitzen,  werden  sie  oft  von  den  Elefanten  ver- 
zehrt. 

XCIV. 

Der  Rabe 

Dieser,  wenn  er  das  Chamäleon  getötet  hat,  purgiert 
sich  mit  Lorbeer. 


252 


XCV.  MS.  H.H.  FOL.  68  V. 

Der  Distelfink 

Der  Distelfink  gibt  den  eingekerkerten  Jungen  Wolfs- 
milch. —  Lieber  sterben,  als  die  Freiheit  verlieren! 

XCVI.  MS.  H.  III.  FOL.  118  V. 

Der  Kranich 

Die  Kraniche,  damit  ihr  König  nicht  wegen  schlechter 
Bewachung  sterbe,  umgeben  ihn  des  Nachts  mit  Steinen 
in  den  Krallen. 

Liebe,  Angst  und  Ehrfurcht:  dieses  schreibe  auf  drei 
Steine  der  Kraniche. 

XCVII. 

Von  der  Vorhersicht 

Der  Hahn  kräht  nicht,  wenn  er  nicht  vorher  dreimal 
die  Flügel  schlägt;  der  Papagei,  wenn  er  sich  zwischen 
den  Zweigen  bewegt,  setzt  nirgends  den  Fuß  hin,  wohin 
er  nicht  vorher  den  Schnabel  gesetzt. 


Hi  H  IH  IH  li  li  X.  FABELN   il  H  Hill  IH  m 


R.  1322,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  66  v. 
Papier  und  Tinte.  l^yjfflfflHftiVU  ^^    Papier,    wclchcs    sich    VOI!    der    dunkeln 

Schwärze  der  Tinte  ganz  beschmutzt  sieht, 
beklagt  sich  über  diese,  welche  ihm  zeigt, 
daß  die  Worte,  so  auf  ihm  zusammengesetzt 
sind,  der  Grund  für  seine  Erhaltung  sind. 

Vom  Wasser.      II.  R.  1271,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  93  V. 

Dem  Wasser,  das  sich  im  stolzen  Meere,  seinem  Ele- 
ment, befand,  kam  der  Wunsch,  in  die  Luft  emporzu- 
steigen, und  darin  vom  Feuerelement  getröstet  und  als 
feiner  Dunst  hinauf  erhoben,  schien  es  fast  so  dünn  als 
wie  die  Luft.  In  die  Höhe  gestiegen,  kam  es  zu  der 
noch  dünneren  und  kälteren  Luft,  wo  es  vom  Feuer  ver- 
lassen wurde;  und  die  kleinen  Körnchen,  zusammenge- 
preßt, vereinigen  sich  schon  und  werden  schwer,  wobei, 
sinkend,  der  Stolz  in  Flucht  sich  verwandelt,  und  es  fällt 
vom  Himmel,  wobei  es  von  der  trockenen  Erde  aufge- 
trunken wird,  wo  es,  lange  Zeit  eingekerkert,  für  seine 
Sünde  Buße  tut. 

Die  Flamme  und    III.  MS.  CA.  FOL.  67  T. 

Die  Flammen,  welche  schon  einen  Monat  im  Glasofen 
dauerten  und  eine  Kerze  in  einem  schönen  und  glänzen- 
den Leuchter  sich  nähern  sahen,  bemühten  sich  mit 
großem  Verlangen,  sie  zu  erreichen.  Unter  welchen  eine, 
—  ihren  natürlichen  Lauf  verlassend  und  sich  innen  durch 
einen  hohlen  Feuerbrand  ziehend,  von  dem  sie  sich  nährte, 
und  am  andern  Ende  durch  eine  kleine  Ritze  heraus- 
dringend, warf  sie  sich  auf  die  Kerze,  so  ihr  nahe  war, 
und  mit  höchster  Gier  und  Gefräßigkeit  jene  verzehrend. 


254 


brachte  sie  sich  fast  zu  ihrem  Ende;  und  indem  sie 
der  Verlängerung  ihres  Daseins  nachhelfen  wollte,  strebte 
sie  vergebens,  in  den  Ofen  zurückzukehren,  von  dem  sie 
sich  geschieden  hatte,  sondern  war  gezwungen,  zu  sterben 
und  hinzuschwinden,  zugleich  mit  der  Kerze,  wobei  sie 
schließlich,  mit  Weinen  und  Reue,  sich  in  unaussteh- 
lichen Rauch  verwandelte,  während  alle  ihre  Schwestern  in 
glänzendem  und  langem  Leben  und  Schönheit  zurückblieben. 

IV.  MS.  CA.  FOL.  67  r.    Die  sich   ernied- 

rigen, werden 

Es  befand  sich,  auf  die  Spitze  eines  Felsens  geheftet,  erhöht. 
ein  ganz  klein  wenig  Schnee,  der  auf  die  äußerste  Höhe 
eines  ungeheueren  Berges  gestellt  war,  und  in  sich  die 
Einbildungskraft  sammelnd,  begann  er  mit  jener  zu  be- 
trachten und  in  seinem  Innern  zu  sagen:  „Nun,  muß  ich 
nicht  als  etwas  Hochmütiges  und  Stolzes  beurteilt  werden, 
daß  ich  mich,  klein  winziges  Teilchen  Schnee,  auf  so 
hohen  Ort  gesetzt  habe,  und  ist  zu  ertragen,  daß  solche 
Menge  Schnee,  als  von  hier  aus  von  mir  gesehen  werden 
kann,  tiefer  unten  bleibe?  Sicher,  meine  geringe  Menge 
verdient  nicht  solche  Höhe;  denn  ganz  gut  kann  ich,  zur 
Bezeugung  meiner  kleinen  Gestalt,  erfahren  müssen,  was 
die  Sonne  gestern  mit  meinen  Gefährten  tat,  welche  in 
wenig  Stunden  von  der  Sonne  vernichtet  wurden;  und  das 
kam  über  sie,  weil  sie  sich  höher  gestellt  hatten,  als  es 
sich  für  sie  gehörte.  Ich  will  den  Zorn  der  Sonne  fliehen 
und  mich  erniedrigen  und  einen  Ort  finden,  der  für  meine 
Geringheit  paßt."  —  Und  nachdem  er  sich  hinabgeschleu- 
dert hatte  und  den  Abstieg  begonnen,  von  den  hohen 
Gestaden  über  den  andern  Schnee  hinrollend,  —  je  tieferen 
Ort  er  suchte,  desto  mehr  wuchs  seine  Menge,  so  daß, 
als  er  seinen  Lauf  beendet  hatte,  er  sich  von  fast  nicht 
geringerer  Größe  auf  einem  Hügel  fand,  als  der  Hügel, 
der  ihn  trug,  und  war  der  letzte,  welcher  in  jenem  Sommer 
von  der  Sonne  aufgelöst  wurde.  Für  jene  gesagt,  welche 
sich  demütigen;  sie  werden  erhöht. 

255 


Der  Stein.  V.  MS.  CA.  FOL.  175  V. 

Ein  Stein,  neulich  erst  vom  Wasser  bloßgelegt  und  von 
schöner  Größe,  befand  sich  auf  einem  gewissen  erhöhten 
Ort,  wo  ein  entzückendes  Wäldchen  endete,  oberhalb  einer 
mit  Felsstücken  übersäten  Straße,  in  Gesellschaft  von 
Kräutern,  die  von  verschiedenen  Blüten  in  mannigfachen 
Farben  geschmückt  waren;  und  sah  die  große  Menge  von 
Steinen,  die  auf  der  unter  ihm  gelegenen  Straße  ver- 
sammelt waren.  Es  kam  ihm  der  Wunsch,  sich  da  hinab- 
fallen zu  lassen,  in  sich  sprechend:  „Was  tue  ich  hier 
bei  diesen  Kräutern?  Ich  will  mit  diesen  meinen  Ge- 
schwistern in  Gesellschaft  wohnen."  —  Und,  nachdem  er 
sich  hatte  hinabfallen  lassen,  endete  er  unter  den  ge- 
wünschten Gefährten  die  Geschwindigkeit  seines  Laufs. 
Und  kaum  ein  wenig  da  gewesen,  begann  er  durch  die 
Räder  der  Wagen,  durch  die  Füße  der  eisenbeschlagenen 
Pferde  und  der  Wanderer  in  unaufhörlicher  Drangsal  zu 
sein;  der  kehrte  ihn  um,  jener  zerrieb  ihn;  manches  Mal 
hob  er  sich  ein  kleines  Stück,  wenn  er  von  Schmutz  oder 
vom  Unrat  irgendeines  Tieres  bedeckt  ward,  und  ver- 
gebens betrachtete  er  den  Ort,  von  dem  er  gekommen 
war,  den  Ort  des  einsamen  und  ruhigen  Friedens.  So 
geschieht  es  jenen,  die  aus  dem  stillen  und  beschaulichen 
Leben  weg  in  die  Stadt  wollen  kommen,  zwischen  die 
Leute  voll  unendlicher  Übel. 

Das  Rasier-        VL  MS.  CA.  FOL.  175  V. 

Das  Rasiermesser,  als  es  emes  Tages  aus  jener  Hand- 
habe herauskam,  aus  der  es  sich  selbst  eine  Scheide 
macht,  und  sich  in  die  Sonne  legte,  sah  die  Sonne  sich 
in  seinem  Leibe  spiegeln;  durch  welche  Sache  es  sich 
in  ungeheurer  Glorie  fühlte,  und  den  Gedanken  rückwärts 
gewendet,  begann  es  zu  sich  selbst  zu  sagen:  „Werde 
ich  jetzt  noch  in  die  Bude  zurückkehren,  aus  welcher  ich 
erst  gekommen  bin?  Sicher  nicht!  nicht  gefalle  es  den 
Göttern,  daß  so  glanzvolle  Schönheit  in  solche  Niedrig- 

256 


keit  des  Sinnes  verfalle!  Welcher  Wahnsinn  wäre  es, 
der  mich  dazu  verleitete,  die  eingeseiften  Barte  der  bäue- 
rischen Dorfleute  zu  rasieren  und  mechanische  Arbeit 
zu  tun!  Ist  dies  ein  Leib  zu  solcher  Übung?  Wahrhaftig 
nicht.  Ich  will  mich  in  irgendeinen  verborgenen  Ort  ver- 
stecken und  da  in  stiller  Ruhe  mein  Leben  verbringen." 

—  Und  so,  nachdem  es  einige  Monate  versteckt  gewesen, 
kehrte  es  eines  Tages  an  die  Luft  zurück,  und  seine 
Scheide  verlassend,  sah  es  sich  in  Ähnlichkeit  einer 
rostenden  Säge  umgeschaffen  und  seine  Oberfläche  nicht 
mehr  die  leuchtende  Sonne  widerspiegeln.  Mit  eitler 
Reue  beweinte  es  vergebens  den  nicht  gutzumachenden 
Schaden,  bei  sich  selber  sagend:  —  „O,  wieviel  besser 
war,  beim  Barbier  meine  nun  verlorene  Schneide  von  solcher 
Feinheit  zu  üben!  Wo  ist  jetzt  die  glänzende  Oberfläche? 
Sicher,  der  lästige  und  abscheuliche  Rost  hat  sie  verzehrt!" 

—  Dieses  gleiche  geschieht  den  Geistern,  die  im  Tausch 
für  die  Übung  sich  dem  Müßiggang  ergeben:  welche,  in 
Ähnlichkeit  mit  obgenanntem  Rasiermesser,  ihre  schnei- 
dende Feinheit  verlieren,  und  der  Rost  der  Unwissenheit 
verdirbt  ihre  Form. 

VII.  MS.  H.  I.  FOL.  14  r.        Die  Lilie. 

Fabel 

Die  Lilie  setzt  sich  an  das  Ufer  des  Tessin,  und  die 
Strömung  zieht  dessen  Rand  mit  der  Lilie  fort. 

VIII.  MS.  CA.  FOL.  76  r.      Der  Naßbaum 

Der  Nußbaum,  über  eine  Straße  hinüber  den  Vorüber- 
gehenden den  Reichtum  seiner  Früchte  zeigend,  wurde 
von  jedermann  gesteinigt. 

IX.  MS.  CA.  FOL.  76  r.    Der  Feigenbaum. 

Der  Feigenbaum,  ohne  Früchte,  wurde  von  keinem  an- 
gesehen; als  er  mittels  Hervorbringung  von  selbigen 
Früchten  von  den  Menschen  gelobt  werden  wollte,  wurde 
er  von  jenen  gebogen  und  gebrochen. 

17        Herzfeld,  Leonardo 

257 


Die  grane  Pfianze    X. 
and  der  dürre 


Stab. 


Die  Zeder  und  die 
anderer.   Bäume. 


Die  Waldrebe. 


R.  1276,  MS.  S.  K.  M.  III,  FOL.  45  r. 

Die  Pflanze  beklagt  sich  über  den  alten  und  dürren  Stock, 
der  ihr  beigegeben  ist,  und  über  die  trockenen  Pfähle,  so 
sie  umgeben. 

Der  eine  hält  sie  aufrecht,  die  andern  behüten  sie  vor 
der  schlechten  Gesellschaft. 

XI.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Die  Zeder,  anmaßend  gemacht  durch  die  eigene  Schön- 
heit, beginnt  den  Bäumen  zu  mißtrauen,  die  um  sie  herum- 
stehen, und  läßt  sie  niederreißen;  der  Wind  hierauf,  nicht 
mehr  unterbrochen,  wirft  jene  entwurzelt  zu  Boden. 

XIL  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Die  Waldrebe,  nicht  zufrieden  in  ihrer  Hecke,  begann 
mit  ihren  Ästen  die  gewöhnliche  Straße  zu  überschreiten 
und  sich  an  die  Hecke  gegenüber  anzuheften,  worauf  sie 
von  den  Vorübergehenden  gebrochen  wurde. 

XIII.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Die  Zeder,  bemüht,  auf  ihrem  Wipfel    eine  schöne  und 

große  Frucht  zu  machen,  brachte  es  mit  aller  Kraft  seiner 
Säfte  zur  Vollführung:  welche  Frucht,  herangewachsen, 
die  Ursache  ward,  die  hohe  und  aufrechte  Spitze  sich 
biegen  zu  machen. 

XIV.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Der  Pfirsichbaum,  neidisch,  zu  sehen,  wie  sein  Nachbar, 

der  Nußbaum,  eine  große  Menge  von  Früchten  hervor- 
bringe, und  entschlossen,  das  gleiche  zu  tun,  belud  sich 
mit  den  seinigen  auf  solche  Art,  daß  die  Schwere  be- 
sagter Früchte  ihn  entwurzelt  und  gebrochen  zur  ebenen 
Erde  zog. 

Die  Ulme  und  der    XV.  MS.  CA.  FOL.  76  f. 

F^iscuhcLUTTi» 

Der  Feigenbaum,  welcher  in  Nachbarschaft  der  Ulme 
stand,  ihre  Zweige  ohne  Früchte  sehend  und  voll  heißen 
Verlangens,  die  Sonne  für  seine  sauern  Feigen  zu  haben. 


Die  Zeder. 


Der  Pfirsich- 
baum. 


258 


sagte  mit  Vorwürfen  zu  ihr:  —  „O  Ulme,  schämst  du 
dich  denn  nicht,  so  vor  mir  zu  stehen?  Aber  warte  nur, 
bis  meine  Kinder  in  reifem  Alter  sind,  und  du  wirst  sehen, 
wo  du  dich  da  befindest."  —  Welche  Kinder  später  heran- 
gereift, —  als  eine  Schwadron  Soldaten  dahin  geriet, 
wurde  er  von  diesen,  um  die  Feigen  abreißen  zu  können, 
ganz  zerrissen  und  entzweigt  und  geknickt.  Welchen,  als 
er  so  an  seinen  Gliedern  verstümmelt  da  stand,  die  Ulme 
fragte:  „O  Feigenbaum,  um  wieviel  war  es  besser,  ohne 
Kinder  zu  sein,  als  wegen  dieser  in  so  elenden  Zustand 
zu  kommen!" 

XVI.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Der  Lorbeer  und  die  Myrte,  da  sie  sahen,  wie  der 
Birnbaum  umgehauen  wurde,  schrien  mit  lauter  Stimme: 
„O  Birnbaum!  wohin  gehst  du  denn?  Wo  ist  der  Stolz, 
den  du  besaßest,  wenn  du  deine  Früchte  schön  reif 
hattest?  Jetzt  wirst  du  uns  nicht  mehr  Schatten  machen 
mit  deinen  dichten  Haaren  !"  —  Da  antwortete  der  Birn- 
baum: —  „Ich  gehe  mit  dem  Landmann,  der  mich  ab- 
schneidet und  mich  in  die  Bude  eines  trefflichen  Bild- 
hauers bringt,  welcher  mittels  seiner  Kunst  mich  die  Form 
des  Gottes  Jupiter  wird  annehmen  machen,  und  ich  werde 
dem  Tempel  gewidmet  werden  und  von  den  Menschen 
anstatt  Jovis  angebetet.  Aber  du,  mache  dich  bereit, 
häufig  verstümmelt  und  abgeschält  zu  werden,  um  deiner 
Zweige  willen,  die  von  den  Menschen,  um  mich  zu  ehren, 
werden  rings  um  mich  herum  gewunden  werden." 

XVn.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Die  eitle  und  flatterhafte  Lichtmotte,  nicht  zufrieden, 
bequem  in  der  Luft  herumfliegen  zu  können  und  besiegt 
von  der  reizvollen  Flamme  der  Kerze,  beschloß,  in  jene 
hineinzufliegen,  und  ihre  frohe  Bewegung  wurde  die 
Ursache  rascher  Traurigkeit.  Als  in  besagtem  Lichte 
die  zarten  Flügel  sich  verzehrten,  und  der  Schmetterling, 
elend,  ganz  verbrannt  am  Fuß  des  Leuchters  hingefallen, 

17* 

259 


Lorbeer,    Myrte 
und  Birnbaum. 


Falscher  Glanz 
fährt  ins  Ver- 
derben. 


—  nach  vielem  Weinen  und  Bereuen,  wischte  er  sich  die 
Tränen  aus  den  überströmten  Augen  und,  das  Gesicht 
emporgehoben,  sagte  er:  —  „O  falsches  Licht!  wie  viele, 
gleich  mir,  mußt  du  schon  in  vergangenen  Zeiten  elen- 
diglich getäuscht  haben!  Ach,  wenn  ich  bloß  das  Licht 
sehen  wollte,  hätte  ich  da  nicht  die  Sonne  vom  falschen 
Schein  des  schmutzigen  Talges  unterscheiden  sollen?" 

Die  Edelkastanie    XVIII.  MS.  CA.  FOL.  67  f. 

und  der  Feigen- 
baum. Der  Kastanienbaum,  da  er'  auf  dem  Feigenbaum  droben 

den  Menschen  sah,  wie  selbiger  dessen  Zweige  zu  sich 

heranbog  und  von  ihnen  die   reifen  Früchte  pflückte,  — 

welche  selbiger    in    den    offenen  Mund    steckte   und   mit 

harten  Zähnen  zerfaserte  und  zerfleischte,  —  seine  langen 

Zweige  schüttelnd,    sagte    er    mit  aufgeregtem  Rauschen: 

—  „O  Feigenbaum!  um  wieviel  bist  du  der  Natur  weni- 
ger verpflichtet  als  ich!  Siehst  du,  wie  sie  meine  lieben 
Kinder  in  mir  verschlossen  ordnete,  erst  in  ein  zartes 
Hemd  gekleidet,  über  welches  die  harte  und  gefütterte 
Rinde  getan  ist;  und  indem  sie  sich  nicht  zufrieden  gab, 
mich  so  mit  Gutem  zu  überhäufen,  daß  sie  ihnen  noch 
die  starke  Behausung  machte  und  auf  diese  spitzige  und 
dichte  Dörner  gründete,  damit  die  Hände  der  Menschen 
mir  nicht  schaden  können?"  —  Da  begann  der  Feigen- 
baum mitsamt  seinen  Kindern  zu  lachen,  und,  als  das 
Lachen  geendet,  sagte  er:  —  „Wisse,  daß  der  Mensch 
solchen  Geistes  ist,  daß  er  mit  Ruten  und  Steinen  und 
Reisern  wohl  versteht,  dich  unter  deine  Zweige  herunter- 
zuziehen, dich  an  Früchten  arm  zu  machen,  und  wenn 
diese  herabgefallen,  mit  den  Füßen  und  mit  Steinen 
darauf  stampft,  so  daß  die  Früchte  von  dir,  zerrissen  und 
verstümmelt,  aus  ihrem  gewappneten  Hause  kommen; 
und  ich  werde  mit  allem  Fleiß  von  den  Händen  berührt, 
und  nicht  wie  du,  von  Stöcken  und  von  Steinen." 

Der  Hartriegel     XIX.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

und  die  Drossel,  •• 

Der  Hartriegel,  an  seinen  zarten  Asten,  die  voll  frischer 


260 


Früchte  hingen,  durch  die  stechenden  Krallen  und  Schnä- 
bel der  zudringlichen  Drosseln  gereizt,  beklagte  sich  mit 
schmerzlichem  Jammern  gegenüber  selbiger  Drossel,  sie 
bittend,  daß,  nachdem  sie  ihm  seine  teueren  Früchte 
nehme,  sie  ihm  doch  wenigstens  nicht  die  Blätter  raube, 
die  ihn  gegen  die  glühenden  Strahlen  der  Sonne  schütz- 
ten, und  daß  sie  mit  den  scharfen  Nägeln  ihn  nicht 
schinde  und  seiner  feinen  Rinde  entkleide.  Worauf  die 
Drossel,  mit  bäurischem  Schelten,  versetzte:  —  „O  schwei- 
ge, wildes  Gestrüpp!  Weißt  du  nicht,  daß  die  Natur  dich 
diese  Früchte  zu  meiner  Nahrung  hervorbringen  ließ? 
Siehst  du  nicht,  daß  du  auf  der  Welt  bist,  um  mir  zu 
selbiger  Speise  zu  dienen?  Weißt  du  Tölpel  nicht,  daß 
du  künftigen  Winter  Nahrung  und  Speise  des  Feuers  sein 
wirst?"  —  Welche  Worte  vom  Baum  geduldig,  wenn- 
gleich nicht  ohne  Tränen,  angehört  waren,  als  innerhalb 
kurzer  Zeit,  —  nachdem  die  Drossel  im  Netz  gefangen, 
und  Zweige  abgerissen  worden,  um  den  Käfig  zu  machen,  in 
welchen  jene  Drossel  zu  sperren,  —  als  unter  den  anderen 
Zweigen  es  den  biegsamen  Hartriegel  traf,  das  Rutenge- 
flecht des  Bauers  zu  bilden;  welcher  Hartriegel,  da  er 
sich  als  die  Ursache  des  Verlustes  der  Freiheit  des 
Vogels  sah,  nachdem  er  sich  gefreut  hatte,  folgende 
Worte  äußerte:  —  „O  Drossel!  ich  bin  hier,  noch  nicht, 
wie  du  sagtest,  vom  Feuer  verzehrt;  eher  werde  ich  dich 
gefangen,  als  du  mich  verbrannt  sehen!" 

XX.  MS.  CA.  FOL.  67  r.    Die  Nuß  and  dir 

Glockenturm. 

Es  begab  sich,  daß  die  Nuß  von  einer  Krähe  auf  einen 
hohen  Glockenturm  hinaufgetragen  wurde,  und  durch  einen 
Spalt,  in  den  sie  fiel,  ward  sie  von  dem  tödlichen  Schna- 
bel befreit;  sie  bat  jene  Mauer,  um  der  Gnade  zuliebe, 
die  Gott  ihr  verliehen,  so  hervorragend  und  großartig  und 
reich  an  schönen  Glocken  und  so  ehrenvollen  Klanges  zu 
sein,  daß  sie  ihr  beistehen  möge;  denn,  nachdem  sie 
nicht  hatte  unter  die  grünen  Zweige  ihres  alten  Vaters 

261 


fallen  können  und  in  der  fetten  Erde  wieder  von  seinen 
herabfallenden  Blättern  zugedeckt  werden,  so  wolle  doch 
sie  sie  nicht  verlassen:  indem,  als  sie  sich  im  wilden 
Schnabel  der  wilden  Krähe  befand,  sie  sich  gelobt  habe, 
daß,  wenn  sie  nur  aus  diesem  Schnabel  entkomme,  sie 
ihr  Leben  in  einem  kleinen  Loch  enden  wolle.  —  Nach 
welchen  Worten  der  Turm,  zu  Mitleid  bewegt,  gezwungen 
war,  sie  in  dem  Ort  aufzunehmen,  wohin  sie  gefallen. 
Und  binnen  kurzer  Zeit  begann  die  Nuß  sich  zu  öffnen 
und  die  Wurzeln  zwischen  die  Ritzen  der  Steine  zu 
stecken  und  sie  zu  erweitern,  und  die  Zweige  aus  ihrer 
Höhle  hinaus  zu  werfen,  und  bald,  als  sie  diese  über  das 
Gebäude  erhoben  und  die  gewundenen  Wurzeln  verdickt 
hatte,  begann  sie  die  Mauern  zu  öffnen  und  die  antiken 
Steine  aus  ihren  alten  Plätzen  zu  jagen.  Da  beweinte 
der  Turm  spät  und  umsonst  den  Grund  seines  Schadens 
und,  in  kurzem  gespalten,  zerfiel  ein  großer  Teil  seiner 
Gliedmaßen. 

Die  Weide  und     XXI.  MS.  CA.  FOL.  67  f. 

der  Kürbis. 

Die  arme  Weide  fand  bei  sich,  sie  könne  nicht  das  Ver- 
gnügen genießen,  ihre  biegsamen  Zweige  zur  ersehnten 
Größe  wachsen  oder  auch  geführt  zu  sehen,  und  sich 
zum  Himmel  aufrichten;  wegen  der  Weinreben  und  eini- 
ger Bäume,  die  in  ihrer  Nähe  standen,  blieb  sie  immer 
krüppelig  und  abgeästet  und  verpfuscht;  und  mit  allen 
Geistern  in  sich  gesammelt,  öffnet  sie  und  stößt  mittels  die- 
ser der  Phantasie  die  Tore  auf;  und  in  beständiger  Er- 
wägung und  mit  jener  die  Welt  der  Pflanzen  aufsuchend, 
(um  zu  wissen),  mit  welcher  von  diesen  sie  sich  verbin- 
den könne,  die  nicht  des  Beistands  ihrer  Fesselung  be- 
dürfe, und  ein  wenig  in  dieser  nahrhaften  Einbildung 
(notritiva  imaginazione)  verharrend,  kam  ihr  in  plötzlichem 
Überfall  der  Kürbis  in  den  Sinn,  und  vor  großen  Freu- 
den schüttelte  sie  alle  ihre  Zweige,  da  es  ihr  schien, 
eine   Gesellschaft   nach   ihrem  Wunsch  und  Vorsatz  ge- 

262 


funden  zu  haben,  sintemalen  der  Kürbis  mehr  geeignet 
ist,  andere  zu  binden,  als  gebunden  zu  werden.  —  Und 
nachdem  sie  solchen  Entschluß  gefaßt,  hob  sie  ihre  Äste 
zum  Himmel,  aufmerksam  irgendeinen  befreundeten  klei- 
nen Vogel  erwartend,  der  solchem  Wunsche  der  Mittler 
wäre.  Unter  welchen,  als  sie  die  Elster  sah,  sie  zu  dieser 
hin  sprach:  —  „O  freundlicher  Vogel,  ich  bitte  dich,  bei 
jener  Hilfe,  so  du  dieser  Tage  des  Morgens  in  meinen 
Zweigen  fandest,  als  der  ausgehungerte  Falke,  raubgierig 
und  grausam,  dich  verzehren  wollte;  und  bei  jenem  Aus- 
ruhen, das  auf  mir  du  häufig  geübt,  wenn  deine  Flügel 
von  dir  Ruhe  begehrten;  und  bei  jenem  Vergnügen,  das 
innerhalb  meiner  besagten  Zweige  du,  in  Liebe  mit  dei- 
nen Gefährtinnen  scherzend,  oft  gefunden  hast:  ich  bitte 
dich,  daß  du  den  Kürbis  aufsuchest  und  von  diesem  einige 
seiner  Samen  erlangest,  und  sage  diesen,  daß,  wenn  sie 
erst  geboren,  ich  sie  nicht  anders  behandeln  würde,  als 
ob  aus  meinem  eigenen  Leib  ich  sie  mir  erzeugt  hätte; 
und  gleicherweise  benütze  alle  jene  Worte,  die  zu  solcher 
Absicht  überredend  sind,  obschon  dich,  Meisterin  der 
Sprache,  man  nicht  zu  unterweisen  braucht.  Und  wenn 
du  dies  tust,  bin  ich  es  zufrieden,  dein  Nest  mitsamt 
deiner  Familie  im  Ansatz  meiner  Zweige,  ohne  Bezahlung 
irgendwelcher  Miete,  aufzunehmen."  —  Die  Elster,  nach- 
dem einige  Kapitulationen  mit  der  Weide  gemacht  oder 
neu  abgeschlossen  worden  waren,  und  besonders,  daß  sie 
Nattern  und  Marder  niemals  aufnehmen  werde,  —  den 
Schwanz  gehoben  und  den  Kopf  gesenkt,  warf  sie  sich 
vom  Ast  und  vertraute  ihr  Gewicht  den  Schwingen  an. 
Und  diese  über  die  flüchtige  Luft  schlagend,  bald  da, 
bald  dorthin  neugierig  mit  dem  Steuer  des  Schweifes 
dirigierend,  kam  sie  zu  einem  Kürbis,  und  mit  schönem 
Gruße  und  ein  paar  guten  Worten  erlangte  sie  die  ge- 
wünschten Samen.  Und  wurde,  als  sie  sie  zur  Weide 
gebracht,  mit  frohem  Gesicht  empfangen;  und  den  Boden 
neben  der  Weide  ein  wenig  mit  den  Füßen  aufscharrend, 

263 


Der  Adler. 


Die  Spinne, 


pflanzte  sie  mittels  des  Schnabels  selbige  Körner  im 
Kreis  um  den  Baum.  Welche,  in  kurzer  Zeit,  wachsend, 
mit  dem  Emporschießen  und  Entfalten  ihrer  Zweige  alle 
Äste  der  Weide  in  Beschlag  zu  nehmen  anfingen  und 
mit  ihren  großen  Blättern  selbiger  die  Schönheit  der 
Sonne  und  des  Himmels  wegzunehmen.  Und  nicht  genug 
an  so  viel  Übel  im  Gefolge  der  Kürbisse,  begannen  sie 
durch  übermäßiges  Gewicht  die  Wipfel  der  zarten  Zweige 
gegen  die  Erde  zu  ziehen,  mit  sonderbaren  Torturen  und 
Beschwerden  für  dieselben.  Hierauf,  sich  beutelnd  und 
vergeblich  schüttelnd,  um  jene  Kürbisse  von  sich  herab- 
fallen zu  machen,  und  umsonst  mehrere  Tage  in  solcher 
Täuschung  vertändelnd,  weil  die  gute  und  feste  Umschlie- 
ßung solche  Gedanken  verneinte;  —  als  der  Baum  den 
Wind  vorüberkommen  sah,  empfahl  er  sich  ihm,  und  die- 
ser blies  stark.  Da  öffnete  sich  der  alte  und  hohle  Schoß 
der  Weide  in  zwei  Teile  bis  herab  zu  ihren  Wurzeln, 
und  in  zwei  Teile  zerfallen,  beweinte  sie  vergebens  sich 
selbst  und  erkannte,  daß  sie  geboren  sei,  um  niemals 
irgend  etwas  Gutes  zu  haben. 

XXII.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 
Der  Adler,  indem   er    die  Eule  verhöhnen  wollte,   blieb 

mit  den  Flügeln  im  Vogelleim  und  ward  vom  Menschen 
gefangen  und  getötet. 

XXIII.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 
Die    Spinne,   welche    die   Fliege    mittels    ihrer    falschen 

Netze  fangen  wollte,  wurde  auf  diesen  von  der  Hornisse 
grausam  umgebracht. 


Der  Krebs.        XXIV. 


R.  1314,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 

Fabel 

Als  der  Krebs  unter   dem  Felsblock  sich   aufhielt,   um 

die  Fische  zu  fangen,  die  unter  jenen  hineingingen,  kam 

das  Hochwasser  mit  verderblichem  Herabsturz  von  Steinen, 

und  mit  ihrem  Kollern  zerschmetterten  sie  selbigen  Krebs. 


264 


XXV.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 
Der  Esel,  welcher  auf  dem  Eis  eines  tiefen  Sees  einge- 
schlafen war;  seine  Wärme  machte  selbiges  Eis  schmelzen, 
und  unter  Wasser,  zum  eigenen  Schaden,  wachte  er  auf 
und  ertrank  sogleich. 

XXVI.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 
Als  die  Ameise  ein  Hirsekorn  gefunden,  rief  das  Korn, 

das  sich  von  jener  ergriffen  fühlte:  —  „Wenn  du  mir 
so  viel  Glück  vergönnen  willst,  daß  ich  meines  Verlangens, 
geboren  zu  werden,  froh  werden  kann,  werde  ich  dir  hun- 
dert von  meinen  Selbst  zurückerstatten."  —  Und  so  ge- 
schah es  auch. 

XXVIL  MS.  H.  IL  FOL.  51  v. 

Die  Auster,  die  zugleich  mit  den  anderen  Fischen  im 
Hause  des  Fischers  nah  dem  Meere  abgeladen  worden, 
bittet  die  Ratte,  daß  sie  sie  ans  Meer  führe.  Die  Ratte, 
so  die  Absicht  gefaßt  hat,  sie  zu  essen,  macht,  daß  sie 
sich  öffnet,  und  da  sie  sie  beißt,  klemmt  jene  ihr  den 
Kopf  ein  und  hält  sie  fest.  Kommt  die  Katze  und 
tötet  sie. 

XXVIII.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Der  Falke,  nicht  imstande,  in  Geduld  das  Versteckenspiel 

zu  ertragen,  welches  die  Ente  mit  ihm  treibt,  wenn  sie  vor 
ihm  flieht  und  unter  das  Wasser  geht,  wollte  es  machen 
wie  jene,  unter  dem  Wasser  verfolgen,  doch,  die  Federn 
erst  gebadet,  blieb  er  in  selbigem  Wasser,  und  die  Ente, 
sich  in  die  Luft  erhebend,  verspottete  den  Falken,  welcher 
ertrank. 

XXIX.  MS.  CA.  FOL.  117  r. 
Die  Krammetsvögel  freuten  sich  sehr,  als  sie  sahen,  daß 

der  Mensch  das  Käuzchen  fing  und  ihm  die  Freiheit  nahm, 
es  mit  starken  Banden  an  seinen  Füßen  bindend.  Wel- 
ches Käuzchen  dann,  mittels  des  Vogelleims,  Ursache 
ward,  die  Krammetsvögel  nicht  ihre  Freiheit,  sondern  das 
Leben  selbst  verlieren  zu  machen.  —  Für  jene  Gebiete 
erzählt,  die  sich  freuen,  ihre  Herren  die  Freiheit  verlieren 


Der  EseL 


Die  Ameise  und 
das  Hirsekorn, 


Auster,  Ratte 
und  Katze. 


Der  Falke  und 
die  Ente, 


Die  KrammetS' 
vögel. 


265 


Der  Hund  and 
der  Floh. 


Katze,  Wiesel 

und  Maus. 


Der  Affe  and  das 
Vögelein. 


ZU  sehen,  wodurch  sie  dann  allen  Beistand  verlieren  und 
in  der  Macht  des  Feindes  gebunden  bleiben,  selbst  die 
Freiheit  lassend  und  häufige  Male  das  Leben. 

XXX.  MS.  CA.  FOL.  119  r. 

Der  Hund  schlief  auf  dem  Fell  eines  Hammels.  Einer 
seiner  Flöhe,  den  Geruch  der  fetten  Wolle  spürend,  ur- 
teilte, das  müsse  ein  Ort  besseren  Lebens  sein  und 
sicherer  vor  den  Zähnen  und  Krallen  des  Hundes,  als 
sich  vom  Hunde  zu  nähren;  und  ohne  andere  Gedanken 
verließ  er  den  Hund.  Und,  zwischen  die  dichte  Wolle 
eingetreten,  begann  er  mit  höchster  Anstrengung  zu  den 
Wurzeln  der  Haare  durchdringen  zu  wollen,  welche  Unter- 
suchung er,  nach  sehr  viel  Schweiß,  als  eitel  erfand,  weil 
solche  Haare  so  häufig  waren,  daß  sie  sich  fast  berührten, 
und  war  dort  kein  Raum,  wo  der  Floh  von  selbigem  Fell 
zu  kosten  vermochte.  Weshalb,  nach  langer  Drangsal  und 
Plage,  er  begann  zu  seinem  Hund  zurückkehren  zu 
wollen,  welcher  schon  davongelaufen  war,  so  daß  er  ge- 
zwungen war,  nach  langer  Reue,  bitteren  Tränen,  Hungers 
zu  sterben. 

XXXL  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Es  wurde  die  Maus  in  ihrer  winzigen  Behausung  vom 
Wiesel  belagert,  das  mit  beständiger  Wachsamkeit  auf 
ihre  Zerstörung  bedacht  war,  und  durch  eine  kleine  Spalte 
betrachtete  sie  ihre  große  Gefahr.  Einstweilen  kam  die 
Katze,  und  sofort  fing  sie  das  Wiesel  und  hatte  es  gleich 
verzehrt.  Die  Maus  hierauf,  nachdem  sie  Jovi  mit 
mehreren  ihrer  Haselnüsse  ein  Opfer  dargebracht,  dankte 
ihrer  Gottheit  außerordentlich  und  ging  aus  ihrem  Loch 
heraus,  um  die  schon  verlorene  Freiheit  recht  zu  ge- 
nießen, deren  sie  sofort,  zugleich  mit  dem  Leben,  durch 
die  grausamen  Krallen  und  Zähne  der  Katze  beraubt  ward. 

XXXII.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Ein  Affe,  der  ein  Nest  voll  kleiner  Vögel   fand   und  sich 

ganz  fröhlich  an  diese  heran  machte,  die  schon  zum  Aus- 


266 


fliegen  waren,  konnte  nur  den  kleinsten  davon  fangen. 
Voller  Freuden,  mit  diesem  in  der  Hand,  ging  er  zu 
seinem  Schlupfwinkel  fort,  und  da  er  begonnen  hatte,  das 
Vöglein  zu  betrachten,  fing  er  an,  es  zu  küssen,  und  aus 
eingefleischter  Liebe  küßte  er  es  so  sehr  und  drehte  und 
drückte  es,  daß  er  ihm  das  Leben  nahm.  Ist  für  jene 
gesagt,  welche,  da  sie  ihre  Kinder  nicht  straften,  übel  an- 
kommen. 

XXXIII.  MS.  CA.  FOL.  67  r.   ^P'^Yraube^'^'"' 
Eine    Spinne,    die    eine    Weintraube    gefunden,    welche 

wegen  ihrer  Süßigkeit  von  Bienen  und  verschiedenen 
Arten  von  Fliegen  viel  besucht  wurde,  glaubte  einen  für 
ihren  Betrug  sehr  bequemen  Ort  gefunden  zu  haben. 
Und  nachdem  sie  sich  auf  ihrem  zarten  Faden  herab- 
gelassen und  die  neue  Wohnung  betreten  hatte,  sich  hier 
an  die  Spalte  machend,  die  aus  den  Zwischenräumen  der 
einzelnen  Körner  der  Trauben  gebildet  war,  griff  sie 
jeden  Tag  als  Dieb  die  armen  Tiere  an,  die  vor  ihr  nicht 
auf  der  Hut  waren.  Und  da  einige  Tage  vergangen,  — 
nachdem  der  Weinleser  selbige  Traube  abgeschnitten  hatte 
und  zu  den  übrigen  gelegt,  wurde  sie  zugleich  mit  jenen 
gepreßt.  Und  so  wurde  die  Traube  Schlinge  und  Hinter- 
halt für  die  betrügerische  Spinne,  wie  für  die  betrogenen 
Fliegen. 

XXXIV.  MS.  CA.  FOL.  67  r.    Die  Legende  vom 

Wein  und  von 

Der  Wein,  göttlicher  Saft  der  Trauben,  sich  in  einer  Mahomed. 
goldenen  und  reichen  Tasse  auf  der  Tafel  des  Mahomed 
findend  und  über  so  viel  Ehre  vor  Freuden  außer  sich 
geraten,  wurde  plötzlich  von  einer  entgegengesetzten  Er- 
wägung angefallen  und  sagte  zu  sich  selbst:  —  „Was  mache 
ich?  Worüber  freue  ich  mich?  Bemerke  ich  denn  nicht, 
daß  ich  meinem  Tode  nahe  bin  und  die  goldene  Behau- 
sung dieser  Tasse  verlassen  muß  und  eintreten  in  die 
häßlichen  und  übelriechenden  Höhlen  des  Körpers  und 
da  aus  duftendem  und  süßem  Saft  mich  in  abscheulichen 


267 


und  elenden  Harn  verwandeln?  Und  nicht  genug  an  so 
viel  Übel,  daß  ich  noch  so  lange  in  den  greulichen  Be- 
hältern mit  anderer  stinkender  und  verfaulter  Materie 
liegen  muß,  die  aus  dem  menschlichen  Innern  kam!"  — 
Er  schrie  zum  Himmel  auf,  Rache  fordernd  für  so  viel 
Schaden,  und  daß  von  nun  an  ein  Ende  gesetzt  werde 
so  vieler  Erniedrigung;  daß,  nachdem  dieses  Land  die 
schönsten  und  besten  Trauben  der  ganzen  Welt  hervor- 
bringe, sie  wenigstens  nicht  zu  Wein  gemacht  würden. 
Da  machte  Zeus,  daß  der  von  Mahomed  getrunkene  Wein 
seine  Seele  zum  Gehirn  hob  und  dieses  so  befleckte,  daß 
es  ihn  verrückt  machte  und  so  viele  Irrtümer  erzeugte, 
daß  er,  wieder  zu  sich  gekommen,  zum  Gesetz  aufstellte, 
daß  kein  Asiate  je  mehr  Wein  tränke.  Und  wurden  von 
da  an  die  Rebstöcke  mit  ihren  Früchten  wohl  in  Ruhe 
gelassen. 

(Auf  dem  Seitenrand.)  Der  Wein,  in  den  Magen  ein- 
getreten, fing  gleich  an  zu  wallen  und  zu  schwellen;  gleich 
begann  die  Seele  von  jenem  den  Körper  zu  verlassen; 
bereits  kehrt  sie  sich  zum  Himmel,  findet  das  Gehirn 
auf,  verursacht  eine  Teilung  in  seinem  Körper;  schon 
fängt  sie  an,  es  zu  beflecken  und  ihn  wie  einen  Tollen 
wüten  zu  machen;  schon  begeht  er  unsühnbare  Irrtümer, 
seine  Freunde  tötend  ,  .  . 

Stahl  und  Stein.    XXXV.  MS.  CA.  FOL.  257  r. 

Fabel 
Der  Stein,  vom  Feuerstahl  geschlagen ,  wunderte  sich 
sehr  und  sagte  diesem  mit  strenger  Stimme:  —  „Welche 
Anmaßung  bewegt  dich,  mir  Beschwerde  zu  machen? 
Tu  mir  nicht  Schmerz  an,  denn  du  hast  mich  aus  Irrtum 
hergenommen;  ich  mißfiel  nie  irgend  jemandem."  Worauf 
der  Feuerstahl  antwortete:  „Wenn  du  geduldig  bist,  wirst 
du  sehen,  welche  wunderbare  Frucht  aus  dir  herauskommen 
wird."  Auf  welche  Worte  der  Stein,  Frieden  gebend,  mit 
Geduld  der  Marter  standhielt  und  aus   sich   das  wunder- 

268 


bare    Feuer    geboren    werden    sah,   welches    mit   seinem 
Anblick  in  zahllosen  Dingen  wirkte. 

Für  jene  gesagt,  welche  am  Anfang  der  Studien  er- 
schrecken, und  dann,  wenn  sie  sich  anschicken,  sich  selbst 
zu  befehlen  und  mit  Geduld  fortdauernde  Arbeit  selbigen 
Studien  zu  geben,  sieht  man  aus  jenen  Dinge  von  wunder- 
barer Beweiskraft  resultieren. 

XXXVI.  MS.  CA.  FOL.  116  V.    Die  Flamme  und 

der  Kessel 

Ein  wenig  Feuer,  das  in  einer  kleinen  Kohle  zwischen  (Entwarf). 
der  lauen  Asche  zurückgeblieben,  vom  wenigen  Saft,  der 
in  ihr  übrig  war,  nährte  es  sich  kümmerlich  und  dürftig. 
Als  die  Verwalterin  der  Küche,  um  jenes  bei  ihrem  ge- 
wöhnlichen Kochamt  zu  verwenden,  hier  erschien  und 
nachdem  sie  das  Holz  in  den  Herd  gelegt  und  mit  dem 
Schwefelfaden  aus  ihm,  das  schon  fast  tot  war,  ein  kleines 
Flämmchen  wieder  aufgeweckt  und  zwischen  den  geord- 
neten Scheiten  dieses  angefacht  und  den  Kessel  darüber 
gesetzt  hatte,  ohne  andern  Verdacht  ging  sie  voll  Sicher- 
heit wieder  fort.  Das  Feuer  dann,  sich  freuend  des  über 
ihm  liegenden  Holzes,  begann  sich  zu  erheben,  die  Luft 
durch  die  Zwischenräume  selbiger  Holzscheite  jagend, 
zwischen  welche  in  scherzhaftem  und  fröhlichem  Durch- 
zug es  selbst  sich  selber  wirkte.  Es  hatte  schon  begonnen, 
aus  den  Intervallen  des  Holzes  herauszuschimmern,  aus 
denen  es  für  sich  selbst  lustige  Fenster  gemacht  hatte, 
und  leuchtende  und  rötlich  funkelnde  Flämmchen  hervor- 
stoßend, verjagte  es  plötzlich  die  schwarzen  Dunkel  der 
versperrten  Küche,  und  voll  Freude  scherzten  die  schon 
angewachsenen  Flammen  mit  der  Luft,  Umgebung  von 
ihnen,  und  mit  sanftem  Gesumme  singend,  schuf  das 
süßen  Klang  .  .  . 

.  .  .  Das  Feuer,  sich  des  trockenen  Holzes  freuend,  das 
es  im  Herd  gefunden  hatte,  und  sich  drin  anfachend,  be- 
gann mit  den  Scheiten  zu  scherzen,  seine  kleinen 
Flämmchen  herumwirkend,  und  jetzt  da,  jetzt  dort,  zog 

269 


es  durch  die  Zwischenräume,  die  sich  zwischen  jenen 
befanden.  Und  zwischen  ihnen  mit  festlichem,  fröhlichen 
Durchzug  herumlaufend,  begann  es  aufzuschimmern  und 
erschien  bei  den  Intervallen  der  oberen  Scheite,  aus 
ihnen  bald  hier,  bald  dort  sich  lustige  Fenster  machend. 
Da  es  sich  schon  stark  über  das  Holz  gewachsen  und 
recht  groß  geworden  sah,  begann  es  seinen  sanften  und 
ruhigen  Mut  zu  geblähtem  und  unerträglichem  Stolz  zu 
erheben,  indem  es  sich  gewissermaßen  glauben  machte, 
es  ziehe  das  ganze  obere  Element  (das  Feuer)  auf  das 
bißchen  Holz  herab.  Und  zu  pusten  beginnend  und  den 
ganzen  umliegenden  Herd  mit  Geknister  und  sprühenden 
Funken  füllend,  richteten  die  Flammen,  groß  geworden, 
sich  schon  vereinigt  in  die  Luft  ...  als  die  höchsten 
Flammen,  beim  Boden  des  oberen  Kessels  durchstießen  . . . 

Vom  dummen     XXXVII.  MS.  CA.  FOL.  257  r. 

Schmetterling.  ,         r>  ,.  .         ,  r. 

Der  bemalte  Schmetterimg,  m  der  verfinsterten  Nacht 
herumschwärmend  und  eilend,  bekam  auf  einmal  ein  Licht 
vor  die  Augen,  nach  dem  er  gleich  sich  wendete,  und,  in 
verschiedenen  Ringen  jenes  umkreisend,  wunderte  er  sich 
stark  über  so  viel  glänzende  Schönheit.  Und  nicht  zu- 
frieden damit,  es  nur  zu  sehen,  machte  er  sich  daran, 
mit  jenem  zu  tun,  wie  er  mit  den  duftenden  Blumen  zu 
tun  pflegte,  und  seinen  Flug  hingekehrt,  begab  er  sich 
kühnen  Muts  in  die  Nähe  des  Lichts,  das  ihm  die  Enden 
der  Flügel  und  Beine  und  andere  Zieraten  verzehrte. 
Und  jenem  zu  Füßen  hingesunken,  betrachtete  er  mit 
Verwunderung  diesen  Fall,  in  den  er  hineingekommen 
war,  indem  es  ihm  nicht  in  den  Sinn  eingehen  wollte, 
daß  von  so  schöner  Sache  Übles  oder  Schaden  kommen 
könnte;  und,  die  versagenden  Kräfte  ein  wenig  neu 
hergestellt,  nahm  er  wieder  einen  zweiten  Flug  vor,  und 
nachdem  er  den  Körper  desselbigen  Lichtes  durchquert, 
fiel  er  plötzlich  verbrannt  in  das  Öl,  so  dieses  Licht 
nährte,  und  blieb    ihm  nur   so   viel   Leben,   daß   er   die 

270 


Ursache  seines  Schadens  betrachten  konnte,  jenem  sagend: 
„O  verfluchtes  Licht!  Ich  glaubte  in  dir  mein  Glück  ge- 
funden zu  haben;  ich  beweine  vergebens  den  wahnwitzi- 
gen Wunsch  und  durch  meinen  Schaden  habe  ich  deine 
verzehrende,  gefährliche  Natur  erkannt."  Auf  welches 
das  Licht  erwiderte:  „So  tue  ich  jenem,  der  mich  nicht 
gut  zu  gebrauchen  weiß." 

Für  jene  gesagt,  die  vor  sich  diese  lasziven  und  welt- 
lichen Vergnügungen  sehend,  gleich  dem  Schmetterling 
selbigen  zulaufen,  ohne  die  Natur  jener  in  Betracht  zu 
ziehen,  welche  von  selbigen  Menschen,  nach  langem 
Gebrauch,  mit  ihrer  Scham  und  ihrem  Schaden  erkannt 
werden. 

XXXVIII.  R.  1314,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 
Die  Spinne,   zwischen  den  Trauben  befindlich,    fing  die 

Fliegen  ab,  so  auf  selbigen  Trauben  sich  nährten;  kam 
die  Weinlese,  und  wurde  die  Spinne  mitsamt  den  Trauben 
zerstampft. 

Die  Rebe,  auf  dem  bejahrten  Baum  alt  geworden,  fiel 
zugleich  mit  der  Zerstörung  des  Baumes  und  mußte, 
wegen  der  schlechten  Gesellschaft,  mit  jenem  zugrunde 
gehen. 

Der  Wildbach  führte  so  viele  Erde  und  Steine  in  seinem 
Bett  mit,  daß  er  gezwungen  wurde,  seinen  Lauf  zu  ver- 
ändern. 

Das  Netz,  so  die  Fische  zu  fangen  pflegte,  wurde  ge- 
fangen und  fortgetragen  vom  Furor  der  Fische. 

XXXIX.  R.  1314,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 
Der  Schneeball,    je   mehr  er   rollend   von   den   Bergen 

Schnee  hinabtrug,  desto  mehr  wuchs  seine  Größe. 

Die  Weide,  welche  mit  ihren  langen  Schößlingen  gewillt 
ist  zu  wachsen  und  jeden  andern  Baum  zu  überragen,  — 
weil  sie  mit  der  Weinrebe  Gesellschaft  schloß,  die  jedes 
Jahr  beschnitten  wird,  wurde  auch  sie  immer  wieder 
verkrüppelt. 


Entwürfe. 


Desgleichen, 


271 


Entwurf. 


Fragment. 


Entwurf. 


Entwurf. 


Entwurf  und 
Fragment. 


XL.  MS.  G.  FOL.  89  r. 

Für  den  Dornbusch,  dem  man  gute  Früchte  aufpfropft. 
Er  bedeutet  jenen,  der  an  sich  nicht  zum  Guten  angelegt 
war,  doch  mittels  Beistand  des  Erziehers  die  nützlichsten 
Tugenden  trägt. 

XLL  MS.  G.  FOL.  89  r. 

Das  Gewandstück,   das   mit  der  Hand  in   den  Lauf  des 

fließenden  Wassers  gehalten  wird,  in  welchem  Wasser  das 

Zeug  seinen  ganzen  Schmutz  läßt,  bedeutet  dieses  usw. 

XLIL  MS.  L.FOL.  72  V. 

Der  Flachs  ist  dem  Tod  und  der  Fäulnis  der  Sterblichen 
geweiht,  —  dem  Tod  durch  die  Schlingen  und  Netze  für 
die  Vögel,  Tiere  und  Fische;  der  Fäulnis  durch  die  Linnen- 
gewebe, in  die  man  die  Leichen  wickelt,  so  man  beerdigt 
und  die  in  solchen  Linnen  vermodern. 

Und  dann,  der  Flachs  löst  sich  nicht  von  seinen  Fasern 
ab,  wenn  er  nicht  zu  modern  und  zu  faulen  beginnt,  und 
mit  diesem  sollte  man  die  Leichenbegängnisse  bekränzen 
und  schmücken. 

XLin.  MS.  CA.  FOL.  67  r. 

Fabel  von  der  Zunge,  die  von  den  Zähnen  gebissen  ward. 

XLIV.  R.  1324,  MS.  S.  K.  M.  IIL  FOL.  48  r. 

Das  Messer,  zufällige  Waffe,  verjagt  dem  Menschen  seine 
Nägel,  natürliche  Waffe. 

Der  Spiegel  spielte  sehr  den  Herrn,  weil  er  in  sich 
die  Königin  abgespiegelt  hielt;  da  diese  jedoch  abgereist, 
blieben  in  den  .  .  . 


XI.  SCHÖNE  SCHWANKE 


mann. 


MS.  CA.  FOL.  150  V.  ^,„^,,,,,,,^,, 
s  halten  die  Minoritenbrüder  zu  gewissen  Zeiten     "'»«"*  ^'»/- 

^  mann. 

irgendwelche  ihrer  Fasten,  während  welcher  sie 
in  ihren  Klöstern  kein  Fleisch  essen;  doch  auf 
Reisen,  da  sie  von  Almosen  leben,  haben  sie 
Lizenz,  das  zu  essen,  was  ihnen  vorgesetzt  wird. 
Daher,  als  auf  genannten  Reisen  ein  paar  selbiger  Brüder  in 
einem  Wirtshaus  sich  niederließen,  in  Gesellschaft  eines 
gewissen  kleinen  Kaufmanns,  der  an  dem  gleichen  Tische 
saß,  an  dem,  wegen  der  Armut  des  Wirtshauses,  nichts 
aufgetragen  wurde  als  ein  gekochtes  Huhn,  selbiger 
kleine  Kaufmann,  sehend,  daß  dieses  für  ihn  wenig  sei, 
sich  zu  selbigen  Klosterbrüdern  wendete  und  sprach:  — 
„Wenn  ich  mich  recht  erinnere,  esset  ihr  an  solchen 
Tagen  in  eueren  Klöstern  in  keinerlei  Weise  Fleisch". 
—  Auf  welche  Worte  die  Brüder  um  ihrer  Regel  willen 
gezwungen  waren,  ohne  andere  Spitzfindigkeit  zu  sagen, 
daß  dies  die  Wahrheit  sei:  daher  der  Kaufmann  seinen 
Willen  hatte  und  so  selbiges  Huhn  für  sich  aufaß;  und 
die  Klosterbrüder  machten  das  Beste  daraus. 

Nun,    nach    solchem    Frühstück    brachen    diese    Tisch- 
genossen alle  drei  in  Gesellschaft  auf  und 

MS.  CA.  FOL.  150  r. 
da  sie  nach  kurzem  Wege  einen  Fluß  trafen,  von  tüch- 
tiger Breite  und  Tiefe,  und  alle  drei  zu  Fuß  waren,  — 
die  Mönche  aus  Armut  und  der  andere  aus  Geiz,  war 
es  zum  Nutzen  der  Gesellschaft  notwendig,  daß  einer 
der  Klosterbrüder,  nachdem  er  die  Schuhe  ausgezogen, 
selbigen    Kaufmann    auf   seinen   Schultern    hinübertrage: 

18        Herzfeld,  Leonardo 

273 


worauf,   nachdem   der  Frate  ihm   die  Holzpantoffel   zum 
Aufheben  gegeben,  er  sich  selbigen  Mann  auflud. 

Nun  geschah  es,  daß  selbiger  Frate,  sich  inmitten  des 
Flusses  befindend,  auch  er  sich  seiner  Regel  erinnerte, 
und  stehen  bleibend,  wie  der  h.  Christophorus,  erhob  er 
den  Kopf  zu  jenem,  der  auf  ihm  lastete:  —  »Sag  mir 
ein  wenig,  hast  du  kein  Geld  bei  dir?"  —  „Wohl  weißt 
du  es,"  antwortete  er;  „wie  glaubt  ihr  denn,  daß  ein 
Kaufmann  meinesgleichen  anderswie  herumginge?"  — 
„O  weh!"  sprach  der  Frate;  „unsere  Regel  verbietet,  daß 
wir  Geld  bei  uns  tragen  dürfen"  —  und  warf  ihn  plötz- 
lich ins  Wasser.  Welche  Sache  dem  Kaufmann  bewußt 
geworden,  daß  nämlich  scherzhaft  die  angetane  Kränkung 
gerächt  worden  war,  ertrug  er  mit  liebenswürdigem  Lachen, 
friedlich  und  vor  Scham  halb  errötet,  diese  Rache. 

Ein  Priester,  der  am  Karsamstag  durch  seine  Ge- 
meinde ging  und,  wie  es  Brauch  ist,  in  den  Häusern 
das  Weihwasser  sprengte,  geriet  in  das  Zimmer  eines 
Malers,  wo,  als  er  das  Wasser  auf  irgendwelches  seiner 
Bilder  spritzte,  selbiger  Maler,  sich  etwas  ärgerlich  um- 
kehrend, fragte,  warum  er  denn  seine  Gemälde  so  be- 
spritze. Darauf  sagte  der  Geistliche,  es  sei  derart  Brauch 
und  seine  Pflicht,  also  zu  tun,  und  daß  er  gut  tue,  und 
wer  Gutes  tue,  habe  Gutes  und  Besseres  zu  erwarten, 
denn  so  versprach  es  Gott,  und  daß  von  allem  Guten, 
so  man  auf  Erden  tue,  man  von  oben  für  jegliches 
das  Hundertfache  kriegen  werde.  Der  Maler  hierauf, 
wartend,  daß  jener  hinausginge,  machte  sich  droben  an 
das  Fenster  und  goß  einen  großen  Kübel  Wasser  selbi- 
gem Priester  über  den  Kopf,  sprechend:  —  „Da,  nun 
kriegst  du  von  oben  das  Hundertfache  für  jegliches, 
wie  du  sagtest,  daß  es  geschehen  werde  für  das  Gute, 
so  du  mir  durch  dein  heiliges  Weihwasser  tatest,  mit 
dem  du  meine  Malereien  halb  verdorben  hast." 

274 


III.  MS.  CA.  FOL.  76  r.    ff<«ch«  Antwort. 

Einer  sagte,  daß  seine  Heimat  die  sonderbarsten  Dinge 
der  Welt  hervorbringe.  Der  andere  versetzte:  —  „Du, 
so  dort  geboren  ist,  bestätigest  das  durch  die  Sonderbar- 
keit deiner  häßlichen  Gegenwart." 

IV.  MS.  M.FOL.  58  V.    Ein  Pythagoräer 

äbertrampfl. 

Als  einer  mit  der  Autorität  des  Pythagoras  beweisen 
wollte,  wie  schon  andere  Male  er  auf  der  Welt  gewesen, 
und  jemand  ihn  seine  Begründung  nicht  beendigen  ließ, 
da  sagte  jener  zu  diesem  also:  —  „Und  zum  Beweis, 
daß  ich  zum  anderen  Male  hier  bin:  ich  erinnere  mich, 
du  warst  damals  Müller."  —  Dieser,  der  sich  von  den 
Worten  gestochen  fühlte,  bestätigte  hierauf,  daß  es  wahr 
sei,  und  daß  als  Gegenzeichen  wieder  er  sich  erinnere, 
jener  selbige  sei  der  Esel  gewesen,  der  ihm  damals  das 
Mehl  trug. 

V.  MS.  M.  FOL.  58  V.  Schwank. 

Man  fragte  einen  Maler,  warum,  nachdem  er  seine  Fi- 
guren so  schön  machte,  die  doch  tote  Sachen  wären,  aus 
welchem  Grund  er  seine  Kinder  so  häßlich  gemacht. 
Hierauf  erwiderte  der  Maler,  seine  Malereien,  die  mache 
er  eben  bei  Tag  und  die  Kinder  bei  Nacht. 

VI.  MS.  CA.  FOL.  306  V.        Ein  wahrer 

Freund. 

Jemand  ließ  den  Verkehr  mit  einem  seiner  Freunde, 
weil  dieser  ihm  häufig  von  seinen  eigenen  Freunden 
Übles  sprach.  Welcher,  von  seinem  Freunde  verlassen, 
sich  eines  Tages  bei  ihm  beklagte  und  nach  vielem  Klagen 
bat,  er  möge  ihm  doch  sagen,  welches  die  Ursache  sei, 
die  ihn  so  viel  Freundschaft  habe  vergessen  gemacht. 
Worauf  selbiger  antwortete:  —  „Ich  will  mit  dir  nicht 
mehr  verkehren,  weil  ich  dir  gut  bin  und  nicht  will, 
daß,  wenn  du  anderen  Übles  erzählest  von  mir,  deinem 
Freunde,  diese  anderen  wie  ich  von  dir  einen  schlechten 
Eindruck    erfahren,   weil   du   von  mir,    deinem  Freunde, 

18* 

275 


Scherz, 


Der  Handwerker 
and  der  Herr, 


Ein  Sieben- 
schläfer 


Gewonnene 
Wette, 


jenen  Übles  erzählst;  daher,  wenn  wir  nicht  mehr  mit- 
einander verkehren,  wird  es  scheinen,  wir  seien  Feinde 
geworden,  und  wegen  deines  von  mir  Übles  Redens,  wie 
es  deine  Gewohnheit  ist,  wirst  du  nicht  so  sehr  getadelt 
zu  werden  brauchen,  wie  wenn  wir  miteinander  verkehrten." 

VII.  R.  1290,  MS.  S.  K.  M.  112.  FOL.  44  r. 
Ein  Kranker,    in  articulo  mortis,   hörte  an  seiner  Türe 

klopfen,  und  als  er  einen  seiner  Diener  fragte,  wer  am 
Eingang  klopfe,  antwortete  derselbige  Diener,  es  sei  eine 
Frau,  die  sich  Madonna  Bona  nenne.  Da  hob  der  Kranke 
seine  Arme  zum  Himmel  und  dankte  Gott  mit  lauter 
Stimme;  dann  sagte  er  den  Dienern,  sie  mögen  jene 
rasch  hereinkommen  lassen,  damit  er  eine  „donna  bona" 
(eine  gute  Frau)  sehen  könne,  ehe  er  stürbe,  indem  er 
zu   seinen  Lebzeiten   niemals  eine  solche  gesehen  habe. 

VIII.  R.  1282,  MS.  S.  K.  M.  III.  FOL.  58  r. 
Ein  Handwerker,  der  oft  ging,  einen  gebietenden  Herrn  zu 

besuchen,  ohne  irgend  etwas  dabei  zu  verlangen,  wurde 
von  selbigem  Herrn  gefragt,  was  er  eigentlich  hier  mache. 
Dieser  sagte,  er  komme  her,  um  Vergnügungen  zu  haben, 
die  jener  zu  haben  nicht  vermöge;  denn  er  sehe  gern 
Männer,  die  mächtiger  seien  als  er,  wie  die  Bürgersleute 
so  tun,  aber  daß  der  Herr  nichts  sehen  könne  als  Men- 
schen von  geringerer  Macht  als  der  seinen  ;  daher  fehlte 
den  Signori  derartiges  Vergnügen. 

IX.  R.  1291,  MS.  S.  K.  M.  112  FOL.  43  v. 
Es  wurde   einem  gesagt,   er  möge   doch   aus  dem  Bett 

aufstehen,  denn  die  Sonne  sei  schon  aufgestanden.  Und 
er  antwortete:  „Wenn  ich  eine  solche  Reise  und  so  viel 
zu  tun  vorhätte  wie  sie,  wäre  ich  auch  schon  aufgestan- 
den; aber  da  ich  nur  einen  so  kleinen  Weg  habe,  bleibe 
ich  noch  im  Bett." 

X.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Als   einer  disputierend  sich  rühmte,   viele  verschieden- 


276 


artige  und  schöne  Spiele  zu  wissen,  sagte  ihm  ein  an- 
derer der  Umstehenden:  —  „Ich  weiß  ein  Spiel,  welches 
jeden  nach  meinem  Gutdünken  Hosen  überziehen  macht." 
—  Der  erste  Prahler,  der  keine  Beinkleider  trug:  — 
„Wahrhaftig  nicht,"  sagte  er;  „mich  wirst  du  keine  über- 
ziehen machen!  Und  gehe  es  um  ein  Paar  Strümpfe!"  — 
Der  Proponent  selbigen  Spieles,  die  Einladung  annehmend, 
verschaffte  sich  mehrere  Paare  Beinkleider  und  zog  sie 
in  raschem  Strich  dem  Einsetzer  von  Strümpfen  über  das 
Gesicht  und  gewann  so  die  Wette. 

XI.  MS.  CA.  FOL.  76  r. 
Einer  sagte  zu  seinem  Bekannten:  —  „Du  hast  deine 

Augen  in  sonderbarer  Farbe  verändert."  —  Jener  ant- 
wortete, das  geschehe  ihm  oft;  „aber  du  hast  ihm  keine 
Aufmerksamkeit  geschenkt."  —  »Und  wann  geschieht  es 
dir?"  —  Versetzte  der  andere:  —  „So  oft  als  meine 
Augen  dein  sonderbares  Gesicht  sehen,  durch  die  Ge- 
walt, die  ihnen  so  großes  Mißfallen  antut,  erbleichen  sie 
und  wechseln  in  so  sonderbarer  Farbe." 

XII.  MS.  TR.  FOL.  40  V. 
Ein  Greis  verhöhnte  einen  Jüngling  öffentlich,  indem  er 

kühn  jenen  nicht  zu  fürchten  zeigte,  worauf  der  Jüngling 
ihm  erwiderte,  langes  Alter  sei  ihm  ein  besserer  Schild 
als  seine  Zunge  oder  Kraft. 


Schlagfertige 
Antwort. 


Feine  Lektion. 


XII.  PROPHEZEIUNGEN 


M 


MS.  J.  FOL.  63  r. 
an  wird  die  Gattung  des  Löwen  mit  den  be- 
krallten Pranken  die  Erde  öffnen  und  in  die 
gemachten  Löcher  zugleich  mit  sich  selbst 
die  anderen  ihr  unterworfenen  Tiere  begraben 
sehen. 

Es  werden  aus  der  Erde  Tiere,  in  Dunkelheit  geklei- 
det, hervorkommen,  die  mit  merkwürdigen  Sprüngen  das 
menschliche  Geschlecht  angreifen  werden,  und  dieses,  von 
wilden  Bestien  gebissen,  wird  eine  Vergießung  seines 
Blutes  machen,  das  von  ihnen  aufgezehrt  wird. 

Auch  wird  die  Luft  durcheilen  die  ruchlose  beflügelte 
Art,  so  die  Menschen  und  die  Tiere  überfallen  und  sich 
von  ihnen  mit  großem  Geschrei  nähren  wird.  Sie  wer- 
den sich  ihre  Bäuche  mit  purpurrotem  Blute  füllen. 

IL  MS.  J.  FOL.  63  v. 

Man  wird  das  Blut  aus  dem  zerrissenen  Fleisch  heraus- 
kommen sehen,  die  oberflächlichen  Teile  der  Menschen 
überrieseln. 

—  Man  wird  an  den  Menschen  solch  grausame  Krank- 
heit sehen,  daß  sie  mit  den  eigenen  Nägeln  sich  ihr 
Fleisch  zerreißen  werden  —  es  wird  die  Krätze  sein. 

—  Man  wird  die  Pflanzen  ohne  Blätter  sehen  und  die 
Flüsse  im  Lauf  innehalten. 

IIL  MS.  J.  FOL.  63  V. 

Das  Wasser  des  Meeres  wird  sich  über  die  hohen  Gipfel 
der  Berge  zum  Himmel  erheben  und  auf  die  Wohnungen 
der  Menschen  herabfallen.  —  Nämlich  in  Wolken. 


278 


—  Man  wird  die  größten  Bäume  des  Waldes  von  der 
Wut  der  Stürme  vom  Orient  zum  Okzident  getragen  sehen. 

—  Das  heißt  vom  Meer. 

Die  Menschen  werden  die  eigenen  Nahrungsmittel  weg- 
werfen, nämlich  säend. 

IV.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von  den  Kindern,  die  in  Wickel  gebunden  sind 
O  Städte   am  Meer!     Ich   sehe   in  euch   euere  Bürger, 

männliche  wie  weibliche,  mit  starken  Binden  an  den 
Armen  und  Beinen  von  Leuten  fest  gewickelt,  so  unsere 
(euere)  Sprachen  nicht  verstehen;  und  eueren  Schmerzen 
und  der  verlorenen  Freiheit  werdet  ihr  nur  Luft  machen 
können  mittels  tränenreichen  Weinens  und  Seufzens  und 
Klagens  unter  euch  selbst;  denn  die  euch  banden, 
werden  euch  nicht  verstehen,  noch  werdet  ihr  sie  ver- 
stehen. 

V.  MS.  J.  FOL.  64  r. 
Es  wird  das  menschliche  Geschlecht  auf  einen  solchen 

Punkt  kommen,  daß  der  eine  nicht  mehr  das  Reden  des 
andern  verstehen  wird  —  nämlich  der  Deutsche  nicht 
den  Türken. 

—  Man  wird  die  Väter  ihre  Töchter  der  Wollust  der 
Männer  preisgeben  und  diese  belohnen  und  jede  frühere 
Aufsicht  verlassen  sehen  —  wenn  die  Mägdlein  sich  ver- 
heiraten. 

—  Die  Menschen  werden  aus  den  Gräbern  kommen, 
in  Vögel  verwandelt,  und  werden  die  andern  Menschen 
anfallen,  ihnen  die  Speise  von  den  eigenen  Händen  und 
Tischen  nehmen.  —  Die  Fliegen  .... 

VI.  MS.  J.  FOL.  64  r. 

—  Zahlreich  werden  jene  sein,  die  ihre  Mutter  schin- 
den und  ihr  die  Haut  umdrehen.  —  Die  Ackerbauer. 

—  Glücklich  werden  die  sein,  so  den  Worten  der  Toten 
Gehör  schenken.  —  Gute  Werke  lesen  und  beachten. 

279 


VII.  MS.  J.  FOL.  65  r. 

—  Die  Federn  werden  die  Menschen  gleichwie  Vögel 
gegen  Himmel  heben  —  nämlich  durch  die  Bücher,  so 
diese  Federn  gemacht. 

—  Die  Werke  der  Menschen  werden  Ursachen  ihres 
Todes  sein:  die  Schwerter  und  Lanzen. 

—  Die  Menschen  werden  jene  Sache  verfolgen,  vor  der 
sie  sich  am  meisten  fürchten,  d.  h.  sie  werden  elend  sein, 
um  nicht  ins  Elend  zu  geraten. 

—  Die  getrennten  Sachen  werden  sich  vereinigen,  und 
in  sich  solche  Kraft  bekommen,  daß  sie  den  Menschen 
das  verlorene  Gedächtnis  wiedergeben  werden.  —  Näm- 
lich, die  Papyrus,  welche  aus  zertrennten  Fasern  gemacht 
sind  und  die  menschlichen  Dinge  und  Taten  der  Er- 
innerung aufbewahren. 

—  Man  wird  die  Gebeine  der  Toten  mit  hurtiger  Be- 
wegung das  Glück  derer  behandeln  sehen,  die  sie 

VIII.  MS.  J.  FOL.  64  V. 
in  Bewegung  setzen.  —  Die  Würfel. 

—  Die  Rinder  werden  mit  ihren  Hörnern  das  Feuer 
gegen  den  Tod  verteidigen.  —  Die  Laternen. 

—  Die  Wälder  werden  Kinder  gebären,  die  die  Ursache 
ihres  Todes  sein  werden.  —  Den  Stiel  der  Axt. 

IX.  MS.  J.  FOL.  65  r. 

—  Die  Menschen  werden  jene  scharf  schlagen,  so  die 
Ursache  ihres  Lebens  sind.  —  Sie  werden  das  Getreide 
dreschen. 

—  Die  Häute  der  Tiere  werden  die  Menschen  mit  gro- 
ßem Geschrei  und  Flüchen  aus  ihrem  Schweigen  bringen. 
—  Die  Bälle  zum  Spielen. 

—  Oftmals  wird  die  veruneinigte  Sache  Grund  großer 
Einigkeit  werden  —  nämlich  der  Kamm,  der  aus  Rohr 
gemacht  ist,  einigt  den  Faden  der  Leinwand. 

—  Der  Wind,  der  durch  die  Haut  der  Tiere  ging,  wird 

280 


die  Menschen  springen   machen.   —   Das  ist  der  Dudel- 
sack, welcher  tanzen  macht. 

X.  MS.  J.  FOL.  65  V. 
Von  geprügelten  Nußbäumen 

Die  es  am  besten  gemacht,  werden  am  meisten  ge- 
schlagen werden,  und  ihre  Kinder  ihnen  weggenommen, 
oder  selben  die  Haut  abgezogen  oder  weggerissen,  und 
sie  werden  zerbrochen  und  ihre  Knochen  zertrümmert 
werden. 

Von  den  Skulpturen 

Weh  mir!  Was  sehe  ich!  Der  Heiland  aufs  neue  ge- 
kreuzigt! 

Vom  Mund  des  Menschen,  der  ein  Grab  ist 
Es  werden  große  Geräusche  kommen  aus  den  Gräbern 
jener,  so  eines  Übeln  und  gewaltsamen  Todes  gestorben  sind. 

Von  den  Häuten   der  Tiere,   die   das  Verständnis 
des   Taktes    haben,    welcher    über    den   Schriften 

steht 
Je  mehr  man  mittels  der  Häute,  Kleidern  des  Gefühles, 
reden  wird,  desto  mehr  wird  man  Weisheit  erwerben. 

Von  Priestern,  die  die  Hostie  im  Leibe  haben 
Dann  werden  fast  alle  Tabernakel,  in  denen  das  Corpus 

domini  ist,  ganz  offenbar  von  selbst  verschiedene  Wege 

der  Welt  gehen. 

XI.  MS.J  FOL.  66  r. 

—  Und  jene,  so  die  Luft  ernährt,  werden  aus  der  Nacht 
Tag  machen.  —  Unschlitt. 

—  Und  viele  Tiere  der  Erde  und  des  Wassers  werden 
unter  die  Sterne  steigen.  —  Planeten. 

—  Man  wird  die  Toten  die  Lebendigen  nach  verschie- 
denen Teilen  tragen  sehen.  —  Schiffe  und  Wogen. 

—  Vielen  wird  die  Nahrung  vom  Munde  weggenommen 
werden.  —  Den  Backöfen. 

281 


—  Und  jenen,  die  den  Mund  gefüllt  haben  durch  an- 
derer Hände,  wird  die  Speise  aus  dem  Mund  genommen 
werden.  —  Dem  Ofen. 

XII.  MS.  J.  FOL.  66  V. 
Von  verkauften  Kruzifixen 

Ich  sehe  von  neuem  den  gekreuzigten  Christus  ver- 
kaufen und  seine  Heiligen  martern. 

Von  den  Ärzten,  die  von  den  Kranken  leben 
Die  Menschen  werden  in  solche  Armseligkeit  geraten, 

daß  sie  es  zu  Gnaden  nehmen,  wenn   andere  über  ihre 

Übel  triumphieren. 
Oder  über  den  Verlust  ihres  wahren  Reichtums,  das  ist 

der  Gesundheit. 

Von  der  Religion  der  Mönche,  die  von  ihren  schon 
lang  verstorbenen  Heiligen  leben 
Die  gestorben  sind,  nach  tausend  Jahren  werden  es  jene 
sein,  welche  viele  Lebende  erhalten  werden. 

Von  den  Steinen,  so  in  Kalk  verwandelt  sind  und 
aus  denen  man  die  Gefängnisse  mauert 
Viele,   die  vor  dieser  Zeit  vom  Feuer  zerstört  wurden, 
werden  vielen  Menschen  die  Freiheit  rauben. 

XIII.  MS.  J.FOL.  67  r. 
Von  den  Kindern,  die  gesäugt  werden 

Mancher  Franziskus,  Dominik  und  Benedikt  wird  das 
essen,  was  von  andern  andere  Male  ganz  in  der  Nähe  ge- 
gessen wurde,  und  wird  viele  Monate  so  verbleiben,  ehe 
er  sprechen  kann. 

Von  Muscheln  und  Schnecken,  die  vom  Meer  ver- 
schmäht in  ihren  Schalen  faulen  werden 
Wie  viele  sind  derer,  welche  tot  in  ihren  eigenen  Häu- 
sern  vermodern  und   die  Umgebung  mit  üblem  Gestank 
erfüllen. 


282 


XIV.  MS.  CA.  FOL.  129  v. 
Von  den  Nattern  in  der  Störche  Schnabel 

In  großer  Höhe  der  Luft  wird  man  ungeheuer  lange 
Schlangen  mit  Vögeln  kämpfen  sehen. 

XV.  MS.  L.  FOL.  91  r. 
Von  den  Maultieren,  so  die  reichen  Summen  des 

Goldes  und  Silbers  tragen 
Viele   der  Schätze  und   der  großen  Reichtümer  werden 
bei   den  Tieren  mit  vier  Füßen  sein,   die   sie   nach  ver- 
schiedenen Orten  tragen  werden. 

XVI.  MS.J.  FOL.  138v. 
Elstern  und  Stare 

Wer  sich  getrauen  wird,  neben  ihnen  zu  wohnen,  —  es 
werden  große  Schwärme  sein,  —  fast  alle  werden  eines 
grausamen  Todes  sterben,  und  man  wird  die  Väter,  die 
Mütter  und  zugleich  deren  Familien  von  grausamen  Tie- 
ren verzehrt  und  getötet  sehen. 

XVIL  MS.  K.  FOL.  50. 

Vom    Schatten,   den   der  Mensch    des   Nachts    mit 
dem  Lichte  macht 
Werden    sehr   große  Figuren  in  menschlicher  Form  er- 
scheinen,  die,   je   mehr  sie  sich  dir  nähern,  desto  mehr 
ihre  ungeheuere  Größe  verlieren  werden. 

XVin.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Vom  Träumen 
Es  wird  dem  Menschen  scheinen,  am  Himmel  neues 
Verderbnis  zu  sehen;  er  wird  glauben,  sich  fliegend  zu 
jenem  hinaufzuheben  und  dann  mit  Angst  die  Flammen 
zu  fliehen,  die  von  ihm  herabsteigen;  sie  werden  die 
Tiere  reden  hören,  von  jeglicher  Sorte,  in  menschlicher 
Sprache;  sie  werden  unmittelbar  mit  der  eigenen  Person 
die  verschiedenen  Teile  der  Welt  durcheilen,  ohne  Be- 
wegung;   sie   werden    in   den    Finsternissen    ungeheuere 

283 


Klarheiten  sehen.  —  O  Wunder  der  menschlichen  Gattung! 
Welcher  Wahnsinn  hat  dich  geleitet?  Du  wirst  mit  Tie- 
ren aller  Art  reden,  und  diese  mit  dir,  in  menschlicher 
Sprache.  Du  wirst  dich  von  großen  Höhen  fallen  sehen, 
ohne  deinen  Schaden.  Die  Wildbäche  werden  dich  ge- 
leiten .  .  . 

XIX.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von   den  Schafen,  Kühen,  Ziegen  und  ähnlichen 

Unzähligen  werden  ihre  kleinen  Kinder  genommen  wer- 
den, und  diese  abgehäutet  und  grausamst  gevierteilt. 

XX.  MS.  CA.  FOL.  37  v. 

Der  Zusammenstoß  der  Sonnensphäre 
Wird  etwas  erscheinen,  so  daß,  wer  zu  bedecken  glaubt, 
von  ihm  bedeckt  werden  wird. 

XXL  MS.  CA.  FOL.  37  v. 

Von  Geld  und  Gold 
Wird    aus    abgründigen    Löchern    hervorgehen,    was    in 
Schweiß  alle  Völker  der  Welt  mit  großen  Leiden,  Ängsten 
und  Mühen  sich  plagen  machen  wird,  um  von  ihm  unter- 
stützt zu  werden. 

XXII.  MS.  CA.  FOL.  37  v. 
Von  der  Furcht  vor  Armut 

Die  Ruchlosigkeit  und  Schrecklichkeit  werden  aus  sich 
den  Menschen  so  viel  Angst  einflößen,  daß  selbige,  fast 
wie  Narren,  indem  sie  ihr  zu  entfliehen  glauben,  in  hur- 
tiger Bewegung  vor  ihrer  unermessenen  Kraft  werden 
Anker  werfen. 

XXIII.  MS.  CA.  FOL.  37  v. 

Vom  Rat 

Und  der,  dem  er  am  notwendigsten  wäre,  —  der  des  Rates 
bedarf,  dem  wird  er  unbekannt  sein,  und  wenn  bekannt, 
sehr  verachtet. 


284 


XXIV.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von  den  geprügelten  Eseln 

O  wahrlose  Natur,  warum  hast  du  dich  parteiisch  ge- 
macht, deinen  Kindern,  den  einen  eine  barmherzige  und 
gütige  Mutter,  den  anderen  die  grausamste  und  mitleidsbare 
Stiefmutter?  Ich  sehe  deine  Kinder  in  die  Knechtschaft 
anderer  gegeben,  ohne  jemals  irgendeine  Wohltat,  und 
statt  der  Belohnung  für  geleistete  Dienste,  mit  unge- 
heueren Martern  gezahlt  werden  und  stets  ihr  Leben  zum 
Einkommen  ihrer  Übeltäter  verwenden. 

XXV.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von  den   Katzen,   so  die  Mäuse   fressen 

Bei  euch,  Städte  Afrikas,  wird  man  euere  Eingeborenen 
in  den  eigenen  Häusern  von  höchst  grausamen  und  raub- 
gierigen Tieren  eueres  Landes  zerrissen  sehen. 

XXVL  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Von   den  Bienen 

Und  vielen  anderen  werden  die  Vorräte  und  ihre  Speise 
genommen  werden,  und  grausam,  von  Menschen  ohne 
Vernunft,  werden  sie  ertränkt  und  vernichtet  werden.  O 
Gerechtigkeit  Gottes,  warum  erwachst  du  nicht,  um  deine 
Geschöpfe  so  mißhandelt  zu  sehen! 

XXVn.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Von  den  Ameisen 

Viele  Völker  werden  es  sein,  die  sich  und  ihre  Kin- 
der und  Mundvorräte  innerhalb  dunkler  Höhlen  verbergen 
werden,  und  hier,  in  den  finsteren  Orten,  werden  sie 
sich  und  ihre  Familien  viele  Monate  ernähren,  ohne 
irgendwelches  andere  künstliche  oder  natürliche  Licht. 
XXVIIL  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Von    den    Nüssen    und    Oliven    und    Eicheln    und 
Kastanien   und   ähnlichem 

Viele  Kinder,  von  Ruchlosen  geschlagen,  werden  den 
Armen  der  eigenen  Mütter  entrissen  werden  und  zu 
Boden  geworfen  und  dann  zerfleischt. 

285 


XXIX.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von  Gottesdienst,  Begräbnissen  und  Prozessio- 
nen   und    Lichtern   und    Glocken   und   Kompagnie 

Den  Menschen  werden  große  Ehren  und  Pomp  erwiesen 
werden,  ohne  ihr  Wissen. 

XXX.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von   den   Menschen,   welche  auf  den  Balken  des 

Baumes  schlafen 
Die  Menschen  werden  schlafen  und  essen  und  wohnen 
zwischen  den  Bäumen,  die  im  Wald  und  auf  den  Äckern 
geboren  sind. 

XXXL  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Von   den  Christen 

Viele,  so  den  Glauben  an  den  Sohn  festhalten  und  nur 
im  Namen  der  Mutter  Tempel  errichten. 

XXXII.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 
Von  der  Speise,   die  lebendig  wird 

Ein  großer  Teil  der  belebten  Körper  wird  durch  die 
Körper  der  anderen  Wesen  gehen,  nämlich  die  unbewohn- 
ten Häuser  werden  in  Stücken  durch  die  bewohnten 
Häuser  gehen,  ihnen  etwas  Nützliches  gebend  und  ihre 
Schädlichkeiten  mitführend:  das  ist  nämlich,  das  Leben 
des  Menschen  wird  gemacht  durch  die  gegessenen  Dinge, 
welche  jenen  Teil  des  Menschen,  der  gestorben  ist,  mit 
sich  nehmen. 

XXXIII.  MS.  CA.  FOL.  145  r. 

Von  den  Bombarden,  die  aus  der  Grube  und  der 
Form  hervorkommen 
Es  wird  unter  der  Erde  hervorkommen,  was  mit  furcht- 
barem Schrei  die  umstehenden  Nachbarn  entsetzen  und 
mit  seinem  Atem  die  Menschen  töten  wird  und  Städte 
und  Kastelle  zerstören. 


286 


XXXIV.  R.  1297,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 
Viele    werden   jene    sein,    so    in    den    eigenen   Ruinen 

wachsen. 

Der  Schneeball,  der  über  den  Schnee  hinrollt. 

Groß  wird  die  Schar  jener  sein,  die,  in  Vergessenheit 
ihres  Namens  und  Daseins,  wie  Tote  auf  den  Beutestücken 
von  anderen  Toten  liegen  werden. 

Das  Schlafen  auf  den  Federn  von  Vögeln. 

Man  wird  die  östlichen  Teile  zu  den  westlichen  fliehen 
sehen,  und  die  südlichen  nach  dem  Norden,  im  ganzen 
Weltall  mit  großem  Lärm  und  Erschütterung  und  Wut 
durcheinander  geratend. 

Der  Ostwind,  der  nach  Westen  fuhr. 

XXXV.  R.  1297,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 
Ein  großer  Teil  des  Meeres  wird  sich  gegen  den  Him- 
mel  flüchten   und  durch   lange  Zeit   nicht  zurückkehren. 
—  Das  ist,  als  Wolken. 

Bleibt  uns  die  Bewegung,  die  den  Motor  vom  Bewegten 
trennt. 

Es  wird  vernichtet  werden,  wer  das  Licht  für  den  Dienst 
Gottes  bereitet.  Die  Bienen,  die  das  Wachs  für  die 
Kerzen  machen. 

Die  Toten  werden  unter  der  Erde  hervorkommen,  und 
durch  ihre  wilden  Bewegungen  werden  sie  ungezählte 
menschliche  Geschöpfe  aus  der  Welt  jagen. 

Das  Eisen,  welches  man  unter  der  Erde  hervorzieht, 
ist  tot,  und  man  macht  daraus  Waffen,  die  so  viele  Men- 
schen töten. 

Die  größten  Berge,  wenn  sie  auch  vom  Meeresstrand 
noch  so  weit  entfernt  sind,  werden  das  Meer  von  seinem 
Platz  vertreiben. 

Es  sind  das  die  Flüsse,  welche  die  Erde  bringen,  so 
sie  von  den  Bergen  weggenommen  haben,  und  sie  am 
Merresstrand  abladen;  und  wo  diese  Erde  hinkommt, 
flieht  das  Meer. 


287 


XXXVI.  R.  1297,  MS.  BR.  M.  FOL.  42  v. 

Das  Wasser,  welches  aus  den  Wolken  gefallen,  so  noch 
über  den  Abhängen  der  Berge  in  Bewegung  sind,  wird 
für  lange  Zeit  sich  aufhalten,  ohne  sich  irgendwie  zu 
rühren,  und  das  wird  in  vielen  und  verschiedenen  Pro- 
vinzen geschehen. 

Der  Schnee,  so  in  Flocken  fällt,  und  Wasser  ist. 

Die  großen  Steine  der  Berge  werden  Feuer  auswerfen, 
so  daß  sie  das  Holz  von  vielen  und  sehr  großen  Wäldern 
und  viele  wilde  und  zahme  Tiere  verbrennen  werden. 

Der  Flintenstein,  der  Feuer  macht,  welches  alle  die 
Ladungen  von  Holz  verbrennen  wird,  und  so  die  Wälder 
verwüsten.  Und  man  wird  damit  das  Fleisch  der  Tiere 
braten. 

O,  wie  viele  große  Gebäude  werden  wegen  des  Feuers 
zerstört! 

Vom  Feuer  der  Bombarden. 

Die  Ochsen  werden  zum  großen  Teil  Ursache  sein  des 
Ruines  der  Städte,  und  gleicherweise  Pferde  und  Büffel. 

Sie  ziehen  die  Bombarden. 

XXXVIL  R.  1310,  MS.  BR.  M.  FOL.  212  v. 

Vom  Korn  und  anderen  Samen 

Es  werden  die  Menschen  aus  den  eigenen  Häusern  die 

Lebensmittel  hinauswerfen,  welche  bestimmt  waren,  ihr 

Dasein  zu  unterhalten. 

Von  den  Bäumen,  so  die  Pfropfreiser  nähren 

Man  wird  die  Väter  und  Mütter  viel  mehr  Vorteile  den 
Stiefkindern  gewähren  sehen  als  ihren  wahren  Kindern. 

Von  den  Weihrauchfässern 

Jene,  die  in  weißen  Gewändern  herumgehen  werden, 
mit  anmaßenden  Bewegungen  mittels  Metall  und  Feuer 
andere  bedrohend,  die  ihnen  nicht  den  geringsten  Scha- 
den getan  .... 

288 


XXXVIII.  R.  1312,  MS.  S.  K.  M.  II2.  FOL.  3  r. 

Die  Schuster 

Menschen  werden  mit  Vergnügen  die  eigenen  Werke 
verderben  und  zerreißen  sehen. 

XXXIX.  R.  1311,  MS.  S.  K.  M.  II2.  FOL.  53  v. 

Vom  Mähen  des  Grases 

Es  werden  ungezählte  Leben  erlöschen  und  auf  der  Erde 
zahllose  Löcher  entstehen. 

Vom    Leben    der    Menschen,    die    jedes    Jahr    ihr 
Fleisch  wechseln 

Die  Menschen  werden  tot  durch  die  eigenen  Eingeweide 
gehen. 

XL.  R.  1313,  MS.  S.  K.  M.  IP.  FOL.  69r. 

Von  den  Zicklein 

Es  werden  die  Zeiten  des  Herodes  wiederkehren,  denn 
die  unschuldigen  Kindlein  werden  ihren  Ammen  entrissen 
werden  und  von  grausamen  Menschen  mit  großen  Wun- 
den umgebracht. 

XLL  R.  1329,  MS.  W.  FOL.  XXX. 

Von  den  Bienen 

Sie  leben  in  Völkerschaften  zusammen,  werden  ver- 
nichtet, um  ihnen  den  Honig  wegzunehmen.  Viele  und 
große  Völkerschaften  werden  in  den  eigenen  Häusern 
verrichtet  werden. 

XLII.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom  Geizigen 

Viele  werden  es  sein,  die  mit  allem  Fleiß  und  Eifer 
jener  Sache  voll  Wut  nachfolgen,  vor  welcher  sie  immer 
erschrocken  sind,  ohne  ihre  Bosheit  zu  kennen. 

19        Herzfeld,  Leonardo 

289 


XLIII.  MS.  CA.  Fol.  370  r. 

Von  den  Menschen,   die,  je   mehr   sie   altern,   um 
so    geiziger    werden;    welche,    da    sie    nur   wenig 
Zeit  mehr  hier  zu  bleiben   haben,   freigebig  wer- 
den sollten 

Man  wird  sehen,  daß  jene,  welche  man  für  reicher  an 
Erfahrung  und  Urteil  hält,  die  Dinge,  je  weniger  sie  ihrer 
bedürfen,  mit  um  so  größerer  Gier  aufsuchen  und  wieder 
aufsuchen. 

XLIV.  MS.  CA.  FOL.  370 r. 

Von  der  Grube 

Werden  viele  beschäftigt  sein  in  der  Übung,  von  jener 
Sache  wegzunehmen,  die  um  so  viel  wachsen  wird,  als 
von  ihr  genommen  wurde. 

XLV.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von    den    Dingen,    die    man    ißt,    die    man    vorher 

tötet 

Es  werden  von  ihnen  ihre  Ernährer  umgebracht  werden 
und  mit  unbarmherzigem  Tode  gegeißelt. 

XLVL  MS.  CA.  Fol.  370  r. 

Vom  Gewicht,  das  auf  den  Federkissen  liegt 

Und  an  vielen  Körpern  wird  man  sehen,  daß  sie,  wenn 
der  Kopf  sich  von  ihnen  hebt,  sichtbarlich  wachsen,  und 
wenn  der  aufgehobene  Kopf  ihnen  zurückgegeben  wird, 
sie  sofort  die  Größe  vermindern. 

XLVIL  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom  Fangen  der  Läuse 

Und  es  wird  viele  Jäger  von  Tieren  geben,  die,  je  mehr 
sie  fangen,  um  so  weniger  haben,  und  ebenso  umgekehrt 
um  so  mehr  haben  werden,  je  weniger  sie  fangen. 

290 


XLVIII.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom    Schöpfen    des    Wassers    mit    2   Eimern    an 
einem  einzigen  Strick 
Und  werden  viele  mit  einer  Sache  beschäftigt  sein,  die, 
je  mehr  sie  die  heraufziehen,  um  so  mehr  in  entgegen- 
gesetzter Richtung  fliehen  wird. 

XLIX.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von  den  Federn  in  den  Betten 

Die  geflügelten  Tiere  werden  mit  ihren  eigenen  Federn 
die  Menschen  aufrechthalten. 

L.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von  den  Laternen 

Die  grausamen  Hörner  der  mächtigen  Stiere  werden 
das  nächtliche  Licht  gegen  die  heftige  Wut  der  Stürme 
verteidigen. 

LL  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von  den  Tieren,  welche  auf  den  Bäumen  gehen, 
wenn  sie  auf  Holzstöckeln  gehen 
Werden  so  groß  sein,  die  Kotpfützen,  daß  die  Menschen 
auf  den  Bäumen  ihrer  Gegend  herumgehen  werden. 

LH.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von   den    Sohlen    der   Schuhe,    die   vom    Ochsen 

sind 
Und  man   wird   in   großen  Teilen    des  Landes   auf  den 
Häuten  der  großen  Tiere  herumschreiten  sehen. 

Lin.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom  Schiffahren 

Es  werden  große  Stürme  sein,  durch  welche  die  orien- 
talischen Sachen  zu  okzidentalischen  werden,  und  jene 
von  Mittag  zum  großen  Teil  in  den  Lauf  der  Winde  ge- 
mischt, werden  ihnen  durch  weite  Länder  folgen. 

19* 

291 


LIV.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Die  Bilder  der  Heiligen  angebetet 
Es  werden  die  Menschen  mit  Menschen  reden,  die  nichts 
vernehmen,  welche  die  Augen  offen  haben  und  nicht 
sehen;  sie  werden  zu  diesen  reden  und  keine  Antwort 
bekommen;  sie  werden  Gnaden  erbitten  von  dem,  wel- 
cher Ohren  hat  und  nicht  hört;  sie  werden  Lichter  an- 
zünden für  den,  der  blind  ist. 

LV.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Von  den  Schnittern 
Werden  viele  sein,  die  sich  einer  gegen  den  andern  be- 
wegen, in  der  Hand  das  schneidende  Messer  haltend. 
Diese  werden  sich  keinen  andern  Schaden  tun  als  den 
der  Müdigkeit,  weil,  so  viel  der  eine  vorwärts  treibt,  um 
so  viel  zieht  sich  der  andere  zurück;  aber  elend,  wer 
sich  in  die  Mitte  dazwischen  stellt,  weil  er  zum  Schluß 
in  Stücke  zerschnitten  sein  wird. 

LVI.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Die  Seidenspindel 
Es  wird  das  klagende  Rufen  zu  hören  sein,  das  laute 
Geschrei,  die  rauhe  und  heiser  gewordene  Stimme  jener, 
die  mit  Qualen  beraubt  werden  und  zum  Schluß  nackt 
und  ohne  Bewegung  liegen  bleiben;  und  dies  wäre  durch 
Schuld  des  Motors,  welcher  alles  dreht. 

LVIL  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom  Hineinlegen  und  Herausziehen  des  Brotes 
aus  dem  Mund  des  Ofens 
In  allen  Städten  und  Ortschaften  und  Schlössern  und 
Häusern  wird  man,  aus  Verlangen  zu  essen,  die  eigene 
Speise  einer  dem  andern  aus  dem  Munde  ziehen  sehen, 
ohne  irgendeinen  Widerstand  leisten  zu  können. 

LVIIL  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Die  gepflügte  Erde 

Man  wird  die  Erde   von  unten   nach   oben   kehren  und 

292 


die    entgegengesetzten  Hemisphären   betrachten   und  die 
Löcher  wildester  Tiere  aufdecken  sehen. 

LIX.  MS.  CA.  FOL.  370  r. 

Vom  Säen 

Hierauf  wird  ein  großer  Teil  der  Menschen,  die